So werden diese Ereignisse in der „Chronik des Preußenlandes“ Peters von Dusburg geschildert:
VOM KRIEG DER BRÜDER GEGEN DIE POMESANIER UND VOM BAU DER BURG MARIENWERDER
„Nachdem … durch Gottes Gnade … die Grenzen des Kulmerlandes vom alten Sauerteig der Laster und der Arglist der Heiden gereinigt worden waren, setzten der Meister und die Brüder, damit Gott, unser Heiland, uns auf dem Weg in die Länder der benachbarten Heiden Gelingen schenke, wie manche zuversichtlich annehmen, nachdem sie alles bereitgestellt hatten, was zum Bau von Burgen erforderlich ist, unbemerkt auf eine Insel bei Quidin über, die heute fast gegenüber von Marienwerder liegt, und errichteten dort im Jahr nach Christi Geburt 1233 auf einem Hügel eine Burg, die sie Marienwerder nannten. Als aber jener edle Mann und tapfere Ritter aus Sachsen, der Burggraf von Magdeburg mit dem Beinamen ‚mit der kleinen Hand‘, umgeben von vielen Rittern und Knappen auf die Burg Kulm kam, zog er im Laufe des Jahres, das er dort verweilte, mit dem Meister und den Brüdern aus und verlegte die vorgenannte Burg Marienwerder von der Insel Quidin an den Ort, an dem sie sich heute befindet, in den Gau Pomesaniens, der Reisen genannt wird, wobei man den Ort, nicht aber den Namen änderte.“

Im Jahr 1234 erhielt die Siedlung bei der Burg Marienwerder das Stadtrecht. Neun Jahre später, 1243, stellte sich die Frage nach der Aufteilung des prußischen Landes Pomesanien zwischen dem Orden und dem Bistum Pomesanien.
Die päpstliche Bulle, die die Deutschordensritter zur Unterwerfung Preußens segnete und ihnen die eroberten Gebiete zusprach, sah nämlich vor, ein Drittel des Landes der Kirche, also dem örtlichen Bischof, zur vollständigen administrativen und wirtschaftlichen Verwaltung zu übertragen. In den verbleibenden zwei Dritteln behielt der Bischof dabei die volle kirchliche Gewalt. In der Urkunde vom 29. Juli 1243 heißt es unter anderem: „Den zweiten Sprengel (die Diözese) grenzen wir so ab, dass er von der Osse, der Weichsel und dem Drausensee begrenzt wird, von dort flussaufwärts entlang der Passaluk, sodass zu diesem Sprengel Werder, Marienwerder, Zantir und Groß Werder gehören sollen …“. Im Dezember 1248 wurde der Dominikanermönch Ernst erster Bischof von Pomesanien, wobei an der Bestätigung seiner Kandidatur auch Vertreter des Ordens beteiligt waren. Wegen des Prußenaufstands konnte er sein Amt jedoch erst 1249 antreten. 1250 kam es zur faktischen Aufteilung Pomesaniens zwischen Orden und Bistum: Der Vizelandmeister des Ordens, Ludwig von Queden, teilte alle eroberten Gebiete in drei etwa gleich große Teile und bot dem künftigen Bischof an, einen davon zu wählen. Offenbar wurde um das Land recht verbissen gefeilscht, denn die Urkunden, die die endgültige Aufteilung des Gebiets festschrieben, wurden erst 1255 unterzeichnet. Der Bischof wählte den westlichen Teil Pomesaniens mit den Burgen Marienwerder, Riesenburg (Prabuty) und Schönberg (Szymbark). Nach dem Tod Bischof Ernsts im Jahr 1258 wurde der Ordensbruder Albert zweiter Bischof von Pomesanien (den die Ordensobrigkeit für dieses Amt selbstverständlich protegiert hatte). Da brach der zweite, gewaltigste Prußenaufstand aus. Bischof Albert war gezwungen, seine Besitzungen zu verlassen. Er kehrte erst 1276 zurück und ließ sich auf der Burg Riesenburg unweit von Marienwerder nieder. Hier machte sich seine frühere Zugehörigkeit zum Orden bemerkbar: Als 1284 die Zeit gekommen war, das höchste Kollegialorgan des Bistums – das Domkapitel – zu bilden, wurden (mit Billigung des Ordens) ausschließlich Brüder des Deutschen Ordens aufgenommen. Da das Kapitel selbst befugt war, den Bischof zu wählen, stammten seither im Bistum Pomesanien alle Bischöfe und Mitglieder des Domkapitels aus dem Deutschen Orden. In späteren Verträgen behielt sich der Bischof das uneingeschränkte Recht auf die kirchliche und administrative Gewalt (Erhebung von Steuern und Abgaben) in seinen Besitzungen vor. Die Verteidigung des Landes gegen äußere und innere Feinde hingegen blieb in der Zuständigkeit der Ordensführung. Die Burg Marienwerder wurde dem pomesanischen Domkapitel als Sitz überlassen, dem zugleich die volle Gewalt über die Stadt Marienwerder und die umliegende Gegend übertragen wurde. Auf diese Weise wurde das Bistum Pomesanien faktisch in den Deutschen Orden inkorporiert. Deshalb kann man die Burg Marienwerder sowohl als Bischofsburg (was völlig zutreffend ist) als auch als Ordensburg bezeichnen, denn sie war ebenso ein Stützpunkt des Deutschen Ordens wie die „reinen“ Ordensburgen.

