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Die Chronik des Preußenlandes des Peter von Dusburg

Die Chronik des Preußenlandes des Peter von Dusburg

SENDSCHREIBEN

Dem ehrwürdigen Mann und christusliebenden Bruder Werner von Orseln, Meister des Hospitals der allerheiligsten Maria des Deutschen Hauses zu Jerusalem, entbietet Bruder Peter von Dusburg, Diener desselben [Hauses. – V. M.] heiligen Werkes, schuldigen Gehorsam und seinen Gruß. Jedem, der sehen kann, ist offenbar, mit welch sorgfältiger Überlegung und überlegter Sorgfalt die alten und heiligen Väter die wunderbaren Taten unseres Herrn Jesus Christus ausführlich beschrieben haben, die Er selbst oder durch Seine Diener vollbracht hat, zu Seinem Lob und Ruhm und zur Erbauung des gegenwärtigen wie des künftigen Geschlechts. Sie achteten dabei auch auf jene Worte des Tobias, dass es löblich sei, die Werke Gottes zu verkünden. Ich bin in ihre Fußstapfen getreten, um nicht in die äußerste Finsternis geworfen zu werden wie der unnütze und untaugliche Knecht, der das ihm vom Herrn anvertraute Talent für sich behielt, und habe die Kämpfe, die von uns und unseren Vorgängern, den Brüdern unseres Ordens, siegreich geführt wurden, in diesem Buch aufgezeichnet und gesammelt, das ich eigens Eurer Prüfung übersende, demütig bittend (denn niemand vermag sich selbst vollkommen zu beurteilen), Ihr möget es, soweit möglich, durchsehen, und sollte sich darin etwas finden, das der Verbesserung würdig ist, so möge es verbessert werden, und so verbessert möge es Gemeingut aller werden, damit die darin enthaltenen Ereignisse eines jeden Jahres im Gedächtnis der Nachkommen bleiben. Geschrieben und Vollendet im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1326.

PROLOG

Zeichen und Wunder hat der Höchste an mir getan. Darum geziemt es mir, Seine Zeichen zu verkünden, denn sie sind groß, und Seine Wunder, denn sie sind mächtig. Daniel. III.

Diese Worte sprach Nebukadnezar, der König von Babel; nachdem Daniel und seine Anhänger, die ihre Leiber preisgegeben hatten, um keinem Gott zu dienen und keinen anzubeten außer dem Gott, an den sie glaubten, gebunden in den Ofen geworfen worden waren, in dem ein Feuer brannte, siebenmal stärker als gewöhnlich, sah er, dass die Flammen, die 49 Ellen über den Ofen emporschlugen, seine Diener verbrannten, Daniel und seine Anhänger aber gar nicht berührten und ihnen keinerlei Schaden zufügten, und sprach: Zeichen und Wunder usw. Diese Worte passen jedoch auch auf den Verfasser dieses Buches, der, nachdem er an der heiligen Gemeinschaft der Brüder des Hospitals der allerheiligsten Maria des Deutschen Hauses zu Jerusalem so große Zeichen und so außergewöhnliche, seit Menschengedenken unerhörte Wunder gesehen hatte, die der Höchste im Preußenland durch die genannten Brüder, die sich nicht scheuten, ihre Leiber zur Verteidigung des Glaubens dem Tod preiszugeben, gnädig zu wirken geruhte, sagen konnte: Zeichen und Wunder hat der Höchste an mir getan usw. Da aber im Evangelium geschrieben steht: damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen, so gefiel es ihm, zum Lob und Ruhm des Namens Jesu Christi und zur Erbauung des gegenwärtigen und künftigen Geschlechts die Zeichen Gottes zu verkünden, denn sie sind groß, und Seine Wunder, denn sie sind mächtig. Große Zeichen: In der Apostelgeschichte heißt es, dass Stephanus, voll Glaubens und Kraft, große Zeichen tat. Und es soll nicht bezweifelt werden, dass auch die Brüder des Deutschen Hauses voll Glaubens und Kraft waren, als sie, gering an Zahl, das so starke, wilde und zahllose Volk der Prußen unterwarfen, das selbst viele Herrscher, obwohl sie es mehr als einmal versuchten, keineswegs zu unterjochen vermochten. Auch jenes große Zeichen soll nicht verschwiegen werden, dass der Krieg von den vorgenannten Brüdern so erfolgreich geführt wurde, dass sie binnen elf Jahren seit dem Tag ihres Einfalls in das Preußenland die Heiden, die das Kulmerland und Löbau bewohnten, sowie die Völker in den Landen Pomesanien, Pogesanien, Ermland, Natangen und Barten machtvoll unterwarfen und zum christlichen Glauben bekehrten und dort viele Befestigungen, Städte und Burgen errichteten, deren Zahl und Namen weiter unten angegeben werden. Siehe, welch großes Zeichen am Himmel der streitenden Kirche erschien. Zeichne aber, gütiger Jesus, Deine Dir ergebenen Diener aus, durch die Du so große Zeichen zu wirken geruhtest, damit die Heiden, die an den Enden der Erde wohnen, erzittern und sich vor Deinen Zeichen fürchten. Es geziemt ihm auch, Seine Wunder zu verkünden, denn sie sind mächtig. Denkwürdig hat der gnädige und barmherzige Herr Seine Wunder durch die genannten Brüder gemacht, als könnte man wahrhaftig von ihnen sagen, was über das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten geschrieben steht: Sie sollen dem Herrn danken für Seine Güte und für Seine Wunder an den Menschenkindern, denn Er sättigt die durstige Seele und füllt die hungrige Seele mit Gutem. Um zu verstehen, warum die Seele, das heißt das Leben der Brüder, einst durstig und hungrig, nun mit irdischen Gütern gesättigt ist, muss einiges von dem gezeigt werden, woran es in der Vergangenheit mangelte und woran in der Gegenwart Überfluss herrscht, damit sie in solcher Gegenüberstellung vieles erhellen. Von Anfang an strebten die Brüder, um die Feinde des Glaubens leichter zu besiegen, mit allen Kräften der Seele danach, starke Pferde, feste Rüstungen und mächtige Befestigungen zu erlangen, und niemand gab ihnen dies; um Kleidung und Speise sorgten sie sich nur so weit, wie es zum Leben unbedingt nötig war. Dem Beispiel des Lebens und der Lehre unseres Erlösers folgend, der sprach: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“, verleugneten sie sich darin, dass sie, wenn sie von edler Herkunft waren, Reichtümer besaßen und frei im Geiste waren, dennoch die Ehre ihres edlen Blutes gering achteten, demütig das Bescheidene und Bescheidenste liebend, womit sie ihren Stand nicht nach weltlicher Würde schmückten; und da sie die wahre Armut erwählten, entsagten sie ihren eigenen Wünschen; und so verbanden sie um Christi willen ihr Leben mit verschiedenen zahllosen Unbequemlichkeiten, Gefahren, Sorgen und Ängsten. Und sie trugen ihr Kreuz und folgten Christus nach, denn jeden Tag und jede Stunde waren sie bereit, Schmach und Todesstrafe zur Verteidigung des Glaubens auf sich zu nehmen. Sich in schöne Gewänder zu kleiden, worin das Laster des Hochmuts verborgen liegt, galt bei ihnen als Schande. Die einen trugen statt eines Hemdes ein härenes Gewand, die anderen einen Panzer, sodass jeder mit dem Propheten hätte sagen können: „Ich aber, als sie krank waren, das heißt die Heiden, kleidete mich in einen Sack.“ Auch aus den Leinensäcken, in denen ihnen das Mehl über das Meer gebracht wurde, machten sie sich leinene Kleider, die sie mit Freuden anzogen. Ihre Speise und ihr Trank aber waren überaus karg. Denn es wurde nach Gewicht und Maß zugeteilt, sodass sie wahrhaftig mit dem Propheten hätten sagen können: „Du speistest uns mit Tränenbrot und tränktest uns mit Tränen in großem Maß.“ An ihnen erfüllte sich, was der Herr durch Jesaja sprach: „Der Herr wird dir Brot in Trübsal und Wasser in Not geben.“ Nicht selten nötigten sie ihre Verwandten, die bei der gewohnten Enthaltsamkeit der Brüder ihnen nicht den gebührenden Dienst erweisen konnten, Fleisch als Speise anzunehmen, dessen sie sich zur vorgeschriebenen Zeit mit abgetöteter Seele und freudigem Gesicht enthielten. Trank und Speise der Brüder und des Gefolges waren so karg, dass Farbe und Geruch des Brotes oder der Bohnen für menschliches Auge und menschlichen Geruchssinn kaum zu unterscheiden waren. Dies und vieles andere, worüber lange zu schreiben wäre, ertrugen sie geduldig in ihren Hütten und Katen. Wie viele Mühen und Entbehrungen sie aber auf dem Feldzug ertrugen, wenn sie zum Krieg gegen die Heiden auszogen, weiß Der, dem alles bekannt ist. An ihnen erfüllte sich, was der Apostel, von den heiligen Märtyrern sprechend, an die Hebräer schrieb: Andere aber sind gemartert worden, andere haben Spott und Schläge erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis; sie wurden gesteinigt, zersägt, gefoltert, starben durch das Schwert, zogen umher in Schafpelzen und Ziegenfellen, litten Mangel, Trübsal und Ungemach; sie, deren die Welt nicht wert war, irrten umher in Wüsten und auf Bergen, in Höhlen und Klüften der Erde.

Hier werden die Entbehrungen genannt, die die Brüder einst erlitten, in denen ihre Seele durstig und hungrig war. Willst du wissen, wie sie zu hinreichendem Überfluss an Bauten, Pferden, Waffen, Speise, Trank und zur Mehrung alles für das menschliche Leben der Brüder und ihrer Leute Notwendigen gelangten, so öffne deine Augen und sieh; alles wird sich deinem Blick erschließen. Und sie sollen dem Herrn danken für Seine Güte und für Seine Wunder an den Menschenkindern, denn Er zerbrach eherne Tore und zerschlug eiserne Riegel. Siehe die mächtigen Wunder, wie durch die genannten Brüder alle Heiden, die das Preußenland bewohnten und von deren zahlloser Menge weiter unten die Rede sein wird, vernichtet wurden und die ehernen Tore ihrer Städte und Burgen zerbrochen und die eisernen Riegel zerschlagen wurden; und so führte der Herr sie von ihrem ungerechten Weg ab, und sie wurden um ihrer Ungerechtigkeit willen erniedrigt. Und sie sollen dem Herrn danken für Seine Güte und für Seine Wunder an den Menschenkindern! Sie sollen Ihm Lobopfer darbringen. Siehe, wie die Brüder gleich Judas Makkabäus die heiligen Stätten des Preußenlandes reinigten, die die Heiden zuvor durch Götzendienst entweiht hatten, und wie dort dem Herrn täglich ein Opfer des Lobes und der Ehre dargebracht wird. Nimm denn, gütiger Jesus, dieses Opfer für Dein ganzes Volk an und bewahre dieses Erbteil und heilige es. Und gleich David setzten sie auch Priester ein und priesen Gott täglich. So wird offenbar, welch große Zeichen und mächtige Wunder der Höchste durch die genannten Brüder im Preußenland gewirkt hat; und was über sie gesagt wurde, wird weiter unten dargelegt werden. Da aber in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden und die Menschen selbstsüchtig sein werden und das Ihre suchen und nicht, was Jesu Christi ist, so wird wegen der Zunahme der Gesetzlosigkeit die Liebe in vielen erkalten. Darum, barmherzigster Jesus, gib ihnen gesunden Verstand, damit sie den Geist nicht betrüben, mit dem sie versiegelt sind; erneuere die Zeichen und tue neue Wunder und errette sie durch die Kraft Deiner Wunder und gib Deinem Namen die Ehre, und alle, die Deinen Knechten Böses tun, sollen zuschanden werden, mit all ihrer Macht sollen sie zuschanden werden, und ihre Stärke soll zerbrochen werden; und sie sollen erkennen, dass Du allein der Herr bist und herrlich auf dem ganzen Erdkreis.


VOM AUFBAU DIESES BUCHES

Der Aufbau dieses Buches wird folgender sein. Erstens werde ich beschreiben, zu welcher Zeit, von wem und wie der Orden des Deutschen Hauses gegründet wurde; zweitens, wann und wie die genannten Brüder in das Preußenland kamen; drittens von den Kämpfen und anderem, was in dem genannten Land vollbracht wurde; von diesen Ereignissen habe ich wenige selbst gesehen, von anderen hörte ich von denen, die sie gesehen und an ihnen teilgenommen haben, die übrigen sind solche, deren Berichte ich für glaubwürdig befand. Viertens werde ich am Ende die Päpste und Kaiser erwähnen, die zur Zeit der Gründung dieses Ordens regierten, sowie einige bemerkenswerte Ereignisse, die sich in dieser Zeit zutrugen. Da ich mir aber bewusst bin, dass meine Kräfte nicht ausreichen werden, dieses Werk zu vollbringen, besonders weil ein solches Geschehen schon fast aus dem Gedächtnis der heute lebenden Menschen geschwunden ist, und ich ohne Gott nichts tun kann , darum flehe ich Dich an, gütiger Jesus, in Dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind, Du mögest die Geheimnisse nicht nur der künftigen, sondern auch der gegenwärtigen und vergangenen Dinge offenbaren. Erleuchte mit der Gnade Deines Geistes meinen Verstand und gib mir Beredsamkeit und Weisheit zur baldigen Vollendung dieses Werkes, damit diejenigen, die von Deinen großen Zeichen und mächtigen Wundern hören, die darin enthalten sind, auf Dich hoffen, Dich rühmen und preisen, auf dass Du, von Dem alles, durch Den alles, in Dem alles ist, über allem erhaben seist, der Du lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


Teil I

VOM ANFANG DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

VORREDE ZUR GRÜNDUNG DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut, sie hat ihre sieben Säulen behauen. Buch der Sprüche Salomos, IX. Obwohl diese Worte von Salomo stammen, der den Sohn Gottes die Weisheit des Vaters nennt, weshalb die Apostel sagen: „Denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit“; und im Psalm: „Du hast alles weise gemacht“, das heißt im Sohn, der, nachdem er Menschengestalt angenommen hatte, nach seinem Tod sich zu Ruhm und Ehre das Haus der streitenden Kirche errichtete und sieben Säulen behieb, das heißt die sieben Gebote, von denen es getragen wird; so können sie doch auch Worte der heiligen Mutter Kirche sein, die den Herrn Papst Coelestin III. Weisheit nennt, denn auf Erden wirkt er an Stelle des Sohnes Gottes nach dem Spruch des Predigers: „Die Weisheit entspricht ihrem Namen.“ Denn zu ihm strömt die allgemeine Kirche, um seine Lehre zu hören und zu schauen, wie die Königin von Saba die Weisheit Salomos. Dieser Herr Papst Coelestin III. baute, das heißt gründete und bestätigte, sich und der heiligen Kirche zum Nutzen ein Haus, nämlich das heilige Deutsche Jerusalemer Hospital der allerheiligsten Maria, und behieb sieben Säulen, das heißt sieben Brüder Komture oder Landpräzeptoren, nämlich von Livland, Preußen, Teutonien, Österreich, Apulien, Romanien und Armenien, von denen die Brüder des genannten Ordens getragen werden wie ein wirkliches Haus, das auf errichteten Säulen ruht, sodass der Hochmeister und das Kapitel das Fundament dieses Hauses sind, die Komture oder Landpräzeptoren die Säulen, die übrigen Brüder alles, was darauf ruht. Und so wird der Herr Papst dem weisen Mann gleich, der sein Haus auf Fels baute, und er kann sagen: „Ich habe seine Säulen festgestellt.“ Da es aber in der Schrift heißt: Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze, darum sind in diesem Tempel sieben solche geistliche Säulen aufzustellen, von denen drei, nämlich Demut, Armut und Keuschheit, eine beständige Ordnung schaffen, die vier anderen aber, nämlich Reue, Buße, Vergebung und die Liebe, die eine Menge von Sünden bedeckt, jede Nachlässigkeit in der Befolgung des heiligen Brauches um der unverbrüchlichen Gerechtigkeit willen beseitigen. Dies sind die geistlichen Säulen, behauen von der Hand der Weisheit, in diesem Haus heiliger Frömmigkeit, das der Herr Papst errichtet hat, sodass, wenn der Regen der Habgier niederprasselt und die Ströme der Üppigkeit sich ergießen und die Winde des Hochmuts wehen und daran stoßen, es nicht fallen kann; denn es ist auf festen Fels gegründet; der Fels aber ist Christus.

1. VON DER GRÜNDUNG DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Im Namen des Herrn, Amen. Im Jahr Seiner Fleischwerdung 1190, zu der Zeit, als die Stadt Akkon von den Christen belagert und durch die Gnade des Herrn aus den Händen der Ungläubigen zurückerobert wurde, waren im christlichen Heer einige fromme Leute aus den Städten Bremen und Lübeck, die als Menschen, die die verschiedenen unerträglichen Entbehrungen und Leiden der Kranken in dem genannten Heer nicht ohne Barmherzigkeit und Mitleid ansehen konnten, in ihrem Zelt, das aus dem Segel eines Schiffes gemacht war, das auf Deutsch „Kogge“ heißt, ein Hospital einrichteten, wo sie die genannten Kranken sammelten, ihnen ergeben und demütig dienten und sie mit den ihnen von Gott gesandten Gütern, sparsam damit umgehend, barmherzig heilten, in der Überzeugung, dass sie in der Person eines jeden Kranken oder Armen Christus selbst aufnehmen, der am Tag des Gerichts zu denen, die zu seiner Rechten stehen, sagen wird: „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht“ usw.; und wenn sie sagen werden: „Wo haben wir dich krank gesehen?“, wird Er antworten: „Amen, ich sage euch, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern geholfen habt, das habt ihr mir geholfen.“ Siehe, so nennt Christus alle Kranken, Krüppel und Verstoßenen Brüder; und mit Recht, denn Er ist unser Fleisch und unser Bruder. Da aber der Apostel sagt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben“; obwohl aus diesen Worten hervorgeht, dass weder der pflanzt noch der begießt etwas ist, sondern alles Gott, der das Gedeihen gibt, so muss doch menschlicher Eifer neben der Sorge um die Entbehrungen die Pflanzen mit Fürsorge umgeben, die bis auf den heutigen Tag neue reiche Früchte tragen und zu ihrer Zeit noch reichere verheißen. Darum, als der Herr Patriarch von Jerusalem, der ruhmreiche König Heinrich von Jerusalem, die Erzbischöfe von Nazareth, Tyrus und Caesarea und die Bischöfe von Bethlehem und Akkon, der Meister des Hospitals des heiligen Johannes und der Meister des Templerhauses und viele Brüder beider Häuser und viele Barone des Heiligen Landes, nämlich Rudolf von Tiberias und Herr Hugo, sein Bruder, und Rainald, Herr von Sidon, und Herr Aymar von Caesarea und Herr Johann von Ibelin und viele andere aus dem Königreich Jerusalem, und aus Alemannien Konrad, Erzbischof von Mainz, Konrad, Bischof von Würzburg und Kanzler des Römischen Reiches, Wolfger, Bischof von Passau, Gardolf, Bischof von Halberstadt, und der Bischof von Zeitz, Friedrich, Herzog von Schwaben, Heinrich, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Braunschweig, Friedrich, Herzog von Österreich, Heinrich, Herzog von Brabant, der damals an der Spitze des Heeres stand; Hermann, Pfalzgraf von Sachsen und Landgraf von Thüringen, Markgraf Albrecht von Brandenburg und Heinrich von Kalden, Marschall des Reiches, Markgraf Konrad von Landsberg, Markgraf Dietrich von Meißen sowie Grafen und Magnaten und eine Menge Adliger aus dem genannten Heer mit gnädigem Auge sahen, dass dieses neu gepflanzte Hospital in überreicher Fülle Früchte der Ehre und des Ruhmes trug, und unerschütterlich hofften, es werde, wenn der Herr das Gedeihen gibt, seine Zweige ausbreiten und künftig die reichste Fülle an Früchten bringen, da beschloss der Rat aller vorgenannten Fürsten, dass Herr Friedrich, Herzog von Schwaben, offizielle Gesandte zu seinem Bruder, dem durchlauchtigsten Herrn Heinrich VI., römischem König und künftigem Kaiser, schicken solle, damit dieser beim Herrn Papst die Erlaubnis zur Gründung und Bestätigung des vorgenannten Hospitals erwirke. Als der Papst dies hörte, billigte er das Gesuch der Gesandtschaft mit ihren frommen Bitten und stiftete in dem genannten Hospital, nach dem Vorbild des Ordens der Tempelbrüder, den Orden des Jerusalemer Hospitals für die Armen und Schwachen, für Kleriker und Ritter und die übrigen Brüder, und bestätigte ihn im Namen des Herrn, erlaubte den Brüdern des genannten Hospitals, einen weißen Mantel mit schwarzem Kreuz zu tragen, und gewährte ihnen alle Freiheiten, Immunitäten und Ablässe, die der apostolische Stuhl den genannten Häusern des Hospitals und des Tempels zum Zeichen der Ehrerbietung verliehen hatte, damit sie sie ebenso frei genössen wie jene. Denn es ziemte sich, dass jene, die in frommer Absicht in den Werken der Tugend gleich werden wollten, auch im Empfang des apostolischen Segens gleich würden. Und so wurde dieser ehrwürdige Ritterorden der Brüder des Hospitals der allerheiligsten Maria des Deutschen Hauses zu Jerusalem gestiftet und bestätigt und erhielt viele Privilegien. Dies ist der auserwählte Weinstock des Herrn Zebaoth, den Du, Jesus Christus, gepflanzt hast und dem Du Führer auf dem Weg vor seinen Augen warst. Du hast seine Wurzeln befestigt, und er hat das Land erfüllt; danach hast Du ihn verpflanzt und die Heiden aus dem Preußenland und aus Livland vertrieben und ihn dort eingepflanzt, und siehe, er hat seine Zweige ausgebreitet bis an das Meer und seine Schösslinge bis an den Strom. Diese ehrwürdige Ritterschaft ist nicht nur von Menschen auf Erden bestätigt, sondern auch in vielem nach dem Bild des Himmels und der Mannigfaltigkeit der Erde vorgezeichnet. Denn wir lesen in alten Geschichten, dass der große Patriarch Abraham mit seinen Knechten für die Befreiung seines gottesfürchtigen Bruders kämpfte, und als er den Unschuldigen aus der Gefangenschaft befreit hatte und nach dem Sieg über die Könige zurückkehrte, brachte ihm der König und Priester Melchisedek eine Gabe von Brot und Wein dar mit dem Segen des höchsten Gottes, durch dessen Schutz die Feinde in seine Hand gegeben worden waren. Seit jener Zeit begann sich der Kampf der Christen gegen die Aufstände der Völker zu verwirklichen, wodurch der Heilige Geist seither offenbarte, wie sehr durch die Gnade derer, die den höchsten Platz in der Kirche einnehmen, solche Kämpfer zum Schutz des kirchlichen Segens zu unterhalten seien, indem man sie mit besonderer Gunst unterstützt und mit eigenen Ablässen und Privilegien die diesen Rittern übertragene Heiligung des Erbes des Gekreuzigten bestätigt. Es scheint, dass diese Ritterschaft, nach dem Bild des Himmels und der Erde geschaffen, die einzige und vornehmste ist, die an Christi Stelle bei der Schmähung Seines Kreuzes leiden und sich dem Werk der Rückeroberung des verheißenen Heiligen Landes vom heidnischen Joch widmen wird. Denn Johannes sah die streitende Kirche im Bild des neuen Jerusalem, das von Gott aus dem Himmel herabkommt, in der sie mit den übrigen Scharen der himmlischen Heerscharen kämpfen und jede widerstreitende Macht abwehren. Gewiss erinnert uns diese Vision daran, welche Ritter der streitenden Kirche angehören sollen, deren Berufung es sein muss, die der Kirche feindliche Tyrannei der Ungläubigen abzuwehren, indem sie über alles die Ziele der rechtgläubigen Völker nach der Zahl und den Pflichten der Engel Gottes festigen. Ihr stimmt auch das Zeugnis der Erde zu. Denn unter Mose und Josua und anderen Richtern Israels vernichteten die Krieger Gottes in dem neuen Krieg, den der Herr erwählt hatte, das Geschlecht Enaks und andere dem Heiligen Land feindliche Bewohner, die in großer Bosheit vereint waren, indem sie gleich Löwen einfielen, bis auf den Grund, mit Ausnahme nur derer, denen zur Erziehung des Volkes Gottes das Los zufiel, unter dem Joch der Knechtschaft zu leben. Und im Lauf der Zeit wuchsen zugleich die Vorzeichen dieser Religion. Denn David, der Mann nach dem Herzen des Herrn, der sich im Reich der Rechtgläubigen erhob, gab als weitsichtiger Prophet des Künftigen deutlichere Vorhersagen dieser Ritterschaft und wollte die Legionen der Kreter und Pleter zu Gliedern seines Hauses machen, deren Diener sie werden sollten, da sie nach der unmittelbaren Bedeutung ihrer Namen als Wächter seines Hauptes galten, offenbar damit sie, nachdem sie die Anschläge auf Davids Leben vereitelt hatten, durch wunderbare Rettung die Untertanen schützten. Man erklärt, dass die Kreter auf wunderbare Weise vernichtet und die Pleter gerettet wurden. Denn da David Prophet und Herz des Heiligen Geistes war und in den Schriften der Wahrheit sowohl das Gegenwärtige als auch das Künftige vorhersah, verkündete er in seinem Hellsehen den Scharen, dass Christus ganz am Ende der Geschichte Wächter an die Spitze der Kirche stellen werde, die, ihre kostbaren Seelen nicht für sich selbst bestimmend, sich Sein heiliges Schwert um die Hüfte gürten würden, damit die Starken unter den Starken Israels, das Bett Salomos umringend, die nächtlichen Schrecken des finsteren Unglaubens aus den Grenzen der Christenheit vertrieben. Auch erschien dieser lobenswerten und von Gott geschätzten Seele der Krieg der Makkabäer, die sich in der Wüste von Kräutern nährten, um nicht der Befleckung teilhaftig zu werden, und um des Gesetzes willen und voll Glaubens Antiochus Epiphanes und die Wurzel der Sünde, die das Volk Gottes zu heidnischen Bräuchen und in die Höhle der Unzucht zu verleiten suchte, mit Gottes Hilfe niedertraten, um die Heiligtümer zu reinigen und zu erneuern, das Land Zion zurückzugewinnen und dem Land den Frieden zurückzugeben. Ihren Kriegen eifrig nacheifernd, hat dieser heilige Ritterorden, nämlich das Deutsche Haus des Hospitals der allerheiligsten Maria in Jerusalem, es verdient, mit ruhmreichen Gliedern geschmückt zu sein, verschieden und zum Ruhm bestimmt zur Erfüllung verschiedener gottgefälliger Pflichten. Denn sie sind auserwählte Ritter und Streiter, die mit fester Hand die Feinde um des Gesetzes des Vaterlandes willen niederwerfen. Sie sind auch eine ewige Quelle der Wohltaten der Liebe, die Fremden, Pilgern und Armen Herberge gewährt. Mehr noch, sie sind es, die als Verkörperung der Barmherzigkeit mit glühender Seele den Erschöpften und Kranken in den Klöstern Herberge geben, ohne sich vor dem Schmutz zu ekeln. Unter diesen Gliedern nehmen die Kleriker einen ehrenvollen und überaus nützlichen Platz ein, damit sie wie Funken, die in Friedenszeiten durch das Leben eilen, die Laien zur Befolgung der Bräuche anhalten, Gottesdienste besuchen und die Sakramente spenden, und wenn sie zu den Waffen greifen, die Kommunion reichen, das heißt die Erinnerung an das Leben und den Tod des gekreuzigten Herrn, und sie zur kriegerischen Tapferkeit bereiten, und so verrichten sie vom tapfersten Ritter bis zum schwächsten Kranken, dessen Seelenfrieden sie hüten und dessen Hinscheiden sie stärken, gefestigt in der Süße des Geistes, ihren Dienst. So hat sich dieser geistliche Orden, der sich zum Nutzen der heiligen Kirche rasch ausbreitet und unter dem wachsamen Auge verschiedener oberster Geistlicher steht, durch viele Privilegien, Immunitäten und Freiheiten gefestigt und erhöht.

