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Das Geheimnis des Bernsteinzimmers

Das Geheimnis des Bernsteinzimmers

Karte des Stadtviertels (1944) von Kaliningrad (Königsberg), in dem das Bernsteinzimmer bis heute in einem unterirdischen Bunker verborgen sein könnte.

Das Rätsel um das Verschwinden des Bernsteinzimmers im April 1945 ist das bekannteste Geheimnis unserer Stadt. Schon der Name dieses „achten Weltwunders“ steht für die unzähligen Kulturgüter, die aus den besetzten Gebieten der UdSSR verschleppt wurden, ebenso wie für die Schatzsuche der Nachkriegszeit – die offizielle, wissenschaftliche wie auch die private, umweht von einem Hauch Romantik und Mystik. Und natürlich für die erbarmungslose Rolle, die der Krieg im Schicksal von Menschen, Städten, Museen und Kunstwerken spielte. Ich wage nicht zu sagen, wie viele Menschen ernsthaft oder in ihrer Freizeit versucht haben, das Bernsteinzimmer in den Kellern ehemaliger Königsberger Gebäude oder seine Spuren in Archivdokumenten aufzuspüren, doch ich gehe gewiss nicht fehl in der Annahme, dass kaum ein Kaliningrader sich nicht schon einmal gefragt hat, wo es sich heute befindet oder unter welchen Umständen es verschwunden ist.

Wer über das Rätsel um das Verschwinden des Bernsteinzimmers nachdenkt, kommt nicht umhin, auch die Geschichte des gesuchten Objekts selbst zu streifen und jene Ereignisse, die seiner Ankunft in unserer Stadt vorausgingen. Das Bernsteinkabinett ist ein Werk preußischer Bernsteinmeister, die im 18. Jahrhundert als die besten Europas galten. Angefertigt wurde es für den ersten preußischen König Friedrich I., dessen Ehrgeiz jeder hervorheben muss, der ihn in einer Erzählung erwähnt. Friedrich I. wollte, dass man seinen Hof mit Versailles verglich, und füllte ihn daher, ohne Mühe und Staatskasse zu schonen, mit kostbaren Exponaten und Luxusgegenständen. Zudem spricht alles dafür, dass die Idee eines Zimmers aus Bernstein von Friedrichs Gemahlin, Königin Sophie Charlotte, stammte und der Entwurf von ihrem Lieblingsarchitekten Eosander.

Nach dem Willen des Königs sollte das Bernsteinkabinett jenes einzigartige Stück werden, von dem ganz Europa sprechen und von dem andere Monarchen vergeblich träumen würden.

Eben dies erklärt, mit welcher Pedanterie Eosander die Arbeiten am Kabinett überwachte. Seit der Genehmigung des Entwurfs im Jahr 1701 schliff Meister Wolfram die Bernsteinplatten. 1706 entließ ihn Eosander wegen zu langsamer Arbeit; an seiner Stelle wurden zwei Meister aus Danzig, Schacht und Turau, mit der Fertigung des Kabinetts betraut. Leider erlebte Königin Sophie Charlotte die Vollendung der Arbeiten nicht mehr. Sie starb 1709, und der untröstliche Friedrich ließ ihr zu Ehren das Schloss Lietzenburg, in dem die Bernsteinpaneele angebracht werden sollten, in Charlottenburg umbenennen und alle Räume so belassen, wie sie zu Lebzeiten der Königin gewesen waren. Das Kabinett war 1713 fertig, doch gerade da starb Friedrich I. selbst, und sein Nachfolger auf dem Thron, Friedrich Wilhelm I., war das genaue Gegenteil seines Vaters.

Farbfotografie des Bernsteinzimmers aus der Vorkriegszeit

Farbfotografie aus der Vorkriegszeit: das Bernsteinzimmer.

