LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Was die Architektur angeht, ist Königsberg eine recht erstaunliche Stadt. Wer zum ersten Mal hierherkommt, findet sie unschön, und fragt man die Einheimischen, so ist sie zum Wohnen recht unbequem. Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Der Boden ist hier kalt und feucht. Er ist das, was man in Deutschland kaltgründig nennt. In der hiesigen Mundart gibt es sogar ein eigenes Wort dafür – sprindig. Das Grundwasser sickert hier allenthalben in die Wände der Keller und der unteren Geschosse der Gebäude. Einigermaßen retten nur die hohen Souterrains und die Fundamente aus unbehauenen Feldsteinen die Lage. Im Winter und zeitigen Frühjahr stehen die meisten Keller voller Wasser.
Blick vom Ufer der Vorstadt auf die Südwestecke des Kneiphofs. In der Mitte der Turm über dem Grünen Tor, rechts die alte Börse, in der Ferne ist der Dom zu sehen.
Fast aus allen Kellerfenstern ragen, wie Kanonenrohre, Pumpen hervor. In vielen Stadtteilen muss man das ganze Jahr über täglich mindestens eine Stunde lang Wasser aus den Kellern pumpen.
Feuchte, mit Schimmelflecken bedeckte Wände wirken sich natürlich verderblich auf die Gesundheit der Bewohner aus und begünstigen zumindest das Rheuma. Diesen Umstand muss der Fremde bei der Suche nach einer passenden Wohnung berücksichtigen.
Will man den Baustil Königsbergs bestimmen, so lassen sich drei Hauptstile unterscheiden:
1) der hanseatische;
2) der bürgerliche oder kleinbürgerliche;
3) der moderne Stil.
Die hanseatische Architektur ist unbestreitbar die älteste1. Es ist derselbe Stil, von dem wir zum Beispiel in Danzig Beispiele in Fülle sehen. Hier findet er sich im Kneiphof, in der Altstadt und im Löbenicht, also in den drei Städten, mit denen einst die Entwicklung Königsbergs begann. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren sie durch Mauern mit Toren voneinander getrennt.
Zur Nachtzeit durften nur Ärzte, Geistliche und Hebammen von einer Stadt in die andere gehen.
Heute sieht man weder Tore noch Mauern mehr – sie wurden abgerissen. Löbenicht, Altstadt und Kneiphof sind ebenso wie die Freiheiten Tragheim, Sackheim usw. zu einem Ganzen verschmolzen.
Am vollständigsten hat sich der hanseatische Stil in der Bebauung der Kneiphöfschen Langgasse (dt. Kneiphössche Langgasse) erhalten. Wenn im Sommer ihre Terrassen und Treppen mit Grün und Blumen geschmückt sind, mag man kaum glauben, dass man sich in einer nördlichen Stadt befindet. Zudem wirken die Dächer der Häuser wegen der Eigenart dieses Stils flach, was an südliche Bauten erinnert.
Südliches Ufer des Kneiphofs. 19. Jh. – Pregelstraße. 20. Jh. – Am blauen Turm (dt. Am blauen Turm).
Höfe, die oft nicht zu ebener Erde, sondern in Höhe des zweiten und dritten Geschosses liegen, sind in diesen alten Stadtteilen eine gewöhnliche Erscheinung, denn die auf engen Raum gedrängten Häuser konnten nur in die Höhe wachsen.
Deshalb richten sich die Bewohner der oberen Stockwerke auf den Dächern der Nachbarn kleine Höfe mit Teerbelag und eisernem Geländer ein und nutzen sie zum Wäschetrocknen, zum Ausklopfen der Kleider, zum Sonnenbaden oder einfach, um an der frischen Luft zu sein. In der Altstadt trifft man solche Quasi-Terrassen sehr häufig an, und sie sind in der Regel recht malerisch.