2. VON BRUDER HEINRICH WALPOT, DEM I. MEISTER DES HOSPITALS ST. MARIEN DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Heinrich, genannt Walpot, I. Meister des Hospitals der allerheiligsten Maria des Deutschen Hauses zu Jerusalem, stand ihm viele Jahre vor, starb an den Nonen [Kalenden] des November und ist in Akkon begraben. Als die Bürger von Bremen und Lübeck, die, wie gesagt, die ersten Gründer dieses Ordens waren, nach Erfüllung ihres Pilgergelübdes heimkehren wollten, übergaben sie ihm auf Rat des Herrn Friedrich, des genannten Herzogs von Schwaben, und der übrigen Adligen Alemanniens, die an der Belagerung der Stadt Akkon teilnahmen, das genannte Hospital mit allen Stiftungen und Besitzungen, deren es damals nicht wenige gab, wo er den genannten Schwachen mit seinen Brüdern demütig diente und das Erforderliche verrichtete. Nach der Einnahme der genannten Stadt Akkon aber wählte dieser Bruder Heinrich einen Platz innerhalb der Mauern vor dem Tor des heiligen Nikolaus, auf dem er eine Kirche und ein Hospital und verschiedene Gebäude errichtete, und diente dort Gott mit seinen Brüdern und den Schwachen. In dieser Kirche ist auch Herzog Friedrich von Schwaben begraben, der auf der Pilgerfahrt starb, denn noch zu Lebzeiten hatte er dort eine kirchliche Grabstätte gewählt.

3. VON BRUDER OTTO, DEM II. MEISTER

Bruder Otto, der II. Meister, stand dem Orden viele Jahre vor, starb am IV. Tag vor den Nonen des Juni und ist in Akkon begraben.

4. VON BRUDER HERMANN, DEM III. MEISTER

Bruder Hermann, genannt Bart, der III. Meister, stand dem Orden viele Jahre vor, starb am XIII. Tag vor den Kalenden des April und ist in Akkon begraben.

5. VON BRUDER HERMANN VON SALZA, DEM IV. MEISTER

Bruder Hermann von Salza, der IV. Meister, stand dem Orden lange Jahre vor, starb am IX. Tag vor den Kalenden des August und ist in Barletta begraben. Er war beredt, freundlich, weise, umsichtig, weitblickend und in all seinen Taten berühmt. Als er nach seiner Wahl den so unsicheren Zustand des Ordens sah, schwor er in Gegenwart einiger Brüder, er wolle ein Auge hergeben, wenn nur sein Orden mit der Zeit so wüchse, dass er wenigstens zehn Ritterbrüder haben könnte. Was aber hast Du in diesem Fall getan, o allgütiger Jesus, der Du stets die gerechten Wünsche der Bittenden förderst und nicht müde wirst, den frommen Gelübden gnädig Gehör zu schenken? Wurde er etwa in seinem Wunsch getäuscht? Keineswegs. Im Gegenteil, Du gabst ihm mehr, als sein Herz begehrte. Denn im Lauf der Zeit gedieh der von ihm geleitete Orden so, dass bald nach seinem Tod in dem vorgenannten Orden zweitausend Brüder aus vornehmen Geschlechtern des Königreichs Alemannien gezählt wurden. Denn auch jener erlauchte Landgraf von Thüringen, Herr Konrad, aus dessen Familie er stammte, trat, als er noch in der Welt war, mit zahlreichem Hofadel in den genannten Orden ein. Und unter seinem Bruder Hermann wurden dem Orden neue Privilegien verliehen, sowohl päpstliche als auch kaiserliche. Denn wunderbare Gaben in Apulien, Romanien, Armenien, Alemannien, Ungarn, nämlich das Gebiet, das Burzenland genannt wird, in Livland und Preußen wurden dem Orden unter ihm geschenkt. Denn so sehr wurde der Orden durch ihn erhöht, dass seit Menschengedenken unerhört war, dass irgendeine andere Religion oder ein anderer Orden durch einen einzigen Menschen in dieser Welt so gediehen wäre. Und das ist nicht verwunderlich. Denn Gott war ihm so gnädig, dass er von allen geliebt wurde, und wahrhaftig konnte man von ihm sagen, dass er von Gott und den Menschen geliebt war. Er hielt den Herrn Papst und den Kaiser in seiner Hand, von den übrigen Fürsten und Magnaten ganz zu schweigen, und gewann ihre Herzen so für sich, dass er alles erhielt, worum er sie zur Ehre und zum Nutzen seines Ordens bat. Darum geschah es, dass die Venezianer, nachdem sie für einen gegen das Reich angezettelten Aufruhr hart bestraft worden waren, einen großen Teil des Heiligen Kreuzes als besonderes Geschenk Kaiser Friedrich II. darbrachten; dieser Kaiser aber gab es dem genannten Meister, der es in die Grenzen Preußens, auf die Burg Elbing, sandte, wo es bis auf den heutigen Tag wegen der Menge der Wunder, die der Herr durch es gewirkt hat, von den Christen in großer Verehrung gehalten wird. Es geschah auch, dass, als zwischen dem Herrn Papst Honorius III. und Kaiser Friedrich II. gewisse verborgene Zwistigkeiten zutage traten und beide diesen Bruder Hermann in die Sache einweihten, damit er zwischen ihnen entscheide, er dies auf die Nachricht hin ablehnte und versicherte, es sei höchst ungebührlich, wenn er die Sache der Herren der ganzen Welt auf sich nähme, denn er selbst sei ein bescheidener Mensch, der die Vorteile seiner Stellung nicht missbrauche. Darum geschah es, dass der Herr Papst selbst und der Kaiser, um diesen Bruder Hermann mit noch größerer Ehre zu umgeben, ihm und seinen künftigen Nachfolgern, den Meistern des gestifteten Ordens des Deutschen Hauses, die Würde von Reichsfürsten verliehen, und zum Zeichen dieses Fürstenstandes überreichte ihm der Herr Papst einen Ring, der Kaiser aber gewährte ihm königliche Insignien für sein Banner, und so stiftete er zwischen ihnen noch mehrmals freundschaftliche Versöhnungen.

Teil II

VON DER ANKUNFT DER BRÜDER DES DEUTSCHEN HAUSES IM PREUSSENLAND

1. VON DER VERWÜSTUNG DES KULMERLANDES DURCH DIE PRUSSEN

Zu der Zeit, als jener edle und ruhmreiche, allerchristlichste Herrscher, Herzog Konrad, in Masowien, Kujawien und Polen regierte, gab es einen Bischof aus Preußen namens Christian aus dem Zisterzienserorden, der mehrmals unter den Prußen den Samen des Wortes Gottes säte und sie ermahnte, den Götzendienst aufzugeben und den wahren Gott Jesus Christus anzubeten. Da dieser Same aber auf kargen Boden fiel, brachte er keinerlei Frucht. Denn sie waren in ihren Lastern so verhärtet, dass keine heilsamen Ermahnungen sie vom Irrtum ihres Unglaubens abbringen konnten. Eines aber war an ihnen lobenswert und in vieler Hinsicht anziehend: Obwohl sie Heiden waren und verschiedene Götter verehrten, lebten sie doch mit den benachbarten Christen in Frieden, hinderten sie nicht, den lebendigen Gott zu verehren, und fügten ihnen in nichts Schaden zu. Doch jener Feind des Menschengeschlechts, der dem Frieden neidet, wartete nicht lange und säte Unkraut. Denn er stachelte sie zu grausamsten Verfolgungen auf, sodass die Prußen nach wenigen Jahren, nachdem sie die Christen teils getötet, einige gefangen genommen und in ewige Knechtschaft geführt hatten (nur wenige von ihnen retteten sich durch Flucht), das Kulmerland völlig verwüsteten und in eine Einöde verwandelten.

2. VON DER VERWÜSTUNG DES POLNISCHEN LANDES

Und da dieser Herzog den Anstiftern nicht Einhalt gebot und kein geeignetes Mittel gegen ihre feindlichen Ausfälle und Anschläge fand, gingen sie in der Folge zum Schlimmeren über und fielen so oft mit großer Kriegermacht in das polnische Land ein und fügten ihm solchen Schaden zu, dass sie, nachdem sie die Häuser niedergebrannt hatten, die erwachsenen Männer mit dem Schwert durchbohrten, Frauen und Kinder aber in ewige Knechtschaft führten; und wenn es geschah, dass eine schwangere Frau in den Wehen ihnen nicht folgen konnte, so töteten sie sie; und die Kinder rissen sie aus den Armen der Mütter und brachten sie oft um, indem sie sie pfählten. So verwüsteten sie das Land derart, dass ihm von allen Befestigungen und Burgen seines Herzogtums nur eine einzige Burg an der Weichsel blieb, die Płock heißt. Außerdem übergaben sie 250 Pfarrkirchen dem Feuer, ohne die Klöster der regulierten und weltlichen Kleriker, die Kapellen, Männer- und Frauenklöster mitzuzählen. Sie töteten Priester und andere Kleriker, sowohl regulierte als auch weltliche, die einen außerhalb der Kirche, andere drinnen, viele am Altar, während sie dem heiligen Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus dienten, und die Heiligtümer selbst warfen sie zum Zeichen der Verachtung Gottes respektlos zu Boden und traten sie mit Füßen. Sie raubten Kelche, Amphoren und andere Kirchengefäße und die für den Gottesdienst bestimmten Gewänder und verfuhren damit in frevlerischer Weise; gottgeweihte Jungfrauen missbrauchten sie schamlos für ihre Lust. Und um es kurz zu sagen: Es reichen keine Worte aus, um vollständig zu beschreiben, wie viel Böses und Abscheuliches sie dem Glauben und den Christen angetan haben.

3. VON DEN GESCHENKEN, DIE DEN PRUSSEN GEMACHT WURDEN, UM IHRE GRAUSAMKEIT ZU MILDERN

Bevor das genannte polnische Land so gründlich verwüstet war, als von ihm noch etwas übrig war, wurde dieser Herzog von ihnen in eine so ausweglose Lage gebracht, dass er, sooft die genannten Prußen ihre Gesandten zu ihm schickten und Pferde und schön gefärbte Kleider verlangten, es keineswegs wagte, ihnen etwas abzuschlagen. Als er aber nichts mehr hatte, womit er sie zufriedenstellen konnte, lud er den Adel und andere mit ihren Frauen zu einem Gastmahl, und als sie fröhlich bei Tisch saßen, aßen und tranken, ließ er heimlich ihre Kleider und Pferde den vorgenannten Gesandten der Heiden schenken. Und das nützte niemandem und konnte ihre Bosheit nicht mildern, denn sie verwüsteten das genannte Land, wie schon oben gesagt wurde.

4. VON DEN BRÜDERN DES ORDENS DER RITTER CHRISTI

Als nun der vorgenannte Herzog sah, dass sein Land in so jämmerlichen Verfall geraten war und er es auf keine Weise verteidigen konnte, stiftete er auf Rat des Bruders Christian, Bischofs von Preußen, und einiger Adliger zum Schutz seines Landes Brüder, die Ritter Christi genannt wurden, mit einem roten Schwert und einem Stern auf weißem Mantel, die damals in den Grenzen Livlands waren und viele Länder der Heiden machtvoll dem christlichen Glauben unterworfen hatten, und der vorgenannte Bischof weihte einen hervorragenden Mann namens Bruno zum Mitglied des genannten Ordens und mit ihm vierzehn andere. Danach errichtete dieser Herzog für diese Brüder eine Burg namens Dobrin, nach der sie später Brüder von Dobrin genannt wurden, und gab ihnen ein Allod oder Gut im Land Kujawien namens Sedlec. Dieser Herzog und die Brüder vereinbarten unter der Bedingung, dass sie das Land der Heiden, das sie sich künftig mit des Herrn Hilfe unterwerfen könnten, zu gleichen Teilen untereinander teilen würden. Als die Prußen dies erfuhren, gerieten sie in noch größere Wut, griffen mit einer gewaltigen Menge von Kriegern mehrmals die genannte Burg Dobrin an und waren diesen Brüdern so feindlich, dass selten einer von ihnen wagte, sich außerhalb der Burg zu zeigen. Und schließlich kam es sogar so weit, dass vier oder fünf Prußen es wagten, in der Umgebung dieser Burg Raub zu treiben.

5. VON DER VERLEIHUNG DES PREUSSENLANDES, DES KULMERLANDES UND DES LÖBAUER LANDES AN DIE BRÜDER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Zur selben Zeit hatte der Orden des Deutschen Hauses dank Bruder Hermann von Salza, seinem Meister, große Fortschritte in der Mehrung der Zahl der Brüder, der Reichtümer, der Macht und der Ehre gemacht, sodass die Kunde von seinem guten Ruf, die sich überall verbreitete, schließlich auch dem genannten Herzog zu Ohren kam. Dies gab seinem Herzen die göttliche Eingebung, dass er die genannten Brüder zum Schutz seines Landes, des Glaubens und der Christen herbeirufen wolle, woraus ersichtlich ist, dass die von ihm zu diesem Zweck gestifteten Brüder Ritter Christi in dieser Sache keinen Erfolg hatten. Und er rief seine Bischöfe und den Adel zusammen, eröffnete ihnen seinen Sinn und bat sie, ihm darin heilsamen Rat zu geben. Sie unterstützten einmütig seinen Willen und fügten hinzu, aus wahrhaftigen Berichten sei ihnen bekannt, dass die genannten Brüder tapfere Ritter seien, von Jugend an in Schlachten gestählt, außerdem seien sie beim Herrn Papst wie beim Kaiser und den Fürsten Alemanniens anerkannt und angesehen, sodass sie unerschütterlich hofften, der Herr Papst werde aus Gunst für sie zum Urheber eines Kreuzzugs zur Hilfe für das genannte Land werden. Darum schickte er offizielle Gesandte mit seinen Urkunden zu dem genannten Bruder Meister Hermann; als sie vor ihm und seinen Brüdern den Grund ihrer Ankunft dargelegt hatten, gab jener Meister nach vielen Beratungen und verschiedenen Verhandlungen, die er mit seinen Brüdern über diese schwierige Sache führte, schließlich auf Weisung des Herrn Papstes und Kaiser Friedrichs II. und der Fürsten Alemanniens, die ihm mit Wort und Tat Hilfe dabei versprachen, der Bitte des genannten Herzogs statt. So schickte der genannte Meister Bruder Konrad von Landsberg und einen weiteren Bruder seines Ordens zu diesem polnischen Herzog, damit sie das Kulmerland durchzögen und in Erfahrung brächten, ob die Gesandtschaft auf seinen Willen hin gekommen sei. Als sie in Abwesenheit des Herzogs in Polen ankamen, kam ein Heer der Prußen und verwüstete das polnische Land mit Feuer und Schwert. Mit diesem Heer ließen sich die genannten Brüder auf Geheiß der Herrin Agafia, der Gemahlin des Herzogs, nachdem sie eine Menge Polen um sich gesammelt hatten, mutig in eine Schlacht ein, doch die Prußen leisteten ihrerseits Widerstand (und die Polen flohen nach dem ersten Zusammenstoß), verwundeten die genannten Brüder tödlich, nahmen den Anführer des polnischen Heeres gefangen, führten ihn fort und töteten viele Menschen. Die vorgenannte Herrin aber ließ nach der Schlacht die auf dem Schlachtfeld zurückgebliebenen halbtoten Brüder zurückbringen und der Pflege von Ärzten übergeben. Als diese Brüder genesen waren, vollendeten sie verständig die ihnen anvertraute Gesandtschaft. Als der vorgenannte Herr Konrad, Herzog von Polen, davon hörte, gab er nach reiflicher Überlegung, wie oben gesagt, auf Rat, mit einmütigem Willen und mit warmer Zustimmung seiner Gemahlin Agafia und seiner Söhne Bolesław, Kasimir und Siemowit den genannten Brüdern des Deutschen Hauses, den gegenwärtigen und künftigen, das Kulmerland und das Löbauer Land sowie das Land, das sie künftig mit Gottes Hilfe aus den Händen der Heiden zurückerobern könnten, mit allen Rechten und Nutzungen, die er und seine Vorfahren besessen hatten, zu ewigem Besitz, ohne sich darin irgendwelche Rechte und Eigentum vorzubehalten, sondern mit Wort und Tat auf alles verzichtend, worauf er selbst oder seine Gemahlin oder seine Kinder oder Nachkommen Anspruch erheben könnten. Und damit diese Schenkung fest und ewig sei und von niemandem künftig aufgehoben werden könne, gab er ihnen mit seinen Siegeln versehene Urkunden. Dies geschah um das Jahr 1226 nach Christi Geburt in Gegenwart der unterzeichneten Zeugen, nämlich Gunther von Masowien, Michael von Kujawien, Christian, der Bischöfe von Preußen, des Propstes Gernold, des Dekans Wilhelm, des älteren und des jüngeren Grafen Pakosław von Dirsovia, des Kanzlers Johannes, des Vizekanzlers Gregor und vieler anderer hervorragender geistlicher und weltlicher Personen.

6. VON DER BEKRÄFTIGUNG DES VORSTEHENDEN UND VON DER ANSPRACHE DES HERRN PAPSTES AN DIE BRÜDER

Als aber diese Verwüstung des polnischen Landes durch die laute Klage des genannten Herzogs der Römischen Kurie zur Kenntnis gelangte, da bestätigte der heiligste Vater und Herr Papst Gregor IX., der Mitleid mit ihm hatte und künftigen Gefahren vorbeugen wollte, die ganze Ordnung, die mit den Brüdern des Deutschen Hauses vernünftig und nach dem angenommenen Brauch festgelegt worden war, im Namen des Herrn und legte den genannten Brüdern zur Vergebung der Sünden auf, die Schmach des gekreuzigten Herrn zu rächen und das den Christen verheißene, von den Heiden besetzte Land zurückzuerobern. Und indem er sie zum Kampf ermutigte, sprach er: „Gürtet euch und seid tapfer und bereit, mit diesen Heiden zu kämpfen, die sich gegen uns versammelt haben, um uns und unser Heiligtum zu verderben, denn es ist besser für uns, im Kampf zu sterben, als das Unglück unseres Volkes und des Heiligtums zu sehen.“ Und um sie in der Standhaftigkeit des Geistes zu stärken, tröstete er sie mit den Worten des Herrn, der zu den Kindern Israels sprach: „Wenn du in einen Krieg ziehst gegen deinen Feind und siehst Pferde und Wagen und ein Volk, das größer ist als du, so fürchte dich nicht vor ihnen, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir“; und etwas weiter fuhr er fort: „Ihr zieht heute in den Kampf gegen eure Feinde: Euer Herz verzage nicht, fürchtet euch nicht, erschreckt nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, euer Gott, geht mit euch, um für euch mit euren Feinden zu streiten und euch zu retten. Denn nicht euer ist der Krieg, sondern Gottes.“ Diese höchste Standhaftigkeit des Geistes besaß Judas Makkabäus, der, mit einer Handvoll Leute gegen eine große Menge Heiden stehend, die Seinen ermutigte und sprach: „Fürchtet euch nicht vor ihrer Menge und erschreckt nicht vor ihrem Angriff. Gedenkt, wie unsere Väter im Roten Meer gerettet wurden, als der Pharao sie mit seinem Heer verfolgte. Und nun lasst uns zum Himmel schreien; vielleicht wird Er sich unser erbarmen, des Bundes mit unseren Vätern gedenken und dieses Heer heute vor unserem Angesicht zerschmettern, und alle Heiden werden erkennen, dass es einen gibt, der Israel befreit und rettet. Fürchtet euch nicht vor den Worten eines sündigen Mannes, denn seine Herrlichkeit wird zu Mist und Würmern werden. Heute brüstet er sich, und morgen wird man ihn nicht finden. Darum, Kinder, eifert für das Gesetz und gebt euer Leben hin für den Bund unserer Väter. Gedenkt der Taten, die sie zu ihrer Zeit vollbracht haben, und ihr werdet großen Ruhm und einen ewigen Namen erlangen. Seid stark und steht mannhaft im Gesetz, denn durch es werdet ihr verherrlicht werden. So sammelt nun alle, die das Gesetz erfüllen, um euch, rächt die Kränkungen eures Volkes und vergeltet den Heiden.“

7. VOM NEUEN KRIEG DER BRÜDER DES DEUTSCHEN HAUSES MIT DEM VOLK DER PRUSSEN

Viele Kriege wurden seit alters mit den Prußen geführt, wie die alten Geschichten berichten: von Julius Caesar, ebenso von neun Brüdern aus Schweden, die Gampti hießen, ebenso von Hugo mit dem Beinamen Potir, schließlich von Bruder Christian, Bischof von Preußen, und den Brüdern Rittern Christi, die Brüder von Dobrin genannt wurden. Doch die Prußen nutzten den günstigen Augenblick, töteten oder verjagten die Anführer und die übrigen, die sie befehligten, warfen so das Joch der Knechtschaft von ihren Nacken ab und verfielen wieder in die früheren Irrtümer. Jetzt sind neue Kriege mit ihnen von den Brüdern des Hospitals St. Marien des Deutschen Hauses zu Jerusalem begonnen worden. Dies sind jene neuen Kriege, die der Herr erwählt hat, um die Tore der Feinde zu zerstören, denn wenn sie einen oder viele Anführer oder Präfekten an einem Tag töten oder vernichten, so erheben sich am selben oder am folgenden Tag an der Stelle der Getöteten andere, bessere oder ihnen ebenbürtige. Nicht so sehr Neues im Krieg als vielmehr in der neuen Art der Kriegführung, denn nicht nur mit fleischlichen, sondern auch mit geistlichen Waffen wird der Sieg über die Feinde errungen, nämlich mit dem Gebet. Darum heißt es in der Schrift von Mose, dass, wenn er betete, Israel über Amalek siegte, wenn er aber aufhörte zu beten, Israel besiegt wurde. Denn von demselben Mose steht im Buch der Weisheit geschrieben, dass er den Verderber nicht mit leiblicher Kraft und nicht mit der Wirkung der Waffen besiegte, sondern mit dem Wort, nämlich mit dem Gebet. Und von ihm heißt es auch im Buch der Richter: „Gedenkt, ihr Knechte Gottes, denn Amalek, der auf seine Bollwerke vertraute, besiegte er nicht kämpfend, sondern Gebete sprechend.“ Auch von den Makkabäern steht geschrieben, dass sie im Chor Gebete emporsandten und die Heere in die Flucht schlugen. Und von Judas Makkabäus heißt es, dass er in zwei Schlachten nicht betete, nämlich gegen Antiochus Eupator, und damals siegte er nicht, sondern wich zurück; in der zweiten gegen Bakchides und Alkimus, und damals fiel er selbst im Kampf, und das Heer der Söhne Israels wandte sich zur Flucht. Es gibt noch eine andere neue Art zu siegen, nämlich die Demut, durch die die Märtyrer Christi ihre Seelen retteten, wovon der Dichter spricht:

Edle Art zu siegen ist die Demut; es siegt, wer

Leidet; willst du siegen, so lerne zu leiden.

Und an anderer Stelle:

Die größte der Tugenden, die Demut, besiegt die Waffenlosen,

Doch nicht selten besiegt sie auch bewaffnete Männer.

Von dieser Demut sagt Gregor: „Ohne Eisen und Feuer können wir Märtyrer werden, wenn wir wahrhaft Demut in der Seele bewahren.“ Darüber auch Hieronymus: „Welcher Heilige hat ohne Demut die Krone empfangen?“ Seit dem Entstehen der Kirche hat es nie daran gefehlt, dass die Ungerechtigkeit triumphierte und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wurde. So haben wir einen neuen Krieg und eine neue Art der Kriegführung, wenn wir die Feinde des Glaubens und der Kirche mit geistlichen Waffen überwinden.

