/ Kaliningrader Gebiet

Durch „grüne Korridore“: die Straßenalleen des Kaliningrader Gebiets

Wer schon lange im Kaliningrader Gebiet lebt, den können unsere Straßen kaum noch überraschen – ihre Besonderheiten nehmen wir gar nicht mehr wahr. Erstens haben wir viele davon. Geografen kennen eine Kennzahl namens Straßennetzdichte – die Länge der Autostraßen pro Flächeneinheit. In unserer Region ist dieser Wert zehnmal so hoch wie im russischen Durchschnitt.

Zweitens findet man auf unseren Straßen Kopfsteinpflaster, also eine Pflasterung aus Naturstein. Oft wurde allerdings direkt darüber Asphalt verlegt. Manchmal sieht man durch Löcher im Asphalt die wunderbar aneinandergefügten Steine – Spuren einer vergehenden Epoche.

Eine weitere schöne Eigenart unserer Straßen ist, dass sie von Bäumen gesäumt sind, die Alleen bilden. Linden, Eschen, Ahorne, Eichen und Kastanien stehen zu beiden Seiten. In den Straßenalleen des Gebiets finden sich auch Weiden, Birken, Hainbuchen, Ulmen und Schwedische Mehlbeeren …

Natürlich entstanden die ersten Alleen schon sehr früh, bereits in Ägypten und im Nahen Osten. Besonders verbreitet wurden sie in der Renaissance in Italien. Alleen schmückten Gärten und Parks; Zufahrtsalleen führten zum Haupteingang des Herrenhauses – des Schlosses.

Später begann man, Bäume entlang aller Wege zu pflanzen, die die Ortschaften mit der Mühle, der Kirche und anderen für die Bewohner wichtigen Orten verbanden.

Über die Gründe für die Entstehung der Alleen, auch hier in Ostpreußen, gibt es unterschiedliche Ansichten. Manche Forscher meinen, die gepflanzten Bäume hätten Reisenden die Orientierung erleichtert, besonders bei schlechtem Wetter und in der Dunkelheit. An Weggabelungen pflanzte man zum selben Zweck mächtige Exemplare, oft Eichen.

Es heißt auch, die Baumreihen hätten Schutz vor sengender Sonne, vor Regen und Schnee und vor Windböen geboten und so weite Wege angenehmer gemacht.

Andere verweisen auf den wirtschaftlichen Nutzen der Straßenbäume selbst: Eicheln, Kastanien und Obst wurden von den Bewohnern verwertet. Interessanterweise pflanzte man entlang der Straßen auch Maulbeerbäume. Auf Befehl Friedrichs des Großen, der das Land von Seideneinfuhren unabhängig machen wollte, wurden mehr als eine Million Maulbeerbäume gepflanzt.

Ein Großteil unserer Region ist vernässt und braucht Melioration. Ein Meliorationssystem wurde schon vor vielen Jahren geschaffen. Es war komplex, umfasste offene Kanäle und geschlossene Dränagen und reichte sogar bis in Gebiete unter dem Meeresspiegel – das erstaunliche Polderland. Entlang der Straßen übernahmen auch Pflanzungen eigens ausgewählter Baumarten eine meliorative Funktion. Die Gemeine Esche nennt man eine lebende Pumpe, so viel Wasser „trinkt“ dieser riesige Baum mit seiner hoch angesetzten Krone.

Die massenhaften Pflanzungen von Straßenbäumen in Ostpreußen gingen auf königliche Erlasse zurück, unter anderem von 1731 und 1797. Die Erlasse schrieben nicht nur vor, Bäume (vor allem Weiden und Linden) zu pflanzen, sondern auch die vorhandenen zu erhalten. Beschädigung von Grünbeständen wurde mit Zwangsarbeit bestraft. Als erster preußischer Herrscher, der sich um Straßen und deren Bepflanzung kümmerte, gilt Friedrich Wilhelm I. Wirklich vorrangig wurden Anlage und Schutz der Straßenalleen jedoch unter Friedrich dem Großen.

Heute hört man oft, dass Alleen grüne Korridore oder gar grüne Tunnel genannt werden – so dicht schließen sich die Äste der Bäume.

Solche Alleen sollten wohl zusammen mit der Küste, den Nehrungen und den Burgen auf die Liste der Sehenswürdigkeiten kommen, die Gäste der Region unbedingt besuchen müssen. Diese eigentümliche Schönheit ist das Aushängeschild des Kaliningrader Gebiets.

Auf alten Karten oder modernen Satellitenbildern kann man die Alleen ebenfalls erkennen – wie grüne, auf Fäden gezogene Perlen, die das Land durchziehen.

In der Sommerhitze mit dem Fahrrad durch die grünen Korridore der Alleen zu fahren, ist ein besonderes Vergnügen. Das ist kein Zufall, denn ein Baum wirkt wie eine natürliche Klimaanlage: Er verdunstet Feuchtigkeit und senkt die Temperatur seiner Umgebung. Wir wissen auch, dass Straßenbäume die Luft von Schadstoffen reinigen und mit Sauerstoff anreichern. Bekanntlich leben in Alleen sehr viele Arten – in Baumhöhlen brütende Vögel, Fledermäuse, Insekten, darunter seltene wie zum Beispiel der Eremit. Ihre ökologische Rolle in der Natur ist unbestritten. Wichtig ist aber auch, die historische und kulturelle Bedeutung der Straßenalleen im Kaliningrader Gebiet zu verstehen. Sie sind unser Erbe, Teil einer unverwechselbaren Kulturlandschaft, unser – ich scheue den hochtrabenden Ausdruck nicht – Reichtum.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.