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Fortsetzung der Geschichte meines Militärdienstes und die preußischen Kriege

Fortsetzung der Geschichte meines Militärdienstes und die preußischen Kriege

Der 5. Teil des Buches von Andrei Timofejewitsch Bolotow „Leben und Abenteuer des Andrei Bolotow, von ihm selbst für seine Nachkommen beschrieben“. Auf der Website sind die Teile 4–7 veröffentlicht, in denen von den Ereignissen auf dem Gebiet Ostpreußens die Rede ist.

(Fortsetzung.)

Teile 1–3. Teil 4. Teil 5. Teil 6. Teil 7.

49. Brief. Der Marsch auf Wehlau
50. Brief. Bei Allenburg
51. Brief. Der Rückmarsch
52. Brief. Bei Tilsit
53. Brief.
54. Brief. Die Einnahme Königsbergs
55. Brief. Unser zweiter Feldzug nach Preußen
56. Brief. Das Lager bei Thorn
57. Brief. Der Marsch nach Königsberg
58. Brief. Der Einzug in Königsberg
59. Brief. In Königsberg
60. Brief. Beschreibung Königsbergs

DER MARSCH AUF WEHLAU

49. Brief


Lieber Freund! Nachdem ich Ihnen in den vorangegangenen Briefen die ganze erste Hälfte unseres ersten preußischen Feldzugs geschildert und erzählt habe, wie wir gegen unseren Feind zogen, wie wir ihn suchten, wie wir mit ihm kämpften und ihn besiegten, will ich nun dazu übergehen zu berichten, was bei uns nach unserer Apraxinschen Schlacht geschah, was man danach mit dem Feind anfing und er mit uns und womit schließlich der Feldzug dieses Jahres endete.

Dieser Stoff wird für Sie, wie ich meine, nicht weniger anziehend sein als der vorige; ob er aber ebenso angenehm sein wird wie jener, dafür kann ich mich im Voraus keineswegs verbürgen, denn da die Begebenheiten nicht von derselben, sondern von ganz anderer Art waren, werde auch ich genötigt sein, Bilder anderer Art zu malen. Verübeln Sie es mir daher nicht, wenn sie dem Auge mitunter nicht allzu erfreulich und angenehm, sondern eher ärgerlich sein werden. Nicht ich, sondern die damaligen Zeiten und Umstände sind schuld daran, dass sie so und nicht anders sind; denn ich werde beschreiben müssen, was gewesen ist. Und damit beginne ich nun.

In meinem letzten Brief war ich dabei stehen geblieben, dass wir nach dem Sieg über unseren Feind auf dem Schlachtfeld selbst ein Lager bezogen und einige Tage mit der Feier dieses Sieges sowie mit dem Aufsammeln und Begraben der Gefallenen zubrachten. Diese Rast war uns zwar nicht zuwider, doch kann man auch nicht sagen, dass sie angenehm war; wir wunderten uns vielmehr immer mehr darüber, dass unsere Heerführer und Befehlshaber sich nicht bemühten, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß war, dass sie sich nicht beeilten, dem geflohenen Feind nachzusetzen, seine kleine übriggebliebene Armee rasch vollends zu zerschlagen und sich schnell des ganzen Königreichs Preußen zu bemächtigen. Und da kein einziger Mensch in unserer ganzen Armee daran zweifelte, dass die Preußen gar nicht mehr daran denken würden, uns Widerstand zu leisten, sondern vor uns davonlaufen würden wie die Schafe, so ergötzten wir uns schon an der Vorfreude, dass wir bald, sehr bald ihre berühmte Hauptstadt Königsberg erblicken und in Gegenden einziehen würden, die an allem Überfluss hatten; und da alle ungeduldig wünschten, dass dies recht bald geschehe, und wir am Morgen des dritten Tages nach der Schlacht wieder die Reveille statt des Generalmarsches schlagen hörten, begannen schon alle recht vernehmlich zu murren: „Wozu stehen wir hier herum und säumen so lange?“

Endlich brach der 22. August an, und wir hörten zu unser aller Freude, dass der Generalmarsch und nicht die Reveille geschlagen wurde.

Mein Gott, wie freuten wir uns damals alle! Niemand, glaube ich, ist je mit solcher Lust und solchem Eifer zum Marsch aufgebrochen wie wir an diesem Morgen; denn das ganze Heer murrte schon lange, dass man uns so lange an einem Ort festhielt und dem Feind inzwischen Zeit ließ, sich zu besinnen und seine Kräfte zu sammeln; alle wünschten längst und mit größter Entschlossenheit, dem Feind nachzusetzen, weshalb wir uns nicht im Geringsten darüber ärgerten, dass man uns noch sehr früh aufschreckte und wir schon im ersten Morgengrauen ausrücken mussten, sondern gern auch schon um Mitternacht marschiert wären.

Da wir so früh aufbrachen, zweifelte niemand daran, dass wir an diesem Tag einen großen Marsch machen und wenigstens zwanzig Werst zurücklegen würden. In dieser Meinung aber täuschten wir uns sehr. Unsere Armee, nachdem sie sich durch jenen engen Waldpass bei Almenhausen gezwängt hatte, den ich schon früher erwähnte und hinter dem vorher das preußische Lager gestanden hatte, und nachdem sie ein zweites dort gelegenes Dorf, Buschdorf, passiert hatte, legte nicht mehr als fünf Werst zurück und bezog wieder ein Lager. Das verwunderte uns alle über die Maßen, und viele sagten damals verdrossen: „Na! Da haben wir heute aber einen Sprung gemacht, Brüder! Ein Pappenstiel!“ – „Ja!“, fielen andere ein, „bei solcher Flinkheit kommen wir auch in einem ganzen Monat nicht bis Königsberg!“

Beim Durchzug durch den erwähnten, etwa zwei Werst breiten Wald betrachtete ich mit besonderer Neugier jenen engen Pass, der drei Tage zuvor unsere Heerführer aufgehalten und sie bewogen hatte, ihren Plan zu ändern, und fand, dass dieses Defilee in der Tat sehr bedeutend und schwer passierbar war und die Preußen uns hier mit wenigen Leuten und Kanonen großen Schaden hätten zufügen und uns am Durchzug hindern können. Wir hatten auch ohne Feind keine geringe Mühe, uns durch diesen engen Waldpass hindurchzuarbeiten.

Während unseres Nachtlagers an dem genannten Ort entstand wider alles Erwarten in der ganzen Armee ein Alarm, und, was das Erstaunlichste war, zu unserer wahren Schande ein völlig grundloser. Das steigerte unseren Ärger über die Heerführer noch mehr. „Ein Jammer seid ihr, keine Heerführer, unsere gnädigen Herren“, sagten wir, wenn wir sie ansahen, „als Sieger fürchtet ihr euch vor jeder Fliege und alarmiert und beunruhigt die ganze Armee, ohne selbst zu wissen, wozu.“

Als es tagte, schleppten wir uns wieder allmählich weiter. Und da wir nicht erwarteten, dass unser Marsch an diesem Tag erfolgreicher sein würde, sagten wir lachend zueinander: „Mal sehen, was Gott uns heute beschert und wie weit wir wohl kommen.“ Und wir täuschten uns in unserer Meinung gewiss nicht.

Einen ganzen halben Tag schleppten wir uns vier Werst weit und durchquerten all die Engstellen zwischen Wäldern und Gebüsch. So kurz dieser Marsch auch war, er ermüdete uns unendlich. Der Tag war glühend heiß und die Schwüle so groß, dass wir nicht wussten, wohin mit uns.

Am meisten verdross uns, dass wir fast bei jedem Schritt anhalten und einige Minuten warten mussten. Kaum hatten wir zehn oder zwanzig Klafter zurückgelegt, da rief man schon „Halt!“, und wir mussten stehen und in der Sonnenglut schmoren, dann rückten wir wieder fünf Schritte vor und wieder „Halt!“, und so fort. Man kann nicht beschreiben, wie unerträglich ein so langsamer Marsch bei Hitze ist, besonders dann, wenn man sich von der Front nirgendwohin auch nur einen Schritt entfernen darf. Es war wahrhaftig, als zöge einem jemand die Seele aus dem Leib; und hätten wir nicht den Trost gehabt, dass jeder von uns eine Flasche mit Wasser, mit Essig vermischt, bei sich trug, wir hätten vor Durst nicht gewusst, was tun. Zu keiner Zeit während des ganzen Feldzugs war uns dieses Wasser so nötig und kostbar wie an diesem Tag. Es kam uns besser und vortrefflicher vor als alle Champagner- und Ungarweine der Welt, und wir dankten uns tausendmal selbst dafür, dass wir auf den Gedanken gekommen waren, uns damit zu versorgen und die vorderen Fächer unserer Kompanie-Patronenkästen voll mit Flaschen zu stellen. Zu unserem besonderen Glück hatten wir während des ganzen Feldzugs keinen Mangel an Essig. Wir kauften ihn für einen Rubel das Stof; er war uns aber so nötig, dass wir auch zwei und drei Rubel dafür gezahlt hätten, wenn die Not es verlangt hätte.

Während wir so langsamen Schrittes dahinzogen und uns jeden Augenblick vor Ärger verzehrten, begriffen wir nicht, was wohl der Grund sein mochte, dass wir uns so langsam dahinschleppten. Doch kaum hatten wir die erwähnten Gehölze hinter uns gelassen, waren aufs Feld hinausgelangt und an das hohe Ufer eines Flusses gekommen, als wir den Grund erfuhren; denn hier sahen wir zu unserer größten Verwunderung jenseits des Flusses in der Ferne vor uns das ganze feindliche Lager, auf einer Anhöhe aufgeschlagen.

Dieser Anblick überraschte uns alle über die Maßen; denn wir hatten am allerwenigsten gedacht, dass der Feind uns so nahe sei, sondern hielten ihn für weit entfernt. Daraus war unschwer zu schließen, dass wir mit unserem Marsch gar nicht eilen konnten, sondern wohl oder übel genötigt sein würden, auf der erwähnten Anhöhe haltzumachen und ein Lager zu beziehen. Denn erstens war es nicht möglich, den Fluss ohne Brücken zu überqueren, und zweitens zweifelten wir, da wir sahen, dass der Feind sich vor uns nicht allzu sehr fürchtete, nicht daran, dass er nicht versäumen würde, uns beim Übergang darüber Hindernisse in den Weg zu legen.

Was wir vorausgeahnt hatten, das trat auch ein. Kaum hatten wir den erwähnten Fluss erreicht, da wurde uns befohlen, unmittelbar am Ufer ein Lager zu beziehen und alle nötigen Vorsichtsmaßregeln gegen den Feind zu treffen; überdies bemühten sich unsere Befehlshaber, unser Lager durch Aufstellung von Kanonen und Piketts an den nötigen Stellen gegen einen feindlichen Überfall zu sichern.

Erlauben Sie mir nun, lieber Freund, ohne weiterzugehen, einen Augenblick innezuhalten und Ihnen die ganze Lage des Ortes, an dem wir haltmachten, ausführlicher zu beschreiben, denn er war für uns recht denkwürdig.

Stellen Sie sich also einen Fluss vor, zwar nicht sehr groß, aber auch nicht ganz klein, etwa zehn oder fünfzehn Klafter breit, der sehr tief eingeschnitten und dazu nicht sonderlich gerade dahinfließt, sondern zu uns hin einen beträchtlichen Bogen und eine Krümmung bildet. Das eine Ufer dieses Flusses, der Alle hieß, war sehr steil und bildete einen sehr hohen Berg, das andere dagegen war sehr niedrig und stieg, sich vom Fluss entfernend, allmählich an, sodass ein ganz sanfter Hang entstand, dessen Höhe dem zuvor erwähnten Berg gleichkam, jedoch nicht näher als etwa drei Werst von ihm entfernt. Unsere Armee stellte sich bei ihrer Ankunft unmittelbar an diesem Fluss auf, auf seinem steilen und erhöhten Ufer, also auf dem oben erwähnten Berg, zwischen den Dörfern Groß- und Klein-Uhr; am anderen Ufer aber, unten, unmittelbar am Fluss, lag das kleine Dorf Bergersdorf, hinter dem sich eine Anhöhe, immer weiter ansteigend, in etwa drei Werst Entfernung von uns mit dem Horizont vereinigte, wo man, nämlich auf dem Hügel selbst, die vordere Front des dort stehenden preußischen Lagers sah. Ein Anblick, den zu sehen wir damals zum ersten Mal Gelegenheit hatten; denn bis dahin hatten wir noch nie ein feindliches Lager vor Augen gehabt. Flussabwärts, drei oder vier Werst von diesem Ort, zur Rechten, lag die preußische Stadt Wehlau, die wir jedoch wegen eines Waldes auf jener Seite des Flusses nicht sehen konnten.

Das war die natürliche Lage jenes Ortes, die für mich umso denkwürdiger war, als sie fast völlig derjenigen glich, in der sich mein Wohnsitz in meiner Heimat befindet.

Die Armee kam an diesem Ort noch recht früh an und bezog ihr Lager, so gut es sich auf dem unebenen, von Schluchten und Rinnen zerfurchten Gelände nur einrichten ließ. Unserem Regiment, das damals noch zum Avantgardekorps gehörte, fiel es zu, vor allen anderen und unmittelbar am Ufer der Alle zu stehen, gegenüber dem oben erwähnten Dorf Bergersdorf, und da dieser Ort der allerhöchste war, wurde gerade vor unserem Regiment ein ansehnlicher Teil unserer Artillerie aufgestellt.

Es konnte für die Artillerie keinen geeigneteren Platz geben als den, auf dem sie damals stand. Sie konnte das ganze weite, offene Feld jenseits des Flusses bestreichen und es so beherrschen, dass sich kein einziger Mensch darauf zeigen konnte. Das hatten wir Gelegenheit, in der Praxis selbst zu sehen; denn kaum waren wir angekommen und hatten uns aufgestellt, als wir auf der anderen Seite schon feindliche Husarenpatrouillen erblickten, die in kleinen Trupps hinter dem Lager hervorritten und sich dem Dorf näherten, um unsere Armee auszukundschaften. Es ist leicht zu begreifen, dass wir ihnen, da wir eine Batterie an so günstiger Stelle hatten, nicht erlauben konnten, nach Belieben über das Feld zu reiten. Wir begrüßten sie sogleich aus Zwölfpfündern, und unsere Höflichkeit war ihnen nicht sonderlich angenehm.

Vor meinen Augen flogen die Kugeln mitten durch ihre Trupps und zwangen sie auseinanderzustieben.

Mit einem Wort, wir ließen sie nicht einmal nahe an das Dorf heran; darüber kann man sich aber auch nicht wundern, denn von einem solchen Berg, wie wir ihn damals innehatten, und dazu bei gemächlichem Schießen und mit so viel Zeit zum Zielen, wie man nur wollte, hätten sich unsere Artilleristen schämen müssen, wenn sie nicht getroffen hätten. Dieser Tag war für sie eine regelrechte Schießübung; und wir versammelten uns, sahen ihrer Kühnheit zu und konnten uns an ihrer Geschicklichkeit nicht genug erfreuen.

Da ihre Trupps aber trotz all unserer Bemühungen und unseres Feuers bis an das Dorf heranritten und man wegen der nahenden Nacht befürchtete, sie könnten sich darin festsetzen und uns beim Übergang über den Fluss irgendwelche Hindernisse bereiten, wurde, um dem vorzubeugen, schließlich befohlen, dieses Dorf in Brand zu stecken. Das gab mir Gelegenheit zu sehen, wie die Artilleristen Gebäude mit Brandkugeln oder sogenannten Knüppeln anzünden. Im Nu hatten sie es in Brand gesetzt, und kaum hatten sie einige Brandgeschosse besonderer Art geworfen, da stand es ganz in Flammen und brannte bis Mitternacht. Die Preußen beschuldigten uns später, dieses Dorf eingeäschert zu haben; urteilt man aber gerecht, so gaben sie selbst den Anlass dazu, und die armen Einwohner hätten sich nicht über uns beklagen sollen, sondern über ihre eigenen Husaren, die ohne jeden weiteren Nutzen darin Fuß fassen wollten. Wie dem auch sei, dieser Brand hinderte die Preußen daran, sich in dem Dorf festzusetzen und zu verschanzen, und sie begnügten sich damit, ihre Piketts in dem Wald zwischen diesem Dorf und der Stadt Wehlau am Fluss aufzustellen, um unsere Bewegungen zu beobachten.

All dies bewies uns, dass der Übergang über diesen Fluss nicht so leicht sein würde, wie wir gedacht hatten, sondern dass die Feinde gesonnen waren, uns daran zu hindern. Da es aber unumgänglich war überzusetzen, wurden verschiedene Kommandos abgeordnet, um Brücken über den Fluss zu schlagen; sie machten sich unverzüglich ans Werk und bereiteten alle nötigen Materialien dafür vor. Und da sich diese Brücken nicht so schnell bauen ließen, zwang eben dies die Armee, an diesem Ort auch den ganzen folgenden Tag, also den 24. August, stehen zu bleiben.

Während dieses Rasttages geschah bei uns nichts Wichtiges und Bemerkenswertes, außer dass man sah, wie der Feind sowohl rings um sein Lager als auch auf dieser Seite des Flusses, rechts von unserer Armee vor dem Städtchen Wehlau, Batterien anlegte, um die Fortsetzung unseres Marsches zu verhindern und die Stadt zu verteidigen, von der er glaubte, wir würden sie angreifen und uns ihrer zu bemächtigen suchen; und um uns auch am Übergang über den Fluss zu hindern, begann er überall dort, wo man mit dem Brückenbau anfing, ebenfalls Redouten und Batterien anzulegen.

Solche Bewegungen, die seine Absicht bewiesen, uns Widerstand zu leisten, waren nicht nur unseren obersten Befehlshabern unangenehm, sondern dem ganzen Heer.

Es war nicht schwer zu schließen, dass an alledem unsere obersten Befehlshaber schuld waren, die den Feind nach der Schlacht ohne jede Verfolgung hatten entkommen lassen und ihm dadurch Zeit gegeben hatten, sich zu besinnen und seine Kräfte zu sammeln. Das sahen wir damals ziemlich deutlich und murrten fast alle offen über sie. Sie bemerkten ihren Fehler selbst schon; da sich aber daran nichts mehr ändern ließ, bemühten sie sich wenigstens, ihrerseits einige Vorsichtsmaßregeln zu treffen; und da sie, ihre frühere Ängstlichkeit erneuernd, zu fürchten begannen, der Feind könnte kommen und uns in unserem eigenen Lager wie die Hühner erwürgen, beschlossen sie, um dem vorzubeugen und die Armee von der Seite der Stadt her zu decken, in einiger Entfernung von unserem rechten Flügel ein starkes Pikett mit Schuwalowschen Haubitzen und Kanonen aufzustellen.

Da ich selbst zu diesem Pikett abkommandiert wurde, kann ich ausführlicher von allem berichten, was uns dabei widerfuhr. Man führte uns an den äußersten Rand unseres Lagers und hinter das Dorf und stellte uns genau gegenüber der Batterie auf, die die Feinde auf einem Hügel vor der Stadt angelegt hatten, sodass wir sowohl sie als auch die ganze Stadt Wehlau sehen konnten. Der Tag war damals schön, und wir konnten uns nicht sattsehen, wie die Preußen aus dem Städtchen herauskamen und die Wache auf ihrer Batterie ablösten. Ihre blanken Gewehre glänzten in der Sonne, und wir erfreuten uns an diesem Anblick bis zum Abend.

Bei Einbruch der Nacht wurde uns befohlen, die größtmögliche Vorsicht walten zu lassen und darauf zu achten, dass die Preußen uns nachts nicht überfielen. Zwar gab es dafür keinen besonderen Grund zur Befürchtung, doch da sich nahe vor unserem Pikett in einer Senke ein Wäldchen befand, fürchteten wir, der Feind könnte sich im Schutz der nächtlichen Dunkelheit hineinschleichen und uns unversehens überfallen, wie es in diesem Lager mit unseren Furageuren schon einmal geschehen war, die vom Feind unversehens aufgestört worden waren. Deshalb befahl der Oberst, der uns kommandierte, zwei Glieder die ganze Nacht unter Gewehr stehen und zwei ruhen zu lassen. So standen bei uns tausend Mann, und die anderen tausend schliefen. Die Kanonen aber waren alle mit Kugeln und Kartätschen geladen, und die Kanoniere standen mit brennenden Lunten bereit. So mussten wir die Nacht mit schlechter Ruhe verbringen. Für alle Offiziere waren nur drei Soldatenzelte aufgestellt, in die wir uns so, wie wir waren, mit Schärpen und Ringkragen, auf die Erde warfen. Doch darüber klagten wir nicht mehr und wären froh gewesen, wenn die Nacht nur ruhig und ohne Alarm vergangen wäre; denn wir hofften, dass uns am folgenden Morgen andere Truppen ablösen würden. Doch es kam nicht so, wie wir dachten. Kaum war die Nacht angebrochen, die damals sehr dunkel war, und kaum waren wir in unseren Zelten eingeschlafen, als man plötzlich angelaufen kam und uns meldete, in dem Wäldchen, etwa hundert Klafter vor unserer Front, sei irgendein Lärm und Rascheln zu hören, und man fürchte, ob sich nicht der Feind hineingeschlichen habe.

Als wir das hörten, fuhren wir aus dem Schlaf auf und stürzten Hals über Kopf auf unsere Plätze.

Wir fanden die ganze Front schon bereit und die beiden Glieder, die geschlafen hatten, erwacht und bereits in Reih und Glied stehend. Die Dunkelheit war ungeheuer, und so sehr wir auch zum Wald hinüberspähten, es war nichts zu sehen. Da aber das Rascheln und leise Geräusch im Wald andauerte, bewog dies unseren Kommandeur, einige Soldaten abzuordnen und näher an den Wald zu schicken, mit dem Befehl, uns sofort ein Signal zu geben, sobald sie etwas bemerkten. Ich kann nicht genug beschreiben, mit welcher Ungeduld wir die Rückkehr dieser Abgesandten oder irgendein Zeichen von ihnen erwarteten und welche Regungen wir in der Seele verspürten, da wir uns jeden Augenblick bereithielten, den Feind mit einer guten Salve zu empfangen. Unsere Gewehre waren alle bereit, und es blieb nur noch, die Hähne zu spannen und zu schießen; ebenso waren an den Kanonen alle Kanoniere mit ihren Lunten bereit. Doch was geschah? Schon waren zehn Minuten vergangen, schon mehr als eine Viertelstunde; schon hätte längst etwas geschehen müssen, aber von unseren Abgesandten war nichts zu sehen und nichts zu hören. – „Was für ein Wunder!“, sagten wir, als wir zusammentraten. „Hat uns etwa irgendein leeres Geräusch aufgeschreckt?“ Unsere Verwunderung wuchs aber noch mehr, als wir statt des befohlenen Signals, eines Pfiffs, in der Ferne Lachen und Gelächter hörten. – „Herrgott! Was ist denn das?“, sagten wir. „Gewiss nicht der Feind, sondern etwas Komisches! Aber was mag das sein?...“ Doch unser Zweifel löste sich bald. Wir sahen unsere Abgesandten zurückkommen, die uns lachend berichteten, der Feind, der uns erschreckt habe, sei bei Weitem nicht so furchtbar, wie wir gedacht hätten, und den ganzen Lärm, den wir gehört hätten, hätten niemand anders als die Damen Kühe verursacht, die durch irgendeinen Zufall in diesen Wald geraten seien und mit umgehängten Schellen darin umherstreiften. – „Pfui, zum Kuckuck!“, sagten wir da ärgerlich und lachend. „Der Teufel soll sie holen; und wir dachten schon, Gott weiß wer!..“ Nachdem wir uns auf diese Weise darüber geärgert hatten, dass wir uns von einem solchen Hirngespinst hatten aufschrecken und ängstigen lassen, gingen wir wieder in unsere Zelte und streckten uns auf dem Gras aus, um den Rest der Nacht wieder im Schlaf zu verbringen.

Doch diese Nacht war offenbar dazu bestimmt, dass wir sie in unaufhörlicher Unruhe verbrachten; denn kaum hatten wir uns beruhigt und waren vor Tagesanbruch in den süßesten Schlaf gesunken, als plötzlich ein gellendes Schreien und Heulen an unser Ohr drang und uns alle aus dem süßen Schlaf riss. – „Auf, auf!“, riefen wir. „Das sind keine Kühe mehr, meine Herren, sondern etwas Ernsteres.“ Und kaum hatten wir diese Worte ausgesprochen, als ganz in unserer Nähe Gewehrfeuer zu hören war, das uns alle noch mehr in Aufregung versetzte. Da war keine Zeit mehr für langes Gerede, sondern wir, die nichts anderes annahmen, als dass die Feinde unsere vorgeschobenen Posten angegriffen hätten, die wir zur besseren Sicherheit vorne aufgestellt hatten, fuhren aus dem Schlaf auf, stürzten Hals über Kopf auf unsere Plätze und riefen nur:

„Ins Gewehr! Ins Gewehr! Schnell in Reih und Glied, Schlösser, Steine und Gewehre richten und zum Feuern fertig!“

Doch auch diesmal konnten wir, so sehr wir, ganz im Dunkeln bereitstehend, nach vorne spähten, nichts bemerken, und unsere Angst und unser Alarm endeten abermals mit nichts; nach einigen Minuten erfuhren wir, dass dieses Geschrei und Schießen nicht auf unserer Seite und nicht bei unseren Vorposten entstanden war, sondern links, jenseits des Flusses, und am Morgen brachten wir in Erfahrung, dass diesen Alarm unsere Kalmücken verursacht hatten, von denen einige über den Fluss geschwommen waren, ein jenseits des Flusses stehendes feindliches Pikett überfallen, es zersprengt und einige Gefangene mitgebracht hatten.

Am Morgen des darauffolgenden 25. August kehrten wir nach der Ablösung zu unserem Regiment zurück und konnten dort ausschlafen, so viel wir wollten, denn die Armee blieb auch an diesem Tag am selben Ort im Lager stehen und unternahm nichts. Der Feind aber verschanzte sich von Stunde zu Stunde mehr mit Redouten und Batterien und bereitete uns beim Bau unserer Brücken so viele Schwierigkeiten, dass unsere Befehlshaber genötigt waren, ihre Absicht, den Fluss an dieser Stelle zu überqueren, aufzugeben, das Begonnene zu zerstören und auf andere Mittel zu sinnen. Wir wussten nicht, was schließlich hier mit uns geschehen würde und wo wir diesen Fluss überqueren würden, und zweifelten nicht daran, dass bald wieder etwas geschehen müsse und es bei uns nicht ohne ein Gefecht mit dem Feind abgehen werde. Alle seine Bewegungen und Unternehmungen bewiesen uns, dass er keineswegs gesonnen war, uns ruhig über den Fluss setzen zu lassen, sondern auf kräftige Gegenwehr sann. Besonders erwarteten wir dies für den Fall, dass die Unseren auf den Gedanken kämen, geradewegs durch das Städtchen Wehlau zu ziehen und dahinter den Fluss auf der schon vorhandenen Brücke zu überschreiten. Die Batterien, die wir vor dem Eingang in dieses Städtchen angelegt gesehen hatten, drohten uns einen blutigen Empfang an, und, man muss es gestehen, das war uns nicht sonderlich angenehm; umso weniger, als wir einen solchen Widerstand keineswegs erwartet hatten, und darum murrten wir von Stunde zu Stunde mehr über unsere Befehlshaber und tadelten sie dafür, dass sie den Feind ohne Verfolgung hatten entkommen lassen und es nicht verstanden hatten, seine damalige Zerrüttung und Furcht zu nutzen und sich schon damals dieses wichtigen Ortes zu bemächtigen.

In dieser Ungewissheit darüber, was geschehen würde, verbrachten wir den ganzen Tag. Am Abend aber löste sich unser Zweifel, und ein unerwarteter Befehl, der in der ganzen Armee ausgegeben wurde, versetzte uns in neues Erstaunen, nämlich: Uns allen wurde befohlen, uns für den Morgen zum Marsch bereitzuhalten, und es wurde verkündet, dass die ganze Armee bei Tagesanbruch auf einmal in aller Stille aufbrechen werde.

An dieser Stelle erlauben Sie mir, lieber Freund, meinen Brief abzubrechen. Ich möchte Sie in der Ungeduld lassen zu erfahren, was weiter geschah. Das werden Sie im folgenden Brief hören; inzwischen verbleibe ich Ihr treuer und gehorsamer Diener.

BEI ALLENBURG

50. Brief


Lieber Freund! Meinen letzten Brief habe ich damit beendet, dass am Abend in der ganzen Armee der Befehl ausgegeben wurde, die ganze Armee werde am nächsten Morgen aufbrechen und dies still und heimlich tun. Da uns ein solcher Befehl bis dahin noch nie erteilt worden war, verwunderte er uns über die Maßen. Wir dachten jedoch, unsere Heerführer wollten gewiss irgendeine Kriegslist oder ein Täuschungsmanöver anwenden und deshalb heimlich aufbrechen, um sich entweder überraschend der Stadt Wehlau zu bemächtigen oder irgendwo an einer anderen, uns noch unbekannten Stelle über den Fluss zu setzen.

In dieser Ungewissheit und brennend vor ungeduldigem Verlangen zu erfahren, ob wir nach rechts oder nach links ziehen würden und ob wir am Morgen nicht mit dem Feind zu tun bekämen, verbrachten wir die ganze Nacht; und am folgenden Tag, also am 26. August, wurde, sobald es zu tagen begann, die Reveille statt des Generalmarsches geschlagen, zum Zeichen, dass die Armee angeblich auch an diesem Tag unverrückt am selben Ort stehen bleiben werde. Und um die Täuschung besser zu verbergen, wurde unserem Avantgardekorps befohlen, nun die Arrieregarde zu bilden und seine Zelte so lange nicht abzubrechen, bis die ganze Hauptarmee samt ihren Trossen aufgebrochen und sich schon etwas entfernt hätte, den Husaren und Kosaken aber, so lange an ihrem Platz zu bleiben, bis die Armee ihr neues Lager bezogen hätte. Doch das war eine lächerliche Täuschung! Wir hofften, den Feind zu täuschen, und wussten nicht, dass er uns schon vorher getäuscht hatte und dass sein Lager, das wir sahen, von Anfang an falsch und leer gewesen war und nur eine geringe Zahl von Truppen enthielt; von der preußischen Armee aber hieß es, ihr Hauptteil sei längst weiter nach Königsberg gezogen, ein anderer aber dorthin, wo unsere Armee aufs Neue Brücken zu bauen gedachte, um auch dort unsere Absicht zu vereiteln; denn unseren Feinden waren alle unsere Unternehmungen und Pläne bekannt, und er hatte in unserem Heer solche Leute, die ihn über alles aufs Genaueste unterrichteten. So sagte man damals wenigstens und verdächtigte deswegen vor allem Herrn Lieven. Wie dem auch sei, wir brachen ohne jeden Lärm auf und zogen nach links, die Alle aufwärts, auf das Städtchen Allenburg zu, und nachdem wir mit größter Mühe einige Werst zurückgelegt hatten, bezogen wir am Ufer dieses Flusses ein Lager.

Am Morgen (des 27.) dachten wir, wir würden über den Fluss setzen, doch stattdessen standen wir den ganzen Tag untätig da. Diese Langsamkeit setzte uns alle in Erstaunen.

Wir wunderten uns aber noch mehr, als verkündet wurde, dass die Armee auch am folgenden Tag, d. h. am 28., am selben Ort bleiben werde. „Herr, erbarme dich!“, sagten wir zueinander. „Was für ein Wunder, und wie lange sollen wir noch nicht über den Fluss kommen?“ Unsere Verwunderung wuchs aber noch, als auch keinerlei Vorbereitungen zum Übergang zu sehen waren, obgleich auch von Feinden, die sich anschickten, uns daran zu hindern, nicht das Geringste zu bemerken war; stattdessen bemerkten wir, dass man unseren Soldaten erlaubt hatte, ein jenseits des Flusses gelegenes prächtiges adliges Schloss zu plündern und ebenso einen sehr großen Teich abzulassen, der sich mitten in unserem Lager befand und mit Fischen – Karpfen – besetzt war. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich zum ersten Mal, was für ein guter Fisch der Karpfen ist und was es mit solchen Teichen auf sich hat. Es gab so viele dieser Fische darin, dass sie in der Armee damals fast für nichts verkauft wurden, und man kann geradeheraus sagen, dass nicht nur wir, sondern auch die Soldaten sich daran satt aßen, so viele gab es da! Wahrhaftig, als man den ganzen Teich abgelassen hatte, wälzten sich die riesigen Karpfen wie Ferkel im wenigen verbliebenen Wasser und Schlamm, und es war lustig anzusehen, wie unsere Leute und die Soldaten durch den Schlamm wateten, sie herauszogen und sich an diesem leichten Fang ergötzten.

Während sich so die ganze Armee mit dem Fischfang und dem Kochen ihrer Karpfen beschäftigte, sannen die Herren Feldherren und unsere Heerführer auf etwas ganz anderes. Ihre Beschäftigung war verzwickt und von niemandem erwartet. Sie sannen darauf, wie sie alle bis dahin von unseren Truppen ertragenen Mühen zunichtemachen, alle erlittenen Verluste und das von so vielen Söhnen des Vaterlandes vergossene Blut für nichts verlieren, den errungenen Kranz des Ruhmes und Sieges wieder auflösen, sich selbst mit Schmach und Schande bedecken und der ganzen Armee einen Makel und einen schlechten, für alle wahren Patrioten ärgerlichen Ruf auf ewig anhängen könnten. Mit einem Wort, wenn man dem später verbreiteten Gerücht glauben darf, so spannen sie das, was die Soldaten in ihrem Unverstand Verrat nennen. Ob das aber wahr ist oder nicht, das weiß ich wahrhaftig nicht; ich weiß nur so viel, dass der 28. August {Nachdem die Armee mit großer Mühe den Sieg bei Groß-Jägersdorf errungen hatte, erreichte sie Allenburg. Am 28. August 1757 fand ein Kriegsrat statt, auf dem angesichts großer Verluste in den Truppen und der Schwierigkeiten bei der Versorgung der Armee beschlossen wurde, sich in die Grenzen Russlands zurückzuziehen. Siehe Anmerkung 12 nach dem Text.} der letzte Tag unseres Ruhmes, unseres Glanzes, unseres mannhaften Geistes und der schmeichelhaften Hoffnung war, bald die Mauern der berühmten Stadt Königsberg mit unseren darauf wehenden Fahnen zu sehen und das ganze Königreich Preußen von unseren Waffen bezwungen und in unserer Gewalt; der 29. August aber war jener denkwürdige und überaus ärgerliche Tag, an dem uns allen das Herz sank und wir, alles Mutes beraubt, uns mit Schmach und Schande bedeckten und genötigt waren, alle früheren so schmeichelhaften Hoffnungen in uns auszulöschen. Kurz, an diesem niemals zu vergessenden Tag kehrten wir dem Feind den Rücken und trotteten zurück in unser Vaterland, mit solcher Schande bedeckt, dass wir einander nicht anzusehen wagten, sondern uns nur mit unsäglichem Erstaunen gegenseitig fragten: „Was ist das, Brüder? Was geschieht da mit uns? Wie schön stehen wir jetzt da!“ – Und so weiter.

Ich kann mich noch heute nicht ohne Ärger daran erinnern, welche Erregung damals plötzlich die ganze Armee ergriff; wahrhaftig, es gab kaum einen Menschen, auf dessen Gesicht nicht Ärger, mit Scham und Zorn vermischt, zu lesen war.

Überall hörte man nur Murren und heimliches Schimpfen auf unsere obersten Befehlshaber. Viele schrien fast offen: „Verrat! Und zwar offenkundiger Verrat!“

Andere aber sagten ärgerlich und lachend: „Was ist das, meine Herren! Sind wir etwa nur deshalb nach Preußen gekommen, haben wir nur deshalb so viele Mühen auf uns genommen und nur deshalb unser Blut vergossen, um hier Karpfen zu fangen und zu essen? Was geschieht mit uns? Wo ist der Verstand unserer Generäle geblieben?“ – Und so weiter.

Mit einem Wort, das Murren war allgemein, und so lieb uns allen unser Vaterland auch war, so trat doch kaum jemand damals gern den Rückweg dorthin an – so empfindlich traf uns dieses unerwartete Ereignis.

Wenn Sie nun wissen wollen, was eigentlich unsere Heerführer zu diesem Verlust all unserer Vorteile für nichts und zu einer so schmachvollen Rückkehr gezwungen hat, so kann ich Ihnen wahrhaftig nichts Zuverlässiges darüber sagen. Da ich damals ein so kleiner Mann war, konnte ich nichts Genaues erfahren, alle aber beschuldigten damals nur unseren Feldmarschall, den Grafen Apraxin {Bolotow nennt S. F. Apraxin völlig zu Recht Graf, da sein Vater Fjodor Matwejewitsch, der berühmte Mitstreiter Peters I., 1709 in den Grafenstand erhoben worden war. Im Text der „Aufzeichnungen“, die 1870 von der „Russkaja Starina“ herausgegeben wurden, hat M. I. Semewski, der die „Aufzeichnungen“ zum Druck vorbereitete, neben das Wort „Graf“ offenbar irrtümlich ein Fragezeichen gesetzt.}, der, wie bekannt, später auch daran in Ungnade und vor Kummer starb {Siehe Anmerkung 12 nach dem Text.}. Zwar sagten manche, er habe irgendwelche geheimen Befehle gehabt und nach diesen gehandelt; doch genau wusste niemand etwas davon, und es genügt, dass er mit der Armee zurückging, alle Vorteile und Früchte, die unser Sieg uns eingebracht hatte, aus der Hand gab und eine sehr berühmte Tat vollbrachte, das heißt, mit seinem Vorgehen nicht nur unsere ganze Armee, sondern auch den Feind selbst und sogar ganz Europa in Erstaunen versetzte. Mit einem Wort, er bewirkte, dass von diesem Ereignis in der Geschichte für immer die Erinnerung geblieben ist, der Rückmarsch unserer Armee habe damals ganz Europa in Erstaunen versetzt und niemand auf der ganzen Welt habe begreifen können, was den Grafen Apraxin bewogen haben mochte, alle errungenen Vorteile aus der Hand zu geben und, da er schon den größten Teil des Königreichs Preußen in Händen hatte und schon so nahe an der Hauptstadt Königsberg stand, plötzlich umzukehren und ganz Preußen zu verlassen, was anfangs niemand, nicht einmal unsere Feinde selbst, glauben wollte, bis es sich durch die Tat bestätigte. Einige ausländische Schriftsteller, die das Leben des Königs von Preußen beschrieben haben, erwähnen, es habe sich später herausgestellt, dass der wahre Grund für diesen Rückmarsch darin lag, dass unsere Kaiserin Elisabeth Petrowna im Laufe dieses Sommers schwer erkrankt war und dass der damalige Kanzler, Graf Bestuschew, in der Furcht vor ihrem Ableben und mit dem Plan im Kopf, einige wichtige Veränderungen am Hof herbeizuführen, besonders hinsichtlich der Thronfolge selbst, von sich aus und ohne Wissen der Kaiserin an den Grafen Apraxin, der sein Freund war, geschrieben habe, er solle mit seiner Armee ins Vaterland zurückkehren {Bolotow wiederholt hier die gegen Apraxin erhobenen Beschuldigungen und empört sich über ihn als ein vom Sieg beflügelter Offizier.}.

Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass unser Feldmarschall, der den Rückzug beschlossen hatte, zum Schein einen Kriegsrat einberief und allen Generälen so viel von einem angeblich eingetretenen großen Mangel an Proviant und Furage in der Armee und von der Unmöglichkeit erzählte, den Marsch weiter fortzusetzen – weil die nach Königsberg abgezogene preußische Armee selbst alle Orte entlang des Weges verwüstet habe, sodass auf zwanzig Werst im Umkreis nirgends Furage zu bekommen sei –, dass er fast alle überredete, gegen ihren Wunsch seinem Vorschlag zuzustimmen und einen Beschluss zu unterzeichnen, den Rückmarsch vorläufig zu jenen Orten anzutreten, wo Magazine angelegt waren. Nur der früher erwähnte General en chef Sibilski war mit diesem Vorschlag keineswegs einverstanden und wollte, indem er beteuerte, dass Proviant und Furage in der Armee genug vorhanden seien und sie keinerlei Mangel daran leide, den Beschluss auf keinen Fall unterzeichnen; doch man hörte diesmal ebenso wenig auf ihn wie nach der Schlacht, als er zur Verfolgung riet, für sich nur drei Infanterieregimenter erbat und damit dem geschlagenen Feind den empfindlichsten Schlag versetzen wollte, was man ihm jedoch abschlug.

Da aber trotz alledem leicht zu erwarten war, dass im ganzen Heer großes Murren entstehen würde, wurde infolge alles oben Erwähnten in der ganzen Armee verbreitet, zu einer solchen von niemandem erwarteten Rückkehr habe uns die bloße Notwendigkeit gezwungen, und zwar erstens, dass uns an der Fortsetzung des Marsches eine angeblich jenseits des Flusses stehende feindliche Armee hindere, die den Übergang bei Wehlau bewache und mit Batterien befestigt habe; und zweitens, und das sei angeblich das Wichtigste, weil in der Armee ein großer Mangel an Proviant aufgetreten sei und keine Hoffnung bestehe, ihn irgendwo zu beschaffen und zu erhalten.

Es fanden sich viele, die dieser Verlautbarung glaubten und sich damit zufriedengaben, die Vernünftigeren aber dachten ganz anders.

Diesen war schon bekannt, dass dies nur ein Vorwand und leerer Betrug war und dass von der preußischen Armee weit und breit keine Spur mehr war, Proviant dagegen in der Armee noch reichlich vorhanden war und sich überdies eine große Menge davon in der Stadt Wehlau befand, die dem Feind abzunehmen keinerlei Mühe gekostet hätte, weil dieses Städtchen ganz unbefestigt und nur von einer geringen Zahl von Truppen verteidigt war. Hätten wir es aber genommen, so hätten wir die Preußen aus dem ganzen Königreich Preußen vertrieben, und da damals schon der Herbst begann, hätten wir überall so viel Proviant und Furage bekommen können, wie wir nur wollten, besonders seitab und in jenen Gegenden, wo noch keine Armee gewesen war und noch nicht fouragiert worden war.

So habe ich Ihnen, lieber Freund, den ganzen Verlauf unseres Vormarsches erzählt; nun bleibt mir noch, Ihnen von unserer Rückreise zu berichten. Oh, was war das für ein Marsch! Wahrhaftig, das Herz blutet mir, wenn ich an ihn und alle seine Umstände denke. Mit einem Wort, mit Freuden würde ich darüber schweigen, verlangte die geschichtliche Ordnung nicht von mir, auch ihm eine ebensolche Beschreibung zu widmen wie dem vorangegangenen.

Doch ich verschiebe die Erzählung davon auf den nächsten Brief und will den jetzigen damit beschließen, dass ich Ihnen berichte, dass dieser für uns unglückliche und schmachvolle Zeitpunkt für den König von Preußen besonders glücklich war; denn fast von eben diesem Tag an begannen sich all seine misslichen Umstände aufzulösen, und überall wurde ihm ein besonderes Glück zuteil, gerade so, als hätte unser Feldmarschall, Herr Apraxin, ihm mit seinem Fehltritt dazu Weg und Bahn bereitet. Zum Beweis dafür will ich sagen, dass gleich am folgenden Tag nach diesem Ereignis, nämlich am 30. August, sich in Europa noch ein weiterer für ihn sehr vorteilhafter Umstand ergab, der ebenfalls aus einem unverzeihlichen Fehler des Oberbefehlshabers der französischen Armee hervorging, nämlich:

Ich hoffe, lieber Freund, Sie erinnern sich noch, dass wir die siegreiche französische Armee verlassen haben, als sie die geschlagene hannoversche verfolgte, die mit dem König von Preußen verbündet war und unter dem Befehl des Herzogs von Cumberland stand. Diese Armee trieben die Franzosen bis an die Küstenstadt Stade und bedrängten sie so, dass dem Herzog von Cumberland, dem alle Möglichkeiten zu weiterer Flucht und zur Versorgung seiner Armee mit Proviant und Furage genommen waren, nichts anderes übrig blieb, als entweder noch einmal eine Schlacht mit den Franzosen zu wagen oder die Waffen zu strecken und sich mit dem ganzen Heer gefangen zu geben. Da er aber schon einmal bei Hastenbeck von den Franzosen geschlagen worden war und großen Verlust erlitten hatte, wollte er unter keinen Umständen noch einmal mit ihnen kämpfen, und so blieb nur das Letztere. Alle glaubten auch, dass dies tatsächlich eintreten und die Franzosen bei dieser Gelegenheit mit der verbündeten hannoverschen Armee dasselbe tun würden, was der König von Preußen mit der sächsischen getan hatte, das heißt, sie ganz gefangen nehmen würden. Doch zum Erstaunen der ganzen Welt ergab sich hier eine ebensolche Überraschung wie mit unserem Rückmarsch, nämlich: Anstatt diese ruhmvolle und aufsehenerregende Tat zu vollbringen, gefiel es dem neuen Befehlshaber der französischen Armee, dem Herrn Marschall Richelieu, der den Oberbefehl durch Ränke und Schliche am französischen Hof erlangt hatte, gegen alles Erwarten und allen gesunden Verstand, mit dem Herzog von Cumberland im Kloster Zeven einen Waffenstillstand und Vertrag zu schließen, unter der Bedingung, dass sein Heer nicht mehr gegen die Franzosen kämpfe. Was aber das Dümmste und Lächerlichste von allem war: Man vereinbarte dabei, dass alle in der hannoverschen Armee befindlichen verbündeten und Hilfstruppen, die hessen-kasselschen, braunschweigischen, sachsen-gothaischen und lippischen, mit Pässen des Marschalls Richelieu in ihre Heimat entlassen werden und die englischen Truppen sich ebenso hinter die Elbe zurückziehen sollten; die in Stade Verbliebenen aber sollten die im Vertrag festgesetzten Grenzen nicht überschreiten.