Die Interessen des neuen Königs galten dem Ziel, Preußen die beste Armee Europas zu verschaffen, und jede Ausgabe für Luxus, die über das unbedingt Notwendige hinausging (einschließlich seiner eigenen Krönung), hielt er für unzulässig. Dennoch wurde das Bernsteinkabinett im Berliner Stadtschloss aufgebaut, weil es vollständig fertig war und die Kosten für seine Lagerung in zerlegtem Zustand mit denen des Aufbaus vergleichbar waren. Dem „Feldwebel auf dem Thron“, der über Leibniz einmal erklärt hatte: „Ich halte ihn für einen zu nichts tauglichen Menschen, der nicht einmal Schildwache stehen kann“, bereitete das Bernsteinkabinett keine Freude; wahrscheinlicher war es ihm sogar eine Last, weil eigens Bedienstete für seine Pflege gehalten werden mussten. Deshalb nahm er das Kuriosum mit großer Freude unter die Geschenke für den russischen Zaren Peter I. auf, der das Kabinett schon vor seinem Aufbau bewundert hatte.

Die Paneele wurden nach Sankt Petersburg gebracht, doch auch dort lagen sie lange in Kisten und warteten auf ihre Stunde. Montiert wurden sie erst unter Elisabeth Petrowna.

Der Leiter der Arbeiten, der italienische Meister Martelli, stellte erhebliche Schäden am Original fest und ersetzte einen Teil des Bernsteins durch Glas mit unterlegter Folie. Da der vorgesehene Raum im dritten Winterpalast zu groß war, ergänzte der Architekt Rastrelli das Zimmer um Spiegel mit Pilastern sowie mehrere Imitationspaneele. 1746 war das Bernsteinzimmer aufgebaut, doch schon neun Jahre später zog es in den Großen Palast von Zarskoje Selo um. Der neue Raum erwies sich als noch größer als der vorherige, weshalb dieselben Martelli und Rastrelli erneut Spiegel und Imitationen hinzufügten. 1763 nahm das Schicksal des Zimmers eine entscheidende Wendung: Kaiserin Katharina II. ordnete an, sämtliche Imitationen durch echten Bernstein aus Preußen zu ersetzen. Dafür wurden preußische Bernsteinmeister herbeigerufen und 450 Kilogramm erstklassigen Bernsteins verbraucht. Das Zimmer wurde um vier Florentiner Mosaiken ergänzt: „Sehen“, „Hören“, „Schmecken“ sowie „Riechen und Tasten“. (Damals ahnte noch niemand, welche Rolle sie viele, viele Jahre später in seinem Schicksal spielen würden!) 1770 waren die Arbeiten abgeschlossen, und das Bernsteinzimmer zeigte sich in jener Gestalt, in der es bis ins Jahr 1941 bestehen blieb.

Nach der Einnahme der Stadt Puschkin durch die Deutschen entdeckten Wehrmachtssoldaten das verhängte, aber nicht evakuierte Zimmer.

Ein Teil des Bernsteins wurde sofort als Souvenir entwendet, doch dann griffen spezielle Beutekommandos ein: Das Zimmer wurde zerlegt, in Kisten verpackt und nach Königsberg gebracht. Die Wahl dieses Bestimmungsortes begünstigten die persönliche Bekanntschaft und der Briefwechsel zwischen dem Direktor der Städtischen Kunstsammlungen Königsberg, Alfred Rohde, und dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, von Leeb, unter tatkräftiger Mitwirkung von Gauleiter Erich Koch. Im „Schenkungsbuch des Königsberger Museums“ ist das Bernsteinzimmer aus Russland unter der runden Nummer 200 verzeichnet.

Alfred Rohde fand für das Zimmer einen Raum im Südflügel des Schlosses. Er war kleiner und niedriger als jener, in dem das Zimmer im Katharinenpalast montiert gewesen war. Das geschah nicht zufällig. Rohde war der Ansicht, historisch wertvoll sei das ursprüngliche Bernsteinkabinett, alle späteren Ergänzungen dagegen eine Verfälschung des wahren deutschen Kunstwerks. Das ist ein sehr wichtiges Detail, das vieles erklären kann: Das einstige Bernsteinzimmer wurde in Teile getrennt, wobei der Museumsdirektor den in den Kisten verbliebenen Teil für zweitrangig hielt.

Sicher bekannt ist, dass ein Teil des einstigen Bernsteinzimmers, „Deutsches Bernsteinkabinett“ genannt, von 1942 bis Februar 1944 im Schloss ausgestellt war.