Betritt man ein Haus hanseatischen Stils, so gelangt man durch die Tür im Risalit, der den Eingang schmückt, in einen geräumigen, hellen Flur mit einem großen Fenster. Dank der Schränke, einiger Stühle und eines Tischchens am Fenster sieht der Flur wie ein Wohnzimmer aus. Wie überall in Deutschland ist der Flur auch hier ein Wohnraum. In der warmen Jahreszeit werden hier die Mittag- und Abendmahlzeiten eingenommen, an denen die ganze Familie mit dem Gesinde und den Gesellen teilnimmt. Der Hausherr eröffnet und beschließt die Mahlzeit mit einem Gebet.
Die Küche liegt in den Königsberger Häusern ebenfalls hier und gleicht in ihrer Bauart einem Schrank.
Der schmale Herd unter dem Rauchfang ist nur notdürftig durch eine Bretterwand mit ausgesägten Fensterchen abgetrennt. Das Licht des offenen Herdfeuers und einer kleinen Lampe genügt zur Beleuchtung des Raumes.
Eine solche Lage der Küche, eingezwängt in einem hinteren Winkel ohne eigenes Fenster, erscheint mir schrecklich. Um in solchen Küchen alter Häuser Sauberkeit zu halten, bedarf es großer Mühe: Man muss unangenehme Gerüche von Küchenabfällen, Schmutzwasser und vom Kochen verhindern, den Rauchfang ständig in Ordnung halten usw.
Blick von der Lomse auf die Südostecke des Kneiphofs, die der Blaue Turm ziert.
Einen solchen Flur kann man mit dem Deck eines Schiffes vergleichen. Das daneben liegende Zimmer mit einem großen Fenster, das sich ins Innere des Hauses erstreckt, ist die Kajüte.
So wie die Länge eines Schiffes seine Breite weit übertrifft, so haben auch diese alten Häuser eine beträchtliche Tiefe und verbergen dort ihre besten Zimmer. Und genau wie auf einem Schiff fällt das Licht durch die Fenster in den Gängen und Türen in alle inneren Räume. Die Treppe muss man allerdings im Dunkeln hinaufsteigen, doch in den Fluren der Stockwerke dringen durch die weißen Vorhänge der Zimmerfenster oder durch die Dachluken die rettenden Strahlen des Tagesgestirns, die verhindern, dass man – Gott bewahre – fehltritt und sich unversehens den Fuß verstaucht.
Kennzeichnend für diesen Baustil ist reicher Sandsteinschmuck an Türen, Fenstern und Giebeln. Dieser Schmuck ist verwandt mit plastischen Formen, die man in Königsberg selten zu sehen bekommt. Zum Beispiel am Stipendienhaus der von Gröbenschen Stiftung im Kneiphof (dt. am Stipendienhause der v. Gröbenschen Stiftung im Kneiphof).
Ich nenne diesen Baustil hanseatisch, weil er sich in der Blütezeit der Hanse herausgebildet hat.
Den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Baustil findet man in den Vorstädten, die seit dem 16. Jahrhundert aus Dörfern, Siedlungen, Gehöften usw. erwuchsen und dann nach und nach mit den drei alten Städten Königsbergs verschmolzen. Der kleinbürgerliche Stil zeichnet sich durch Armut an Details aus und ist nur auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse berechnet.
Der Flur ist schmal und oft mit der Küche vereint, die keinen eigenen Bereich bildet. Links oder rechts liegt ein großes Zimmer und daneben ein paar Kammern. Oben wiederholt sich, falls es noch ein Stockwerk gibt, dieselbe Aufteilung.
Blick auf den Schlossteich, die Burgkirche und die Tragheimer Kirche.
Die meisten Häuser sind einstöckig, höchstens zweistöckig und für eine Familie berechnet. Bei Bedarf (wenn die Familie größer wird) wird das Wohnhaus um eine Mansarde aufgestockt.
In diesen Häusern wohnten in der Regel Maurer, Zimmerleute, Fleischer, Töpfer, Maler, Drechsler, Tischler und Schneider. In vielen Häusern am Stadtrand lebten Tagelöhnerfamilien, und meist hatten sie hinter dem Haus ein kleines Stück Land, das die ganze Familie bestellte.