Der Abschluss eines solchen, von niemandem erwarteten Vertrags setzte die ganze Welt ebenso in Erstaunen wie unsere Rückkehr.

Der Vorteil für den König von Preußen erwuchs daraus aber insofern, als die erwähnten, mit Pässen entlassenen Truppen ihr gegebenes Wort und Versprechen, nicht zu kämpfen, sogleich brachen, alle zum König von Preußen übergingen, in seine Dienste traten und sein Heer vermehrten; der König aber versäumte nicht, diese Gelegenheit zu nutzen, und, auf diese unverhoffte Weise zwei so furchtbare Feinde vom Hals habend, fasste er neuen Mut und beschloss, sich mit den übrigen nun einzeln zu messen, worin er schließlich auch mehr Erfolg hatte, als er selbst gedacht und erwartet hatte, wovon künftig ausführlicher die Rede sein wird.

Damit beschließe ich meinen jetzigen Brief. Im nächsten werde ich Ihnen von unserer Rückreise erzählen; inzwischen sage ich, dass ich Ihr aufrichtiger Freund bin, und verbleibe und so weiter.

DER RÜCKMARSCH

51. Brief


Lieber Freund! Hier ist ein Brief, den ich ganz Ihrem Belieben überlasse. Er enthält nichts als die Beschreibung solcher Begebenheiten, die in der ganzen Welt eine ärgerliche, aber gerechte Unehre für die Armee und unser ganzes russisches Volk hervorriefen: denn auf dem Rückweg hinterließen wir überall nur Spuren der Schande, der Feigheit und unverzeihlicher Grausamkeit, was jedem wahren Patrioten nicht anders als zum Ärger gereichen musste.

Um nun zur Sache zu kommen, will ich Ihnen vor allem sagen, dass wir, so langsam und schwerfällig wir zuerst vorwärts gezogen waren, ebenso eilig und flink zurückmarschierten, gerade so, als stünde uns irgendein großes Unheil bevor und als wären wir vom Feind besiegt und von seiner ganzen Armee verfolgt worden. Die ersten Zeichen dieser Eile sahen wir schon an eben dem Ort, von dem aus wir zurückzogen. Am Vorabend des Tages, an dem wir aufbrachen, wurde der Befehl erteilt, die Fuhrwerke in der Armee nach Möglichkeit zu vermindern; die Offiziere sollten nicht nur nicht zwei, sondern nicht einmal je eines haben, sondern je zwei Offiziere sollten sich in ein Fuhrwerk teilen und die überflüssigen Sachen verbrennen und wegwerfen. Es lässt sich leicht denken, dass uns dieser Befehl nicht sonderlich angenehm war, sondern uns alle über die Maßen in Aufregung versetzte. In größter Unzufriedenheit und murrend über unsere Befehlshaber sagten wir damals zueinander: „Eine feine Belohnung für unsere Mühen! – Statt mit der dem Feind abgenommenen Beute ins Vaterland zurückzukehren, befiehlt man uns, auch unser eigenes Hab und Gut zu verbrennen und wegzuwerfen!“ Doch alles Murren half uns nicht. Viele mussten sich tatsächlich in Erfüllung dieses Befehls fast von ihren letzten armseligen Habseligkeiten trennen und hatten danach eben deswegen noch mehr Not und Beschwernis zu leiden als zuvor. Mir aber gelang es auch diesmal, diesem Übel zu entgehen. Da ich damals noch Kompaniechef und fast allein in der Kompanie war, konnte ich unter dem Vorwand, ich hätte niemanden, mit dem ich mich zusammentun könne, mein Fuhrwerk für mich allein behalten und mit ihm alles, was ich bis dahin besaß.

Am erwähnten 29. also, das heißt genau zehn Tage nach unserer Schlacht, brachen wir auf und trotteten zurück in Richtung unseres Vaterlandes. Und da wir nicht durch dieselben Gegenden zurückziehen konnten, durch die wir vorwärts gezogen waren, weil diese alle verwüstet und völlig ausgeplündert waren, wandten wir uns etwas nach rechts und zogen geradewegs auf die Stadt Insterburg zu, wo bei uns verschiedene Kommandos zurückgelassen worden waren. Wir eilten, so sehr wir konnten; doch trotz aller Eile vermochten wir an diesem Tag nicht mehr als sieben Werst zurückzulegen, denn ein Übergang über eine schwierige Stelle, der sich auf unserem Weg fand, hielt uns so sehr auf, dass wir nicht nur diesen ganzen, sondern auch den folgenden Tag, also den 30. August, an diesem Übergang herumwaten mussten.

Am 31. setzten wir unseren Marsch fort, und unser Avantgardekorps, dessen man nicht mehr bedurfte, wurde auf die Divisionen verteilt, und unser Regiment kam zur dritten von ihnen. An diesem letzten Tag des August legten wir etwa dreizehn Werst zurück.

Am darauffolgenden Tag, also am 1. September, zog die Armee weiter, und unserem Regiment fiel es an diesem Tag zu, die Arrieregarde zu bilden und hinter allen zu marschieren; es wurde uns befohlen, die größtmögliche Vorsicht walten zu lassen und alle von der Armee zurückgelassenen und unglücklicherweise zerbrochenen Fuhrwerke zu verbrennen. Was für ein Übel und besonderes Unglück für jene, bei denen etwas schadhaft wurde und zerbrach! Da wurde nicht das geringste Mitleid gezeigt und auf nichts Rücksicht genommen, selbst wenn jemand dadurch seine letzte Habe verlor. Übrigens war vom Feind zwar nichts zu sehen und nichts zu hören, doch in der Arrieregarde befanden sich einige Tausend Mann, und wir marschierten in Front als geschlossene Kolonne, genau so, als folgte uns der Feind auf dem Fuß. Ein solcher Marsch bereitete uns unbeschreibliche Beschwerden, wie wir sie bis dahin nie empfunden hatten; denn da das Wetter damals trocken und heiß war und wir geradewegs über Acker- und Getreidefelder zogen, ohne zu unterscheiden, ob das Land brach lag oder mit Korn bestellt war, hatte die Armee, die in einem ganzen Haufen mit all ihrer Artillerie und unzähligen Fuhrwerken darüber hinweggezogen war, die ganze Erdoberfläche so zerwühlt, dass sie sich in feinsten Staub verwandelt hatte. Als nun die Reihe an uns kam, als Letzte und noch dazu in ganzer Kolonne zu marschieren, erhob sich ein solcher Staub, dass wir darin gingen wie in dichtestem Nebel, sodass man einander auf einen Klafter nicht sehen konnte. Doch zwischen Nebel und Staub bestand der verfluchte Unterschied, dass man im Ersteren gehen kann, ohne irgendeine Beschwerde zu spüren; der Staub aber, der sich in Augen, Nasenlöcher und Mund setzte, machte uns nicht nur alle zu Vogelscheuchen, sondern verursachte uns auch äußerstes Ungemach. Mit einem Wort, dieser Tag war für uns sehr denkwürdig, und wir konnten ihn lange nicht vergessen.

Am darauffolgenden Zweiten setzten wir unseren Marsch fort; doch nachdem wir nur etwa fünf Werst zurückgelegt hatten, machten wir halt und hielten an dieser Stelle wegen der Erschöpfung der Pferde einen Rasttag. (Den 3.)

Endlich, am Vierten, kam die Armee bei der Stadt Insterburg an, schlug, ohne den Pregel zu überschreiten, ein Lager auf und übernachtete. In diesem Städtchen befanden sich unsere zurückgelassenen Kommandos, die den Vorratsproviant und andere Dinge bewachten. All das mussten wir nun mit uns nehmen und diese Stadt wieder der Gewalt des Feindes überlassen. Ich kann nicht beschreiben, wie groß die Freude der Stadtbewohner war, die unserem Abzug zusahen, und wie groß dagegen die Scham, mit der wir, die Sieger, uns so ohne jede Not zurückschleppten und Gegenden verließen, die unsere Waffen bis dahin bezwungen hatten.

Am Morgen, also am 5., als dem Namenstag unserer damals regierenden Kaiserin, kam es unseren Heerführern in den Sinn, die übliche Feier zu begehen, und dazu wurden in einigen Regimentern Feldkirchen aufgestellt, um den Gottesdienst zu halten, die ganze Armee aber wurde zur Parade ausgeführt, und es wurde das übliche dreimalige Salutfeuer aus Kanonen und Gewehren abgegeben und einige Pud Pulver in die Luft verschossen. Doch, die Wahrheit zu sagen, wir hatten so viel davon übrig, dass wir nicht wussten, wohin damit.

Wir dachten, wir würden hier diesen ganzen Tag stehen bleiben, doch die Eile unseres Heerführers, oder besser gesagt, seine Feigheit und Furcht, der Feind könnte uns überfallen und, Gott bewahre, die ganze Armee schlagen, ließ dies keineswegs zu.

Vielmehr mussten wir auf seinen Befehl noch am selben Tag in großer Eile hinter dem Städtchen über den Pregel setzen und auf der anderen Seite ein Lager beziehen, und die Brücken über den Pregel wurden im selben Augenblick abgebrochen.

Wir verweilten in diesem Lager kaum eine Stunde, sondern zogen am Morgen des folgenden Sechsten weiter; und damit es auf dem Marsch weniger Aufenthalt gebe, zog die Armee auf zwei Wegen zur Stadt Tilsit, wo sich unsere Verwundeten und viele andere Kommandos befanden. Die erste und zweite Division zogen auf der rechten, die dritte auf der linken Seite des Flusses, und nachdem wir an diesem Tag mehr als fünfzehn Werst zurückgelegt hatten, bezogen wir ein Lager. Dieser Marsch war für uns sehr beschwerlich, weil regnerisches und trübes Wetter einsetzte und es sehr schmutzig wurde. Und da auch der Weg sehr uneben war und es überall Übergänge über Bäche und Schluchten gab, konnten die ganze zweite Division und viele Trosse nicht nur an diesem Tag, sondern bis in die Nacht und den Siebenten hinein das Lager nicht erreichen, was unseren Feldmarschall zwang, gegen seinen Willen hier zwei Rasttage einzulegen (den 8.).

Unserem Regiment fiel es hier wieder zu, die Arrieregarde zu bilden, und mir mit ihm. Das erwähne ich deshalb, weil wir, als wir in der Arrieregarde marschierten, genötigt waren, auf dem Weg zu übernachten, und zwar unter solchen Beschwerden, wie wir noch nie eine Nacht verbracht hatten, und darum war uns diese Nacht sehr denkwürdig. Wir mussten sie ganz verbringen, nicht nur im Regen, auf einer Stelle stehend und unter Gewehr, sondern fast knietief im Schlamm. Der Grund dafür war der Übergang über ein kleines Flüsschen mit niedrigen und sumpfigen Ufern, das durch ein breites Tal mit morastigem Grund floss. Da alle Trosse dieses Flüsschen auf wenigen und elenden Brücklein überqueren mussten, konnten sie sich keineswegs beeilen; und eben das war der Grund, dass an dieser Stelle eine unzählige Menge Fuhrwerke zusammenströmte, die diese ganze sumpfige und weiche Stelle so zerwühlten, dass jedes Fuhrwerk bis an die Nabe im Schlamm stand; die armen Soldaten unseres Arrieregardekorps aber, die unmittelbar hinter ihnen folgten, mussten fast knietief im Schlamm stehen und warten, bis alle Trosse über die Brücke gelangt waren, und in diesem Zustand die ganze Nacht verbringen. Jeder kann sich leicht vorstellen, wie schwer und beschwerlich das für sie war; doch nicht nur sie, sondern auch wir, ihre Offiziere, litten nicht weniger Ungemach. Unser einziger Vorzug vor ihnen bestand darin, dass wir auf unseren Reitpferden saßen und nicht knietief im Schlamm stehen mussten. Doch wie war es, die ganze Nacht in Kälte und Regen auf dem Pferd zu sitzen und keinen Augenblick abzusteigen! Diese Mühsal kann sich jeder leichter selbst vorstellen, als ich sie beschreiben kann. Zu unserem noch größeren Verdruss konnte man nirgends auch nur ein Feuerchen anmachen, um unsere zitternden und vor Kälte erstarrenden Glieder zu wärmen. Überall war es nass, überall Wasser und überall Schlamm, und zwar tiefer und zäher Schlamm.

Sooft wir es auch versuchten, all unsere Bemühungen, ein Feuer zu entfachen, blieben vergeblich, und wir mussten gegen unseren Willen die ganze Nacht frieren und sowohl die Trosse als auch das Flüsschen mitsamt seinen Brücken verfluchen und kamen erst am nächsten Tag ins Lager.

Bis zu dieser Zeit waren wir noch immer ruhig marschiert und hatten vom Feind nicht die geringste Kunde gehabt; denn man kann sich leicht denken, dass der Feind ein solches Vorgehen von uns keineswegs erwartet hatte und es anfangs nicht glauben wollte, als er von unserem Rückmarsch hörte: Sobald er aber zuverlässige Nachricht darüber erhalten hatte, schickte er triumphierend sofort zwei Schwadronen schwarzer Husaren vom Regiment Ruesch hinter uns her, und ihnen nach ein starkes Kavalleriekorps unter dem Befehl des Prinzen von Holstein-Gottorp, und hinter diesem zog Feldmarschall Lehwaldt selbst mit der ganzen Armee uns nach. Und da seine vorderen Abteilungen uns bald einholten, wurden sie am erwähnten 8. September in der Nähe unserer Armee gesichtet und hatten schon ein kleines Scharmützel mit unseren Kosaken.

Ich weiß nicht, was den preußischen Feldmarschall bewog, dieses mit gesundem Verstand ganz und gar nicht zu vereinbarende Unternehmen zu beginnen. Es scheint, die Preußen hätten sich vielmehr darüber freuen sollen, dass wir, alle errungenen Vorteile aufgebend, zurückzogen, und der gesunde Verstand hätte verlangt, dass sie sich auf jede Weise selbst bemühten, dazu beizutragen, dass wir möglichst schnell die Grenzen des Königreichs Preußen verließen und es ihnen überließen; folglich hätten sie uns auf unserem Marsch keineswegs hindern, sondern uns ziehen lassen sollen, wie wir wollten. Sie aber wagten im Gegenteil diese törichte und ihnen nicht den geringsten Nutzen bringende Verfolgung und zwangen uns eben dadurch fast wider unseren Willen, später ihre eigenen Länder zu verheeren und zu verwüsten; denn da diese wenigen leichten Truppen, die uns folgten, bald unsere Furageure, bald unsere vorgeschobenen Posten angriffen und unsere Armee unaufhörlich beunruhigten, sah man sich schließlich gezwungen, um sie zu vertreiben, alle hinter der Armee zurückbleibenden Dörfer zu verwüsten und niederzubrennen, damit sie nirgends Unterschlupf finden konnten; und eben dadurch hatten auch die unschuldigen Landbewohner viel zu leiden, wovon weiter unten die Rede sein wird.

So unbedeutend diese Verfolgung auch war, sie jagte unserem ängstlichen Heerführer einen entsetzlichen Schrecken ein. Wir mussten unsere Vorsichtsmaßregeln verdoppeln, gerade so, als zöge die ganze preußische Armee in Sichtweite uns auf den Fersen nach. Deshalb machten wir uns ohne den geringsten Aufschub am 9. wieder auf den Weg und marschierten den ganzen Tag bis zum Amt Sommerau, wo wir auch übernachteten.

Während des ganzen preußischen Feldzugs kam es nirgends vor, dass die Armee so schön im Lager stand wie an diesem Ort. Hier fand sich ein ebenes, rundes und weites Tal, in dem nichts als Wiesen waren und das ringsum von einer ununterbrochenen Kette ziemlich hoher, aber nicht steiler, sondern sanft ansteigender Berge umgeben war. Auf diesen Bergen war das Lager der ganzen Armee in einem vollen Kreis aufgeschlagen, sodass man es ganz wie auf der flachen Hand sah; ins Tal aber hatte man die Pferde zum Weiden gelassen. Man kann nicht genug beschreiben, welch angenehmen Anblick für das Auge diese zahlreichen Herden verschiedenfarbiger Pferde und die unzählige Menge auf den Bergen weiß schimmernder Zelte boten. Doch dieser Anblick wurde noch eindrucksvoller, als der Abend anbrach und alle Berge beim Schlagen des Zapfenstreichs vom Klang einer unzähligen Menge Trommeln und von der Musik in allen Regimentern widerhallten, und als gleich darauf all diese Berge von einigen Tausend Feuern erleuchtet wurden, die die Soldaten in den Lagern angezündet hatten.

Wahrhaftig, keine noch so schöne Illumination kann dem Auge einen schöneren Anblick bieten, und wir alle konnten uns daran nicht satt sehen.

Am folgenden Tag ruhte die Armee an diesem Ort; und da es wenig Futter für die Pferde gab, musste man zum Fouragieren in die seitab gelegenen preußischen Dörfer schicken. Bei dieser Gelegenheit hätte ich beinahe meine beiden Diener verloren, die zusammen mit den anderen an dieser Fouragierung teilnahmen; denn da die preußischen Streifscharen nicht versäumten, auch an diesem Tag unsere Furageure zu beunruhigen, und das Dorf überfielen, in dem die Unseren gerade Heu aufluden, versteckten sich meine Leute, die nicht mit den anderen hatten davonsprengen können, unter den Bänken in einer Stube, bis die Preußen abgezogen waren, und hatten das Glück, dass die preußischen Husaren, die sogar in eben diese Stube kamen, sie nicht bemerkten. Sie erzählten mir nach ihrer Rückkehr, sie seien ihr Lebtag nicht in solcher Angst gewesen wie damals; und, die Wahrheit zu sagen, es gab auch Grund, sich zu fürchten: Es wäre nicht nur für sie recht misslich gewesen, sondern auch für mich nicht gut, wenn man sie entdeckt hätte; man hätte sie gewiss entweder gefangen genommen oder getötet, und ich wäre ohne Diener geblieben. Doch Gott sei Dank entkamen sie diesem Unheil sehr glücklich und, was das Beste war, retteten auch ihre beiden Pferde.

Nachdem wir an diesem Ort ausgeruht hatten, setzten wir am folgenden 11. den Marsch fort und kamen schließlich bis zur Stadt Tilsit selbst und bezogen etwa drei Werst vor ihr ein Lager. Unser tapferer Heerführer nahm Quartier in der Vorstadt und hielt seinen Einzug in diese Stadt unter Kanonendonner vom Tilsiter Schloss, was ganz und gar unpassend war. Doch trotz all seines Prunks ließ er ganze drei Brigaden Infanterieregimenter zur Deckung seines Hauptquartiers unmittelbar bei der Vorstadt Stellung nehmen.

Ich glaube, wir wären hier keinen einzigen Tag stehen geblieben, wenn wir nicht bei Tilsit über den großen, unmittelbar an der Stadt vorbeifließenden Memelstrom hätten setzen müssen, über den es zwar eine von Graf Fermor errichtete Brücke gab, doch auf einer einzigen konnte die ganze Armee nicht schnell übersetzen, und deshalb wurde befohlen, noch zwei zu bauen und inzwischen die Trosse über die erste hinüberzuschaffen. Sofort wurden (am 12.) von allen Regimentern Kommandos zum Bau dieser Brücken abgeordnet, und ich selbst wurde dazu bestimmt, eine hölzerne Brücke aus Flößen zu bauen. Mit dieser Arbeit mussten wir uns Tag und Nacht befassen, und sie machte uns viel zu schaffen. Überall mussten wir auf dem ganzen Fluss nach Flößen aus herangeflößtem Bauholz suchen, sie zusammenziehen, verbinden und befestigen und daraus den Unterbau der Brücke bilden; und da der Fluss nicht klein war und fast so groß wie unsere Oka, wussten wir nicht, woher wir so viele Flöße und so viel Holz nehmen sollten, wie dazu nötig war, und wollten schon anfangen, die nahen Holzgebäude abzureißen, um ihr Holz für den Brückenbau zu verwenden; doch zum Glück ging es auch ohne das ab, und all unsere Mühen waren umsonst; denn als am Mittag des 13. in den Kosakenlagern wieder Alarm entstand und feindliche Streifscharen unsere Furageure überfielen, war keine Zeit mehr, auf alle Brücken zu warten, sondern den Regimentern wurde befohlen, mit größter Eile über die alte und die neu gebaute Pontonbrücke zu setzen. Doch trotz aller Eile musste die Armee für diesen Übergang mehr als drei Tage (den 13., 14. und 15.) aufwenden und empfing unterdessen Proviant und buk sich Brot.

In dieser Zeit hatten wir Gelegenheit, in die Stadt zu gehen und darin herumzulaufen, um notwendige Einkäufe zu machen. Am nötigsten brauchten wir Zucker, an dem bei uns schon Mangel herrschte: doch auch ihn zu bekommen, kostete große Mühe.

So viel davon in der Stadt in allen Läden oder sogenannten Apotheken vorrätig gewesen war, alles war schon am ersten Tag nach der Ankunft der Armee aufgekauft, und glücklich waren nur jene, denen es gelungen war, rechtzeitig zuzugreifen und unter den Ersten in der Stadt zu sein; wer sich aber auch nur ein wenig verspätet hatte, der konnte nicht nur keinen Zucker, sondern überhaupt nichts zu essen und zu trinken mehr bekommen, denn alle brauchten diese Dinge und alle kauften gierig. Niemals, glaube ich, seit der Gründung dieser Stadt haben die Tilsiter Einwohner so viele dieser Waren verkauft und so viel Gewinn daran gehabt wie in dieser Zeit. Für alles und jedes zahlten wir mehr als den dreifachen Preis, und zahlten ihn nicht verdrossen, sondern sogar mit Vergnügen und hielten es für eine Gefälligkeit, wenn man uns nur etwas verkaufte.

Eben dies widerfuhr damals auch mir selbst. Da ich mich etwas verspätet hatte, wäre es mir schwergefallen, etwas zu bekommen, hätte mir nicht auch in diesem Fall meine deutsche Sprache geholfen. Der Apotheker, zu dem ich kam, um Zucker zu kaufen, wies mich sofort ab, sagte, er habe keinen mehr, und versicherte mir dabei, ich würde nirgends welchen finden. Ich aber begann sogleich, deutsch mit ihm zu sprechen, und erzählte ihm so viel von der Not, die ich litt, und wie sehr ich ihn brauchte, dass ich ihn damit erweichte. „Gut, gut, Herr Unterleutnant“, sagte er mir überaus freundlich, „zwar hatte ich mir vorgenommen, niemandem mehr etwas von der kleinen Menge zu verkaufen, die ich eigentlich für mich selbst zurückbehalten hatte; aber was soll man machen, sei es drum! Ich will Ihnen wenigstens vom Rest etwas abgeben und Ihnen einen Hut verkaufen. Belieben Sie nur, mit mir in die inneren Gemächer zu kommen.“ Man kann sich leicht denken, dass ich ihm nicht folgte, sondern dorthin flog, und mein Apotheker wurde mir allein deshalb, weil ich mit ihm deutsch sprechen konnte, so gewogen, dass er mir nicht nur einen ganzen Hut verkaufte, sondern mir auch noch Tee zu trinken gab, und ich hielt es noch für eine große Gefälligkeit, dass er von mir nicht mehr als einen Rubel für das Pfund nahm, denn andere hätten gern auch drei Rubel gegeben, wenn nur etwas zu bekommen gewesen wäre. Die Redlichkeit dieses Deutschen war sogar so groß, dass er sich bei mir entschuldigte, mir nicht mehr verkaufen zu können, und sagte, wenn ich wolle, habe er genug Muskovade oder Streuzucker, und ich könne davon so viel kaufen, wie mir beliebe. Und da ich diesen Sand bis dahin noch nie gesehen hatte, zeigte er ihn mir nicht nur, sondern versicherte mir auch, dass man zur Not auch damit Tee trinken könne, schenkte mir sofort eine Tasse damit ein und gab sie mir zu kosten. Und da er mir gefiel, kaufte ich bei ihm mehr als zehn Pfund dieses Sandes und ging ins Lager, als hätte ich einen großen Fund gemacht. Dort beneideten mich alle um mein Glück, und da meine Muskovade allen gefiel, blieb noch am selben Tag bei meinem Apotheker auch davon kein einziges Körnchen übrig, denn alle Offiziere stürzten sofort in die Stadt, um sie zu kaufen, und kauften alles auf, was da war.

Eine andere Sache, die wir ebenfalls nur schwer bekommen konnten, waren Weizenbrote und Semmeln.

Alle Brotbäcker und Bäcker, so viele es in dieser Stadt gab, bereicherten sich an ihrem Verkauf; vor jedem Haus trafen wir eine riesige Menschenmenge an, die darauf wartete, dass man sie aus dem Ofen holte, und die im Nu alles an sich riss, so viel auch gebacken sein mochte. Jeder hielt es für ein Glück, wenn es ihm nur gelang, etwas zu ergattern, ganz zu schweigen vom Preis, und ärgerte sich nicht, dass man für ein Brötchen, das eine Kopeke wert war, eine Griwna nahm. Meine deutsche Sprache half mir auch hier sehr. Allen Deutschen kann man zum Lob nachsagen, dass sie gegenüber Fremden, die ihre Sprache sprechen können, ausnehmend freundlich sind. Und genau das widerfuhr damals auch mir. Kaum hatte mein Bäcker gehört, wie ich ihn auf Deutsch anflehte, mir so viel wie möglich zu verkaufen, als er verlangte, ich solle ihm mein Tuch über die Leute hinweg ins Fenster werfen, und er war so freundlich, mir ein ganzes Dutzend Brötchen hineinzubinden und mir das ganze Bündel herauszureichen. „Da! Bitte sehr, Herr Unterleutnant“, sagte er, „wohl bekomm’s!“ Ich dankte ihm überschwänglich für seine Freundlichkeit und zahlte ihm mit größter Freude das Geld dafür.

Auf diese Weise gelang es mir, auch alles Übrige mit ungleich besserem Erfolg zu kaufen als anderen, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren. Da ich übrigens Zeit hatte, die ganze Stadt zu durchwandern, fand ich, dass sie ein recht ansehnliches Städtchen war, nicht nur größer, sondern auch schöner als alle zuvor gesehenen. Die Bauten darin waren ansehnlich, aus Stein und aus Holz, und Einwohner gab es eine ziemliche Menge, und unter ihnen recht viele wohlhabende,

Während all dies geschah und die Armee nach und nach über den Fluss setzte, zeigten sich unaufhörlich in der Nähe kleine feindliche Streifscharen, die zwar nichts Bedeutendes ausrichten konnten, uns aber, da sie unsere Ängstlichkeit sahen, beunruhigten. Das wurde unserem Heerführer schließlich so lästig, dass er, da er keine anderen Mittel fand, dieser Unruhe abzuhelfen, aus Verdruss zu einem Werk schritt, das nur den Tataren eigen ist, und befahl, alle jene Orte, an denen sich Feinde zeigten und festsetzten, mit Feuer und Schwert zu verheeren, und ein ansehnliches Städtchen und Amt namens Ragnit, einige Werst von Tilsit stromaufwärts an der Memel gelegen, musste als Erstes diese Grausamkeit erfahren.

Die über den Fluss setzenden Regimenter stellten sich jenseits des Flusses in dem bestimmten Lager auf; und da sich auch auf jener Seite feindliche Husaren zeigten, wurden zur Deckung dieses Lagers vorher drei Brigaden übergesetzt. Endlich, am 16. September, setzte auch unser Heerführer mit seiner ganzen Bedeckung und den übrigen Regimentern über den Fluss, und am folgenden Tag (dem 17.) wurden beim Übersetzen der letzten Leute und Truppen alle drei Brücken abgebrochen, am Ufer aber, gerade gegenüber der Stadt, wurde ein Pikett aufgestellt, das aus tausend Mann Grenadieren und Musketieren bestand.

So setzten wir über die Memel und standen am 18. hier ruhig am Ufer, und die ganze Armee buk sich Brot für den Weg.

Da wir glaubten, uns hier schon in völliger Sicherheit zu befinden, wären wir hier noch länger stehen geblieben, hätte sich nicht ein ebenso lächerlicher wie ärgerlicher Vorfall ereignet, der unsere Unehre noch vermehrte und uns zwang, schneller weiterzuziehen, nämlich:

Unserem obersten Befehlshaber, der sich mit Recht selbst vor den Wänden hätte schämen müssen, kam im Gegenteil etwas Seltsames und Wunderliches in den Sinn. Da am folgenden Tag der 19. September war und genau ein Monat seit dem von ihm über den Feind errungenen Sieg vergangen war, kam ihm aus Prunksucht oder Schwachsinn in den Sinn, sich noch einmal dieses Sieges zu rühmen und an diesem Tag eine Feier zu veranstalten, wie sie nirgends und niemals vor ihm veranstaltet worden war. Seine Ehrsucht war so groß, dass sie ihn das ganze Ungereimte oder, besser gesagt, die Dummheit dieses Unternehmens nicht erkennen ließ. Wie dem auch sei, am Vorabend dieses Tages wurde abends in der ganzen Armee der Befehl ausgegeben, dass am folgenden Tag eine Feier und Kanonensalut stattfinden werde. Wir alle lachten schallend, als wir den Grund dafür hörten, und es gab niemanden, der dieses Vorgehen unseres Heerführers nicht getadelt hätte. Kaum war dieser denkwürdige Tag angebrochen, als die von unserem Feldmarschall ersonnene Feier tatsächlich ihren Anfang nahm, zu unserer Verwunderung jedoch sehr früh, denn kaum war es hell geworden, als wir schon Kanonendonner hörten. Wir hörten ihn mit Gleichmut an, lachten über die Ehrsucht des Feldmarschalls und sagten noch zueinander: „Man sieht, dass dem gnädigen Herrn, unserem Heerführer, die Feier sehr am Herzen liegt, dass er schon so früh damit angefangen hat!“ „Ja!“, sagten andere, „man sieht, dass wir auch viel Pulver haben, dass er sich so zu vergnügen beliebt und es ganz und gar umsonst verschwendet. Wäre es nicht besser, diesen Sieg zu vergessen, als sich seiner zu unserer Schande auch noch zu rühmen?“ Doch kaum hatten wir so miteinander geredet und gelacht, als plötzlich eine ganz unerwartete Erscheinung uns zwang, unser Geplauder abzubrechen und, aufs Äußerste verwundert, ganz anderes zu denken. Wie aus dem Nichts kam eine riesige Kanonenkugel, flog dicht an uns vorbei, traf ein Offizierszelt, warf es im Nu um und zerriss es so, dass nur noch Fetzen davon flogen. „Ei, ei, ei!“, riefen wir, als wir das sahen, „was ist denn das?“ Doch wir waren noch nicht aus unserer Verwunderung zu uns gekommen, als mit gewaltigem Pfeifen eine zweite an uns vorbeiflog, die in die Trosse einschlug und einige Fuhrwerke zerschmetterte, und danach eine dritte und vierte, und die Kugeln begannen immerzu zu fliegen und die Zelte herunterzureißen und umzuwerfen. „Amen! Amen!“, riefen wir. „Was ist das? Was für ein Wunder? Herr, erbarme dich! Woher kommen diese Kugeln?

Ist unser Feldmarschall etwa übergeschnappt, dass er befohlen hat, mit Kugeln auch auf sein eigenes Lager zu schießen?“ Mit einem Wort, wir wussten nicht, was wir denken, wem wir das zuschreiben und was wir tun sollten, besonders da wir überall Gefahr sahen und nicht wussten, wo wir uns vor den Kugeln verbergen sollten.

Nun, so hoffe ich, befinden Sie sich, lieber Freund, in derselben Ungeduld zu erfahren, was das wohl für ein Wunder war, in der wir uns damals befanden? Da wir es aber nicht so bald erfuhren, müssen auch Sie sich ein wenig gedulden und meinen nächsten Brief abwarten, in dem ich Ihnen erzählen werde, was die Ursache war und was für Kugeln da über unsere Zelte und Trosse flogen; bis dahin aber erlauben Sie mir, diesen Brief abzubrechen und Ihnen zu sagen, dass ich bin und so weiter.

BEI TILSIT

52. Brief


Lieber Freund! Da ich Sie am Ende meines letzten Briefes an einer sehr spannenden Stelle und in der Ungeduld zurückgelassen habe zu erfahren, weshalb plötzlich Kanonenkugeln durch unser Lager flogen, will ich nun Ihre Neugier befriedigen und Ihnen dieses Rätsel lösen.

Unsere Herren, die obersten Befehlshaber, waren nicht ohne Grund mit größter Eile aus Tilsit abgezogen und fürchteten und scheuten den Feind nicht umsonst, sondern es war ihnen das Gerücht zu Ohren gekommen, dass uns nicht nur leichte feindliche Husarenstreifscharen verfolgten, sondern dass auch Feldmarschall Lehwaldt selbst mit fast seiner ganzen Armee uns auf dem Fuß folge und schon ganz in der Nähe sei. Diese Nachricht versetzte sie in solche Kleinmütigkeit und Angst, dass sie selbst nicht wussten, was tun und beginnen, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass sie, als sie in großer Eile aus der Stadt abzogen und sich möglichst schnell aus der Stadt über den Fluss davonmachen wollten, eine Menge lächerlicher Dinge und solcher Fehler begingen, die ihnen niemals verziehen werden können. Denn erstens, war es nicht lächerlich, dass sie, als sie ganz aus Tilsit abzogen, die Stadtbewohner allein durch Drohungen zu einer völlig unmöglichen Sache zwingen wollten, nämlich, dass sie nach uns keine preußischen Truppen in ihre Stadt einlassen sollten? Eine wahrhaftig höchst seltsame und wunderliche Forderung! Denn wie hätten diese unbewaffneten Einwohner das tun können, und konnte man das mit gesundem Verstand von ihnen verlangen? Und um sie durch Drohungen dazu zu zwingen, ließ man auf die Häuser Pechkränze legen, damit man die Stadt im Nu anzünden und ganz in Asche verwandeln könne; was aber noch lächerlicher war: Man stellte unmittelbar am Ufer des Flusses gegenüber der Stadt das oben erwähnte Pikett mit Kanonen auf, auf freiem Gelände und ohne die geringste Deckung, rief die städtischen Obrigkeiten zusammen und sagte ihnen, wenn sie nach dem Abzug der russischen Truppen die Preußen in die Stadt einließen, werde die ganze Stadt zusammengeschossen, angezündet und zerstört werden. Zweitens war ihre Eile und Verwirrung beim Abzug aus der Stadt so groß, dass sie die im Tilsiter Schloss befindlichen preußischen Kanonen völlig vergaßen und sie dort zurückließen. Kann es also einen unverzeihlicheren Fehler geben, und war das nicht eine außerordentliche Nachlässigkeit?

Doch so nachlässig wir waren, so flink waren dagegen die Herren Preußen. Kaum hatten sie erfahren, dass unsere Truppen aus Tilsit abgezogen waren, als sie es im selben Augenblick besetzten.

Vier Bataillone ihrer Infanterie mit einer Menge Kanonen rückten noch in derselben Nacht in diese Stadt ein, und ihnen folgte Feldmarschall Lehwaldt selbst. Kaum hatten diese eingerückten Truppen jenseits des Flusses unser ganzes Lager erblickt und am Ufer selbst, auf nacktem Sand, ohne jede Deckung aufgestellt und gleichsam als Opfer preisgegeben, das Pikett, als sie sofort die großen Kanonen von den Schlossmauern herunterholten, aus ihnen und den mitgebrachten am Ufer einige Batterien bildeten und bei Tagesanbruch ein so heftiges Feuer auf unser Pikett eröffneten, dass der alte Oberst unseres Regiments, Plantdewildenberg, der es befehligte, nicht wusste, wo er sich vor den Kugeln verbergen sollte. Und obwohl er ihnen aus seinen Kanonen antwortete, konnte er ihnen nichts anhaben, und da er sein ganzes Kommando nutzlosem Verderben ausgesetzt sah und an die fünfzig Mann verloren hatte, musste er sich ins Lager zurückziehen.

Die Preußen, damit nicht zufrieden, richteten ihre Kanonen auch auf unser Lager selbst, und da sie es wegen ihres großen Kalibers mit ihren Kugeln erreichten, begannen sie es erbarmungslos zu bedrängen, besonders aber auf das Zelt des Feldmarschalls zu schießen; und da dieses nicht weit von unserem Regiment stand, reichten ihre Kugeln eben deshalb bis in unser Lager.

Ein solches Spielzeug gefiel unserem Feldmarschall ganz und gar nicht. Er geriet außer sich, als er das sah und das Pfeifen der Kugeln hörte. Die Gefahr, die ihm selbst drohte, ließ ihn seine unbesonnene Feier vergessen, für die er nach Verdienst bestraft wurde, und an seine Rettung denken. Im ganzen Lager entstand dadurch gewaltiger Alarm und Verwirrung. Überall begann ein Hin- und Hergaloppieren, und überall hörte man das Geschrei: „Artillerie! Artillerie! Schnell her mit den Kanonen, Haubitzen, Mörsern, Bomben, ans Ufer damit, schießt auf die Stadt, werft Bomben, zündet sie an und zerstört sie bis auf den Grund!...“ Doch all unser Verdruss und all unsere Wut auf den Feind blieben ohne jede Wirkung. Zwar wurden einige Hundert Kugeln in die Stadt geschossen und einige Dutzend Bomben geworfen, und obwohl das Feuer auf beiden Seiten vom frühen Morgen bis über den Mittag hinaus und mehr als vier Stunden andauerte, gelang es uns mit all unserem Schießen nicht, weder dem Feind noch der Stadt irgendeinen empfindlichen Schaden zuzufügen, außer dass wir an ihren Häusern einige Ziegeldächer und Schornsteine beschädigten und einen Kanonier verwundeten. Da wir also den schlechten Erfolg sahen und unser Lager nicht weiter der Gefahr aussetzen wollten, mussten wir schließlich unser ganzes Lager abbrechen, es einige Werst weiter verlegen und damit diese ganze Komödie zu unserer Schande und Unehre beenden.

Man kann sich nun leicht denken, dass ein solcher Spott und eine solche Beschämung durch den Feind unseren Feldmarschall aufs Empfindlichste trafen.

Im Ärger darüber wollte er nicht nur den durch einen Trompeter überbrachten Vorschlag des feindlichen Feldmarschalls über den Austausch von Gefangenen keiner Antwort würdigen, sondern ließ durch einen Bauern bloß dessen Trompete mit einem von niemandem unterschriebenen Zettel zurückschicken, die Preußen hätten ihren Trompeter selbst erschossen; überdies aber befahl er, um allen vom Feind verursachten Beunruhigungen ein für alle Mal ein Ende zu setzen und es der preußischen Armee unmöglich zu machen, der unseren weiter zu folgen, alle hinter uns zurückbleibenden Dörfer der Reihe nach mit Feuer und Schwert zu verheeren und zu verwüsten und kein einziges unversehrt zu lassen, damit der Feind nirgends Zuflucht finden könne. Und eben dies, wie sich später zeigte, hielt die preußische Armee von weiterer Verfolgung ab, und sie begnügten sich damit, uns nur eine ganz kleine Zahl Husaren nachzuschicken.

Nachdem wir auf die erwähnte Weise weiter vom Ufer abgerückt waren und ein neues Lager bezogen hatten, blieben wir darin nicht nur diesen, sondern auch den ganzen folgenden Tag; und obwohl es nicht die Zeit war, an Feiern zu denken, weil an diesem Tag bei uns schon der Winter einbrach, Schnee fiel und das allerschlechteste Herbstwetter begann, gab es doch zum Geburtstag (am 20.) des Großfürsten beim Feldmarschall eine Feier und Kanonensalut.

Außerdem ist mir dieser Ort deshalb im Gedächtnis geblieben, weil wir während unseres Aufenthalts bei Tilsit und hier an allem großen Überfluss hatten. Denn da der Feldmarschall den Kosaken und unseren übrigen leichten Truppen erlaubt hatte, alle nahen Orte zu plündern, zu verwüsten und zu verheeren, schleppten die Kosaken eine so große Menge Vieh, Geflügel und allerlei anderen Proviant zu uns ins Lager, dass alles sehr billig verkauft wurde und alle im Überfluss zufrieden waren. Nichts aber gab es so viel wie Honig: Den wussten sie schon gar nicht mehr loszuwerden, und darum trugen sie ihn überall durch die Regimenter und Trosse und verkauften ihn für eine wahre Kleinigkeit. Ein voller Feldkesseldeckel des allerbesten grünen Sirups wurde zum Beispiel für nicht mehr als eine Kopeke verkauft. So aß nur der keinen Honig, der nicht wollte. Was mich betrifft, so überaß ich mich, da ich von Kindheit an ein großer Liebhaber aller Süßigkeiten und besonders des Honigs war, bei dieser Gelegenheit daran, und es kam wahrhaftig schließlich so weit, dass er mir bitter vorkam.

Doch so zufrieden wir in dieser Hinsicht waren, so unzufrieden waren wir in anderer damit, dass das bis dahin herrschende sehr schöne und warme Wetter sich plötzlich änderte und kalt und zum allerschlechtesten Herbstwetter wurde.

Diese Veränderung traf uns umso empfindlicher, als fast keiner von uns einen Pelz bei sich hatte und jeden, wie das Sprichwort sagt, der Winter damals im Sommerkleid überraschte. Bis dahin hatten wir am allerwenigsten daran gedacht, uns mit Winterkleidung zu versorgen. Doch der damals gefallene erste Schnee und das anhaltende Schmuddelwetter und die schlechte Witterung brachten uns darauf und zwangen uns wider Willen, an diesen Gegenstand zu denken. Doch wo sollte man damals auf dem Marsch Pelze hernehmen? Und bei wem sie kaufen, wenn alle gleichermaßen Mangel daran litten? Ich hielt es für ein großes Glück, dass ich bei den Kosaken einen riesigen Schafpelz kaufen konnte, der zwar aus einfachen Schaffellen genäht war, aber uns stand damals nicht der Sinn nach Wählerei, und wir waren froh, dass wir unsere vor Kälte zitternden Glieder mit irgendetwas wärmen konnten. Was die Kälte betrifft, die wir in unserem Zelt litten, so fand mein Gefährte ein Mittel, sich und mich auch davor zu schützen. Er war früher in das bezogene Lager gekommen, ließ zuerst mein Zelt aufstellen und dann über meinem sein Kapitänszelt, füllte ein Kohlenbecken mit Glut, trug es unter das innere Zelt und wärmte es dadurch so auf, dass ich, als ich vom Marsch kam und bis auf die Knochen durchgefroren war, hineinging wie in ein wahres Paradies und ihn für seinen Einfall und die Erwärmung des Zeltes auf diese Weise nicht genug loben konnte; und da er gerade zu dieser Zeit auch heißen Tee bereit hatte und danach ein vortreffliches und sättigendes Abendessen zubereitet wurde, war ich an diesem Abend so zufrieden, dass er mir während des ganzen übrigen Feldzugs sehr im Gedächtnis blieb, umso mehr, als mir kein zweites so ruhiges und angenehmes Nachtlager mehr vergönnt war; denn zu meinem größten Verdruss wurde ich gleich am folgenden Morgen vom Regiment als Ordonnanz zum Feldmarschall abkommandiert und musste mich von meinem Freund trennen, mein Fuhrwerk dem Tross des Feldmarschalls anschließen und für einige Tage von meinem Regiment fortgehen, nachdem ich die Kompanie unserem früheren Leutnant Korschawin übergeben hatte, der zu ihr zurückgekehrt war.

Übrigens begann sich unsere Armee gerade an diesem Ort allmählich aufzulösen, und die ganze Kavallerie, mit Ausnahme weniger ausgewählter Schwadronen, und die Hälfte der Kosaken wurden von hier zum Überwintern nach Polen geschickt, wohin sie sofort aufbrachen, die Hauptarmee aber mit allen Infanterieregimentern sollte in Schamaiten und Kurland überwintern.

Wir brachen aus diesem Lager erst am 21. September auf; und obwohl der Marsch nicht sonderlich weit war, war er wegen des anhaltenden schlimmen Matschwetters und der Kälte sehr beschwerlich, sodass die ganze Armee großes Ungemach litt und genötigt war, fast ohne Zelte zu übernachten; denn der größte Teil der Trosse konnte das neue Lager nicht erreichen, und dieser Tag war für die Armee sehr denkwürdig. Während des ganzen Feldzugs hatte sie nicht so viel Mühe und Beschwernis erlitten wie an diesem Tag; jedoch nicht deshalb, weil sie eine große Strecke zurücklegen musste, denn der Marsch war sehr mäßig, sondern weil sie durch niedrige, ebene Gegenden mit häufigen Bächlein und sumpfigen Senken ziehen musste, durchschnitten von solchen Stellen, die selbst bei gutem Wetter und Trockenheit nicht sonderlich trocken sind und damals, vom unaufhörlichen Regen, Matsch und Schnee aufgeweicht und von unzähligen Rädern und Pferden zerwühlt, sich in den sumpfigsten und zähesten Schlamm verwandelt hatten, aus dem man die Füße kaum herausziehen konnte. Daher kann sich jeder unschwer vorstellen, wie es für die ganze Infanterie war, durch solchen Schlamm zu marschieren, und für alle Trosse, sich hindurchzuschleppen, und dazu noch bei Matschwetter und großem, kaltem Unwetter.