Danach wurden die Paneele erneut abgebaut und in Kisten eingelagert. Anlass war ein seltsamer Brand, der einen benachbarten Raum erfasste, in dem nationalsozialistisches Propagandamaterial ausgestellt war. Man munkelte, es habe sich um Brandstiftung durch Antifaschisten gehandelt. Ob das stimmt oder nicht – zweifellos rettete dieser Vorfall das Zimmer vor dem Flächenbombardement, das im August 1944 folgte. Durch Rohdes Nachlässigkeit war die Brandschutztür zwischen den Räumen nicht geschlossen gewesen. Die Bernsteinpaneele verbrannten nicht, waren aber mit Ruß und Brandbelag überzogen. Da zudem schon seit Langem Anweisungen aus Berlin eintrafen, den Bernsteinschatz in die Reichshauptstadt zu überführen, hätte man Rohdes Bestreben, das Zimmer unter seiner Obhut zu behalten, als Vergehen auslegen können. Deshalb ließ er das Zimmer sicherheitshalber in die Schlosskeller schaffen. Von da an lässt sich vom Bernsteinzimmer nur noch als von Paneelen in Kisten sprechen. Die letzte Zeugenaussage, dass sich die Kisten im Schloss befanden, stammt vom 5. April 1945. Seitdem hat sie niemand je wieder gesehen.

Archäologie im Felde

Bekanntlich wird die Mehrzahl der Verbrechen aufgeklärt, solange die Spuren noch frisch sind. Gerade deshalb hatte die Mission von Professor Alexander Jakowlewitsch Brjussow, der im Mai 1945 entsandt wurde, um die aus der UdSSR geraubten Kulturgüter aufzuspüren, die besten Aussichten, das Schicksal des Bernsteinzimmers zu klären. Diejenigen jedoch, die Brjussow zur Suche nach Königsberg schickten, begingen zwei unverzeihliche Fehler: Sie wählten für die Leitung der Suche völlig die falsche Person aus, und sie machten die Suche nach dem Bernsteinzimmer nicht zu einer eigenständigen Operation. Eben dies besiegelte den Ausgang der Mission. Wenn wir den Verlauf der Suche analysieren, werden wir verstehen, warum diese Fehler so verhängnisvoll waren.

Ende Mai 1945 also trifft Brjussow, ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten zur Suche nach Kulturgütern, in Königsberg ein.

Untermauert wurden die Vollmachten durch die Schulterstücke eines Obersts, da die Autorität eines Zivilisten in einer Stadt voller Militärs womöglich nicht ausgereicht hätte. Schwer zu sagen, wovon man sich in Moskau leiten ließ, doch als Organisator der Suchaktion bestätigte man einen Professor der Archäologie. Einen guten Archäologen übrigens, aber Ermittlungsarbeit und Museumswesen waren leider ganz und gar nicht sein Metier. Dabei schien sich alles wunderbar zu fügen: Schon vor Brjussows Ankunft war Ende April 1945 das „Schenkungsbuch des Königsberger Museums“ gefunden worden, in dem alle Kulturgüter aufgeführt waren, die das Museum erhalten hatte, nachdem Sonderkommandos sie aus der UdSSR fortgeschafft hatten.

Professor Alexander Jakowlewitsch Brjussow


Alexander Jakowlewitsch Brjussow,

Professor.

In den ersten Tagen der Kommissionsarbeit, als Brjussow – eher intuitiv – den Großteil seiner Zeit damit verbringt, die Grabungen im Königsberger Schloss zu beobachten, lernt er zufällig (!) den Hauptzeugen im Fall des verschwundenen Zimmers kennen: Dr. Alfred Rohde, der durch die Ruinen des Schlosses streifte und gerade dadurch Aufmerksamkeit erregte. Es sei noch einmal betont: Hätte Rohde still mit den übrigen Deutschen im Keller gesessen, hätte niemand in diesem Mann den Beamten vermutet, der persönlich das Verpacken und den Abtransport von Kulturgütern sowohl in den Westen Deutschlands als auch in Verstecke auf dem Gebiet Ostpreußens geleitet hatte. Einige Tage später ertappt Brjussow Rohde, wiederum zufällig (!!!), nachts auf dem Schlossgelände, als dieser gerade irgendwelche wichtigen Papiere verbrannte, und durch denselben glücklichen Zufall blieben diese Papiere größtenteils erhalten. Keinen dieser glücklichen Zufälle vermochte Brjussow bis zum Ende zu nutzen.