8. VON DEN FLEISCHLICHEN UND GEISTLICHEN WAFFEN

Im Hohenlied steht geschrieben, dass am Turm Davids die Waffen der Starken hingen, und im Buch der Weisheit, dass 60 Starke von den Starken Israels, alle das Schwert haltend und kampferprobt, das Bett Salomos umringten, jeder sein Schwert an der Hüfte wegen des nächtlichen Schreckens. Daraus kann man ersehen, dass die Wächter des Hauptes Jesu Christi Waffen haben müssen, mit denen sie das Bollwerk des Glaubens nach Vertreibung der Angreifer verteidigen und das Bett des Friedens und der Ruhe der heiligen Mutter Kirche behüten. Judit aber wird dafür gerühmt, dass sie Holofernes nicht mit der Wirkung der Waffen, sondern durch Tugend tötete; wer hat auf seinen Bogen vertraut, und sein Schwert hat ihn gerettet? Oder wer hat mit seinem Schwert Land erworben? Darum müssen auch wir, wie der Apostel lehrt, die ganze Waffenrüstung Gottes anlegen, das heißt die Tugenden, die allein, wie Macrobius sagt, den glückseligen Menschen schaffen und ihren Besitzer mit Kraft beschützen. Mit diesen Waffen der Tugend müssen wir uns auch vor den Feinden schützen, wie Boethius sagt: „Wir haben dir solche Waffen gebracht, die dich, wenn du sie nur nicht vorzeitig wegwirfst, mit unüberwindlicher Festigkeit beschützen werden.“ Von den einzelnen Waffenarten aber, fleischlichen und geistlichen, die einander sinnbildlich entsprechen, die die Heilige Schrift erwähnt und mit denen in diesem neuen Krieg des Herrn zu kämpfen ist, wird hier gehandelt.

Vom Langschild

Vom Schild heißt es, dass Salomo 200 große Schilde und 300 kleinere Schilde machte, und der Prediger sagt, dass der Glaube dich besser als ein starker Schild gegen den Feind schützen wird. Unter dem Schild verstehe den Glauben, von dem Paulus sagt: „Vor allem aber ergreift den Schild des Glaubens“, der die Grundlage aller Tugenden ist; ohne ihn verdorrt, wie Augustinus sagt, jede Tugend wie ein Zweig ohne die Kraft der Wurzel; und wie Paulus sagt: „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen“; wenn er aber da ist, so kommen mit ihm alle Güter zu uns. Darum spricht der Herr: „Habt Glauben an Gott; denn wahrlich, ich sage euch, wenn jemand zu diesem Berg spricht: ‚Heb dich und wirf dich ins Meer‘, und zweifelt nicht in seinem Herzen, sondern glaubt, dass geschehen wird, was er sagt, so wird ihm geschehen, was immer er sagt.“ Siehe, so groß ist die Kraft des Glaubens. Dies ist der unüberwindliche Schild, mit dem Joschafat, der König von Juda, das zitternde Volk ermutigte, indem er sprach: „Glaubt an den Herrn, unseren Gott, so werdet ihr fest sein, und es wird euch gelingen“; darum geschah es, dass die Ammoniter und Moabiter, die sich gegeneinander wandten, an den einander zugefügten Wunden zugrunde gingen, denn es blieb keiner übrig, der dem Tod hätte entrinnen können. Großen Glaubens voll war das Wort, als David vor dem Kampf mit Goliat sprach: „Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Schild, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn“, und der Herr gab ihn in seine Hand. O, wie groß war der Glaube in Jonatan und Judas Makkabäus, als sie sagten: „Für den Herrn ist es nicht schwer, durch viele oder wenige zu retten.“ Hier wurden von Jonatan und seinem Waffenträger 20 Mann auf einem halben Feld erschlagen, das ein Gespann Ochsen an einem Tag pflügt, und es entstand ein Schrecken im Volk der Philister. Und Seron wurde von Judas und seinem Heer geschlagen. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: Wer überwindet die Welt, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist; er spricht: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ So bedenke immer wieder den ganzen Text des Evangeliums, und wie ein doppeltes Heil des Fleisches und des Geistes wirst du finden, dass der Spruch des Herrn bekräftigt: „Dein Glaube wird dich retten.“

Vom Schwert

Vom Schwert heißt es, dass Jeremia die Rechte ausstreckte und Judas ein Schwert gab und sprach: „Nimm dieses heilige Schwert, eine Gabe von Gott, mit dem du die Feinde meines Volkes Israel zerschmettern wirst.“ Dieses Schwert, o mächtige Ritter Christi, wird wie das Schwert Sauls niemals leer zurückkehren, denn es wird sich an den Feinden des Kreuzes Christi sättigen: Draußen wird das Schwert sie verderben, in den Häusern der Schrecken, den Jüngling wie die Jungfrau, den Säugling wie den Greis, damit, wann immer einer der Feinde ihnen begegnet, sie stets sagen: „Das ist nichts anderes als das Schwert Gideons“, das heißt der christlichen Ritterschaft. Unter dem Schwert verstehe die gerechten Werke, denn der Glaube ohne Werke ist tot. Wenn andere Waffen den Leib vor dem Schlag des Feindes schützen, so ist das Schwert auf die Tat gerichtet, mit der der Gegner niedergeworfen wird, und da es zweischneidig ist, so schützen auch die gerechten Werke einerseits den, der sie vollbringt, vor der Todsünde, andererseits führen sie zur ewigen Freude.

Von der Lanze

Von der Lanze heißt es, dass Jojada, der Priester, den Obersten über die Hundertschaften, die Wache am Haus des Herrn hielten, Lanzen austeilte. Dies sind die Lanzen, die Joab, der Heerführer, Absalom ins Herz stieß, der seinen Vater David verfolgte. Unter der Lanze, die gerade ist, verstehe die aufrichtige Absicht, und nach der Lehre des Apostels: „Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn, und ob ihr esst oder trinkt oder was ihr sonst tut, das tut alles zur Ehre Gottes.“ Darum ist die Lanze Lohn und Verdienst eines jeden Werkes, denn niemals bringt eine böse Absicht ein gutes Werk hervor, und umgekehrt.

Vom Rundschild

Vom Schild gebietet Jesaja: „Steht auf, ihr Fürsten, salbt die Schilde.“ Und der Herr sprach zu Josua: „Strecke die Lanze, die in deiner Hand ist, gegen Ai aus, denn ich will es in deine Hand geben“, und dort weiter: „Josua zog seine Hand, die er mit der Lanze ausgestreckt hatte, nicht zurück, bis er alle Bewohner von Ai dem Bann übergeben hatte.“ So sollen die auserwählten Streiter handeln und nicht wie Saul, von dem es in der Schrift heißt, dass der Schild der Starken niedergeworfen ist, der Schild Sauls, als wäre er nicht mit Öl gesalbt. Unter dem Schild verstehe das Wort Gottes, das uns in allen guten Werken unterweist, wovon es heißt: „Das Wort Gottes ist ein feuriger Schild allen, die auf Ihn vertrauen.“ Feurig wird er darum genannt, weil er vor allen feurigen Pfeilen des Teufels schützt. Davon heißt es, dass Judas Makkabäus jeden seiner Leute nicht mit Schilden und Lanzen bewaffnete, sondern mit überzeugenden guten Reden. Überzeugend gut aber heißen sie darum, weil das Wort Gottes vollbringt, was Gott gefällt, und ausführt, wozu es gesandt ist. Wenn es dem einen nicht vergilt, so nützt es dem anderen; niemals kehrt es vergeblich zurück.

Vom Panzer

Vom Panzer heißt es, dass Judas Makkabäus den Panzer anlegte wie ein Riese und sein Heer beschützte. Unter dem Panzer verstehe die Gerechtigkeit, von der der Apostel sagt: „Zieht an den Panzer der Gerechtigkeit.“ Diese Gerechtigkeit gibt jedem das Seine: Gott die Demut des Gehorsams, wovon der Herr sagt: „So gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“; dem Nächsten das Mitgefühl, weshalb Gregor sagt: „Die wahre Gerechtigkeit hat Mitgefühl, die falsche Entrüstung; sich selbst die Zähmung des Fleisches, denn es ist gerecht, dass das Fleisch wie eine Magd unter dem Joch der Seele steht“, weshalb der Prediger sagt: „Mein Sohn, willst du Gott dienen, so bereite deine Seele auf Anfechtung vor“, – und etwas weiter fährt er fort: „Für die Wahrheit kämpfen heißt für deine Seele opfern, und kämpfe für die Wahrheit bis in den Tod, und Gott der Herr wird für dich streiten.“ Und dann wird sich erfüllen, was im Psalm steht: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“, andernfalls wird kein Friede sein, sondern das Fleisch begehrt stets gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch.

Von Bogen und Köcher

Von Bogen und Köcher sprach Isaak zu seinem Sohn Esau: „Nimm dein Gerät, deinen Köcher und deinen Bogen.“

Vom Pfeil

Vom Pfeil sagt Jesaja: „Der Herr hat den Geist der Könige von Medien gegen Babel erweckt, füllt die Köcher mit Pfeilen“; es erfülle sich das Wort des Herrn an den Feinden des Kreuzes Christi: „Ich will Unglück über sie häufen und meine Pfeile an ihnen verschießen.“ Unter diesen dreien verstehe die drei, die jeder Religion zugrunde liegen, nämlich Demut, Keuschheit und Armut. Durch den Bogen wird die Demut bezeichnet, denn wie er sich biegt, krümmt und wieder streckt, ohne zu brechen, so muss sich der Fromme unter Glücklichen und Widersachern gleichmütig und klaglos durch Demut beugen und wieder aufrichten. Von dieser Biegsamkeit der Demut sagt Isaak, als er seinen Sohn Jakob segnet: „Sei Herr über deine Brüder, und die Söhne deiner Mutter sollen sich vor dir beugen“; wie der Demütige mit Jesaja sagen kann: „Der Herr hat Seinen Bogen gespannt und mich gleichsam zum Ziel für die Pfeile gesetzt.“ O, wie straff spannt sich der Bogen dieser Demut dort, wo der Gläubige in der Schlacht, obwohl er sieht, dass ihm der Tod droht, nicht zurückzuweichen wagt. Hier ist Gehorsam besser als Opfer, denn, wie Gregor sagt, durch das Opfer wird fremdes, durch die Demut das eigene Fleisch geehrt. Unter den Pfeilen wird die Keuschheit verstanden, denn wie der Pfeil, so heißt es, von sagio, sagis kommt, das heißt „weise handeln“ oder „weissagen“, so ziemt es dem Menschen, um in Keuschheit leben zu können, die natürliche Kraft gemäß seiner Seele weise gegen die Empfindung des Fleisches zu richten, das stets zum Bösen neigt, und es obliegt ihm zu weissagen, das heißt, Gottes voll zu werden, denn keusch werden kann man nur nach Gottes Willen. Wie der Pfeil von zwei Federn nach Art eines Vogels bewegt wird, um den Feind schnell zu treffen, so bedient sich auch die Keuschheit, um seit alters mit Keuschheit den Feind zu treffen, zweier Pfeile, nämlich der Erneuerung des alten Lebens und des Nutzens der Erneuerung. Von diesen zwei Federn sagt Jesaja: „Die auf den Herrn hoffen, werden an Kraft erneuert werden“, nämlich die fleischliche gegen die geistliche eintauschen, sie werden Federn bekommen wie Adler, die, wenn sie sich erneuern wollen, die alten Federn abwerfen und sich mit neuen bedecken. Dazu ruft uns der Apostel auf, indem er sagt: „Legt die frühere Lebensweise des alten Menschen ab, der in trügerischen Begierden vergeht, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist.“ Und so wird deine Jugend erneuert werden wie die eines Adlers, und du wirst in der Vollkommenheit der Keuschheit fliegen und nicht zugrunde gehen, denn der Pfeil Jonatans kehrt niemals zurück. So kann das Fleisch des keuschen Menschen mit Hiob sagen: „Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, ihr Gift trinkt mein Geist“, nämlich das der Üppigkeit. Wie groß die Empörung der Keuschheit gegen die Üppigkeit ist und wie sie sich empört, weiß nur, wer es erfahren hat. Vom Nutzen der Erneuerung sagt Bernhard: „Was ist schöner als die Keuschheit, die aus dem in unreinem Samen Gezeugten einen Reinen macht, aus dem Feind einen Nahestehenden, schließlich aus dem Menschen einen Engel?“ Auch Judit handelte mannhaft, tötete Holofernes und befreite das Volk Gottes aus den Gefahren, weil sie die Keuschheit liebte. O, wie schön und nützlich ist ein keusches Geschlecht! Durch den Köcher, der dazu bestimmt ist, die Pfeile aufzubewahren, wird die Armut bezeichnet, denn wie der Pfeil im Köcher verborgen und bewahrt wird, so die Keuschheit in der Armut, denn die genusssüchtige Witwe ist lebendig tot. Darum kann die Keuschheit dasselbe sagen wie Jesaja: „Und der Herr hat mich zum geschärften Pfeil gemacht; in Seinem Köcher hat Er mich bewahrt.“ Und nicht genug ist den Frommen diese Armut, wovon Bernhard sagt: „Sie wollen arm sein unter der Bedingung, dass ihnen an nichts mangelt, und so ehren sie die Armut, dass sie keinerlei Not leiden“; sondern jene freiwillige, entbehrungsreiche Armut, von der der Herr sagt: „Selig sind die geistlich Armen“, was nach Bernhard bedeutet: mit geistlicher Absicht und geistlichem Verlangen allein um des Wohlgefallens Gottes und des Seelenheils willen. Dies waren die Köcher der Knechte Hadad-Esers, was „der vornehmste Scheider“ bedeutet, denn er scheidet die Armut von den Reichtümern. Diese Köcher trug David vor dem Angesicht des Unvergesslichen, Christus, in den auch die Engel zu schauen begehren, das heißt, er brachte sie in diese Welt und trug sie nach Jerusalem, wo Er nackt am Kreuz gekreuzigt wurde, damit wir in den Spuren Seiner Armut gingen. Diese Armut ist heilend, denn, wie Gregor sagt, jene, die die Krankheit des Hochmuts befällt, heilt die Arznei der Armut: Denn die Armut tötet den Hochmut und erstickt die zwei Blutegel der Hölle – Habgier und Üppigkeit.

Von der Schleuder

Von der Schleuder heißt es bei Sacharja: „Der Herr Zebaoth wird sie beschützen, und sie werden vertilgen und die Schleudersteine niedertreten.“ Wir lesen auch im Buch der Könige, dass Er die Seele der Feinde Davids wie mit einer Schleuder fortschleudern wird. Dies ist die Schleuder, aus der David einen Stein warf und den Philister an die Stirn traf, und der Stein fuhr in seine Stirn, und er fiel auf sein Angesicht zur Erde, und so überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und tötete den betäubten Philister.

Vom Stab

Vom Stab spricht der Herr durch Jesaja: „O Assur, du Stab meines Zorns! und Geißel“; und etwas weiter fährt Er fort: „Er wird dich mit dem Stab schlagen und seinen Stock gegen dich erheben wie Ägypten.“ Von der geistlichen Bedeutung des Stabes und der Schleuder steht geschrieben, dass David, als er mit Goliat kämpfen wollte, den Hirtenstab trug, den er stets bei sich hatte, und fünf glatte Steine auswählte, die er in die Hirtentasche legte, die Schleuder aber in der Hand trug, und den bewaffneten Philister tötete. Unter dem bewaffneten Philister verstehe den Teufel, der zur Versuchung bereit ist. Sei du also ein David mit starker Hand, ein Büßender, und habe stets den Stab des Heiligen Kreuzes bei dir und wähle fünf Steine aus, das heißt die fünf Wunden Christi, und lege sie in die Hirtentasche, das heißt in deine Seele, und umwickle die Hand mit der Schleuder, das heißt mit der Erinnerung an all dies, und schlage ihn, damit er dich in der Versuchung nicht überwinde. Mehr noch, wenn nur dieser Stab des Heiligen Kreuzes nach dem Rat des Propheten Elischa auf das Gesicht des toten Kindes gelegt wird, das heißt dessen, der wie ein Kind in der Sünde lebt, so wird es lebendig werden.

Vom Helm

Vom Helm heißt es, dass Saul David seine Kleider anzog und ihm einen ehernen Helm aufs Haupt setzte. Und der Herr sprach durch Jeremia: „Zieht in den Kampf; sattelt die Pferde und sitzt auf, ihr Reiter, und stellt euch auf in Helmen.“ Durch den Helm wird das Heil bezeichnet, das der Mensch von Gott durch diese Waffen der Tugenden empfängt. Davon sagt der Apostel: „Und nehmt den Helm des Heils“; und Jesaja: „Er legte Gerechtigkeit an wie einen Panzer und den Helm des Heils auf Sein Haupt.“ O, in welcher Sicherheit wirst du im Kampf sein, wenn du dich mit diesen Waffen umgibst, und der Herr, der Gott deines Heils, wird dein Heil sein bis an die Enden der Erde. Dies sind die Waffen, mit denen der Patriarch Jakob ein Stück Land aus der Hand der Amoriter mit Schwert und Bogen nahm und es seinem Sohn Josef gab, mit denen auch die Söhne Israels das von Eroberern verwüstete Heilige Land erlangten, David die Feinde seines Reiches besiegte und die Makkabäer die zerstörte heilige Stadt Jerusalem wiederherstellten und den Tempel Gottes, der durch den Unrat der Heiden entweiht war, reinigten, nachdem sie die Feinde getötet hatten. O tapferste Ritter und ruhmreiche Streiter, legt diese Waffen an und rächt die Schmach des gekreuzigten Herrn und erobert das Heilige Land zurück, das den Christen verheißen und von den Heiden besetzt ist! Seid stark, und eure Hände sollen im Kampf nicht erlahmen. Denn es gibt einen Lohn für eure Taten, jenen Lohn, von dem der Herr zu Abraham sprach: „Dein Lohn wird groß sein.“ Wenn euch die Mühen schrecken, so schaut auf den Lohn, wissend, dass, wie die Laster niemals ungestraft bleiben, so auch die Tugenden nicht ohne Lohn bleiben, und der Lohn der Tugend wird Der sein, der die Tugend gegeben hat.

9. VOM GEBRAUCH DER FLEISCHLICHEN UND GEISTLICHEN WAFFEN

Es gibt sechs Gründe, warum wir fleischliche und geistliche Waffen gebrauchen. Der erste ist die Übung, damit wir uns in Kämpfen üben nach dem Willen Gottes, der viele Heiden unter die Kinder Israels verteilte, um Israel und alle, die nichts von all den Kriegen Kanaans wussten, durch sie zu versuchen, und damit ihre Kinder lernten, mit den Feinden zu kämpfen, und Krieg zu führen verstünden. Wer aber wird im Kampf bestehen, wenn nicht der, der die Waffen geschickt führt? Darum veranstaltet man in Friedenszeiten Turniere und andere Kriegsspiele zur Übung, damit im Kriegsfall, wenn die Feinde vor den Toren stehen, keiner da sei, der, unfähig, mit Waffen umzugehen, nicht wie David sagen müsste: „Ich kann darin nicht gehen“, und nicht gegen die Feinde ausziehen könnte, weil er waffenlos ist. Da aber das Leben des Menschen auf Erden ein Kriegsdienst ist, so betritt der Mensch, sobald er in die Welt kommt, das Schlachtfeld, um gegen die höllischen Mächte der Luft zu kämpfen, und die Waffen unseres Kriegsdienstes sind nicht fleischlich, sondern mächtig durch Gott. Darum müssen wir nach der Lehre des Apostels die Waffen Gottes anlegen, das heißt die Tugenden, die von dem einen Gott kommen, der Seinem Volk Tugend und Kraft gibt, und uns in ihnen üben, damit wir am bösen Tag der Versuchung widerstehen können und damit die Tugenden in uns durch Übung zunehmen, wie Chrysostomus sagt: „Wie jede leibliche Kunst durch Übung erhalten, vermehrt und vervollkommnet wird, so wird auch jede Tugend durch Übung vermehrt, durch Müßiggang vermindert.“ Der zweite Grund, weshalb wir fleischliche Waffen gebrauchen, sind die Ränke der Feinde. Darum saßen die Söhne Israels, aus Furcht vor den Ränken der Feinde, mit Kriegswaffen an Orten nahe den Wegen und hielten Tag und Nacht Wache. Auch von Judas Makkabäus steht geschrieben, dass er an den nötigen Stellen bewaffnete Söhne Israels in Bereitschaft aufstellte, damit von den Feinden nicht plötzlich irgendeine Untat ausgehe. Eben dazu gebrauchen wir die geistlichen Waffen, wie der Apostel sagt: „Seid stark in dem Herrn und in der Macht Seiner Stärke; zieht an die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels“, der uns auflauert wie ein Löwe in seiner Höhle. Dies ist jener Löwe, unser Widersacher, der Teufel, der sucht, wen er verschlinge, und dem wir fest im Glauben widerstehen müssen. Der dritte Grund, weshalb wir fleischliche Waffen gebrauchen, ist der offene Angriff der Feinde. Darum heißt es im Buch der Makkabäer, dass, als Lysias, auf die Zahl der Krieger vertrauend, gar nicht an die Macht Gottes dachte, sondern in ungezügeltem Sinn die heilige Stadt Jerusalem und den Tempel Gottes zerstören wollte und die Festung schon umzingelt hatte, die Makkabäer, nachdem sie die Waffen ergriffen hatten, und alle, die bei ihm waren, als sie davon erfuhren, unter Wehklagen und Tränen zum Herrn schrien, Er möge ihnen zur Rettung einen guten Engel senden. Sie stärkten sich an Geist und Kräften, stürzten sich auf sie und vernichteten von ihnen 11 Tausend Fußsoldaten und tausendsechshundert Reiter, alle übrigen aber schlugen sie in die Flucht; viele von ihnen retteten sich verwundet und entblößt, und Lysias selbst rettete sich durch schmähliche Flucht. Dies ist der Grund, weshalb die Brüder des Deutschen Hauses seit ihrer Ankunft im Preußenland bis auf den heutigen Tag ständig das Schwert gebrauchen, um zur Hand zu haben, womit sie sich verteidigen können, wenn sich gegen sie von Seiten der Feinde plötzlich offene oder geheime Ränke erheben. Ebenso gebrauchen wir die Waffen der Tugend gegen die offenen Ränke des Teufels. Darum sagt der Apostel: „Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise; die Waffen unseres Kriegsdienstes sind nicht fleischlich, Glosse: das heißt vergänglich, sondern mächtig, das heißt stark durch Gott, das heißt durch Gott, zur Zerstörung von Bollwerken, das heißt der Ränke des Teufels, mit ihnen stürzen wir die Anschläge, nämlich die Untaten der Dämonen, und jede Überhebung, das heißt die Tiefe des Verstandes, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, das heißt gegen den Glauben.“ Sei also stets in der vollen Rüstung der Tugend bereit gegen die Ränke des Teufels, denn, wie Bischof Paulinus an Augustinus schrieb, „dieser unser Feind hat tausend Arten, uns zu schaden; wir müssen ihn mit ebenso vielfältigen Waffen bekämpfen wie die, mit denen er uns verfolgt“. Wenn er dich offen oder heimlich mit dem Laster des Hochmuts angreift, so stelle zu deinem Schutz die Tugend der Demut entgegen, und er wird vor dir fliehen. Und so verfahre bei allen Sünden. Wenn du zu deinem Schutz die Waffen der Tugend entgegenstellst, wirst du als Sieger hervorgehen. Der vierte Grund, weshalb wir fleischliche Waffen gebrauchen, ist der Friede, damit wir unsere Güter in Sicherheit besitzen können. Darum sagt der Herr: „Wenn ein Starker in Waffen sein Haus bewacht, so ist sein Besitz in Sicherheit. So leben wir nur dann in Frieden, wenn wir die Waffen der Tugend gebrauchen, die Gottlosen aber haben keinen Frieden.“ Darum sagt der Prediger: „Reiche Männer, mit Kraft begabt, wohnten friedlich in ihren Häusern. Sie alle waren geachtet unter ihren Stämmen und in ihren Tagen ein Ruhm.“ Darum sagt Baruch: „Wärest du auf dem Weg Gottes gewandelt, so hättest du im Frieden gewohnt in Ewigkeit.“ Darum sagt auch Salomo: „Wenn dem Herrn die Wege eines Menschen gefallen, so versöhnt er auch seine Feinde mit ihm.“ Der fünfte Grund ist, dass wir das Verlorene zurückgewinnen. So zogen die Kinder Israels in voller Rüstung in das verheißene Land, das Gott ihren Vätern gegeben hatte, und gewannen es, das von Feinden besetzt war, aus der Hand der Feinde zurück. So wird das Himmelreich, das wir durch die Sünden verlieren, mit der Kraft der Tugend genommen, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich und besitzen es ewig. Die Glosse lautet: Es bedarf großer Anstrengung, auf Erden geboren zu werden und durch Tugend den Himmel zu erlangen, den wir von Natur aus nicht besitzen können. Der sechste Grund ist die Abschreckung, damit die Feinde beim Anblick der Waffen in Furcht geraten, wie Judit sagte, nachdem sie Holofernes getötet hatte: „Wenn die Sonne aufgeht, nehme jeder seine Kriegswaffen, zieht schnell hinaus, nicht um in die Ebene hinabzusteigen, sondern als ob ihr einen Angriff unternehmt, damit die Wache des Holofernes es höre und, wenn sie ihn weckt, ihn in seinem Blut schwimmend finde, und dann wird Furcht über sie kommen und sie werden fliehen.“ So gebrauchen auch wir die Waffen der Tugend, um zu zeigen, dass wir im Dienst dessen stehen, der der König der Könige und der Herr der Herren ist. Dazu ermahnt uns der Apostel, indem er sagt: „In allem erweisen wir uns als Diener Gottes, in großer Geduld usw. mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Kraft Gottes.“ Die Waffe der Kraft Gottes ist die Gerechtigkeit, die uns lehrt, jedem nach Verdienst zu vergelten, nämlich die Welt und alles Weltliche zu verlassen und Gott anzuhangen, der auf Sein Banner, das Er uns zu tragen hinterlassen hat, ein Zeichen gesetzt hat, von dem bei der Geburt des Herrn der Engel zu den Weisen sprach: „Dies ist das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegend.“ Damit sind drei Tugenden bezeichnet, nämlich die Demut (die Kindheit) im Gegensatz zum Hochmut, die Armut (die Windeln) im Gegensatz zur Habgier und die Strenge (die Krippe) im Gegensatz zur Zügellosigkeit des Fleisches. Erhebt dieses Banner und stellt es vor dem Teufel auf, und Furcht wird ihn ergreifen, und er wird fliehen.