Wahrhaftig, ich kann mich noch heute nicht ruhigen Geistes und ohne inneres Schaudern an all das erinnern, was ich damals an diesem Tag gesehen habe.

Das Schicksal bot mir, gleichsam absichtlich, die günstigste Gelegenheit, den damaligen jämmerlichen Zustand der Armee zu sehen und all des Übels, das sie erlitt, Augenzeuge zu sein; denn da ich mich gerade zu dieser Zeit als Ordonnanz beim Feldmarschall befand, konnte ich mehr von allem sehen als zuvor beim Regiment, und eben deshalb kann ich ausführlicher von diesem unglücklichen und für viele verderblichen Tag erzählen.

Die niedrige Lage jener Gegenden und das damalige überaus schlimme Unwetter waren die Ursache, dass der ganze Weg, den die Armee nehmen musste, schon allein von den vorausziehenden Truppen, besonders der Kavallerie, so zerfahren war, dass auch wir mit dem Feldmarschall und seinem Tross, obwohl wir vor allen anderen losfuhren, schon sehr schlecht vorankamen; als aber die Artillerie mit ihren Lasten und die schweren Trosse heranwälzten, entstand überall ein so zäher Morast und Schlamm, dass ich ihn gar nicht beschreiben kann. Wie dem auch sei, wir kamen mit dem Feldmarschall noch sehr früh im bestimmten neuen Lager an und richteten uns ruhig ein: er in seinen riesigen Zelten und warmen kalmückischen Filzkibitken, wir aber in allerlei Zelten in seinem Tross. Ich hatte das Glück, auch hier unverhofft einen Bekannten zu finden. Beim Feldmarschall war gerade zu dieser Zeit, wie absichtlich, mein allernächster ländlicher Nachbar, Fürst Iwan Romanowitsch Gortschakow, diensthabender Major und Befehlshaber über uns alle, die Ordonnanzen. Diesen Mann hatte ich bis dahin überhaupt nicht gekannt; als er mich aber fragte, wer ich sei, und kaum meinen Familiennamen gehört hatte, sagte er mir sofort selbst, dass unsere Dörfer aneinandergrenzten, und war so freundlich zu mir, dass ich über die Maßen mit ihm zufrieden war. Er nahm mich sogleich unter seine besondere Obhut, und ich musste bei ihm zu Mittag und zu Abend essen, die ganze Zeit, solange ich als Ordonnanz diente.

Bald nach dem Mittagessen schleppte sich hinter uns auch die Infanterie irgendwie heran. Es war lächerlich und jämmerlich, sie anzusehen: Es gab keinen einzigen Mann, der nicht fast bis an die Knie im Schlamm gewesen wäre, viele aber waren von Kopf bis Fuß mit Schlamm beschmiert. Alle Regimenter wurden sofort in die für sie bestimmten Lager entlassen, doch diese Lager waren noch leer und ohne Zelte: denn die Trosse waren alle noch weit zurückgeblieben und noch gar nicht in Sicht. Ein elender Übergang über einen sumpfigen Bach, der sich noch in eben dem Dorf befand, wo wir zuvor gestanden hatten und von wo wir aufgebrochen waren, und die immer wieder zusammenbrechenden Brücklein, die in aller Eile darüber geschlagen worden waren, hielten sie so sehr auf, dass sie den ganzen Tag damit zubrachten, sich darüber hinwegzuquälen. Die armen Soldaten aber mussten lange Zeit ohne Zelte sein und Kälte und Nässe unter Schnee und Regen nur unter ihren Mänteln ertragen. Zu allem Unglück konnte man im neuen Lager auch nicht so viel Holz finden, dass man genug Feuer hätte anzünden und sich daran wärmen können; manche Regimenter aber waren noch unglücklicher: Ihnen fiel es wegen der Enge des Platzes zu, an einer Stelle zu lagern, die man für einen wahren Morast und Sumpf halten konnte und wo man nicht einmal eine Viertelstunde auf einem Fleck stehen bleiben konnte, wollte man nicht, dass sich an dieser Stelle eine Pfütze bildete und die Füße eine Viertelelle tief und mehr im Wasser standen, weil der Grund so schwammig war und nachgab.

Als endlich schon der Abend anbrach und von den Trossen erst die vordersten sich zu zeigen begannen, fing dies an, unseren Feldmarschall zu beunruhigen und in Sorge zu versetzen.

Er schickte immer wieder Ordonnanzen, um zur Eile anzutreiben. Doch all das hatte keinerlei Erfolg. Das Wetter wurde von Stunde zu Stunde schlechter und der Weg scheußlicher; bei Einbruch der Nacht aber wurde es so finster, dass man nicht die Hand vor Augen sah, und dazu so kalt, dass man es selbst im Pelz kaum aushalten konnte. Bedenken Sie nun, wie es unseren armen Soldaten erging, die ihre Fuhrwerke nicht erwarten konnten und auf der nassen Erde, in Regen und Schnee, nur unter ihren Mänteln übernachteten? Was aber mit dem armen Tross geschah, daran kann ich mich nicht ohne Mitleid erinnern; ich war zufällig Augenzeuge davon, und zwar auf folgende Weise:

Gerade um Mitternacht erwachte unser Feldmarschall, und als er hörte, dass noch nicht alle Trosse angekommen seien, wollte er noch eine Ordonnanz dorthin schicken. Ordonnanzen hatte er zwar viele, denn von jedem Regiment war eine da, doch es traf sich, dass damals keine zur Stelle war: Alle waren an verschiedene Orte ausgeschickt, und ich war als Einziger von allen übrig. Fürst Gortschakow hatte sich bis dahin noch so sehr bemüht, mich zu schonen, indem er mich absichtlich nirgendwohin schickte, doch nun hatte auch er keine Möglichkeit, mich mit diesem Auftrag zu verschonen. Mit größtem Bedauern kam er selbst zu mir ins Zelt, weckte mich aus dem Schlaf und sagte: „Steh auf, Andrei Timofejewitsch! Was soll man machen, so ungern ich Sie auch stören und zu dieser Zeit ausschicken möchte, die bloße Notwendigkeit gebietet es. Nehmen Sie es mir um Gottes willen nicht übel. Der Graf verlangt jetzt eine Ordonnanz, und es ist niemand da außer Ihnen, also gehen wir zu ihm.“ – Das ärgerte mich über die Maßen, denn ich hatte mich gerade erst unter meinem Schafpelz aufgewärmt und war eingeschlafen; da ich aber die Notwendigkeit selbst kannte, murrte ich nicht im Geringsten gegen den Fürsten, sondern folgte ihm geduldig.

Als ich zum Feldmarschall kam, konnte ich mich innerlich nicht enthalten, über das zu lachen, was ich dort sah. Ich fand ihn in einer riesigen, innen reich geschmückten und mit Kohlenbecken und Spirituslampen ordentlich geheizten Kibitka, auf Daunenbetten auf dem einen Bett liegend, auf dem anderen aber seinen Leibmedikus oder Arzt; doch womit, glauben Sie wohl, beschäftigte sich unser Heerführer unter den damaligen traurigen Umständen? Wahrhaftig, man schämt sich, es zu sagen. Er geruhte, Märchen von einem Grenadier anzuhören, der an seinem Kopfende an einem Tischchen saß und aus vollem Hals ungereimtes Zeug schwatzte. – Mein Gott, dachte ich damals bei mir: Das ist wahrlich eine passende Beschäftigung für den Feldmarschall einer so großen Armee und zu einer solchen Zeit! – Der Fürst meldete ihm sofort, er habe die Ordonnanz gebracht, und da begann er, mir Befehle zu erteilen. – „Hör zu, mein Freund!“, sagte er zu mir. „Reite den Weg entlang, den die Armee gezogen ist, bis zu eben dem Ort, von dem wir heute aufgebrochen sind, und sieh nach, wie viele Trosse noch unterwegs sind und ob sie alle über das Flüsschen gekommen sind; und wenn nicht alle, dann zähle mir, wie viele Fuhrwerke noch nicht übergesetzt haben.“ – „Zu Befehl, Euer Erlaucht!“, antwortete ich. „Nur ob man zählen kann, wage ich nicht zu hoffen: Die Dunkelheit ist jetzt so groß, dass man kaum einen Klafter weit etwas sieht.“ – „Nun, dann schau wenigstens nach Augenmaß, wie viele“, sagte er. „Reite nur los und komm schnell zurück.“

Nachdem ich diesen Befehl empfangen hatte, zog ich über die Uniform meinen Schafpelz, hüllte mich gut darin und in einen darüber gezogenen Umhang ein, nahm mir zwei Kosaken als Geleit und machte mich zu Pferd auf den Weg.

Einem der Kosaken befahl ich, vor mir zu reiten, damit ich erkennen konnte, wo ein Graben und wo ein Sumpf war, und um nicht, in eine Grube oder in den Morast geraten, vom Pferd zu fallen und mir den Hals zu brechen; dem anderen aber befahl ich, hinter mir zu reiten und keinen Schritt zurückzubleiben. Die Dunkelheit war in der Tat entsetzlich und der Weg so zerfahren und verdorben, dass ich jeden Augenblick darauf gefasst war, ebenfalls vom Pferd zu stürzen, wie es meinem vorausreitenden Kosaken schon mehr als einmal widerfahren war. Kaum hatten wir übrigens das Lager verlassen, als uns schon Fuhrwerke in einem Zustand und einer Lage begegneten, an die ich mich nicht ohne inneres Mitleid erinnern kann. Hier steckte ein Wagen im Schlamm, und die Pferde lagen, völlig entkräftet, ausgestreckt da. Anderswo stieß ich auf Pferde, die schon ganz verendet waren, und auf die Fuhrleute selbst, kaum noch am Leben, von Kälte und Nässe ganz gebrochen; weiter entfernt stieß ich auf Pferde und Fuhrleute, die vor Kälte gestorben waren: Jene waren, wie sie gingen, so umgefallen und verendet, diese aber saßen zusammengekauert hinter den Fuhrwerken – und waren so erstarrt. Hier standen nur Pferde bis an den Bauch im Morast, und der Fuhrmann lag eine halbe Werst von ihnen entfernt leblos da. Mit einem Wort: Der ganze Weg war voll von so traurigen Anblicken, dass ich sie nicht ohne inneres Schaudern ansehen konnte. Endlich sahen wir in der Ferne einen Feuerschein und dann Flammen, die den ganzen Horizont erleuchteten, und konnten leicht schließen, dass hier der Ort sein müsse, zu dem ich reiten sollte, und wo eben jener scheußliche Übergang war, der so viel Aufenthalt verursacht hatte. Ich ritt mit meinen Kosaken auf diesen Feuerschein zu und wäre wegen der Dunkelheit beinahe selbst im Morast und Sumpf stecken geblieben, doch schließlich gelangten wir irgendwie dorthin.

Doch was sah ich hier? Einige Hundert Fuhrwerke drängten sich am Übergang, und man hörte nur Geschrei, Lärm und Krachen. Einige von ihnen lagen vom Knüppeldamm in den Sumpf gestürzt und halb versunken; andere lagen auf der Seite; bei anderen waren die Achsen gebrochen, bei wieder anderen die Räder, und alles in größter Unordnung und in solchem Gedränge, dass ich keinerlei Möglichkeit hatte durchzukommen und sie nicht nur zu zählen, sondern auch nur mit einem Blick zu überschauen. Also begnügte ich mich mit der Frage, wie viele Trosse noch dort jenseits des Flüsschens seien, und hörte, dass es noch an die sechshundert und mehr dahinter seien. Da blieb mir nichts anderes übrig, als zurückzureiten; da wir aber, ich und die Kosaken, selbst erbärmlich durchgefroren waren, beschlossen wir, zuvor bei einem nahe gelegenen Feuer einzukehren, um uns zu wärmen.

Doch was für ein Feuer, glauben Sie wohl, war das? Ach! Auch daran kann ich mich nicht ohne Mitleid erinnern. Es war ein prächtiges Gebäude, das in Flammen stand. Zum Unglück lag gerade an der Stelle, wo dieser Übergang war, ein schönes preußisches Dorf; und da die Bauernhöfe groß, mit Stroh gedeckt und weit voneinander entfernt waren, zündeten die übersetzenden Unseren darin Hof um Hof an, um sowohl das Licht der Flammen zu nutzen als auch sich selbst zu wärmen. Mein Gott!, dachte ich bei mir, welch traurige Folgen bringt der Krieg mit sich! Was kann dieses arme Dorf dafür, dass es gerade an diesem Ort lag? Doch nachdem ich darüber getrauert hatte, leistete auch ich den anderen Gesellschaft, lag ein Weilchen auf einem Hügelchen, wärmte mich am Feuer und machte mich auf den Rückweg, um dem Feldmarschall alles zu melden, was ich vorgefunden und gesehen hatte. Kaum hatte dieser mich in seine Kibitka eintreten sehen, als er sofort fragte: „Nun, mein Freund, sind es noch viele?“ – „Sehr viele, Euer Erlaucht“, antwortete ich und erzählte ihm dann alles, was ich gesehen hatte, wie ich auf die über Weg und Felder verstreuten Fuhrwerke gestoßen war, wie ich viele tote Fuhrleute und Pferde gesehen hatte und das Übrige, was ich gesehen hatte.

Doch was, glauben Sie wohl, sagte er dazu? Nichts, sondern er befahl mir nur, an meinen Platz zu gehen, und dem Grenadier, das durch mein Kommen unterbrochene Märchen weiterzuerzählen.

Einen solchen Feldmarschall hatten wir auf unserem damaligen Feldzug! Die Menschen, die seiner Führung und Fürsorge anvertraut waren, kamen um und litten auf die grausamste Weise, er aber vergnügte sich zur selben Zeit damit, dumme und nur mit Ungereimtheiten angefüllte Märchen anzuhören. Was Wunder, dass die Armee auf diesem Rückmarsch ungleich größere Verluste erlitt als auf dem Hinmarsch nach Preußen. Doch ich kehre zu meinem Gegenstand zurück und will mit der Erzählung fortfahren.

Wegen all der oben erwähnten Umstände mussten wir an diesem Ort einen Rasttag einlegen und die Trosse abwarten, die erst am Abend des folgenden Tages alle ankamen. Diese Zeit wurde genutzt, um alle überflüssigen Sachen zu verbrennen. Alle Trosse wurden durchgesehen und alles Überflüssige verbrannt und weggeworfen. Wie viele Kanonen, wie viele Kugeln und Bomben, wie viel Pulver und andere Dinge und Kriegsgerät haben wir hier ins Wasser geworfen und in die Erde vergraben, weil wir nichts hatten, worauf wir sie fahren konnten! Doch all das half wenig. Die Last verringerte sich nur wenig, und die Mühe blieb dieselbe; und ich weiß nicht, wie wir angekommen wären, hätte sich nicht die Natur selbst unserer erbarmt und eine gewisse Veränderung im Wetter bewirkt, sodass es etwas trockener und besser wurde.

Übrigens sollte ich auch in dieser zweiten Nacht eine gewisse Unruhe haben. Da auch in dieser Zeit alle nötigen Vorsichtsmaßregeln gegen den Feind beachtet wurden, die angesichts der damaligen dunklen Nächte auch nicht überflüssig waren, hatte der diensthabende Generalmajor jeden Tag die Gewohnheit, bei Einbruch der Nacht das ganze Lager ringsum abzureiten und nachzusehen, ob überall alles ausgeführt werde, was befohlen war, und ob die nötigen Piketts aufgestellt seien. Er nahm gewöhnlich einige von uns Ordonnanzen mit, und in dieser Nacht musste auch ich in seinem Gefolge sein. Diensthabender Generalmajor war bei uns damals der später so berühmt gewordene Graf Pjotr Alexandrowitsch Rumjanzew, und mit ihm ritten wir damals, um alle Regimenter und Posten zu besichtigen. Ich kann mich noch heute nicht ohne Lachen an unseren damaligen Ritt mit ihm erinnern. Kein Lump, glaube ich, ist je so beschimpft und gescholten worden wie wir damals mit ihm. Das Lächerlichste aber war, dass wir, obwohl man uns aufs Unbarmherzigste und mit allen möglichen gemeinen Worten beschimpfte und schalt, genötigt waren, das geduldig und ohne den geringsten Ärger zu ertragen und, statt uns zu ärgern, nur darüber zu lachen. Die Ursache dafür war die äußerste Dunkelheit jener Nacht und der Umstand, dass wir, als wir durch die Regimenter ritten und an den Offizierszelten vorbeikamen, immer wieder mit den Füßen unserer Pferde an den Zeltschnüren hängen blieben und dadurch alle Zelte ins Wanken brachten und die Offiziere darin am Schlafen hinderten, die, ohne im Geringsten zu wissen, wer da so unvorsichtig ritt und ihre Ruhe zu stören wagte, sich ärgerten, schrien und uns erbarmungslos beschimpften, und das manchmal so trefflich, dass wir uns vor Lachen fast ausschütten mussten und es ihnen gern verziehen.

Nachdem wir auf die erwähnte Weise an diesem Ort zwei Nächte verbracht hatten, brachen wir am 23. wieder auf und marschierten in kleinen Tagesmärschen sowohl an diesem als auch am 24., 25., 26. und 27. ohne Rasttage und unter großer Not und Beschwernis, besonders wegen der Kälte und der noch anhaltenden Regenfälle.

Besonderes geschah in dieser Zeit nichts, außer dass wir wie wahre Barbaren überall Dörfer, Adelssitze und Weiler niederbrannten, und tagsüber stieg überall Rauch auf, nachts aber sah man allenthalben Feuerschein und Brände.

Welch ein Anblick für ein mitleidiges und menschenfreundliches Herz! – Da gab es keine Schonung für niemanden. Und wie prächtig eine Wohnstätte und ein Gebäude auch sein mochten, sie mussten zu Asche werden. Doch wozu? Nur deshalb, weil etwa zwei Schwadronen feindlicher Kavallerie uns verfolgten und es dem preußischen Feldmarschall gefallen hatte, sie uns nachzuschicken, um unseren Marsch und unsere Bewegung zu beobachten; der unsere aber konnte nicht begreifen, dass sie uns nichts Bedeutendes anhaben konnten, und statt sie verjagen zu lassen, hielt er es für besser, sie durch die Verwüstung aller hinter uns zurückbleibenden Orte und durch Preisgabe von allem an Feuer und Schwert aufzuhalten, ohne im Geringsten daran zu denken, dass er durch eine solche Grausamkeit unserer ganzen Nation vor aller Welt die größte Unehre und einen solchen Makel zuzog, der für immer in der Geschichte bleiben wird und der durch nichts abgewaschen werden kann; denn stellen Sie sich vor, lieber Freund, was unsere Feinde damals in den Zeitungen über diese Verheerung schrieben und welche Meinung von uns sie der ganzen Welt vermittelten:

„Die Russen“, sagten sie, „haben beim Abzug aus Preußen dort kein gutes Andenken an sich hinterlassen, sondern sich, bis sie die Grenzen verließen, nur mit Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten befasst. Die Stadt und das Amt Ragnit mit fast allen Dörfern seines Kreises sind völlig in Asche gelegt. Die Dörfer von sechzehn anderen Ämtern haben dasselbe Schicksal erlitten. Alles Vieh wurde den Einwohnern weggenommen und zum Teil abgeschlachtet. Eine sehr große Zahl von Dorfbewohnern wurde teils erschossen, teils verbrannt, teils in Gefangenschaft verschleppt, besonders junge Leute. Viele Geistliche wurden ausgepeitscht, andere mit glühenden Kohlen gefoltert, eine Menge Kirchen geplündert, welches Schicksal auch die Gruft des Generals la Cara in Wiedlacken traf, usw.“ Weiter schrieben sie, dass auch uns Russen preußische Bauern und Husaren an verschiedenen Orten nicht geringen Schaden zugefügt hätten, dass sie uns nicht nur vieles von uns Geraubte wieder abgenommen, sondern viele getötet und gefangen genommen und nicht wenige Trosse erbeutet hätten, und dass unter anderem von ihnen ein Oberst aus dem Korps des Generals Sibilski gefangen genommen und zur Armee gebracht worden sei, dem bis zu 3000 Taler Bargeld, zwei goldene Uhren und eine Kutsche mit sechs Pferden abgenommen worden seien; den Kosaken und Kalmücken aber sei keinerlei Schonung gewährt worden, und deshalb hätten sie sich auf diesem Rückmarsch nicht weit von der Armee entfernt.

Das schrieben die Preußen damals über uns! Ob aber all das wahr war oder nicht, kann ich nicht sagen; denn all das konnte von unseren seitab umherstreifenden Kalmücken und Kosaken herrühren; doch ist es auch wahr, dass die Preußen in ihren Berichten gewöhnlich vieles hinzulogen und aus einer Mücke einen Elefanten machten. Wenigstens hörten wir, die wir damals in der Armee waren, nichts von solchen Morden und Foltern und auch nichts von dem gefangen genommenen Oberst; dass wir aber Orte durch Feuer verheerten und verwüsteten, das lässt sich nicht bestreiten. Wir waren nicht nur Augenzeugen davon, sondern wurden auch selbst zum Niederbrennen von Dörfern ausgeschickt.

Mir selbst widerfuhr es einmal, dazu abkommandiert zu werden, ein schönes Dorf durch Feuer zu vernichten; doch ich war froh, dass ich einen anderen Offizier bewegen konnte, diesen Auftrag zu übernehmen, gegen den ich innerlich Abscheu empfand.

Nachdem wir auf die erwähnte Weise ganze fünf Tage ohne Rasttage auf dem Marsch verbracht hatten, ruhten wir endlich am 28. von unserem beschwerlichen Marsch aus und erhielten an diesem Ort eine kleine Freude, nämlich: Vom Hof traf der Befehl ein, der ganzen Armee ohne Anrechnung den Sold für ein Drittel des Jahres auszuzahlen. Außerdem ist mir aus diesem Zeitabschnitt im Gedächtnis geblieben, dass wir in diesen letzten Tagen, da wir ständig durch waldlose und eher sandige Gegenden zogen, großen Mangel an Brennholz hatten und genötigt waren, sowohl zum Wärmen als auch zum Kochen unserer Speisen Torf zu verwenden, den wir zum Glück in den preußischen Dörfern in großer Menge vorrätig fanden. Bei jedem Hof waren aus diesem Erdholz oder getrockneten Rasen riesige Stapel oder Haufen aufgeschichtet, und wir verbrannten davon, so viel wir wollten, und lernten bald, ihn ebenso zu gebrauchen wie Holz.

Am folgenden Tag setzten wir unseren Marsch fort, am 30. aber hielten wir wieder Rast, und an diesem Ort wurde die Armee aufs Neue in zwei Divisionen geteilt.

Von da an eilten wir nicht mehr so sehr, teils weil uns nur noch ein kurzes Stück zu marschieren blieb, teils weil die feindlichen Streifscharen endlich von uns abgelassen hatten und wir nun ohne jede Gefahr marschierten. So marschierten wir am Ersten des Oktober, am Zweiten und Dritten aber ruhten wir und schickten Kommandos voraus nach Memel, um Proviant zu empfangen und Brot zu backen. Dann legten wir am 4. wieder etwa sechs Werst zurück und standen dort wieder zwei Tage. In all dieser Zeit litten wir an nichts besondere Not, nur Kälte und eingetretener Frost setzten uns zu. Doch auch vor ihnen lehrte uns die Not, eine ziemlich behagliche Zuflucht zu finden. Wir Offiziere verließen alle unsere großen Offizierszelte und begannen, in kleinen Soldatenzelten zu wohnen, die wir mit Kohlenbecken und Holzkohle heizten; und damit die Wärme nicht so schnell entwich, verwendeten wir gewöhnlich zwei Zelte und stülpten das eine über das andere, und zwar so, dass das eine mit der Vorderseite hierhin, das andere in die entgegengesetzte Richtung zeigte. Die bis auf den Boden herabgelassenen Seitenbahnen nagelten wir dicht an die Erde; und damit die Kälte nicht von unten zu uns ins Zelt dringen konnte, schütteten wir die Ränder unten mit Erde zu; das obere Zelt aber besprengten wir ein wenig mit Wasser, damit die Wärme nicht so schnell hindurchdringen konnte. Durch all dies und das Heizen des Zeltes mit Kohlenbecken voller glühender Holzkohle erhielten wir sehr warme Zufluchtsstätten. Und da jeder von uns ein Bett hatte und mit sich führte, brauchten wir nicht auf der Erde zu schlafen und lagen darin wie in einer Badestube; schade nur, dass diese geborgte Wärme nicht lange anhielt, sondern bald verflog und dass wir das Heizen mehrmals am Tag wiederholen mussten; ebenso, dass der Eingang ins Zelt nicht sonderlich bequem war und uns zwang, uns zu bücken und unter der Wand hindurchzukriechen.

Endlich, am 7. Oktober, meinem Geburtstag, an dem ich in mein zwanzigstes Lebensjahr eintrat, erreichten wir unser ruhmreiches Memel und bezogen etwa zwei Werst vor dieser Festung ein Lager, der Feldmarschall aber nahm Quartier in der Stadt und hielt einen öffentlichen Einzug unter Kanonendonner.

Hier standen wir eine ganze Woche und befassten uns mit dem Empfang von Proviant und dem Backen von Brot sowie damit, uns mit anderen notwendigen Dingen zu versorgen, denn in dieser Stadt konnten wir schon allerlei bekommen und kaufen.

Während all dies geschah, zog die zweite Division unserer Armee unter dem Befehl des Generals en chef Browne von uns fort und wandte sich nach rechts in die hier angrenzende polnische Provinz Schamaiten oder Samogitien, wo ihr die Winterquartiere bestimmt waren. Wir aber blieben beim Feldmarschall, und alle Regimenter wurden brigadeweise aufgeteilt, von denen drei Brigaden in die Kantonierungsquartiere nach Kurland zogen, fünf Regimenter aber bei Memel blieben, denn diese Festung hielten wir es nicht für gut zu verlassen.

Unser Regiment hatte das Glück, zu jenen zu gehören, die zum Überwintern nach Kurland ziehen sollten. So setzten wir am 15. bei Memel über den Fluss, brachen auf und übernachteten am 16. an der polnischen Grenze beim Städtchen Polangen, am 17. aber erreichten wir endlich die kurländische Grenze und übernachteten beim Gut Budendiz, am Morgen aber hielten wir dort Rast.

Am 19. brachen wir wieder auf und bezogen, nachdem wir anderthalb Meilen zurückgelegt hatten, ein Lager beim Dorf Lagnger, am folgenden Tag aber, nach zwei Meilen, bezogen wir zum ersten Mal Quartiere und übernachteten darin.

Man kann nicht beschreiben, wie angenehm uns damals selbst die ärmsten Bauernhütten waren! Nach so vielen erduldeten Mühen, Kälte und Beschwernissen waren wir über die Maßen froh, endlich ins Warme zu gelangen, und uns waren selbst die elendesten lettischen Bauernstuben lieber als weiße steinerne Paläste. Doch darüber kann man sich auch nicht wundern, da damals schon tiefster Herbst war und Kälte mit täglichem Frost herrschte.

Am 21. brachen wir wieder auf und mussten, nachdem wir etwa drei Meilen zurückgelegt hatten, mangels Quartieren wieder in Zelten in der Kälte übernachten und, was noch ärgerlicher war, dort auch noch einen Rasttag verbringen.

Am 23. zogen wir weiter, kamen bis zur Kirche Ober-Sartau und bezogen alle Quartiere.

Am 24. teilte sich unsere Brigade, und das Kiewer Regiment zog nach links, wir aber mit dem 2. Moskauer nach rechts; bald darauf zog auch das 2. Moskauer Regiment von uns zur Seite ab, und wir blieben allein und übernachteten in Quartieren, die in den Dörfern bezogen wurden.

Am 25. zogen wir mit unserem Regiment noch weiter, übernachteten nach einem kleinen Marsch in Quartieren, und am folgenden Tag begannen sich schon die Kompanien von uns zu trennen und nach allen Seiten auseinanderzugehen; wir aber blieben bei den Fahnen.

Man kann nicht genug beschreiben, von welch angenehmen und besonderen Empfindungen ein solches Herannahen an die Winterquartiere begleitet ist.

Obwohl damals tiefer Herbst war, fuhren wir fröhlicher und angenehmer als im Frühling selbst. Jedes Wäldchen und jedes Gebüsch erschien uns lieblich, und der Gedanke, dass wir bald Ruhe finden würden, versüßte alles und verlieh allen sichtbaren Dingen einen gewissen besonderen Reiz.

Am 27. Oktober zogen wir weiter und kamen endlich in unsere eigentlichen Kantonierungsquartiere beim Gut Zierau in Kurland und verteilten uns auf die Dörfer ringsum.

So endete unser im Jahre 1757 unternommener erster preußischer Feldzug, über den Sie nun selbst urteilen mögen, ob er ruhmvoll oder ruhmlos war und ob er uns zum Nutzen oder zum Schaden und zur Unehre gereichte. Was mich betrifft, so weiß ich nur so viel, dass der ganze Nutzen einzig darin bestand, dass wir uns die Preußen angesehen, gelernt hatten, mit ihnen Krieg zu führen, erfahren hatten, wie man auf Feldzügen marschiert und was für Kriegsmühen es gibt, uns der Stadt Memel bemächtigt, den Preußen Furcht eingejagt und ihnen bewiesen hatten, dass wir zu kämpfen verstehen und nicht solche Schweine sind, für die sie uns hielten. Übrigens muss man auch sagen, dass dieser Feldzug viel Mühe und viele Verluste an Menschen wie an Geld und an allem Übrigen gekostet hat. Mit einem Wort: Er war eine Vorbereitung und Schule für unsere künftigen militärischen Operationen.

Damit beschließe ich meinen jetzigen Brief, und im nächsten werde ich erzählen, was weiter geschah; inzwischen verbleibe ich Ihr und so weiter.

53. Brief


Lieber Freund! Meinen letzten Brief habe ich damit beendet, dass wir nach der Rückkehr von unserem Feldzug in Kurland Winterquartiere bezogen; nun aber will ich, meine Erzählung fortsetzend, Ihnen sagen, dass wir in diesen Quartieren die übrige Zeit dieses Jahres aufs Ruhigste verbrachten. Die beiden verbleibenden Monate, November und Dezember, vergingen bei uns friedlich, und ich erinnere mich an keine wichtige und besondere Begebenheit, die sich um diese Zeit ereignet hätte. Das Hauptquartier nahm unser Feldmarschall in dem kurländischen Küstenstädtchen Libau, unserem Regiment aber waren, wie schon früher erwähnt, Quartiere in der Umgebung des Gutes Zierau zugewiesen, wo auch unser alter Oberst Quartier nahm. Was mich betrifft, so war ich in diesem Winter bei Weitem nicht so glücklich wie im vorangegangenen. Unserer Kompanie wurden Quartiere unweit des oben erwähnten Gutes zugewiesen; da ich aber um diese Zeit nicht mehr Kompaniechef war, weil der Leutnant selbst bei der Kompanie war, bezog dieser das beste Quartier, das für den Kompaniechef auf einem ansehnlichen Vorwerk bestimmt war; ich aber musste mich mit dem besten Bauernhof begnügen, der sich nur in allen unserer Kompanie zugewiesenen Dörfern finden ließ. Da aber alle dortigen Dörfer und Bauernhöfe kaum besser sind als die livländischen, kann man nicht sagen, dass mein Quartier beneidenswert war. Man wies es mir in einem Dorf etwa fünf Werst von meinem Leutnant entfernt an, und ich hielt es noch für ein Glück, dass sich ein solcher Bauernhof fand, an dessen Stube seitlich eine kleine Kammer mit drei hübschen kleinen Fensterchen und einem holländischen Ofen angebaut war, die zwar nicht sonderlich hell und durch die Nachlässigkeit der Bauern ziemlich verräuchert war, doch ich war wenigstens froh, dass der Ofen ordentlich war und ich nicht vom Rauch belästigt wurde, und was das Beste war: Sie war warm wie eine Badestube.

Diese Wärme war uns das Kostbarste von allem; denn nachdem wir auf dem Marsch so viel Kälte und Ungemach ausgestanden hatten, waren wir auch mit der elendesten Hütte zufrieden.

So war mein Quartierchen zwar recht bescheiden, doch ich war damit ausgesprochen zufrieden. Ich richtete es so gut her, wie es nur ging. Den zertretenen und verschmutzten Fußboden ließ ich ordentlich waschen und abschaben; meinen Ofen weißte ich; auch die Wände ließ ich gründlich abfegen, säubern und danach abwaschen; und um ihnen wenigstens ein wenig Schmuck zu verleihen, schlug ich zwei gemalte Porträts daran, die ich auf dem Marsch für einen Spottpreis Soldaten abgekauft hatte, welche sie bei der Plünderung des Allenburger Schlosses erbeutet hatten, und die die einzige Beute waren, die ich aus Preußen mitgebracht habe. Dann stellte ich mein Bettchen in die eine Ecke, in der anderen, neben dem Ofen und unter dem kleinen Fenster, stellte ich mein Feldtischchen auf und wies mir ein Plätzchen zum Sitzen an; und da wir Papier genug hatten, auch Tinte vorhanden war und das mit meinen Büchern bestellte Regalchen neben mir stand, so brauchte ich nichts weiter; und nachdem ich mich auf diese Weise eingerichtet und niedergelassen hatte, begann ich in der Wärme zu leben wie im Himmelreich, oder besser gesagt, wie ein Einsiedler, in vollkommener Abgeschiedenheit und Ruhe. Denn man muss wissen, dass mein Leutnant zwar ein ganz ordentlicher Mensch war, jedoch keiner, mit dem man angenehm die Zeit hätte teilen können; so hatte ich keine Lust, oft zu ihm zu fahren, und von den anderen Offizieren lag keiner in meiner Nähe. Was aber die dortigen Gutspächter oder kurländischen Edelleute betrifft, so waren diese Gegenden irgendwie öde, und es gab keinen Edelmann, der in der Nähe wohnte, sodass ich den ganzen Winter über keinen von ihnen zu sehen (bekam) und auch nicht hörte, dass irgendjemand hier in der Nähe lebte.

Aus all diesen Umständen war ich genötigt, allein und gleichsam wie eingesperrt zu leben; und diese Einsamkeit wäre mir gewiss bald überdrüssig geworden, hätte ich nicht Neigung zu den Wissenschaften gehabt und mir nicht seit langem angewöhnt, mich mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen; und eben diese Gewohnheit half mir in diesem Fall sehr viel, denn kaum hatte ich mich ganz eingerichtet, als ich mir sogleich eine Arbeit fand. Ich erwähnte schon früher, dass ich während des Feldzugs in müßigen Stunden das in Riga neu gekaufte Buch „Cleveland“ übersetzte; und da ich von diesem Buch schon ziemlich viel übersetzt hatte, nahm ich mir damals vor, diese Übersetzung ins Reine zu schreiben, in möglichst bester und schönster Schrift; ich machte mir also Hefte aus dem besten Postpapier und begann meine Übersetzung abzuschreiben, wobei ich zum Schreiben stets Tusche anrieb und beim Abschreiben all meine Kunst aufbot, um meinem Büchlein die größte Zier zu verleihen; und mit dieser Beschäftigung merkte ich gar nicht, wie die tiefe und langweiligste Herbstzeit verstrich.

Außerdem verschaffte mir der Zufall auch eine Art Gesellschafter.

Bei meinem Hauswirt wohnte ein alter Handwerker, der sich mit dem Nähen dörflicher Bauernkleidung befasste und für den eigentlich eben jenes Kämmerchen eingerichtet worden war, in dem ich damals wohnte. Anfangs wusste ich nicht, was das für ein Mensch war; denn da man ihn meinetwegen aus dem Kämmerchen vertrieben hatte, wohnte er in der Stube des Wirts und fiel mir nicht auf; da aber der Weg aus meinem Zimmer stets durch die Stube führte, sah ich ihn jeden Tag, erkundigte mich einmal nach ihm und erfuhr zu meiner allergrößten Freude, dass er von Geburt ein Deutscher war. Ich fing sogleich an, mit ihm zu sprechen, und fand, dass er ein überaus gutmütiges Alterchen war, viele Jahre in Königsberg selbst gelebt hatte und recht verständig war, sodass ich mich mit ihm bisweilen eine ganze Stunde und länger ohne Langeweile unterhalten konnte. Ich fragte ihn über Königsberg aus, und er erzählte mir alles, was ihm bekannt war. Kurz, ich gewann dieses Alterchen bald lieb und ließ ihn nicht selten in meinem Kämmerchen arbeiten, damit ich mich mit ihm über dies und jenes unterhalten konnte. Außerdem wurde er auch mein Lehrer im Lettischen; denn da er diese Sprache vollkommen beherrschte, fragte ich ihn aus Neugier, wie dies und jenes auf Lettisch heißt, und schrieb es in ein Heft.

Mit diesen unschuldigen und einsamen Beschäftigungen verbrachte ich meine Zeit. Da mich aber der Mangel an den nötigsten Lebensmitteln, dem sogenannten Vorrat, der während des Feldzugs ganz aufgebraucht worden war, daran erinnerte, dass ich mich neu damit versorgen musste, und da ich überdies weder einen großen Pelz noch einen ordentlichen Schafpelz zum Tragen und vieles andere nicht hatte, so beschloss ich, um all dessentwillen einen meiner Leute auf mein Gut zu schicken, sowohl um mir diesen Vorrat zu bringen als auch um in Moskau alle nötigen Dinge zu kaufen, die mir fehlten, ebenso wie Geld, an dem ich gleichfalls großen Mangel litt — und mein Jakow musste sich auf einem Pferdchen auf diesen weiten Weg machen.

Bald danach ereignete sich in unserer Kompanie eine gewisse Veränderung. Mein Leutnant wurde zum Hauptmann befördert, und an seiner Stelle erhielt ich einen anderen Vorgesetzten, nämlich den Leutnant Herrn Michail Jemeljanowitsch Nepeizyn. Und da dieser Mann klüger und von unvergleichlich besseren Eigenschaften und besserem Charakter war als Herr Korschawin, so entstand zwischen uns sehr bald eine ausnehmende Freundschaft. Er gewann mich außerordentlich lieb, und da er damals geradewegs aus Polen kam, wo er sich zur Beschaffung von Proviant aufgehalten und dabei Gelegenheit gehabt hatte, sich zu bereichern und Geld und alles Übrige reichlich mitzubringen, begann er mich zu überreden, mit ihm zusammen auf das Vorwerk zu ziehen, und ließ mir so lange keine Ruhe, bis ich einwilligte. Da ich mich an meine Hütte gewöhnt hatte, wollte ich mich anfangs nicht recht von meiner lieben Einsamkeit trennen; doch seine Bitten und überdies der Mangel an Proviant und die Schwierigkeit, ihn in den kurländischen Dörfern zu beschaffen, bewogen mich schließlich, sie aufzugeben und zu ihm zu ziehen; und ich kann sagen, dass ich keinen Grund hatte, es zu bereuen.

Die Freundlichkeiten, die er mir erwies, und seine Freundschaft gingen so weit, dass er keinesfalls zulassen wollte, dass ich selbst irgendwelchen Proviant kaufte; er verköstigte mich auf seine Kosten, und wir lebten miteinander wie leibliche Brüder und, ich kann sagen, recht vergnügt.

Unser Quartier war recht gut; zu essen und zu trinken war da, und im Gespräch mit ihm verging die Zeit nicht langweilig; außerdem hatte ich die Freiheit, mich, so viel ich wollte, auch mit meinen eigenen Beschäftigungen abzugeben. Kurz, mit diesem Gefährten war ich vollkommen zufrieden, und mit ihm lebend, merkte ich nicht, wie die beiden letzten Monate dieses Jahres verflossen.

Dennoch war es mir nicht vergönnt, lange mit diesem liebenswürdigen Menschen zusammenzuleben. Vor dem Jahresende ereignete sich mit mir noch eine weitere Veränderung. Unserem Herrn Oberst fiel es aus irgendeinem Grund ein, mich aus der bisherigen in die Grenadierkompanie zu versetzen, und ich musste gegen meinen Wunsch den bisherigen Gefährten verlassen und in die neue Kompanie und in ein drittes Quartier ziehen. Doch auch in diesem Fall war mir das Glück hold. Der Hauptmann dieser Kompanie war ein sehr guter und verständiger Mann, im Kadettenkorps erzogen, der Französisch und Deutsch konnte und im ganzen Regiment für den besten und klügsten Hauptmann galt. Er hieß Iwan Nikititsch, mit Familiennamen Gnewuschew. Dieser Mann hatte schon zur Zeit meines seligen Vaters in unserem Regiment gedient und war von ihm um seiner Vorzüge willen geschätzt worden. Daher kannte er auch mich schon von Kindesbeinen an und, ich kann sagen, hatte mich seit jener Zeit lieb. Später erfuhr ich, dass es auf sein Betreiben geschehen war, dass man mich in seine Kompanie versetzt hatte; denn als in seiner Kompanie eine Unterleutnantsstelle frei wurde, erbat er mich, meine Fähigkeiten kennend, vom Oberst. Da dies aber gegen meinen Willen und Wunsch geschehen war, wollte er nicht zulassen, dass ich in einer lettischen Bauernstube Quartier nahm und Not und Ungemach litt, sondern überredete mich auf dieselbe Weise, mit ihm zusammen in einem Quartier zu wohnen, worauf ich gern einging; und ich kann sagen, dass ich mit seiner Gesellschaft und Freundschaft nicht weniger zufrieden war als mit Herrn Nepeizyn.

Nun wollen wir an dieser Stelle eine Weile innehalten, uns für ein Stündchen anderen Dingen zuwenden und sehen, was um diese Zeit anderswo geschah.

Während wir auf die erwähnte Weise aus Preußen zurückkehrten und dann ruhig in Samogitien und Kurland in den Quartieren lagen, loderte in Europa der Krieg dagegen in vollen Flammen weiter. Dem preußischen König war der übrige Teil dieses Sommers, besonders aber der Herbst, ganz besonders günstig. Der unverzeihliche Fehler, den wir und fast zur selben Zeit der französische Marschall Richelieu begingen, diente gleichsam als Signal dafür, dass sich alle seine trüben Umstände zum Besten wenden sollten.

Durch diese beiden für ihn höchst vorteilhaften Ereignisse fasste er gleichsam neuen Mut und begann darüber nachzusinnen, wie er mit seinen übrigen Feinden fertig werden könnte, besonders mit der sogenannten Reichsarmee, die aus verschiedenen kleinen Reichsfürstentümern zusammengezogen war.

Diese hatte sich zu Frühlingsbeginn bei Nürnberg aus verschiedenen Gegenden bis zu 20 000 Mann stark versammelt, bis sie sich im August mit der französischen Armee unter dem Befehl des Prinzen Soubise vereinigte, in Sachsen einrückte und den preußischen König angreifen wollte. Von der anderen Seite bedrängten ihn die Kaiserlichen. Ihr geschickter Heerführer Graf Daun, der den preußischen Truppen auf dem Fuße folgte, legte ihnen bei ihren Unternehmungen allenthalben so große Hindernisse in den Weg und bereitete ihnen so viel Ungemach, dass sie eine gewaltige Menge an Truppen, Trossen, Pontons und selbst Magazinen verloren und schließlich nicht mehr wussten, was zu tun war. Von der dritten Seite waren die Schweden bereits von Pommern her in die preußischen Grenzen eingedrungen, und von der vierten waren, wie erwähnt, wir in Preußen eingerückt. In dieser äußersten Not und von allen Seiten bedrängt, entschloss sich der König beinahe aus Verzweiflung, sich noch einmal mit den Kaiserlichen zu messen und zu schlagen, und zog auch tatsächlich aus, sie anzugreifen; als er aber ihren Feldmarschall mit der Armee an einem so vorteilhaften und unzugänglichen Ort stehend fand, dass dies ohne offenkundige Gefahr nicht möglich war, musste er, nachdem er fast einen ganzen Tag mit bloßem Kanonenfeuer gegen ihn verbracht und vergeblich alle Mittel versucht hatte, an ihn heranzukommen, unverrichteter Dinge abziehen und sich nach Sachsen zurückwenden.

Hier entsandte er ein ansehnliches Korps nach Schlesien zur Deckung der Grenzen und der Stadt Schweidnitz und begann selbst darüber nachzudenken, wie er sich vor dem scharfsichtigen Grafen Daun verbergen und davonziehen könnte, um der Reichsarmee entgegenzutreten und sie zu schlagen. Diese bereitete ihm damals mehr Sorge und Unruhe als alles andere; denn allein durch ihren Einmarsch konnte sie ihm ganz Sachsen entreißen, bis Magdeburg vordringen und diese Stadt in dieselbe Gefahr bringen, in der sich Berlin durch die Schweden befand. Zur Ausführung dieses Vorhabens musste der König all seine List und Kunst aufbieten, und es gelang ihm auf das Erwünschteste. Er löste einen ansehnlichen Teil der Truppen von der Hauptarmee und zog so heimlich ab, dass Daun es lange nicht in Erfahrung bringen konnte.

