/ Malbork – Marienburg

Die Marienburg in Malbork

Die Marienburg in Malbork

Die Marienburg (Malbork) wurde 1274 als Komturburg gegründet, bereits nach der Niederschlagung des Zweiten Prußenaufstands. Mit dem Bau einer weiteren Burg im Weichseltal, am Weichselarm Nogat, verfolgte man eindeutig das Ziel, diesen Wasserweg zu kontrollieren und die fruchtbaren und damit einträglichen Ländereien der Umgebung zu verwalten. Zunächst errichtete man einen für eine Komturburg typischen vierflügeligen Backsteinbau mit kleinen Ecktürmen. Koordinaten der Burg in Malbork: 54.039985, 19.028322.

Hätte die künftige Hauptstadt des Ordens damals ein vornehmer Feudalherr aus Frankreich oder Norditalien besucht, so hätte er bemerkt, dass die Marienburg zwar recht groß, nach westeuropäischen Maßstäben aber nur unzureichend befestigt war. Die Türme der Burg waren zu eng, um eine nennenswerte Zahl von Verteidigern aufzunehmen, und ihre Bauweise erlaubte es nicht, den Raum unterhalb der Mauern vollständig zu überwachen. Die Flügel hatten mächtige, hohe Mauern, jedoch ohne die damals in Mode kommenden Pechnasen – Maschikulis –, durch die man, ohne Gefahr zu laufen, von einem feindlichen Pfeil getroffen zu werden, dem Gegner Steine, siedendes Pech oder Unrat auf den Kopf werfen und gießen konnte. Auf einen solchen Vorwurf hätte der Komtur der Burg allerdings geantwortet, dass hier alles äußerst zweckmäßig gebaut sei. Zusätzliche Verteidigungselemente erforderten erstklassige Baumeister, was den Bau erheblich verteuert hätte. Dabei war selbst bei den Nachbarn, den Polen, die Kunst der fachgerechten Erstürmung einer Burg – mit dem Bau von Gegenbefestigungen, der Errichtung von Belagerungstürmen und dem Einsatz verschiedener Wurfmaschinen zur Zerstörung der Mauern – nur schwach entwickelt, bei den Litauern und Prußen fehlte sie gänzlich. Deshalb konnte selbst eine kleine Besatzung einer steinernen Burg, deren Mauern sich nicht in Brand setzen ließen, bei ausreichendem Proviantvorrat und intaktem Brunnen den Heiden sehr lange standhalten. Und dabei kam es mehr auf geräumige Vorratskammern an als auf die Zahl der Türme.


Modell der Marienburg

Zählte die Besatzung wenigstens ein, zwei Dutzend Ritter und hundert Fußknechte, so zogen es die Ordensbrüder vor, die Sache mit einem unerfahrenen Gegner auf dem Platz vor der Burg in offener Feldschlacht zu entscheiden, denn der Vorteil schwerer Rüstung und kriegerischer Ausbildung wog sogar schwerer als der Schutz der Backsteinmauern.

In den 1280er-Jahren wurde die Burg mit einer Wehrmauer umgeben. Zur selben Zeit wurde der Konvent in die Burg verlegt, und innerhalb der Wehrmauer entstand der Friedhof des Konvents. Bei der Burg war bereits 1276 eine Siedlung entstanden, der 1278 das Stadtrecht verliehen wurde. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts wurden an das Geviert der vier Flügel ein Danzker und ein großer Wehrturm angebaut. Im Nordosten fügte man der Burg eine Vorburg hinzu. Im Großen und Ganzen entwickelte sich die Marienburg bis 1309 wie eine typische Komturburg. Nachdem 1308 Danzig eingenommen und anschließend durch den Vertrag von Soldin ganz Pommerellen angegliedert worden war, wurde dem Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen klar, dass die Geschäfte des Ordens nur in Preußen gut liefen – zumal auch der Landmeister von Preußen, Heinrich von Plotzke, eine im Orden äußerst angesehene Persönlichkeit, dazu drängte, sich stärker Preußen zuzuwenden. Und so wurden 1309 der Hauptsitz des Ordens und die Residenz des Hochmeisters von Venedig nach Marienburg verlegt.


