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Der Charakter Königsbergs

Der Charakter Königsbergs

1842 erschien im Danziger Verlag von Frank Gerhard in zwei Bänden das Buch des deutschen Philosophen, Literaturhistorikers und Schriftstellers Karl Rosenkranz "Königsberger Skizzen". Mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin Tatjana Koliwai veröffentlichen wir ausgewählte Kapitel aus diesem Buch.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

Den Charakter einer Stadt zu bestimmen, ist recht schwierig, und dennoch wagen wir die Bemerkung, dass die Haupteigenschaft Königsbergs seine Universalität ist. Hier kann man alles finden: jedes Handwerk, jede Kunstgattung, jeden Zweig der Wissenschaft, jede Lebensweise sehen, einer Vielzahl politischer und religiöser Richtungen begegnen. Doch wegen einer gewissen Abgeschiedenheit der Stadt ist diese Universalität ein wenig mangelhaft. Deshalb kann man Königsberg als eine Stadt beschreiben, in der alles in der Form des „Beinahe“ existiert.

Es ist beinahe eine Residenzstadt, denn hier lebten – und mitunter lange – Herzöge, Kurfürsten, Könige. Es ist beinahe eine Industriestadt, denn hier gibt es einige große Fabriken. Es ist beinahe ein großer Seehafen, denn Zwei- und Dreimaster können bis in sein Zentrum einlaufen, obwohl der eigentliche Hafen – Pillau – sieben Meilen von hier entfernt liegt. Es ist beinahe eine reiche Stadt, denn in ihr wohnen viele sehr wohlhabende Bürger und sehr vermögende Kaufleute. Es ist beinahe eine Festung, da zumindest ein kleines Fort beim Flusszoll Holländer Baum so heißt, und so weiter.

Der Charakter Königsbergs ist also universal. Es hegt und pflegt bis heute viele altertümliche Bräuche, ist aber ebenso offen für die kühnsten Neuerungen.

So kann man hier bis heute Physiognomien beobachten, die in die Zeit vor der französischen Invasion gehören: rotwangige Gesichter mit graublauen Augen, grauem, oft gepudertem Haar. Diesen Herren ist Gediegenheit eigen, sie tragen sehr anständige Anzüge, äußerst bequem und erkennbar an dem nicht sehr breiten weißen Halstuch mit einer einfachen kleinen Schleife. Es sind vernünftige, schweigsame, verlässliche Leute, eine Art kantischer Rationalisten in religiösen wie in politischen Fragen. Ihre Frauen passen zu ihnen, nur mit dem Unterschied, dass die Frauen in ihrer Kleidung doch bestrebt sind, den aktuellen Strömungen der Mode zu folgen. Im Übrigen sind die Gesichter ebenso rot, die Augen ebenso graublau, die Manieren ebenso treuherzig, der Charakter ebenso geschäftstüchtig und die Denkweise vollkommen praktisch.

Doch zugleich haben wir auch junge Leute, gekleidet nach dem letzten Schrei der Modejournale: Sie tragen lange, enge Pantalons, gleichsam zum Ausritt bereit, kurze Mäntel und gelbe Handschuhe, sie haben weiße Manschetten, schwarze Krawatten und die unvermeidliche Lorgnette, die über der ebenso obligatorischen Seidenweste baumelt. Der eine ist nach der neuesten Mode frisiert, beim anderen wechselt das Äußere alle vier Wochen: mal ist es ein Vollbart, mal ein üppiger Schnurrbart, mal eine Fülle straffer Locken auf dem Kopf, die bald einer zerzausten Löwenmähne weichen – keine Neuerung darf einen jungen Mann verlegen machen, der des neunzehnten Jahrhunderts würdig sein will!

Doch Königsberg, das eine nordische Mentalität besitzt, eilt im Ganzen nirgendwohin und lässt sich nicht sogleich für etwas Neues begeistern. Hast ist ihm fremd.