Unterdessen musste die von ihm zurückgelassene Hauptarmee unter dem Befehl des Prinzen von Bevern, dem der berühmte und geschickte General Winterfeldt, auf den der König am meisten baute, zur Unterstützung beigegeben war, viel Übel und Ungemach von den Kaiserlichen erdulden. Der erwähnte General Winterfeldt stand mit einem abgesonderten Detachement in einiger Entfernung von der Hauptarmee. Der kaiserliche Feldmarschall Graf Daun vereinigte sich mit dem Prinzen von Lothringen, rückte heran und schlug der preußischen Armee gegenüber sein Lager auf, und der kaiserliche General Nádasdy griff das Korps des Generals Winterfeldt an und schlug es nicht nur, wobei die Preußen etwa 1500 Mann verloren, sondern brachte ihnen einen höchst empfindlichen Schlag durch den Tod des Generals Winterfeldt selbst bei, der in diesem Gefecht tödlich verwundet wurde. Der Prinz von Bevern war ohne ihn wie vor den Kopf gestoßen, vergaß die Deckung der schlesischen Grenzen und zog ins Innere Schlesiens nach Liegnitz; überdies machte er es noch ärger und schwächte seine Armee, indem er bis zu 15 000 Mann in verschiedene Festungen verteilte, und setzte sich dadurch außerstande, der kaiserlichen Armee zu widerstehen, die ihm auf dem Fuße folgte, ihm überall Schaden zufügte, ihn bis nach Breslau trieb und ihn zwang, ganz Schlesien zu entblößen und es beinahe den Kaiserlichen preiszugeben und ihrer Willkür zu überlassen, was die Kaiserlichen sich auch nicht entgehen ließen. Ihr General Nádasdy umschloss sogleich die berühmte Festung Schweidnitz und traf alle Vorbereitungen zur Belagerung, und ein anderer General, Hadik, zog mit einem kleinen Korps leichter Truppen geradewegs auf das entblößte und schutzlose Berlin, zwang diese Hauptstadt, ihm eine nicht geringe Kontribution zu zahlen, und die Königin, sich mit dem ganzen Hof durch die Flucht zu retten und nach Spandau zu entweichen.

Doch diese Herrschaft über die preußische Hauptstadt dauerte nicht länger als einen Tag und eine Nacht, und dieser denkwürdige Tag war der 5. Oktober.

Während all dies geschah und die Kaiserlichen auf die erwähnte Weise in Schlesien und in Brandenburg selbst schalteten und walteten, befand sich der preußische König selbst, wie oben erwähnt, auf dem Feldzug gegen die mit den Franzosen vereinigte Reichsarmee, die, in Sachsen eingerückt, sich bereits in der Umgebung von Leipzig ausgebreitet hatte und geradewegs auf Magdeburg und Berlin zog; dem König gelang es sogleich, sie mit seinen Detachements aufzuhalten. Er zog nach Erfurt, zwang die Verbündeten, es zu räumen, und bemächtigte sich dieser Stadt. Hier musste er lange Zeit stehen und überallhin entfernte Korps zur Deckung von Magdeburg, Leipzig und Berlin entsenden und unterdessen mit den Feinden den kleinen Krieg führen, was fast bis in den November hinein andauerte. Beide Armeen ergingen sich in Märschen und Gegenmärschen, und es schlugen sich nur ihre verschiedenen abgesonderten Detachements miteinander, mit wechselndem Erfolg.

Endlich, am 24. Oktober, kam es unweit von Leipzig beim Dorf Roßbach zur entscheidenden Schlacht, und dem preußischen König gelang es trotz der geringen Zahl seiner Truppen und der unvergleichlichen Übermacht der verbündeten Reichsarmee, die unter dem Befehl des Generalissimus Prinzen von Hildburghausen und des Soubise stand, diese auf wundersame und beinahe unglaubliche Weise vernichtend zu schlagen. Eine geschickt angewandte Kriegslist half ihm, diese große und ruhmreiche Tat zu vollbringen. Er stellte sich, als fürchte er die Reichsarmee und ziehe sich nach Merseburg zurück. Die Reichstruppen und die Franzosen, die dies seiner Feigheit zuschrieben, hielten den Sieg für gewiss und schon halb gewonnen, jagten ihm ohne sonderliche Vorsicht nach — gerieten aber plötzlich gleichsam in einen Hinterhalt und fanden den König in bester Ordnung und zur Schlacht bereit stehend. Eine ganze Hälfte seiner Armee war hinter einem Hügel verborgen, und die darauf stehenden Zelte verdeckten sie vor den Augen des Feindes. Als man aber die Zelte plötzlich abbrach, kam sie zum Vorschein und versetzte die Feinde durch ihren Anblick in große Verwirrung, die der König sogleich nutzte: Er griff mit seiner Reiterei tapfer ihre Reiterei an, brachte diese in Unordnung und schlug sie in die Flucht, und ihr folgte auch die ganze Infanterie.

Diese ruhmreiche Schlacht dauerte nicht lange, war aber sehr blutig. Die verbündete Armee bestand zwar aus 60 000 Mann, die preußische aus nicht mehr als 30 000, doch die erstere wurde so geschlagen und in solche Zerrüttung und Unordnung gebracht, dass auf dem Schlachtfeld nicht mehr als 2000 Mann übrig blieben. Sie verlor über 10 000 Mann, und die Preußen nahmen bis zu 7000 Mann gefangen, darunter 11 Generale und 250 Offiziere, und erbeuteten überdies 63 Kanonen, 15 Standarten und 7 Fahnen. Kurz, der vom preußischen König errungene Sieg war vollständig und ruhmreich. Er lud die gefangenen Offiziere zu sich zum Abendessen ein und bat sie, nicht ungehalten zu sein, dass der Speisen so wenige seien und er sie so schlecht bewirte, denn er habe keineswegs erwartet, an diesem Abend so viele Gäste bei sich zu haben.

Im Übrigen hatte dieser Sieg wichtige Folgen. Der preußische König erhielt dadurch freie Hand und konnte seinem bedrängten Schlesien und dem Prinzen von Bevern zu Hilfe eilen.

In den Hannoveranern erwachte wieder der Mut, und sie brachen ihren Vertrag und begannen erneut Krieg zu führen. Die Franzosen waren wie gelähmt, und selbst die Kaiserlichen gerieten in Verwirrung und eine Art Kleinmut.

Dennoch gelang es dem König, so sehr er auch dem Prinzen von Bevern, der verschanzt bei Breslau stand, zu Hilfe eilte, nicht, rechtzeitig einzutreffen. Die Kaiserlichen, die von seinem Sieg bei Roßbach und von seinem Anmarsch gehört hatten, griffen den Prinzen von Bevern vor seiner Ankunft in seinen Verschanzungen an, warfen die Preußen trotz aller Schwierigkeiten und tapferer Gegenwehr am 13. November daraus hinaus, nahmen dann den Prinzen von Bevern selbst gefangen und zwangen die Preußen zum Abzug. Dieser Erfolg hatte zur Folge, dass noch am selben Abend auch die Stadt Breslau kapitulierte, und schon einige Zeit vorher hatte sich auch die Festung Schweidnitz dem General Nádasdy ergeben, und dem König gelang es nicht, auch dieser Stadt Entsatz zu bringen.

Doch all diese von den Kaiserlichen errungenen Erfolge und Vorteile, obgleich sie den preußischen König in große Bedrängnis brachten, währten nicht lange. Der Vorsehung gefiel es, nicht ihnen, sondern dem preußischen König die Früchte aller Blutopfer und Mühen dieses Sommers zuzusprechen. Er, durch die erwähnten Erfolge der Kaiserlichen in äußerste Zerrüttung gebracht und Schlesiens fast ganz verlustig gegangen, entschloss sich, noch einmal sein Glück zu versuchen und sich mit den Kaiserlichen zu schlagen, in der Hoffnung, durch einen Sieg die ganze Lage zu wenden; daher zog er trotz aller Beschwerden des späten Herbstes und der äußersten Erschöpfung seiner Armee aus, die Kaiserlichen zu suchen, um ihnen eine Schlacht zu liefern. Die Kaiserlichen, die die geringe Zahl seiner Armee kannten, erschraken darüber nicht nur nicht, sondern spotteten sogar verächtlich über sie und nannten sie nicht eine Armee, sondern eine Berliner Wachparade. Indessen dachte ihr weiser und vorsichtiger Feldmarschall Daun ganz anders, ließ sich dadurch nicht blenden, bezog bei Schweidnitz eine sehr vorteilhafte Stellung und wollte keinesfalls selbst dem Feind entgegenziehen, sondern wartete, dass der König käme, ihn anzugreifen. Da er aber nicht allein den Befehl über die kaiserliche Armee führte, sondern gemeinsam mit dem Prinzen von Lothringen, dieser aber anderer Meinung war und selbst dem König entgegenziehen und ihm eine Schlacht liefern wollte, so führte diese Uneinigkeit dazu, dass ein Kurier nach Wien geschickt wurde, um zu fragen, was zu tun sei; und als befohlen wurde, auszurücken und dem Feind eine Schlacht zu liefern, lieferte der preußische König, der nichts anderes wünschte, ihnen, als er bei Lissa und dem Dorf Leuthen auf sie traf, am 24. November ein blutiges und so erfolgreiches Treffen, dass die Kaiserlichen völlig geschlagen wurden und in dieser Schlacht 301 Offiziere und 21 000 Mann, 134 Kanonen und 59 Fahnen verloren. Doch damit noch nicht genug: Das Unglück der Kaiserlichen sollte sich durch den erneuten Verlust Breslaus noch vergrößern. Der Prinz von Lothringen schickte zwar, um diese Stadt zu retten, ein ansehnliches Korps mit zahlreicher Artillerie hinein, doch dies diente nur zu umso größerem Verlust; denn der preußische König verlor keine Zeit, belagerte sie und nahm sie trotz aller Härte des Wetters und aller Schwierigkeiten ein.

Dieser Verlust Breslaus kostete die Kaiserlichen 13 Generale, 680 Offiziere und 17 000 Gemeine.

So endete der Feldzug dieses Jahres mit großem Verlust und Nachteil für die Kaiserlichen. All ihre Mühen, Schlachten, Verluste und errungenen Vorteile brachten ihnen nicht den geringsten Nutzen. Sie mussten nach Böhmen abziehen und ganz Schlesien wieder den Preußen überlassen. Nur die Stadt Schweidnitz blieb in ihren Händen; doch das war ein sehr geringer Vorteil. Kurz, den Preußen gelang es wider alles Erwarten und zur Verwunderung ganz Europas, diesen Feldzug mit großem Vorteil für sich zu beenden; denn sogar die Schweden hatte ihr Feldmarschall Lehwaldt, nachdem er aus Preußen zurückgekehrt war und sich von uns freigemacht hatte, noch unter Verlusten aus den preußischen Grenzen vertrieben.

Da haben Sie eine kurze Darstellung der Ereignisse, die sich damals in Europa zutrugen und mit denen das Jahr 1757 endete: So gestatten Sie auch mir, an dieser Stelle meinen gegenwärtigen Brief zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich Ihr treuer Freund bin und so weiter.

DIE EINNAHME KÖNIGSBERGS

54. Brief


Lieber Freund! Während auf die oben erwähnte Weise im allertiefsten Herbst des Jahres 1757 der Krieg in den preußischen, kaiserlichen und sächsischen Landen auf das Grausamste wütete und ganze Zehntausende von Menschen das Leben verloren, noch mehr in Gefangenschaft gerieten, die Felder sich mit Menschenblut röteten, unzählige arme Landleute ihre Häuser und ihr ganzes Hab und Gut verloren und noch mehr unter der Last der Abgaben litten und darunter, dass man ihnen alle für ihren Unterhalt angelegten Lebensmittel und Futtervorräte wegnahm, — ruhten wir in Polen und in Kurland von unseren Mühen aus und verbrachten diesen ganzen Herbst und den Anfang des Winters in Frieden, Stille und erwünschtester Ruhe. Ohne etwas von all diesen Ereignissen zu wissen, lebten wir hier in unseren ruhigen Quartieren und vergnügten uns nur.

Doch so ruhig wir waren, so sehr beunruhigte unsere Regierung der schlechte Ausgang unseres ersten Feldzugs. Mit der unerwarteten und schmählichen Rückkehr unserer Armee aus Preußen und mit dem ganzen Verhalten unseres Feldmarschalls Apraxin war die damals über uns herrschende Kaiserin äußerst unzufrieden; und obwohl, um die Schande zu verdecken, bekannt gemacht wurde, diese Rückkehr unserer Armee sei auf Befehl der Kaiserin selbst erfolgt, und zwar angeblich deshalb, weil die Kaiserlichen selbst schon in Schlesien eingedrungen seien und wir es daher nicht nötig hätten, weiterzuziehen und unseren Marsch bis Schlesien fortzusetzen, und dass überdies die Truppen wegen der Krankheit der Kaiserin im eigenen Vaterland gebraucht würden, — so war doch allen bekannt, dass dies nur zum Schein verkündet worden war, in Wahrheit aber wussten alle, dass er es eigenmächtig getan hatte.

Und eben dies zog ihm den Zorn der Kaiserin zu, weshalb er, kaum nach Kurland zurückgekehrt, nach Petersburg abberufen wurde, um über sein Verhalten Rechenschaft abzulegen.

Diese Rückreise in die Hauptstadt war für diesen Heerführer höchst unheilvoll und unglücklich. All seiner früheren Pracht beraubt, musste er reisen wie einer, der vor aller Welt in Schande geraten ist, fast insgeheim, und die Gerüchte über das Unheil, das ihn in Petersburg erwartete, beunruhigten ihn so sehr, dass er unterwegs erkrankte und schon krank nach Narva gebracht wurde. Doch damit nicht genug. Das Unglück ereilte ihn schon in dieser Stadt, denn es kam der Befehl, ihn nicht bis Petersburg vorzulassen, sondern ihn hier zu verhaften und von einer eigens dazu eingesetzten Kommission untersuchen zu lassen. Und dies traf den Armen so schwer, dass er in wenigen Tagen das Leben verlor, um das niemand trauerte außer seinen Verwandten und Klienten allein, denn im Übrigen war das ganze Reich mit ihm unzufrieden.

So ging dieser Mann zugrunde, der kurz zuvor ein so vornehmer und prächtiger Würdenträger gewesen war, und wurde vom Schicksal selbst für seine Treulosigkeit gegenüber dem Vaterland bestraft und für eine Tat, die so vielen Menschen großes Unglück gebracht hatte.

Unterdessen wurde der Befehl über die in Kurland und Polen verbliebene Armee dem General en chef Grafen Fermor übertragen. Und da dieser General allen als ein sehr verständiger und eifriger Mann bekannt war, war die ganze Armee mit diesem Wechsel außerordentlich zufrieden. Er versäumte auch nicht, durch seine Bemühungen und klugen neuen Anordnungen diese gute Meinung von ihm sogleich zu rechtfertigen.

Die erste und allerwichtigste Sorge dieses Generals galt der Frage, wie er die ganze Armee mit allem Nötigen versorgen und sich dann so schnell wie möglich des ganzen preußischen Königreichs bemächtigen könnte, um dadurch einerseits den vom Grafen Apraxin begangenen Fehler wiedergutzumachen, andererseits aber den Wunsch unseres Hofes und der Kaiserin zu erfüllen. Denn da inzwischen die Nachricht eingegangen war, dass der preußische König sein ganzes preußisches Königreich von Truppen entblößt und diese, wie oben erwähnt, zur Vertreibung der Schweden aus Pommern verwendet habe, so wurde, um ihm keine Zeit zu lassen, seine Armee wieder dorthin zurückzuführen, befohlen, sich auf das Äußerste zu beeilen und, diese Gelegenheit nutzend, das ganze preußische Königreich ohne weiteres Blutvergießen zu besetzen und in Besitz zu nehmen.

Infolgedessen hatte dieser General kaum den Befehl übernommen und die erwähnte Weisung erhalten, als er schon alle nötigen Vorbereitungen zum Einmarsch in Preußen zu treffen begann. Und da beschlossen war, dies nicht erst im Frühjahr, sondern noch zur Winterszeit zu tun, wartete er mit größter Ungeduld, bis das Meer oder vielmehr jene schmale Meeresbucht, die unter dem Namen Kurisches Haff bekannt ist {Kurisch-Haff.} — und die, vom Meer durch einen schmalen und langen Landstreifen getrennt, sich von Memel bis zum Städtchen Labiau erstreckt —, sich mit so dickem Eis bedecken würde, dass man darüber auf dem geraden und kürzesten Weg mit den Truppen samt aller nötigen Artillerie nach Königsberg ziehen könnte.

Seine Ungeduld war so groß, dass man ihm jeden Tag von dort Eis brachte, damit er nach dessen Dicke urteilen konnte, ob es die Last der Artillerie zu tragen vermöge.

Da dies aber nicht vor dem allerletzten Ende des Jahres 1757 eintrat, wurde gerade der Beginn des darauffolgenden Jahres 1758 durch den erneuten Einmarsch unserer Truppen in das preußische Königreich denkwürdig. Graf Fermor war schon in den letzten Tagen des vergangenen Jahres von Libau nach Memel übergesiedelt, rüstete hier ein kleines Korps aus, sammelte es, nahm die nötige Artillerie mit und zog am 5. Januar über das Haff geradewegs auf Königsberg, wobei er einem anderen Korps unter dem Befehl des Generalmajors Grafen Rumjanzew befahl, zur selben Zeit von Polen her in Preußen einzurücken und sich der Stadt Tilsit zu bemächtigen.

Der Erfolg dieses Unternehmens und Marsches war der allererwünschteste. Die Truppen des Grafen Fermor gelangten noch am selben Tag ohne sonderliche Beschwerde über das Eis bis zur Insel Ruß und bemächtigten sich des dort befindlichen Amtes {Deutsch — „Amtssitz“; hier: im Sinne von Befestigungen.}, und die von Polen her eingerückten Truppen nahmen ohne jeden Widerstand Tilsit ein, wo Graf Rumjanzew, als er hörte, dass sich in der Stadt Gumbinnen noch eine kleine preußische Garnison befinde, Truppen zu ihrer Gefangennahme entsandte; doch diese trafen sie nicht mehr an, denn als sie von der Annäherung der Unseren hörte, hatte sie es für ratsam gehalten, sich beizeiten zurückzuziehen. So rückten die Unseren ohne jeden Widerstand in alle Flecken und Städte ein und nahmen überall den Einwohnern den Eid ab, Untertanen unserer Kaiserin zu sein und ihr die Treue zu halten.

Endlich vereinigte sich Graf Fermor mit allen fünf Truppenkolonnen, die von verschiedenen Seiten unter dem Befehl der Generalleutnants Saltykow, Resanow, Graf Rumjanzew und der Generalmajore Fürst Lubomirski und Leontjew in Preußen eingerückt waren, zog geradewegs und ohne Rasttage in die Stadt Labiau, und als er am 9. dort ankam, fand er bei der dortigen Obrigkeit bereits einen Befehl der Königsberger Regierung vor, dass man uns im Falle des Einmarsches unserer Truppen alles, was wir auch verlangen würden, ohne jeden Widerstand verabfolgen und allen Befehlen des Grafen Fermor gehorchen solle.

Von diesem Ort schickte dieser General den Oberst Jakowlew mit 400 Grenadieren und 8 Kanonen, ferner 9 Eskadronen Reiterei unter dem Befehl des Brigadiers Demiku sowie 3 Husarenregimenter und die Tschugujewer Kosaken unter der Führung des Brigadiers Stojanow geradewegs nach Königsberg. Da inzwischen auch Abgeordnete zu ihm kamen, die von der Königsberger Regierung mit der Bitte der ganzen Stadt und des Königreichs geschickt worden waren, man möge sie unter den Schutz der Kaiserin nehmen und bei ihren Privilegien belassen, so versicherte er sie der monarchischen Gnade und begab sich selbst der erwähnten Vorhut nach in die genannte Hauptstadt.

So war der 11. Januar der Tag, an dem unsere Truppen in Königsberg einzogen, und bald nach ihnen traf dort auch der Oberbefehlshaber selbst ein.

Sein Einzug in diese Stadt war prachtvoll und glanzvoll. Alle Straßen, Fenster und Hausdächer waren mit unzähligem Volk übersät. Der Zulauf war gewaltig, denn alle brannten {Strebten begierig danach.} darauf, unsere Truppen und den Befehlshaber selbst zu sehen; und da noch das Läuten der Glocken in der ganzen Stadt und das Blasen der Trompeten und Schlagen der Pauken auf allen Türmen und Glockentürmen hinzukam, das während des ganzen Zuges andauerte, verlieh all dies ihm noch mehr Pracht und Glanz.

Der Graf nahm Quartier im Königlichen Schloss, und zwar in eben jenen Gemächern, in denen zuvor Feldmarschall Lehwaldt gewohnt hatte {Er war von Friedrich II. zur Verteidigung Ostpreußens zurückgelassen worden und griff als Erster die russische Armee bei Groß-Jägersdorf an, erlitt aber eine Niederlage.}, und wurde hier von allen Mitgliedern der Königsberger Regierung empfangen, ebenso vom Adel wie von der vornehmsten Geistlichkeit, der Kaufmannschaft und den übrigen angesehensten Leuten der Stadt. Alle brachten ihm ihre Glückwünsche dar, begaben sich unter den Schutz der Kaiserin und baten ihn, auf gute Mannszucht zu halten, was er ihnen auch versprach.

Am folgenden Tag wurde dem Allerhöchsten ein feierlicher Dank dargebracht, und der Oberbefehlshaber, nachdem er den Grafen Bruce mit einem Bericht über dieses glückliche Ereignis nach Petersburg geschickt hatte, traktierte die gesamte Generalität und alle angesehensten Leute mit einer Mittagstafel {Bewirtete, lud zum Mittagessen.}, und am Morgen darauf wurde die ganze Stadt vereidigt, und die oberste Verwaltung des ganzen preußischen Königreichs ging an die Unseren über.

Kaum hatte Graf Fermor sich auf die erwähnte Weise der Stadt Königsberg bemächtigt und alle Behörden in seine Gewalt gebracht, als seine allererste Sorge der Verlegung der in Preußen eingerückten Truppen in die Winterquartiere und der Besetzung aller wichtigsten Orte sowohl im ganzen preußischen Königreich als auch im polnischen Preußen galt. So befahl er den einen, in der Umgebung Königsbergs Quartier zu nehmen, anderen, zu ziehen und die Seefestung Pillau zu besetzen, wieder anderen, weiter vorzurücken und alle Orte bis an den Weichselstrom zu besetzen und mit ihnen zugleich die polnischen freien Städte Elbing und Marienburg. Diese Letzteren wollten unsere Truppen zwar nicht recht einlassen, doch da man ihnen alle Freundschaft versprach, mussten sie einwilligen. In Königsberg aber wurde als Garnison das 4. Grenadierregiment, ferner das Troizker Infanterieregiment hineingelegt und zum Kommandanten der Brigadier Treyden bestimmt, die Gerichte aber wurden dem Oberst Jakowlew anvertraut, denn auch der Graf selbst gedachte weiterzuziehen und sein Hauptquartier an der Weichsel einzurichten, im preußischen Städtchen Marienwerder. Was aber die in Kurland und Samogitien verbliebenen Regimenter unter dem Befehl des Generals Browne und des Fürsten Golizyn betrifft, so wurde auch diesen befohlen, in Preußen einzurücken, es zu durchziehen, den oberen Teil des polnischen Preußen mit den Städten Kulm, Graudenz und Thorn zu besetzen und dadurch einen Kordon entlang der ganzen Weichsel zu bilden.

Da sich unter diesen in Kurland verbliebenen Regimentern auch unser Archangelogoroder Regiment befand, hatten wir an diesem Winterfeldzug keinen Anteil, sondern standen diese ganze Zeit über ruhig in unseren Quartieren und erfuhren von all dem oben Erwähnten erst, als die Unseren schon in Königsberg eingerückt waren und der Befehl kam, dass auch wir dorthin folgen sollten. Ich kann nicht genug beschreiben, welche Freude diese Nachricht in uns allen hervorrief.

Wir alle freuten und vergnügten uns darüber geradeso, als hätte man jedem von uns etwas geschenkt und als hätten wir an dieser Eroberung selbst Anteil gehabt.

Nie hatten wir uns mit solcher Lust und solchem Vergnügen zu einem Feldzug gerüstet wie zu dieser Zeit, und nie war von allen so viel Eifer und Eile bei den Vorbereitungen und Zurüstungen bewiesen worden wie bei dieser Gelegenheit.

Uns wurde befohlen, ohne den geringsten Verzug auszurücken, und unser Marschweg wurde geradewegs durch Polen, oder vielmehr einen beträchtlichen Teil der litauischen Provinz Samogitien, bestimmt, und dann längs durch das ganze Königreich Preußen geradewegs zur polnischen freien Stadt Thorn, die an den Ufern der Weichsel am äußersten Rand des polnischen Preußen liegt. Obwohl wir uns also nicht mit der Hoffnung schmeicheln konnten, die preußische Hauptstadt Königsberg zu sehen, die weit rechts von uns liegen blieb, so waren wir doch wenigstens damit zufrieden, dass wir das ganze Königreich Preußen sehen würden.

Doch so sehr wir uns über diesen raschen und unverhofften Aufbruch und Marsch nach Preußen freuten, so bereitete uns der Umstand, dass es damals mitten im Winter war und sich jeder mit Schlitten versorgen musste, viel Sorge. Doch niemand von unserer ganzen Offiziersbruderschaft war damals so sehr in Sorge wie ich, und dafür gab es hinreichend Grund. Alle Offiziere hatten eine hinreichende Zahl von Pferden, um ihre Fuhrwerke zu ziehen und selbst in kleinen Schlitten zu fahren, denn das Reiten war zur Winterszeit unpraktisch; ich aber hatte nur zwei Pferde, und ein drittes, für einen eigenen kleinen Schlitten, fehlte mir. Auf diesem dritten Pferd hatte ich, wie oben erwähnt, meinen zweiten Diener auf mein Gut hinter Moskau geschickt, und dieser Mann war damals noch nicht zu mir zurückgekehrt. So hatte ich nicht nur kein drittes Pferd und keinen zweiten Diener, sondern litt überdies auch an allem Übrigen äußerste Not und Mangel: Ich hatte keinen kleinen Schlitten wie die anderen, keinen großen Pelz, keinen ordentlichen Schafpelz, keine sonstige nötige Kleidung, keinen Vorrat und keine Lebensmittel, die für einen Marsch so nötig sind, und was das Schlimmste war — ich hatte auch kein Geld. All das erwartete ich schon seit einigen Tagen von Tag zu Tag; als uns aber der Marsch angesagt wurde, verband sich mein Warten mit größter Ungeduld, denn nach der Berechnung der Zeit hätte er schon längst da sein müssen. Doch so sehr ich auf meinen Jakow wartete, so oft ich auch aus dem Fenster sah, ob er nicht komme, so oft ich auch jemanden hinausschickte, um zu sehen, ob er nicht in der Ferne herankomme, — all unser Warten und Ausschauen war vergeblich: Von meinem Jakow war nichts zu sehen, und ich wusste schließlich nicht mehr, was ich von ihm denken sollte. Schon waren alle Vorbereitungen zum Marsch getroffen; schon war der Tag des Aufbruchs bestimmt; schon rückte dieser Tag heran, — doch mein Jakow kam nicht, und von ihm war weder etwas zu sehen noch zu hören. Herrgott, welcher Kummer lastete damals auf mir, und welche Bestürzung und Unruhe beunruhigten meinen ganzen Geist! Ich tat nichts anderes, als in der Stube auf und ab zu gehen und mit mir selbst zu reden:

„Herrgott! Was ist das für ein Wunder, dass er so lange nicht kommt? Längst müsste er schon da sein. Was hat er mir jetzt angetan, und was soll ich jetzt anfangen?..“

Am meisten bestürzte mich, dass ich in der zweifellosen Hoffnung, er werde bald zurückkehren und mir alles Nötige bringen, mich mit nichts versorgt und nichts Nötiges für mich gekauft hatte. Zu allem Unglück hatte ich damals auch kein Geld, denn aus Geldmangel nach der Rückkehr vom Feldzug war der Sold schon im Voraus bezogen und ausgegeben. Dennoch hätte ich Geld für den Kauf eines Pferdes und eines Schlittens auftreiben können, die ich am meisten brauchte, hätte mich nicht die erwähnte Hoffnung auf die baldige Rückkehr meines Dieners, den ich von Stunde zu Stunde erwartete, getäuscht.

Doch endlich brach auch der Tag an, den ich wie einen Bären fürchtete, nämlich der Tag unseres Aufbruchs zum Marsch. Und da mein Jakow immer noch nicht da war, wusste ich nicht, was ich tun sollte, und war vor Bestürzung fast außer mir. Mein Fuhrwerk mit dem Gepäck hatte ich zwar ganz instand gesetzt, und es war bereit; wie es aber mit mir selbst werden sollte, — das konnte ich mir anfangs durchaus nicht ausdenken noch ersinnen. Da ich kein eigenes Pferd und keinen Schlitten hatte, blieb nichts anderes übrig, als mit den Soldaten zu Fuß zu gehen. Doch konnte man daran überhaupt denken, wenn mir bekannt war, dass selbst die letzten, allerärmsten Offiziere eigene Pferde hatten und jeder seinen Schlitten besaß, und dass ich mich dadurch der Schande und dem Gespött des ganzen Regiments aussetzen würde? In dieser äußersten Not kam mir schon der Gedanke, etwas zu tun, was ich nie getan hatte, nämlich mich absichtlich krank zu melden, damit ich unter dem Vorwand der Krankheit in einer Kibitka mit dem Tross fahren könnte. Doch fand ich dies undurchführbar, weil meine Kibitka ganz mit allerlei Kram vollgestopft war und ich darin keinen Platz hatte. Kurz, ich befand mich damals in einer solchen Verfassung, wie ich sie mein Lebtag nicht gekannt hatte; und ich weiß wahrhaftig nicht, was aus mir geworden wäre, hätte mich nicht schließlich mein Hauptmann aus meiner Bestürzung herausgeholt und mich ein wenig beruhigt.

Dieser, als er meine äußerste Bestürzung und Verwirrung der Gedanken sah, Zeuge meines ganzen ungeduldigen Wartens gewesen war und den Grund kannte, weshalb ich weder Pferd noch Schlitten gekauft hatte, fragte mich schließlich, wie ich denn mit mir selbst zu verfahren gedenke?

— Ach, Väterchen! — antwortete ich auf diese Frage. — Ich weiß wahrhaftig selbst nicht, was ich tun soll. Es bleibt mir fast nichts übrig, als zu Fuß zu gehen, bis ich ein Pferd und einen Schlitten zu kaufen finde.

— Ei! — antwortete er mir. — Wozu denn zu Fuß gehen, Bruder — wo denkst du hin! Fahren wir lieber zusammen in meinem Schlitten. Er ist zwar eng, aber irgendwie werden wir schon Platz finden. Wenigstens fürs Erste und bis sich dir ein Pferd zum Kauf findet, und unterdessen kommt vielleicht auch dein Diener angefahren.

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr er mich mit diesem Angebot tröstete und erfreute. Zwar zierte ich mich zum Schein und sagte, ich würde ihn beengen und ihm Ungelegenheiten machen, in Wahrheit aber war ich über diese Gelegenheit so froh, dass ich ihn dafür, wenn es möglich gewesen wäre, abgeküsst hätte.

So wurde beschlossen, dass wir zusammen fahren; doch kaum waren wir irgendwie und mit großer Mühe bis zum Stab gelangt und von dort mit dem ganzen Regiment ausgerückt, als ich bei meinen Offizierskameraden eine Menge nicht nur geräumigerer Sitzplätze fand, sondern sogar einige leere und müßig mitfahrende Schlitten. Denn da wir während dieses Marsches nicht den geringsten Grund hatten, den Feind zu fürchten, zogen wir wie im eigenen Vaterland oder in einem befreundeten Land, sozusagen mit hängenden Ärmeln, und genossen alle Annehmlichkeiten, die man in Friedenszeiten haben kann. Das Regiment führten bei uns gewöhnlich nur die Offiziere, die an der Reihe waren und Dienst hatten, die übrigen Offiziere aber fuhren alle, wo sie wollten; und das war auch der Grund, dass sie, um sich den Weg zu verkürzen und die Zeit angenehmer zu verbringen, sich zu verschiedenen Häufchen und Gesellschaften zusammentaten und nicht nur in hellen Haufen auf vielen Schlitten zusammen fuhren, sondern sich zum Scherzen und Plaudern zueinander in die Schlitten setzten und ihre eigenen leer fahren ließen; und da sie alle meine Freunde und Kameraden waren, konnte ich mich zu jedem von ihnen setzen und so lange fahren, wie ich wollte.

Auf diese Weise, von einem Schlitten auf den anderen springend und mich bald zu diesem, bald zu jenem Offizier setzend, legte ich meinen ganzen ersten Tagesmarsch glücklich zurück, und es gelang mir, das alles so geschickt und gut anzustellen, dass keinem der Offiziere auch nur in den Sinn kam, dass ich keinen eigenen Schlitten hatte und es notgedrungen tat. Doch ungeachtet dieses ganzen Erfolges beunruhigte ich mich den ganzen Weg über in Gedanken aufs Äußerste und gab nur darauf acht, dass niemand mein Geheimnis entdeckte und ich nicht gezwungen würde, die allergrößte Schande und den Spott aller zu ertragen.

Doch wie dem auch sei, wir kamen an und quartierten uns zum Übernachten in einem kleinen Städtchen ein, das schon an der litauischen Grenze liegt, und hatten an diesem Tag einen großen Marsch gemacht. Hier erhielt ich zwar ein schönes und ruhiges Quartier, doch all seine Schönheit lockte mich nicht, denn mir stand der Sinn nicht danach, sondern nach etwas anderem. Ich sorgte mich unablässig um meine Reise und sagte und wiederholte mir nur in Gedanken:

„Nun gut! Heute ist es mir ja irgendwie gelungen, mich durchzuschlagen, aber wie wird es morgen? Mit wem fahren und an wen mich halten? Und wenn sie es erraten und erfahren, was dann?“

Solche Gedanken brachten meinen Geist in eine solche Verwirrung, dass ich gleichsam in Hypochondrie {Neigung zu Nachdenklichkeit, zu düsteren Gedanken, schwarze Melancholie.} und so tief in Gedanken versunken war, dass mir selbst das Essen nicht in den Sinn kam. Doch stellen Sie sich vor, lieber Freund, welche Veränderung mit mir vorgehen musste, als gerade in diesem Augenblick mein Bursche fast atemlos zu mir hereinstürzte und keuchend sagte:

— Wissen Sie was, gnädiger Herr? Unser Jakow ist ja angekommen!..

— Was sagst du da! — rief ich, sprang vom Tisch auf und vergaß das Essen. — Ist das nicht wahr, Abramuschka?

— Bei Gott, Herr, eben erst ist er auf den Hof gefahren, und was für ein prächtiger Schlitten!

Im Nu stand ich da auf der Treppe vor dem Haus und wusste vor Freude nicht, was ich sagen sollte, sondern bekreuzigte mich nur und wiederholte:

— Nun, Gott sei Dank!

Doch meine Freude wurde noch größer, als ich von meinem Jakow hörte, dass er mir nicht nur eine Menge Vorräte aller Art gebracht, sondern mir auch alles und jedes besorgt hatte, was ich am meisten brauchte. Er brachte mir einen prächtigen Schafpelz, einen großen Fuchspelz, einen neuen Sattel und viele andere Dinge; und was mir am angenehmsten war: auch eine Menge eingemachter Früchte und Naschwerk aller Art, das mir meine Schwester geschickt hatte, bei der er vorbeigefahren war und die sich damals mit meinem Schwager auf dem Gut befand, denn dieser war vom Oberst schon zu Beginn des Winters beurlaubt worden und hatte danach einen Weg gefunden, sich ganz vom Dienst loszumachen und den Abschied zu nehmen. Was meine Freude aber noch vollkommener machte, war seine Mitteilung, dass er außerdem mehr als hundert Rubel Geld mitgebracht habe. Mein Gott, wie freute ich mich über dieses Letztere! Wahrhaftig, ich erinnere mich nicht, jemals so erfreut gewesen zu sein wie damals. Ich war ganz außer mir, ging nicht, sondern hüpfte vor Freude durchs Zimmer und wiederholte nur:

— Nun, Gott sei Dank, jetzt habe ich alles, von allem viel: Pferde und Vorrat und Kleider und Geld und alles, alles! Jetzt bin ich bereit, wohin es auch gehe, und brauche mich vor niemandem zu schämen.

Kurz, ich wähnte damals, ich sei unermesslich reich und der glücklichste Mensch auf Erden, und dankte tausendmal zuerst Gott, dann meinem Diener Jakow für die pünktliche Ausführung des ihm erteilten Auftrags. Und in der Tat war dieser Tag in meinem Leben dadurch denkwürdig, dass mein Herz, so großen Kummer ich zu seinem Beginn empfand, an seinem Ende von einer ebenso großen Freude erfüllt war.

Damit beende ich meinen gegenwärtigen Brief und verbleibe mit der Versicherung, dass ich Ihr aufrichtiger Freund bin, und so weiter.

UNSER ZWEITER FELDZUG NACH PREUSSEN

55. Brief


Lieber Freund! Meine Freude über die Ankunft meines Dieners und mein ungeduldiger Wunsch zu sehen, was er mitgebracht hatte, waren so groß, dass ich kaum Zeit ließ, die Pferde ordentlich auszuspannen und zu versorgen, sondern befahl, eiligst den Wagen aufzuschnüren und alles Mitgebrachte zu mir hereinzutragen. Das Vergnügen beim Auspacken und Betrachten von allem war außerordentlich; doch was ich empfand, als er mir den mitgebrachten leichten Pelz aus Lammfell, mit grünem Nanking bezogen, reichte, kann ich gar nicht beschreiben. Im Nu warf ich den früheren hässlichen und schlechten Schafspelz ab und zog diesen neuen an. Und was soll ich sagen! Wie entzückend erschien er mir damals! Weich war er und leicht und warm und schön — alle Eigenschaften und Vorzüge hatte er. Um den mitgebrachten Tee und Zucker zu erproben, musste mein Abram sofort laufen und im neuen Teekessel Wasser kochen, und dieser Tee schien mir damals köstlicher als alle Tees der Welt, und ich konnte ihn nicht genug loben. Als ich aber eine Menge Schinken sah, wurde sogleich auch davon eine ganze Keule gekocht; und da ich stets ein großer Liebhaber davon war und ihn damals schon seit einigen Monaten nicht gegessen hatte, kann ich nicht beschreiben, wie süß und schmackhaft mir das damalige Abendessen vorkam. Nach dessen Ende mussten mir die mitgebrachten Eingemachten als Nachtisch dienen. Alle, so viele es ihrer waren, kostete ich, und jedes schien mir ein unbeschreiblich kostbares Konfekt. Kurz, an allem und jedem tat ich mir damals gütlich und war mit allem so zufrieden, dass ich mir nichts weiter wünschte.

So weit bringt einen eine Zeitlang erduldete Not, und welch großen Wert verleiht sie selbst den geringfügigsten Dingen!

So hatte ich am anderen Morgen schon das Vergnügen, in meinem eigenen Schlitten zu fahren, der zwar kein finnischer, sondern ein Bauernschlitten war, doch darum kümmerte ich mich nicht mehr; es genügte, dass es ein neuer Schlitten mit geschwungenen Kufenhörnern war und dass ich warm und wie es sich gehört gekleidet war, und ich brauchte mich nicht nur vor niemandem zu schämen, sondern hatte damals vor vielen sogar einen großen Vorzug. Kurz, der plötzlich eingetretene Überfluss an allem bewirkte sogar in meinem ganzen Wesen eine große Veränderung. Ich bekam irgendwie eine höhere Meinung von mir selbst und begann, mit allen, die im Rang über mir standen, vertraulicher und freier umzugehen; und auch sie alle, als sie erfuhren, dass man mir allerlei Sachen reichlich gebracht hatte und dass der junge Mann auch Geldchen besaß, begannen irgendwie freundlicher mit mir umzugehen und gleichsam um meine Freundschaft und Gunst zu werben. Sie luden mich öfter in ihre Gesellschaften ein, baten mich, die Zeit mit ihnen zu verbringen und an ihren Vergnügungen teilzunehmen, und dergleichen mehr, was mir zwar alles schmeichelte, später aber für mich nicht sehr vorteilhafte Folgen hatte, wie sich danach zeigen wird.

Unser Marsch führte, wie oben erwähnt, durch Polen und geradewegs auf das preußische Städtchen Gumbinnen. Und da wir ohne Eile zogen, jeden dritten Tag einen Rasttag hielten und überdies in polnischen Flecken, Kirchdörfern und Dörfern stets gute und ruhige Quartiere bekamen, empfanden wir fast keinerlei Beschwerde, und unser ganzer Zug konnte eher für eine ununterbrochene Lustbarkeit als für einen Feldzug gelten. Jeden Tag kamen wir zu mehreren zusammen und ließen, im Gänsemarsch hintereinander fahrend, fast keine am Weg stehende Schenke aus, ohne einzukehren und einige Minuten mit Lachen, Spielen und Scherzen zu verbringen. Sobald wir aber in irgendeinem Flecken ankamen und uns in die Quartiere verteilten, ging es bei uns, besonders an den Rasttagen, mit Besuchen beieinander los und danach gemeinsam, wo es welche gab, in die Wirtshäuser, und es begannen Kartenspiele und gegenseitige Bewirtungen mit Tee, Punsch, Wein und anderem. Mit einem Wort, wir verbrachten auf diesem ganzen Marsch unsere Zeit sehr lustig, wozu auch das damals herrschende gute und recht milde Winterwetter viel beitrug.

Übrigens hatte ich während dieses Zuges Gelegenheit, mir das ganze Leben und Treiben der Polen gründlich anzusehen, die in diesem Teil Litauens oder der litauischen Provinz leben, die unter dem Namen Schemaiten oder Samogitien bekannt ist und durch die wir damals zogen. Sie schien mir ganz ordentlich, doch nicht allzu schön. Selbst die Dörfer waren nur wenig besser als unsere russischen, und auch die Flecken oder kleinen Städtchen waren nicht sonderlich beneidenswert und bei weitem nicht so schön wie in anderen Gegenden Polens, was vielleicht daran lag, dass dieser Winkel des polnischen Staates viel ärmer war als die übrigen Gegenden. Doch wie dem auch sei, es fanden sich genug auch solche Dinge, die sogleich unseren neugierigen Blick auf sich zogen, sobald wir die litauischen Grenzen überschritten hatten.

Die Kapellchen, die unweit vor der Einfahrt in jedes Dorf standen, bewiesen uns sogleich, dass wir uns schon in katholischen Landen befanden.

Diese Kapellchen werden bei ihnen fast ebenso gemacht, wie sie bei uns hier und da die Bauern an den Wegen errichten, um Ikonen hineinzustellen: auf einem Pfosten und mit einem kleinen Dächlein; der Unterschied ist nur, dass bei ihnen diese Pfosten hoch sind und nicht so niedrig wie bei uns, und unter das Dächlein stellt man keine Heiligenbilder, sondern dort befindet sich immer ein geschnitztes Kruzifix. Dieses wird zwar von den Katholiken auf die dümmste Weise dadurch verunstaltet, dass man ihm am Gürtel einen Vorhang anbringt, denn dadurch sieht jedes solche Kruzifix nicht anders aus als in einem Röckchen, was für jemanden, der nicht daran gewöhnt ist, sehr hässlich und ganz unpassend aussieht; doch wenigstens das ist gut und hat mir sehr gefallen, dass kein Katholik, besonders kein Bewohner jenes Dorfes oder Kirchdorfes, je an einem solchen Pfosten vorbeigeht, ohne stehen zu bleiben und vor dem Kruzifix, auf die Knie gefallen und die Hände erhoben, ein kurzes Gebet zu sprechen.

Was das Innere der Häuser betrifft, so fanden wir darin zwar eine Menge Heiligenbilder, doch nicht nach unserer Art auf Holztafeln gemalt, sondern alle auf Papier gedruckt und mit verschiedenen Farben ausgemalt. Mit diesen Bildern wird in jedem Haus die ganze vordere Ecke beklebt, und ihnen allen erweisen die Katholiken genau dieselbe Verehrung wie wir den Ikonen.

Außerdem kam es während dieser Reise mehrmals vor, dass wir aus Neugier auch jüdische Synagogen oder Häuser besuchten, wo sie im Wort Gottes unterwiesen werden, die Heilige Schrift lesen und ihre Gebete verrichten — anstelle eines Tempels —, und die in der Heiligen Schrift unter dem Namen Versammlungen oder Lehrhäuser erwähnt werden. In diesen fanden wir keinerlei Schmuck außer einigen Bänken zum Sitzen und einer in der Mitte des Gebäudes nach Art eines Ambo erhöhten und von einem Geländerchen umgebenen Stelle, von der aus die Heilige Schrift gelesen wird; daher hatten sie keinerlei Ähnlichkeit mit einer Kirche, wofür sie auch nicht gehalten werden.

Doch so sehr diese Anblicke uns durch ihre Neuheit einigermaßen zu belustigen vermochten, so wenig gefielen uns dagegen andere Dinge, die uns sogleich vor Augen kamen, sobald wir Polen betreten hatten. Das waren die hier und da unweit des Weges stehenden Galgen mit daran hängenden Gehenkten. Nirgends, glaube ich, werden so viele Menschen gehenkt wie in Polen. Für einen kleinen Diebstahl muss der Dieb schon an den Galgen, und ihn auf diese Weise hinrichten darf nicht nur jede städtische Obrigkeit und Behörde, sondern auch die Edelleute selbst. Ein wahrhaftig sehr seltsamer und abscheulicher Brauch, und was das Erstaunlichste ist, einer, der bei weitem nicht den Zweck erfüllt, zu dem er in Gebrauch gekommen ist; denn ungeachtet aller Strenge dieser Strafe für Diebstahl starben die Diebe im Lande doch nicht aus, und es gab ihrer immer noch viele.