Der Bau der steinernen Burg Marienwerder begann 1285, nachdem sie als Sitz des pomesanischen Domkapitels bestätigt worden war. Die Bauarbeiten dauerten über 50 Jahre und wurden um 1340 abgeschlossen. Die fertige Burg bildete ein klassisches Viereck aus vier Flügeln, die einen Burghof umschlossen.
An den Ecken des Vierecks erhoben sich quadratische Türme. Die Nutzung der Gebäude erinnerte im Ganzen an eine Komturburg: Der Ost- und der Südflügel erfüllten vorwiegend Verwaltungsaufgaben; hier befanden sich der Kapitelsaal, das Archiv, die Gemächer des Kapitelvorstehers, die Schatzkammer, die Bibliothek, die Unterrichtsräume für die Schüler der Domschule sowie das Spital. Der Nordflügel diente wirtschaftlichen Zwecken; in seinen Räumen lagen die Küche, Lagerräume sowie das Winterremter und die Kapelle. Im Westflügel befanden sich die Schlafräume. Im Norden schloss sich an die Burg eine weitläufige Vorburg an. Um 1393 wurde ein Danzker angebaut, der heute als „Turm Gdanisko“ bekannt ist. Der Danzker war weit vor die Burgmauern vorgeschoben und mit der Burg durch eine 50 Meter lange gemauerte Bogenbrücke verbunden. Polnische Historiker betonen, dass der Danzker von Marienwerder der größte Danzker aller Burgen des Deutschen Ordens und des Königreichs Polen war (und bis heute ist!).
Um 1325 begann in der Nähe der Burg der Bau des Doms. Man beschloss, den neuen Dom mit der Burg zu einem einheitlichen Komplex zu verbinden. Dazu wurde der Südostturm der Burg zum Glockenturm umgestaltet. Im Dom wurde 1330 Hochmeister Werner von Orseln beigesetzt, der von einem geistesgestörten Ordensbruder ermordet worden war. An der Wahl dieser Grabstätte war eigentlich nichts Ungewöhnliches – die Grablege der Hochmeister des Ordens in der Annenkapelle in Marienburg entstand erst später, nach dem Tod des Hochmeisters Dietrich von Altenburg im Jahr 1341. Allem Anschein nach wurde die Annenkapelle sogar erst mit dem Tod Heinrich Dusemers (1351) zur gemeinsamen letzten Ruhestätte der Ordensoberhäupter, denn Hochmeister Ludolf König von Wattzau wurde 1345 wiederum im Dom zu Marienwerder bestattet. Ich greife vor: Der dritte Hochmeister, der 1429 im Dom zu Marienwerder beigesetzt wurde, war Heinrich von Plauen. Die Gründe, weshalb der 1413 abgesetzte Hochmeister hier und nicht in Marienburg seine letzte Ruhe fand, sind bis heute unbekannt. Zum Zeitpunkt seines Todes war der in Ungnade gefallene Hochmeister vollständig rehabilitiert und genoss sogar den Ruhm des „Retters der Marienburg“. Vermutlich gab es dennoch gewisse Vorbehalte gegen seine Person; vielleicht spielte auch die Geschichte seiner Verhaftung selbst, die einen Schatten auf die Sitten in der Ordensführung warf, eine Rolle. Jedenfalls ruhen in Marienwerder die sterblichen Überreste dreier Hochmeister des Ordens mit außergewöhnlichem Schicksal: Der erste wurde von seinem eigenen Ordensbruder ermordet, der zweite trat wegen einer Geisteskrankheit zurück, der dritte wurde von einem Rivalen und Anwärter auf das höchste Amt im Orden entmachtet.

Von ihrer Errichtung bis zum Großen Krieg (1409–1411) des Ordens gegen Polen und Litauen war die neue Burg Marienwerder an keinerlei Kampfhandlungen beteiligt. Nach der Schlacht bei Tannenberg hingegen wurden Belagerungen und Erstürmungen für sie zu einer recht regelmäßigen Angelegenheit.
Im Herbst 1410 nahm das polnisch-litauische Heer nach der erfolglosen Belagerung der Ordenshauptstadt Marienburg die Burg Marienwerder „auf dem Rückweg“ nach Polen ein. Nach Kriegsende verblieb Marienwerder gemäß dem Ersten Thorner Frieden beim Orden. Die anschließende drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Ordensstaat sowie die Unzufriedenheit des weltlichen Adels und der Bürger mit der Ordensherrschaft führten zur Gründung des Preußischen Bundes der Städte, der am 14. März 1440 in Marienwerder ins Leben gerufen wurde. Selbstverständlich trat auch die Stadt Marienwerder selbst dem Bund bei.