Die Persönlichkeit Alfred Rohdes verdient eine eigene Beschreibung. Seine wissenschaftliche Laufbahn als Kunsthistoriker begann 1912. Ab 1926 ist er Direktor der Städtischen Kunstsammlungen Königsberg.

Rohde war ein Fanatiker der Museumsarbeit und einer der angesehensten Bernsteinkenner der Welt, Verfasser glänzender Arbeiten zur Geschichte der Bernsteinkunst in Preußen.

Und so charakterisiert Brjussow Rohde in seinen Aufzeichnungen:

„Rohde – dem Aussehen nach ein Greis, mit zitternder rechter Hand. Nachlässig gekleidet (absichtlich?). Kunsthistoriker. Hat eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten verfasst. Alkoholiker. Flößt kein Vertrauen ein. Mir scheint immer, dass er mehr weiß, als er sagt, und wenn er spricht, lügt er nicht selten. Wenn man ihn nicht ansieht, sondern aus der Ferne oder verstohlen beobachtet, hört seine Hand auf zu zittern. Er versichert, die besten Sammlungen seien evakuiert worden, er wisse aber nicht, wohin; als ich ihn fragte – etwa nach Rastenburg [heute das polnische Kętrzyn – Anm. d. Red.]? –, rief er sofort aus: ‚Dann haben Sie sie also gefunden?‘ Und dergleichen mehr.“

„Rohde stand an der Spitze des Schutzes der Museumsgüter in ganz Ostpreußen. Er brachte von hier Gegenstände in die ‚Schlösser‘. Er bereitete den Abtransport des Bernsteinzimmers nach Sachsen vor. Aber aus ihm ist nichts herauszubekommen. Er lügt nicht, sagt aber sehr wenig, und nur dann, wenn wir auch ohne ihn etwas aufdecken. Ich kann einfach nicht erreichen, dass man mit Rohde ernsthaft redet, statt ihm den Kopf zu tätscheln und ihn mit der ‚Zuckerbrot-Methode‘ zu locken. Im Guten wird er nichts sagen. Meiner Meinung nach – ein ausgekochter Faschist.“

Das Bernsteinkabinett im Schloss (1943)

Das Bernsteinkabinett im Schloss im Jahr 1943.

In Wahrheit war Rohde kein Faschist, er sympathisierte aber auch nicht mit den Linken, wie sein enger Bekannter Feyerabend, der Direktor des Restaurants „Blutgericht“, beteuerte. Brjussow begriff nicht, was in diesem Moment in den Gedanken und Gefühlen des Direktors der Königsberger Museen vorging, und konnte ihn daher nicht als das sicherste Mittel nutzen, um den Verbleib des Bernsteinzimmers zu ermitteln. Rohde war ein fanatischer Diener der Kunst. Der Nationalsozialismus und der entfesselte Krieg hatten ihm geholfen, die Sammlungen der ihm anvertrauten Museen beträchtlich zu vergrößern. Faktisch hatte er den Gipfel seiner Karriere erreicht und seine sehnlichsten Träume verwirklicht. Dann kamen zwei englische Bombenangriffe, die Belagerung und der Sturm auf die Stadt, und von Rohdes einstiger Größe blieb nichts übrig. Außer den Geheimnissen, die er zweifellos kannte und deshalb nicht so schnell preisgeben wollte. Man kann nur mutmaßen, was sein seltsames und zwiespältiges Verhalten motivierte, doch eines ist klar: Keiner der sowjetischen Militärs und Zivilisten, die mit ihm „arbeiteten“, fand den richtigen „Schlüssel“ zu ihm.

Von Anfang an verhielt sich Rohde folgendermaßen: Er verweigerte die Zusammenarbeit nicht, teilte aber Wichtiges nur unter dem Druck zutage getretener Tatsachen und Umstände mit.