Marienburg

Die Wahl Marienburgs zur Ordenshauptstadt war wohlbegründet, denn die Burg lag einerseits außerhalb der Reichweite der heidnischen Litauer, die Raubzüge in die Ordenslande unternahmen, andererseits im belebtesten Gebiet des Staates. Offiziell wurde Marienburg am 14. September 1309 zur Ordenshauptstadt erklärt.

Selbstverständlich musste der Hauptstadtstatus unweigerlich auch die Burg selbst verändern. Weil eine beträchtliche Zahl von Amtsträgern, Dienern und Kriegern untergebracht werden musste und offizielle Delegationen und Gesandtschaften zu empfangen waren, begann der Umbau der Marienburg bereits im selben Jahr 1309. In den 1330er-Jahren erhielt die Burg ihre dreiteilige Struktur: das Hochschloss, die umgebauten ältesten Gebäude, das Mittelschloss an der Stelle der früheren Vorburg und die Vorburg als neuer Wirtschafts- und Lagerbereich anstelle der alten. Im Hochschloss wurde die St.-Annen-Kapelle errichtet, die spätere Grablege fast aller Hochmeister. Doch die Tradition, die Ordensoberhäupter dort beizusetzen, entstand nicht sofort. Der Initiator der Hauptstadtverlegung selbst, Siegfried von Feuchtwangen, wurde 1311 in Culmsee (Chełmża) bestattet. Sein Nachfolger Karl von Trier wurde 1324 in seiner Heimatstadt Trier beigesetzt. Werner von Orseln und Luther von Braunschweig fanden ihre letzte Ruhe in den Domen von Marienwerder (1330) und Königsberg (1335). Erst 1341 wurde Dietrich von Altenburg in der St.-Annen-Kapelle begraben. Zur Tradition wurden Beisetzungen in der Marienburg jedoch erst zehn Jahre später mit dem Begräbnis Heinrich Dusemers, da sein Vorgänger Ludolf König seine letzte Ruhestätte in Marienwerder gefunden hatte.

Das eigentliche Leben der Marienburg spielte sich im Mittelschloss ab, wo sich die Residenz des Meisters befand, auch Hochmeisterpalast genannt. Dieser Teil der Marienburg wurde im Wesentlichen unter Heinrich Dusemer (1345–1351) erbaut, der keine Kosten scheute, um der Marienburg großartige Bauten und prachtvolle Innenräume zu verschaffen. Der Große Remter des Mittelschlosses bot bis zu 400 Menschen Platz. Für die Wandmalereien im Konventssaal verwendete man eine sündhaft teure grüne Farbe, die im Mittelalter aus Weichtieren gewonnen wurde. Überhaupt sollten die gewaltigen Ausmaße der Anlage und ihre Ausstattung die Macht des Ordens unterstreichen. Und bezeichnenderweise mehrte die Marienburg ihre Größe gerade zusammen mit der Größe des Deutschen Ordens – und verlor sie auch zusammen mit ihm.


Die Marienburg

Interessanterweise wurden mittelalterliche Burgen vom nebligen Albion bis an die Ostseeküste nach ein und demselben Prinzip angelegt: Die Angreifer sollten ein Hindernis nach dem anderen stürmen, eine Verteidigungslinie nach der anderen nehmen. So hätte ein bewaffneter Trupp, der es wagte, die Marienburg von der am schwächsten geschützten Westseite her einzunehmen, anderthalb Dutzend befestigte Tore und vier Zugbrücken überwinden und drei eiserne Fallgitter aufbrechen müssen.