Doch wie dem auch sei, wir konnten, da wir es nicht gewohnt waren, keinesfalls ohne inneres Schaudern und Abscheu auf diese Galgen blicken, besonders auf jene mit Menschen, die schon lange daran hingen und im Wind schaukelten.

Ferner sind mir die polnischen gesalzenen Fischsuppen sehr in Erinnerung, die aus Fisch gekocht werden; denn als wir an den vorkommenden Fasttagen unsere Quartierwirte anhielten, uns Fischsuppe aus frischem Fisch zu kochen, sahen wir bald, dass ihre Suppen für uns gar nicht taugten, denn sie pflegen sie so scharf und reichlich zu salzen und so stark mit Zwiebeln und Pfeffer zu würzen, dass wir sie auf keinen Fall essen konnten, und wir mussten mehr als einmal bedauern, ihnen diese Sache aufgetragen zu haben.

Das ist alles, was ich damals während unseres Zuges durch Polen zu bemerken Gelegenheit hatte; nun aber will ich Ihnen, lieber Freund, etwas anderes erzählen, das mich näher betrifft. Ich erwähnte Ihnen schon, dass wir, auf diese Weise marschierend, allerlei Zeitvertreib und Vergnügungen ersannen und betrieben, um die Langeweile zu vertreiben, die mit einem so gemächlichen Marsch gewöhnlich verbunden ist. Unter diesen Vergnügungen konnte man das Kartenspiel als das wichtigste ansehen, als den bei Offizieren gebräuchlichsten Zeitvertreib. Obwohl ich zu dieser Art Vergnügen nie Neigung und Lust hatte, hätten mich unsere Herren Offiziere damals beinahe dieses schöne Handwerk gelehrt; denn da ihnen allen bekannt war, dass der junge Mann damals Geldchen hatte, fanden sich eine Menge Schmarotzer und Freunde ein, die sich auf jede Weise bemühten, mich ins Netz zu locken und ans Spiel zu gewöhnen. Welche List und Tücke wandten sie dazu nicht alles an! Doch mit all ihren Listen und Verabredungen konnten sie mir keinesfalls Lust auf die Hasardspiele machen und mich daran gewöhnen, wie etwa an Quintich und Bank, die damals am meisten im Schwange waren. Dennoch wurde ich sie nicht ganz los; denn als sie sahen, dass ich mich von dieser Seite durchaus nicht hinters Licht führen ließ, beschlossen sie, mich von einer anderen, schwächeren Seite anzugreifen. Sie bemerkten, dass ich eine gewisse Neigung zum L’Hombre-Spiel hatte. Dieses Spiel, das ich zwar keineswegs richtig verstand, war mir nicht zuwider, und ich wurde nie überdrüssig, es zu spielen; und das genügte schon. Einige Burschen, und unter anderen auch mein Hauptmann, Herr Gnewuschew, bemühten sich sogleich, mich dafür einzunehmen und es so weit zu bringen, dass ich fast jeden Abend mit ihnen spielte und mich mehrere Stunden mit diesem Spiel beschäftigte. Doch für dieses Vergnügen musste ich sehr teuer bezahlen. Denn so sehr sie mich auch absichtlich lobten und sagten, ich spiele gut, aufmerksam und geschickt, und so sehr sie sich auch, um mich noch mehr anzulocken, bemühten, mir bisweilen, besonders anfangs, absichtlich zu verlieren, blieb ich doch jedes Mal am Ende im Verlust. Diese Verluste waren anfangs zwar gering, doch als sie danach nach und nach zu wachsen begannen und es schließlich so weit kam, dass kein Abend verging, an dem ich nicht zwei oder drei Rubel verlor, begann mir das endlich auch fühlbar zu werden und veranlasste mich eines Tages, zu überschlagen, wie viel ich, auf diese Weise zu verschiedenen Zeiten spielend, schon verloren hatte. Ich erschrak, und mir standen alle Haare zu Berge, als ich sah, dass sich die Summe schon auf über vierzig Rubel belief. — „Ei, ei! — rief ich da aus. — Wie viel habe ich da schon verpulvert! — und kratzte mich hinter den Ohren. — Wenn es so weitergeht, reicht mein ganzes Geld nicht mehr lange! Das habe ich wahrhaftig fein gemacht... besser geht es nicht.“ — Nachdem ich das gesagt hatte, begann ich in meinem Quartier auf und ab zu gehen, mich über mich selbst zu ärgern und mich für meine Unvorsichtigkeit zu schelten.

Doch da es schon zu spät war und mir all diese Reue und dieser Ärger über mich selbst nichts halfen und die Geldchen schon verspielt waren, und zwar unwiederbringlich verspielt, begann ich, den selbstverschuldeten Verlust bedauernd, das Spiel und meine ganze Lust daran zu verfluchen.

„Hol es der Teufel, das verfluchte!, sagte ich zu mir selbst. So bringt es mich noch dahin, dass ich mich ganz verspiele und wieder ohne einen Groschen dastehe, und der Herrgott sei mit all dem Spaß und Vergnügen dabei. Ist es nicht besser, darauf zu verzichten und mein Geld zu behalten — das wird dem Leib wohl gesünder sein.“

Mit einem Wort, um das verspielte Geld tat es mir damals so leid, dass ich beschloss, von nun an keinesfalls mehr zu spielen, und schon darüber nachzusinnen begann, wie ich mich auf schickliche Weise von meinen Kameraden losmachen und mich von der Fortsetzung des Spiels ausreden könnte. Doch zum Glück half mir dabei das Schicksal selbst, denn gerade zu dieser Zeit wurde ich vom Regiment nach Preußen vorausgeschickt, um in der Stadt Gumbinnen Proviant für das Regiment in Empfang zu nehmen, und dieser Umstand zog mich ganz von selbst von ihnen und ihrer ganzen Würfelei ab. Ich kann nicht genug beschreiben, wie sie meine Abreise bedauerten und wie sehr sie es betrübte, dass unser L’Hombre ein Ende nehmen würde und sie niemanden mehr zum Spielen hätten; doch mir stand der Sinn schon ganz woanders hin. Ich lachte nur innerlich und sagte bei mir: „Ja! Gewiss ist es schade, dass es euch, ihr Feinde, nicht gelungen ist, mir auch das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen.“

So entfernte ich mich damals für einige Zeit vom Regiment, machte mich noch am selben Tag auf den Weg und fuhr am nächsten schon über die preußische Grenze. Nun kann ich Ihnen, lieber Freund, nicht genug beschreiben, welch entzückende Veränderung ich in allem erblickte, als ich in die Grenzen des Königreichs Preußen kam. Es fügte sich, dass all die Orte, durch die ich bis Gumbinnen fahren musste, das Glück gehabt hatten, von unseren vorjährigen Verwüstungen verschont zu bleiben; denn da sie weit abseits lagen, waren nicht einmal unsere Kosaken je bis zu ihnen gelangt, und darum war alles heil und alles im früheren Zustand. Außerdem muss man auch sagen, dass diese Orte gerade jene waren, die nur etwa dreißig Jahre zuvor vom Vater des damaligen Königs neu mit bayerischen Einwohnern oder den sogenannten Salzburger Emigranten besiedelt worden waren, die durch die Torheit der Katholiken und einzig wegen ihres protestantischen Glaubensbekenntnisses aus ihrem Vaterland vertrieben worden waren und in anderen Staaten Zuflucht suchen mussten, und die folglich hier ordentlich und mit allen Vorteilen angesiedelt worden waren. Welch eine große Menge von Dörfern bot sich da auf einmal meinem Blick dar! Wahrhaftig, alle Felder waren gleichsam mit ihnen übersät! Es gab keine Stelle, von der aus man nicht ringsum bis zu zehn Dörfer gesehen hätte. Diese Dörfer waren zwar klein und hatten all ihr Land um sich herum, doch was für Häuser, was für Gebäude und welche Ordnung waren überall zu sehen! Wahrhaftig, wir konnten uns nicht genug daran ergötzen. Jeder Bauer hatte ein solches Häuschen, wie es bei uns viele Edelleute nicht haben, besonders die armen. Den Häusern entsprachen auch alle übrigen Gebäude: alles sauber, wohnlich, alles mit Garben gedeckt und alles in Ordnung.

Was aber die Einwohner selbst betrifft, so konnte ich mich über ihre Freundlichkeit, Dienstfertigkeit und Wohlgesinntheit nicht genug wundern.

Überall, wo ich meine Pferde füttern und übernachten musste, wurde ich gleichsam wie ein Verwandter aufgenommen und bewirtet, und ich hatte kaum nötig, etwas zu kaufen, denn die Wirte bemühten sich nicht nur, mich selbst mit dem Besten, was sich in ihrem Haus finden ließ, zu speisen und zu tränken, sondern versorgten auch meine Leute und Pferde unentgeltlich. Doch, um die Wahrheit zu sagen, half mir dabei auch viel, dass ich mit ihnen Deutsch sprechen konnte und selbst freundlich und angenehm mit ihnen umging. Mit einem Wort, diese kurze Reise war mir nicht nur nicht langweilig, sondern so angenehm, dass ich sie bis heute nicht vergessen kann.

Endlich kam ich in jene Stadt, in die ich vorausgeschickt worden war und in der ich noch nie gewesen war. Hier wuchs mein Vergnügen noch, als ich auch dieses Städtchen ganz ordentlich und nach Plan erbaut fand; denn da auch es erst etwa dreißig Jahre zuvor gegründet worden war, gab es darin zwar keine allzu reichen und prächtigen Häuser, dafür herrschte überall Ordnung, und überall waren Sauberkeit und Reinlichkeit zu sehen. Die Straßen waren überall breit und gerade; die Plätze an den Kreuzungen geräumig, und die Häuschen größtenteils zwar nicht groß, aber schön, wohnlich, behaglich und meist mit verschiedenen Farben angestrichen; auf dem Hauptplatz aber, mitten in der Stadt, befand sich ein großes und schönes steinernes Gebäude, in dem sie ihr Rathaus und die übrigen Behörden, Gerichte und Ämter hatten. Denn man muss wissen, dass das ganze preußische Königreich zur bequemeren Erhebung der Einkünfte in zwei Hälften geteilt war, und in jeder Hälfte befand sich zur Erhebung und Verwaltung dieser Einkünfte eine besondere Kammer oder, beispielsweise, ein Kameralhof, von denen der eine in Königsberg war und der andere in eben diesem Städtchen Gumbinnen, und seinen Sitz hatte er in dem erwähnten Gebäude. Im Übrigen war dieses ganze schöne Städtchen voll von Handwerkern aller Art und kann als das beste aller kleinen preußischen Städtchen gelten.

Ich lebte darin über eine Woche, denn nachdem ich den mir erteilten Auftrag ausgeführt hatte, musste ich auf das Regiment warten. Doch diese Zeit verbrachte ich ohne Langeweile. Ich hatte ein schönes Quartier; die Wirte waren freundlich und bemühten sich nicht nur, mich zu bewirten, sondern versorgten mich auch, als sie meine Liebe zu Büchern bemerkten, mit einer Menge davon.

Das war mir lieber als alles Konfekt, und ich hatte damals Gelegenheit, viele deutsche Bücher zu sehen, durchzublättern und zum Teil zu lesen und zu betrachten, besonders anatomische, die voller Zeichnungen waren.

Außerdem hatte ich während meines damaligen Aufenthalts in Gumbinnen zum ersten Mal Gelegenheit zu sehen, wie seidene Strümpfe gewirkt werden; denn da diese Manufaktur in meiner Nachbarschaft lag, ging ich mehrmals dorthin, um dieser Arbeit zuzusehen und die kunstvolle Einrichtung des Stuhls oder Instruments zu bewundern, das dazu gebraucht wird.

Endlich kam auch unser Regiment, blieb zwei Tage in dieser Stadt, um Proviant zu empfangen und Brot zu backen, und zog weiter. Unser Marsch führte von diesem Ort durch die preußischen Städtchen Darkehmen, Nordenburg, Schippenbeil und Bartenstein, und dieser Zug war geradezu lustig und angenehm. Die Gegenden waren schön und an allem reich. Wir machten meist in Flecken und Städtchen Halt, die schon unvergleichlich besser waren als die polnischen, und darum bekamen wir stets gute und ruhige Quartiere; und da wir in jedem Städtchen auch Wirtshäuser fanden, war unsere erste Zuflucht dort. Hier kamen wir gewöhnlich fast alle zusammen und vergnügten uns, womit es jedem beliebte. Was aber mich betrifft, so bemühten sich meine Kameraden zwar, mich wieder in ihre Bande zu locken und das frühere L’Hombre-Spiel zu erneuern, doch ich machte mich unter verschiedenen Vorwänden irgendwie von ihnen los, ließ mich nicht hinters Licht führen und war froh, dass es mir gelungen war, beizeiten zur Besinnung zu kommen und mich vorzusehen.

Von all den oben erwähnten preußischen Flecken und Städtchen sind mir keine so in Erinnerung geblieben und haben mir so gefallen wie Schippenbeil und Bartenstein. Beide lagen an jenem Fluss Alle, von dem wir im vergangenen Sommer umgekehrt waren. Beide, obgleich alt und nicht nach Plan gebaut, waren doch recht ansehnlich, mit schönen und wohnlichen Häuschen und guten Rathäusern, und im letzteren gab es ein altes verfallenes Schloss. Kurz, alle Orte, wo wir damals lebten, waren schön und angenehm.

Nachdem wir Bartenstein passiert hatten, kamen wir wieder in katholische Lande. Das war das Bistum Ermland, das mitten im Königreich Preußen lag und damals unter polnischem Schutz stand, aber dem ermländischen Bischof gehörte, der hier lebte und es wie ein kleiner Landesfürst besaß, denn er war zugleich Präsident des ganzen polnischen Preußen. Seine Residenz war in der Stadt Heilsberg, die am selben Fluss Alle liegt und ein recht festes Schloss besitzt. Und da wir gerade durch diese Stadt ziehen und in ihr einen Rasttag halten mussten, erwies uns der Herr dieses Ländchens, der erwähnte Bischof, die Ehre, lud unseren Oberst mit allen Offizieren seines Regiments zu sich zum Mittagessen ein und gab ein prächtiges und glanzvolles Gastmahl in seinem Palast, der inmitten des Schlosses erbaut war.

Hier hatte ich Gelegenheit, die Lebensweise der kleinen deutschen Landesfürsten und zugleich der vornehmen katholischen Geistlichen zu sehen.

Er gefiel mir recht gut. Er lebte hier wie ein kleiner Herrscher: Er hatte einige Kriegsleute, die bei ihm Wache standen und die Hauptwache besetzten; er hatte auch Kanonen und einen kleinen Hofstaat, wie etwa Kammerherren und Kammerjunker; doch all das im reinsten Miniaturformat verglichen mit den großen Herrschern. Er bewirtete uns recht prächtig, und beim Trinken auf die Gesundheit unserer Herrscherin wurde Kanonensalut gegeben. Nach dem Mittagessen aber führte er uns durch alle Gemächer seines Palastes und in seine Hofkirche, wo er uns seine katholischen bischöflichen Ornate zeigte. Sowohl die Kirche als auch die Geräte darin und der Schmuck waren recht reich und prächtig, und er selbst ein sehr freundlicher und leutseliger Mann. Was uns aber kurios und gewissermaßen lächerlich vorkam, war sein kleines Käppchen, das er als Zeichen seines geistlichen und mönchischen Standes trug. Dieses Käppchen war zwar schwarz, aber ganz klein, nicht mehr als zwei Werschok breit und einen halben Werschok hoch, und wie ein kleines Scheitelkäppchen hinten auf dem Scheitel seiner großen gepuderten Perücke befestigt, sodass man von vorn nichts davon sah. Sein Gewand aber war schwarz, das Obergewand lang und recht stattlich.

Nachdem wir in diesem recht ansehnlichen Städtchen fast zwei Tage verbracht hatten, brachen wir weiter auf und zogen noch einige Tage durch dieses Bistum, durch unbedeutende, ebenfalls zu ihm gehörende Städtchen, Guttstadt und Allenstein, dann kamen wir wieder nach Preußen und zogen einige Tage hindurch. In dieser Zeit hatte ich einmal Fourage für das Regiment in einem preußischen Städtchen, Osterode, in Empfang zu nehmen, wo wir einen Rasttag hielten. Bei dieser Gelegenheit konnte ich mich nicht genug über die Pünktlichkeit der preußischen Verwaltung wundern, denn an allen Orten, durch die wir laut Marschplan ziehen sollten, fanden wir schon alles vorbereitet vor. Überall war nicht nur Proviant und Fourage bereit, sondern auch aus der Umgebung allerlei nötige Lebensmittel zum Verkauf an die Truppen herbeigeschafft. Was das Heu betrifft, das ich in Empfang nehmen sollte, so brauchte ich es nicht zu wiegen: Es war alles in Bündel zu zehn Pfund gebunden; man musste sie also nur abzählen, und ich konnte in kurzer Zeit und mit wenig Mühe meinen Auftrag erledigen.

Nachdem wir einige Tage auf dem Marsch durch Preußen verbracht hatten, verließen wir es endlich ganz und kamen in die Grenzen des sogenannten Polnischen Preußen, und zwar in jenen Teil davon, wo die Städte Kulm, Graudenz und Thorn lagen. Dieses Land fanden wir vom preußischen sehr verschieden: Alle Einwohner waren wieder Katholiken und unvergleichlich ärmer und schlechter gestellt als die preußischen.

Was aber die Städte und Flecken betrifft, so waren sie recht ansehnlich, doch bei weitem nicht so schön wie die preußischen.

Wir zogen hier durch drei davon, nämlich Neumark, Strasburg und Gollub. In der Mitte eines jeden fanden wir einen viereckigen und recht weiten Platz, umgeben von geschlossen stehenden und recht hohen Häusern, teils steinernen, teils halbsteinernen, das heißt aus miteinander verbundenen hölzernen Pfosten und Balken gefügt, deren Zwischenräume mit Ziegeln ausgemauert waren, und solche Bauten gab es eine Menge auch in ganz Preußen. Sie heißen bei ihnen Fachwerk oder Ziegelfachwerkhäuser und bilden eine Mittelgattung zwischen steinernen und hölzernen Bauten und sind recht gut und hübsch. Genau in der Mitte der erwähnten Plätze aber stand immer das städtische Rathaus, das schönste Gebäude der Stadt. Unten in den Häusern, die den Platz umgeben, befanden sich Läden mit verschiedenen Waren. Ferner ist bemerkenswert, dass es in all diesen, sowohl preußischen als auch polnisch-preußischen Städtchen Apotheken gab, in denen nicht so sehr Arzneien als vielmehr allerlei Gemüse und Esswaren verkauft wurden.

Im Übrigen muss man sagen, dass der Marsch seit dem Eintritt ins polnische Preußen für uns unvergleichlich beschwerlicher und schlechter wurde als zuvor, nicht nur weil die Wege hier unvergleichlich schlechter waren als in Preußen, sondern auch weil um diese Zeit die Winterbahn schon zu zerfallen begann und gerade das Hochwasser einsetzte und die Wege so schlecht wurden, dass man darauf weder mit dem Schlitten noch mit dem Wagen fahren konnte. So hatten wir viel Mühe und mussten unsere Schlitten zurücklassen, die Fuhrwerke auf Räder setzen und selbst statt im Schlitten wieder zu Pferde reiten.

Da unser Marsch den Fluss Drewenz entlangführte und dieser damals schon eisfrei war und wir jeden Tag zu ihm kamen, vergnügten wir uns, diese Gelegenheit nutzend, nicht selten mit Fischfang, und Fisch hatten wir immer reichlich, was uns in der damaligen großen Fastenzeit sehr zupass kam.

Übrigens, da gerade während des Marsches bei den Katholiken die Karwoche und der Karfreitag fielen, hatte ich, als ich an eben diesem Morgen sehr früh an einer katholischen Kirche vorbeifuhr, Gelegenheit, mir alles anzusehen, was bei den Katholiken an diesem Tag in ihren Kirchen geschieht. Hier sah ich zum ersten Mal, wie sie sich geißeln, das heißt, mit verhülltem Kopf, damit niemand sie erkenne, und entblößtem Rücken sich selbst mit Geißeln oder einer besonderen Art von Peitschen schlagen, und diesen vermeintlichen Gottesdienst mit solchem Eifer und solcher Inbrunst und solcher Unbarmherzigkeit gegen sich selbst verrichten, dass manchem das Blut geradezu in Strömen vom Rücken floss. Doch so widerwärtig uns dieser Anblick war, so seltsam erschien uns ein anderer bei den Katholiken herrschender Brauch, nämlich: Anstelle des bei uns herausgetragenen Grabtuchs wird bei ihnen ein großes geschnitztes Kruzifix herausgetragen und in der Kirche auf den Boden gelegt, und dann treten alle Frauen, besonders die alten Weiblein, heran, knien nieder, heulen, weinen und werfen sich darüber, ganz so, als wäre es ein Verstorbener, und benetzen es ganz mit ihren Tränen; und wir konnten uns an all dem nicht satt sehen.

Wegen des uns auf dem Marsch hinderlichen Hochwassers und der allergrößten Wegelosigkeit säumten wir so lange, dass wir auch unsere eigene Osterwoche unterwegs verbrachten.

Wir feierten unser Osterfest in ihrem Städtchen Gollub und stellten eigens dafür die Regimentskirche auf. Und diese heilige Woche war für uns sehr unlustig, und wir bekamen fast nichts von ihr mit, besonders deshalb, weil wir, von dem erwähnten Städtchen geradewegs auf Thorn ziehend, durch die allerelendesten Gegenden ziehen und in den ärmsten polnischen Dörfern Quartier nehmen mussten, in denen die Einwohner selbst kaum ihr tägliches Brot hatten und im allerkümmerlichsten Zustand lebten.

Doch niemandem war jene Zeit so verdrießlich und ärgerlich wie mir. Der Grund dafür war der Umstand, dass ich wegen der schlechten Wege, der Schwere meines Fuhrwerks und des Mangels an ausreichendem Futter für die Pferde all meine Pferde so ausgezehrt hatte, dass sie kaum noch imstande waren, meine Kibitka zu ziehen, und schließlich fast auf jeder Werst stehen blieben. Doch von allen Tagen war mir keiner so ärgerlich wie gerade der letzte dieses unseres Marsches, der letzte Tagesmarsch zur Stadt Thorn. Da eines meiner Pferde die Kibitka überhaupt nicht mehr zog, musste ich mein Reitpferd hergeben und selbst dieses ausgezehrte nehmen. Doch dieses verfluchte Vieh setzte mir an diesem Tag so zu, dass ich wahrhaftig meines Lebens nicht froh war mit ihm: Es ging nicht, das verfluchte, auch nicht unter dem Reiter, oder schleppte sich zumindest so dahin, dass ich mit meinen Kameraden keinesfalls Schritt halten konnte. So sehr ich es auch mit der Peitsche schlug, so sehr ich es auch mit den Füßen bearbeitete, es war gefühllos und wollte seinen langsamen Gang um kein Haar beschleunigen, sondern blieb nur noch öfter ganz stehen; und schließlich, als nicht mehr als drei Werst zu gehen blieben, blieb es, das verfluchte, so stehen, dass es sich nicht von der Stelle rühren wollte. „Was fällt dir ein? Ach, du Verfluchtes!, sagte ich, was hast du mir angetan?...“ Ich „hü! hü!“, aber nichts da! Ich ärgere mich, werde wütend, schlage, schimpfe, fluche, doch es spürt nichts und schaut nur so. Was soll man da tun? Es blieb nichts anderes übrig, als abzusteigen, zu Fuß zu gehen und es am Zügel zu führen. Obwohl ich keine Lust hatte, musste ich es tun und freute mich wenigstens darüber, dass das doch einigermaßen half. Doch auch diese Freude währte nicht lange. Bald, sehr bald kam es so weit, dass es, das verfluchte, auch ohne Last stehen blieb und nicht mehr von der Stelle zu bewegen war. Ich ziehe es am Zügel, ich ärgere mich, ich tobe, ich „hü, hü! hü!“, doch es achtete auf nichts von alledem und klimperte nur mit den Augen.

„Ach, du Kanaille!, sagte ich, was hast du mir für Streiche gespielt! Was soll ich jetzt mit dir anfangen?“

Ich war so wütend auf es, dass ich mehr als einmal nach dem Degen griff, in der Absicht, das verfluchte Tier zu erstechen; doch die Kürze des noch verbleibenden Weges, die Gutmütigkeit des Pferdes selbst und die Hoffnung, dass es sich erholen werde, hielten mich zurück und ließen es nicht dazu kommen. Dennoch war mein Kummer damals allergrößt, und ich wusste nicht, was ich mit ihm anfangen und tun sollte, und freute mich wenigstens darüber, dass niemand dieses mein Unglück und dieses mein Missgeschick sah, denn da das ganze Regiment mit allen Trossen schon weit vorausgezogen war, befand ich mich mutterseelenallein auf freiem Feld und schon in Sichtweite der Stadt Thorn. Doch zum Glück kam mir der Gedanke, es ausruhen zu lassen. Kaum war mir das eingefallen, suchte ich mir einen trockenen kleinen Hügel aus, setzte mich darauf und nahm mir vor, falls jemand fragen sollte, zu sagen, ich hätte Bauchschmerzen; doch zum Glück fragte mich niemand, und ich brauchte nicht zu lügen und mir eine Krankheit anzudichten; und was noch besser war, bald darauf kam mir ein anderer Gedanke, nämlich es mit Brot zu füttern, von dem ich gerade einen hübschen Kanten in der Tasche bei mir hatte, zusammen mit einem Stück Braten — solchen Reiseproviant führten wir immer mit uns. Also los, ich füttere es mit Brot und salze es, damit es lieber frisst, und war schon froh, dass es fraß. Dies und die ihm gewährte Rast von etwa zwei Stunden halfen ihm so sehr, dass es schließlich imstande war, mich irgendwie bis zur Stadt zu bringen. Und da diese Stadt damals das Ziel unseres Marsches war und wir, nach einem Rasttag in ihr, in ihrer Umgebung in Kantonierquartiere verlegt wurden, so beende ich an dieser Stelle diesen Brief und sage Ihnen, dass ich bin und so weiter.

DAS LAGER BEI THORN

56. Brief


Lieber Freund! So viel Mühe und Ungemach wir am Ende unseres letzten Marsches ausgestanden hatten, so sehr freuten wir uns, als wir wider alles Erwarten und gleichsam zur Belohnung für unsere Mühen sehr schöne Quartiere erhielten. Als wir durch die oben erwähnten schlechten und allerärmsten Gegenden zogen und im Voraus schlossen, dass wir in ebenso elenden und armen Behausungen und Quartieren würden liegen müssen, ärgerten wir uns schon unsäglich, dass wir uns in unserer Hoffnung, in guten preußischen Quartieren zu stehen, so sehr getäuscht hatten und dass wir das berühmte Königsberg, das schon so lange das allerwichtigste Ziel unserer Wünsche war, nicht einmal zu Gesicht bekommen hatten; daraus kann jeder leicht schließen, wie groß unsere Freude war, als wir uns wider all unser Erwarten in den allerschönsten Quartieren sahen, die all unser Hoffen und Erwarten übertrafen. Doch muss man auch sagen, dass nicht unser ganzes Regiment dieses Glücks teilhaftig wurde, sondern fast nur unsere Grenadierkompanien; denn da unser Stab selbst in der Stadt Thorn und ihren Vorstädten stehen sollte, wurden die Grenadierkompanien als die vornehmsten im Regiment in das der Stadt nächstgelegene Dorf verlegt, und dieses Dorf war gerade das beste und von besonderer Art; es hieß Gurske, lag nicht mehr als fünf Werst von der Stadt entfernt und gehörte zu den sogenannten Werdern; und da es besondere Beachtung verdient, will ich es etwas ausführlicher erwähnen.

Werder heißen sowohl um Danzig, Elbing und Marienburg als auch hier alle jene Siedlungen, die auf den niedrig gelegenen Ländereien dicht am Weichselstrom und seinen verschiedenen Armen angelegt sind.

Es ist bekannt, dass an Thorn der aus dem tiefsten Inneren Polens kommende gewaltige und breite Weichselstrom vorbeifließt, der seinen Lauf von dieser Stadt an Kulm und Graudenz vorbei nimmt und sich dann in zwei Arme teilt und bei Danzig ins Meer mündet.

Dieser Fluss hatte, mancherorts auf beiden Seiten, mancherorts auf einer, die gewöhnlichen niedrigen Überschwemmungsflächen, die sich vom Wasser bis zu den dahinter folgenden erhöhten und hügeligen Ufern in ungleicher Breite erstreckten, mancherorts etwa zwei Werst, mancherorts mehr, anderswo weniger. Diese Niederungen wurden in alter Zeit vom gewöhnlichen Hochwasser des Flusses überflutet und hatten von dem angeschwemmten und auf ihnen zurückbleibenden Schlamm Zeit, so fett zu werden, dass sie zu den allerfruchtbarsten wurden; doch lange Zeit lagen sie brach und brachten nur Gras hervor; mit der Zeit aber kamen endlich, aus irgendeinem Anlass, einige Auswanderer aus niederländischen und holländischen Gegenden auf den Gedanken, sich auf diesen Ländereien niederzulassen, sie sozusagen der Gewalt der Überschwemmungen gewaltsam zu entreißen und zu bestem Getreidebau zu zwingen.

Sie bewerkstelligten dies, indem sie dicht am Flussufer und dessen ganzer Länge nach einen ununterbrochenen, gewaltigen und überaus dicken, mit Weiden oder Weidenruten bepflanzten Damm errichteten, so hoch, dass kein Hochwasser, wie hoch es im Fluss auch steigen mochte, dessen Krone erreichen und darüber hinwegfluten konnte; und ebensolche Dämme legten sie auf beiden Seiten aller von der Seite in die Weichsel mündenden kleinen Flüsschen an. Und da dadurch alle erwähnten Überschwemmungsflächen vor dem Hochwasser des Flusses sicher wurden, siedelten sie sich auf ihnen auf ganz besondere Weise an, und zwar in solchen Dörfern, wie ich sie nirgends anderswo gesehen habe, nämlich:

Jedes Dorf erstreckte sich mehrere Werst in die Länge, obwohl es keine beträchtliche Anzahl von Höfen umfasste, weil jeder Hof vom anderen etwa hundertfünfzig Faden und bisweilen noch mehr entfernt lag. Diese Zwischenräume waren von ihren Gärten und Feldern eingenommen, denn jeder Bauer hatte all sein Land rings um seinen Hof und lebte gleichsam für sich allein. All seine Äcker und Gärten waren von einer Menge Gräben und Kanälen durchzogen; und da sie es nicht weit hatten, sie zu pflügen und zu düngen, erzielten sie solche Getreideernten, dass man nur staunen musste.

Was aber die Bauart ihrer Höfe selbst betrifft, so war auch diese von ganz besonderer Art. Alle bäuerlichen Gebäude sind bei ihnen in einem einzigen langen Bau und unter einem Dach untergebracht, und darum erscheinen sie auf den ersten Blick in einem solchen Dorf nicht als Bauernhöfe, sondern als riesige, an verschiedenen Stellen verstreute Schenken oder etwa wie unsere großen Darren und Dreschscheunen. An einem Ende dieser Gebäude befand sich die eigentliche Wohnung des Hausherrn. Sie bestand gewöhnlich aus drei hellen Stuben: Eine davon bildete eine große und sauber eingerichtete Stube, erhellt von drei oder vier großen schönen Fenstern und ordentlich von einem Kachel- oder Ziegelofen beheizt; die anderen beiden Räume lagen seitlich und waren kleiner, und einer davon diente entweder dem Hausherrn als Schlafkammer oder als Vorratskammer, im anderen aber, der näher am Ofen lag, wohnten seine Knechte und Mägde.

Vor diesen Stuben lag ein geräumiger Flur mit einem in seiner Mitte befindlichen Verschlag für Herd und Küche; und von dort aus werden auch die beiden in den Stuben stehenden Öfen geheizt.

Im Übrigen gab es aus diesem Flur drei Ausgänge: einen auf die vordere Vortreppe, einen anderen auf die andere Seite, in seine Gärten und Gemüsegärten, und einen dritten geradewegs in seinen Stall, der unmittelbar an seinen Flur anschloss und in dem in den Ständen nicht nur seine Pferde, sondern auch die Kühe in bester Ordnung standen. Auf diesen Stall folgten andere Ställe und Räume für Schafe und anderes Kleinvieh, nach diesen ein geräumiger Abschnitt zum Abstellen seiner Wagen und Lasten und allen Geschirrs, weiter darauf die Getreidespeicher und schließlich, den Abschluss bildend, ein geräumiger Abschnitt zum Einlagern des ungedroschenen Getreides, der ihm zugleich als Dreschscheune diente, denn hier pflegen sie das Getreide gewöhnlich einzulagern und zu dreschen. All diese verschiedenen Abschnitte waren von gleicher Höhe und alle mit einem einzigen ordentlichen Dach gedeckt; und da in einem solchen langen Bau, der sich mitunter zwanzig Faden und mehr in die Länge erstreckt, der dortige Bauer mit all seinem Bedarf Platz findet, so haben sie größtenteils außer diesem Bau keine anderen Gebäude unter eigenen Dächern, und sein ganzer Hof besteht aus diesem einen Bau.

Dennoch leben sie sehr wohlhabend und in solchem Überfluss, wie bei uns manche armen Edelleute nicht leben. Die Wohnstuben sind bei ihnen sauber eingerichtet, und zwar so weit, dass viele sogar Wanduhren haben; Stühle aber und ordentliche Tische und Schränke fanden sich überall. Sie tragen zwar bäuerliche Kleidung, doch saubere, ordentlich genähte und gute, besonders die Frauen. Sie essen auch immer gut, und, was das Erstaunlichste ist, selbst das Brot essen fast alle aus gebeuteltem Mehl. Vieh haben sie reichlich, und zwar sehr gutes, und ihre Gärten sind voller Kirsch-, Apfel- und anderer Obstbäume, und das in überaus großer Menge. Kurz, sie leben in überaus großem Überfluss, und viele von ihnen, besonders in den eigentlichen Werdern näher bei Danzig, besitzen große, sich auf mehrere Tausend belaufende Vermögen und spielen dort eine bedeutende Rolle.

Von solcher Art war das Dorf, in dem wir unsere Frühjahrs-Kantonierquartiere haben sollten. Es war zwar das ärmste unter allen Werderdörfern, doch auch hier konnten wir uns nicht genug am Leben und Treiben unserer Wirte erfreuen. Da aber alle Regimenter damals die Weichsel entlang und sehr eng verteilt waren, so lagen auch wir bisweilen etwas beengt, und nur mein Hauptmann erhielt einen eigenen Hof; im Übrigen aber mussten wir Offiziere zu zweit und zu dritt zusammen liegen und die Soldaten mit einer ganzen Korporalschaft in einem Quartier. Eben dieses Umstands wegen musste auch ich damals nicht allein liegen, sondern mit anderen Unterleutnants unserer Kompanie, nämlich mit Herrn Golowatschow und Herrn Batschmanow, von denen der Erstere Matwei Wassiljewitsch hieß und ein sehr beständiger, gutherziger und von mir stets geschätzter Mensch und mir ein guter Freund war; der Zweite aber hieß Makar Iwanowitsch und war ebenfalls ein gutherziger und einfältiger Mensch, doch als Nowgoroder Gutsbesitzer in vielen Dingen sehr komisch und kurios.

Obwohl also in einem Haus zusammen mit unseren Leuten ein ganz hübsches Familienhäuflein von uns lag, war es uns bei der Geräumigkeit der Stube und des Hauses doch keineswegs eng; vielmehr waren wir mit unserem Quartier zufrieden, umso mehr, als wir einen gutherzigen Wirt hatten und eine noch gutherzigere Wirtin. Beide bemühten sich um die Wette, uns mit allem zu dienen, was sie konnten, und wir hatten kaum nötig, weder für uns Lebensmittel noch für unsere Pferde Futter zu kaufen, denn die Wirte hielten es für eine Schande und wollten nichts davon hören, dass wir kauften, was sie selbst hatten und womit sie uns dienen konnten. Dazu trug auch viel bei, dass ich mit ihnen, als mit Deutschen, zu sprechen und sie stets selbst freundlich zu behandeln wusste.

So lagen wir hier nicht nur in vollkommener Zufriedenheit, sondern, man kann sagen, geradezu vergnügt.

Unser Hauptmann lag nur etwa zweihundert Faden von uns entfernt, die übrigen Offiziere ebenfalls nicht weit, und wir konnten uns sehr oft mit ihnen sehen; und überdies war auch die häusliche Gesellschaft an sich lustig. Herr Batschmanow belustigte uns jeden Tag mit seinem Betragen und seiner seltsamen Mundart, vor allem aber mit seinen unablässigen Zänkereien und Nowgoroder Flüchen mit seinem Burschen Doronja. Wir scherzten und foppten ihn als einen trefflichen Spaßmacher und barsten bisweilen vor Lachen, indem wir ihn in Zorn brachten und uns dann wieder mit ihm versöhnten.

Übrigens hatten wir uns hier kaum einquartiert und ganz eingerichtet, als ich Lust bekam, Thorn zu besuchen und mir diese Stadt anzusehen. Ich fand sie sehr schön und keineswegs einer polnischen ähnlich, sondern ganz deutsch und unserem Riga sehr ähnlich. Die Bauten waren darin alle aus Stein, geschlossen und hoch; die Straßen ebenso eng und krumm, und die Einwohner waren größtenteils Deutsche, und viele von ihnen sehr wohlhabend und mit schönen Häusern.

Mein Erstes nach der Ankunft in dieser Stadt war, nachzusehen, ob es darin nicht eine ebensolche Buchhandlung gebe wie in Riga, und zu meiner allergrößten Freude fand ich sie auch. Sie war zwar nicht so groß wie die Rigaer, aber recht ansehnlich, und ich konnte eine Stunde und länger mit größtem Vergnügen damit verbringen, die Bücher durchzusehen und durchzublättern. Hätte mich nicht der Gedanke gehindert, dass ich mich keinesfalls stark mit Büchern belasten dürfe, damit ich sie nicht wieder wie früher wegwerfen müsse, so hätte ich, da ich damals Geld hatte, eine Menge davon gekauft. Doch so sehr mich der erwähnte Umstand auch hinderte, konnte ich mich keinesfalls von einer neuen deutschen Monatsschrift trennen, die mir damals vor Augen kam und in Danzig unter dem Titel „Historische Nachrichten“ über unseren damaligen Krieg herausgegeben wurde, mit allen Relationen, Plänen und Beschreibungen der Schlachten und alles Übrigen. Mein ganzes Blut geriet in Wallung, als ich ein für die damalige Zeit so fesselndes Werk sah. Ich kaufte sogleich alle Teile, so viele damals erschienen waren, und freute mich darüber, als hätte ich einen großen Schatz gefunden.

Doch nicht nur dies bereitete mir auf dieser Fahrt in dieser Stadt Vergnügen, es gab noch etwas anderes. Als wir nach dem Einkauf aller nötigen Dinge hier im Wirtshaus zu Mittag aßen, kam gerade zu dieser Zeit, und gleichsam wie eigens zur Befriedigung meiner Neugier, ein Mann mit einem Guckkasten herein, in dem man durch ein Glas verschiedene perspektivische Ansichten von Städten zeigt und den bei uns viele fälschlich Camera obscura nennen. Ich hatte dieses optische Instrument bis dahin noch nie gesehen, ja nicht einmal davon gehört, dass es so etwas auf der Welt gibt, und — mein Gott — mit welchem Vergnügen, welcher Freude und Neugier blickte ich hinein und ergötzte mich an den so lebendig und gleichsam naturgetreu darin erscheinenden Ansichten der berühmtesten Städte der Welt und der schönsten Gebäude und Straßen darin.

Kurz, ich hüpfte fast vor Freude, dass ich Gelegenheit bekam, sie, wenn auch nur auf Papier, zu sehen und mir eine gewisse Vorstellung von ihnen zu machen.

Ich wurde nicht müde, alle seine Bilder durchzusehen und die Einrichtung dieser Maschine selbst zu betrachten, die mir sehr einfach und ohne sonderliche Kunst gemacht schien, und zahlte mit größtem Vergnügen die kleine Summe Geldes, die man dem Mann, der sie uns zeigte und sich davon ernährte, zu geben hatte.

Kaum war ich in mein Quartier zurückgekehrt, als ich mich über die gekauften Bücher hermachte, sie sogleich zu lesen begann und Tag und Nacht darüber saß. Ihr Inhalt gefiel mir so sehr und die ganze Geschichte unseres Krieges erschien mir so fesselnd, dass ich mir nach einigen Tagen vornahm, sie ganz zu übersetzen, damit auch meine Kameraden und andere Offiziere unseres Regiments von ihrer Lektüre Nutzen haben könnten. Ein wahrhaftig seltsames und höchst leichtsinniges Unterfangen! Ich bedachte keineswegs, welch großes und meinen Kräften ganz und gar nicht angemessenes Werk ich unternahm; bedachte nicht, ob mir dafür genug Zeit und Muße bleiben und ob ich so viel Geduld haben würde, so umfangreiche Bücher zu übersetzen, und schließlich kam mir auch nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, ob es sich lohnte, für irgendjemanden eine so große Mühe auf sich zu nehmen, und ob ich viele Leser finden würde, die so wissbegierig waren wie ich selbst. All das kümmerte mich nicht; sondern einzig meiner Lust und der meinem damaligen Alter eigenen Hitzigkeit und Leichtfertigkeit folgend, machte ich mich tatsächlich an diese Arbeit und mühte mich einige Tage hintereinander unermüdlich mit dieser Übersetzung ab, sodass ich in kurzer Zeit mehrere Hefte vollschrieb, und vielleicht hätte ich noch mehr geschrieben, wenn nicht der folgende Umstand meine Lust dazu etwas gedämpft und die danach eintretende Veränderung unserer Umstände diese ganz vergebliche und leere Mühe schließlich unterbrochen und zunichtegemacht hätte. Nämlich: Nachdem ich auf die erwähnte Weise mehrere Hefte geschrieben hatte, wollte ich für meine Mühe den ganzen erhofften Lohn empfangen und, indem ich meine Übersetzung diesem und jenem meiner Kameraden zu lesen gab, an dem Vergnügen teilhaben, das sie beim Lesen haben würden. In der zweifellosen Hoffnung, dass dies eintreten werde, tat ich es tatsächlich und gab sie einigen der wissbegierigsten Offiziere zum Gebrauch. Doch stellen Sie sich vor, wie groß mein Verdruss und meine Entrüstung sein musste, als ich statt der erwarteten Lesegier bei ihnen kaum die geringste Neugier und Lust zum Lesen bemerkte, und als einige, kaum drei Seiten gelesen, schon zu gähnen begannen, andere sie nicht einmal in die Hand nehmen wollten, sondern lieber zu den ihnen angenehmeren Beschäftigungen eilten, nämlich zum Kartenspielen, Punschtrinken, zum Nachstellen von Bauernmädchen und Mägden, womit sich damals alle unsere Herren Offiziere am meisten befassten und worin sie ihren besten Zeitvertreib fanden. Das verdross mich unsäglich: Ich schalt sie alle in Gedanken, lachte über ihre Unwissenheit und darüber, dass sie so wenig Wissbegier hatten, und sagte schließlich bei mir selbst: „So seid ihr es denn nicht wert, meine Herren, dass man sich für euch so viel abmüht und arbeitet, sondern bleibt lieber bei euren närrischen Beschäftigungen; und ist es für mich nicht besser, aufzuhören, mich für euch zum Narren zu machen und ganze Tage und Abende zu versitzen, um eure vermeintliche Wissbegier zu befriedigen, die es bei euch nie gegeben hat.“ Von da an hörte ich auf, mich mit dieser Übersetzung so abzuplagen wie bis dahin, und eben dies hemmte auch einigermaßen meine frühere Arbeit, nämlich das Reinschreiben meines „Cleveland“ und die Fortsetzung seiner Übersetzung; denn auch für diese Mühe konnte ich keinen besseren Lohn erwarten; und daran, dass es jemals gedruckt werden könnte, war damals überhaupt nicht zu denken.

Von dieser Zeit an übersetzte ich zwar noch hin und wieder, aber nur noch zu meinem eigenen Vergnügen und dann, wenn ich nichts zu tun hatte und mir das Lesen schon langweilig wurde.