10. VON DER ERSTEN BURG DER BRÜDER DES DEUTSCHEN HAUSES, DIE VOGELSANG HIESS

Nachdem die für den Kampf nötigen Waffen bestimmt sind, gilt es, sich dem Vorliegenden zuzuwenden. Nachdem die genannten Brüder des Deutschen Hauses, nämlich Bruder Konrad und sein Gefährte, im Preußenland, das ihnen von dem genannten polnischen Herzog schon längst übergeben worden war, nicht wussten, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten, beschlossen sie, von fern heranzurücken, um zwischen sich und den genannten Prußen zur Sicherheit die Weichsel zu haben. Sie baten den genannten Herzog, ihnen eine Burg zu bauen, und er, ein durchaus frommer Mann und Eiferer für den Glauben, beherzigte jenen dichterischen Spruch: „Der hat die Hälfte getan, der gut begonnen hat“, sammelte seine Leute und baute ihnen gegenüber der heutigen Stadt Thorn auf einem Berg eine Burg namens Vogelsang, was ins Lateinische übersetzt „Gesang der Vögel“ bedeutet, wo die Brüder mit einer Handvoll Knappen, einer zahllosen Menge Heiden Widerstand leistend, ein Lied der Trauer und des Kummers sangen.

Thorn

„Die Ankunft der Deutschordensritter im Kulmerland“ (1713). Das Werk wird im Altstädtischen Rathaus von Thorn ausgestellt und ist eine wörtliche Illustration dieser Episode der Chronik. Das Gemälde zeigt die Begegnung Herzog Konrads von Masowien mit Kaiser Friedrich II. und die Verteidigung der legendären Festung auf der mächtigen Eiche gegen die Prußen (der Maler stellte sie als Sarazenen dar).

Denn sie hatten das süße Land ihrer Heimat verlassen und ein fremdes betreten, in dem viele Jahre der Erniedrigung auf sie warteten, und es gab damals keine Hoffnung, dass sie in der vierten oder sechsten Generation von dort zurückkehren würden. Sie zogen aus einem reichen, friedlichen und ruhigen Land fort und kamen in ein Land voller Schrecken, unbebauter Weiten und grausamer Kämpfe. Abschließend sage ich, dass sie, nachdem sie von allem Weltlichen Üppigkeit, Freiheit, Bequemlichkeit und Ehren hinter sich gelassen hatten, hungernd und dürstend, demütig dem Hunger und jeder Art von Verachtung und Erniedrigung entgegengehend, sich mit unendlichen Mühen, Entbehrungen und Gefahren verbanden. Sie konnten mit Petrus sagen: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir nachgefolgt, Christus; was wird uns dafür?“ Wenn die Krone Deines Ruhmes im Himmel ist, o allgütiger Christus, Krone aller Heiligen, so verdienen sie es, von Dir gekrönt zu werden, die so viel für Dich erlitten haben. Wahrhaftig erfüllte sich an ihnen, was Gott durch Jesaja sprach: „Der Herr wird Zion trösten, Er wird alle seine Trümmer trösten und seine Wüsten wie Eden machen und seine Steppe wie den Garten des Herrn; Freude und Wonne wird darin sein, Lobpreis und Gesang.“

11. VON DER ANKUNFT VIELER BRÜDER DES DEUTSCHEN HAUSES UND VOM BAU DER BURG NESSAU

Als diese Burg gebaut war, sandte der vorgenannte Bruder Konrad Boten zu dem ehrwürdigen und frommen Bruder Hermann von Salza, dem Hochmeister des Deutschen Hauses, und berichtete ihm über alles, was in der ihm aufgetragenen Sache getan worden war, und bat demütig und untertänigst, er möge ihm noch Brüder und Knappen schicken. Dieser erhörte seine Bitten und schickte ihm als Meister Bruder Hermann mit dem Beinamen Balk und sprach zu ihm wie der Herr zu Josua: „Sei fest und mutig, denn du führst die Söhne Israels, das heißt deine Brüder, in das Land, das der Herr ihnen zu geben geschworen hat, und Gott wird mit dir sein.“ Ebenso gab er ihm Bruder Dietrich von Bernheim als Marschall, Bruder Konrad von Tüttleben, einst Kämmerer der heiligen Elisabeth, Bruder Heinrich von Berg, einen Thüringer, und Bruder Heinrich von Kitz aus dem Dorf Wittkendorf mit vielen Knappen und Pferden als Helfer bei. Als sie auf der Burg Vogelsang ankamen, bauten sie am Unterlauf der Weichsel die Burg Nessau. Und als die Brüder auf dieser Burg lebten, fielen die Prußen feindlich in Polen ein, und als sie sahen, dass bewaffnete Brüder sie verfolgten, wunderten sie sich überaus, woher und wozu sie gekommen seien. Ihnen antwortete ein Pole, den sie gefangen mit sich führten, dies seien fromme Leute und tapfere Ritter, vom Herrn Papst aus Alemannien gesandt, um mit ihnen Krieg zu führen, bis sie ihren starrsinnigen und unbeugsamen Nacken der heiligen Römischen Kirche unterworfen hätten. Als sie das hörten, zogen sie sich grinsend zurück.

12. VON BRUDER HERMANN, DEM I. MEISTER DES PREUSSENLANDES VOM ORDEN DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Hermann mit dem Beinamen Balk, I. Meister des Hospitals der allerheiligsten Maria des Deutschen Hauses zu Jerusalem im Preußenland, stand ihm 12 Jahre vor. Er war auch I. Meister des Livländischen Landes, wo er fast 6 Jahre an der Spitze des Ordens stand, und nachdem er beide Länder in guten Zustand gebracht und den Krieg sehr erfolgreich geführt hatte, wie weiter unten erzählt wird, kehrte er, von Alter und Mühen beschwert, nach Alemannien zurück und starb dort und ist dort begraben. Wie ruhmreich er in all seinen Taten war, bezeugen seine wunderbaren Werke.

13. VOM KREUZ UND VOM SÜNDENABLASS DER KREUZFAHRER DES PREUSSISCHEN UND LIVLÄNDISCHEN LANDES

Inzwischen kam Bruder Hermann von Salza, der Hochmeister, ein weitblickender und in allem umsichtiger Mann, zum Herrn Papst und erbat und erhielt unter anderen Bitten auch das Kreuz, um im Namen des apostolischen Stuhles in den Königreichen und Provinzen zu predigen, die damals zur Hilfe für das Preußenland bestimmt waren, und jener Papst und danach Papst Innozenz IV. gewährten den Pilgern, die Preußen und Livland besuchten, Privilegien und Ablässe, wie sie denen gewährt wurden, die nach Jerusalem zogen.


Teil III

VON DEN KRIEGEN DER BRÜDER DES DEUTSCHEN HAUSES MIT DEN PRUSSEN

1. UND ZUERST VOM KRIEG MIT DEN BEWOHNERN DES KULMERLANDES

Bruder Hermann Balk, Meister von Preußen, bestrebt, dem Werk des Glaubens zu folgen, zog zusammen mit dem vorgenannten Herzog und der Macht seines Heeres über die Weichsel in das Kulmerland und baute am Ufer, am Unterlauf des Flusses, im Jahr 1231 die Burg Thorn. Dieser Bau wurde in einem Eichenbaum angelegt, in dem Befestigungen zur Verteidigung eingerichtet waren; von allen Seiten umgaben sie sich mit Verhauen; der Zugang zur Burg war nur ein einziger. Diese sieben Brüder hatten Schiffe bei sich, damit sie sich im Fall eines Angriffs der Prußen auf den Schiffen nach Nessau zurückziehen könnten, wenn ausweglose Umstände sie dazu zwängen. Mit der Zeit errichteten sie um die genannte Burg eine Stadt, die sie später, die Burg verlassend, wegen der ständigen Überschwemmungen des Flusses an den Ort verlegten, wo sich heute sowohl die Burg als auch die Stadt Thorn befinden.

2. BESCHREIBUNG DES PREUSSENLANDES

Das Preußenland hat als Grenzen, innerhalb derer es liegt, die Weichsel, das Salzmeer, die Memel, das Land Russland, das Herzogtum Masowien und das Herzogtum Dobrin. Die Weichsel ist ein Fluss, der aus dem Krakauer Land in das Pommersche Land fließt und bei der Feste Danzig ins Meer mündet und Polen und Pommern von Preußen trennt. Die Memel ist ebenfalls ein Fluss, der aus dem Königreich Russland kommt und neben der Burg und der Stadt Memelburg ins Meer mündet und Russland selbst, Litauen und Kurland ebenfalls von Preußen trennt.

3. VON DER VIELFALT UND DER MACHT DER PRUSSEN

Das Preußenland war in 11 Teile geteilt. Der erste war das Kulmerland und Löbau, das vor der Ankunft der Brüder des Deutschen Hauses fast unbewohnt war. Der zweite Pomesanien, in dem die Pomesanier lebten. Der dritte Pogesanien, in dem die Pogesanier lebten. Der vierte Ermland, in dem die Ermländer lebten. Der fünfte Natangen, in dem die Natanger lebten. Der sechste Samland, in dem die Samländer lebten. Der siebte Nadrauen, in dem die Nadrauer lebten. Der achte Schalauen, in dem die Schalauer lebten. Der neunte Sudauen, in dem die Sudauer lebten. Der zehnte Galinden, in dem die Galinder lebten. Der elfte Barten und Plika Barten, die heute Groß- und Klein-Barten heißen, in dem die Barter oder Bartenser lebten. Kaum eines dieser Völker hatte nicht für die Schlachten zweitausend Reiter und viele Tausend Krieger. Das reiche und volkreiche Samland konnte viertausend Reiter und 40 Tausend Krieger aufbieten. Die edlen Sudauer zeichneten sich wie durch Adel der Sitten unter den übrigen aus, so übertrafen sie sie auch an Reichtum und Macht. Denn sie hatten sechstausend Reiter und eine fast zahllose Menge anderer Krieger. Jedes dieser heidnischen Völker hatte viele feste Burgen, deren Aufzählung zu lange dauern würde. Siehe also das große Zeichen Gottes und die mächtigen Wunder! Sieben Brüder des Deutschen Hauses mit einer Handvoll Knappen, die im Kulmerland auf einer Eiche eine Befestigung gebaut hatten, wie gesagt wurde, wagten es zuerst, gegen eine so gewaltige und zahllose Menge Heiden anzutreten, und mit der Zeit, in 53 Jahren, schlugen sie sie so, dass keiner übrig blieb, der seinen Nacken nicht unter das Joch des Glaubens gebeugt hätte, mit der Hilfe des Herrn Jesus Christus, gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

4. VON DER VERWÜSTUNG DES LANDES GALINDEN

Die Galinder mehrten sich und vervielfältigten sich und wuchsen und wurden überaus stark, und ihr Land wurde voll von ihnen, sodass es sie keineswegs mehr fassen konnte. Darum, wie der Pharao den Hebammen sagte, um das Volk Israel zu vernichten: „Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist es aber eine Tochter, so lasst sie leben“, so schien es auch diesen vernünftig, jedes neugeborene Kind weiblichen Geschlechts zu töten, das männliche aber für den Krieg zu bewahren. Und da sie mit dieser Vorschrift keinen Erfolg hatten, denn die Frauen, die Anmut der Neugeborenen sehend, ließen sie [die Mädchen. – V. M.] heimlich am Leben, schnitten sie nach gemeinsamem Rat und Beschluss, damit sie kein Kind mehr stillen könnten, allen ihren Frauen die Brüste ab. Nach dieser niederträchtigen und abscheulichen Tat gingen die empörten Frauen zu einer Herrin, die nach ihrem Brauch als Heilige und Prophetin verehrt wurde und nach deren Willen alle Taten in diesem Land geschahen, und baten sie, in dieser Sache eine heilsame Entscheidung zu fällen. Sie, mit ihrem Geschlecht Mitleid habend, rief die besten Männer des ganzen Landes zu sich und sprach zu ihnen: „Eure Götter wollen, dass ihr alle ohne Waffen und Rüstungen oder andere Schutzmittel in den Krieg gegen die Christen zieht.“ Als sie das hörten, gehorchten sie sogleich, und alle, die zum Kriegsdienst taugten, zogen frohen Herzens in das benachbarte christliche Land. Von dort führten sie eine Menge Menschen und Vieh fort, von den übrigen angerichteten Übeln ganz zu schweigen. Bei ihrer Rückkehr meldeten einige der unbemerkt entflohenen Gefangenen, die zu den Christen zurückkehrten, diesen, dass es im ganzen Heer der Heiden keine Waffen und überhaupt nichts gebe, womit sie sich verteidigen könnten, und beschworen sie bei Treu und Glauben, kühn auszuziehen und mit ihnen zu kämpfen. Durch diese Worte ermutigt, jagten die Christen ihnen in gewaltiger Schar nach, griffen sie an und töteten alle, ohne auf Widerstand zu stoßen; als die Sudauer und die übrigen benachbarten Völker davon erfuhren, drangen sie in das vorgenannte Land Galinden ein und führten die Frauen und Kinder und die übrigen Überlebenden in ewige Knechtschaft, und so bleibt dieses Land bis auf den heutigen Tag verödet.

5. VOM GÖTZENDIENST UND DEN BRÄUCHEN UND SITTEN DER PRUSSEN

Die Prußen hatten keinen Begriff von Gott. Da sie töricht waren, konnten sie Ihn mit dem Verstand nicht erfassen, und da sie keine Schrift hatten, konnten sie Ihn auch nicht in der Schrift schauen. Ganz am Anfang wunderten sie sich sehr darüber, dass jemand in seiner Abwesenheit seine Absichten durch Buchstaben darlegen konnte. Und so geschah es, da sie Gott nicht kannten, dass sie in ihrem Irrtum die ganze Natur an Gottes Stelle verehrten, nämlich Sonne, Mond und Sterne, den Donner, die Vögel, ebenso die Vierfüßer bis hin zur Kröte. Sie hatten auch heilige Wälder, Felder und Gewässer, sodass sie es nicht wagten, darin Bäume zu fällen, zu pflügen oder zu fischen. Es gab aber inmitten dieses im Laster versunkenen Volkes, nämlich in Nadrauen, einen Ort namens Romowe, der seinen Namen von Rom herleitet, in dem einer namens Kriwe lebte, den sie wie einen Papst verehrten, denn wie der Herr Papst die allgemeine Kirche der Christen regiert, so wurden nach seinem Willen oder Befehl nicht nur die vorgenannten Heiden, sondern auch die Litauer und die übrigen Völker des Livländischen Landes gelenkt. So groß war seine Macht, dass nicht nur er selbst oder einer seiner Verwandten, sondern sogar ein Bote mit seinem Stab oder einem anderen Kennzeichen, der durch die Gebiete der vorgenannten Heiden zog, bei Königen, Edlen und gemeinem Volk in großer Ehre stand. Er hütete auch nach altem Brauch ein ewiges Feuer. Die Prußen glaubten an die Auferstehung des Fleisches, jedoch nicht so, wie es sich gehörte. Denn sie glaubten, dass, wenn einer in diesem Leben vornehm oder gering, reich oder arm, mächtig oder rechtlos sei, er nach der Auferstehung im künftigen Leben ebenso sein werde. Darum geschah es, dass mit den verstorbenen Edlen Waffen, Pferde, Knechte und Mägde, Kleider, Jagdhunde und Beizvögel und anderes, was bei ihnen zum Kriegswesen gehörte, verbrannt wurden. Mit den Geringen wurde verbrannt, was zu ihrer Beschäftigung gehörte. Sie glaubten, dass alles Verbrannte mit ihnen auferstehen und ihnen wie zuvor dienen werde. Um diese Toten gab es ein solches teuflisches Blendwerk, dass sie, wenn die Eltern starben, zu dem genannten Papst Kriwe gingen und ihn baten, er möge an einem bestimmten Tag oder in einer bestimmten Nacht nachsehen, ob sie in ihr Haus gelangt seien; dieser Kriwe zeigte ohne jedes Zögern auch, wie der Tote über Kleider, Waffen, Pferde und Gesinde verfügte, und sagte zur größeren Glaubwürdigkeit, er [der Verstorbene. – V. M.] habe am Türsturz seines Hauses diese oder jene Spur mit der Lanze oder einem anderen Werkzeug hinterlassen. Nach einem Sieg brachten sie ihren Göttern ein Opfer dar und von allem, was ihnen durch den Sieg zugefallen war, überreichten sie den dritten Teil dem genannten Kriwe, der es verbrannte. Heute aber verbrennen die Litauer und die übrigen Heiden dieser Gegenden das genannte Opfer an einem heiligen Ort nach ihrem Brauch, doch bevor man die Pferde verbrennt, jagt man sie so ab, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können. Die Prußen gingen selten an ein wichtiges Unternehmen, bevor sie nicht, indem sie nach ihrem Brauch das Los warfen, von ihren Göttern erfahren hatten, ob ihnen Gutes oder Böses folgen werde. Um Ersatz- oder Festkleidung kümmerten sie sich nicht und kümmern sich bis heute nicht; wie einer sie heute ausgezogen hat, so zieht er sie morgen wieder an, ohne darauf zu achten, dass sie verkehrt herum ist. Sie gebrauchen keine weichen Lager und keine feinen Speisen. Als Getränk trinken sie einfaches Wasser und Met oder Bräu und Stutenmilch; diese Milch aber trinken sie nur, wenn sie geweiht ist. Andere Getränke kannten sie seit jeher nicht. Ihren Gästen erweisen sie alle Gastfreundschaft, zu der sie nur fähig sind, und es gibt in ihrem Haus keine Speise oder keinen Trank, die sie in diesem Fall nicht mit ihnen teilten. Es scheint ihnen, dass sie schlecht für die Gäste sorgen, wenn diese sich an ihrem Trank nicht bis zur Trunkenheit betrinken. Es ist bei ihnen Brauch, dass bei Gelagen alle gleichermaßen teilnehmen und maßlos trinken, weshalb es geschieht, dass alle Gastgeber ihrem Gast ein bestimmtes Maß an Trank reichen unter der Bedingung, dass, nachdem sie selbst getrunken haben, auch ihr Gast ebenso viel leere, und ein solches Zutrinken wiederholt sich so lange, bis der Gast mit den Gastgebern, die Frau mit dem Mann, der Sohn mit der Tochter alle betrunken sind. Nach altem Brauch halten es die Prußen bis heute so, dass sie ihre Frauen für eine bestimmte Summe Geldes kaufen. Darum behandelt er [der Ehemann. – V. M.] sie wie eine Magd, und sie isst nicht mit ihm an einem Tisch und wäscht jeden Tag den Hausgenossen und Gästen die Füße. Niemandem unter ihnen ist es erlaubt, um Almosen zu bitten; ein Bettler geht bei ihnen frei von Haus zu Haus und isst ohne Scham, wann es ihm beliebt. Wenn bei ihnen ein Mord geschieht, so tritt die Versöhnung erst ein, nachdem die Verwandten des Getöteten diesen Mörder oder einen seiner Angehörigen getötet haben. Wenn sie durch ein unerwartetes Zusammentreffen von Umständen auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, so pflegen sie sich selbst zu töten. Sie hatten weder eine Unterscheidung noch eine Zählung der Tage. Darum geschieht es, dass, wenn eine Frist für eine Beratung oder Verhandlung untereinander oder mit Fremden festgesetzt wird, einer von ihnen am ersten Tag eine Kerbe in einen Baum schneidet oder einen Knoten in eine Schnur oder einen Gürtel knüpft. Am zweiten Tag fügt er wieder ein zweites Zeichen hinzu, und so eines nach dem anderen, bis er zu dem Tag gelangt, an dem dieser Vertrag geschlossen werden soll. Die einen von ihnen gehen jeden Tag zum Zeichen der Verehrung ihrer Götter ins Bad, andere erkennen Bäder überhaupt nicht an. Männer und Frauen müssen spinnen, die einen Flachs, die anderen Wolle, womit sie, wie man glaubt, ihren Göttern gefallen. Die einen wagen es nicht, auf Rappen zu reiten, die anderen nicht auf Schimmeln oder Pferden anderer Farbe wegen ihrer Götter.

6. VON EINEM WUNDER

Es war ein Pruße im Land Samland, in der Gegend Skoken, namens Dorge, der weiße Pferde verabscheute; Bruder Dietrich, Vogt von Samland, wollte ihn von diesem Irrtum abbringen und kaufte ihm ein weißes Pferd; als es gegen seinen [Dorges. – V. M.] Willen eine Nacht in seinem Stall gestanden hatte, fand er am Morgen das genannte Pferd erstochen und all sein Vieh tot. So geschah es dreimal, und jedes Mal endete es auf dieselbe Weise. Und zum vierten Mal kaufte ihm jener Vogt ein weißes Pferd und versicherte, er werde dies so lange wiederholen, bis er ihn von diesem Irrtum abgebracht habe. Als schließlich das vierte Pferd nicht wie die drei vorigen vom Teufel vernichtet wurde, kam jener Dorge zum Glauben, bereute demütig seinen Irrtum und wurde ein großer Eiferer für den Glauben, ein Christ und glühender Diener Gottes und der Heiligen und stärkte die Herzen vieler irrender Neubekehrter im Glauben.

7. VON DER ZERSTÖRUNG ZWEIER BURGEN UND DEM TOD PIPINS

Einige erzählen, dass, als die Brüder auf der genannten hölzernen Burg lebten, die Prußen oberhalb von Thorn am Ufer der Weichsel eine Burg namens Rogow hatten und unterhalb davon am Unterlauf des Flusses eine andere, nahe dem Ort, an dem sich heute die alte Burg befindet. Es gab in dieser Gegend auch einen gewissen Edlen aus Pomesanien, Pipin, der an einem befestigten Ort nahe einem See lebte, der nach seinem Namen Pipinsee heißt, und mit vielen Heiden Raub trieb: Kein Christ konnte die Burg verlassen, ohne dass er ihn ergriff oder tötete. Die einen von hinten, die anderen von vorn, die dritten zwischen ihnen griffen sie an. Schließlich zogen die Brüder zum Kampf gegen die Bewohner der Burg Rogow aus, und da es Gott so gefiel, töteten sie viele von ihnen, ergriffen ihren Anführer und führten ihn fort; dieser Anführer übergab ihnen, um sein Leben zu retten, seine Burg, und als mit der Zeit die Bewohner der anderen Burg nach einem Gelage betrunken dalagen, führte er die Brüder mit einem Heer dorthin, und sie drangen mit mächtigem Ansturm ein, erschlugen und ergriffen alle und machten die Burg dem Erdboden gleich. Bald danach lieferte er Pipin, seinen Schwager, den Brüdern in die Hände, die ihn an den Schweif eines Pferdes gebunden nach Thorn brachten und an einem Baum aufhängten. Dieser Pipin war der Vater jenes Edlen aus Pomesanien, der Matto hieß, und so sehr der Vater durch die Verfolgung des Glaubens und der Christen schadete, so sehr war der Sohn nützlich, da er für den Glauben und die Christen eiferte, denn er stand bis zu seinem Tod unerschütterlich in der Verteidigung des christlichen Glaubens.

8. VON DEN PILGERN UND VOM BAU DER BURG UND DER STADT KULM

Als aber der Klang der Predigt vom Kreuz Christi sich über das ganze Land des Königreichs Alemannien verbreitete und der neue Krieg verkündet wurde, den der Herr im Preußenland erwählt hatte, und die Sündenablässe und Freiheiten des neuen Krieges, da gerieten die in Bewegung, deren Herzen Gott berührt hatte, nämlich die auserwählten und ruhmreichen Streiter Alemanniens, und sie hefteten das Kreuz an ihre Schultern und begannen sich zu rüsten, um die Schmach des gekreuzigten Herrn zu rächen, und wiesen alles von sich, was sie an diesem heiligen Vorhaben hätte hindern können. Sie bedachten jene heilsame Ermahnung des Hieronymus, in der er sagte: „Wenn dein Vater sich auf die Schwelle stellt und dein Bruder dir um den Hals fällt und deine Mutter die Brüste entblößt, die dich mit Milch genährt haben, so verlasse den vom Kummer gebeugten Vater, verlasse die vom Kummer gebeugte Mutter und eile zum Banner des Kreuzes.“ Als sie mit diesen Pilgern nach Thorn kamen, baute Bruder Hermann, der Meister, die Burg und die Stadt Kulm im Jahr nach Christi Geburt 1232, an dem Ort, wo sich heute die alte Burg befindet.

9. VOM KRIEG DER BRÜDER MIT DEN POMESANIERN UND VOM BAU DER BURG MARIENWERDER

Nachdem diese Burgen durch Gottes Gnade gebaut und die Grenzen des Kulmerlandes vom alten Sauerteig der Laster und der Arglist der Heiden gereinigt waren, setzten der Meister und die Brüder, damit Gott, unser Erlöser, uns auf dem Weg in die Länder der benachbarten Heiden Glück sende, wie einige mit Gewissheit annehmen, nachdem sie vorbereitet hatten, was zum Bau von Burgen nötig ist, unbemerkt auf die Insel bei Quidin über, die heute fast gegenüber Marienwerder liegt, und errichteten dort im Jahr nach Christi Geburt 1233 auf einem Hügel eine Burg, die sie Marienwerder nannten. Als aber jener edle Mann und tapfere Ritter aus Sachsen, der Burggraf von Magdeburg mit dem Beinamen „mit der kleinen Hand“, umgeben von vielen Rittern und Knappen, auf die Burg Kulm kam, zog er im Lauf des Jahres, das er dort verbrachte, mit dem Meister und den Brüdern aus und verlegte die vorgenannte Burg Marienwerder von der Insel Quidin an den Ort, wo sie sich heute befindet, in das Gebiet Pomesaniens, das Reisen heißt, wobei er den Ort, nicht aber den Namen änderte.

10. VOM BAU DER STADT MARIENWERDER

Dem Burggrafen von Magdeburg, der sich noch immer in Kulm aufhielt, da er sein Gelübde noch nicht erfüllt hatte, schlossen sich viele Fürsten an, nämlich aus Polen: Herzog Konrad, der Herzog von Kujawien, der Herzog von Krakau und aus Breslau Herzog Heinrich, der später von den Tataren getötet wurde, ebenso Odonicz, Herzog von Gnesen, und viele andere edle und mächtige Männer, die vom Fluss Oder bis zum Fluss Weichsel und vom Fluss Biebrza bis zum Fluss Neiße lebten, ebenso Swantopolk, Herzog von Pommern, mit seinem Bruder Sambor. Sie zogen mit einer gewaltigen Menge von Rittern und Kriegern heran, wie man sie in Preußen nie gesehen hatte, bauten die Stadt Marienwerder und befestigten die früher errichtete Burg.