Bemerkenswert ist noch etwas anderes: In der jahrhundertelangen Geschichte der Erstürmung Tausender Burgen in Europa kam es nur wenige Male vor, dass die Angreifer tatsächlich ein Hindernis nach dem anderen nahmen und schließlich die Reste der Besatzung in der Zitadelle – dem Donjon oder Bergfried – belagerten. Also eine Fehlkalkulation der Schöpfer dieses Verteidigungssystems? Wohl kaum. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine psychologische Waffe, denn dieselben polnischen Gesandten waren mehrfach zur Audienz beim Hochmeister. Jedes Mal führte man sie auf verschlungenen Wegen, ließ Brücken und Gitter herab und wieder hinauf, schloss die Schlösser eisenbeschlagener Türen auf, und das alles unter den Augen der Wachen in zahllosen Türmen und Türmchen. Aus der Marienburg zurückgekehrt, berichteten sie dem König, diese Burg sei eine regelrechte Falle aus Backstein, die im Sturm schlicht nicht einzunehmen sei. Ach ja, übrigens: All diese zahlreichen Hindernisse konnten 1361 den litauischen Fürsten Kęstutis nicht im Burgverlies festhalten. Denn ein einziger Verräter in der Besatzung kann den ganzen Scharfsinn der Erbauer zunichtemachen.

Bis zum Großen Krieg von 1409–1411 war die Burg vollständig ausgebaut. Nach der Niederlage des Ordens in der Schlacht bei Tannenberg beschloss das polnisch-litauische Heer, den Krieg mit einem Schlag zu beenden, und zog gegen die Ordenshauptstadt. Die Einnahme der Marienburg schien nach allen Berechnungen keine unlösbare Aufgabe mehr zu sein. In der Marienburg befand sich nur eine kleine Besatzung von etwa 50 Rittern aus Deutschordensbrüdern und ungarischen Adligen, die nach der Nachricht von der völligen Vernichtung des Ordensheeres und dem Tod des Hochmeisters Ulrich von Jungingen den Mut verlor und praktisch kampfunfähig war. Doch der polnische König Władysław geruhte, nach Siegerbrauch drei Tage auf dem Schlachtfeld zu verweilen. Danach folgte die Bestattung der gefallenen Polen und Ordensritter. Erst am 18. Juli 1410 erreichte das königliche Heer die Marienburg. Doch dort war bereits die Truppe des Komturs von Schwetz, Heinrich von Plauen, eingetroffen, der gleich nach der Nachricht von der Niederlage des Ordens die Pläne des Gegners vorausgesehen hatte und mit seinem Heer zur Verteidigung der Marienburg aufgebrochen war. Schon am 18. Juli war er in der Burg und ließ als Erstes die Stadt niederbrennen, damit Polen und Litauer sie nicht als Quartier nutzen konnten. Władysław dagegen hatte es nicht eilig: Unterwegs nahm er zweitrangige Burgen ein und empfing Abgesandte von Burgen und Städten, die sich freiwillig der polnischen Krone unterwerfen wollten. Erst am 25. Juli stand das Heer Władysławs vor der Marienburg. Am folgenden Tag unternahm man einen ersten Sturmversuch, der jedoch scheiterte. Danach wurde die Burg mit Artillerie beschossen. Selbst die primitive Artillerie des frühen 15. Jahrhunderts zeigte, dass Backsteinbefestigungen ihrem Feuer nicht lange standhalten konnten. Wegen der geringen Zahl polnischer Geschütze richteten die Steinkugeln an den Burggebäuden keinen verhängnisvollen Schaden an, versetzten die Verteidiger aber in Angst und Schrecken. Eine der Steinkugeln, die den Sommerremter des Mittelschlosses beschädigt hatte, wurde später zur Erinnerung an diese Ereignisse in dessen Wand eingemauert. Allerdings schwieg auch die Ordensartillerie nicht und feuerte mit wechselndem Erfolg Steinkugeln auf das polnische Heer. Die Belagerung zog sich hin. Den Ordensrittern gelang es, mithilfe eines Pfarrers den Ordensschatz aus der Burg zu schaffen und mit diesem Geld Söldnertruppen anzuwerben.