Während wir auf die erwähnte Weise von Kurland nach Thorn zogen und hier in den Kantonierquartieren lagen, sann der neue Heerführer unserer Armee darüber nach, wie er rechtzeitig mit seiner Armee zu einem weiteren Feldzug aufbrechen und alle nötigen Vorbereitungen dazu treffen könnte; denn man muss wissen, dass der Krieg sich nicht dem Ende zuneigte, sondern von Stunde zu Stunde heftiger entbrannte. Die Erfolge des preußischen Königs im vergangenen Herbst hatten an allen europäischen Höfen große Umwälzungen in allen Angelegenheiten bewirkt, und alle Umstände hatten sich in vielem verändert — worüber man sich auch nicht wundern kann. Kein Mensch auf der Welt hatte gedacht und erwartet, dass der Krieg des vergangenen Sommers so enden würde, wie oben dargestellt, und alle staunten nur über all die Ereignisse. Und wahrhaftig, in keinem Feldzug, glaube ich, hat es so viele rasche und unvermutete Umschwünge von Glück in Unglück und von Unglück in Glück gegeben wie in dem des vergangenen Sommers. Die göttliche Vorsehung, die alle Kriegsereignisse nach ihrem Willen lenkt, bewirkte in den Geschicken aller kriegführenden Mächte sehr seltsame Umschwünge: Die Preußen erhob sie bald auf eine glänzende Stufe des Glücks, bald stürzte sie sie in einen Abgrund von Unglück und Übel. Wir Russen hatten, wie man aus dem Vorhergehenden ersehen kann, über die Preußen eine Schlacht gewonnen, zogen aber aus Preußen ab wie Besiegte und Geschlagene. Die Franzosen wähnten, den Herzog von Cumberland völlig niedergeworfen und entwaffnet zu haben; doch kaum hatte sich die Kunde davon in ganz Europa verbreitet, als schon die Nachricht eintraf, dass eine ihrer Armeen völlig geschlagen sei und der Herzog von Cumberland gleichsam wieder auflebe. Die Kaiserlichen wähnten, Schlesien vollständig erobert zu haben, und schmeichelten sich schon mit der Hoffnung, bald auch das Ende des ganzen Krieges zu sehen; doch plötzlich erhalten sie Schlag auf Schlag und so großes Unglück, dass sie ganz Schlesien aufgeben und mit den Resten ihrer geschlagenen Armeen nach Böhmen zurückfliehen müssen.

Ein solch seltsamer Umschwung des Glücks und aller Umstände traf ganz Europa gleichsam wie ein Schlag. Alle Höfe waren verblüfft und wussten eine Zeitlang nicht, was sie anfangen und tun sollten. Doch bald begannen neue Pläne und neue Unternehmungen: Alle Höfe, die die sogenannte große Allianz bildeten, nämlich unser russischer, der kaiserliche, der französische und der schwedische, konnten ein solches Missgeschick nicht ruhig hinnehmen. Sie glühten vor Verdruss und wollten sich für alle ihnen zugefügten Kränkungen und Beleidigungen rächen, und eben deshalb griffen sie wieder zu den Waffen und beschlossen, noch größere Anstrengungen aufzubieten. Andererseits begann der preußische König, der die Notwendigkeit sah, den Krieg fortzusetzen, und durch seine letzten Erfolge ermutigt war und sich deshalb mit der Hoffnung schmeichelte, noch bessere zu erringen, all seine Kräfte aufzubieten, um sich in den Stand zu setzen, seinen Feinden zu widerstehen.

Aus all diesen Umständen begann, kaum dass der Winter angebrochen war, jeder Hof sich von Neuem zu rüsten, und zwar mit noch größerem Eifer als zuvor.

So sehr der preußische König auch mit Hilfe seiner Verbündeten, der Engländer, Ränke schmiedete und sich bemühte, unsere Kaiserin vom Bündnis mit den Kaiserlichen und Franzosen abzubringen, und so sehr er auch auf seine geheimen Verpflichtungen und Absprachen mit dem damaligen Thronfolger Russlands und auf dessen Beistand in allem hoffte, so überwanden doch die Minister des kaiserlichen und des französischen Hofes durch ihre Ränke und Bemühungen all seine Listen und vereitelten vielfach seine Pläne. Es gelang ihnen, unsere Minister und die Favoriten der Kaiserin auf ihre Seite zu ziehen und, nachdem sie einiges über die oben erwähnten geheimen Verpflichtungen zwischen ihm und unserem damaligen Großfürsten erfahren hatten, schließlich jene Veränderung herbeizuführen, dass der bis dahin alle Geschäfte lenkende Kanzler Bestuschew gestürzt wurde, wodurch allen Angelegenheiten eine bessere Wendung gegeben wurde, unter anderem die, dass die Kaiserin fest beschloss, den Krieg gemeinsam mit den Übrigen gegen den preußischen König fortzusetzen.

Über die oben erwähnte geheime Absprache, die damals zwischen dem preußischen König und unserem damaligen Großfürsten bestand, kursierten damals nur dunkle Gerüchte, der wahre Sachverhalt aber war unbekannt, bis der preußische König selbst ihn in späteren Zeiten bei der Abfassung seiner Geschichte dieses Krieges enthüllte. Er sagt, der erwähnte Großfürst sei, noch als holsteinischer Prinz, sehr erbost auf die Dänen gewesen wegen der Kränkungen und Ungerechtigkeiten, die der dänische Hof seinen Vorfahren zugefügt hatte, und, vom Wunsch brennend, sich nach seiner Thronbesteigung an ihnen zu rächen, habe er befürchtet, dass der unter den damaligen Umständen überall nach Verbündeten suchende preußische König sich mit ihnen befreunden könnte, und eben dies habe ihn veranlasst, den preußischen König zu bitten, auf keinen Fall ein Bündnis mit ihnen zu schließen, wofür er seinerseits versprach, dem König im damaligen Krieg mit allen seinen Kräften und Möglichkeiten beizustehen. Was aber Bestuschew betrifft, so begann er, so sehr er anfangs selbst gegen den preußischen König vorgegangen war, ebenso sehr dessen Partei zu ergreifen, als die Kaiserin erkrankte und er, ihren Tod befürchtend, sich dem Großfürsten als dem Thronfolger anschloss: Und eben dies war auch der Grund, weshalb er im vergangenen Sommer dem Grafen Apraxin befahl, aus Preußen zurückzukehren. Doch als Graf Bestuschew gestürzt und in die Verbannung geschickt worden war und andere Leute die Geschäfte zu lenken begannen, ging alles anders. Und deshalb wurde unseren Truppen befohlen, sogleich wieder zurück ins Königreich Preußen zu ziehen, es zu besetzen, im folgenden Sommer weiter vorzurücken und den preußischen König selbst in seinen innersten brandenburgischen Landen zu bedrängen; und damit all dies mit besserem Erfolg ins Werk gesetzt werden konnte, wurden nicht nur zur Ergänzung der Armee von Neuem Rekruten ausgehoben, sondern auch ein neues und besonderes Korps unter dem Namen Observationskorps gebildet und geradewegs durch Polen zur Vereinigung mit unserer Armee geschickt.

Und da es ganz überwiegend aus den besten Leuten bestand, die aus den alten ukrainischen Regimentern ausgewählt waren, setzte man große Hoffnung in es.

Andererseits traf auch die Kaiserin-Königin nicht geringere Kriegsvorbereitungen als wir. Sie ergänzte ebenfalls ihre Armeen mit Rekruten und hatte überdies das Glück, dass die ungarischen Einwohner aus Ergebenheit zu ihr von sich aus versprachen, ihr vierzigtausend Mann zu stellen und auf eigene Kosten zu unterhalten. Der Oberbefehl über die Armeen wurde wieder dem berühmten General Daun übertragen, eine andere Armee, gegen Sachsen, stand unter dem Befehl des Generals Serbelloni, und beiden wurde befohlen, so früh wie möglich mit ihren Kriegshandlungen zu beginnen.

Von dritter Seite rüstete sich auch die aus verschiedenen deutschen Völkern zusammengezogene Reichsarmee wieder für Kriegsoperationen, und den Oberbefehl über sie erhielt der Prinz von Zweibrücken.

Von vierter Seite versäumten auch die Franzosen nicht, dasselbe zu tun, und befassten sich den ganzen Winter über mit allen nötigen Vorbereitungen zur Fortsetzung des Krieges, sowohl gegen die Preußen als auch gegen die Engländer; und da der französische Hof mit dem letzten Verhalten des Marschalls Richelieu äußerst unzufrieden war, wurde dieser im Frühjahr abberufen und der Befehl über die Armee dem Grafen Clermont übertragen.

Schließlich trafen von fünfter Seite auch die Schweden gleichartige Kriegsvorbereitungen. So sehr sich der preußische König auch bemühte, sie zum Abfall von unserem Bündnis zu bewegen, überwand doch die Gewandtheit der französischen Minister, die damals am schwedischen Hof großen Einfluss hatten, all seine Ränke und Bemühungen und bewog die schwedische Regierung, den Krieg gemeinsam mit uns fortzusetzen.

So viele und starke Vorbereitungen wurden gegen den preußischen König getroffen; doch auch er war dagegen nicht untätig. Sein allerwichtigstes Bestreben war, seine Armee wieder zu ergänzen und den Verlust zu ersetzen, den er in den sieben Schlachten des vergangenen Jahres erlitten hatte, nicht weniger aber in den Hospitälern durch ansteckende und beinahe der Pest ähnliche Krankheiten, an denen ihm eine große Menge Leute gestorben war. Doch diese Ergänzung fiel ihm nicht so leicht wie den übrigen Verbündeten, die alle zusammen über 50 Millionen Menschen hatten, er aber nicht mehr als fünf. Doch diesen Mangel ersetzte er durch seinen Verstand, seine List und Gewandtheit. Er verschaffte sich genug Soldaten und Geld und ergänzte seine Armee nicht nur im Überfluss, sondern vermehrte sie sogar noch. Um Leute zu bekommen, hob er erstens Rekruten in allen sächsischen, anhaltischen und mecklenburgischen Landen aus; zweitens holte er alle Deserteure durch einen Generalpardon zu sich zurück, und drittens nahm er eine große Menge der bei ihm gefangenen Österreicher und Franzosen, Schweden und Württemberger in seinen Dienst, und durch all diese Mittel bekam er eine Menge Leute.

Was aber das Geld betrifft, an dem er ebenfalls Mangel hatte, so half ihm darin England. Dort trat zu seinem Glück ein Wechsel im Ministerium ein.

Fox, der bis dahin alle Geschäfte gelenkt hatte und durch die Ränke des Herzogs von Cumberland zu dieser Stellung gelangt war, musste diese Würde freiwillig niederlegen. An seine Stelle trat der berühmte Pitt, der Vater des heutigen. Dieser überzeugte durch seine Beredsamkeit sogleich das ganze Volk, sich mit größerem Eifer für den preußischen König einzusetzen und ihm nicht nur jedes Jahr vier Millionen Taler zu zahlen, sondern überdies die hannoversche Armee durch ein englisches Korps zu verstärken; und zu ihrem Befehlshaber erbat er sich vom preußischen König den später berühmt gewordenen Prinzen Ferdinand von Braunschweig. Kaum aber hatte der König dieses Geld erhalten, als er es in neue und sehr schlechte Münze umprägte und aus vier Millionen zehn machte, und dadurch erhielt er für dieses Jahr Geld genug zur Fortsetzung des Krieges.

Mit solchen Beschäftigungen verbrachten alle kriegführenden Mächte den ganzen Winter, und kaum war dieses Jahr 1758 angebrochen, als einige von ihnen sogleich auch ihre Kriegshandlungen begannen. Den Anfang machten die Franzosen, oder vielmehr ihr damaliger Befehlshaber, der Herzog von Richelieu. Er, der den von ihm begangenen Fehler einigermaßen wiedergutmachen wollte, schickte den Marquis d’Argenson mit zwölftausend Mann zur Einnahme der Stadt Halberstadt; und da diese Stadt nicht sehr befestigt war, zog sich die Garnison vor den Augen der Franzosen nach Magdeburg zurück, und diese besetzten die Stadt, richteten darin große Verwüstungen an und plünderten fast alle Einwohner aus.

Ein solches Unternehmen der Franzosen veranlasste den preußischen König, aus Sachsen ein Korps unter dem Befehl seines Bruders, des Prinzen Heinrich, in diese Gegend zu schicken, der die Franzosen bis an die Weser trieb und dann wieder auf seinen Platz zurückkehrte; und da gerade zu dieser Zeit auch Prinz Ferdinand von Braunschweig den Befehl über die hannoversche Armee übernommen hatte, begann er die Franzosen immer weiter zu treiben und tat dies mit solchem Erfolg, dass Ende Februar die ganze französische Armee schon über die Weser zurückgegangen war und im März sogar über den Rhein selbst zurückwich, nachdem sie so viele Leute verloren hatte, dass ihr nicht mehr als 30 000 Mann blieben.

In solchen Umständen befanden sich die Angelegenheiten in Europa zu der Zeit, als wir auf die oben erwähnte Weise an der Weichsel standen und uns bereitmachten, weiter gegen den Feind zu ziehen. Und da um diese Zeit die Nachricht einging, dass der König die schlesische Festung Schweidnitz zu belagern gedenke, die als einzige noch in der Gewalt der Kaiserlichen geblieben war, begann unser neuer Heerführer, um ihm eine Diversion zu machen, alle übrigen Vorbereitungen zum Feldzug zu beschleunigen; und da der Frühling sich schon ganz durchzusetzen begann und Futter zum Vorschein kam, erhielten wir immer wieder Befehle, zum Marsch bereit zu sein, und erwarteten von Stunde zu Stunde, dass man uns auszurücken befehlen werde. Doch gerade zu dieser Zeit wurden wir wider alles Hoffen und Erwarten durch eine Nachricht unendlich erfreut.

Was für eine es war, danach fragen Sie mich jetzt nicht. Das werden Sie im folgenden Brief sehen; den gegenwärtigen aber, da er recht lang geworden ist, ist es Zeit zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich bin und so weiter.

DER MARSCH NACH KÖNIGSBERG

57. Brief


Lieber Freund! Da Sie, wie ich hoffe, sehr neugierig sind zu erfahren, was das wohl für eine Nachricht war, die uns so sehr erfreute, so will ich meinen gegenwärtigen Brief mit der Befriedigung dieser Ihrer Neugier beginnen und sagen, dass sie folgende war.

Als wir uns auf die erwähnte Weise zum Marsch rüsteten und jeden Tag den Befehl erwarteten, auszurücken und über die Weichsel zu gehen, kam aus Thorn einer unserer Offiziere und Freunde zu uns, der in eigenen Angelegenheiten dorthin gefahren war. Kaum war er bei uns in die Stube getreten, als er mit fröhlicher Miene zu uns sagte:

— Wisst ihr, meine Herren, ich habe euch Neuigkeiten mitgebracht, und zwar Neuigkeiten, die für uns sehr wichtig sind!

— Gut, — antworteten wir, — aber was sind das für Neuigkeiten? Mit schlechten hättest du gar nicht erst zu uns kommen brauchen.

— Nein, — sagte er, — wie sie euch vorkommen werden, weiß ich nicht, aber für mich sind sie nicht schlecht. Kurz, uns ist befohlen, ins Feld zu ziehen, und übermorgen müssen wir ausrücken.

— Nun, was ist daran so Wunderbares! — sagten wir. — Darauf warten wir längst und sind bereit, meinetwegen schon morgen auszurücken.

— Ach, ihr, — fiel er ein, — fragt lieber — wohin?

— Das ist auch eine bekannte Sache: über den Fluss und gegen den Feind, — antworteten wir kaltblütig.

— Nun, gerade das habt ihr nicht erraten, — sagte er.

— Wie! Etwa wieder zurück und nach Hause? — fragten wir verwundert.

— Nein! — sagte er. — Nicht nach Hause, aber auch nicht gegen den Feind, dort wird man auch ohne uns zurechtkommen.

Diese Worte versetzten uns schon in große Neugier.

— Wohin denn? — sagten wir. — Sag es doch, Bruder, bitte.

— Nein! — sagte er. — Strengt euch nur an, einer von euch, und ratet selbst; ich sage nur so viel, dass ihr euch darüber ebenso freuen werdet wie ich.

Da hatten wir keine Geduld mehr und setzten ihm, der uns quälte und es nicht sagen wollte, so lange mit unseren Bitten zu, bis er schließlich sagte:

— Nach Königsberg, meine Herren, und dorthin, wo wir alle schon lange einmal hinwollten.

— Ist das wirklich wahr? — riefen wir alle wie aus einem Munde. — Aber kann das denn sein?

— Freilich kann es das, — antwortete er, — und wisset, dass es „lzja“ ist, {Russisch, veraltet: man kann, es ist erlaubt, nicht verboten; bei uns heute nur mit Verneinung gebräuchlich – „nelzja“, man darf nicht.} da unserem Obersten ja bereits der Befehl dazu zugeschickt worden ist.

— Aber erbarme dich! Wie denn das, und auf welche Weise? Königsberg liegt doch schon weit hinter uns.

— Freilich! — erwiderte er. — Aber gerade das ist ja das Wunderliche! Und trotz alledem sollen wir mit dem Regiment dorthin ziehen und, was noch besser ist, den ganzen jetzigen Sommer dort leben und nichts weiter tun, als die Wachen zu stellen.

Nun können Sie leicht ermessen, dass uns dies über die Maßen erfreute; denn obwohl wir gern gegen den Feind ins Feld zogen, so war uns doch bekannt, dass der Feind nicht scherzt und dass es auf einem Feldzug gegen ihn nicht immer lustig zugeht, zuweilen sogar recht übel, und überdies konnte niemand von sich mit Gewissheit wissen, ob er von dem Feldzug wohlbehalten zurückkehren oder für immer dort bleiben würde. Mochten wir also noch so viel Eifer und Hingabe für den Kriegsdienst haben – wem ist das Leben nicht lieb, und wer wollte sich seiner nicht wenigstens noch ein Jahr lang erfreuen? Und darum: Wer hätte sich nicht gefreut, zu hören, dass er für einen ganzen Sommer nicht nur von allen Gefahren des Krieges befreit wird, sondern auch von allen Mühen und Unruhen, die mit einem Feldzug verbunden sind, und wer hätte dafür nicht Gott und seinem Schicksal gedankt?

Und wir waren in der Tat so froh darüber, dass wir mehr als einmal sagten: „Gott sei Lob, Gott sei Dank!“ und dem Schicksal dankten, dass es uns eine so große Wohltat erwiesen und uns einen solchen Vorzug vor vielen anderen gegeben hatte. Mit dem größten Vergnügen wünschten wir allen übrigen Regimentern, die an uns vorüberzogen, eine gute Reise und wünschten ihnen, auf ihrem Feldzug Ruhm zu erwerben und alles Wohlergehen zu haben, uns selbst aber kam es nicht einmal in den Sinn, uns darüber zu grämen, dass wir nicht das Glück haben würden, mit ihnen in den Schlachten zu sein und den Ruhm der von ihnen errungenen Siege mit ihnen zu teilen.

Aber niemand im ganzen Regiment, glaube ich, wurde durch diese Nachricht so sehr erfreut wie ich. Alle Übrigen freuten sich vor allem deshalb, weil sie nicht ins Feld ziehen, sondern an einem Ort bleiben würden, in Ruhe, mit guten Quartieren, und in einer so reichen Stadt leben würden, wo sie Gelegenheit hätten, sich allem Luxus und aller Ausschweifung hinzugeben; meine Freude aber entsprang einer ganz anderen Quelle. So angenehm es mir auch war, dass ich nicht ins Feld ziehen und keinen Gefahren ausgesetzt sein, sondern an einem Ort leben würde, so sehr oder noch ungleich mehr freute ich mich darüber, dass ich einen ganzen Sommer lang in einer großen und berühmten ausländischen, deutschen Stadt leben würde, von der ich schon unsäglich viel Gutes gehört hatte und die voll von gelehrten Leuten, Bibliotheken und Buchläden war. Da ich Deutsch sprechen konnte, schmeichelte ich mir mit der Hoffnung, mit vielen dortigen Einwohnern Bekanntschaft schließen zu können und dass es mir dort sehr fröhlich und nicht langweilig sein würde; ich würde vieles zu sehen bekommen, was ich noch nie gesehen hatte, und mir Bücher kaufen können, so viele ich wollte. Mit einem Wort, ich war schon im Voraus von diesen Gedanken entzückt, malte mir unsäglich viele Vergnügungen aus, und niemand, glaube ich, rüstete sich mit solcher Lust zu diesem Marsch wie ich.

Der Befehl zum Aufbruch zu diesem Marsch traf tatsächlich gleich am nächsten Tag bei uns ein, und am dritten brachen wir auf.

Beim Abschied von den dortigen Wirtsleuten konnten wir ihnen nicht genug danken für alle erwiesene Freundlichkeit und Gewogenheit und wünschten ihnen eine glückliche Fortsetzung ihres gesegneten Lebens; und da auch sie mit uns zufrieden waren, gaben sie uns das Geleit und wünschten uns eine glückliche Reise.

Wir zogen durch ebendieselben Gegenden, durch die wir zuvor gezogen waren, bis zum Bistum Ermland und seiner Hauptstadt Heilsberg {In Ostpreußen, an der Alle.}, und von diesem Ort wandten wir uns schon nach links und zogen auf geradem Weg nach Königsberg; und da es damals die allerschönste und erste Frühlingszeit war und gutes Wetter herrschte, kann ich sagen, dass dieser Marsch von allen, die ich in meinem Leben mitgemacht habe, der allerlustigste und angenehmste war. Wir zogen gemächlich und ohne Hast dahin, machten kleine Tagesmärsche, hielten immer in Städtchen und nicht in Lagern und hatten in allem unser Vergnügen. Das Regiment führten auf dem Marsch nur die Diensthabenden, wir übrigen Offiziere aber ritten alle zu Pferde, und nicht bei der Infanterie, sondern wo wir wollten, gewöhnlich in Häufchen und Gesellschaften zu mehreren beisammen, und vertrieben uns die Zeit unterwegs mit lauter Scherzen, Gelächter und freundschaftlichen Gesprächen. Und während der Nachtlager oder Rasttage in polnischen Städtchen oder preußischen Kleinstädten mit gemeinsamen Spaziergängen durch diese, mit gegenseitigen Besuchen in den Quartieren, mit Einkehr in Wirtshäusern und mit Belustigungen darin durch Scherze, Spiele und dergleichen mehr.

Übrigens erinnere ich mich nicht, dass mir während dieses Marsches irgendein besonderes Abenteuer widerfahren wäre, das der Aufzeichnung würdig wäre, außer einem einzigen, ganz unbedeutenden, das einen lustigen Streich betrifft, den wir dem früher erwähnten Kameraden von mir, dem Unterleutnant Batschmanow, spielten; und da ich bei all dem Unfug der hauptsächlichste Anstifter war, will ich es Ihnen erzählen, einzig zum Lachen.

Ich habe Ihnen schon früher erwähnt, dass dieser Mensch zwar sehr gutherzig und von uns allen geliebt war, aber von ganz besonderer Art und einem solchen Charakter, der uns zuweilen nötigte, ihm Streiche zu spielen und über ihn zu lachen. Als Nowgoroder war er eigensinnig, starrköpfig und mochte keine Scherze und keinen Spott über sich. Kaum dass jemand irgendwie, und sei es absichtlich, über ihn lachte oder scherzte, so ärgerte er sich und erhob darüber ein gewaltiges Geschimpfe: Dies aber gibt bekanntlich in den Regimentern jedermann schon Anlass und gleichsam ein Recht, ihn zu necken und zu verspotten. Zu allem Unglück konnte er sich, an die Nowgoroder Mundart gewöhnt, auch im Dienst noch keineswegs von ihr entwöhnen und davon, viele Dinge mit „o“, „po“, „ko“ und ganz anders zu benennen, als andere sie benennen; und dies gab nicht selten Anlass, über ihn zu scherzen, zumal seine ganze Gestalt, sein Gemüt und sein Charakter etwas Komisches und Besonderes an sich hatten.

Zur weiteren Vermehrung seines Unglücks hatte Gott ihm auch einen Burschen geschickt, der fast genau so war wie er selbst. Er war ein gutmütiger Kerl, aber irgendwie einfältig und hatte viel Komisches an sich.

Mit diesem seinem Doronja (denn so nannte er ihn, wie ich schon erwähnte) gab es fast jeden Tag Streit und Versöhnung {Wiederaussöhnung.}. Und während unseres gemeinsamen Quartiers verging kein Tag, an dem wir nicht über ihn lachten; und da auch sein Familienname Batschmanow sehr an „Batschan“ erinnerte, mit welchem Namen jene besondere Art von Reihern oder Störchen bezeichnet wird, die ihre Nester auf Häusern und nicht selten auf Schornsteinen bauen und sich ebenso wie die Störche von allerlei Kriechgetier und Fröschen ernähren, so nannten wir ihn gewöhnlich Batschan, wozu auch sein hoher, dünner und gebeugter Wuchs und seine langen Beine einigermaßen passten; und er hatte sich an diesen Namen so gewöhnt, dass er sich fast schon nicht mehr ärgerte, wenn ihn jemand Batschan nannte. {Andere Bezeichnungen für den Batschan: Busel, Tschernogus, Batjan, Storch, Reiher.}

Eben dieser Name gab uns Anlass zu jenem Scherz mit ihm, von dem ich erzählen will. Es war noch während unseres Aufenthalts in den Quartieren, etwa sechs Tage vor unserem Aufbruch zum Marsch, als ich mit ihm und einem anderen unserer Kameraden morgens durch die Gärten und kleinen Wäldchen spazieren ging, die hier und da zwischen den Höfen unseres Dorfes lagen. Da geschah es, wie absichtlich, dass in einem Wäldchen unweit von uns ein Kuckuck zu rufen begann. Herr Golowatschew und ich freuten uns, als wir ihn hörten, und sagten:

— Sieh, sieh, auch die Kuckucke sind schon da!

Herr Batschmanow aber, statt dasselbe zu tun, wurde plötzlich böse und begann, den Kuckuck mit allerlei Nowgoroder Flüchen zu beschimpfen.

— Pfui, du Verfluchter, — sagte er und spuckte dabei immer wieder aus, — der Teufel soll dich holen, du Verdammter! Der Böse soll dich erwürgen! Auf dein eigenes Haupt soll das kommen! — und so weiter.

Als wir das hörten, wälzten wir uns vor Lachen.

— Was ist denn, Bruder Makar, — sagten wir, — warum zürnst du so dem Kuckuck? Was hat er dir getan?

— Wie, Brüder, was? — sagte er. — Mich Hungrigen hat der Verfluchte angerufen, und ich weiß jetzt gewiss, dass ich dieses Jahr nicht überleben werde. Oh, die böse Krankheit soll ihn holen, und alle Teufel sollen ihn, den Verfluchten, erwürgen.

— So, so! — sagten wir und lachten noch heftiger. — Nun leb wohl, Bruder Makar! Dein Köpfchen wirst du nicht mehr lange tragen! Wenn der Kuckuck es schon vorhergesagt hat, so muss es wohl so sein, und du musst dich schon von der Welt verabschieden.

So einfältig unser Makar auch war, er merkte doch, dass wir uns über ihn lustig machten, und da erhob sich plötzlich, statt gegen den Kuckuck, sein ganzer gerechter Zorn gegen uns, und damit gab er uns von Neuem eine Waffe gegen sich in die Hand – ihn mit unserem Spott zu quälen und rasend zu machen: Und dieser Kuckuck verdarb ihm an jenem ganzen Tag so sehr die Laune, dass er schließlich seines Lebens nicht mehr froh war und sowohl uns als auch sich selbst und seine Lust zum Spazierengehen verfluchte.

Damit war die Sache jedoch noch nicht zu Ende. Da wir merkten, dass man ihn mit diesem Kuckuck am schnellsten reizen {Erzürnen, ärgern.} und in Raserei bringen konnte, was wir ja stets anstrebten, gingen wir, darüber erfreut, weiter, und mir kam noch der Einfall, auf diese Begebenheit ein lustiges Liedchen zu dichten, das ihn augenblicklich reizen könnte. Ich gestehe, dass es ein reiner Mutwille war, und es trieb mich nichts anderes dazu als einerseits Jugend und Leichtsinn, andererseits der Rat meines Hauptmanns; denn dieser, der ebenso wie wir über ihn scherzte, hatte kaum von dem erwähnten Kuckucksruf und allem anderen gehört, als er sogleich zu mir sagte:

— Ach, Bruder! Wenn man darauf ein Liedchen dichten würde, das gäbe ein Gelächter und einen Spaß! Und plötzlich würden wir es alle anstimmen, und da er den Kuckuck so wenig leiden kann – sieh nur, was dann wäre.

Das genügte, um in mir die Lust zu wecken, zu versuchen, ob ich nicht ein Liedchen auf irgendeine bekannte Weise {Auf eine Melodie.} dichten könnte; und da mir die Weise des alten und allen bekannten Liedes „Irgendwo in einem kleinen Wäldchen am Bach“ vertrauter war als alle anderen und auch die Art dieses Liedes mir dafür am allergeeignetsten schien, so begann ich sogleich, mir Worte auszudenken und zum ersten Mal in meinem Leben Verse und Reime zu verfassen.

Mit dieser Arbeit, heimlich vor unserem Freund, verbrachte ich nicht mehr als etwa zwei Tage und hatte so guten Erfolg, dass mein Liedchen sowohl dem Hauptmann als auch allen übrigen überaus gefiel, und sie alle beschlossen, es sogleich auswendig zu lernen, und wenn wir es erst können würden, ihn dann irgendwo so im Kreis einzuschließen, dass er nicht entwischen könnte, und es alle wie aus einem Munde anzustimmen. So wurden sogleich viele Abschriften davon angefertigt, und da für das Weitere damals keine Zeit mehr war, beschlossen wir, es während unseres Marsches nach Königsberg ins Werk zu setzen. Das führten wir auf dem Marsch auch aus; denn da wir alle in Haufen zu Pferde ritten, umringten ihn etwa zehn von uns, die dieses Lied gelernt und sich noch mit einigen anderen verabredet hatten, eines Tages auf den Pferden so, dass er aus der Mitte nirgendwohin wegreiten konnte, und plötzlich stimmten alle unser Liedchen an, das folgenden Inhalts war:

Auf der grünen Wiese saß
Still ein kleiner Frosch,

Auf der hohen Eiche rief
Laut der Kuckuck dort:
„Sieh, da fliegt Batschan heran,
Und Doronja kommt gerannt.
Sag, was machst du hier?
Hast du keine Angst?

Fliegt Batschan erst hierher,
Wird er dich erblicken,
Kommt Doronja angerannt,
Ist’s um dich geschehen;
Denn er ist auf euch erpicht,
Schilt auch uns, weil wir ihm schlicht,
Ihm, dem Hungrigen, dazu
Kuckuck zugerufen.“

Unterdessen ließ Batschan
Wirklich sich hernieder.
Es verlangte ihn danach,
Seinen Freund zu sehen.
Kaum gelandet, saß er schon,
Und Doronja sang im Ton:
„Möchtest du, Batschan,
Etwas zu dir nehmen?“

„Hast du etwas, gib es her,
Komm dem Kuckuck zuvor,
Hast du nichts, so lauf geschwind,
Fang mir einen Frosch.
Dort am Sumpfe sitzt er ja,
Schaut dich an ganz starr und nah.
Lauf nur, lauf geschwind,
Dass er nicht entwischt.“

Als Doronja nun lief hin,
Dort den Frosch zu fangen,
Schrie Batschan mit einem Mal,
Als den Kuckuck er erblickte:
„Ach, Doronja, lieber Freund,
Pack ihn schnell, eh er’s gemeint,
Dass der Kuckuck auf dem Baum
Nicht zu rufen anfängt!“

Da erschrak auf der Wiese
Jener kleine Frosch,
Und auf der Eiche schrie
Gleich der Kuckuck los;
Doch Doronja fiel hin,
Stand er auch gleich wieder auf,
War der Frosch schon längst
In das Wasser gesprungen.

Da ergrimmte unser Batschan
Über seinen Doronja,
Stürzte gleich ihm hinterher,
Schreiend, auf die Jagd:
„O verfluchter Sohn, du Narr,
Klotz, du Bestie, Tropf fürwahr!
Fahr doch ganz zur Hölle
Samt deiner Flinkheit!

Was soll ich nur, was beginnen
Endlich noch mit dir?
Was hast du jetzt, du Narr,
Mir da angetan?
Hast den Frosch entwischen lassen,
Mich nicht satt gemacht,
Und die Verfluchte dort
Hat mir Kuckuck gerufen.

Nun muss ich in diesem Jahr
Elend untergehen
Und die Meinen auf der Welt,
Alle Freunde lassen.
Alles Unheil kommt von dir;
Selbst verdarb ich mich dafür,
Dass ich einen Narren hieß
Diese Sache machen.

Doch ist dies das Einz’ge nur,
Was du mir verdorben?
Hast du nicht ein Unglück stets
Täglich aufs andre gehäuft?
Durch dich, Klotz, du Narr,
Bin ich so verarmt,
Dass ich nun mit dir
Ganz zugrunde gehe.

Hast mein Hab und Gut verschleudert
Fast bis auf den Rest,
Weißt du noch, wie du verlorst
Kamm und Hemd zugleich?
Geb ich dir eine Gomsel*,
Wirst du selber sehen,
Dass ich wahrlich nicht mit dir
Scherzen will.

Narr, du weißt doch, dass ich bin
Gar kein reicher Bauer;
Läuse fraßen mich schon auf,
O verfluchter Dummkopf!
Und den Kamm hast du verlorn,
Ohne ihn bin ich verlorn.
Ach, du armer Batschan,
Wo sollst du nur hin?


* Gamsa, gamsulja, gomsa – Geldbeutel, Geld. Hier im übertragenen Sinn: „Eine Ohrfeige, eine Kopfnuss werde ich dir geben“. Wie diese Worte, so waren auch die übrigen Schimpfwörter, Redensarten, Vorwürfe und Reden genau solche, wie Herr Batschmanow sie fast täglich gebrauchte, wenn er sich mit seinem Burschen Doronja zankte.

Mit solchem Unsinn war dieses Liedchen angefüllt.

Nun urteilen Sie selbst, wie es Herrn Batschmanow zumute war, als er es hörte und erriet, dass es absichtlich auf ihn gedichtet war und dass wir ihm einen Streich spielten. Er geriet in Raserei bis zur Besinnungslosigkeit und begann zuerst, uns alle ohne jede Gnade zu beschimpfen, dann aber wie ein Wahnsinniger auf uns, besonders auf mich, loszugehen, mit der Peitsche zu schlagen und zu versuchen, aus unserem Kreis auszubrechen und davonzureiten. Wir aber fassten uns alle an den Händen und bildeten einen so festen Kreis, dass er bis zum Ende des Liedes auf keine Weise davonreiten konnte. Mein Gott! Wie viel Gezeter, wie viel Schimpf mussten wir damals von ihm erdulden, und wie viel lachten und johlten wir! Endlich riss er sich von uns los und galoppierte davon, aber wohin? Geradewegs zum Obersten, um sich zu beschweren und Klage gegen uns zu führen. Doch daraus wurde nur eine neue Komödie. Wir hatten dies vorausgesehen und uns bemüht, allen etwa daraus entstehenden, für uns ärgerlichen Folgen rechtzeitig vorzubeugen. Wir hatten Herrn Zeller selbst in die Verschwörung und in unsere Bande gelockt, jenen Liebling und Günstling des Obersten, der ihm als Dolmetscher diente. Und da er selbst an diesem Scherz beteiligt war, hofften wir, dass er dem Obersten die ganze Sache von der guten Seite darstellen würde, und so geschah es auch. Herr Batschmanow, beim Obersten angelangt, begann in seiner Hast {In der Eile.} ihm tausend Klagen über uns vorzubringen. Dieser aber, der kein einziges Wort Russisch verstand und nicht begriff, was jener ihm sagte, fragte nur:

— Was ist das? {Im Original deutsch.} Was ist das?

Und da niemand es ihm erklären konnte, wurde Herr Zeller herbeigeholt, und dieser erzählte ihm die ganze Sache von einer so komischen und scherzhaften Seite, dass der Oberst sich selbst vor Lachen kaum halten konnte und lachend nur zu Batschmanow sagte:

— Nun, was denn? Gutt... Batschan... Kuckuck... Frosch... singen... Lied... nix schlimm... Lachen... — Und so weiter.

Mit einem Wort, unser Herr Batschmanow konnte von ihm nichts Vernünftiges erreichen und bewirkte nur, dass das ganze Regiment davon erfuhr, und wer nicht lachte, der fing an, ihn mit dem Kuckuck zu necken und zu ärgern. Und als es schließlich so weit kam, dass sogar die Soldaten, die teilweise davon erfahren hatten, ihn manchmal erblickten und entweder zu kuckucken oder untereinander vom Frosch zu reden anfingen, da hatte unser armer Makar nirgends mehr Ruhe, und er wurde schließlich so weit gebracht, dass er beschloss, um Versetzung in ein anderes Regiment zu bitten und aus unserem Regiment zu fliehen, und es kostete uns nicht wenig Mühe, ihn umzustimmen und wieder zu beruhigen.

Doch nicht nur diesen einen, sondern noch viele andere Streiche spielten wir ihm während dieses Marsches; da sie aber, als bloße Ausflüsse unseres Leichtsinns und Übermuts, nicht der Erwähnung wert sind, will ich sie verschweigen und nur sagen, dass dieser Mensch uns alle während der ganzen Zeit unserer Reise belustigte und selten ein Tag verging, an dem wir nicht etwas gegen ihn unternahmen und uns, nachdem wir ihn bis zum Äußersten erzürnt hatten, nicht abermals {Wieder, erneut.} mit ihm versöhnten.

Übrigens erinnere ich mich auch, dass ich mich niemals so viel im Fischfang mit der Kakulja geübt habe wie während dieses Marsches.

Überall, wohin wir zum Nachtlager kamen, fanden wir entweder Flüsschen oder Seen; und da wir eine Menge Kakuljas hatten, ließen wir fast keine Gelegenheit aus, uns mit diesem Fang zu vergnügen.

In der früher erwähnten ermländischen Hauptstadt Heilsberg hatten wir nicht nur einen Rasttag, sondern blieben zur Erledigung einiger Angelegenheiten ganze zwei Tage. In dieser Zeit waren wir mit dem Obersten abermals beim Bischof, und dieser kleine Landesherr bemühte sich wieder, uns zu bewirten, und wir verbrachten unsere Zeit vergnügt. Ich hatte diesmal mein Quartier bei einem seiner Höflinge, der das Amt eines Kammerjunkers oder Kammerherrn versah, sich jedoch nicht viel von den übrigen Bürgern unterschied, und ich war mit der Freundlichkeit sowohl des Hausherrn als auch der Hausfrau sehr zufrieden.

Einige Tage danach, ohne auf unserem Weg irgendwelche besonderen Abenteuer erlebt zu haben, gelangten wir endlich in unser herrliches Königsberg und beendeten damit diesen unseren Marsch glücklich.

Hiermit will ich diesen Brief beschließen und Ihnen sagen, dass ich Ihr Freund bin usw.

EINZUG IN KÖNIGSBERG

Brief 58


Lieber Freund! Da mit unserer Ankunft in Königsberg ein neuer und ganz besonders denkwürdiger Abschnitt meines Lebens begann, so werden Sie mir, lieber Freund, gestatten, der Beschreibung meines Aufenthalts in dieser Stadt eine kurze Betrachtung über mich selbst vorauszuschicken.

Jedes Mal, wenn ich über den Lauf meines Lebens und über alle Begebenheiten, die mir widerfahren sind, nachdenke, bemerke ich darin viele Spuren einer besonderen göttlichen Vorsehung für mich und sehe jetzt sehr deutlich, dass auch die wichtigsten meiner Erlebnisse nicht anders als von der unsichtbaren Hand des Herrn gelenkt und so geordnet wurden, dass sie, wenn nicht sogleich, so doch später zu meinem wesentlichen Nutzen ausschlugen. Doch keines von ihnen ist für mich bei solchen Betrachtungen so auffallend wie die erwähnte, völlig unerwartete Ankunft in Königsberg und der Aufenthalt in dieser Stadt; denn da mir daraus unzählige Vorteile und Nutzen erwuchsen, sehe ich jetzt, dass es nicht durch blinden Zufall geschah, dass ich damals nach Königsberg kam, sondern dass es der Vorsehung des Herrn gefiel, mich gleichsam absichtlich in diese preußische Stadt zu führen, damit ich, hier lebend, Gelegenheit hätte, mich selbst und, kurz gesagt, alles auf der Welt kennenzulernen und mich dadurch auf jenes friedliche, ruhige und glückliche Leben vorzubereiten, mit dem der Himmel mich in der Folgezeit zu segnen geruhte; wofür ich meinem großen Schöpfer danke und ihm in Ewigkeit zu danken nicht aufhören werde. Da er mich keineswegs für das Soldatenleben geschaffen hatte, wollte er nicht, dass ich weiterhin ein müßiges Leben führte, und ein solches, in dem ich nicht nur jeden Augenblick Gefahren ausgesetzt sein konnte, sondern, in der Gesellschaft unwissender, müßiger und größtenteils allerlei Ausschweifungen ergebener Menschen lebend, mich leicht selbst mit diesem Gift anstecken und mir dadurch fürs ganze Leben schaden konnte: Sondern er riss mich aus ihrer Mitte und brachte mich an einen solchen Ort, der meinen natürlichen Neigungen schon gemäßer war und wo ich mehr Gelegenheit und Bequemlichkeit hatte, mich mit nützlicheren Dingen und Beschäftigungen abzugeben als jenen, mit denen Offiziere in den Regimentern gewöhnlich ihre Zeit verbringen.

Doch so offenbar mir dies alles später wurde, so wenig wusste ich davon zu jener Zeit; und darum hielt ich meine Ankunft in Königsberg damals für nichts anderes als für eine Fügung blinden Zufalls und dachte auch nicht, dass mir etwas Besonderes widerfahren könnte; dass aber gerade dieser Marsch der letzte in meinem Leben sein sollte und dass mit der Ankunft in dieser Stadt vom Schicksal bestimmt war, auch meinen ganzen Kriegsdienst beinahe zu beenden, das konnte damals nicht nur mir, sondern niemandem in den Sinn kommen, wie es dafür damals auch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit gab.

Gleichwohl, da ich eine außerordentliche Freude darüber empfand, dass wir nach Königsberg zogen, ahnte ich gleichsam voraus, dass mir hier etwas Gutes widerfahren würde; denn ich kann sagen, so zufrieden auch alle mit diesem Marsch waren, mein Vergnügen war mit keines anderen zu vergleichen, und besonders in dem Augenblick, als wir beim Herannahen an diese Stadt in der Ferne schon die rot leuchtenden Dächer ihrer Häuser erblickten und darüber aufragend die prächtigen und majestätischen Türme und hohen Glockentürme der Kirchen, die sich in ihr befinden. Mit unersättlichem Auge und einem gewissen Entzücken blickte ich auf diese weitläufige, auf einer Anhöhe gelegene Stadt, die von der Seite, von der wir kamen, einen außerordentlich prächtigen und schönen Anblick bot, und betrachtete sie gleichsam als eine Wohnstatt der Glückseligkeit und als einen Ort, wo wir unzählige Freuden und Vergnügungen haben würden, und bereitete mich schon im Voraus darauf vor.

Doch ich kehre zur Ordnung meiner Erzählung zurück und will Ihnen nun alles, was mir hier widerfuhr, der Reihe nach erzählen.

Es war ganz zu Beginn des Frühlings und Ende des Monats April, als wir diese preußische Hauptstadt erreichten. Beim Herannahen an sie wurde uns befohlen, haltzumachen und uns so gut und sauber wie möglich herzurichten, um feierlich in sie einzuziehen.

Das ließen wir uns auch mit besonderem Eifer angelegen sein; und da jeder sich im vorteilhaftesten Licht zeigen wollte, wurde nichts versäumt, was nur zum besten Schmuck dienen konnte. Alle unsere Waffen waren blank geputzt wie Glas; die sauberste Wäsche angezogen und die besten Uniformen. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern, wie wir darin miteinander wetteiferten, wie wir uns brüsteten und mit welch stolzem und prunkvollem Schritt wir vor unseren Zügen einherschritten, als wir unter Musik und Trommelschlag durch die Straßen dieser Stadt zogen, die von zahlreichem Volk erfüllt waren; denn da die Einwohner noch sehr neugierig waren, unsere Zeremonien zu sehen, waren nicht nur alle Fenster, sondern auch viele Dächer mit Menschen besetzt; und der Anblick einer so zahlreichen Menge spornte uns am meisten an, uns in die Brust zu werfen. Ich befand mich damals, wie schon früher erwähnt, in der Grenadierkompanie, und da unsere Grenadiermützen damals aus Leder waren, nach Art antiker Helme oder Sturmhauben gefertigt, mit Federn und vorn mit einem kupfernen und vergoldeten Schild, und dieser Kopfschmuck sehr schön war, und überdies auch unsere Grenadierbandeliere mit Gold bestickt waren, und zu allem Übrigen ich fast als Erster vor dem Regiment gehen und den allerersten Zug unserer Grenadiere führen durfte – so gab ich mir unsäglich Mühe, gut zu marschieren und eine bessere Figur zu machen, und hatte eine so vorteilhafte Meinung von mir, dass ich wähnte, alle sähen am meisten auf mich, wenngleich ich mich darin zweifellos gewaltig täuschte.

Dieser Einzug fand bei uns an einem schönen Tag nach dem Mittagessen statt, und obwohl wir zufällig von der schlechtesten Seite in die Stadt einziehen und auch durch lauter einfache und schlechtere Straßen und Winkelgassen bis zum Quartier des dortigen Oberkommandanten, Herrn Treyden, ziehen mussten, erschienen uns doch selbst diese letzteren Straßen anfangs überaus prächtig, und wir betrachteten sie mit vergnügtem und neugierigem Auge.