Die von Rohde erhaltenen Auskünfte brachten erstaunlicherweise nichts Neues ans Licht; mehr noch, sie bestätigten die Arbeitshypothesen weder, noch widerlegten sie sie. So nannte er zunächst den Ort, an dem das Bernsteinzimmer aufgebaut und ausgestellt worden war – den vollständig zerstörten Südflügel des Schlosses. Als man ihm entgegenhielt, es sei bekannt, dass das Zimmer schon vor den Bombenangriffen in Kisten verpackt und an einen anderen Ort gebracht worden war, verwies Rohde auf den Rittersaal (genauer gesagt den Marschallsremter – so nannte man im Mittelalter den Speisesaal), der sowohl die Bombenangriffe als auch den Sturm auf die Stadt überstanden hatte. Dort, in einem kleinen Winkel über einem Haufen verkohlter Holzreste, wurde am 12. Juni 1945 das berüchtigte Protokoll über die Vernichtung des Bernsteinzimmers bei einem Brand vom 9. bis 11. Mai desselben Jahres aufgesetzt. Das Feuer war aus ungeklärter Ursache ausgebrochen, als sich das Schloss bereits unter der Kontrolle von Einheiten der Moskau-Minsker Division befand, und vernichtete vieles von dem, was die Kampfhandlungen wie durch ein Wunder überdauert hatte. Nach der Abfassung dieses Protokolls wandte sich Brjussow ganz und gar anderen Kulturgütern zu. Und dann ereignete sich die rätselhafteste Episode seiner Mission in Königsberg …

Brjussows Bunker

Aus den Papieren, die Dr. Rohde zu verbrennen versucht hatte und die beschlagnahmt worden waren, erfuhr Brjussow von einem gewissen Hoffbunker (wörtlich „Bunker im Hof“), über den Rohde geschrieben hatte, „der Schlüssel dazu ist verloren“. Brjussow machte Rohde Vorhaltungen, weil dieser die Existenz des Bunkers verschwiegen hatte. Rohde entgegnete, der besagte Schlüssel sei längst gefunden, und er habe den Professor in diesen Bunker führen wollen, doch in der Nähe hätten sich Militärs einquartiert, sodass der Zugang erschwert sei. Kaum anzunehmen, dass Rohde nicht ahnte, dass es für einen Professor mit Oberstenschulterstücken kein Problem wäre, zum Bunker zu gelangen; diese Erklärung darf man daher getrost als vorgeschoben betrachten. Der Hoffbunker befand sich nach Brjussows Worten „in der Rosenstraße, im ersten oder zweiten Haus von der Kreuzung mit dem Steindamm“. Die kleine Rosenstraße gibt es heute nicht mehr; von ihr ist nur eine namenlose Durchfahrt zwischen den Häusern Nr. 2–4 und 6–8 der Schitomirskaja-Straße geblieben, die auf den Fünfgeschosser Wagnera-Straße 2–8 stößt. Irgendwo hier spielten sich die weiteren Ereignisse ab. Rohde führte Brjussow und seine Begleiter in ein zerstörtes Haus, in dessen Keller sich der Eingang zum Bunker befand. Sie stiegen über eine steile Treppe vier oder fünf Stockwerke hinab und entdeckten Räume, die für den Aufenthalt von Menschen und die Aufbewahrung von Wertgegenständen hergerichtet waren. In den unterirdischen Räumen standen Betten, darunter auch Kinderbetten, überall lagen Sachen herum, unter denen Brjussow einige Skulpturen und Gemälde vermerkte. Man sah, dass hier bereits Menschen gewesen waren. In seinen Aufzeichnungen bezeichnete Brjussow die Gegenstände als „von geringem Wert“, nahm aber dennoch ein paar lohnende Stücke davon mit nach oben. Damit war die Besichtigung des Bunkers beendet.

Erst in Moskau wurde Brjussow plötzlich stutzig: Rohde hatte keinen einzigen Schlüssel gebraucht, um in die unteren Etagen des Bunkers zu gelangen.

Dafür gab es in den beiden oberen Etagen verschlossene Türen zu unbekannten Räumen, die die Kommission nicht zu öffnen und zu besichtigen für nötig hielt. Brjussow vermerkt außerdem, dass Rohde während der Besichtigung des Bunkers nicht anwesend war. Wo er sich aufhielt, weiß niemand – ebenso wenig, warum er so bereitwillig zustimmte, die Kommissionsmitglieder in den Bunker zu führen, während er alle anderen Aufträge mit unverhohlenem Widerwillen erledigte. Brjussow vermutete, dass Rohde den Bunkerbesuch brauchte, um etwas zu überprüfen, und ohne Brjussows Begleitung nicht hineingelangen konnte.