Innenraum der MarienburgDie Innenräume der Marienburg sind atemberaubend! Schon im 15. Jahrhundert gab es dort Fußbodenheizung! Und erst die Decken!

Am 9. September 1410 verließen die Litauer das vereinigte Belagerungsheer. Danach zogen, ohne noch an einen Erfolg zu glauben, auch die polnischen Fürsten ab. Dem König blieb nichts anderes übrig, als die Belagerung aufzuheben und den Rückzug nach Polen anzutreten. So verdiente sich Heinrich von Plauen den Titel „Retter der Marienburg“, und die Marienburg selbst durfte als Retterin des Ordens gelten, denn mit ihrem Fall wäre der Große Krieg ganz anders ausgegangen.

Und dieser Ausgang war, wie schon mehrfach erwähnt, durchaus erträglich, wenn man bedenkt, dass der Orden militärisch geschlagen war und weitere Kampfhandlungen ihm keinen Erfolg versprachen. Territorial verlor der Orden nur seine allerjüngste Erwerbung – Samaiten, und auch das nur für die Regierungszeit des polnischen Königs Władysław und des litauischen Großfürsten Alexander. Die Kontribution von 100.000 Prager Groschen zugunsten des Königs erschien der Ordensführung dabei als geradezu nebensächlicher Artikel des Friedensvertrags. Doch gerade dieses Geld vollbrachte letztlich, was das gesamte polnisch-litauische Heer nicht vermocht hatte: den Orden als eigenständigen Staat zu vernichten und seine Einheit zu zerstören, die territoriale ebenso wie die gesellschaftliche.

Die Zeit zwischen dem Großen und dem Dreizehnjährigen Krieg (1411–1454) war für den Orden und seine Hauptstadt Marienburg eine Abfolge politischer, finanzieller und innerer Krisen. Als die erste Rate der Kontribution fällig wurde, stellte sich heraus, dass der Orden kein Geld hatte: Schatzkammer, Städte und Bauernschaft waren vom Krieg ruiniert, und über die Kontributionen hinaus war der Orden auch noch Schuldner in- und ausländischer Anleihen. Hochmeister Heinrich von Plauen handelte so, wie europäische Herrscher es jahrhundertelang taten: Zur Tilgung der Schulden führte er eine Sondersteuer ein, die die gesamte Bevölkerung des Staates traf, vor allem aber die Städte und die Ordensritter selbst. Folgerichtig erwuchs ihm Opposition, sowohl im Orden selbst als auch in den Städten. Danzig, die wichtigste Einnahmequelle des Ordens, empörte sich, dann schloss sich Rehden dem Aufruhr an, und der ordensfeindliche „Eidechsenbund“ wurde aktiv. Darauf hatte der Hochmeister nur eine Antwort: Strafexpedition, Gericht, Hinrichtung der Anführer. Doch nachdem der Komtur von Rehden verurteilt worden war, verlor der Hochmeister auch in der Ordensspitze seinen Rückhalt. Plauen tat einen beispiellosen Schritt: Er begann, sich mit Bürgern und niederem Adel zu beraten, und gründete 1412 den „Landesrat“, den ersten Versuch, Vertreter der Städte in die Staatsverwaltung einzubinden.


MarienburgDie Säulen im Hof des Hochschlosses der Marienburg sind mit zahlreichen Bas- und Hochreliefs verziert.

Doch dieser „demokratische Schritt“ schadete in Wirklichkeit dem Ansehen des Hochmeisters – nun waren alle mit Heinrich von Plauen unzufrieden: die Ordensbrüder, der livländische Landmeister, das städtische Patriziat, die Geistlichkeit. Öl ins Feuer goss der polnische König, der dem Papst und dem Kaiser Schreiben schickte, in denen er vorschlug, den Orden ganz aufzulösen, da ihm im Baltikum keine Aufgaben mehr geblieben seien.