Was die drei historischen Städte Königsbergs betrifft, so wohnten im Kneiphof vorwiegend Kaufleute, die Überseehandel trieben; die Altstadt war der Wohnort der Handwerker, die sich mit der Herstellung von Kleidung befassten, wobei die Kürschner, die mit kostbaren Pelzen arbeiteten, und die Schuhmacher als Elite galten. Den Löbenicht (oder, wie man in der hiesigen Mundart sagte, „Löwening“) bewohnten Brauer, die ihr Bier nach den strengen Regeln ihrer Zunft brauten. In den Vorstädten dagegen gab es, wie schon gesagt, keine so klare Trennung nach Ständen. Dort mischten sich Vertreter verschiedener Gewerbe.
Im Sackheim liegen Kramläden für die Bauern, die aus den umliegenden Dörfern hierherkommen. Daneben gibt es eine Menge Bier- und Weinkeller, deren Wahrzeichen seit Kurzem drei zu einem Dreieck verbundene, grün angestrichene Messingfässchen sind.
Aus der Königsstraße (dt. die Königsstraße) und der Neuen Sorge (dt. die Neuensorge) sind die Handwerker verdrängt worden. Hier sind viele stattliche Häuser im modernen Stil gebaut. Hier befinden sich auch die Französische Kirche, der Friedhof der Burgkirche, der entgegen dem Gesetz noch nicht vor die Tore verlegt worden ist, das Dönhoffsche Palais (dt. das Dönhof'sche Palais) mit einem sehr großen Garten, die Königliche Bibliothek, die im ehemaligen Jagdschloss untergebracht ist, usw.
Der Roßgarten hat zwei ganz verschiedene Gesichter. Bis zum Borkschen Garten (dt. der Bork'sche Garten) ist er mit ansehnlichen Gebäuden, Läden und Gasthöfen bebaut, und sein Anblick ist recht heiter; dann aber sehen wir auf der einen Straßenseite das städtische Krankenhaus und auf der anderen das Militärlazarett, und die Stimmung, die hier herrscht, wird ziemlich trübselig.
Blick über den Schlossteich in Richtung Schloss.
Hinter dem Stadttor werden die Häuser immer weniger, und schließlich, dort wo sich am Festungswall entlang ein großes Feld öffnet, das an die Landschaft des Berliner Stadtteils Köpenick erinnert, verschwinden sie ganz.
Der Tragheim, an dessen Rand der Schlossteich liegt, das sind natürlich Landhäuser und Sommersitze. Große Herrenhäuser stehen auf weiten, von Staketenzäunen umgebenen Höfen, die im Grün prächtiger Bäume versinken. Näher zum Schlossteich liegen schöne, geräumige Gärten. Doch gleich daneben hausen in sehr bescheidenen Behausungen kleine Handwerker und Tagelöhner.
Der Steindamm ist die bunteste Straße Königsbergs. Ihre Bebauung ist, von einigen achtbaren Ausnahmen abgesehen, ziemlich alltäglich. Hier wohnen viele Krämer, Fleischer, aber auch Großhändler und Beamte. Der Steindamm ist eine recht breite Straße und hat zudem Bürgersteige. Er ist eine Promenade, die zu den Landhäusern und Vergnügungsorten führt, und deshalb begegnet man hier stets gut gekleidetem Spaziergängerpublikum und eleganten Equipagen.
Die unzureichende Größe und die recht bedingte Schönheit der Häuser sucht man hier durch sorgfältigen Verputz ihrer Fassaden auszugleichen.
Ist der Sackheim durch plebejische Lebhaftigkeit gekennzeichnet, die Königsstraße durch aristokratische Trockenheit, der Roßgarten durch den Gegensatz von Leben und Tod, der Tragheim durch ländlich-idyllische Stimmung, so ist der Steindamm der Brennpunkt des geselligen Straßenlebens. Will man einen Bekannten treffen, so komme man einige Tage hintereinander hierher, am besten abends, wenn die Menge bis zum Stadtwall und zurück spaziert. Und man wird den, den man sucht, gewiss treffen.