Das rekonstruierte Bernsteinzimmer im Katharinenpalast

Das rekonstruierte Bernsteinzimmer im Katharinenpalast (Puschkin).

Danach häufen sich die Ungereimtheiten noch mehr: In seinen Erinnerungen gibt Brjussow an, dass sich im Bunker keineswegs geringwertige Gegenstände befanden, sondern Gemälde italienischer Meister des 16. und 17. Jahrhunderts, die „in Stapeln aufgeschichtet“ waren. Wenn das zutrifft, dann war der „Brjussow-Bunker“ ein gewaltiger Fund! Doch das weitere Verhalten des Expeditionsleiters ist verblüffend: Er verschließt den Eingang zum Bunker und übergibt den Schlüssel Soldaten mit der Anweisung, niemanden in den Bunker zu lassen, bis eine offizielle Gruppe der Kommandantur eintrifft. Was danach geschah, weiß niemand; es wurden keinerlei Unterlagen, Inventarlisten oder Befehle gefunden, die belegen würden, dass die Wertgegenstände aus dem Bunker geborgen wurden. Erst nach Brjussows Tod wurden bei Versuchen, den Bunker ausfindig zu machen, alle noch lebenden Teilnehmer an der Wertsachensuche aus Brjussows Gruppe befragt, doch keiner konnte sich erinnern, mit ihm diesen Bunker besucht zu haben. Dennoch unternahm man 1976 ernsthafte Versuche, das unterirdische Depot zu finden. Der einzige Fund war ein Keller, der mit einer stark armierten, 55 cm dicken Betonplatte abgedeckt war. Unter der Platte befand sich jedoch nur ein eingeschossiger Raum mit verrosteten Haushaltsgegenständen, Pritschenbetten, einem in die Wand eingelassenen, bereits zuvor aufgebrochenen Tresor und einigen ebenfalls aufgebrochenen Geldkassetten. Daraufhin beschloss man, das Objekt „Brjussow-Bunker“ als Hirngespinst des Professors zu betrachten und alle Arbeiten daran einzustellen. Was uns allerdings nicht daran hindern wird, am Ende des Artikels darauf zurückzukommen. Hinzufügen möchte ich nur noch, dass diejenigen, die Brjussow vorschnell zu einem „verkalkten Sonderling“ erklärten, sich nicht einmal die Mühe machten zu prüfen, dass er alle seine Hauptwerke erst nach den Königsberger Ereignissen verfasste – was kaum möglich gewesen wäre, hätte der Professor zu Schwachsinn und haltlosen Fantasien geneigt.

Der Patient ist eher lebendig

Es schien, als sei im Fall des Bernsteinzimmers der Schlusspunkt gesetzt – in Gestalt des offiziellen Protokolls über die Vernichtung der Bernsteinpaneele im Feuer vom 9. bis 11. Mai im Rittersaal des Schlosses. Doch zum Glück gab es einen Menschen, für den es zur Ehrensache wurde, das Meisterwerk aus dem Katharinenpalast wiederzufinden. Er hatte 1941 die Evakuierung der Museumssammlungen aus Puschkin geleitet und sprach sich deshalb nie von der Schuld frei, dass das Zimmer nicht rechtzeitig abgebaut und in den Osten des Landes gebracht worden war. Sein Name war Anatoli Kutschumow. In den Nachkriegsjahren wurde er dadurch berühmt, dass er Tausende unschätzbarer Exponate aufspürte, identifizierte und in die Heimat zurückschickte.

Und obwohl Brjussows Suche zu der offiziellen Schlussfolgerung geführt hatte, dass das Bernsteinzimmer im Königsberger Schloss verbrannt sei, hatte er es nicht eilig, diese Version für unanfechtbar zu halten.