11. VOM SIEG DER CHRISTEN, ALS FÜNFTAUSEND PRUSSEN GETÖTET WURDEN

Danach gelangten der Meister Bruder Hermann und die anderen Brüder im Winter, als alles von starkem Eis bedeckt war, mit den vorgenannten Pilgern, deren Wunsch es war, den Übermut der Prußen zu bändigen, in das Gebiet Reisen, und nachdem sie dort viele Menschen getötet und gefangen genommen hatten, zogen sie zum Fluss Sirgune, wo sie das lang Ersehnte vollbrachten. Denn sie fanden ein großes Heer der Prußen in voller Rüstung und schon zum Kampf bereit. Als sie aber kühn gegen sie vorrückten, ergriffen sie [die Prußen. – V. M.] die Flucht. Doch der Herzog von Pommern und Sambor, sein Bruder, im Krieg mit den Prußen sehr erfahren, besetzten mit ihren Knappen die Wege um die Verhaue, damit sie nicht entkommen konnten, und schlugen von dort aus in ihrem Zorn die Gottlosen. Dort sättigte sich das blitzende Schwert der christlichen Streitmacht am Fleisch der Heiden, hier kehrte die Lanze nicht zurück, ohne verwundet zu haben, denn die Prußen konnten weder hier noch dort dem Angesicht der Verfolger ausweichen, und es wurde ein großes Gemetzel unter dem Volk der Prußen angerichtet, denn an diesem Tag fielen mehr als fünftausend. Danach kehrten alle Pilger mit Freude heim und lobten die Gnade des Erlösers.

12. VOM BAU DER BURG REHDEN UND DER WUNDERBAREN VISION EINES BRUDERS DORT

Im Jahr nach Christi Geburt 1234, als die Prußen bereits aus dem Kulmerland vertrieben waren, sammelte der Meister Bruder Hermann ein Heer von Brüdern und Knappen und baute die Burg Rehden vor der Wildnis, die zwischen dem Land Pomesanien und dem Kulmerland lag, an dem Ort, wo die ständigen Einfälle der Prußen und der Zugang ins Kulmerland waren. Auf dieser Burg war ein Bruder, der, durch die Ränke des Teufels getäuscht, wahrhaftig glaubte, er könne im Orden des Deutschen Hauses nicht das Heil der Seele erlangen, und in seinem Herzen den Wunsch hegte, in einen strengeren Orden einzutreten. Danach sah er im Traum die Heiligen Bernhard, Dominikus, Franziskus und Augustinus an der Spitze ihrer Brüder einherziehen, und er wandte sich an sie und bat unter Tränen, sie möchten ihn in ihre Bruderschaft aufnehmen, sie aber lehnten einer nach dem anderen ab. Als Allerletzte kam die allerheiligste Jungfrau Maria mit vielen Brüdern des Deutschen Hauses; er begann sie demütig anzuflehen und bat, sie möge ihm wenigstens erlauben, in der Gemeinschaft ihrer Brüder zu bleiben. Die allerheiligste Jungfrau sprach zu ihm: „Das ist unmöglich, denn dir scheint, dein Orden sei so wenig streng, dass es in ihm nichts gebe, was du nach deinem Wunsch erleiden könntest.“ Und indem sie jedem der Brüder den Mantel abnahm, zeigte sie die Wunden, die ihnen von den Heiden beigebracht worden waren und an denen sie zur Verteidigung des Glaubens gestorben waren, und sprach: „Scheint es dir nicht, dass diese deine Brüder etwas um Jesu Christi willen erlitten haben?“ Und mit diesen Worten verschwand die Vision. Und dieser Bruder, aufgewacht und zu sich gekommen, ging in den Kapitelsaal, wo die Brüder versammelt waren, und was er ihnen zuvor leichtfertig von seiner Absicht eröffnet hatte, verwarf er nun als weiser und erfahrener Mann demütig als irrig und erzählte allen von der Vision, die ihm erschienen war. Dieser Bruder, der auf dem Weg des Gottesdienstes fortschritt, wurde bald danach von den Heiden getötet.

13. VON DER ANKUNFT DES MARKGRAFEN VON MEISSEN

Zu jener Zeit kam jener edle und ruhmreiche, gottesfürchtige Fürst Heinrich, Markgraf von Meißen, mit 500 edlen und kampferprobten Männern und mit einer Menge verschiedener Reichtümer in das Preußenland. Alle Bemühungen und Gedanken dieses Mannes waren auf die Vernichtung der Heiden und die Erweiterung der Grenzen der Christenheit gerichtet.

14. VON DER ZERSTÖRUNG VIELER BURGEN UND DER UNTERWERFUNG DER POMESANIER

Im Pomesanischen Land gab es einst ein Gebiet namens Reisen, wo ruhmreiche Männer und tapfere Krieger lebten, die der genannte Fürst, die Hand an den Pflug legend und nicht zurückschauend, kühn angriff, und er verheerte es nicht selten mit Feuer und Schwert und vergoss nicht wenig Blut der Heiden. Ihre Burg am Fluss Mokera und alle Befestigungen, die sie an diesem Ort hatten, der Stumo heißt, bei Postelin, bei Riesenburg und Riesenkirchen, beim Drausensee und bei Wildenberg, zerstörte er mit mächtigem Schlag, legte sie in Asche und machte sie dem Erdboden gleich, die Heiden aber tötete er oder nahm sie gefangen. Doch niemand vermag würdig mit Worten zu sagen oder mit dem Kalamos zu beschreiben, wie machtvoll und wie mannhaft der vorgenannte Markgraf gleich einem Löwen, der vor niemandem zurückweicht, mit den genannten Heiden kämpfte. So furchtbar war er ihnen im Krieg, dass sie sich dem Glauben und den Brüdern unterwarfen. Und nach den Verträgen und Freiheiten, die ihnen damals gewährt wurden, richteten sich später die übrigen Neubekehrten.

15. VON EINIGEN KRIEGSSCHIFFEN UND VOM ABZUG DES MARKGRAFEN

Der Weise handelt stets weise und sieht viele Schwierigkeiten im Voraus. Darum ließ jener Herr Markgraf als weitblickender und umsichtiger Mann zwei Kriegsschiffe für sich ausrüsten, von denen das kleinere „Pilgerim“ hieß, das größere „Fridelant“ genannt wurde, was ins Lateinische übersetzt „Pilger“ und „Land des Friedens“ bedeutet. Und wahrhaftig trugen sie diese Namen zu Recht. Denn sie bewirkten den Christen des Preußenlandes viele Güter des Friedens. Von den Leuten der genannten Schiffe wurden zwei Burgen gebaut: Elbing und Balga, und das Frische Haff wurde vom Ansturm der Heiden gesäubert, was an sich mit nichts anderem zu vergleichen war. Diese Schiffe sanken viele Jahre später im Drausensee. Nachdem er so das Gelübde seiner Pilgerfahrt erfüllt hatte, kehrte jener Fürst heim und ließ in Preußen viele Krieger für den Bau der Burg Elbing zurück.

16. VOM KRIEG MIT DEN POGESANIERN UND VOM BAU DER BURG ELBING

Nachdem sie durch Gottes Gnade die Pomesanier unterworfen hatten, richteten der Meister und die Brüder die Spitze des Krieges gegen die Pogesanier. Darum zog der Meister mit den Brüdern und den vom Herrn Markgrafen von Meißen zurückgelassenen Pilgern an der Spitze jener Schiffe mit allem für den Bau Nötigen in das Land Pogesanien, auf jene Insel, wie einige sagen, die mitten im Fluss Elbing liegt, an der Stelle, wo der Elbing in das Frische Haff mündet, und errichtete dort eine Burg, die er nach dem Namen des Flusses Elbing nannte, im Jahr der Fleischwerdung Christi 1237. Andere berichten, dass diese Burg später von den Heiden eingenommen und dann an den Ort verlegt wurde, wo sie sich heute befindet, und um sie herum wuchs eine Stadt.

17. VON EINEM WUNDER

Viele ruhmreiche Kämpfe, die man unmöglich erschöpfend beschreiben oder erzählen kann, führten die Brüder von Elbing gegen die Pogesanier. Ich will jedoch eine denkwürdige Begebenheit anführen. Einst verfolgten die Brüder von Elbing mit einer Handvoll Knappen ein großes Heer der Prußen, das in ihrem Gebiet plünderte, und als sie schon bereit waren, zum Kampf aufeinanderzutreffen, flohen alle Prußen bis auf einen, den sie gefangen nahmen. Als er so wenige Streiter im Heer der Brüder sah, fragte er, wo denn die übrigen seien. Man antwortete ihm, es gebe sonst niemanden. Er aber sagte: „Wir sahen deutlich, dass das ganze Feld voller bewaffneter Männer war, ganz wie die Brüder gekleidet und mit ebensolchen Waffen, und darum ist unser Heer geflohen.“ Dasselbe gestanden vor allen die Pogesanier, die in jenem Heer gewesen waren, nach ihrer Bekehrung zum Christentum. Und die Pogesanier, so fest sie auch im Kampf mit den Brüdern waren, beugten, als sie dieses Wunder sahen und auch dem beharrlichen Ansturm der Brüder nicht standhalten konnten, nach Stellung von Geiseln ihre starrsinnigen Häupter und unbeugsamen Nacken vor dem Glauben und den Brüdern.

18. VOM KRIEG DER BRÜDER MIT DEN ERMLÄNDERN, BARTERN UND NATANGERN UND VOM TOD VIELER BRÜDER UND CHRISTEN

Es ist unmöglich, gebührend zu berichten, wie vielen Mühen, wie vielen Gefahren und wie vielen Schwierigkeiten sich der Meister und die Brüder ständig aussetzten, damit durch sie der Glaube Christi die gebührende Verbreitung finden und die Grenzen der Christenheit erweitert werden könnten. Darum geschah es, dass, nachdem sich nach dem Willen Gottes, ohne den nichts Gutes vollbracht wird, die Pomesanier und Pogesanier dem Glauben und den Brüdern unterworfen hatten, derselbe Meister und die Brüder sich rüsteten, gegen die Ermländer, Natanger und Barter zu kämpfen. Auf Befehl des Meisters setzten einige Brüder und Knappen auf den obengenannten Schiffen über das Frische Haff, um zu erkunden, wo man eine Burg gegen die erwähnten Prußen errichten könnte. Als sie an das Ermland heransegelten, gingen sie an Land und erblickten nahe der Stelle, wo heute die Burg Balga steht, eine Burg der Prußen, die sie jedoch wegen ihrer geringen Zahl nicht anzugreifen wagten. Um aber nicht mit leeren Händen zurückzukehren, überfielen sie die nahe gelegenen Dörfer und verheerten sie mit Feuer und Schwert. Als die Prußen das sahen, fielen sie über sie her und töteten alle Brüder und Knappen außer denen, die zur Bewachung der Schiffe zurückgelassen worden waren. Diese, als sie den Untergang der Ihren sahen, zogen schnell ab und meldeten dem Meister, was geschehen war.

19. VON DER BURG BALGA

Als der Meister dies von der traurigen Gesandtschaft vernahm, war er überaus erschüttert, doch nahm er sich David zum Vorbild, der zu seinem Feldherrn Joab, der nicht weniger um den Tod der Seinen trauerte, gleichsam ermutigend sprach: „Lass dich diese Sache nicht verdrießen; verschieden ist der Ausgang der Schlacht, denn das Schwert frisst bald diesen, bald jenen. Ermutige deine Krieger und rufe sie auf, die zu töten, die das Reich angreifen.“ Endlich beruhigt, sandte er ein gewaltiges Heer über das Meer, um die unschuldig Getöteten zu rächen; diese kamen nach Balga, gingen an Land, stellten an geeigneten Stellen Bogenschützen auf, legten Leitern an die Mauern, griffen die erwähnte Burg der Prußen mannhaft an und nahmen sie mit Hilfe des Anführers der Belagerten, Kodrun, in heftigem Ansturm ein, wobei sie einen Teil der Leute gefangen nahmen und einen Teil töteten. Danach ließen sich die Brüder, Gott Dank sagend, mit ihren Knappen in der erwähnten Burg nieder, im Jahr nach Christi Geburt 1239, und führten von dort aus noch ruhmreicher die Kämpfe der Heerscharen des Herrn gegen die erwähnten Prußen.

20. VON DER BELAGERUNG DER BURG BALGA

Als dies den Prußen zu Ohren kam, sammelte ein Pruße, Piopso, ein Anführer der Ermländer, die ganze Macht seines Heeres und belagerte die erwähnte Burg Balga; und da er an der Spitze der übrigen stand, wollte er als Heerführer selbst vor den anderen in den Kampf ziehen, und vor der Burg, von dem Pfeil eines Bruders durchbohrt, stürzte er zu Boden und gab den Geist auf; darüber erschraken die übrigen und zogen unverrichteter Dinge ab.

21. VOM BAU EINER MÜHLE UND IHRER ZERSTÖRUNG

Zu dieser Zeit sahen viele edle und mächtige Männer des Ermlands, dass Gott auf der Seite der Brüder war, schämten sich und gingen mit ihrem ganzen Haus und Gesinde zu den Brüdern von Balga über; durch ihr Kommen gestärkt, bauten die Brüder eine Mühle jenseits der Brücke über den See, nahe einer heute allgemein benutzten Furt durch einen Fluss, befestigten sie nach Art einer Burg und ließen dort zwei Brüder und viele Knappen zu ihrer Bewachung zurück. Später belagerten die Prußen diese Burg mit einem starken Heer, nahmen sie ein, töteten die Brüder und Knappen und legten sie in Asche.

22. VOM FROMMEN LEBEN DER BRÜDER VON BALGA

Wie groß die Reinheit des Lebens, wie groß die Tugend der Enthaltsamkeit und wie streng die Zucht bei den Brüdern von Balga und den anderen obengenannten Burgen war, weiß niemand außer Dem, Dem jedes Herz offenbar ist und vor Dem nichts verborgen bleibt. Die Bethäuser waren fast nie ohne einen Betenden, und es gab keinen Winkel in der erwähnten Burg, in dem sich nach der Vesper und der Matutin nicht irgendein Bruder fand, der sich geißelte. Auf die Burg Engelsberg kamen einige fromme Leute, die, als sie dort den Stand und die Lebensweise der Brüder sahen, fragten, wie die Burg heiße. Und als man ihnen sagte, sie heiße Engelsberg, das heißt „Berg der Engel“, antworteten sie: „Wahrlich, nicht umsonst trägt sie diesen Namen, denn ihre Bewohner führen ein engelgleiches Leben.“

23. VOM BAU DER BURG PARTEGAL UND DER BEFESTIGUNG SKRANDONA

Im Ermland gab es einige Leute, die alle anderen an Macht übertrafen, Gobotinen genannt, den Brüdern sehr feindlich gesinnt. Sie sammelten viele Krieger und bauten eine Burg namens Partegal auf dem gleichnamigen Feld und eine andere Befestigung auf dem Berg Skrandona und legten Knappen hinein. Sie griffen die Brüder von Balga täglich an, sodass sich fortan niemand mehr außerhalb der Burg zu zeigen wagte.

24. VOM BAU DER BURG SCHNICKENBERG

Das Feld, auf dem die Burg Balga steht, ist von Seen umgeben, sodass man im Sommer nur über eine Brücke dorthin gelangen kann; vor dieser Brücke bauten die Brüder auf einem Hügel eine Burg namens Schnickenberg und setzten viele Brüder hinein sowie einen edlen Mann, Hertwig, den Vater Hertwigs von Pokarwis, und viele andere streitbare Männer, die sie gegen den Ansturm der Heiden verteidigten.

25. VON DER ANKUNFT DES HERZOGS VON BRAUNSCHWEIG

Zu dieser Zeit kam – wie kaltes Wasser für eine durstige Seele und eine gute Botschaft aus fernem Land – dieser edle, gottesfürchtige Otto, der ruhmreiche Fürst und Herzog von Braunschweig, auch von Lüneburg genannt, mit einer gewaltigen Menge von Pilgern in das Preußenland, den Brüdern zu Hilfe, die in äußerste Not geraten waren.

26. VON DER NIEDERMETZELUNG DER HEIDEN UND DER ZERSTÖRUNG DER BURG UND DER BEFESTIGUNG PARTEGAL

Aus den erwähnten Burgen der Prußen zogen täglich so viele Kämpfer aus, dass den Brüdern alle Wege zum Angriff auf die Feinde versperrt und jede Möglichkeit, mit ihnen zu kämpfen, völlig genommen war. Darüber beunruhigt, kamen die Brüder mehrmals zum Rat zusammen und sannen auf ein geeignetes Mittel. Schließlich rief Christus selbst, der nicht aufhört, die Seinen, die Qualen erdulden, barmherzig zu trösten, durch die Gnade Seines Geistes einen gewissen Pomanda, einen edlen Mann, der bei den Prußen einst in hohem Ansehen gestanden, sich aber eben erst dem Glauben Christi und den Brüdern zugewandt hatte, damit er so am Werk des Glaubens und der Rechtgläubigen teilhabe. Dieser Pomanda begab sich von der Burg Balga zu seinen Landsleuten, den Prußen, und gab sich als Feind des Glaubens und der Christen aus; als die Prußen ihn sahen, freuten sie sich mit großer Freude, denn sie hofften, durch das Handeln dieses Mannes die ganze Macht der Brüder zu schwächen. So versammelten sich auf den Rat dieses Pomanda alle besten Männer des Ermlands, Natangens und Bartens und die übrigen Waffenfähigen und schlugen ihr Lager auf, um Balga zu belagern; doch die Brüder, die eine solche Wendung der Dinge längst vorausgesehen hatten, hatten sich bereits mit dem erwähnten Fürsten von Braunschweig und den übrigen Pilgern vereinigt, traten in voller Rüstung gegen sie in den Kampf und erschlugen sie alle, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb, der später von diesem Ereignis hätte berichten können. Danach zogen der Herzog und die Brüder mit ihrem Heer gegen die Burg Partegal und die Befestigung und nahmen sie ein, töteten alle Leute oder nahmen sie gefangen und legten Burg und Befestigung in Asche. Derselbe Fürst führte noch viele andere Kämpfe in dem einen Jahr, das er in der erwähnten Burg Balga verbrachte, und griff die Prußen so oft an, dass sie nicht zu Atem kommen konnten. Nach Ablauf des Jahres aber und nach Erfüllung seines Pilgergelübdes kehrte er mit Freuden heim.

27. VON DER UNTERWERFUNG DER ERMLÄNDER, NATANGER UND BARTER UND VOM BAU VIELER BURGEN

Da aber die Prußen aus dem Ermland, aus Natangen und Barten, nach Gottes Willen von den Brüdern und dem erwähnten Herzog ihrer Kräfte beraubt, keinen Widerstand mehr leisten konnten, machten sie aus der Not eine Tugend, stellten Geiseln und unterwarfen sich dem Glauben und der Herrschaft der Brüder. Die Brüder aber bauten, um künftigen Gefahren zu entgehen und den Prußen die Möglichkeit zu nehmen, ihr Treiben wieder aufzunehmen, im Land Natangen nahe einem Fluss namens Kaustera Kreuzburg, im Land Barten drei Burgen: Bartenstein, Wiesenburg und Rößel. Manche sagen, sie hätten mit der Zeit im Ermland Braunsberg und Heilsberg gebaut und im Land Galindien eine Stadt und dort zu ihrem Schutz viele Brüder und Knappen untergebracht. Viele andere Burgen bauten die Edlen und Lehnsleute, die aus den Grenzen Alemanniens mit ihrem ganzen Haus, Gesinde und Hausstand dem erwähnten Land zu Hilfe kamen; ihre Namen kennt Gott allein. Seitdem begannen sich die Christen im Preußenland zu mehren und die göttliche Lehre sich zu Lob und Ruhm Jesu Christi auszubreiten.

28. WIE DAS LIVENLAND AN DIE BRÜDER VOM DEUTSCHEN HAUS KAM

Zu jener Zeit bedrängte Bruder Volkwin, der II. Meister des Ordens der Ritter Christi im Livenland, schon sechs Jahre lang durch offizielle Gesandte Bruder Hermann von Salza, den Hochmeister des Deutschen Hauses, seinen Orden in dessen Orden aufzunehmen. In dieser Sache kam Bruder Hermann, der obengenannte Meister, mit Bruder Johann von Medeborg, dem Gesandten des erwähnten Bruders Volkwin, zum Herrn Papst. Inzwischen traf Bruder Gerlach der Rote aus Livland ein und berichtete, dass Meister Volkwin mit vielen Brüdern und Pilgern und dem Volk Gottes in der Schlacht gefallen sei. Als der Herr Papst dies hörte, beendete er die erwähnte Angelegenheit und nahm die obengenannten Bruder Gerlach und Bruder Johann in den Orden des Hospitals Sankt Marien vom Deutschen Haus auf, gab ihnen den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz und legte ihnen und den anderen Brüdern dieses Ordens der Ritter Christi, die sich in Livland befanden, zur Vergebung aller Sünden auf, die Lebensregeln des Ordens vom Deutschen Haus zu befolgen. Danach sandte Bruder Hermann, der Hochmeister, Bruder Hermann, genannt Balk, den Meister des Preußenlandes, mit 40 Brüdern und vielen Knappen ins Livenland; als der erwähnte Bruder Hermann Balk, wie oben gesagt, fast sechs Jahre dort verbracht hatte, kehrte er nach Alemannien zurück und entschlief in Frieden.

29. VON BRUDER POPPO, DEM II. MEISTER DES PREUSSENLANDES

Bruder Poppo von Osterna, der II. Meister des Preußenlandes, stand dem Orden 7 Jahre vor; nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, kehrte er in die Grenzen Teutoniens zurück und wurde bald darauf zum Hochmeister gewählt.

30. VON DEN MANNIGFACHEN ENTBEHRUNGEN DER BRÜDER UND CHRISTEN IN PREUSSEN

Anfangs litten die Brüder und alle Christen im Preußenland zahlreiche und unglaubliche Entbehrungen an Speise, Trank und Kleidung und an allem Übrigen, was zum menschlichen Leben notwendig ist. Wollten sie irgendwelche Felder bestellen, so konnten sie es nur nachts tun, und was sie unter großer Gefahr und Mühe gesät hatten, vernichteten andere, die einfielen. Und siehe, die wunderbare Gnade Gottes kam über sie. Denn sie gingen der Seligkeit entgegen, wenn sie solches um Christi willen erduldeten und auch wenn sie den Kelch des heilsamen Leidens tranken.

31. VOM ERSTEN ABFALL DER PRUSSEN. VOM KRIEG SWANTOPOLKS MIT DEN BRÜDERN VOM DEUTSCHEN HAUS IM JAHR NACH CHRISTI GEBURT 1242 UND ZUERST VOM HASS DES TEUFELS AUF DAS GEDEIHEN DES GLAUBENS

Es würde zu lange dauern und ginge über meinen geringen Verstand, im Einzelnen zu erzählen, wie machtvoll und erhaben, wie geschickt und tapfer der Meister und die obengenannten Brüder gleich neuen Makkabäern ihre Kräfte daransetzten, die Grenzen der Christenheit hinauszuschieben und zu erweitern, die Feinde zu bekämpfen und Befestigungen einzunehmen; von ihren Schlachten und Siegen wird die ganze Kirche der Heiligen bis ans Ende der Welt erzählen. Nachdem aber durch Gottes Gnade die obengenannten Burgen zu Lob und Ruhm Christi gebaut waren und die umwohnenden Heiden ihre überaus halsstarrigen Nacken dem Glauben und den Brüdern gebeugt hatten – freilich nicht ohne großes Gemetzel unter diesen Heiden und nicht ohne viel vergossenes Christenblut – und der Glaube Christi unter ihnen sehr gefestigt war, konnte die alte Schlange, der giftige Drache, der Feind des Menschengeschlechts, ein solches Gedeihen des Glaubens und der Christen nicht lange ertragen – dass nämlich die heilige Kirche die Grenzen Preußens erreicht hatte, der göttliche Kult sich ausbreitete, die Heiden in Verwirrung gerieten, die Christen sich freuten, die Zeichen sich erneuerten und neue Wunder geschahen; und gleichsam im Innern von der tödlichen Wunde seiner Bosheit getroffen, begann er auf tausenderlei Weise zu sinnen und allerlei Ränke zu schmieden, wie er unbemerkt sein Gift einflößen, den Weinberg des Herrn verderben und auf den Acker des Herrn Unkraut säen könnte. Schließlich entfachte er eine überaus grausame Welle der Verfolgung gegen den Glauben und die Christen, und zwar so.

32. VON DER VERFOLGUNG DES GLAUBENS UND DER CHRISTEN IN PREUSSEN DURCH SWANTOPOLK

Es war im Land Pommern ein Fürst namens Swantopolk, ein Sohn der Ruchlosigkeit und ein Sohn des Verderbens, wie es in der Schrift heißt, mit einem Herzen voller Arglist und Tücke, der mit dem Volk der Prußen, das eben erst zum Glauben Christi bekehrt worden war, mit Hintergedanken Friedensverhandlungen zu führen begann und mit ihnen ein Bündnis unter der Bedingung schloss, dass sie mit gewaltigem Schlag die Brüder vom Deutschen Haus und die übrigen Christen aus den Grenzen Preußens vertreiben sollten; und gut erschien dieses Wort in ihren Augen, und es kamen viele, und fast alle gingen eine Übereinkunft mit ihm ein. Danach befestigte derselbe Fürst seine Burgen am Ufer der Weichsel und legte gottloses Volk, gesetzlose Leute hinein, die den Brüdern zu einem großen Hindernis wurden. Denn sie zogen aus den erwähnten Burgen aus, und wenn sie sahen, dass jemand von den Untertanen der Brüder vorbeifuhr, überfielen sie diese plötzlich und richteten ein großes Blutbad unter ihnen an, schleppten viel Beute fort, nahmen andere gefangen, die dritten aber töteten sie zu unserem Leid und vergossen so ringsum christliches Blut, und dies geschah so oft, dass niemand mehr hoffte, mit den Brüdern Geschäfte zu treiben oder den Brüdern in Notlagen Proviant aus Elbing und Balga und von anderen Orten zu bringen. All dies wollten die Brüder lieber mit Sanftmut und Demut ertragen, als sich wehrend ihre Hände gegen den Gesalbten des Herrn zu erheben.