Der Hochmeister musste auf eine solche Provokation reagieren und eröffnete vorzeitig Kampfhandlungen gegen Polen. Er selbst blieb krankheitsbedingt in Marienburg, was seinem Ansehen in militärischen Kreisen nicht zuträglich war. Am Ende führte die militärische Führung das Heer zurück, und das auf Initiative des Hochmeisters einberufene Kapitel wandte sich gegen ihn, beschuldigte Plauen des Verrats und unverzeihlicher Fehler und zwang ihn schließlich zum „freiwilligen“ Amtsverzicht. Von Plauen wurde in Danzig in Haft genommen, und Hochmeister wurde das Haupt der Verschwörer, Michael Küchmeister von Sternberg. So ereignete sich in Marienburg der erste und letzte Staatsstreich in der Geschichte der Hauptstadt. Bis heute ungeklärt ist die Geschichte um die spätere Bestattung Heinrichs von Plauen. Kurz vor seinem Tod wurde er vollständig rehabilitiert und laut den Ordenschroniken in der St.-Annen-Kapelle in Marienburg beigesetzt. Diese Angabe findet sich in allen Biografien Heinrichs von Plauen. Als man jedoch die Gruft öffnete, stellte sich heraus, dass das Grab von Plauens leer war. 2007 legten polnische Archäologen im Dom von Kwidzyn (Marienwerder) eine Gruft mit den Bestattungen dreier Personen aus der Ordenszeit frei. In einer von ihnen identifizierten Anthropologen den 27. Hochmeister des Deutschen Ordens. Heute gilt seine Beisetzung in Marienwerder als allgemein anerkannt.

Innere Fehden im Orden, hohe Steuern und anhaltender polnischer Druck führten zum Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466), in dem auf der einen Seite der Orden und die ihm treuen Städte kämpften, auf der anderen der Preußische Bund – Städte, die sich von der Ordensherrschaft lösen wollten – sowie das sie tatkräftig unterstützende Polen. Dabei wechselten manche Städte mehrmals die Seite – je nachdem, wessen Truppen gerade vor ihren Mauern standen. Entschiedene Gegner des Ordens und Rückgrat des Preußischen Bundes waren Danzig (Gdańsk) und Elbing (Elbląg).


Plan der Burg Malbork

Aus heutiger staatlicher Sicht erscheint das Vorgehen des Preußischen Bundes, das auf die Zerschlagung des Ordensstaates und den Übergang unter die polnische Krone zielte, als eindeutiger Verrat. Damals jedoch war dies etwas Gewöhnliches, denn die Vasallenbindung zählte weit mehr als die nationale Zugehörigkeit. Zudem war die Bevölkerung der preußischen Städte bunt gemischt – mit Polen, Litauern und ethnischen Prußen.

Während die drei Hochmeister nach Heinrich von Plauen – Michael Küchmeister (1414–1422), Paul von Rusdorf (1422–1441) und Konrad von Erlichshausen (1441–1449) – den Weg der Zusammenarbeit mit den Städten und später auch mit den Vertretern des Preußischen Bundes beschritten, war der nächste Hochmeister, Ludwig von Erlichshausen, ein Verfechter des Machtmonopols des Ordens und verhandelte mit den Städten ausschließlich aus einer Position des Diktats. Daraufhin sandten die Vertreter des Preußischen Bundes dem polnischen König Kasimir IV. ein Schreiben mit der Bitte, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Am 6. März 1454 erließ die polnische Seite die Inkorporationsurkunde, durch die die Städte des Preußischen Bundes samt den ihnen gehörenden Gebieten Polen eingegliedert wurden. Die aufständischen Bürger umstellten die den Städten nächstgelegenen Ordensburgen und forderten die Ritter auf, sie zu räumen und den Aufständischen zu übergeben. Der Orden antwortete mit Kampfhandlungen, obwohl er darauf völlig unvorbereitet war. Von Anfang an erlitt er eine Niederlage nach der anderen. Söldnertruppen wurden gebraucht, doch dafür fehlte das Geld. Marienburg wurde bereits 1554 von den Polen belagert. Zu dieser Zeit verfügte die Burg schon über äußere Erdbefestigungen, in denen Artillerie stand. Das entsprach dem Geist der Zeit: Die Festungsbaumeister Europas waren in der Epoche der aufkommenden Artillerie und Handfeuerwaffen noch nicht bereit, die alten Burgen aufzugeben, und umgaben sie deshalb mit einem äußeren Erdwall mit Redouten, Basteien und Bastionen, die dem Feuer der Belagerer standhielten. Auch bei der Belagerung Marienburgs kamen Pulvergeschütze zum Einsatz.