Es ist schwer zu sagen, wie die ganze Geschichte der Suche nach dem Bernsteinzimmer verlaufen wäre, hätte man 1945 den Kunsthistoriker Kutschumow nach Königsberg geschickt und nicht den Archäologen Brjussow, doch eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Anatoli Michailowitsch besaß all jene Eigenschaften, die Brjussow bei der Suche nach den Schätzen aus sowjetischen Museen gefehlt hatten. Nachdem er den Dienstreiseauftrag zur Suche nach Exponaten aus den Zarskoje-Selo-Museen erhalten hatte, ging Kutschumow wie ein echter Ermittler vor: Er reiste nach Moskau zu Brjussow, befragte ihn eingehend zu allen Umständen der Suche nach dem Bernsteinzimmer in Königsberg und erhielt dabei aus dessen Händen ein Notizbuch mit den Aufzeichnungen des Professors über den Verlauf der Sucharbeiten. In Königsberg angekommen, leitete Kutschumow sofort Maßnahmen ein, um Rohde ausfindig zu machen, denn er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass alle Schlüssel zum Geheimnis des verschwundenen Zimmers in dessen Händen lagen. Wie groß war die Enttäuschung, als sich herausstellte, dass Rohde und seine Frau bereits Ende 1945 gestorben waren. Die Todesursache des Ehepaars Rohde ist bis heute unbekannt. Zunächst galt als Hauptversion der Tod infolge von Typhus (oder akuter Ruhr), später wurde sie von der Version eines Selbstmords abgelöst. Dabei wurde stets hinzugefügt, es sei nicht ausgeschlossen, dass man Rohde „beseitigt“ habe, weil er zu viel wusste.

Der Kunsthistoriker Anatoli Michailowitsch Kutschumow


Anatoli Michailowitsch Kutschumow,

Kunsthistoriker.

Die wichtigste Entdeckung erwartete Kutschumow jedoch bei der Besichtigung des Schlosses. Als er die Stelle untersuchte, an der laut Rohde das Bernsteinzimmer zugrunde gegangen war, erkannte er in den verkohlten Holzstücken, die schon Brjussow erwähnt hatte, die Keyserlingk-Möbelgarnitur aus Zarskoje Selo (hier zahlte sich seine gründliche Sachkenntnis aus). Und weiter unter einer Ascheschicht – vom Feuer beschädigte Mosaiken aus der Ausstattung des Bernsteinzimmers. Drei von vieren. Das vierte Mosaik konnte Kutschumow nicht finden, was er als Beweis dafür ansah, dass das Bernsteinzimmer in Teilen aufbewahrt worden war. Darin irrte er, denn die Geschichte vom Diebstahl des Mosaiks „Geruch und Gefühl“, noch bevor die Kisten mit den Bernsteinpaneelen nach Königsberg gelangten, ist erst in unseren Tagen vollständig bekannt geworden. Dafür sind die drei anderen Belege für diese Annahme – dass keine Spuren verbrannten Bernsteins, keine Reste des Spiegelglases und ihrer Bronzerahmen gefunden wurden und dass der Raum von seinem Volumen her nicht ausreichte, um das vollständig verpackte Zimmer unterzubringen – bis heute zentral für eine Reihe von Versionen, denen zufolge Kisten mit einem Teil der Paneele irgendwo tief unter der Erde lagern. Anatoli Michailowitsch war auch eine andere, von uns bereits erörterte Tatsache nicht bekannt: dass Dr. Rohde gerade den historischen deutschen Teil des Bernsteinzimmers wiederherstellen wollte und es daher schon in Teile getrennt war, bevor es zum letzten Mal verpackt und zur Einlagerung vorbereitet wurde.

All das gibt berechtigte Hoffnung, dass jener deutsche und aus Sicht Alfred Rohdes wertvollste Teil des Bernsteinzimmers unversehrt geblieben ist.