33. VOM LEGATEN DES APOSTOLISCHEN STUHLS

Zu jener Zeit war Innozenz IV. Papst, der im ersten Jahr seines Pontifikats, das heißt im Jahr nach Christi Geburt 1243, aus der eindringlichen Klage Bruder Hermanns von Salza, des Hochmeisters des Ordens vom Deutschen Haus, erfuhr, dass der neuen Pflanzung des Glaubens im Preußenland durch die Arglist Swantopolks, des obengenannten Fürsten, erheblicher Schaden zugefügt worden war, und den Legaten Wilhelm, zuvor Bischof von Modena, später Papst Alexander IV., in die erwähnten Lande sandte, damit er diese Lande in vier Bistümer teile und, falls er etwas der Besserung für würdig hielte, es bessere und in den gebührenden Zustand bringe. Dieser Legat schrieb an den erwähnten Fürsten und forderte von ihm kraft apostolischer Gewalt, die Verfolgung des Glaubens und der Christen einzustellen. Er aber, sein Heil missachtend, in starrsinniger Seele verhärtet wie ein knorriger Baum, der sich nicht biegen kann, hörte nicht auf die väterlichen Ermahnungen, die wahrhaftig aus der Wurzel der Liebe kamen, gehorchte nicht, versank immer tiefer im Laster und schädigte die Rechtgläubigen Christi bald zu Lande, bald zu Wasser und überhaupt, wo er nur konnte, indem er die einen ihres Besitzes beraubte, andere gefangen nahm und die dritten tötete. Als der Legat aber sah, dass sich bei diesem Fürsten keine Anzeichen der Besserung zeigten und dass er auf keinen Fall in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückkehren wollte, ließ er eine entsprechende Ermahnung vorausgehen, dass mit wachsendem Starrsinn verdientermaßen auch die Strafe wachse, und befahl, dass zur Bezähmung der Laster des erwähnten Tyrannen und seiner Helfershelfer in den dafür bestimmten Königreichen und Provinzen kraft apostolischer Gewalt das Kreuz gepredigt werde, wobei er die Kreuzfahrer und die Brüder vom Deutschen Haus anwies und sie bei der Tugend des heiligen Gehorsams und um der Vergebung der Sünden willen drängte, fortan den Glauben Christi und die christliche Kirche in den Grenzen Preußens vor solchen grausamen und ungerechten Verfolgungen des erwähnten Fürsten um ihrer Leute willen zu schützen.

34. VON DER VERHEERUNG DER INNEREN GEBIETE DES PREUSSENLANDES

Nach alledem warf also Swantopolk die Furcht vor Gott ab, fügte Untaten hinzu, die schlimmer waren als die ersten, und machte das Laster der Verfolgung, das vorher fast unsichtbar gewesen war, offenkundig. Denn er befahl, dass die Neubekehrten, die leicht in die früheren Irrtümer zurückfielen, eines Tages aus allen Enden des Preußenlandes den Krieg mit den Brüdern wieder aufnehmen sollten, um das verachtete und niedrige Bekenntnis abzuwerfen. Und es versammelten sich die Prußen alle wie ein Mann; jener Swantopolk wurde ihr Fürst und Anführer, und mit starker Hand und hoch erhobenem Arm drangen sie in die inneren Gebiete des erwähnten Landes ein und metzelten zu unserem Leid alle alten Christen nieder, die aus Alemannien dem Preußenland zu Hilfe gekommen waren, Frauen und Kinder aber führten sie in ewige Gefangenschaft. Sie töteten auch Bruder Konrad von Dortmund, einen gerechten und im Kriegswesen erfahrenen Mann, mit seiner ganzen Mannschaft, nahmen alle Burgen außer Balga und Elbing ein und zerstörten sie bis auf den Grund, wobei sie alle Brüder und Christen bis auf den letzten erschlugen.

35. VON DER VERHEERUNG DER ÄUSSEREN GEBIETE DES PREUSSENLANDES

Bald danach versammelte derselbe Swantopolk, der Sohn des Teufels, erneut die erwähnten neubekehrten Abtrünnigen, und mit den Waffen in der Hand fielen sie ein und verwüsteten die äußeren Gebiete, nämlich Pomesanien und das Kulmerland, mit Schwert und Feuer, nahmen alle Burgen und Befestigungen ein und zerstörten sie bis auf den Grund, außer dreien, nämlich Thorn, Kulm und Rehden. Auch töteten sie aus dem Volk Gottes, das dort zu Seinem Lob und Ruhm lebte, viertausend, sodass das ganze Preußenland von christlichem Blut gerötet schien.

36. VON DER EINNAHME DER BURG SARTOWITZ 134 UND DER AUFFINDUNG DES HAUPTES DER HEILIGEN BARBARA, JUNGFRAU UND GROSSMÄRTYRIN

Niemand kann bei gesundem Verstand ohne Erschütterung der Seele und gerechtes Mitleid daran denken oder davon hören, dass das Werk des Glaubens in den obengenannten Gebieten, das mit unermesslichen Entbehrungen und Mühen zum Ruhm Gottes so erhaben vorangebracht worden war, durch die Schandtat eines einzigen Tyrannen zugrunde gerichtet werden sollte. Darum wollten die Brüder, die bei diesem Anblick im Geist erschüttert waren, lieber im Kampf sterben, als das Unglück ihres Volkes und ihrer Heiligtümer mit anzusehen. Einer von ihnen, nämlich Bruder Dietrich von Bernheim, der alte Marschall, die Verkörperung der Tapferkeit (denn er war an Geist ein Ulysses und an Hand nicht schwächer als Hektor), kam mit vier Brüdern und 24 Knappen in der Nacht vor dem Fest der heiligen Barbara, Jungfrau und Großmärtyrin, zur Burg Swantopolks Sartowitz; sie legten Leitern an die Mauern, drangen leise ein und fanden 50 Mann vor, die zu ihrer Bewachung zurückgelassen worden waren, Leute von ungewöhnlicher Kraft und im Krieg erprobt, die die Brüder mit den 24 Knappen kühn angriffen. Jene leisteten ihrerseits Widerstand und verteidigten sich tapfer. Bald gewannen die einen, bald die anderen die Oberhand; es entbrannte zwischen ihnen ein überaus grausamer Kampf, und er dauerte vom Morgengrauen bis drei Uhr. Endlich sandte Gott selbst, der die nicht verlässt, die auf Ihn hoffen, den Brüdern Hilfe und Sieg vom Himmel, sodass sie alle töteten außer wenigen, die sich durch Flucht retteten, und 40 Frauen mit Kindern, die sie dort gefangen nahmen, fesselten. Danach fanden sie in einer Vorratskammer eine Truhe oder Lade und darin ein silbernes Kästchen und in dem Kästchen das Haupt der heiligen Barbara, Jungfrau und Großmärtyrin; als sie dies sahen, warfen sie sich zu Boden und lobten Gott für die Auffindung einer so ruhmreichen Gabe. Und sie hoben diese heiligen Reliquien auf und verließen mit großer Freude die Kammer. Als dies eine alte Frau sah, die mit den anderen gefesselt dastand, sagte sie zu den Brüdern: „Ihr dürft euch mit Recht freuen und sollt es wahrhaftig, denn jetzt, da ihr die Reliquien der heiligen Barbara besitzt, ist euch das Glück bestimmt.“ Die Brüder wandten sich an sie: „Wer hat dir das gesagt? [66] Und wie kannst du das wissen?“ Sie antwortete: „Ich habe die heilige Barbara stets mit besonderer Andacht verehrt, darum ist sie mir in dieser Nacht dreimal erschienen, gegürtet und gleichsam reisefertig, und ich sagte zu ihr: ‚Wohin gehst du, heilige Jungfrau?‘ Sie antwortete: ‚Ich gehe in die Stadt Kulm, um dort die Messe zu hören‘, und als sie mir zum dritten Mal erschien und sagte: ‚Lebe wohl, meine Liebe‘, sprang ich von meinem Lager auf und geleitete sie bis zur Schwelle des Hauses, wo ich, als sie verschwand, euch bewaffnet in der Burg sah. Daraus weiß ich gewiss, dass euch durch ihre Reliquien und Gebete diese Burg übergeben wurde, damit ihr ihre Reliquien mit euch ins Preußenland tragt, wo sie in größerer Verehrung stehen werden als hier.“ Danach bestimmte Bruder Dietrich einige Brüder und Knappen zur Bewachung der genannten Burg, kehrte mit wenigen von ihnen zurück und brachte diese heiligen Reliquien nach Kulm, wo Klerus und Volk sie in feierlicher Prozession empfingen, in die Kirche trugen und in der alten Burg aufstellten, wo sie bis auf den heutigen Tag in unablässiger Verehrung ruhen dank der Wunder, die der Herr nicht selten durch sie wirkt.

37. VON DER BELAGERUNG DER BURG SARTOWITZ UND DER TÖTUNG VON 900 POMORANEN

Als dies aber dem erwähnten Fürsten zu Ohren kam, geriet er in großen Zorn, verwandelte all sein Streben in das Gift der Rache, rief alle neubekehrten Abtrünnigen des Preußenlandes zusammen, belagerte die erwähnte Burg Sartowitz und bestürmte sie hartnäckig fünf Wochen lang mit Kriegsmaschinen, Pfeilen und allen anderen möglichen Mitteln, die Brüder und die anderen Belagerten aber leisteten ihnen mannhaft Widerstand. Da aber dieser Fürst die Verkörperung aller Tücke war, handelte er stets hinterlistig. Schließlich, um durch seine Bosheit den Zorn Gottes herabzurufen, sammelte er den größeren Teil seines Heeres, ließ den anderen Teil im Hinterhalt zurück, setzte heimlich bei Nacht über das Eis der Weichsel und verwüstete an vielen Orten das Kulmerland. Ihm entgegen zog Bruder Dietrich, der Marschall, mit einer Handvoll Leute, auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauend, für den es ein Leichtes ist, über wenige oder viele das Urteil zu sprechen, und als er in die Schlacht eintrat, brachte er ihnen eine große Niederlage bei. Denn er tötete 900 Mann, schlug die übrigen in die Flucht und erbeutete außer der übrigen Beute, die groß war, 400 feindliche Pferde. Der Fürst aber kehrte bestürzt mit einer Handvoll Leute zu dem anderen Teil seines Heeres zurück, den er bei der Belagerung gelassen hatte, so unbemerkt, dass die in der Burg Belagerten nicht erkennen konnten, was in der Schlacht geschehen war. Darum schickten sie einen Bruder zum Marschall, damit er die Wahrheit über dieses Ereignis erkunde; der Marschall schickte ihn mit Nachricht zurück und wies an, dass sie, wenn er die Schlacht mit dem erwähnten Heer Swantopolks beginne, aus der Burg ausfallen und helfen sollten, und fügte hinzu, die Burg solle danach dem gehören, der hier den Sieg erringe. Als nun der Marschall sich anschickte, erneut mit dem Heer des Fürsten in die Schlacht zu treten, erschrak Swantopolk, der aus der ersten Niederlage sichere Zeichen und offenkundige Anzeichen erhalten hatte, dass Gott furchtbar über ihn erzürnt war, und der nicht zweifelte, dass der Schild Gottes von ihm abgerückt war; und sein Herz erbebte so, dass er es mit vielen Kriegern dennoch nicht wagte, die wenigen zu erwarten, sondern sich zur Flucht wandte und schmählich abzog. Als der Marschall dies sah, rückte er mit seinem Heer allmählich vor und vernichtete das Lager der Feinde. Aus Furcht vor der hinterhältigen Bosheit des erwähnten Fürsten und vor jener tückischen Fuchslist, die oft den Verstand des Jägers täuscht, wagte er nicht, die Fliehenden zu verfolgen, sondern hielt sein Heer den ganzen Tag in Bereitschaft und befestigte die beim Sturm entstandenen Breschen der Burg. Endlich am Abend ließ er dort viele Knappen zurück und zog ab.

38. VOM FALL DER BURG NAKEL UND VON DER VERHEERUNG DES PREUSSENLANDES

Der Legat des Apostolischen Stuhls, von ständigen Sorgen und Unruhen um das Werk des Glaubens bedrängt, damit es erstarke und der Feind des Glaubens, der Fürst von Pommern, zugrunde gehe, sah, dass das Kriegsglück in die Hände der Brüder überzugehen begann, rief aus Polen Fürst Kasimir und den Fürsten von Kalisch sowie die Brüder zu sich und beriet sich mit ihnen, um mit einem Heer gegen Swantopolk zu ziehen. Diese zogen nach seinen Weisungen mit einem großen Heer gegen seine Burg Nakel und schlugen dort ihr Lager auf; und als sie dort nach den Regeln der Kriegskunst Lager bezogen, verschiedene Kriegsmaschinen und Geräte aufgestellt und alles Nötige für den Angriff auf die Stadt vorbereitet hatten, fürchteten die Bewohner der Burg unter diesen Umständen, nicht heil und unversehrt herauszukommen, und übergaben die Burg den Brüdern. Diese legten Brüder und Knappen zur Bewachung hinein und fielen mit dem anderen Teil des Heeres in das Land Pommern ein, breiteten sich von einem Ende bis zum anderen aus, betrieben aber alles nicht zum Scherz, sondern im Ernst, denn alles, was man dem Feuer übergeben konnte, verbrannten sie, und nachdem sie viele getötet und Frauen und Kinder gefangen genommen hatten, kehrten sie mit gewaltiger Beute zurück.

39. VON DER WIEDERHERSTELLUNG DES FRIEDENS ZWISCHEN SWANTOPOLK UND DEN BRÜDERN

Als dies nun so eingerichtet und von Gott barmherzig geregelt war, belehrte dieser Fehlschlag den Fürsten Swantopolk, der zuvor so starrsinnig und verstockt in seiner Gottlosigkeit gewesen war, dass er weder durch Bitten noch durch Strafe noch durch Gewissensbisse dahin zu erweichen war, in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückkehren zu wollen; und da er sah, dass er den Brüdern fortan nicht mehr widerstehen konnte, kam er zum Legaten und zu den Brüdern und bekannte demütig vor ihnen, dass er in seinem Handeln gegen den Glauben und die Christen geirrt habe, und flehte kniefällig, man möge sich seiner erbarmen und ihn begnadigen, wobei er sich mit seinen Leuten den Brüdern zur Besserung überließ. Der Legat hörte sie an und beriet mit den Brüdern hin und her über diese Sache und sagte, es sei schwer, einem zu glauben, der oft Friedensverträge gebrochen habe. Andererseits befand er, dass man dem, der um Vergebung bittet, die Umarmung der Barmherzigkeit nicht verweigern dürfe, und wählte daraus, was er für das Beste hielt, nämlich den Frieden, denn nur in Zeiten des Friedens wird der Friedensstifter geehrt. Darum nahm er ihn auf den Rat der Brüder unter diesen Bedingungen in die Gnade der Kirche auf. Damit die Versöhnung zwischen ihm und den Brüdern dauerhaft sei, gab Swantopolk den Brüdern seine Burg Sartowitz zum Pfand sowie seinen erstgeborenen Sohn Mestwin, Wimar, den Burggrafen, und Wojak, seinen Heerführer, und schwor auf das heilige Evangelium Gottes, die Hand darauf legend, dass er den Brüdern im Kampf gegen die Heiden helfen werde, sooft es die Umstände erforderten, und dass er fortan nicht mehr versuchen werde, solch schändliche Taten gegen den Glauben und die Christen zu begehen wie zuvor, und gab den Brüdern seine mit seinem Siegel versiegelten Urkunden zur Bekräftigung des Vorstehenden. Danach gaben ihm die Brüder alle Gefangenen zurück, die sie hatten fassen können, darunter 70 edle und ehrbare Matronen und außerdem andere Frauen, Männer und Kinder, und den erwähnten Frieden hielten die Brüder so streng, dass sie, außer allem, was zur Wahrung des Friedens nötig war, keine Kriegshandlungen gegen die Heiden mehr ohne den Rat des erwähnten Fürsten zu beginnen gedachten.

40. VOM NEUEN KRIEG SWANTOPOLKS UND DER SCHLACHT AM RENSEN

Da aber der Sinn des Menschen allezeit zum Bösen geneigt ist und man von dem Weg, an den man sich von Jugend an gewöhnt hat, auch im Alter nicht abweicht, konnte dieser lasterhafte Fürst von Pommern, die Verkörperung des Bösen, seine angeborenen Laster, die er von Jugend an gezeigt hatte, nicht lange verbergen; sondern ein Jahr nach dem Friedensschluss, sein Heil und den Eid vergessend, mit dem er den erwähnten Frieden besiegelt hatte, und ohne an seine Blutsverwandten zu denken, nämlich an den Sohn und die anderen Geiseln, die er zum Pfand gegeben hatte, brach er den Friedensvertrag und sammelte mit den neubekehrten Abtrünnigen des Preußenlandes und den Sudauern ein sehr großes Heer, das das ganze Kulmerland außer drei Burgen – Thorn, Kulm und Rehden – in eine Wüste verwandelte und auch anderes Unheil an Gefangenen und Getöteten und unzähliger Kriegsbeute anrichtete. Danach kamen sie mit ihrem Heer vor die Burg und Stadt Kulm und standen dort bis zum Abend voller Hochmut und Verachtung. Dann zogen sie zu einem See namens Rensen ab und übernachteten dort. Als die Brüder aus Kulm davon erfuhren, folgten sie ihnen mit 400 Mann, und während die Hälfte des Heidenheeres über den obengenannten See setzte, wollte Bruder Dietrich, der alte Marschall, die Nachfolgenden angreifen und versicherte, dass diese getötet sein würden, bevor jene zurückkehrten. Seinem Rat widersetzte sich Bruder Berlwin, der neue Marschall, und obwohl die älteren Brüder nur widerwillig handelten, weil es ihnen schien, dass sie sie durch einen früheren Angriff zum Widerstand sammeln würden, folgten sie doch seinem Rat und fielen mit gewaltigem Schlag von hinten über sie her, und jene wandten sich sogleich zur Flucht. Bei der Verfolgung töteten die Christen viele, und als sich das Heer der Christen zerstreut hatte, ging der Marschall mit 24 Knappen zu einem Berg, auf dem sich 4 Tausend Heiden befanden, bereit, mit ihm zu kämpfen. Da aber die Prußen so wenige Brüder um das Banner sahen, nahmen sie Kraft und Mut zusammen, fielen plötzlich über sie her und töteten den Marschall und alle Brüder mit 400 Mann; es blieben nur zehn Mann übrig, die sich durch Flucht retteten. Schließlich kamen die Brüder aus Thorn mit 200 Mann an den Ort und zur Stunde, die der Marschall bestimmt hatte, und als sie die getöteten Brüder sahen, flohen sie. Die Prußen setzten ihnen nach und töteten viele, die übrigen retteten sich. Und sie nahmen die Beute, die sehr groß war, und führten mit großer Freude viele Frauen und Kinder fort. Unter ihnen war Martin von Golin mit seiner schwangeren Schwester; als sie wegen der einsetzenden Wehen dem eilenden Heer nicht folgen konnte, schlitzte der, der sie in die Gefangenschaft führte, ihr mit dem Schwert den Bauch auf, und das lebende Kind fiel in den Sand, sie selbst aber starb. Diese abscheuliche Tat entsetzte Martin so sehr, und einen solchen Hass hegte er seitdem im Stillen gegen die Heiden, dass er, nachdem er aus ihrer Gefangenschaft befreit worden war, mehrmals große Blutbäder unter ihnen anrichtete, wie unten noch deutlich werden wird. Nach ihrem Abzug, als die Brüder das Unheil sahen, das sie dem Volk angetan hatten, sprachen sie zueinander: „Wehe uns! Wozu sind wir geboren, die Verwüstung unseres Volkes und die Verwüstung unseres Landes zu sehen und hier zu bleiben, da es in die Hände der Feinde gegeben ist? Getötet sind seine Alten, seine Jünglinge sind durch das Schwert des Feindes gefallen. Die zuvor frei war, ist zur Magd geworden. Siehe, unsere Heiligtümer, unsere Zierde und unser Ruhm sind verödet, und die Heiden haben sie entweiht. Wozu sollen wir noch leben?“ Und sie zerrissen ihre Kleider und hüllten sich in Bußgewänder, und mit ihnen weinte bitterlich das ganze anwesende Volk, von großer Furcht erfüllt.

41. VON EINEM WUNDER

Als nach der Schlacht eine Frau mit anderen Einwohnern Kulms auf das Schlachtfeld ging, um die Leichen der Gefallenen zu bestatten, und ihren halbtoten Mann in die Stadt bringen wollte, widersetzte er sich, und als sie fragte, warum er so gern dort bleiben wolle, antwortete er, dass an diesem Tag die allerseligste Jungfrau Maria mit einem Weihrauchfass, begleitet von zwei Jungfrauen mit brennenden Kerzen, alle Getöteten mit Weihrauch beräuchert habe, und als sie zu ihm kam und sah, dass er noch lebte, habe sie gesagt: „Am dritten Tag wirst du sterben, und freue dich, denn deine Seele wird wie die Seelen der übrigen Erschlagenen zur ewigen Freude emporsteigen.“ Und siehe, mit den übrigen in die Stadt Kulm gebracht, starb er, wie er vorhergesagt hatte, am dritten Tag, und alle Leute glaubten seinen Worten.

42. VOM STREIT ZWEIER WITWEN UM EINEN MANN

Als nach dieser Schlacht der Bischof von Kulm sah, dass es in der Stadt Kulm keine Männer mehr gab, weil sie alle in der obengenannten Schlacht getötet worden waren, legte er den Witwen zur Vergebung aller Sünden auf, ihre Knechte zu Männern zu nehmen, damit das Werk des Glaubens dort nicht dem Untergang preisgegeben werde. Darum geschah es, dass zwei Frauen, als sie zur Kirche gingen, unter anderen, die auf dem Platz würfelten, einen Knecht sahen, stark und schön von Angesicht, wenn auch schlecht gekleidet; deshalb sagte die eine von ihnen leise zu ihrer Magd, sie solle ihn zu ihr ins Haus führen. Die andere aber, als sie ihn sah, trug ihrer Magd heimlich auf, ihn in ihre Gemächer zu bringen und ihn nicht gehen zu lassen, bis sie zurückkehre. Danach kleidete sie ihn gebührend und ging mit ihm die Ehe ein und ließ sich in der Kirche trauen. Die erste Frau zürnte, als sie davon erfuhr, der anderen lange. Dieser Knecht stammte aus Halle und war so ehrlich und klug, dass es in Preußen keinen gab, der ihm an Vorzügen gleichkam.

43. VON DEN QUALEN DER BRÜDER NACH DER SCHLACHT

Über diese Niedermetzelung der Brüder freute sich Swantopolk mit überaus großer Freude, häufte Böses auf sein Böses, fügte dem Kummer der Brüder neuen Kummer hinzu und trachtete auf jede erdenkliche Weise danach, das ihnen untertane und in Bedrängnis befindliche Volk gegen sie aufzuwiegeln und es durch Schmeichelei und Geschenke seinem bösen Willen geneigt zu machen. Und obwohl einige von ihm verführt wurden und sich insgeheim seiner Gunst zuneigten, wachten doch die Vorsehung Gottes und die Umsicht der Brüder streng darüber, dass niemand dies offen zeigen konnte. Und so wurden seine bösen Pläne zunichte, und er hatte mit seinen bösen Absichten keinen Erfolg.

44. ----

Als Swantopolk, der obengenannte Fürst von Pommern, mit dieser arglistigen Versuchung keinen Erfolg hatte, fand er eine andere, noch bösere, in der unerschütterlichen Meinung, es komme die günstige und lang ersehnte Zeit, in der er ohne jeden Widerstand jenen kleinen Funken des christlichen Glaubens, der nach der letzten Schlacht noch glomm, völlig auslöschen und vernichten könne. Und er sammelte zweitausend Mann, vortreffliche Krieger, setzte auf Schiffen über die Weichsel, drang in das Kulmerland ein, und nachdem alles, was noch übrig war, zwei Tage und zwei Nächte standgehalten hatte, verwandelte er das Übrige in Staub und Asche. Während dies geschah, versammelten sich die Brüder aus Kulm mit den Edlen und Einwohnern der Stadt Kulm, und als sie das Unheil sahen, das Swantopolk mit seinem Heer angerichtet hatte, schluchzten sie, benetzten ihre Brust mit Tränen und riefen zu Gott: „Schone, Herr, schone Dein Volk und gib Dein Erbe nicht preis.“ Die Brüder meinten, wenn sie dieses Heer erneut angriffen und eine Niederlage erlitten, würden sie das Preußenland ohne Hoffnung auf Wiedergewinnung verlieren, und folglich würde dort auch der Glaube Christi zugrunde gehen. Die Edlen und Bürger von Kulm aber sagten, es sei besser für sie, ehrenhaft im Kampf zu fallen, als so weiterzuleben und Tag für Tag elend zu sterben. Und der Geist Gottes kam über die Brüder und über alle Anwesenden, und obwohl sie im Vergleich zu den Feinden sehr wenige waren, griffen sie doch, auf den Herrn vertrauend, die Feinde bei der Stadt Kulm furchtbar und tapfer an, und es entbrannte eine große Schlacht zwischen ihnen, und viele fielen auf jeder Seite. Endlich stärkte der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der die Seinen in aller Trübsal tröstet, die Brüder so sehr, dass Swantopolk, dadurch erschreckt, mit all seinen Leuten floh und sich zu der Stelle begab, wo er die Schiffe zurückgelassen hatte, in der Hoffnung, sich auf ihnen zu retten. Aber nicht so, ihr Gottlosen, nicht so: sondern sie sind wie Spreu, die der Wind vom Angesicht der Erde verweht! Siehe, ein starker Wind wehte und trieb alle diese Schiffe weit vom Ufer fort, und es erging ihnen mit diesen Schiffen, wie es dem heidnischen Sarazenenkönig erging, als er geschlagen vor Karl floh. Und da sie die Schiffe nicht fanden, gingen sie in die Weichsel, und außer Swantopolk und wenigen anderen ertranken alle, die sich mit ihm zurückzogen und zuvor dem Schwert entronnen waren. Und so tröstete der Herr Sein Volk, das am Rande des Untergangs stand.