Die Brandenburger Vorstadt (dt. die Brandenburger Vorstadt), durch den Pregel von den übrigen Straßen der Stadt getrennt, zerfällt in viele voneinander abgesetzte Häusergruppen. Bis zur Brücke, die die Vorstadt mit ihren Randgebieten verbindet, sind die Häuser im neuen Stil gebaut, wozu ein großer Brand unfreiwillig beigetragen hat. In diesen Häusern wohnen fast nur jüdische Händler. Und auch in den zahlreichen Gasthöfen steigen durchweg jüdische Gäste ab.
Triumphbogen am Brandenburger Tor für die heimkehrende Armee.
Der Bürgersteig ist hier der breiteste der Stadt, und die Juden versammeln sich ständig in Gruppen darauf oder führen, ihr Pfeifchen rauchend, auf den Bänken vertrauliche Gespräche miteinander.
In der Hinteren Vorstadt (dt. die Hintere Vorstadt) liegen die geräumigen Häuser mehrerer milder Stiftungen, der Artilleriestall und Handwerkerhäuser. Der sogenannte Obere Haberberg (dt. der Obere Haberberg), der in Richtung Friedländer Tor (dt. das Friedländer Tor) verläuft, besteht fast ausschließlich aus einstöckigen Bauten. Zwischen der Hauptstraße des Viertels und dem städtischen Festungswall ziehen sich Gassen mit Speichern hin. Zwischen ihnen und dem Philosophendamm (der Philosophendamm) liegt die Insel Venedig (dt. die Insel Venedig), deren Hauptstraße die Klapperwiese (dt. die Klapperwiese) ist, die einen sehr angenehmen Eindruck hinterlässt. Die Häuser hier sind im modernen Stil gebaut und gepflegt, und zwischen ihnen verläuft eine vierreihige Pappelallee mit Rabatten aus niedrigem Strauchwerk. Hier wohnen vorwiegend Großhändler (dt. An Kersch, Toussaint u. a.).
Der moderne Baustil2 ist meiner Meinung nach im vorigen Jahrhundert zur Zeit der sogenannten Aufklärung entstanden, hat sich seitdem aber eifrig vervollkommnet. Sein Prinzip sind bequeme, helle Räume in Verbindung mit schlichten und gefälligen Außenansichten. Treppe und Küche sind ausreichend hell, die Zimmer sind miteinander verbunden und zugleich durch eigene Ausgänge zum Flur ein wenig abgeschlossen. Die Höhe der Zimmer ist angenehm, sie sind luftig, während in dem Stil, den ich den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen genannt habe, die Zimmerdecken gewöhnlich sehr niedrig sind. Die Fensteröffnungen sind groß. Sind die Fenster einfach verglast, so liegt ihre Schwäche darin, dass sie sich nach außen und nicht nach innen öffnen – ein Mangel, der umso schwerer wiegt für Königsberg mit seinen häufigen starken Winden, bei denen man die Fenster nur offen halten kann, wenn man sie mit einem Haken feststellt. Bewährt hat sich diese Vorrichtung bei Doppelfenstern, die hier häufig vorkommen, doch auch dann lassen sie sich nur nach außen öffnen.
Der bürgerliche oder kleinbürgerliche Stil – das sind gewöhnlich Häuser in Skelettbauweise, Fachwerkhäuser, die man früher einfach „Preußische Mauer“3 (poln. Mur pruski) nannte, im Unterschied zu den Gebäuden aus der Zeit der Herrschaft des Deutschen Ordens, die aus gebranntem Ziegel errichtet wurden.
Die Häuser im modernen Stil sind massiv. Schmuck findet sich an ihnen nur in Form von Stuck, Dachrinnen und Friesen.
In letzter Zeit hat man begonnen, die Häuser im pompejanischen Stil zu bemalen – eine Mode, die in Berlin in letzter Zeit allzu sehr übertrieben wird, und es scheint, dass Königsberg denselben Weg geht.
Ich glaube nicht, dass Ornamente, die ursprünglich zur Ausschmückung von Innenräumen dienten, in so großem Umfang zur Verzierung von Fassaden verwendet werden dürfen, schon deshalb nicht, weil sie die Aufmerksamkeit von der architektonischen Gestalt des Gebäudes ablenken.