Da die Quartiere für uns bereits angewiesen und von unseren vorausgeschickten Quartiermachern belegt waren, waren wir kaum beim Quartier unseres Oberkommandanten angelangt, hatten ihm die Ehre erwiesen und dort unsere Fahnen gelassen, als auch schon alle Kompanien einzeln in ihre Quartiere entlassen wurden. Ich ging damals nicht, sondern flog vielmehr hinter dem Furier her, der uns führte, und dachte nichts anderes, als dass er mich in das allerschönste Quartier führen würde. Doch wie sehr täuschte ich mich in dieser Meinung, und mit welchem Ärger und Missvergnügen füllte sich mein Herz, als er mich statt in ein prächtiges und schönes Quartier in ein wahres Loch und eine solche Hütte führte, wie ich sie am allerwenigsten erwartet hatte. Schon auf dem Weg dorthin, als wir durch die besten Straßen, Plätze und Gegenden der Stadt gingen, ärgerte ich mich, warum unser Quartiermeister so dumm gewesen war und uns nicht durch diese Gegenden geführt, sondern durch abgelegene Straßen und Gassen geleitet hatte; doch dieser Ärger wurde durch die schmeichelhafte Hoffnung versüßt, dass ich wenigstens ein gutes Quartier bekommen würde und dass es unfehlbar in einem jener schönen Häuser sein würde, an denen wir vorbeigingen, und ich erwartete jeden Augenblick, dass der Furier mich anhalten und sagen würde: „Hier ist es.“ Doch meine Erwartung war vergeblich, und er hielt mich nicht nur nicht an, sondern führte mich, nachdem er die allerbesten Straßen hinter sich gelassen hatte, in abgelegene, von niemandem bewohnte enge Gassen, die zwischen den sogenannten „Spiklern“ lagen, das heißt gewaltig großen Kornspeichern, für die in dieser Stadt ein besonderer abgelegener, von den besseren Stadtgegenden entfernter Winkel oder ein Viertel bestimmt ist, wo sie zu mehreren Hundert beisammen und dicht einer neben dem anderen gebaut sind; und jeder solche Speicher bildete ein überlanges, schmales, dabei aber außerordentlich hohes, etwa sieben Stockwerke hinaufreichendes, ganz einfaches, grobes Fachwerkgebäude; und da sie alle in mehrere Viertel aufgeteilt sind, die durch ganz enge und dunkle Durchgänge voneinander getrennt sind, angelegt allein zum Durchfahren und zur Anfuhr von Getreide, so waren diese Durchgänge ganz abgelegen, völlig leer und sogar unheimlich. Und gerade durch diese Durchgänge und Winkel zwischen den Spiklern führte mich mein Führer. Ich war bestürzt und wusste nicht, was ich denken sollte, und sagte ärgerlich zu ihm:

„Erbarm dich, Bruder, wohin führst du mich?“ — Ins Quartier doch, Euer Wohlgeboren; da ist es schon ganz nah. „Wie, nah?“, unterbrach ich ihn verwundert: „Soll ich etwa in einer solchen Einöde und in einem solchen Abgrund liegen? Hast du mir nicht etwa in irgendeinem Spikler ein Quartier angewiesen?“

— Nein, Herr, antwortete er mir: aber gleich neben ihnen, und man muss gestehen, das Quartierchen ist nicht sehr lustig; aber ein besseres hat man unter allen für die Kompanie bestimmten nicht gefunden, außer dem des Hauptmanns. Diese Worte trafen mich geradezu; in einem einzigen Augenblick schwanden damals alle meine prächtigen und schmeichelhaften Hoffnungen und heiteren Gedanken, und ich verfluchte schon im Voraus alle, die uns die Quartiere angewiesen hatten; und als ich ankam und das Haus, in dem mir das Quartier bestimmt war, tatsächlich sah, wuchs mein Ärger über sie noch mehr.

Ich bedachte sie mit tausend artigen Segenswünschen, beschimpfte sie ohne Erbarmen und war wider Willen gezwungen, auf einer runden und dunklen Treppe bis unter das Dach selbst und in den dritten Stock zu klettern; und da dieser Weg so dunkel war, dass man nicht die Hand vor Augen sah, wäre ich beim Klettern im Dunkeln von einer Treppe auf die andere beinahe gestolpert und hätte mir den Hals gebrochen, und rettete mich nur dadurch, dass ich schon nach dem Seil griff, das bei ihnen längs dieser Treppe gespannt ist und an dem man sich beim Hinauf- und Hinabsteigen stets festhalten muss, was ich anfangs aber nicht wusste.

Nun kann jeder leicht ermessen, wie angenehm mir ein solcher finsterer Gang oder ein solches Hinaufklettern über die Treppe beinahe bis unter das Dach war, denn die mir bestimmten Zimmer lagen im dritten Geschoss; in den unteren Stockwerken aber wohnte der Hauswirt selbst und einige andere Aufseher und Arbeiter, die bei den erwähnten Spiklern angestellt waren, an die dieses Häuschen dicht am Rand angebaut war. Auf meinen Teil kam zwar das ganze dritte Stockwerk des Hauses, doch gab es darin insgesamt nicht mehr als zwei Zimmer: eines lang und schmal, mit zwei kleinen Fensterchen in einer Wand, für mich, und das andere, jenseits eines schmalen und dunklen Flurs, in dem von unten die erwähnte runde Treppe heraufführte, und von gleicher Länge und Größe – für die Leute; und beide waren so niedrig, dass wir mit den Köpfen fast an die Decke stießen.

So bekam ich statt eines prächtigen und schönen Quartiers ein sehr, sehr mittelmäßiges und, was mich am meisten ärgerte, ein dunkles und recht trübseliges, denn auch die Aussicht aus den Fenstern reichte fast nur auf die Spikler, und nichts Schönes war daraus zu sehen. Was aber die Wirtsleute betrifft, so waren es die allerärmsten Leute und solche, bei denen wir nicht nur nichts anderes, sondern nicht einmal ein unbedeutendes Gefäß zum Wasserholen und für andere Bedürfnisse bekommen konnten. Das ärgerte mich außerordentlich, und ich war mit meinem Quartier so unzufrieden, dass ich nicht versäumte, mich noch am selben Tag darüber bei meinem Hauptmann zu beschweren und ihn zu bitten, er möge sich bemühen, mir ein einigermaßen besseres Quartier zu verschaffen. Und da mein Hauptmann mich gern hatte, versäumte er dies auch nicht und bewirkte aus Freundschaft, dass ich nach einigen Tagen ein anderes und ungleich besseres Quartier erhielt, und ein solches, mit dem ich vollkommen zufrieden war.

Da mir aber, bevor ich dieses neue Quartier erhielt und dorthin umzog, schon etwas widerfuhr, dessen Erwähnung nicht überflüssig sein wird, so will ich davon zuerst erzählen.

Kaum hatten wir uns in den Quartieren eingerichtet und uns notdürftig eingenistet, als wir voller Ungeduld unseren alten Wunsch befriedigen wollten, diese für uns so berühmte Stadt ganz zu durchwandern und zu besichtigen. Ich unternahm diese Reise gleich am Tag nach unserer Ankunft und lief alle besten Plätze, Straßen und Gegenden dieser Stadt ab und konnte mich nicht genug an der Schönheit und Pracht vieler Straßen erfreuen, besonders der sogenannten Kneiphöfischen Langgasse 29, die die Unsrigen sogleich auf ihre Weise tauften und Millionnaja nannten, weil sie ganz nicht nur gerade war, sondern aus den besten und reichsten Häusern der Stadt bestand. Mit nicht geringerer Neugier betrachtete ich auch das alte Schloss 30 oder den Palast der früheren preußischen Landesherren. Dieses gewaltige viereckige, auf einem Berg errichtete und nicht ganz vollendete Gebäude verlieh der ganzen Stadt ein bedeutendes und prächtiges Aussehen, besonders durch den an einer seiner Ecken errichteten überaus hohen viereckigen Turm, der weder Spitze noch Haube hat und auf dessen Höhe nur eine große Flagge wehte und stets Menschen zu sehen waren, die dort wohnen, um Wache zu halten. Doch ich will die Beschreibung dieser Stadt für eine andere Gelegenheit aufsparen und Ihnen jetzt erzählen, lieber Freund, dass meine Reise an diesem Tag nicht mit bloßem leerem Herumlaufen endete, sondern dass ich in mein Quartier zurückkehrte, beladen mit einigen Kleinigkeiten, die mir damals als die kostbarsten Dinge der Welt erschienen und deren Erwerb mir unendliche Freude und Vergnügen bereitete. Doch was mochten das für welche sein? Das werden Sie niemals erraten, lieber Freund, denn es kann Ihnen gar nicht in den Sinn kommen, was mich so erfreute.

Sie wissen schon, dass ich von klein auf ein großer Liebhaber nicht nur von Büchern und vom Lesen, sondern auch vom Zeichnen war und dass es für mich stets die angenehmste Beschäftigung war, mit Farben dies und jenes zusammenzuklecksen und zu schmieren. Nun will ich sagen, dass ich damals, als ich durch die Stadt ging, von einer Straße in eine andere durch ein kleines verborgenes Gässchen gehen musste, das voller Lädchen mit verschiedenen Waren war. Es traf sich, dass gerade zu der Zeit vor einem dieser Lädchen irgendein Mann stand und gedruckte Bildchen betrachtete. Als ich das sah, trat ich, da ich ein großer Liebhaber davon war, sogleich zu ihm und begann, sie gemeinsam mit ihm durchzusehen. Der Ladenbesitzer bemerkte, dass auch ich sie mit Neugier durchsah, holte noch ganze Stapel dieser Blätter hervor und legte sie auf den Ladentisch. — Was ist das, fragte ich, sind das etwa alles Bilder? „Ja“, antwortete er, „das sind alles Kupferstiche, und ob Ihnen nicht welche davon gefällig sein werden.“

Es lässt sich nicht beschreiben, wie ich mich freute, als ich hier mehrere Hundert davon sah, von verschiedener Sorte, die einen mit Farben koloriert, die anderen schwarz.

Ich vergaß damals alles auf der Welt, verschob das weitere Herumgehen, setzte mich auf den Ladentisch und beschloss, alles durchzusehen. Doch kaum hatte ich diese für mich allerangenehmste Beschäftigung begonnen, als der Ladenbesitzer mir noch einen dicken Stapel reichte und sagte: „Hier, sind Ihnen nicht perspektivische Ansichten gefällig?“ — Was für perspektivische?, fragte ich verwundert. „Na, solche, die man durch ein Glas in einem Kasten betrachtet.“ Bei diesem Wort geriet mir das ganze Blut in Wallung. — Wie, sagte ich, außerordentlich erfreut, auch die hast du? — „Gewiss“, antwortete er, „und welche Sie wünschen, illuminierte und nicht illuminierte“ – und begann sogleich, sie aufzuschnüren und vorzuzeigen. Ich kann nicht genug beschreiben, mit welchem Entzücken ich sie betrachtete, denn man muss wissen, dass der in Thorn gesehene perspektivische Kasten mir so sehr gefallen hatte, dass er mir nicht aus dem Sinn ging und ich unsäglich viel dafür gegeben hätte, wenn ich einen ebensolchen haben könnte; und da ich hier wider alles Erwarten recht ansehnliche perspektivische und dazu sehr billige Bilder sah, fasste ich in einem einzigen Augenblick den Entschluss, sie zu kaufen und zu versuchen, mir einen ebensolchen Kasten zu basteln. Doch mein Vergnügen war noch größer, als ich, den Ladenbesitzer fragend, ob er nicht auch ein solches rundes Glas habe, wie man es dabei verwendet, hörte, dass er auch ein Gläschen habe. Und sogleich fand sich auch ein Spiegel, und der Ladenbesitzer lehrte mich, wie man diese Bilder auch ohne Kasten betrachten kann. O wie dankbar war ich ihm für diese Vorführung! Denn sie bestätigte mir, dass zum Bau des Kastens keine besondere Kunst erforderlich war. Mit einem Wort, ich war von alledem so befriedigt, dass ich alles Geld, das ich damals gerade bei mir hatte, für den Kauf dieser Bilder verwendete. Und da ich zu meinem größten Vergnügen dort auch ganze Kästchen mit in Muscheln angerührten verschiedenen Farben und anderem Zeichengerät fand, beschloss ich, die besten unkolorierten Bilder zu kaufen und später selbst auszumalen, damit sie nicht so schlecht verkleckst wären wie die käuflichen, illuminierten. Kurz, ich kaufte mir eine Menge Farben und Bilder und kehrte heim, als hätte ich mir einen gewaltigen Schatz erworben, und war mit meiner Reise an diesem Tag überaus zufrieden.

Da ich von Natur aus in allem, was ich mir wünsche, sehr ungeduldig bin, war diese Ungeduld der Grund dafür, dass ich mich gleich am nächsten Tag an die Arbeit machte und einige der gekauften Bilder mit Farben auszumalen begann. Aber stellen Sie sich vor, wie groß mein Ärger sein musste, als man gerade zu dieser Zeit kam, um mir zu sagen, dass unserem Regiment schon befohlen sei, das dort befindliche andere Regiment auf Wache abzulösen, und dass die Einteilung schon gemacht sei und es mich selbst getroffen habe, auf Wache zu ziehen.

Was sollte ich da tun? Ich musste meine begonnene Arbeit liegen lassen und mich wider Willen zur Wache rüsten, und das noch für eine ganze Woche.

Zu noch größerem Ärger traf es mich, an einem der Stadttore zu stehen und hier die ganze Woche in einer dunklen und höchst langweiligen Kasematte oder Kammer zu verbringen, die im Wall neben dem Tor angelegt war. Da sich daran aber nichts ändern ließ, die Langeweile mich jedoch geradezu zermürbte, was tat ich da? Anstatt meine Zeit hier in Müßiggang und Schlaf zu verbringen, wie es andere taten, ließ ich mir sowohl Farben als auch Bilder bringen, setzte mich ans Fenster und begann, sie auszumalen. Diese Arbeit war mir zwar nicht sonderlich bequem, denn ich musste sie in Uniform verrichten, mit Schärpe und Ringkragen angetan, doch hatte ich den Vorteil, dass sie mich die Langeweile nicht spüren ließ, von der man, in einem solchen Loch lebend, schließlich hätte verrückt werden müssen. Und da ich dafür vollkommene Muße hatte und ununterbrochen arbeiten konnte, malte ich in dieser Woche eine große Menge Bilder aus und ersann unterdessen ein Mittel, wie ich meinen geplanten perspektivischen Kasten am besten basteln könnte.

Übrigens versah ich diesen Dienst, der der allerletzte in meinem Leben war, glücklich und mit aller gebührenden Pünktlichkeit; doch ging er nicht ohne ein komisches Abenteuer vorüber. Es ist eine bekannte Sache, dass das Stehen auf solchen Wachen nicht so sehr bei Tag lästig ist als bei Nacht; denn da man zur Nachtzeit noch größere Vorsicht walten lassen und jede Stunde bereit sein musste, die umhergehenden Patrouillen und Runden zu empfangen, zwang die Notwendigkeit, die ganze Nacht in Uniform, mit Schärpe und Ringkragen, zu sein. Ich beachtete dies pünktlich: Doch an einem Tag, als meinem früheren Kameraden, Herrn Golowatschew, bestimmt war, nachts die Runde zu gehen, schickte er mir, da er mich gern hatte und mich meiner Unruhe wegen bedauerte, ein Briefchen, worin er mir mitteilte, dass ihm in dieser Nacht bestimmt sei, die Runde um die ganze Stadt zu gehen, dass er aber trotzdem nicht gehen werde und ich ganz ruhig und ohne jede Befürchtung schlafen könne. Dieses Briefchen erfreute mich sehr, denn da ich schon mehrere Nächte in Uniform und mit Stiefeln geschlafen hatte und mir besonders die Füße schon recht wehtaten, verließ ich mich darauf und legte mich bei Einbruch der Nacht etwas ruhiger schlafen und zog nicht nur die Uniform aus, sondern sogar die Stiefel. Doch was geschah? Kaum war es Mitternacht geworden und ich gerade in tiefen Schlaf gefallen, als plötzlich gerufen wurde: „Runde, Runde, Runde!“, und der Sergeant kam außer sich herbeigelaufen, weckte mich und schrie, ich solle schnell hinausgehen, die Runde zu empfangen, die schon ganz nahe sei. Herr Gott! Wie erschrak ich damals darüber! Unversehens und plötzlich geweckt, sprang ich auf, gleichsam von Sinnen und benommen, und wusste nicht, was ich tun und beginnen sollte; ich lief nur im Wachlokal im Kreis herum und schrie: „Oh, oh, welch ein Unglück!“ Unterdessen beeilte sich der Diener, mir die Uniform zu reichen und anzuziehen, und der Ordonnanzsoldat hielt schon Schärpe und Ringkragen, ich selbst aber beeilte mich, außer mir, rasch die Stiefel anzuziehen, und war so verwirrt, dass ich beim schwachen Licht der brennenden Kerze und vor Hast nicht einmal die Stiefel anziehen konnte, und was noch schlimmer war: Da ich angefangen hatte, sie verkehrt herum, mit den Spitzen nach hinten, anzuziehen, steckte der Fuß so fest, dass es schwer war, ihn wieder herauszuziehen.

Zu noch größerem Unglück rief man gerade in diesem Augenblick, dass die Runde schon da sei.

Was sollte ich da tun? Ich war außer mir und so verschreckt, dass ich mich selbst nicht mehr kannte, sondern rasch den Hut ergriff und, vergessend, dass ein Fuß noch ganz unbeschuht und der andere nur eben in den Stiefel gesteckt war, aus dem Wachlokal lief, um diese verfluchte Runde zu empfangen; und ich weiß nicht, was mit mir geschehen wäre, wenn ich in solch komischem Aufzug vor die Front gelaufen wäre. Mir scheint, die ganze Front hätte sich vor Lachen gewälzt; doch zum Glück kam es nicht so weit, und ich entging dieser Verwirrung und Schande glücklich; denn Herr Golowatschew, der wusste, dass ich mich auf seine eigene Versicherung hin in Sorglosigkeit befand und schlief, dachte gar nicht daran, mich wegen Unachtsamkeit zur Rechenschaft zu ziehen, sondern eilte selbst noch, zu mir ins Wachlokal zu kommen und mir zu sagen, ich solle mich nicht beunruhigen. Nun aber stellen Sie sich vor, ob er sich nicht vor Lachen ausschütten musste, als er mich in der erwähnten Weise halb beschuht, aber in Uniform und Schärpe, im Wachlokal herumlaufen sah. — „Na, schön, schön!“, rief er lachend: „Ein wahrer Krieger! Gerade recht, um Wache zu stehen!“ — Ja!, antwortete ich, als ich mich gefasst hatte: Und das alles kommt von dir und deinem verfluchten Briefchen! Man hat mich ja zu Tode erschreckt, sodass ich auch jetzt noch nicht bei mir bin. Wozu sagen, dass du nicht gehst? — Was soll man machen, Bruder, sagte er: Ich wollte tatsächlich nicht gehen, aber man hat mich mit Gewalt hinausgejagt; ich bin selbst nicht froh darüber, aber leg dich wenigstens, leg dich wieder schlafen, für mich ist es Zeit, weiterzugehen.“

Und er ließ mich tatsächlich in Ruhe und ging weiter, und damit endete mein komisches Abenteuer, das mir sehr lange im Gedächtnis blieb. Am Tag danach aber lösten uns andere Offiziere unseres Regiments auf der Wache ab, und ich hatte das Vergnügen, zu meiner Kompanie zurückzukehren und in ein ganz anderes, ungleich besseres Quartier zu kommen, das man mir unterdessen, während wir auf Wache standen, auf Bitten meines Hauptmanns angewiesen hatte und mit dem ich überaus zufrieden war.

Hiermit will ich diesen meinen Brief beschließen, das Übrige dem nächsten überlassen und sagen, dass ich Ihr usw. bin.

IN KÖNIGSBERG

Brief 59


Lieber Freund! Das Quartier, das man mir neu angewiesen hatte, lag zwar nicht weit vom früheren, befand sich aber schon in einer ordentlichen und heiteren Straße, die sich längs des Ufers des Pregels hinzog, unweit der Anlegestelle, wo die Schiffe von der See anlegten und entladen wurden; und was noch besser war: Dieses Haus war ein Eckhaus, an einem Wasserkanal von ansehnlicher Breite, über den vor meinen Fenstern eine Brücke führte. Und da ich für mich das untere und allerbeste, ordentlich eingerichtete Eckzimmer mit vier großen Fenstern bekam, war es sehr heiter und hell, womit ich besonders zufrieden war. Übrigens gehörte es einer alten Frau, der Witwe eines Schiffers, die in einem anderen Zimmer jenseits des Flurs wohnte, während im oberen Stockwerk ihre Kinder lebten. Für meine Leute aber war ein besonderes Hinterzimmer bestimmt, und da meine Wirtin eine stille und gute alte Frau war, hätte ich mir kein besseres und ruhigeres Quartier wünschen können; und wenn mich zuweilen etwas störte, so war es dies, dass die Wirtin im anderen Zimmer, jenseits des Flurs, eine Art Schenke unterhielt, in der sich jeden Tag Holländer, Schiffer und andere Seefahrer versammelten und ihre Zeit mit Gesprächen, Tabakrauchen und Biertrinken verbrachten. So wurde mir der Lärm, den sie zuweilen machten, lästig, doch verübten sie wenigstens keine Ausschweifungen und Unziemlichkeiten, sondern alles ging bei ihnen ordentlich und gut zu. Überdies hatte ich als Ersatz für diese Unruhe jeden Tag das Vergnügen, ein recht ansehnliches und angenehmes Geigenspiel zu hören, das die über mir wohnenden Kinder der Wirtin vollführten. Endlich war mir auch angenehm, dass mein Quartier genau gegenüber dem des Hauptmanns auf der anderen Straßenseite lag, ebenso, dass in derselben Straße, einige Höfe weiter, auch einige meiner besten Freunde einquartiert waren, besonders mein früherer Gefährte, Herr Nepeizyn, und ich sie alle oft sehen konnte.

Kaum hatte ich mich in diesem neuen Quartier umgesehen und freie Zeit gewonnen, als ich mich wieder auf Wanderschaft begab, um jene Orte und Straßen der Stadt zu besichtigen, an denen ich noch nicht gewesen war.

Mehrere Tage hintereinander streifte ich durch die Stadt und verbrachte sie mit solchen Wanderungen und kam halb tot vor Müdigkeit nach Hause, und dort machte ich mich sogleich an meine Bilder und an ihr Ausmalen; und da mir auch der Bau des Kastens selbst nicht aus dem Sinn ging, machte ich mich an seine Anfertigung. Der Umstand, dass ein großer Kasten von der Art, wie ich ihn in Thorn gesehen hatte, unbequem war, ihn auf Feldzügen mitzuführen, weil er allein sehr viel Platz in der Kibitka einnehmen würde, war der Grund dafür, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben und notgedrungen ein „Investor“ {Französisch: Tüftler, Erfinder.} werden und mir eine besondere Bauart dieses Kastens ausdenken musste, nämlich ihn so anzulegen und zu machen, dass er sich ganz auseinandernehmen und zusammenlegen ließe und, zerlegt, in einer Truhe sehr wenig Platz einnähme. Ich gestehe, dass mich diese Sache anfangs sehr beschäftigte, da ich mich noch nie in Erfindungen dieser Art geübt hatte; doch was vermag ungeduldiges Verlangen und Neugier nicht zu überwinden? Nach wenigen Tagen gelang es mir, einen solchen auszudenken und zu basteln, dass ich mich noch heute wundere, wie ich damals einen solchen machen konnte, denn ich musste diesmal zugleich Tischler und Schlosser {Schlosser.} und Leimer und Lackierer sein, weil ich alle Seiten und Wände aus dickem, poliertem Papier machte. Und damit sie sich nicht verziehen und dabei doch zusammenlegen ließen, verstärkte ich alle Ränder mit dünnen Holzleistchen; zur Verbindung aller Seiten aber wurde eine Menge Häkchen, Ösen und Krampen angefertigt. Endlich bemalte ich sein ganzes Äußeres mit verschiedenen Farben, beklebte es mit kleinen, aus Bildern ausgeschnittenen Amoretten, Vögelchen und Blümchen und überzog es zuletzt mit Lack. Mit einem Wort, ich machte ein Kästchen, das nicht nur ganz feldtauglich und handlich war, sondern sich auch vor jedermann sehen lassen konnte. Alle Offiziere konnten sich über meine Erfindung und Kunstfertigkeit nicht genug wundern und kamen scharenweise zu mir, um die Bilder anzusehen und sich daran zu erfreuen. Und da auch diese nicht nur an sich recht ansehnlich waren und Ansichten aller schönsten Orte und Straßen der Stadt Venedig und vieler anderer vornehmster europäischer Städte darstellten, sondern auch von mir naturgetreu ausgemalt waren, konnten sie sich an ihnen nicht sattsehen und mir nicht genug Lob für meine Erfindung und Kunstfertigkeit spenden.

Mit einem Wort, dieser erste Versuch meiner Begabung für Einfälle und Erfindungen brachte mir im Regiment viel Ehre ein. Alle begannen, mich für einen überaus findigen Kopf und Tüftler zu halten, und dies schmeichelte meinem Ehrgeiz unsäglich und spornte mich, indem es mir unbeschreibliches Vergnügen bereitete, von Stunde zu Stunde noch mehr an, mich mit ähnlichen Dingen zu beschäftigen. Und um mich damit noch mehr zu beschäftigen, gab mir das Schicksal, gleichsam absichtlich, bald danach noch Gelegenheit, vieles zu sehen und kennenzulernen, was ich nie gesehen hatte und was imstande war, mich nicht nur außerordentlich zu ergötzen, sondern meine Neugier von Neuem zu erregen und die Lust zu weiteren Erfindungen und zur Erkenntnis der dazugehörigen Dinge zu wecken.

In ebenderselben Straße, in der ich wohnte, und unweit von uns lebte ein gelehrter Mann, der sich mit dem Schleifen von Gläsern und der Anfertigung aller Arten optischer Maschinen und anderer physikalischer Instrumente beschäftigte.

Zu diesem Mann führte mich einer meiner Bekannten, und ich weiß nicht, ob ich auf Erden oder anderswo war in jenen Minuten, in denen er mir seine verschiedenen, von mir noch nie gesehenen Dinge und Instrumente zeigte. Seine prächtigen verschiedenen Mikroskope, von denen ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte, versetzten mich in Entzücken. Ich wurde eine ganze Stunde lang nicht müde, durch sie all die kleinen Dingelchen zu betrachten, die er mir zeigte, besonders die außerordentlich kleinen Tierchen, die ich hier in einem Wassertröpfchen sah, wie sie in unzähliger Menge umherliefen, sich drehten und einander jagten. Und kaum hatte ich daran meinen neugierigen Blick gesättigt, als Kristallprismen und andere optische Instrumente und die mit ihnen angestellten Experimente mich in neue Begeisterung und Verwunderung versetzten; das Entzücken aber, in das mich seine Camera obscura {Optisches Gerät zur Erzeugung eines Bildes von Gegenständen auf einer Fläche. Schon arabischen Gelehrten am Ende des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung bekannt.} versetzte, vermag ich auf keine Weise zu beschreiben. Ich war wahrhaftig außer mir vor Freude und Vergnügen, als ich sah, wie gut und mit welch unnachahmlicher Kunst die Natur selbst die allerschönsten Bilder auf Papier zu malen versteht, und, was mir am wunderbarsten war, in den allerlebhaftesten Farben. Lange begriff ich nicht, woher diese verschiedenen Farbtöne kamen, bis der erwähnte Künstler es mir zum Teil erklärte; er bemerkte meine besondere, mit großer Aufmerksamkeit verbundene Neugier und unterließ nicht, mir alles zu zeigen, was er nur hatte, und vieles an Beispielen zu erläutern, damit ich es leichter begriffe. Mit einem Wort, ich werde nie jene angenehmen und entzückenden Stunden vergessen, die ich damals in seinem Haus verbrachte, und war diesem Mann sehr viel schuldig, denn er öffnete mir dadurch gleichsam die Tür zum Tempel der Wissenschaften und weckte in mir die Lust, in ihn einzutreten und in den Wissenschaften tausend Vergnügungen und Ergötzungen zu finden, die mir später so viele selige Minuten im Laufe meines Lebens verschafften.

Übrigens, während ich mich mit diesem Betrachten beschäftigte, freute ich mich einerseits an all diesen bis dahin ungesehenen Schauspielen, ärgerte mich aber andererseits ebenso sehr darüber, dass ich so wenig Geld hatte und nicht reich genug war, um mir alle diese Dinge kaufen zu können. Doch so arm an Geld ich damals auch war, konnte ich mich von einem kleinen Kästchen nicht trennen, das eine Camera obscura bildete, mit deren Hilfe man mit großer Bequemlichkeit alle natürlichen Ansichten von Häusern, Straßen, Landschaften und allen anderen Gegenständen abzeichnen konnte. Ich kaufte es diesem Mann ab, aber für die dafür ausgegebenen zwei Dukaten wurde ich reichlich mit dem unbeschreiblichen und vielfachen Vergnügen entlohnt, das mir dieses Kästchen zu bereiten vermochte. Ich konnte mich nie genug daran erfreuen, wie gut sich auf der Mattscheibe alle Gegenstände wie von selbst abbildeten und zeichneten, auf die man das ausziehbare Röhrchen dieses Kästchens richtete, und versäumte nicht, mit Hilfe dieses Instruments sogleich die Ansicht der Straße abzuzeichnen, die man aus meinen Fenstern sah.

Dieses perspektivische Bild ist bei mir noch heute erhalten, und ich bewahre es als eine Art Denkmal jener Zeit.

Übrigens bereitete mir dieses Kästchen nicht nur dieses eine Vergnügen, sondern noch ein anderes, nämlich: Es gab mir Anlass zu einer neuen Erfindung, nämlich auch meinen perspektivischen Kasten selbst bei Bedarf den Dienst einer Camera obscura versehen zu lassen; denn sobald ich erfahren hatte, warum und auf welche Weise eine Camera obscura eingerichtet ist und wie alle ihre Wirkungen zustande kommen, war es mir nicht schwer, auch dahinterzukommen, wie mein Kasten selbst ebendasselbe bewirken könnte, wenn man nur eine gewisse Veränderung an ihm vornähme.

Während ich in der erwähnten Weise auf Wache stand und danach ununterbrochen mit den oben beschriebenen, mich ergötzenden Beschäftigungen befasst war, waren alle übrigen Offiziere unseres Regiments, nicht nur die jungen, sondern auch die älteren, mit ganz anderen Dingen und Sorgen beschäftigt. Ihrer aller fast ohne Ausnahme eifriger Wunsch, in Königsberg zu sein, entsprang einer ganz anderen Quelle als der meine. Sie hatten genug davon gehört, dass Königsberg eine solche Stadt sei, die voll von allem ist, was die Leidenschaften der Jungen und der in Luxus und Ausschweifung Lebenden befriedigen und sättigen kann, nämlich, dass es dort eine gewaltige Menge von Wirtshäusern und Billardsälen und anderen Vergnügungsstätten gebe; dass man dort alles bekommen könne, was man wolle, und vor allem, dass das weibliche Geschlecht dort allzu sehr der Wollust ergeben sei und dass sich dort eine gewaltige Menge junger Frauen finde, die sich mit dem ehrlosen Handwerk befassen und ihre Ehre und Keuschheit für Geld verkaufen. Dieses letzte Gerücht war für viele besonders verlockend, und sie freuten sich schon im Voraus, eine höchst erwünschte Gelegenheit zur Befriedigung ihrer zügellosen Leidenschaften zu haben; und viele zogen mit der Absicht nach Königsberg, sich gleich nach der Ankunft dort gute Liebhaberinnen zu suchen oder wenigstens junge Mädchen in Unterhalt zu nehmen. All das versäumten sie auch nicht tatsächlich auszuführen. Es waren noch keine zwei Wochen vergangen, als ich zu meiner großen Verwunderung hörte, dass in der Stadt kein einziges Wirtshaus, kein einziger Weinkeller, kein einziger Billardsaal, kein einziges unzüchtiges Haus übrig geblieben sei, das unseren Herren Offizieren nicht schon bekannt gewesen wäre, sondern dass sie nicht nur alle bei ihnen gezählt und bekannt seien, sondern sehr viele bereits teils mit ihren Wirtinnen, teils mit anderen dortigen Einwohnerinnen enge Bekanntschaft geschlossen hätten; und manche hatten sie schon zu sich in Unterhalt genommen, und alle insgesamt versanken schon in allem Luxus und aller Ausschweifung.

Meine Verwunderung, als ich davon hörte, war unaussprechlich und umso größer, als ich dasselbe auch von den ehrwürdigsten Leuten hörte, die ich zu einem solchen lasterhaften Leben für völlig unfähig gehalten hatte.

Was mich aber noch mehr verwunderte, war, dass ich von eben diesen Leuten damals keine ordentlichen und vernünftigen Gespräche mehr hörte, sondern alle Reden und Worte und alle besten Scherze und Gespräche nur von Spielen, Gelagen und Frauen handelten, und dies ging sogar so weit, dass sie, alle Scham vergessend, sich nicht im Geringsten mehr schämten, voreinander mit ihren Unziemlichkeiten und ihrer Ausschweifung zu prahlen und sich zu brüsten, und ohne die geringste Gewissensregung so abscheulichen Unsinn daherschwatzten und faselten, dass ein vernünftiger Mensch ihn nicht ohne Abscheu anhören konnte. Doch das war noch nicht genug, sondern sie taten noch Schlimmeres und, selbst bis über die Ohren im Frevel versunken, gaben sie sich die erdenklichste Mühe, auch andere in die Netze eines ebenso abscheulichen Lebens zu ziehen, und machten nicht nur alle, die ihrem Beispiel nicht folgten, lächerlich, sondern verhöhnten und verachteten sie beinahe.

Verzeihen Sie mir, lieber Freund, dass ich Ihnen nebenbei einen solchen abscheulichen Unsinn erzähle. Ich tat es, um damit zu schildern, in welcher Gefahr ich mich damals befand, da ich in einer solchen Stadt und unter Menschen dieser Art lebte. Ich stand gerade in jenen Jahren, in denen die Menschen am meisten der ganzen Glut wollüstiger Begierden ausgesetzt sind und noch lange nicht imstande sind, über ihre Leidenschaften zu herrschen und den Vorschriften der gesunden Vernunft zu gehorchen; ich hatte Gelegenheit, jeden Tag die schamlosesten und wollüstigsten Gespräche zu hören, die verführerischsten Beispiele zu sehen, die selbst den tugendhaftesten Menschen verderben könnten, und was noch mehr ist, sogar Spott und Sticheleien {Stiche, Vorwürfe, Spott.} von allen meinen Freunden und Kameraden zu erdulden, weil ich bei all ihren Ausschweifungen nicht ihr Genosse war – unter solchen Umständen, sage ich, hätte da nicht auch ich leicht vom Weg der Tugend abkommen und in den Abgrund der Laster stürzen können? Ach! Ich war in der Tat so nahe daran, dass nur wenig, sehr wenig fehlte, und auch ich wäre ein ebensolcher Taugenichts und ausschweifender Mensch geworden, und allein die unsichtbare Hand des Herrn rettete mich und ließ nicht zu, dass ich in demselben Schlamm der Abscheulichkeiten und Frevel versank, in den sich fast alle unsere Offiziere gestürzt hatten. Und wahrlich, lieber Freund, wenn mir jene Zeiten in den Sinn kommen, so kann ich mich noch heute nicht genug wundern, auf welche Weise ich damals von diesem Übel freikam. Ein ganzes Zusammentreffen vieler und verschiedener besonderer Umstände musste dazu nötig sein, um mich von den Gefahren zu befreien, von denen ich umgeben war, und die Hand des Herrn oder vielmehr seine Vorsehung, die für mich sorgte, musste mich gewaltsam aus der Mitte einer Gesellschaft so verdorbener und gefährlicher Menschen reißen und, indem sie mit mir etwas tat, das mir nie in den Sinn gekommen wäre, mir einen solchen Platz verschaffen und mich in solche Umstände verflechten, die von selbst zu meiner Rettung beitragen sollten.

Da Ihnen dies alles aber nicht recht verständlich sein wird, will ich Ihnen die Sache näher erklären und ausführlicher von diesem sehr wichtigen Abschnitt meines Lebens erzählen und von allem, was damals zu meiner Rettung beitrug.

Der allererste Umstand, der mir damals sehr half, war jene früher erwähnte, mir angeborene natürliche Schüchternheit und Schamhaftigkeit, der ich von klein auf unterworfen war und die damals noch so groß war, dass es für mich stets eine gewaltige „Kommission“ {Eigentlich: Auftrag, Dienstpflicht; hier: Verlegenheit, Peinlichkeit.} war, wenn ich zuweilen mit unbekannten Frauen zusammen sein und mich mit ihnen unterhalten musste. Eben dies bewahrte mich vor jener Dreistigkeit, Unverschämtheit {Frechheit, Anmaßung, Aufdringlichkeit, Schamlosigkeit.} und Verwegenheit, die meine anderen Kameraden besaßen und mit deren Hilfe sie sogleich mit ihnen anbändeln und Bekanntschaft schließen konnten und die sie in alle Ausschweifungen führte. Was mich betrifft, so war ich in solchen Fällen ein wahres errötendes Mädchen, und ich scheute und schämte mich, mit ihnen auch nur die geringsten Scherze und Neckereien zu treiben, geschweige denn mir irgendwelche Freiheiten herauszunehmen. Dazu trug auch sehr viel bei, dass ich von klein auf Gelegenheit gehabt hatte, einige Dichtungen und Liebesgeschichten zu lesen, in denen die Liebe zart, rein und unschuldig dargestellt war und nicht roh und ausschweifend; durchdrungen von diesen Gedanken, hatte ich von ihr die zartesten, romantischen Vorstellungen, und darum erschien mir ein solcher Umgang mit Frauen, wie ich ihn bei anderen sah, allzu roh, abscheulich und niederträchtig, und ich konnte mich keineswegs an einen freien und so dreisten und schamlosen Umgang mit ihnen gewöhnen wie die anderen. Für mich war es schon eine gewaltige „Kommission“, auch nur ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, besonders mit unbekannten, und selbst das konnte ich nie tun, ohne zu erröten und mir große Gewalt anzutun – ein Charakterzug, der an sich zwar lächerlich ist, mir aber mein ganzes Leben lang zu großem Nutzen gereichte.

Ein anderer, mir sehr viel helfender Umstand war jener glückliche Zufall, dass es in meinen beiden Quartieren keine einzige junge Frau und kein Mädchen gab, die die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich ziehen konnte, und wenn es Frauen gab, so waren sie alle alt und hässlich. Dadurch wurde ich zufälligerweise nicht nur selbst von Anlässen zur Versuchung befreit, die bekanntlich am meisten wirken und den Menschen zu allem Schlechten bringen können, sondern zugleich auch von häufigen Besuchen meiner Kameraden, denn bei ihnen war es schon zur Gewohnheit geworden, gerade denjenigen aus ihrer Mitte aufzusuchen und am häufigsten zu besuchen, in dessen Quartier es hübsche Töchter der Wirtsleute gab, und bei solchen fanden gewöhnlich ihre Zusammenkünfte statt.

Und da es in meinem Quartier nichts für sie Anziehendes gab, hatten sie auch keine Lust, mich oft zu besuchen und lange bei mir zu sitzen, und wenn sie zuweilen vorbeikamen, dann meist, um mich aufzufordern, mit ihnen spazieren zu gehen.

Der dritte Umstand, der mich von einem ausschweifenden Leben abhielt, war, dass ich, kaum dass ich von der Wache abgelöst war, am Tag darauf das Begräbnis eines jungen Offiziers eines anderen Regiments sah, das hier vor uns gestanden hatte; er war auf die erbärmlichste Weise an einer venerischen Krankheit gestorben, die er sich während seines Aufenthalts in dieser Stadt zugezogen hatte. Dieser Anblick, ebenso das allgemeine Gerede und die Versicherungen vieler, dass fast keiner der Offiziere, die sich mit demselben Gewerbe abgaben, heil geblieben, sondern alle der einen oder anderen dieser abscheulichen Krankheiten verfallen seien, prägte meinem Herzen eine solche Furcht und einen solchen Abscheu ein, dass ich damals schon bei mir beschloss, alle dortigen Frauen auf jede erdenkliche Weise zu meiden und mich vor ihnen wie vor einem Gift und einer Seuche zu fürchten und zu hüten. Und das half mir in jener gefährlichen Zeit sehr und war der Grund, dass ich mich keineswegs darauf einließ, meinen Kameraden, die mich nicht selten aufforderten, Gesellschaft zu leisten und mit ihnen in zweifelhafte und verdächtige Häuser zu gehen, sondern lieber zu Hause saß und mich mit meinen Arbeiten beschäftigte.

Doch alle diese Umstände, und nicht einmal meine Liebe zu Büchern und zu allerlei interessanten Beschäftigungen, wären imstande gewesen, mich vor ihnen und vor allen Verlockungen und Versuchungen zu retten, denen ich fast täglich von diesen meinen Kameraden und Freunden ausgesetzt war, die sogar List und Betrug anwandten, um mich ins Netz zu verstricken, wenn nicht das Schicksal selbst vermittelnd eingegriffen und mich mit unsichtbarer Hand von dem Abgrund weggezogen hätte, an dessen Rand ich mich befand. Es tat dies, indem es plötzlich eine ganz unerwartete Veränderung in meinen Umständen bewirkte, und eine solche, die mich von meinen früheren, mir so gefährlichen Kameraden trennte und einem häufigen Zusammensein mit ihnen ein Hindernis in den Weg legte, und es bewirkte dies auf folgende Weise.

Da die Verwaltung des ganzen preußischen Königreichs damals von uns abhing, zu seiner Leitung aber noch keine besondere Person bestimmt war und nur das Gerücht ging, dass ein eigener Gouverneur geschickt werden würde, so leitete bis dahin alle Angelegenheiten, die die innere Verwaltung dieses Staates betrafen, besonders die Erhebung der Steuern und Einkünfte, einer unserer Brigadiers namens Numers. Diesem Mann unterstanden damals alle preußischen Regierungen, Kollegien und Kanzleien; da sie aber alle mit dortigen Richtern und Kanzleibediensteten besetzt waren und keiner von den Unsrigen bei ihnen war, wünschte er schon lange, in der dortigen Kammer, der alle Staatseinkünfte unterstanden, einen seiner Offiziere zu haben, der Deutsch verstand und alle eingehenden Einnahmen und Ausgaben aufzeichnen und in besondere, von ihm ausgegebene Bücher eintragen könnte. Nach einem solchen Mann hielt er schon lange Ausschau {Eigentlich: denken, meinen, rechnen, erraten; hier: suchen.}, da sich aber in den Regimentern, die hier vor uns gestanden hatten, niemand fand, der dazu fähig war, begann er nach der Ankunft unseres Regiments herumzufragen und zu erkunden, ob sich nicht bei uns ein solcher fände.

Es traf sich, dass es ihm einfiel, darüber gerade mit meinem Hauptmann zu sprechen, Herrn Gnewuschew, der damals in der Stadt das Amt des Platzmajors versah, und dem Schicksal gefiel es, dass dieser Mann ohne Umschweife mich dafür empfahl.

Da er mich gern hatte, erzählte er dem erwähnten Brigadier so viel über mich und meine Fähigkeiten, dass dieser mich gleich am nächsten Tag vom Regiment anforderte und mir sogleich den oben erwähnten Auftrag übertrug.

Es lässt sich nicht genug beschreiben, wie verwundert ich war, als ich vom Regiment plötzlich und wider alles Erwarten den Befehl erhielt, mich bei Brigadier Numers zu melden, und dass man mich im Regiment als abkommandiert führen solle. Ich wusste damals nicht, was das bedeutete und wozu man mich zu ihm schickte. Da ich mir aber während meines ganzen Dienstes zur Regel gemacht hatte, mich, ohne zu wissen, wo man gewinnen und wo verlieren kann, niemals selbst zu irgendeinem Kommando zu drängen, aber auch, wohin man mich schickte, mich nicht davor zu drücken, so gehorchte ich diesem Befehl ohne Widerrede und meldete mich gleich am nächsten Tag bei meinem neuen Befehlshaber.

Herr Numers empfing mich sehr freundlich und befahl mir, nachdem er ein wenig mit mir Deutsch gesprochen hatte, etwas zu schreiben; und da ich recht gut Deutsch schrieb, war er, wie es schien, mit meiner Handschrift sehr zufrieden. Er fuhr in derselben Stunde mit mir in die Kammer und übergab mich einem alten Rat namens Bruno, mit dem Auftrag, mir jene Arbeit zu übertragen, über die er mit ihm schon lange gesprochen hatte, und die Aufsicht über mich zu führen.

Dieser alte Herr kam mir als ein sehr stilles und gutmütiges Männlein vor. Er empfing mich freundlich, führte mich sogleich in ein besonderes Nebenzimmer neben dem seinen und wies mir einen Sitzplatz an. Und da die Reinschriftbücher bei ihnen schon bereitlagen, zeigte er mir, wie und was ich in sie schreiben sollte, und gab mir alle nötigen Anweisungen, weshalb ich gleich damals mit meiner Arbeit beginnen und auf Deutsch übertragen musste, was vorgeschrieben war.