45. VOM ERNEUT WIEDERHERGESTELLTEN UND GEBROCHENEN FRIEDEN UND VOM BAU DER BURG ZANTIR

Und so erhielten die Brüder, von allen Seiten von der Not bedrängt, unter anderen Ratschlägen, die sie überall suchten, schließlich den Rat eines Bruders namens Rave von Rehden, eines klugen und in schwierigen Dingen besonnenen Mannes, Mestwin, den Sohn Swantopolks, dem Herzog von Österreich 166 zum Pfand zu geben und in den Grenzen Alemanniens, Böhmens, Krakaus und Polens vom Zustand des Preußenlandes und der Brüder zu berichten, mit der Warnung, dass das Werk des Glaubens und der Christen hier bald zugrunde gehen werde, wenn ihm nicht rasch mit der Kraft des Herrn und der ihren geholfen werde. Danach kam Bruder Meister Poppo mit vier Brüdern sowie sechs Brüder aus der Mark, aus Meißen und Thüringen. Auch der Herzog von Österreich schickte 30 berittene Bogenschützen dem erwähnten Land zu Hilfe. Über ihre Ankunft freuten sich die Brüder sehr, Swantopolk hingegen geriet so in Unruhe und Furcht, dass er aus Angst um Gnade bat, sie von den Brüdern erneut erhielt, und der frühere Friede wurde erneuert. Doch wegen der ihm eigenen Laster ließ er von den hinterhältigen und geheimen Verfolgungen der Brüder und ihrer Leute nicht ab und hörte nicht darauf, als die Brüder ihn deswegen tadelten. Schließlich, damit seine geheime Bosheit offenbar werde, sammelte er ein starkes Heer und fiel drohend in das Kujawische Land des Fürsten Kasimir ein, um es auf jede Weise mit Feuer und Schwert zu verheeren, und nachdem er dort viele Christen gefangen genommen und getötet und anderes verübt hatte, kehrte er mit gewaltiger Beute zurück. Als man ihn danach erneut zur Rede stellte, sagte er, weder um des Papstes noch um des Kaisers noch um irgendeines anderen Lebenden willen werde er die Verfolgung seiner Feinde einstellen, und fügte hinzu: „Gebt mir meinen Sohn zurück, wenn ihr mit mir in Frieden leben wollt.“ Und da die Brüder ihm seinen Sohn nicht zurückgaben, begann er sie offen zu verfolgen wie zuvor. Und er baute am Zusammenfluss der Flüsse, nämlich der Weichsel und der Nogat, eine Burg namens Zantir, in der er gottlose Leute ansiedelte; diese hinderten die Untertanen der Brüder, ruhig auf Schiffen flussauf- oder flussabwärts zu fahren, oder nahmen ihnen ihr Gut weg oder nahmen sie gefangen oder töteten sie.

46. VOM BAU DER BURG SCHWETZ UND IHRER ERSTÜRMUNG

Als nun die Brüder sahen, dass ihnen ein neuer Krieg bevorstand, vermachten sie die Burg Sartowitz dem ihnen treuen Sambor, dem Sohn Swantopolks, und übergaben sie ihm mit allem Zubehör. Siehe, ein wunderbares und höchst erstaunliches Ding: Die Söhne zogen gegen den Vater wegen der Grausamkeit, die er schändlich gegen den Glauben und die Christen kehrte. Danach schickten die Brüder Gesandte zum Legaten des Apostolischen Stuhls und zum Hochmeister, die ihnen vom neuen Krieg und vom Zustand des Preußenlandes berichteten. Als der Legat dies hörte, verkündete er persönlich das Kreuz gegen den erwähnten Tyrannen und befahl, es in verschiedenen Königreichen und Provinzen kraft apostolischer Gewalt zu verkünden. Da aber die verkehrten Laster und die lasterhafte Verkehrtheit böser Menschen sich freuen, Böses zu tun, und an böser Verderbnis Gefallen finden, so begann auch er, der sich sehr über die Burg Zantir freute, die er zur Bedrohung des Glaubens und der Christen gebaut hatte, eine weitere Burg zu bauen, heute fast gegenüber der Stadt Kulm, die Schwetz heißt, um den für die Brüder sehr notwendigen Schiffsverkehr auf der Weichsel sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts völlig zu sperren. Als der Meister davon hörte, befahl er den Brüdern aus Kulm, mit ihren Leuten auf Schiffen herbeizukommen, er selbst aber wollte mit den Brüdern aus Thorn und dem Fürsten Kasimir mit einem berittenen Heer an die genannten Orte ziehen. Denn er wollte den Bau der erwähnten Burg verhindern. Als Swantopolk sah, dass die Schiffe der Brüder am Ufer anlegten, brach er das Lager ab, zerstörte die Brücke, über die der Zugang zur Burg führte, und floh. Endlich, als er zurückblickte und sah, dass die Brüder zu Pferd mit ihrem Heer sich wegen der Tiefe des sie trennenden Flusses denen nicht nähern konnten, die aus Kulm auf Schiffen gekommen waren, fasste er wieder Mut, kehrte mit seinen Leuten zurück, und als er sah, dass der Meister die Burg einnehmen wollte, stellte er rasch die Brücke wieder her und schickte 300 Mann in die Burg, um sie zu verteidigen. Die angreifenden Brüder aber stürzten sich mit Fürst Kasimir in gewaltigem Ansturm auf die Burg, und es war ein so grausamer Kampf zwischen ihnen, dass auf beiden Seiten viele Leute tödlich verwundet wurden und viele aus der Burg fielen; da aber die Burg so befestigt war, dass sie nicht leicht einzunehmen war, kehrte Swantopolk, als die Brüder unverrichteter Dinge abzogen, zurück und befestigte diese Burg noch besser.

47. VOM BAU DER BURG POTTERBERG

Als Meister Bruder Poppo die List des erwähnten Fürsten sah, der sich überall vorausschauend mit Burgen befestigte, baute er auf einem Berg zwischen der heutigen Stadt Kulm und der alten Burg eine Burg, die er nach dem Namen des Berges Potterberg nannte, und legte 12 Brüder mit vielen Knappen hinein. Dieser Bau wurde errichtet, damit Swantopolk den erwähnten Berg nicht bebaute und nicht noch eine Sünde begangen würde, schlimmer als die erste.

48. VON DER BESTÜRMUNG DER BURG UND STADT ELBING

Als Swantopolk, der Fürst von Pommern, von der Abwesenheit der Brüder und Bürger aus Elbing erfuhr, sammelte er ein großes Heer und zog aus, um Burg und Stadt zu stürmen. Als die Frauen das sahen, legten sie den Frauenschmuck ab, kleideten sich in männlichen Mut, gürteten sich das Schwert um die Hüfte, stiegen auf die Mauern und zeigten sich bei der Verteidigung so mannhaft, wie sich das schwache Geschlecht dort nie gezeigt hatte. Darum zog der Fürst, in der Meinung, das Heer der Brüder und Bürger sei zurückgekehrt, verwirrt ab. Glaube nicht, dass es nur hier so war, sondern auch an vielen anderen Orten, wo in Abwesenheit der Männer die Befestigungen hätten fallen können, wären die Feinde nicht auf die Tapferkeit der Frauen gestoßen.

49. VON EINEM KRIEGER SWANTOPOLKS

Es war ein Krieger in Swantopolks Gefolge, der die Brüder vom Deutschen Haus so fürchtete, dass ihm bei ihrer bloßen Erwähnung das Herz in die Hose rutschte. Darum geschah es damals, dass dieser Fürst sich zur Rast in ein Dorf begab und zu seiner größten, ausgelassenen Freude einige Krieger zu sich rief und sagte: „Lasst uns einen Knecht auf die Felder schicken, der nach dem ersten Gang schnell zurückkehrt und meldet, dass die Brüder mit einem Heer heranrücken, und wir wollen sehen, wie sich dieser Feigling benimmt.“ Das gefiel ihnen sehr, und ein Bote wurde zu diesem Zweck ausgesandt. Als aber die Brüder, denen man davon berichtet hatte, schon nahe an das erwähnte Dorf herangekommen waren, war der Bote bereits hinausgegangen, und als er die Brüder mit den Knappen kommen sah, kehrte er bestürzt und vor großer Angst erbleicht, ganz in Tränen und mit blankem Schwert zu Swantopolk zurück und sagte: „Steht schnell auf und geht fort, denn in Wahrheit kommen die Brüder mit einem Heer.“ Die Urheber des Spaßes lachten, doch jener feige Krieger sprang, als er von den Brüdern hörte, sogleich über den Tisch und lief davon. Der Bote aber wiederholte seine Worte, bekräftigte sie mit einem Eid und sagte, die Brüder mit dem Heer seien schon nicht mehr weit. Darum ging der Fürst, während die übrigen lachten, mit einem Knecht davon; diesen Knecht ertränkte ein dazu ausgesandter Bruder, der ihm nachjagte, im Fluss, da er den Fürsten nicht einholen konnte; die übrigen Brüder ergriffen und töteten alle, die von seinem Gefolge dort geblieben waren.

50. VOM KAMPF AUF DEN SCHIFFEN

Meister Bruder Poppo, um das Heil der Rechtgläubigen besorgt, sandte Bruder Konrad, genannt Bremer, mit vielen Knappen aus, damit er drei mit Proviant beladene Schiffe nach Elbing führe; als er nach Zantir kam, fand er Swantopolk und viele seiner Leute mit 20 Schiffen wartend vor. Als Bruder Konrad sie sah, erschrak er nicht wie ein Feigling, sondern stürzte sich als Tapferer, der auf den Herrn vertraut, während seine Schiffe auf den Rudern des Mutes rasch dahinflogen, ungestüm und mit gewaltigem Schlag auf sie, sodass viele Schiffe des Fürsten versenkt, die übrigen zerschlagen wurden. Darum kamen die Feinde, als sie sie nahe sahen, vom Ufer her und warfen Steine. Bruder Konrad schlugen sie einen Zahn aus und verwundeten viele andere, die übrigen gelangten unversehrt nach Elbing.

51. NOCHMALS VON DEMSELBEN

Die Brüder aus Elbing, die qualvoll lange auf die Ankunft dieser Schiffe gewartet hatten, schickten, als sie vom Zustand des Kulmerlandes erfuhren, ihrerseits Schiffe mit ihren Boten ab. Und als diese an der Burg Schwetz vorbeifuhren, griff Swantopolk sie mit vielen Knappen und 10 Schiffen erneut an. Und der Heerführer des erwähnten Fürsten griff Bruder Friedrich von Weide an, der die übrigen anführte, und durchbohrte ihm mit dem Speer das Kinn, doch Bruder Friedrich trat seinerseits vor und tötete ihn. Auf dem Schiff der Bürger von Elbing, das, ungestüm anlegend, unbeweglich auf dem Sand festsaß, wurden zwei Brüder getötet, doch Bruder Friedrich kam herbei, befreite die übrigen und nahm sie auf sein Schiff, sodass außer zwei Brüdern und drei Mann – und auf Seiten der Gegner 20 Getöteten – die übrigen heil blieben.

52. VON EINEM EDLEN MANN, DER IN DEN ORDEN VOM DEUTSCHEN HAUS AUFGENOMMEN WURDE

Bald danach, als ihnen in den Burgen die Nahrung ausging, riefen die Brüder mit ihrer Mannschaft, vom Hunger schon fast entkräftet, um die Hilfe des Herrn, der die Verzagten stets gnädig sättigt. Darum neigte Er die Seele eines edlen Mannes aus Krakau dazu, das Ordensgewand zu nehmen, und dieser belud drei große Schiffe mit Wein und Met oder Bier und anderem, was zur Ernährung notwendig ist, und brachte 300 Ochsen und Kühe und viel anderes Vieh zur Burg Thorn; dafür wurde er mit großen Ehren aufgenommen, nahm das Ordensgewand des Ordens vom Deutschen Haus und befreite die Brüder von großer Not.

53. VON DER SIEGREICHEN SCHLACHT, IN DER DIE BRÜDER 1500 POMORANEN TÖTETEN

Meister Bruder Poppo sandte Kundschafter voraus, die sorgfältig erkundeten, was Swantopolk tat, und traf mit dem Heer des Fürsten Kasimir bei der Burg Wyszogród zusammen, und dort wurden die Lager aufgeschlagen. Die zurückgekehrten Kundschafter sagten, Swantopolk stehe mit einem großen Heer bei der Burg Schwetz und befestige sie. Und es schien allen vernünftig, ihn dort anzugreifen, und es wurden aus Kulm 10 Reiter vorausgeschickt, die das feindliche Heer beunruhigten, und als sie auf 20 Gegner trafen, töteten sie einen Krieger, die übrigen 19 flohen beim Anblick des Banners der Brüder, und als sie in Swantopolks Heer gelaufen kamen, wandten sich alle zur Flucht; von ihnen blieben nur wenige am Leben, die in die Burg gelangten, alle übrigen ertranken oder fielen durch das Schwert. So wurden an diesem Tag 1500 Mann aus dem pommerschen Volk von den Brüdern getötet. Aus dieser siegreichen Schlacht kehrten die Brüder, Gott Dank sagend, mit gewaltiger Kriegsbeute zurück und freuten sich im Herrn.

54. VON EINEM WUNDER

Als ein Kreuzfahrer aus Meißen, nachdem er ein Jahr im Preußenland verbracht hatte, nach Erfüllung seines Pilgergelübdes in die Heimat zurückkehrte, starb er unterwegs. Sein Sohn, durch die lange Abwesenheit des Vaters beunruhigt, suchte ihn in Preußen, fand ihn nicht, kam aber auf dem Rückweg in ein Dorf, wo ein Bischof einen Friedhof weihte. Als der Bischof bei dieser Weihe Weihwasser auf die Gräber der Verstorbenen sprengte, erhob sich der Leib eines Toten und lehnte sich an die Kirchenmauer; zuerst sah das nur der Bischof, doch schließlich erreichte er durch Gebet, dass es auch das ganze bei der Weihe anwesende Volk deutlich sah. Der Bischof beschwor nun diesen Toten, zu sagen, wer er sei und warum er sich aus dem Grab erhoben habe. Dieser antwortete, er sei ein Jahr lang Pilger im Preußenland gewesen, auf dem Rückweg aber gestorben und hier begraben worden, und wegen eines Feldes, das er zu Lebzeiten seinem Nachbarn ungerecht weggenommen habe, sei er verdammt gewesen, doch dank des Pilgergelübdes habe Christus selbst, dessen Schmach er gerächt habe, die ewige Strafe in eine zeitliche verwandelt, nämlich dass er die Strafe im Fegefeuer trage, bis einer seiner Angehörigen das erwähnte Feld zurückgebe. Danach fragte der Bischof, ob ihn jemand erkenne. Der Sohn antwortete ihm, dieser Tote sei sein Vater, und versprach, das erwähnte Feld ehrlich zurückzugeben. Als er dies gesagt hatte, befahl der Bischof dem erwähnten Toten, ins Grab zurückzukehren, was dieser auch tat. Siehe, welche Gnade Christus selbst den lebenden und toten Pilgern schenkt, die wie Er unter der Schmähung Seines Kreuzes leiden und sich nicht fürchten, die heilige Kirche gegen die Bedrückung durch die Ungläubigen unermüdlich und ohne ihr Leben zu schonen zu verteidigen.

55. EBENFALLS VON EINER SIEGREICHEN SCHLACHT DER BRÜDER, IN DER ERNEUT 1500 MANN AUS POMMERN GETÖTET WURDEN

Nachdem der Legat des Apostolischen Stuhls selbst das Kreuz verkündet und befohlen hatte, es durch andere, dazu Bestimmte, in den Königreichen und Provinzen zu verkünden, wurden die Fürsten und Edlen Alemanniens über die Verheerung des Preußenlandes besorgt, und der Herzog von Österreich schickte Drusiger, seinen Seneschall, mit vielen Rittern und kampferprobten Männern zu Hilfe; es zog auch der Ritter Heinrich von Liechtenstein und mit ihm viele Pilger. Mit ihnen und dem Fürsten Kasimir fielen der Meister und die Brüder mit ihren Leuten in das Land Pommern ein, zogen in gewaltigem und furchtbarem Ansturm hindurch und verwüsteten es in neun Tagen und Nächten mit großer Heerschar, sodass kein Winkel darin blieb, in dem sie nicht mit Feuer und Schwert gewesen wären. Inzwischen sammelte Swantopolk mit seinen Untertanen und den Neubekehrten des Preußenlandes eine überaus große Schar, folgte mit seinem Heer den abziehenden Brüdern auf dem Fuß und machte jede Nacht dort Halt, wo die Brüder ihre Lager aufgeschlagen hatten, band seine Streitrosse dort an, wo zuvor die Pferde der Brüder gestanden hatten, und schloss aus der Zahl der Zelte und der Menge der Spuren, dass sein Heer doppelt so groß sei wie das Heer der Brüder; und er freute sich mit großer Freude und ermutigte seine Leute und tröstete sie mit solchen Worten: „Morgen werden wir es so machen, dass die Pomoranen und Prußen für immer vom deutschen Joch befreit sind.“ Bei Anbruch des Morgens, als die Brüder abzogen, erbeuteten einige Leute aus Swantopolks Heer die Beute, die außerordentlich groß war, denn sie nahm zwei Meilen ein, und von den Leuten, die zu ihrer Bewachung bestimmt waren, töteten sie 30. Drusiger aber, den der Meister ihnen zu Hilfe geschickt hatte, floh, als er sah, dass schon viele getötet waren, wie ein Feigling. Als Herr Heinrich von Liechtenstein dies erfuhr, griff er sogleich die Feinde an und brachte die von ihnen geraubte Beute an ihren früheren Platz zurück. Als Swantopolk davon erfuhr, zog er mit drei Abteilungen den Seinen zu Hilfe; als die erschrockenen Polen sie sahen, flohen sie alle außer einem Ritter – Martin von Kruschwitz, dem Bannerträger – und dem Fürsten Kasimir, auf dessen Rat man sogleich nach Herrn Heinrich von Liechtenstein schickte. Zu dieser Zeit rüsteten sich die Brüder zur Schlacht. Swantopolk aber, in der Meinung, die Brüder würden nicht fliehen, befahl tausend der besten Männer seines Heeres abzusitzen und wies sie an, mit großem Lärm und Geschrei die Brüder anzugreifen und, hinter ihnen im Schutz der Schilde stehend, mit ihren Speeren die Pferde der Christen zu durchbohren, und sagte: „Sie tragen schwere Rüstungen und können zu Fuß nicht kämpfen.“ Nachdem beide Heere sich zur Schlacht gerüstet hatten, kehrte Herr Heinrich zurück, blickte auf die Feinde und sagte zu den Brüdern: „Zögern ist dem Tode gleich. So lasst uns sie angreifen.“ Und sie stürzten sich auf die Feinde, und es entspann sich zwischen ihnen eine grausame Schlacht, und aus Swantopolks Heer fielen auf dem Schlachtfeld 1500 Mann; von den Christen wurde niemand tödlich verwundet, nur 10 ihrer Streitrosse fielen, von feindlichen Speeren durchbohrt. So kehrten die Brüder und Pilger mit 1600 Pferden der Gegner und anderer sehr großer Beute und einem ruhmreichen Sieg zurück, nach dem Willen unseres Herrn Jesus Christus, der gepriesen sei in Ewigkeit. Amen. Drusiger, der Seneschall, der zuvor wie ein Feigling mit seinen Leuten vom Schlachtfeld geflohen war, verkündete in der Stadt Thorn, die Brüder und Pilger und das ganze Heer der Christen seien in der Schlacht gefallen, und die Christen im Kulmerland und in Polen brachen in ein solches Wehklagen aus, wie man es seit Menschengedenken nicht gehört hatte. Doch am anderen Tag, gegen Abend, als die Brüder mit ihrem Heer siegreich zurückkehrten, war große Freude im christlichen Volk, und zwar eine solche, dass vor ihr die Trauer des gestrigen Tages verblasste.

56. VON DER WIEDERHERSTELLUNG DES FRIEDENS ZWISCHEN SWANTOPOLK UND DEN BRÜDERN

Und siehe, als das Land Pommern durch das gerechte Gericht Gottes menschenleer geworden war, bat Fürst Swantopolk, der früher wie ein brüllender Löwe mit erhobenem Haupt umhergegangen war und gesucht hatte, wie er die Brüder und den neuen Glauben vernichten könnte, der im Preußenland unter großem Blutvergießen vieler Christen gepflanzt worden war, nun wie ein sanftes Lamm, mit gesenktem Blick und dem Antlitz zur Erde, demütig die Brüder, sie möchten ihn wie gewöhnlich mit wohlwollender Barmherzigkeit aufnehmen. Die Brüder, in der Meinung, dass er, wenn er in Bedrängnis geriet, stets unter unschuldigem Anschein und Schafsfell ein Wolfsherz voller Bosheit und Arglist verbarg – was die Tat bewiesen hatte, denn schon zum dritten Mal hatte er den mit seinem Eid besiegelten Frieden gebrochen –, fürchteten, erneut von ihm getäuscht zu werden. Da aber stets ein guter Friede vorzuziehen ist im Namen dessen, der der Friedensstifter und Friedensfreund ist, Jesus Christus, schlossen sie nach verschiedenen Verhandlungen zwischen sich und dem erwähnten Fürsten den früheren Frieden in der alten Form auf den Rat der Kreuzfahrer.

57. VON BRUDER HEINRICH, DEM III. MEISTER. 1247.

Bruder Heinrich von Weide, der III. Meister des Preußenlandes, stand dem Orden 8 Jahre vor. Er brachte einen edlen Mann, den Herrn von Weide, seinen Verwandten, mit 50 überaus tapferen Kriegern ins Preußenland (sie waren so mannhaft, dass im Volk die Rede von ihnen ging, ihre Speere verfehlten nie ihr Ziel und ihre Pfeile träfen stets) sowie viele edle Pilger aus Alemannien. Dieser Bruder Heinrich trat mit Zustimmung seiner Frau in den Orden der Brüder vom Deutschen Haus ein, sie aber ging in das Frauenkloster in Kronowitz, welches Kloster er gegründet und gestiftet und mit wunderbaren Gaben beschenkt hatte. Und in ihm wurde er, nachdem er als Meister viele Schlachten ruhmreich geschlagen hatte, wie wir unten zeigen werden, und vom Hochmeister zum Kapitel gerufen, auf dem Weg erkrankt und gestorben war, begraben.

58. VON DER EINNAHME EINER BURG UND VON DER BURG CHRISTBURG

Dieser Meister Bruder Heinrich begann, nachdem er von den Brüdern erfahren hatte, wie viel Böses Swantopolk und seine Verbündeten, die neubekehrten Abtrünnigen des Preußenlandes, dem Glauben und den Christen angetan hatten, mit aller Glut der Seele auf ihre Vernichtung und die Erhöhung des Glaubens hinzuarbeiten. Er sammelte also Brüder und Pilger, zog in den Krieg und kam am Vorabend von Christi Geburt, tief in der Nacht, als die Leute schliefen, zu einer Burg der Pomesanier, die damals an dem Ort stand, der heute Alt-Christburg heißt; sie legten Leitern an die Mauern, drangen lautlos ein, nahmen alle gefangen oder töteten sie, eroberten die Burg und setzten dort Brüder und Knappen zur Bewachung der erwähnten Burg ein. Darum wurde ihr dieser Name Christburg gegeben, das heißt „Burg Christi“, weil sie in dieser Nacht von Christi Geburt von den Christen eingenommen wurde; so benannt aber wurde sie nach der Weisung eines Engels, bevor der Meister oder die übrigen Brüder es ersonnen hatten.

59. VON DER VERLEGUNG DER STADT KULM

Zu dieser Zeit kam dieser edle und ruhmreiche Fürst von Anhalt mit vielen Rittern ins Preußenland, und neben vielen guten Taten, die er dort zur Stärkung des Glaubens und der Christen vollbrachte, verlegte er die Stadt Kulm von der alten Burg an den Hang des Berges, wo sie sich heute befindet, und durch diese Verlegung wurde das Kulmerland gerettet.

60. VON VERSCHIEDENEN VERHANDLUNGEN UND RATSCHLÄGEN SWANTOPOLKS

Als Swantopolk von der Ankunft des Meisters hörte, bat er ihn, Herrn Heinrich von Liechtenstein zu ihm zu schicken, und als dieser zu ihm kam, trug er ihm viele Klagen über die Brüder vor und sagte: „Ich bin bereit, mich jedem Gericht zu stellen und alles zu tun, was die Brüder befehlen, wenn man mir meinen Sohn zurückgibt, den ich ihnen zum Pfand gegeben habe.“ Herr Heinrich, der meinte, dass man wahrhaftig jeden lenken und belehren müsse, sagte zu ihm: „Ihr könnt Euren Sohn keineswegs zurückerhalten, denn den Frieden, zu dessen Wahrung Ihr ihn den Brüdern zum Pfand gegeben habt, habt Ihr nicht einmal, sondern vielfach gebrochen, indem Ihr Euch den Abtrünnigen und Heiden anschlosst, mit deren Heer Ihr das Land der Christen und der Brüder mit Feuer und Schwert verwüstet habt; und das Werk des Glaubens, das unter unendlichen Verlusten der Christen erhaben vorangebracht wurde, habt Ihr durch Eure Bosheit zerstört, indem Ihr die einen Rechtgläubigen jämmerlich umbrachtet und die anderen in ewige Knechtschaft führtet; darum solltet Ihr nicht um Gericht bitten, sondern um Gnade.“ Da aber die Wahrheit Hass gebiert und die Worte der Wahrheit ihn bei den Bösen beständig hervorrufen, verstopfte dieser arglistige Swantopolk wie eine taube Otter seine Ohren vor der Wahrheit, wandte sein Gehör ab und entließ, da er solche Worte nicht hören wollte, den erwähnten Herrn Heinrich heil und unversehrt in die Stadt Kulm, wo dieser dem Meister und den Brüdern berichtete, was er gehört hatte. Bald danach schlug derselbe Fürst dem Meister vor, sich mit ihm auf einer Insel der Weichsel zu treffen, wo sie nach vielen verschiedenen, endlos zwischen ihnen geführten Verhandlungen freundschaftlich auseinandergingen.

61. VOM BRUCH DES FRIEDENS UND VON DER VERHEERUNG DES LANDES KUJAWIEN

Nach kurzer Zeit schadete Swantopolk, wiederum undankbar für die Wohltaten und die verschiedenen Gnaden, die ihm in Bedrängnis erwiesen worden waren, den Brüdern mehrmals, beraubte heimlich die Leute der Brüder, tötete die einen, führte die anderen in Gefangenschaft und plagte sie auf verschiedene Weise. Schließlich brach er offen den Frieden, begann wie zuvor die feindliche Verfolgung der Christen, sammelte ein starkes Heer, fiel plötzlich in Kujawien, das Land des Fürsten Kasimir, ein, verheerte es mit Feuer und Schwert, tötete viele Christen und führte Frauen und Kinder mit anderer gewaltiger Beute mit sich fort.