Die Häuser im modernen Stil sind über Königsberg verstreut wie Vorposten seiner nächsten architektonischen Zukunft. Als Beispiele älterer Bauten dieser Art kann man das Gebäude der Stiftung „Die Gramatzkische Stift“ auf dem Schiefen Berge (dt. auf dem Schiefen Berge), das Haus des Regierungsrats Hagen in der Straße an der Katholischen Kirche, die Häuser der Vorderen Vorstadt Brandenburg (dt. die Vordere Vorstadt Brandenburg) usw. nennen. Von den neuesten sind es das Börsengebäude, die Konditorei Meyer, das Haus am Danziger Keller (dt. am Danziger Keller), das Haus in der Wasserstraße (dt. die Wasserstraße), dessen Fenster auf den Pregel hinausgehen, usw.
Schlossplatz, der Dom auf dem Kneiphof und eine Ecke des Schlosses.
So zeichnet sich die Architektur Königsbergs durch eine außerordentliche Vielfalt aus. Ich finde darin einen großen Reiz. Der Fremde wird zunächst meinen, Königsberg sei eine schlecht und regellos gebaute Stadt. Er wird recht haben. Wenn man aber gezwungen ist, viele Jahre an einem Ort zu leben, wird eine gewisse Nachlässigkeit zu einem wichtigen Faktor für die Erhaltung der seelischen Gesundheit.
In völliger Einförmigkeit lebt es sich schwerer. In Berlin zum Beispiel machen manche Viertel einen bedrückenden Eindruck. So sieht die lange Krausenstraße (dt. Krausenstraße) genauso aus wie die Münzstraße (dt. Münzstraße), die wiederum aussieht wie die Taubenstraße (dt. Taubenstraße), und diese gleicht ihrerseits der Mohrenstraße (dt. Mohrenstraße). Nur öffentliche Plätze, prächtige Gebäude, Statuen, schön geschmückte Brunnen können uns mit diesem Kasernenstil versöhnen.
In Königsberg findet man immer passende Orte für jeden Geschmack: Hier löst allenthalben das Mittelalter die Gegenwart ab, folgt der Geschmack auf die Geschmacklosigkeit, wechseln eindrucksvolle Ausmaße mit der Kleinheit der Bauten, stehen Gepflegtheit und Pracht der Paläste neben Schmutz und Elend der Hütten.
Es gibt hier Häuser, die so klein sind, dass sie nur aus einer Tür bestehen und eine zufällige Andeutung eines Fensters haben.
Man muss unwillkürlich herzlich lachen, wenn man an der Fassade solcher Häuser eine eigene Hausnummer sieht, genau wie an der benachbarten Villa, die einem Bankier gehört.
Es gibt Häuser, zum Beispiel in einem Winkel des Münchenhofs (dt. der Münchenhof), die nur durch Zauberei zu bestehen scheinen, da sie nur noch auf Treu und Glauben zusammenhalten. Die rissigen Wände stehen schief, das Dach ist bedrohlich eingesunken, die Fensterscheiben, sofern sie nicht aus geöltem Papier sind, sind so trübe geworden, dass sie kaum Licht durchlassen, und klirren bei jedem Windstoß in ihren Rahmen, die Treppen sind bis zur Unmöglichkeit ausgetreten, und die Türen hängen an ihrer einzigen verbliebenen Angel. Wahrhaftig, man bedauert, nicht das Talent des Malers Charles Mozin4 zu besitzen, um diesen Hof der Wunder5 festzuhalten.
Französische Straße, Burgkirche und Schlossteich (links).
Die Französische Straße ist gleichsam unser Palais Royal. Hier wechseln Buch-, Kleider-, Hut- und Haushaltswarenläden mit Weinstuben, Restaurants und Konditoreien ab, und sie wirkt auf den ersten Blick tatsächlich ganz großstädtisch.