Im Dreizehnjährigen Krieg, der 1454 ausbrach, war die Burg Marienwerder mehrfach von Angriffen bedroht; die schwerste Bewährungsprobe war die Belagerung durch den polnischen Woiwoden Andrzej Puszkarz im Jahr 1460. Das nächste Mal erschien ein polnisches Heer 1478 vor den Mauern Marienwerders, während des sogenannten Pfaffenkriegs (1478–1479). Diesmal nahmen die Polen die Stadt ein, doch die Burg, in die sich die Bürger geflüchtet hatten, hielt stand. Auch der darauffolgende Krieg, der Reiterkrieg (1519–1521), ging an Marienwerder nicht vorbei. Im März 1520 wurde die Stadt von einem polnischen Heer belagert und eingenommen. Diese kriegerischen Prüfungen konnten am Zustand der Burg nicht spurlos vorübergehen. Bekannt sind mindestens zwei umfangreiche Instandsetzungen in den 1480er- und 1520er-Jahren, bei denen die beim Sturm zerstörten Ecktürme abgetragen wurden.
Der erhaltene Danzker der Burg Marienwerder (im Bild) sucht in Preußen seinesgleichen.
Nach der Unterzeichnung des Krakauer Vertrags (1525) zwischen dem Deutschen Orden und der polnischen Krone, der Säkularisierung des Ordens und der Gründung des weltlichen lutherischen Herzogtums Preußen im selben Jahr 1525 wurde die Burg zur Residenz des nunmehr evangelischen Bischofs von Pomesanien.
Der erste dieser Bischöfe und Herr der Burg Marienwerder war ab 1530 ein ganz außergewöhnlicher Mann: Paul Speratus, einer der ersten Mitstreiter Martin Luthers, Hofrat Herzog Albrechts und Verfasser protestantischer Schriften und Kirchenlieder. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlor die Burg Marienwerder jede militärische Bedeutung und wurde zum Verwaltungssitz eines Amtes. Ihre Räume füllten nun Beamte, Steuereinnehmer und Richter. Wie viele andere Burgen konnte auch Marienwerder für offizielle Empfänge genutzt werden – dafür gab es sowohl weitläufige Räumlichkeiten, als auch lud schon der Anblick der Burg geradezu dazu ein, hier Staatsgeschäfte zu erledigen. So machte 1709 Zar Peter I. bei einem seiner Besuche in Preußen in der Burg Marienwerder Station. Unter Friedrich II. wurde nach der Angliederung Westpreußens in Marienwerder das oberste Gericht dieser Provinz untergebracht (und mit ihm ein Gefängnis). Dabei wurde die Burg grundlegend umgebaut. Allerdings sagte das Gebäude den Provinzrichtern offenbar sehr zu, weshalb man ihnen gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein neues Gebäude errichtete, für das der abgetragene Südflügel das Baumaterial lieferte.
Gut möglich, dass die Burg Marienwerder wie eine Reihe anderer vollständig als Baumaterial abgetragen worden wäre, doch um die Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in Deutschland das Interesse am historischen Erbe. Die Burgen des Deutschen Ordens wurden in dieser Zeit untersucht, man fertigte Zeichnungen und Baupläne von ihnen an. Für die Burg Marienwerder ordnete König Friedrich Wilhelm IV. Wiederherstellungsarbeiten an, damit sie ihr früheres mittelalterliches Aussehen zurückerhielt.
Heute befindet sich in der Burg ein Heimatmuseum.
Nach der Rekonstruktion dienten die Räume der Burg staatlichen und öffentlichen Zwecken: Hier waren Soldaten einquartiert, Schüler einer Handwerksschule erhielten Unterricht, verschiedene Beamte hielten ihre Sitzungen ab. Auch die Nationalsozialisten nutzten die vorhandenen mittelalterlichen Bauten – 1936 wurde hier eine örtliche Dienststelle der Hitlerjugend eröffnet.
Nach dem Krieg und der Teilung Preußens zwischen der UdSSR und Polen wurde Marienwerder zur polnischen Stadt Kwidzyn. Die Burg, deren Mauern bei den Kampfhandlungen nahezu unbeschädigt geblieben waren, sollte bereits 1949 als Museum eingerichtet werden. Heute beherbergt sie eine reiche Sammlung von Exponaten zur Geschichte des Deutschen Ordens und des Königreichs Polen. Einzigartig ist zweifellos der Danzker der Burg Marienwerder. In den meisten anderen bis in unsere Zeit erhaltenen Burgen wurden diese mittelalterlichen „Wehrtoiletten“ schon an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit als Bauten, die ihren ursprünglichen Zweck verloren hatten, abgerissen, weshalb man sie meist nur noch auf Abbildungen sehen kann.
Illustrationen: Bildarchiv Ostpreußen, bildarchiv-ostpreussen.de, Michail Ogorodnikow
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