Allmählich gelang es dem Orden, die Lage auf den Kriegsschauplätzen zu verbessern. Nun aber wurde der Geldmangel in der Kasse zum Hauptproblem. Der Orden begann, seine Besitzungen zu verkaufen, um irgendwie Mittel für die Söldner aufzubringen. 1456 ging es so weit, dass der Hochmeister zur Begleichung seiner Schulden bei den böhmischen Söldnern ihnen die Hauptstadt – die Marienburg – verpfändete und selbst nach Königsberg übersiedelte. Als 1457 polnische Truppen vor Marienburg erschienen, verkauften die Söldner die Burg kurzerhand, wozu sie formal durchaus berechtigt waren. 1466 war der Orden völlig erschöpft und bat um Frieden. Auch die polnische Seite und vor allem die am Krieg beteiligten Städte waren durch die Kämpfe und Kriegskosten schwer ruiniert. Im selben Jahr wurde der Zweite Thorner Frieden geschlossen, durch den der Orden seine Souveränität und den Großteil seiner Gebiete verlor. An Polen fiel auch die einstige Ordenshauptstadt Marienburg.


MarienburgEin Zeppelin über Marienburg. Einst verkehrten sie in Preußen zwischen den Städten wie heute die Flugzeuge.

Nach dem Übergang in polnischen Besitz büßte die Marienburg, die nun Malbork hieß, ihre einstige Größe ein. Die Burg selbst blieb unverändert, doch ihr Rang wurde deutlich herabgesetzt. Sie war jetzt nur noch eine von vielen königlichen Residenzen, ein Ort für Delegationstreffen und den Empfang von Gesandtschaften, für Bälle und Festlichkeiten. Außerdem befanden sich auf dem Burggelände eine Werkstatt, ein Arsenal und eine beträchtliche Garnison.

1618 wurde die Kirche in Malbork den Jesuiten übergeben. 1626 und 1656 wurde die Burg von den Schweden eingenommen. Hier unterzeichnete am 29. Juni 1656 der brandenburgische Kurfürst und Herzog in Preußen Friedrich Wilhelm („der Große Kurfürst“) im Zuge der Klärung der Frage der preußischen Souveränität den Vertrag von Marienburg, durch den das Herzogtum (nach Friedrich Wilhelms Absicht vorübergehend) zum Lehen des schwedischen Königs wurde. Während der langen Zeit der polnisch-schwedischen Kriege geriet Malbork mehrmals in das Kampfgebiet, blieb jedoch von Zerstörungen verschont.

Nach der Teilung Polens 1772 drohte der Marienburg eine neue Gefahr: Sie wurde intensiv wirtschaftlich genutzt, ein Teil der Räume wurde umgebaut, ein anderer Teil auf Ziegel abgetragen. Offiziell verboten wurde der Abriss erst 1804 – nachdem der Königsberger Student Max von Schenkendorf ein Jahr zuvor in der Presse die Öffentlichkeit aufgefordert hatte, das mittelalterliche Denkmal zu erhalten. Die Kriege Preußens gegen Napoleon durchkreuzten die Pläne zur Rettung der Marienburg. Doch bald nach ihrem Ende begann 1816 die Restaurierung der Burg, überwiegend aus Spendengeldern. Sie wurde 1850 abgeschlossen, und die Burg erstrahlte wieder in ihrer einstigen Schönheit. 1872 feierte man hier sogar den 100. Jahrestag des Anschlusses Westpreußens an Deutschland. An den Feierlichkeiten nahm Kaiser Wilhelm I. teil. Der Wiederaufbau der Burg wurde auch nach diesen Feiern fortgesetzt. Geleitet wurden die Arbeiten von dem Kenner der Burggeschichte Conrad Steinbrecht.