So wurde ich plötzlich aus einem Soldaten ein Kanzleibeamter, oder musste wenigstens schon nicht mehr mit dem Gewehr, sondern mit Feder und Tinte umgehen. Diese Veränderung war mir damals nicht sonderlich angenehm. Mein Auftrag war zwar nicht schwer und bestand nur darin, die Hefte mit Rechnungen, die mir der erwähnte alte Herr gab, in die gebundenen und verschnürten Reinschriftbücher abzuschreiben; aber der Umstand, dass ich jeden Tag in die Kammer gehen und dort nicht nur den ganzen Vormittag bis zum Mittagessen, sondern auch nach dem Mittagessen bis fast zum Abend sitzen und nichts anderes tun musste als schreiben und abschreiben, was mir gar nicht in den Kopf wollte und mir unverständlich war, und was noch schlimmer war – allein und in völliger Einsamkeit zu sitzen, in einem gewaltigen, öden und dunklen Saal, der nur von zwei verräucherten Fenstern mit eisernen Gittern erhellt wurde, und dazu nicht einmal an den Fenstern, sondern entfernt von ihnen, folglich wie ein eingesperrtes Vögelchen zu sitzen und die allerschönste Frühlingszeit des Jahres nicht nur in unaufhörlicher Mühe und Arbeit, sondern auch in höchst langweiliger Einsamkeit zu verbringen, ohne jemanden zu haben, mit dem ich ein Wort hätte wechseln können – dieser Umstand, sage ich, war mir, besonders anfangs, als es sehr viel Arbeit gab, sehr, sehr unangenehm und ließ mich mehr als einmal der verlorenen Freiheit nachtrauern, die ich bis dahin genossen hatte und die ich nun nur noch an Feier- und Sonntagen und in wenigen Stunden zu Mittag und vor dem Abend genießen konnte.

Gleichwohl war diese Veränderung meiner Umstände für mich von wesentlichem Nutzen, und ich kann dem Schicksal noch heute nicht genug danken, dass es damals dies mit mir tat, denn ich wurde dadurch von allen meinen früheren Gefahren befreit; denn da ich niemals zu Hause war, gewöhnten sich alle meine früheren Freunde und Kameraden nach und nach ab, ständig zu mir zu kommen, um mich zu besuchen und mich aufzufordern, mit ihnen in Wirtshäuser und andere Vergnügungsstätten zu gehen.

Und da sie untereinander schon Gesellschaften und Rotten gebildet hatten, gingen sie ihren Belustigungen und Vergnügungen nach, mich aber, der ich gewissermaßen vom Regiment getrennt war und nicht zu ihrer Gesellschaft gehörte, ließen sie in Ruhe und zogen mich nicht zu ihren Rotten heran, womit ich sehr zufrieden war.

Ein anderer und der allerwichtigste Nutzen, der aus dieser Veränderung entsprang, war der, dass mir durch diesen meinen Aufenthalt in der Kammer gleichsam der Weg gebahnt wurde zu einer anderen, darauf folgenden und noch weit wichtigeren Veränderung, die mir zu unendlichem Nutzen gereichte, wie ich künftig an seinem Ort erwähnen werde.

So begann ich, wider alles Erwarten vom Regiment losgerissen und unabhängig geworden, eine ganz neue und für mich ungewohnte Lebensweise zu führen, die mir anfangs zwar sehr langweilig erschien, da man sich aber an alles gewöhnen kann, mir in kurzer Zeit recht erträglich wurde, und ich beklagte mich schon gar nicht mehr über sie, sondern fand, nach und nach an das stille und einsame Leben gewöhnt, darin sogar einiges Vergnügen. Meine ganze damalige Zeit verbrachte ich folgendermaßen. Jeden Tag morgens, nachdem ich aufgestanden war, Tee getrunken und mich angekleidet hatte, machte ich mich auf den Weg zu meiner Kammer. Die Entfernung von ihr bis zu meinem Quartier war zwar nicht gering und betrug mehr als anderthalb Werst, doch ging ich gewöhnlich allein und zu Fuß, und da zum Glück der kürzeste Weg dorthin über gute Straßen und Pflaster führte, wurden mir diese Wege niemals lästig, sondern das Gehen trug noch viel zu meiner Gesundheit bei. In der Kammer angekommen, setzte ich mich gewöhnlich an meinen Tisch und arbeitete, ohne mich vom Platz zu rühren, bis gegen ein Uhr. In dieser Zeit wurde mir nur meine Einsamkeit etwas lästig, denn die Haupträume dieser Kammer, wo es eine Menge Schreiber gab, waren von dem Ort, wo ich saß, etwas entfernt, hier aber befanden sich nur drei Zimmer, von denen in einem der erwähnte alte Rat saß, unter dessen Aufsicht ich stand, im zweiten ich und im dritten, kleinen, der Hauptempfänger oder Einnehmer der erhobenen Einkünfte. Da aber in deutschen Kanzleien ganz andere Gebräuche herrschen als bei uns und von allen Kanzleibediensteten keine Freiheiten in Gesprächen genommen und keine Zeit mit Gelächter und Possen vertrieben wird, sondern jeder von ihnen wie angewurzelt an seinem Platz sitzt und sich aufs allerfleißigste mit seiner Arbeit beschäftigt, und bei ihnen nicht nur niemals Lärm und Durcheinander herrschen, sondern in allem Anstand, Stille und vollkommene Ordnung beobachtet werden – so waren auch meine beiden erwähnten Nachbarn stets so fleißig mit ihren Arbeiten beschäftigt, dass es mir zuweilen den ganzen Tag lang nicht gelang, ein einziges Wort mit ihnen zu wechseln; an ein Gespräch war gar nicht zu denken. Überdies hatten nicht nur diese Herren, sondern alle besseren Einwohner der Stadt Königsberg überhaupt eine gewisse Abneigung gegen uns alle, die Russen, und bemühten sich gleichsam absichtlich, uns und einem vertraulichen, offenen und freundschaftlichen Umgang mit uns auf jede Weise auszuweichen und sich fernzuhalten, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass, obwohl ich nicht geringe Zeit bei diesem Amt in der Kammer zubrachte und obwohl ich, indem ich meinen beiden Nachbarn die erdenklichste Höflichkeit erwies, mich auf jede Weise bemühte, mit ihnen wenigstens etwas näher bekannt zu werden, alle meine Bemühungen vergeblich waren. Sie erwiderten mir nur mit ebensolchen Höflichkeiten, mehr aber konnte ich von ihnen nicht erlangen; denn obwohl ich täglich erwartete, dass mich einer von ihnen, wenn nicht zum Mittagessen, so doch wenigstens zu einer Tasse Kaffee oder Tee einladen würde, konnte ich das doch niemals erleben; mich selbst aber aufzudrängen {Mich dreist zu zeigen, aufdringlich zu werden.} und ungebeten zu ihnen zu gehen, schien mir unschicklich. Mit einem Wort, sie kamen mir wie wahre Brummbären vor. Doch ebensolche Brummbären fand ich auch unter den Beamten der dortigen Rentei {Schatzamt.} und des Salzamts, in die ich nach einigen Tagen gehen und jeweils einige Stunden bei ebensolcher Arbeit sitzen musste, nämlich beim Eintragen der dortigen Rentei- und Salzeinkünfte in besondere Bücher. In diesen beiden Ämtern, die sich in demselben Schloss befanden, in dem auch die Kammer war, führten zwei alte Männlein die Geschäfte, doch beide waren noch ungeselliger und wortkarger als meine Nachbarn, sodass ich von ihnen noch weniger Freundlichkeit und Wohlwollen erwarten konnte als von den früheren.

All das verwunderte mich anfangs äußerst, und ich dachte und sagte mehr als einmal ärgerlich bei mir:

„Was sind das für Brummbären und Teufel, die hier sitzen? Zu keinem von ihnen findet man Zugang, und von keinem erlangt man irgendwelche Freundschaft und Freundlichkeit!“

Später aber, als ich das ganze preußische Volk und die Königsberger Einwohner näher kennenlernte, hörte ich auf, mich darüber zu wundern, und schrieb dies nicht so sehr ihrer Ungeselligkeit zu als vielmehr ihrer allgemeinen Abneigung gegen alle Russen, denen sie zwar äußerlich alle Achtung erwiesen, die sie innerlich aber für ihre Feinde hielten und sich darum von einem freundschaftlichen und offenen Umgang mit ihnen fernhielten; und überdies hatte ihre maßvolle und enthaltsame Lebensweise, fern von allem Luxus und Übermaß, großen Anteil daran.

Doch ich habe mich schon von der Ordnung meiner Erzählung entfernt und will nun, zu ihr zurückkehrend, sagen, dass ich, nachdem ich in der erwähnten Weise den ganzen Vormittag mit unaufhörlichem und langweiligem Schreiben verbracht hatte, nach dem Glockenschlag zwölf zusammen mit den anderen aus der Kammer ging und in mein Quartier zurückkehrte. Dort fand ich stets mein von meinen Leuten zubereitetes Soldatenmittagessen schon fertig vor, das zwar nicht so köstlich war wie das vermeintliche {Eingebildete, vorgestellte, angenommene.} preußische, doch stand ich niemals hungrig vom Tisch auf. Danach machte ich mich sogleich ans Zeichnen und ging, nachdem ich damit und mit anderen interessanten Beschäftigungen eine Stunde und mehr verbracht hatte, nach dem Glockenschlag zwei wieder auf den Weg in meine Kammer und saß dort bis fast zum Abend. Wenn ich aber aus ihr herausgekommen und nach Hause zurückgekehrt war, ging ich zum Schiffsanleger und an andere nahe gelegene Orte spazieren, besonders am Ufer des Pregels, und betrachtete die auf dem Fluss fahrenden Schiffe und die Menge Volks, das an den Ufern mit dem Beladen und Entladen der Schiffe beschäftigt war. Wenn aber ein Sonntag oder Feiertag war, an dem in der Kammer keine Sitzung stattfand, dann verwendete ich den ganzen Tag entweder aufs Zeichnen oder aufs Umherwandern durch die ganze Stadt und alle ihre besten Teile. Zuweilen ging ich zu meinem alten Obersten, der mich manchmal zum Mittagessen bei sich behielt und mich mit sich zum Spazierengehen in den allerbesten und berühmten dortigen Saturgus-Garten nahm, von dem ich ausführlicher an seinem Ort sprechen werde. Und da es außerdem in dieser Stadt noch andere Gärten gab, in denen jeder spazieren gehen durfte, so suchte ich sie auf und ging zuweilen auch in ihnen spazieren. In Wirtshäuser aber kehrte ich sehr selten ein, und auch das nur, um Tee und Kaffee zu trinken und ausländische Zeitungen zu lesen; und da die Zeitungen jener Zeit sehr interessant waren und ich erfuhr, dass sie auch hier in der Stadt herausgegeben wurden, versäumte ich nicht, sie auch für mich zu beziehen und damit meine Neugier zu stillen.

Auf diese Weise verbrachte ich, an diese neue und einsame Lebensweise gewöhnt, einige Wochen im allerruhigsten Zustand und lebte, man kann geradezu sagen, in Frieden und Stille und war mit meinem Zustand zufrieden. Von meinen früheren Kameraden aber hatte ich mich so entfernt, dass ich nicht einmal Kenntnis davon hatte, was bei ihnen untereinander vorging, und mich auch am allerwenigsten bemühte, es zu erfahren.

Nun aber ist es Zeit für mich, meinen Brief zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich bin usw.

BESCHREIBUNG KÖNIGSBERGS

Brief 60


Lieber Freund! Da ich im Laufe jener Wochen, die ich bei der Kammer in der oben erwähnten Weise in Frieden, Stille und Ruhe verbrachte, genug Zeit und Gelegenheit hatte, Königsberg zu besichtigen und kennenzulernen, will ich mich nun bemühen, nachzuholen, was ich in den vorhergehenden Briefen versäumt habe, und Ihnen diese preußische Hauptstadt beschreiben, damit Sie eine etwas genauere Vorstellung von ihr bekommen.

Diese Stadt liegt inmitten des ganzen preußischen Königreichs und kann als Seestadt gelten; denn obwohl sie nicht unmittelbar am Meer liegt und die offene Ostsee nicht näher als siebzig Werst von ihr entfernt ist, so befindet sich doch zwischen diesem Meer eine schmale und überaus lange Bucht, das sogenannte „Frische Gaf“ {Frisches Haff.}, und in diese Bucht mündet der Pregel, an dessen Ufern unweit seiner Mündung Königsberg errichtet ist; und da dieser Fluss recht tief ist, genießt die Stadt den Vorteil, dass alle seegehenden Handelsschiffe und Galioten {Kleines Handelsschiff, Galeere.} über das erwähnte Haff und den Fluss bis zu ihr selbst gelangen und hier ihren Kommerz oder Handel treiben.

Der erwähnte Fluss fließt mitten durch diese Stadt, und da er gerade an der Stelle, wo sie erbaut ist, sich in viele Arme teilt und mehrere weitläufige und große Inseln gebildet hat, so dienen diese der Stadt zu besonderem Vorteil.

Einige dieser ebenen und niedrigen Inseln, die von vielen Kanälen durchzogen sind, sind mit den allerschönsten Heuwiesen bedeckt, die das allerdichteste, nahrhafte {Schmackhafte, saftige.} und gute Gras hervorbringen, das besonders dadurch denkwürdig ist, dass die Königsberger Einwohner daraus eine besondere Art Grütze bereiten, die bei ihnen unter dem Namen „Schwadengrütze“ {Wörtlich: schwedische Grütze.} bekannt ist. Sie streifen zur Sommerszeit, wenn an diesem Gras Rispen wachsen, die denen unserer Trespe oder unserer Schotengewächse ähneln {Wolot – hier: Halm, Ähre; Kosterj (Trespe) – eine Pflanze aus der Familie der Süßgräser mit großen Ährchen, ein Futtergras; roschentschikowy – Hülsenpflanzen; Roschok – Schote.}, diese mit Sieben und Reitern ab und schälen dann, nachdem sie sie getrocknet haben, die Grütze aus ihnen heraus, die im Brei einen höchst angenehmen Geschmack hat. Im Herbst sind diese Flächen mit mehreren Tausend Stück Vieh und Pferden bedeckt, die darauf weiden. Die der Stadt nächstgelegenen Inseln aber sind mit verschiedenen städtischen Gebäuden besetzt, und von ihnen ist besonders die weitläufige, mitten in der Stadt liegende runde Insel bemerkenswert, weil sie ganz mit geschlossenen und überaus hohen steinernen Gebäuden bebaut ist und einen besonderen und den allerbesten Teil der Stadt bildet.

Übrigens ist diese Stadt recht weitläufig, hat eine große Zahl von Einwohnern und ist ringsum mit einem Erdwall mit Bastionen umgeben, und auf der Seite zum Meer hin, am linken Ufer des Pregels, ist eine kleine regelmäßige viereckige Festung oder Zitadelle angelegt, Friedrichsburg genannt, mit ringsum aufgestellten Kanonen. Doch alle diese Befestigungen sind von keiner weiteren Bedeutung, denn da bei der großen Weitläufigkeit der Stadt die Instandhaltung aller Wälle in gutem Zustand mit großem Kostenaufwand {Ausgaben.} verbunden wäre, kann diese Stadt auch mit zahlreicher Garnison keine ordentliche und langwierige Belagerung aushalten und darum eher als offene Kaufmanns- und Handelsstadt denn als Festung gelten. Gleichwohl waren überall an den Einfahrten ordentliche Stadttore angelegt, und an ihnen wurden strenge Wachen gehalten.

Was das Innere dieser Stadt betrifft, so teilt es sich zunächst in die eigentliche Stadt und in mehrere weitläufige Vorstädte, die jedoch durch keine besondere Mauer von der Stadt getrennt, sondern gemeinsam mit ihr von dem erwähnten Erdwall umgeben sind und sich von der Stadt nur dadurch unterscheiden, dass die Gebäude in ihnen nicht so gut und nicht so hoch sind wie in der Stadt und überdies meist aus Fachwerk oder Ziegelfachwerkhäusern bestehen, während sich in der eigentlichen Stadt lauter geschlossene, mehrstöckige steinerne Häuser befinden, die aufs Allerdichteste aneinandergefügt sind.

Übrigens hat diese innere und bessere Stadt drei Hauptabteilungen oder Teile, die bei ihnen unter dem Namen „Altstadt“ oder alte Stadt, „Kneiphof“ – dieser Teil befindet sich auf der oben erwähnten Insel – und „Löbenicht“ bekannt sind. Jeder dieser Teile bildet gewissermaßen eine eigene Stadt, denn jeder hat sein eigenes Rathaus, seine eigene Hauptkirche, seine eigenen öffentlichen Gebäude, seinen eigenen Marktplatz und seine eigene Stadtobrigkeit. Was die sogenannten Vorstädte betrifft, so bestehen sie aus überlangen und recht breiten Straßen, die sich von den erwähnten Hauptteilen der Stadt nach verschiedenen Seiten erstrecken. Die wichtigsten von ihnen heißen: Roßgarten, Tragheim, Sackheim, Steindamm, Haberberg und einige andere.

Alle diese Vorstädte bestehen, abgesehen von einigen über sie verstreuten Adelshäusern, aus mittelmäßigen und nur zweistöckig gebauten Häusern.

Als das allerberühmteste aller in Königsberg befindlichen Gebäude kann man das sogenannte Schloss oder den Palast der früheren Herzöge von Preußen ansehen. Dieses gewaltige und seines Alters wegen prächtige Gebäude ist auf der höchsten Anhöhe oder dem höchsten Hügel errichtet, der sich mitten in der Stadt befindet. Es ist viereckig angelegt, überaus hoch und umschließt einen vierseitigen, recht geräumigen Platz und gereicht der ganzen Stadt zur Zierde, umso mehr, als es von vielen Seiten, besonders von jenseits des Flusses, über alle Häuser hinweg sichtbar ist. In einer seiner vier Seiten oder Fassaden befinden sich im zweiten Stockwerk die alten herzoglichen Gemächer, bestehend aus vielen Sälen und geräumigen Zimmern, die auch zu unserer Zeit noch mit jenen alten gewirkten Tapeten bespannt waren, die schon zu der Zeit vorhanden waren, als in ihnen Zar Peter I. empfangen wurde, als er mit Lefort im Gefolge der Gesandtschaft durch verschiedene Länder reiste, und in welchen Gemächern die preußischen Könige Aufenthalt nehmen, wenn sie nach der Thronbesteigung nach Königsberg kommen, um die Huldigung entgegenzunehmen, welche prächtige Zeremonie auf dem erwähnten, innerhalb dieses Schlosses befindlichen Platz vollzogen wird {Königsberg war der Krönungsort der preußischen Könige.}. Zu anderer Zeit aber wohnten in diesen Gemächern die obersten Statthalter und Befehlshaber über die in diesem Königreich befindlichen Truppen, wie vor unserem Einmarsch ihr Feldmarschall Lehwaldt darin wohnte. Gleichwohl herrscht in allen diesen Gemächern nicht nur keine besondere Pracht der Ausstattung, sondern sie sind auch etwas niedrig, dunkel und überaus unfreundlich, was vielleicht den früheren preußischen Herrschern Anlass gab, eine, und zwar die beste, Ecke dieses Schlosses umzubauen und noch zwei gewaltige Stockwerke aufzusetzen. Doch ist unbekannt, warum diese beiden Stockwerke gewissermaßen ganz unvollendet und nur im Rohbau geblieben sind, und wir selbst bemühten uns in den folgenden Jahren, eines dieser Stockwerke so auszubauen und einzurichten, dass niemand, ja nicht einmal Könige selbst, sich schämen mussten, darin zu wohnen. Im Erdgeschoss dieser Seite befanden sich Vorratskammern, Küchen, Wachstuben und schließlich an der Ecke ebenjene Kammer, in die ich zu gehen pflegte.

Die beiden anderen, seitlichen Fassaden enthielten eine Menge Räume, die teils leer standen, teils von verschiedenen obersten Zivilbehörden und Amtsstellen besetzt waren, und manche Räume dienten als Magazine für verschiedene Lagerwaren.

Was aber die letzte und vierte Fassade betrifft, die den herzoglichen Gemächern gegenüberliegt, so ist ihr ganzes Inneres von einer einzigen Kirche von überaus gewaltiger Größe eingenommen, der Hofkirche, in der jeden Sonntag zweimal Gottesdienst gehalten wurde und sich eine große Menge Volks versammelte.

Schließlich ist an einer Ecke dieser Fassade ein überaus hoher und überaus dicker viereckiger Turm errichtet, der weder Spitze noch Kuppel hat; auf seiner flachen Spitze wurde nur ein großes Banner oder eine Flagge aufgestellt.

Dort, unmittelbar unter der Spitze, sind kleine Stübchen angelegt, und in ihnen haben einige Trompeter und andere Musikanten ihren ständigen Wohnsitz. Ihr Amt besteht darin, oben auf diesem Turm ununterbrochen Wache zu halten und Ausschau zu halten, ob nicht irgendwo ein Feuer ausbricht; sobald sie es erblicken, beginnen sie von diesem Augenblick an, auf ihren Trompeten besondere Feuer- und Alarmstücke zu spielen. Und damit das Volk von weitem sehen und wissen kann, in welcher Richtung das Feuer ist, neigen sie bei Tag das erwähnte Banner nach dieser Seite, zur Nachtzeit aber strecken sie nach dieser Seite eine Stange mit einer daran hängenden großen Laterne hinaus, wodurch das Volk erfährt, in welche Richtung es laufen muss, um das Feuer zu löschen. Das bekamen wir selbst bei mehreren Bränden zu sehen, die sich während unserer Anwesenheit ereigneten, und man muss gestehen, dass diese Einrichtung bei ihnen löblich und gut ist.

Außerdem ist bemerkenswert, dass sich unter diesem Turm und in eben dieser Ecke bei ihnen eine öffentliche und alte Bibliothek befindet, die mehrere geräumige Säle einnimmt und mit mehreren Tausend Büchern angefüllt ist. Diese Bücher sind größtenteils alt und teilweise handschriftlich, und ich bekam sehr seltene zu sehen, die von alten Mönchen in sehr reiner und sauberer Halbunziale {Siehe Anmerkung 14 nach dem Text.} geschrieben und mit verschiedenen Figuren und Verzierungen in den lebhaftesten Farben geschmückt waren. Und was noch verwunderlicher ist: Viele von ihnen sind an langen eisernen Kettchen an die Regale gekettet, zu dem Zweck, dass jeder sie vom Regal nehmen und nach Belieben betrachten und lesen, sie aber nicht stehlen und mit sich forttragen könne. Diese Bibliothek war zur Sommerszeit jede Woche an einigen Tagen geöffnet, und jedem stand es frei, hineinzugehen und, wenn er wollte, den ganzen Tag darin zu sitzen und ein beliebiges Buch zu lesen, man achtete nur darauf, dass niemand eines davon mitnahm. Und damit jeder dieses Lesen bequemer nutzen könne, waren in der Mitte des Saales lange Tische mit Bänken ringsum aufgestellt, und viele, besonders Gelehrte und Studenten, machten von dieser Erlaubnis tatsächlich Gebrauch, und ich traf hier zuweilen zehn und zwanzig Personen an, die sich mit Lesen beschäftigten.

Außer Büchern werden in dieser Bibliothek auch einige andere Raritäten gezeigt, doch sehr wenige; und am bemerkenswertesten waren die Bildnisse Martin Luthers und seiner Frau Katharina von Bora, von denen man versicherte, sie seien nach dem Leben gemalt.

Schließlich gibt es in dieses Schloss nur zwei Ein- und Zufahrten: eine von der vorderen Fassade, groß, nach Art eines Stadttores, dunkel, unter den Gemächern, und eine andere unter der Kirche, klein und gleichsam versteckt. Außerdem gab es zur Kammer eine äußere Freitreppe mit einem Portikus für einen direkteren Zugang zu ihr.

Übrigens befand sich vor dem Schloss ein kleiner Platz, von dem aus sich nach verschiedenen Seiten drei große und einige kleine und krumme Straßen erstreckten.

Eine der großen führte seitwärts, um das Schloss herum, zur Steindammer Vorstadt und ist dadurch berühmt, dass an ihr die allerbesten und gewaltigsten steinernen Häuser stehen, die den allerberühmtesten preußischen Magnaten und einigen Prinzen und Grafen gehören; eine andere aber, die zur Roßgärter Vorstadt führt, hieß die Französische und ist teils dadurch denkwürdig, dass in ihr alle Franzosen wohnten und unter ihren Häusern die allerbesten französischen Läden mit allerlei Waren hatten, teils dadurch, dass sie auf einem überaus breiten Damm eines überaus langen und überaus breiten Teiches mitten in der Stadt, unweit der Stadt gelegen, gebaut war, und zwar auf einem kleinen Flüsschen, das von der Seite in den Pregel mündet und aufgestaut ist. Diese Straße war sehr schön und so gebaut, dass man gar nicht erkennen konnte, dass sie sich auf einem Damm befand, denn hinter der geschlossenen steinernen Bebauung war das Wasser überhaupt nicht zu sehen. Was aber die dritte große betrifft, so führte diese bergab in jenen Teil der Stadt, der Altstadt hieß.

Was diese Hauptteile der Stadt angeht, so lag der erste, Altstadt oder Alte Stadt genannt, unterhalb des Berges zwischen dem Schloss und dem Pregel und bestand ganz aus überaus hohen, schmalen und dicht einander gegenüber in mehreren Stockwerken erbauten steinernen Häusern, die durch enge, dunkle und größtenteils krumme Straßen in mehrere Viertel geteilt waren, wie sie überall in alten europäischen Städten üblich waren. In der Mitte dieses Teils aber befand sich ein recht geräumiger viereckiger, länglicher Platz, ringsum von ebensolchen geschlossenen hohen Häusern umgeben. Dieser Platz ist dadurch denkwürdig, dass sich an seinem Ende die allerbesten Reihen oder Läden mit verschiedenen Waren befinden und auf dem Platz selbst jede Woche, an Sonnabenden, Märkte mit Fleisch und anderen Lebensmitteln abgehalten wurden. Und an diesen Tagen ist dieser Platz gar nicht wiederzuerkennen, denn er wurde in einer Stunde ganz mit einer Menge kleiner hölzerner, aber ordentlicher zerlegbarer Buden bebaut, die alle gegen Abend wieder abgebaut wurden, und der Platz wurde bis zum Sonntag so gesäubert, dass auf ihm kein einziges Stäubchen lag. Dieser Brauch erschien uns anfangs sehr seltsam, doch später konnten wir ihn nicht genug bewundern.

Zu den berühmtesten öffentlichen Gebäuden, die sich in diesem Teil befinden, kann man erstens ihre Hauptkirche zählen, die zwar alt war, im gotischen Geschmack mit einer überaus hohen Spitze erbaut, aber eine überaus reiche Orgel besaß, die mehrere Zehntausend kostete und sehenswert war; zweitens das Hauptrathaus der Stadt {Gebäude der städtischen Selbstverwaltung.}, ein recht großes und ordentliches Gebäude, das unmittelbar am Platz errichtet ist. Zur Wache an diesem hatten sie einige Dutzend alte städtische Soldaten, über deren besondere und komische Uniform wir nicht genug lachen konnten. Drittens befand sich am selben Platz bei ihnen das sogenannte städtische Gemeinschaftshaus, das mehrere Räume und einen überaus großen Saal enthielt, in dem bei ihnen öffentliche Beratungen und Feierlichkeiten abgehalten wurden, auch Hochzeitsbälle, wovon künftig die Rede sein wird, wenn ich von diesen Hochzeiten besonders erzählen werde.

Was den zweiten Teil betrifft, Kneiphof genannt, so ist dieser schon viel berühmter und schöner als der oben erwähnte erste.

Er liegt, wie schon früher erwähnt, ganz auf einer Insel, ist ringsum von Wasser umgeben und von der Altstadt nur durch einen schmalen Arm des Pregels getrennt. Die Bebauung ist darin zwar ebenfalls geschlossen und steinern, mit engen Straßen, doch sind diese Straßen schon etwas gerader; und da in ihm alle reichsten Kaufleute wohnen, gibt es auch eine Menge schöner Häuser. Doch keine Straße ist so bemerkenswert wie die sogenannte Kneiphöfische Langgasse, die die Unsrigen Millionnaja nannten. Sie durchschneidet diesen ganzen Teil der Länge nach und steht mit beiden Brücken in Verbindung, durch die die Insel mit der Altstadt und der Haberberger Vorstadt verbunden ist, von denen die eine fest und die andere eine Zugbrücke für die Durchfahrt der Schiffe ist. Der Name dieser Straße ist auch nicht unpassend, denn unter den Kaufleuten, die an ihr wohnen, gibt es viele Millionäre, und diese Straße kann als die beste und reichste in der ganzen Stadt gelten; doch auch an ihr sind die Häuser alle aneinandergebaut, altmodisch, überaus hoch, fünf oder sechs Stockwerke, und außerordentlich schmal, und allein Breite und Geradheit verleihen ihr den schönsten Glanz.

Die Hauptkirche in diesem Teil befindet sich in der Mitte der Insel und ist dadurch denkwürdig, dass in ihr die früheren preußischen Herzöge und die berühmtesten Leute bestattet wurden und dass sie mit vielen schönen Mausoleen und Grabmälern geschmückt und auch mit vielen Trophäen und Fahnen behängt ist. Im vorderen Ende, hinter dem Altar, ist eine eiserne Gitterwand angebracht, und dahinter, inmitten einer geräumigen Nische, ist ein hohes und breites viereckiges Grabmal errichtet, auf dem einer der alten preußischen Landesherren in voller Lebensgröße zusammen mit seiner Frau liegt. Doch dieses Mausoleum ist bei weitem nicht so schön wie ein anderes, das sich in der Kirche selbst an der Wand befindet. Dort lag hinter einem vergoldeten Gitter über seinem Grab einer der ältesten preußischen Würdenträger, der Staatskanzler gewesen war, mit erstaunlicher Kunst in voller Lebensgröße aus allerweißestem Marmor gehauen. Er ist liegend dargestellt, wie lebendig, auf der Seite, in solcher Kleidung, wie man sie damals trug, und auf eine Hand gestützt, gleichsam in tiefe Gedanken versunken. All das ist so kunstvoll dargestellt, dass man sich nicht genug daran erfreuen kann; an der Wand aber, gegenüber dieser Stelle, ist eine schwarze Marmortafel mit goldener lateinischer Grabinschrift eingelassen. Übrigens war diese Kirche zwar gewaltig, aber ganz alt, im gotischen Geschmack erbaut.

Unweit dieser Kirche befand sich die berühmte Königsberger Universität und in ihrer Nähe die Häuser der dortigen Professoren und anderer gelehrter Leute.

Doch diese Universität konnte weder durch ihr Äußeres noch durch ihr Inneres in Erstaunen versetzen, denn ihr Gebäude war ganz einfach und alt, und auch der Hörsaal selbst war von keiner Bedeutung. Gleichwohl war diese Universität ihrem Wesen nach nicht von den letzten, und es studierte an ihr eine große Menge Leute jeden Standes, darunter auch viele Vornehme.

Das Rathaus dieses Stadtteils und auch das Gemeinschaftshaus waren von keiner weiteren Bedeutung, bemerkenswerter als sie war die Börse, die am Ufer bei der grünen Zugbrücke erbaut ist. Sie bildete einen überaus großen Saal mit fast ununterbrochenen Fenstern ringsum, und in ihr kommen alle Kaufleute zusammen, um miteinander über den Handel zu sprechen.

Was den dritten Hauptteil der Stadt betrifft, der den Namen Löbenicht trägt, so liegt dieser neben der Altstadt und ist (weniger) bemerkenswert als alle anderen. Ich fand darin nichts Besonderes, außer einem katholischen Kloster und einer Kirche, die recht groß und weit reicher geschmückt war als die lutherischen.

Nachdem ich so von den Hauptteilen der Stadt erzählt habe, will ich nun etwas über die Vorstädte erwähnen und darüber, was in ihnen bemerkenswert ist. Als die beste und größte von ihnen kann man die Haberberger ansehen, das heißt diejenige, die jenseits des Flusses liegt, weil sie einen ganzen Stadtteil bildet und eine breite und überaus lange Straße hat, die um den Peterstag von einer unzähligen Menge Volks erfüllt ist, weil zu dieser Zeit hier der Jahrmarkt stattfindet, über den ich an anderer Stelle Gelegenheit haben werde zu sprechen. Außerdem befindet sich in dieser Vorstadt auch die Synagoge der Juden, ein recht ansehnliches steinernes Gebäude.

Die Steindammer hat nichts Besonderes an sich außer ihrer Kirche, die dadurch denkwürdig ist, dass sie die allerälteste ist und von uns später in unsere russische Kirche umgewandelt wurde.

Die Sackheimer Vorstadt ist an sich durch nichts denkwürdig, doch zwischen ihr und der Tragheimer Vorstadt befand sich ein Paradeplatz, der einiger Beachtung wert ist. Er bildet einen recht geräumigen, ebenen und mit Wiesengras bewachsenen Platz, sehr geeignet zur Ausbildung und zum Exerzieren der Truppen, weshalb auch unsere Truppen hier gewöhnlich übten. Außerdem ist er dadurch denkwürdig, dass auf ihm eine schöne steinerne Rossmühle mit vielen Mahlgängen {Mahlgang – ein Paar Mühlsteine.} erbaut ist, in der ununterbrochen je sechzehn Pferde arbeiten.

Die Tragheimer Vorstadt ist denkwürdig erstens dadurch, dass sie eine Menge herrschaftlicher und recht ansehnlicher und großer Häuser hat; zweitens durch ihre günstige Lage am oben erwähnten großen Teich, der sich zwischen ihr und der Roßgärter Vorstadt befindet.

Der obere Teil dieses schönen, eher einem kleinen langen See gleichenden Teiches ist von geschlossenen Gärten umgeben, die hinter den Häusern dieser beiden Vorstädte liegen, der untere aber von geschlossenen, steinernen, bis dicht ans Wasser gebauten Häusern; in der Mitte aber ist zur Verbindung dieser beiden Vorstädte eine überaus lange, schmale und nur für Fußgänger bestimmte Brücke angelegt.

Was die erwähnte Roßgärter Vorstadt betrifft, so ist sie sowohl durch ihre Größe als auch durch ihre Gärten bemerkenswert, und nicht weniger durch viele Adelshäuser, die sich in ihr befinden; solche gibt es auch in großer Zahl an der Straße, die in Richtung Gumbinnen führt, wo sich unter anderem auch das königliche Palais befindet, das damals jedoch ein sehr kleines steinernes Häuschen war, wie man sie bei uns in Moskau zu mehreren Hundert finden kann, und leer stand. Am Ende dieser langen Straße aber befindet sich das Waisenhaus, ein ansehnliches, aber nicht sehr großes steinernes Gebäude.

Außer all diesen und einigen anderen Vorstädten verdient auch diejenige einige Beachtung, die sich längs des Ufers des Pregels erstreckt und gegenüber der Festung liegt, und das war ebenjene, in der ich mein Quartier hatte, denn unser Regiment war ganz in den oben erwähnten Vorstädten untergebracht. Diese ist sowohl durch den in ihr befindlichen Schiffsanleger als auch durch die Schiffswerft denkwürdig, und nicht weniger durch die oben erwähnten Spikler {Deutsch: Lagerraum, Speicher.} oder Magazine für Getreide, Salz und andere grobe Waren, die von den Lastkähnen entladen werden. Übrigens, da diese ganze Vorstadt unterhalb des Berges und auf niedrigem und ebenem Gelände liegt, ist sie von vielen und recht breiten Kanälen durchschnitten, deren Wasser mit dem Pregel in Verbindung steht. Die Viertel zwischen diesen Kanälen sind an manchen Stellen mit Häusern besiedelt, an anderen mit Gärten bepflanzt, an wieder anderen nur mit Bäumen umpflanzt und enthalten die allerbesten Wiesen: Doch keines von ihnen ist so denkwürdig wie dasjenige, auf dem sich der Garten eines überaus reichen Kaufmanns namens Saturgus befindet. Dieser Garten ist zwar nicht sehr weitläufig, kann aber als der beste in ganz Königsberg gelten, denn er ist nicht nur regelmäßig angelegt, sondern auch mit allen möglichen Zierden geschmückt. Der Besitzer, ein wissbegieriger, gelehrter und reicher Mann, hat ihn mit vielen seltenen Dingen angefüllt. Er hat hier eine reiche Orangerie, voll von verschiedenen ausländischen Gewächsen; es gibt eine Menagerie oder ein Vogelhaus und einen Tiergarten, in dem eine Menge seltener ausländischer Vögel und Tierchen gehalten werden; es gibt viele schöne Häuschen und Lauben. In einem von ihnen befindet sich eine kleine Kunstkammer oder ein recht vollständiges Naturalienkabinett. Und da ich ein solches hier zum ersten Mal zu sehen bekam, konnte ich mich nicht genug am Anblick der Menge seltener und von mir nie gesehener Dinge erfreuen, besonders an der überaus großen Sammlung verschiedener Erze, Versteinerungen, Steine, verschiedener Muscheln, verschiedener Vogeleier, verschiedener ausgestopfter Vögel, vor allem aber an der überaus großen Sammlung von Bernsteinstückchen mit darin eingeschlossenen Fliegen und Käferchen, mit denen bei ihm eine ganze Kommode gefüllt ist und deren Zahl sich auf mehrere Tausend beläuft. Ein anderes Häuschen, in dem er gewöhnlich seine Gäste bewirtete, ist statt mit Tapeten mit Bildern geschmückt, in denen hinter Glas natürliche Schmetterlinge aufgeklebt sind, von denen ich hier eine unzählige Menge sah.

Was aber den Garten selbst betrifft, so ist er mit einer unzähligen Menge Blumen und guten Obstbäumen angefüllt, und die Mauern sind mit überaus hohen Pfirsich- und Aprikosenspalieren bedeckt.

Es gibt hier auch eine Menge in verschiedene Figuren geschnittener Bäume, und die Plätze sind alle mit einer Menge ansehnlicher Springbrunnen geschmückt. Das Wasser für diese Springbrunnen wird mit Pumpen aus dem Kanal, der neben dem Garten liegt, in ein großes bleiernes Becken gesogen, das in einem eigens dafür an der Ecke des Gartens erbauten schönen Turm verborgen ist, in dessen unterem Teil eine ansehnliche Laube eingerichtet ist und darin ein Glockenspiel, das von demselben Wasser betrieben wird. Alle diese Schauspiele hatte ich bis dahin nie gesehen, und darum bereiteten sie mir jedes Mal, wenn ich in diesen Garten kam, viel Vergnügen.

Übrigens kann man sagen, dass diese Stadt in allem Überfluss hat und ihre Einwohner recht gut leben, jedoch maßvoll und fast ohne alles Übermaß. Man bemerkt bei ihnen keine besondere Verschwendung und Unmäßigkeit. Alle besseren Leute führen ein gesetztes und zurückgezogeneres Leben, als nötig wäre; Kutschen und reiche Equipagen gibt es bei ihnen außerordentlich wenige, sondern alle gehen meist zu Fuß. In den Häusern haben sie sehr wenig Dienerschaft. Das Essen kochen bei ihnen gewöhnlich Frauen, die selbst auch alles Nötige für den Tisch einkaufen und zugleich den Dienst von Lakaien versehen; wenn es ihren Herrinnen einfällt, in die Kirche zu gehen oder irgendwohin zu Besuch oder zur Sommerszeit irgendwohin spazieren, begleiten sie sie und gehen hinter ihnen her, was für uns anfangs sehr verwunderlich war. Nur eines gefiel mir nicht, dass ihre Häuser, besonders in den besseren Stadtteilen, sehr eng und unbequem sind; selten nimmt eines fünf Klafter in der Breite ein, die meisten aber sind nicht mehr als zwei oder drei Klafter breit, und dazu haben alle Räume in ihnen Fenster nur nach einer Seite, und sehr wenige werden von drei Fenstern erhellt, meist aber haben sie zwei Fenster, denn beide Seitenwände sind wegen der geschlossenen Bebauung bei ihnen gewöhnlich fensterlos.

Dieser Mangel wird bei ihnen durch die Höhe des Gebäudes und die Menge der Stockwerke ersetzt, von denen eines niedriger ist als das andere. Doch das bringt die Unbequemlichkeit mit sich, dass man in die oberen Stockwerke stets über eine dunkle und höchst unbequeme Wendeltreppe tastend hinaufsteigen muss; denn da in jedem Stockwerk bei ihnen nur je zwei Räume sind, von denen einer mit den Fenstern zur Straße, der andere nach hinten geht, so befindet sich zwischen ihnen ein dunkler Flur, wo diese Treppe verläuft und sich zugleich die kleinen Herde befinden, auf denen sie sich das Essen kochen. Höfe haben nur sehr wenige Häuser, und auch diese sind sehr eng, bei den übrigen gibt es zwar welche, aber die allerengsten, und auch in diese gelangt man nur durch die Häuser, ordentliche Tore gibt es nicht; und sie dienen meist nur zum Lagern von Brennholz. Die Eingänge in die Häuser aber sind überall von der Straße aus angelegt, und die Türen zum Flur sind stets geteilt, zweigeteilt, aber nicht der Länge, sondern der Quere nach, damit die obere Hälfte tagsüber offen sein kann, um Licht in den Flur zu lassen, die untere aber geschlossen, um jedermann den Zutritt zu verwehren.

Übrigens ist bemerkenswert, dass in ihrer besten, der Kneiphöfischen oder Millionnaja-Straße, und bei den besseren Häusern die Beischläge überall aus Holz gemacht sind, die aber fast niemals faulen und das Aussehen von Gusseisen haben, sodass man gar nicht erkennen kann, dass sie aus Holz sind.

Dies bewirken sie, indem sie sie alle zwei oder drei Jahre wiederholt mit gekochtem Pech bestreichen und danach mit Hammerschlag {Feine Splitter, die beim Schmieden von Eisen abfallen.} aus den Schmieden bestreuen, wodurch sich auf ihnen gleichsam eine gusseiserne Kruste bildet, die sie nicht vor Regen und Unwetter verfaulen lässt. Die Zahl aller Häuser in der Stadt beläuft sich auf 3800, die der Einwohner auf 40 Tausend {Zum Vergleich ist die Einwohnerzahl Königsbergs im Jahr 1911 interessant – 246 Tausend.}.

Das Gehen und Fahren in der Stadt ist recht bequem, weil alle Straßen mit Feldsteinen gepflastert sind und dieses Pflaster stets in gutem Zustand gehalten wird; zur Nachtzeit aber, besonders im Herbst und Winter, werden alle Straßen von Laternen erleuchtet. Doch in den engen Stadtstraßen gibt es die ärgerliche Unbequemlichkeit, dass man nachts allen Unrat und Kehricht aus den Häusern auf die Straßen wirft, der zwar täglich von besonderen und eigens dazu bestimmten Leuten weggeräumt und abgefahren wird, doch entstehen dadurch nicht selten übler Geruch und Stickluft, die die Luft verpesten, und darum sind die unteren Räume gewöhnlich sehr trübselig und wegen der Enge der Straßen dunkel.

Kirchen gibt es in Königsberg insgesamt 18, davon 14 lutherische, 3 calvinistische und 1 römisch-katholische. Die meisten von ihnen sind im gotischen Geschmack erbaut, mit überlangen Spitzen auf den Glockentürmen; es gibt jedoch auch solche ohne diese, die im Geschmack der neuen Architektur errichtet sind, jedoch nur wenige.

Mit Wasser ist dieses Städtchen reichlich versorgt, denn außer dem Pregel und dem erwähnten Teich sind in allen Straßen eine Menge Brunnen angelegt, über denen gleichsam kleine Wachhäuschen und Türmchen gebaut und Pumpen eingesetzt sind, und das Wasser wird durch seitliches Pumpen aus ihnen gewonnen.

Außerdem gibt es in dieser Stadt einige große, recht gut eingerichtete Windmühlen und überdies auch eine schöne Wassermühle mit vielen Mahlgängen, die an jenem Flüsschen erbaut ist, an dem der Teich liegt, unterhalb des Dammes, und so verborgen, dass sie gar nicht zu bemerken ist.

Das soll für diesmal zur Kunde über diese Stadt genügen, denn vom Übrigen wird künftig bei anderen Gelegenheiten ausführlicher die Rede sein. In meinem nächsten Brief werde ich zu dem unterbrochenen Faden meiner Erzählung zurückkehren und Ihnen berichten, was mir in dieser Stadt weiter widerfuhr und was Anlass gab zu der zweiten Veränderung in meinen Umständen, aus der Folgen entsprangen, die auf das ganze Wohlergehen meines Lebens den allergrößten Einfluss hatten. Und da mein jetziger Brief schon allzu lang geworden ist, so gestatten Sie mir, ihn hiermit zu beenden und Ihnen, indem ich Sie meiner unwandelbaren Freundschaft versichere, zu sagen, dass ich auf immer Ihr usw. bin.

ENDE DES FÜNFTEN TEILS.

(Fortsetzung folgt.)

QUELLE:

Болотов А. Т. Жизнь и приключения Андрея Болотова: Описанные самим им для своих потомков: В 3 т. Т. 1: 1738-1759 / Вс. ст. С. Ронского; Примеч. П. Жаткина, И. Кравцова. -- М.: ТЕРРА, 1993.

Ein Teil der ausgelassenen Kapitel wurde ergänzt nach:

Издание: А. Т. Болотов в Кёнигсберге (Из записок А. Т. Болотова, написанных самим им для своих потомков). Калининград, Кн. Из-во, 1990.

Die übrigen Kapitel wurden nach der Erstausgabe der „Aufzeichnungen“ ergänzt (Beilagen zur „Russkaja Starina“, 1870).


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.