Oh, diese Stadt ist nicht schnell mit Urteilen und Schlüssen. Es braucht einige Zeit, bis Königsberg etwas annimmt und es sein Eigen nennt. Und wenn dieses Neue auch nur in irgendetwas der vernünftigen Einfachheit widerspricht, dann ertönt unweigerlich die bei den Königsbergern sehr beliebte Redensart: „Ach, maake Se mi doch nich tom Narre!" – „Machen Sie mich doch nicht zum Narren!“

Diese Wendung hört man in Königsberg überall, alle wiederholen sie hier mit Vergnügen: die Händlerin auf dem Fischmarkt, der Bettler am Tragheimer Tor, der namhafte Professor und das hübsche Dienstmädchen, das dem Soldaten, der mit ihm anbandeln will, zeigen möchte, dass es nicht auf den Kopf gefallen ist.

Einen Königsberger führt man nicht so leicht hinters Licht: „Ach, maake Se mi doch nich tom Narre!"

Litauische Spuren

Neben den jüdischen und polnischen Zügen Königsbergs waren hier in früheren Zeiten litauische Töne recht deutlich wahrnehmbar, doch jetzt sind sie fast verschwunden. In Litauen selbst schreitet die Germanisierung rasch voran, sodass auch dort die eigentümliche litauische Sprache und die Volkslieder, die Dainos, allmählich aussterben, von denen viele der verstorbene Konsistorialrat Rhesa (Jalrath Rhesa) aus Königsberg gesammelt und übersetzt hat.

An der Universität besteht jedoch bis heute ein litauisches Seminar, in dem nicht nur Litauer, sondern auch Masuren studieren. Auf der Karte lässt sich die Lage Kleinlitauens an seiner Hauptstadt Gumbinnen [heute die Stadt Gussew, Gebiet Kaliningrad] bestimmen, die Hauptstadt des Stammlandes der Masuren ist Lyck [heute die Stadt Ełk, Polen]. Die Masuren sind kein preußischer oder litauischer, sondern ein slawischer Stamm, der, wie die Litauer, eine ausgeprägte eigene Identität besitzt.

Den Litauer erkennt man auch heute noch leicht an seiner Tracht.

Er trägt einen ziemlich langen dunkelblauen oder weißen gefütterten Mantel mit einem hellblauen oder hellgrünen Gürtel, dem sogenannten „Paß“ (der Paß). Gewöhnlich hat er dichtes und langes kastanienbraunes Haar und einen kleinen Schnurrbart. Im Sommer trägt er einen Hut, im Winter eine helmförmige Ohrenklappenmütze, die sehr praktisch ist. Man nennt sie hier gewöhnlich die litauische Mütze. Der Litauer trägt seine Sachen entweder in einem geflochtenen Korb, der „Lischke“ (Lischke) heißt und an einem um seinen Rumpf geschlungenen Strick hängt, oder in einer Schachtel in der Hand, die „Pandel“ (Pandel) genannt wird. Solche Schachteln werden zu Tausenden in Erdhütten am Pregel beim Blauen Turm hergestellt. Das Bild eines Litauers kann man in der Stadt auf den Schildern der Seifenfabrikanten sehen, vermutlich weil diese den größten Teil ihrer Rohstoffe aus Litauen beziehen, vielleicht aber auch, weil ihre Kunden Litauer sind.

Über einen Einfluss des Litauischen auf das Deutsche konnte ich keine Beobachtungen machen. Ich erinnere mich nur an einen lustigen Vorfall. In der polnischen Kirche hielt ein Theologiestudent eine Predigt in polnischer Sprache. Er selbst war Litauer. Den Anfang der Predigt hielt er auf Polnisch. Doch dann kam der Student in Fahrt, die Begeisterung überkam ihn, und er ging ins Litauische über, in dem er die ganze Predigt bis zum Ende hielt. Die polnischen Gemeindemitglieder meinten, ihr junger Geistlicher habe wohl Französisch gesprochen.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.