Im nationalsozialistischen Deutschland war das Verhältnis zum Deutschen Orden und zu den von ihm hinterlassenen Bauten zwiespältig. Einerseits zogen die Ideologen des deutschen Nationalsozialismus direkte historische Parallelen zwischen dem Dritten Reich und dem Ordensstaat, bedienten sich der Ordenssymbolik und mythologisierten die Ordensgeschichte. Andererseits distanzierten sie sich vom Orden, da sie sein recht unrühmliches Ende und seine Lehnsabhängigkeit von Polen nicht vergessen hatten. Zudem hielten die Nationalsozialisten es für weit nützlicher, dass sich die Jugend mit den Realitäten der Gegenwart befasste, statt in einer zwiespältigen Vergangenheit zu wühlen. Dennoch nutzten nationalsozialistische Organisationen die erhaltenen Ordensbauten recht intensiv und mit ideologischem Hintergrund. So versammelte der Hochmeisterpalast der Marienburg wiederholt Mitglieder der NSDAP zu verschiedenen Zeremonien, und das Burggelände diente der örtlichen Gliederung der Hitlerjugend und des „Bundes Deutscher Mädel“ als Sommerlager. Eine solche Nutzung historischer Bauwerke war im Übrigen auch in anderen Teilen des Reiches keine Seltenheit.


MarienburgDie Marienburg – die größte Backsteinburg der Welt.

Als sich Verbände der Roten Armee Marienburg näherten, erklärten die Nationalsozialisten die Burg zur Festung – eine Entscheidung mit viel Propaganda, aber wenig militärischem Sinn. Anders als Königsberg wurde die Marienburg zunächst von der sowjetischen Fernfliegertruppe bombardiert, die man jedoch eher als taktische und nicht, wie bei den Briten, als strategische Luftwaffe bezeichnen sollte. Danach folgten Artilleriebeschuss und der Sturmangriff, ebenfalls mit Unterstützung aus der Luft.

All dies führte dazu, dass die Burg am Ende der Kämpfe um Marienburg nur noch ein Trümmerhaufen war, in dem sich die einstigen Burggebäude kaum noch erkennen ließen. Doch bereits Ende der 1940er-Jahre ließ die polnische Seite das Gelände entminen, einen Teil des Schutts räumen und unterband den Zugang für Baustoffjäger. Ende der 1950er-Jahre wurde in Malbork ein gesellschaftliches Komitee für den Wiederaufbau der Burg gegründet, dem örtliche Historiker, Kulturschaffende und Heimatforscher angehörten. 1961 wurde das Burgmuseum ins Leben gerufen. Der Wiederaufbau der Burg zog sich über viele Jahre hin und ist bis heute nicht abgeschlossen. 1997 wurde die Burg Malbork in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Fachleute hoben die hohe Authentizität der wiederhergestellten Burggebäude hervor. 2014–2016 schlossen die Restauratoren die Wiederherstellung der Burgkirche ab, die heute als Burgkirche der Heiligen Jungfrau Maria bezeichnet wird. Der Wiederaufbau des Burgkomplexes ist noch immer nicht vollständig beendet. Doch schon in seinem heutigen Zustand ist das Museum der Marienburg eine Anlage, die durch die Dimensionen ihrer Bauten und die Fülle ihrer Ausstellungen überwältigt und jedes Jahr Hunderttausende Touristen aus aller Welt anzieht.



Illustrationen: Bildarchiv Ostpreußen, bildarchiv-ostpreussen.de, Michail Ogorodnikow


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.