Doch man muss auf dem Boden der Tatsachen bleiben und darf sich vom Glanz der Schaufenster nicht täuschen lassen, denn mit Ausnahme einiger Gebäude (Rabe, Krikhan und Bornträger) ist die Architektur der Häuser hier reizlos und langweilig.
Von den Königsberger Kirchen spreche ich gar nicht erst, denn über sie gibt es eigentlich nichts zu sagen. Architektonisch bedeutsam sind nur die Schlosskirche und der Dom. Von der ersteren werde ich im Kapitel über das Schloss selbst berichten. Der letztere ist von A. Hagen ausführlich und gründlich beschrieben worden, mit einem begleitenden Atlas sehr schöner Lithographien. Der Dom ist recht groß, außen aber ziemlich kahl, ohne jede Gliederung. Innen ist er schön und voller merkwürdiger Denkmäler, denen Hagen in seinem Buch sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet hat. Doch es fehlt ihm an Luftigkeit. Es liegt etwas Gedrücktes in seinen Proportionen.
Der Dom in Frauenburg hat dasselbe System der Schiffe, doch wie kühn strebt er empor, wie anmutig verbindet er seine Gewölbe!
Andererseits scheint uns der Königsberger Dom eine Art mystisches Versprechen zu geben. Zumindest kommt es mir so vor. Die übrigen Kirchen der Stadt sind gewöhnliche Gebäude.
Der Dom im Kneiphof.
Am besten gebaut sind die Katholische Kirche, die Altroßgärter Kirche, die Tragheimer und die sehr zierliche Französische Kirche. Die Schlosskirche ist groß und hat klare, aber plumpe Formen. Die Löbenichtsche Kirche ist einfach eine Kirche, ebenso wie die Kirchen auf dem Haberberg, im Sackheim und die Neuroßgärter.
Mit Ausnahme der letzteren ist in ihnen die Bretterdecke mit schlechter Malerei bemalt, insbesondere ist der Bereich um die Orgel geschmacklos mit Wolken überladen. Merkwürdig ist, dass in Königsberg keine Kirche nach einem Heiligen benannt ist, sondern alle nach dem Ort, an dem sie stehen.
In Danzig ist alles ganz anders. Dort gibt es die Katharinen-, die Birgitten-, die Marienkirche, die Dreifaltigkeitskirche, die Fronleichnamskirche usw. In Königsberg spiegelt sich die protestantische Herkunft der Kirchen in den Namen der Gemeinden wider.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Mit dem hanseatischen Stil meint der Verfasser höchstwahrscheinlich die Renaissance. Baudenkmäler der Renaissancezeit gibt es tatsächlich viele [wiederaufgebaut] in Gdańsk (Danzig), und offensichtlich gab es viele in Königsberg.
2. Mit dem modernen Stil meint der Verfasser natürlich den Klassizismus, der erst lange nach der ersten Hälfte des 19. Jh. so genannt wurde, in den 1830er–40er Jahren aber der aktuellste – eben moderne – Stil war.
3. Fachwerkbauten (Skelettbauten) sind in Nordpolen (also im ehemaligen Teil Preußens) bekannt. Die Polen nennen Fachwerkbauten „Preußische Mauer“ und halten sie für typisch deutsch. Deshalb wurden besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Fachwerkhäuser in den Gebieten an Oder/Neiße (an der polnisch-deutschen Grenze) verputzt, um das Fachwerk zu verbergen. LINK
4. Charles Louis Mozin (Charles Louis Mozin; 1806–1862) – französischer Maler und Lithograph. LINK
5. Hof der Wunder (frz. La Cour des Miracles) – im Mittelalter Bezeichnung mehrerer Pariser Viertel, die von Bettlern, Landstreichern, Dirnen, entlaufenen Mönchen und Dichtern bewohnt waren. Obwohl sie oft körperlich gesund waren, stellten sich die Bettler krank und verkrüppelt, um Almosen zu erbitten. Nachts, wenn sie in ihr Viertel zurückkehrten, verschwanden ihre Gebrechen auf wundersame Weise, was diesen Höfen der Wunder wohl ihren Namen gab. LINK
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