Das Steindammer Dreieck

Warum sind wir nun, wenn es um den möglichen Verbleib der Kisten mit den Bernsteinpaneelen geht, nur auf die „Steindammer Version“ ausführlich eingegangen? Die Antwort ist einfach: Diese Version wird durch eine Reihe von Zeugenaussagen, logischen Argumenten und technischen Voraussetzungen für ihre Umsetzung gestützt. Es gibt eine Fülle unabhängiger Aussagen, wonach hier, im Gebiet des „Steindammer Dreiecks“, das von den Straßen Steindamm (Schitomirskaja-Straße und ein Teil des Leninski-Prospekts), Lange Reihe (Barnaulskaja-Straße) sowie Kopernikusstraße und Oberrollberg (Kopernika-Straße) gebildet wird, irgendwelche großen, langen, aber zugleich nicht sehr schweren Kisten versteckt wurden. Andere Zeugen (wie Brjussow) beobachteten in diesem Gebiet beträchtliche unterirdische Anlagen. Nur in einem Punkt gehen ihre Aussagen auseinander: in der genauen Lage des Bunkers selbst oder seines Eingangs. Beim Deutschen Bilke ist es ein geheimer Gang in die Keller der Steindammer Kirche, beim Polen Jabłoński die unterirdischen Räume der SS-Garage am Heumarkt (Anfang der Barnaulskaja-Straße), beim anderen Deutschen Wist ein gewisser Bunker „B-III“ am selben Platz. Nimmt man noch die Aussagen unserer Soldaten über ein unterirdisches Gewölbe mit Bernsteingegenständen im Kaufhaus „KEPA“ (Leninski-Prospekt 18) und einen unterirdischen Gang unter der Barnaulskaja-Straße mit einem Eingang am Gebäude der ehemaligen Augenklinik (Barnaulskaja-Straße 8) hinzu, dann lässt sich die Version, dass hier eine große unterirdische Anlage oder eine Reihe kleinerer Bunker existiert, nur sehr schwer einfach abtun.

Steindamm

Steindamm. Links von der Verkehrsinsel, die die Straßenbahngleise teilt, ist die Abzweigung in die Rosenstraße zu sehen – in jenes Stadtviertel, in dem das Bernsteinzimmer bis heute unter der Erde lagern könnte.

Hinzu kommt, dass die bisherigen Suchaktionen (und das räumen ihre Teilnehmer selbst ein) im Grunde kein einziges der in Betracht gezogenen Objekte endgültig und unwiderruflich ausgeschlossen haben. Jedes Mal, wenn man ihren Verlauf analysiert, gewinnt man den Eindruck, man hätte den Schurf nur ein wenig tiefer bohren oder den Graben ein Stück weiter zur Seite ziehen müssen – und schon hätte sich den Suchenden das geheimnisvolle unterirdische Objekt offenbart. Doch weder tiefer noch zur Seite ging es, weil Mittel und Zeit begrenzt waren, mitunter auch, weil der Glaube an den Erfolg fehlte. Den Zeugenaussagen pflichten Logik und Geologie bei: Der Rollberg und das Gelände am Steindamm liegen nicht weit vom Schloss entfernt, was den Transport der Wertgegenstände dorthin erleichterte, und die beträchtliche Höhe über dem Pregel bot die besten Bedingungen für die Anlage unterirdischer Depots.

Und nach den frei zugänglichen Informationen über das Schicksal des Bernsteinzimmers wäre es ohne weitere Suchen in diesem Gebiet verfrüht, zu behaupten, es gebe keine Aussicht, in Kaliningrad Spuren des Meisterwerks zu finden.

Als ich diesen Artikel schon fast abgeschlossen hatte, nahm ich mir noch einmal die Zeit, durch die Höfe des einstigen Steindamms zu streifen, über den Heumarkt, der längst kein Platz mehr ist, durch die Lange Reihe und die Kopernikusstraße. Und mit jedem Schritt spürte ich, wie aus einem inneren Gefühl heraus, dass ich vielleicht nur wenige Meter von der Lösung des größten Rätsels des 20. und inzwischen auch des 21. Jahrhunderts entfernt war. Die gewaltigen Findlinge im Hof des fünfstöckigen Wohnblocks an der Schitomirskaja-Straße, die alten Kanaldeckel im russischen Asphalt der Wagner-Straße, die Anhöhe des Luftschutzbunkers bei der längst zerstörten Neuroßgärter Kirche, wo sich heute der Sportplatz der Schule Nr. 23 befindet, die Granitbordsteine der verschwundenen Heinrichstraße… Wie Doktor Rohde in einer ihm fremd gewordenen Welt hüten sie als uraltes Geheimnis alles, was sie gesehen haben, und alles, was sie wissen. So lange, bis wir den passenden Schlüssel zu ihnen finden.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.