62. VON DER EINNAHME DER BURG CHRISTBURG

Noch immer nicht gesättigt vom Blut der Christen, setzte sich dieser Swantopolk zum Ziel, so lange zu sündigen, bis er erneut den Zorn des allerhöchsten Gottes auf sich zöge. Denn unerträglich war ihm die Freude der Brüder darüber, dass sie [die Anhänger Swantopolks. – W. M.] die pomesanische Burg nicht eingenommen hatten, und er begann zu überlegen, wie er den Sieg erringen könnte. Er sammelte also die ganze Macht seines Heeres und der Neubekehrten Preußens, und da er, wie oben gesagt, die Verkörperung aller Tücke war, handelte er stets hinterlistig. Darum teilte er sein Heer in zwei Teile, damit der eine die Burg von vorn, der andere von hinten angreife. Er zog also mit dem einen Teil des erwähnten Heeres gegen den näheren und weniger befestigten Teil, und er war beim Ansturm so furchtbar, dass die Brüder diesen Teil kaum halten konnten. Darum geschah es, dass der andere Teil des Heeres, ohne auf Widerstand zu stoßen, von der anderen Seite in die Burg eindrang. Und so griffen die einen sie von vorn, die anderen von hinten an, sodass sie, kurz gesagt, alle Brüder mit ihrer Mannschaft dem Schwert überlieferten.

63. VOM WIEDERAUFBAU DER BURG CHRISTBURG

Durch dieses traurige Ereignis überaus beunruhigt, kamen die Brüder und der Meister zu dem Schluss, dass sie die unbeugsamen Nacken dieser Heiden dem Glauben unterwerfen könnten, wenn sie nur unter diesem verderbten Volk eine Burg hätten, von der aus sie sie täglich angreifen könnten. Sie riefen erneut viele Pilger zusammen, die ständig durch die Predigt des Heiligen Kreuzes aus den Grenzen Alemanniens herbeiströmten, bereiteten alles für den Burgenbau Nötige vor und zogen in das Land Pomesanien. Indem sie den Ort, nicht aber den Namen wechselten, bauten sie die Burg Christburg an der Stelle, wo sie bis heute zu Lob und Ruhm Jesu Christi steht, versahen sie mit allem, was zur Bewachung von Burgen notwendig ist, und ließen dort auch eine große Mannschaft zurück. Später, mit der Zeit, bauten sie um die Burg eine Stadt, zu deren Besiedlung viele Christen herbeiströmten, die unermüdlich und ohne ihr Leben zu schonen jeden Tag furchtlos den christlichen Glauben verteidigten.

64. VOM HEILIGEN LEBEN DER BRÜDER VON CHRISTBURG

Auf dieser Burg Christburg lebten gottliebende Leute, die durch Makellosigkeit und Einhaltung der Riten Staunen erregten, und außerdem waren sie tapfere Ritter, sodass man wahrhaftig von ihnen sagen kann, dass sie im Kloster und auf dem Schlachtfeld ein streitbares Leben führten. Unter diesen Brüdern war einer mit dem Beinamen „von Gleißberg“, der sich durch solche Heiligkeit auszeichnete, dass sich an einem Freitag, als in der Kirche der Gottesdienst gehalten wurde und er, wie es üblich ist, niederkniete, um das Kreuz zu küssen, das hölzerne Bild des Gekreuzigten erhob und seine Arme ausbreitete, um ihn zu umarmen und zu küssen. Da sich dieser Bruder dessen für unwürdig hielt, sagte er: „Es ziemt Dir nicht, Herr, einen so nichtigen Sünder zu umarmen.“ Es gab auch einen anderen Bruder, der bis zu seinem Tod ständig auf bloßem Leib schwere eiserne Ketten statt des Nachtgürtels trug.

65. VOM UNTERGANG VIELER POMORANEN UND PRUSSEN

Als die Burg Christburg errichtet war, gerieten die Unsinnigen, die Neubekehrten und Swantopolk, im Innern in Unruhe und begannen alle wie ein Mann zu überlegen, wie sie sie zerstören und vernichten könnten, und erwogen verschiedene Arten des Angriffs. Schließlich verschworen sie sich, gemeinsam die Burg Christburg zu belagern und die Belagerung nicht aufzuheben, bis sie sie dem Erdboden gleichgemacht hätten. Die Prußen sammelten also ein gewaltiges Heer und schickten viele Krieger voraus zum Schutz der vierrädrigen Wagen und Fuhren, die Proviant und Waffen brachten. Die Brüder griffen die Vorausgeschickten an, töteten im Kampf alle und brachten die Wagen und Fuhren in ihre Burg. Als die Prußen davon erfuhren, kehrten sie erzürnt heim. Swantopolk aber zog mit seinem Heer zur Burg Zantir, schlug dort sein Lager auf und schickte viele Krieger voraus, damit sie aufs Genaueste erkundeten, ob man die Burg Christburg belagern könne. Auch diese Ritter griffen die Brüder von Christburg an, und als viele von ihnen getötet waren, flohen die übrigen mit lautem Geschrei und kamen in das Heer ihres Herrn Swantopolk. Dieses Heer der Pomoranen wurde dadurch so erschreckt, dass sie sich alle zur Flucht wandten. Als die Brüder dies sahen, jagten sie ihnen nach, töteten die einen, nahmen die anderen gefangen, die übrigen ertranken in der Weichsel, der Fürst aber rettete sich mit einer Handvoll Leute knapp auf Schiffen. Und so gab Swantopolk, geschlagen, da die ganze Kraft seines Heeres gebrochen war, fortan Ruhe.

66. VON DER SCHLACHT IN NATANGEN, IN DER 54 BRÜDER MIT VIELEN CHRISTEN GETÖTET WURDEN

Nachdem dieser Sohn des Fluches, Swantopolk, gegen die Brüder aufgetreten war und die Neubekehrten des Preußenlandes zum Abfall angestiftet hatte, war ein sicherer Weg zu Lande wie zu Wasser, ins Innere des Landes wie aus ihm hinaus, nur mit einer gewaltigen Menge von Rittern offen. Darum sandte der Meister viele Brüder und Knappen aus, die die Brüder aus Elbing und Balga mit sich nahmen, und in voller Rüstung fielen sie in das Land Natangen ein und verheerten es mit Feuer und Schwert; und als sie nach einem großen Gemetzel abziehen wollten, fanden sie, dass alle Wege vom Feind besetzt und der Rückweg völlig abgeschnitten war, sodass die Brüder gezwungen waren, sich in ein Dorf namens Krücken zurückzuziehen. Als die Prußen dies sahen, belagerten sie sie, sodass weder die einen noch die anderen anzugreifen oder in die Schlacht zu ziehen wagten. Als schließlich die Menge der Prußen anwuchs, waren die Brüder gezwungen, auf folgende Bedingungen einzugehen. Denn sie gaben Bruder Heinrich, genannt Botel, den Marschall, und noch drei Brüder als Geiseln, wie die Prußen es verlangten, damit die anderen Gefangenen heil und unversehrt blieben. Diese Bedingungen missfielen nur jenem gottgeliebten Bruder Johann, dem Vizekomtur von Balga, der wohlmeinend riet, die Brüder sollten, auf Gott vertrauend, kühn in den Kampf ziehen; als aber die Mehrheit die anderen unterstützte und man, wie gesagt, die Geiseln gab, brachen die Prußen die Bedingungen des Vertrags, fielen über die übrigen her und töteten 54 Brüder und alle anderen, im Jahr nach Christi Geburt 1249. Nach diesem Gemetzel steckte ein Mann aus Natangen den Kopf Bruder Johanns, des obengenannten Vizekomturs, auf einen Speer, hob ihn hoch empor und sagte: „Hätte dein gesunder Rat deinen Brüdern gefallen, so wären sie wenigstens nicht getötet worden.“ Unter ihnen erlitt ein Bruder folgende Qual: Die Prußen banden ihn lebendig mit der Hand an einen Baum, schlitzten ihm die Mitte des Bauches auf, an der die Eingeweide liegen, und befestigten diese am Baum; danach schlugen sie ihn und zwangen ihn, um den Baum zu laufen, bis alle seine Eingeweide am Baum geblieben waren, und so gab er, zu Gott eingehend, im Bekenntnis des wahren Glaubens den Geist auf. Blättere und durchblättere alles, was über die Märtyrer geschrieben ist, doch ein solches Martyrium wirst du nicht finden. Selbst Tarquinius Superbus, der erste Erfinder aller Foltern, hat sich so etwas nicht ausgedacht. Daraus erhellt, dass es ungewöhnlich und seit Ewigkeit unerhört war. So hat der Herr Sein Volk dem Schwert überliefert, denn die Heiden vergossen ihr Blut wie Wasser über das ganze Land, und niemand war da, der sie begrub, sondern ihr Staub blieb den Tieren der Erde. Wie lange, Herr, willst Du zürnen? Erbarme Dich unser endlich, Herr, erbarme Dich unser, damit die Vergeltung für das vergossene Blut Deiner Knechte vor Dein Angesicht trete. Gieße Deinen Zorn über die Völker, die Dich nicht kennen, und über die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen, und um der Ehre Deines Namens willen erbarme Dich unser; warum sollen die Heiden sagen: „Wo ist ihr Gott?“

67. VON DEN PILGERN UND VOM FRIEDEN, DER DEM PREUSSENLAND ZURÜCKGEGEBEN WURDE

Die Kunde von dieser großen Niederlage, die Gott über die Brüder und das Volk verhängt hatte, gelangte zu den Fürsten Alemanniens und erweckte ihr Mitleid. Darum geschah es, dass Christus selbst, der schlägt und heilt, mit der Gnade Seines Geistes das Herz einiger Fürsten berührte, nämlich des Markgrafen von Brandenburg, der im Jahr nach Christi Geburt 1251, und des Bischofs von Merseburg und des Grafen Heinrich von Schwarzburg, die im darauffolgenden Jahr mit vielen Rittern ins Preußenland einfielen, wobei jeder von ihnen drohend die Grenzen der erwähnten Abtrünnigen überschritt, um mit Feuer und Schwert zu zerstören, zu töten und zu verheeren, bis sie sie völlig vernichtet hätten, damit sie sich danach nicht mehr erholen könnten. Fortan kehrten die Pomesanier, Pogesanier, Ermländer, Natanger und Barter nach dem Willen des Herrn Jesus Christus, in dessen Rechten alle Macht und die Gesetze aller Reiche liegen, zum Glauben zurück, stellten Geiseln und unterwarfen sich erneut der Herrschaft der Brüder. Zur selben Zeit und aus demselben Grund hielt Swantopolk, der Fürst von Pommern, von Schlachten und Verlusten erschöpft und nicht mehr imstande, den Brüdern Widerstand zu leisten, bis zum Ende seines Lebens unverbrüchlich den Vertrag zwischen ihm und den Brüdern ein, den Jakob, Archidiakon von Modia, später Papst Urban IV., aufgesetzt hatte. So waren seit dem Tag, an dem der Krieg Swantopolks begonnen hatte, 11 Jahre vergangen, und das Preußenland kam in Frieden zur Ruhe.

68. VOM KRIEG DER BRÜDER MIT DEN SAMEN. VON DER VERHEERUNG DES GEBIETS GIRMAU

Viele Kriege wurden gegen das samländische Volk geführt, und sie einzeln aufzuzählen, würde sehr lange dauern, doch von einigen soll berichtet werden. Bruder Heinrich, genannt Stange, Komtur von Christburg, zog mit einem großen Heer, das ihm der Meister anvertraut hatte, gegen das Samland in den Krieg und fiel im Winter nahe der Stelle, wo heute die Burg Lochstädt steht, dort ein, tötete viele Leute und nahm viele gefangen und verheerte alles ringsum mit Feuer und Schwert bis zum Dorf Girmau, wo ihnen die Samen in voller Rüstung entgegentraten. Dieser Komtur trat mit ihnen wie ein furchtloser Löwe in den Kampf und verwundete, um sie aufzuhalten, während sein Heer sich in Sicherheit zurückzog, viele mit seinem Speer. Schließlich umzingelten ihn die Prußen hinterlistig, versetzten ihm viele Schläge und warfen ihn vom Pferd. Das sah Bruder Hermann, der Bruder des erwähnten Komturs, und es wallte in ihm die Liebe zu seinem Bruder auf. Unfähig, dessen so unverdienten Untergang zu ertragen, trat er in den Kampf, und nachdem er lange dem Ansturm standgehalten und viele tödlich verwundet hatte, fielen sie beide; die übrigen Brüder retteten sich mit ihrem Heer.

69. VON EINEM WUNDER

Von diesem Bruder Heinrich Stange, dem Komtur von Christburg, wird glaubwürdig berichtet, dass, als er in der Kapelle vor dem Altar kniend Gott bat, Er möge ihm ein Zeichen zeigen, wenn Er ihn Seiner Gnade für würdig halte, die hölzerne Figur des Gekreuzigten, vor der er betete, ihre Hand ausstreckte und ihn mit dem Kreuzzeichen segnete; und als er dieses Zeichen sah, ging er zufrieden fort. Dies sah und berichtete allen Bruder Heindrik, der Priester derselben Burg, der zu dieser Zeit in einem Winkel der Kapelle betete.

70. VON DER VORHERSAGE DES AUSGANGS DES SAMLÄNDISCHEN KRIEGES

Nach dem Bau der Burg Balga sandten die Samen, neugierig, die Lebensumstände der Brüder zu erfahren, und in dem Wunsch, ihren Stand genauer kennenzulernen, einen ihrer Ältesten nach Balga; die Brüder, die den Grund seines Kommens erfuhren, nahmen ihn gern auf und zeigten ihm alles, was sie im Refektorium, im Dormitorium und in der Kirche hatten. Als er alles über den Stand der Brüder erfahren hatte, kehrte er zu den Samen zurück und sagte: „Wisst, dass die Brüder Menschen sind wie wir; sie haben breite und weiche Bäuche, wie ihr sie auch bei uns seht; an Waffen, Speise und anderem sind sie uns ziemlich ähnlich, doch darin unterscheiden sie sich von uns: Sie haben einen Brauch, der uns zweifellos verderben wird. Sie stehen jede Nacht von ihrem Lager auf und kommen im Bethaus zusammen, und auch tagsüber viele Male, und erweisen ihrem Gott Ehre, was wir nicht tun. Darum werden sie uns im Krieg ohne jeden Zweifel besiegen.“ Und da er gesehen hatte, dass die Brüder Kohl aßen, den die Prußen nicht kannten, meinte er, es sei Gras, und fügte deshalb hinzu: „Auch essen sie Gras wie Pferde und Maultiere; wer könnte denen widerstehen, die in der Wildnis ohne Mühe ihre Nahrung finden?“

71. VON DER UNTERWERFUNG DER SAMEN

Als die obengenannten Heiden zur Einheit des Glaubens zurückgekehrt waren, blieben bis dahin noch die Samen, zu deren Unterwerfung Christus im Jahr Seiner Menschwerdung 1254 Ottokar, den König von Böhmen, einen ebenso frommen wie kampferprobten Mann, sandte, Otto, den Markgrafen von Brandenburg, der auf dieser Pilgerfahrt Marschall war, den Herzog von Österreich, den Markgrafen von Mähren, Heinrich, den Bischof von Kulm, Anselm, den Bischof von Ermland, und den Bischof von Olmütz mit einer großen Menge von Pilgern sowie Barone, Ritter und Edle aus Sachsen, Thüringen, Meißen, Österreich, vom Rhein und aus anderen Teilen Alemanniens, deren Seelen vom Durst nach Rache für die Schmach des gekreuzigten Herrn entflammt waren. So groß war die Menge dieses Heeres, dass es mehr als 60 Tausend Ritter zählte; von der Zahl der Wagen und Fuhren mit Waffen und Proviant habe ich nichts gehört. Dieses Heer kam also im Winter nach Elbing, und das Werk des Glaubens, das Gott in Seiner Vorsehung zum Heil bestimmt hatte, wollte der Feind des Menschengeschlechts, der Teufel, verhindern; denn er richtete es so ein, dass zwischen einem Mann aus Sachsen und einem anderen aus Österreich in einer Mühle ein solcher Streit darüber entbrannte, wer von ihnen zuerst mahlen dürfe, dass nicht nur Ritter und Fußvolk, sondern auch der König und andere Fürsten zu den Waffen griffen; doch der Mann Gottes, der Bischof von Olmütz, ein Friedensfreund, unterband den Kern dieses Zwistes und stellte den früheren Frieden wieder her. Als nun Eintracht erreicht war, führte der König von Böhmen sein Heer bis zur Burg Balga, wo er, wie die Brüder es eingerichtet hatten, einen Greis namens Gedune traf, den Vater des Wissegaud von Medenau, aus dem Geschlecht derer, die man Kandeim nennt, der die ganze Stärke der Krieger aus dem Samland genau kannte. Als der König ihn beim Erscheinen des ersten kleinen Teils des Heeres fragte, ob man mit so vielen Rittern Krieg führen könne, antwortete er, nein. Dann kam ein doppelt so großes Heer heran, bei dessen Anblick er wie zuvor antwortete; danach kam ein dreimal so großes Heer, doch auch das war ihm noch nicht genug; endlich kam der ganze übrige Teil des Heeres heran, das das Eis bedeckte, wie die Heuschrecken die Erde bedecken, und als der König fragte, ob man mit einem solchen Heer im Samland Krieg führen könne, antwortete er: „Es genügt. Geh, wohin es dir beliebt, und du wirst erreichen, was du willst.“ Danach gab ihm der König seine Banner, damit er sie auf seinen Besitzungen und Häusern und bei seinen Untertanen aufstecke und damit beim Anblick der königlichen Zeichen niemand ihm Schaden zufüge. Er aber zögerte zu lange, da er nicht wusste, wie ungestüm die Deutschen im Krieg sind; darum sah er, als er heimkehrte, dass sein Haus und die Häuser seiner Leute niedergebrannt, sein Gesinde und seine Leute und sein Bruder namens Ringel und alle Blutsverwandten getötet waren. Der König zog also mit seinem Heer nahe dem Gebiet namens Medenau ins Samland ein, verbrannte alles, was das Feuer erfassen konnte, nahm viele Leute gefangen und tötete viele und übernachtete ebendort. Am anderen Tag kam er in das Gebiet Rudau und nahm dort mit gewaltigem Schlag die Burg ein, und es wurde dort ein solches Gemetzel unter dem samländischen Volk angerichtet, dass die Edlen dem König Geiseln anboten und baten, er möge ihnen die Ehre erweisen, sie gnädig aufzunehmen, und nicht das ganze Volk vernichten. Danach kam er in die Gebiete Quednau, Waldau, Kaymen und Tapiau, und damit er unter ihnen nicht ein solches Blutbad anrichte wie unter den anderen, gab jeder von ihnen seine Söhne als Geiseln und verpflichtete sich bei Todesstrafe, den Forderungen des Glaubens und der Brüder demütig zu gehorchen. Als all dies gebührend vollbracht war, übergab der König die obengenannten Geiseln den Brüdern, zog bis zu dem Berg, auf dem heute die Burg Königsberg steht, fasste mit den Brüdern den Plan, dort eine Burg zum Schutz des Glaubens zu errichten, und ließ ihnen wunderbare königliche Gaben als Hilfe für ihren Bau zurück. Als aber die Mühe seiner Pilgerfahrt vollbracht war, kehrte der König in sein Königreich zurück, ohne große Verluste erlitten zu haben.

72. VOM BAU DER BURG KÖNIGSBERG ODER TUWANGSTE

Nach dem Abzug des Herrn Königs von Böhmen bereiteten der Meister und die Brüder erfolgreich alles für den Bau Nötige vor, nahmen die ihnen treuen Prußen mit, zogen mit einem großen Heer im Jahr nach Christi Geburt 1255 aus und bauten an dem Ort, der heute die alte Burg heißt, die Burg Königsberg, die sie zu Ehren des Königs von Böhmen Königsburg nannten (bei den Prußen heißt sie Tuwangste nach dem Namen des Waldes, der an diesem Ort war), und ließen dort Bruder Burchard von Hornhausen als Komtur mit vielen Brüdern und Knappen zurück. Später wurde diese Burg an die Stelle verlegt, wo sie heute steht, auf jenem Berg, und mit zwei Mauern mit neun steinernen Türmen umgeben.

73. VON DER VERHEERUNG DES SAMLANDES UND VON DER ERRICHTUNG DER BURG WILOW

Im selben Jahr, in dem Königsberg gebaut wurde, empörten sich die Nadrauer, Schalauer und Sudauer, benachbarte Heiden, darüber, dass sich die Samen dem Glauben und den Brüdern unterworfen hatten (denn sie fürchteten, dass auch sie ihretwegen sich dem Glauben würden unterwerfen müssen, wie es sich später in der Tat bestätigte); darum sammelten sie aus eigener Kraft ein großes Heer, zogen mit Feuer und Schwert durch das Samland, nahmen viele Leute gefangen und töteten viele, und beim Rückzug beschlossen sie, die Burg Wilow zu bauen, um künftig den Brüdern und den Samen den plötzlichen und leichten Zugang ins Land Nadrauen zu verwehren. Nachdem sie also die obengenannte Burg errichtet und dort Tirsko und seinen Sohn Maudel mit vielen Knappen zurückgelassen hatten, kehrten sie heim. Doch siehe die wunderbare Vorsehung Gottes, die in ihren Absichten nicht irrt; sie fügte es, dass das, was die Nadrauer damals zu ihrem Schutz taten, ihnen später zu einer großen Falle und zum Untergang wurde. Denn Gott berührte das Herz des erwähnten Tirsko, des Ältesten über die erwähnte Burg, und der Leute, die bei ihm waren, sodass sie den Götzendienst aufgaben, sich dem Glauben Christi und den Brüdern zuwandten und kühne Streiter des christlichen Glaubens wurden.

74. VOM KRIEG MIT DEM LAND WOHNSDORF UND DER EINNAHME DER BURG KAPOSTETE

Und da dieser Tirsko die Wege in die benachbarten Länder genau kannte, fiel der Komtur von Königsberg mit einem Heer von Samen, den erwähnten Tirsko als Führer, plötzlich in das Land Wohnsdorf ein, legte Leitern an die Mauern, stellte alles für den Sturm Nötige gehörig auf, nahm in gewaltigem Ansturm die Burg Kapostete ein und legte sie in Staub, wobei er in der erwähnten Burg und ihren Besitzungen viele Leute gefangen nahm und tötete und das ganze Land mit Feuer und Schwert verheerte.

75. VON DER EINNAHME ANDERER BURGEN UND DER UNTERWERFUNG DES LANDES WOHNSDORF

Im folgenden Jahr sammelte jener Komtur von Königsberg erneut ein starkes Heer und zog gegen das erwähnte Land Wohnsdorf, und sie schlugen ihr Lager zur Belagerung der Burg Ochtolite auf, nahmen sie auf die obengenannte Weise ein, nahmen dort und in den umliegenden Ländern viele Leute gefangen und töteten viele und brannten sie bis auf den Grund nieder. Die Bewohner dreier anderer Burgen aber, nämlich Unsatrapis, Gundau und Angetete, sahen, dass der Herr für die Brüder kämpfte und dass sie ihnen im Krieg nicht länger widerstehen konnten, gaben Geiseln und beugten demütig ihre Nacken dem christlichen Glauben und den Brüdern.

76. VON DER VERHEERUNG EINES TEILS NATANGENS

Aus diesen Leuten aus Wohnsdorf und anderen, die diesem Komtur zur Verfügung standen, sammelte er ein Heer und griff ein Grenzgebiet des Landes Natangen an, das den mit den übrigen endlich erreichten Frieden nicht anerkennen wollte, und verheerte es mit Feuer und Schwert. Den Anführer des erwähnten Grenzgebiets namens Godukke tötete er mit zwei Söhnen und vielen anderen, seine Frau und das ganze Gesinde mit Frauen und Kindern und mit anderer Beute führte er fort.

77. VON DER ANKUNFT DES MARKGRAFEN VON BRANDENBURG

In jenem Jahr, nämlich im Jahr nach Christi Geburt 1255, kam Herr Johann, Markgraf von Brandenburg, ein im Kriegswesen recht erfahrener Mann, mit vielen Rittern und verschiedenen Waffen im Winter ins Preußenland, doch da der Winter mild war, konnte er nicht zu den benachbarten Feinden des Glaubens übersetzen. Denn zwischen ihnen lagen Sümpfe und andere gefährliche Stellen, über die man gehen kann, wenn sie von sehr festem Eis bedeckt sind; da sie aber nicht davon bedeckt waren, erwies sich der Durchzug zu ihnen als unmöglich. Darum zwangen ihn die Umstände, in die Heimat zurückzukehren, und für seinen Eifer wurde er belohnt, obwohl er nicht vollendete, wonach er strebte.

78. VON BRUDER GERHARD, DEM MEISTER VON PREUSSEN

Bruder Gerhard von Hirzberg, der IV. Meister des Preußenlandes, stand dem Orden zwei Jahre vor. Nachdem er im Preußenland viel Gutes getan hatte, kehrte er nach Alemannien zurück und wurde Meister des Deutschen Landes, und dort starb er und ist begraben.

79. VOM LOBENSWERTEN LEBEN EINES BRUDERS AUS KÖNIGSBERG

Zu jener Zeit war in der Mannschaft der Brüder der Burg Königsberg Bruder Hermann, genannt Sarazenus, gebürtig aus Schwaben, der, solange er noch in der Welt lebte, die allerseligste Jungfrau Maria so sehr liebte, dass er niemandem etwas abschlug, der in ihrem Namen bat. Darum geschah es, dass, als er von einem Ritter, den er in der Schlacht gefangen genommen hatte, eine Geldsumme forderte, die dieser nicht zahlen konnte, und ihm mit dem Tod drohte, der erwähnte Ritter, dem jemand den Gedanken eingegeben hatte, ihn bat, ihn aus Verehrung für die allerseligste Jungfrau Maria zu verschonen; jener erhörte diese Bitte und ließ ihn sogleich frei, ohne etwas von ihm zu nehmen.

80. NOCHMALS VON IHM

Als dieser Bruder Hermann schon in den Orden vom Deutschen Haus aufgenommen war und sich an den Ort begab, wo er eingekleidet werden sollte, traf er auf einem Feld viele Ritter, die sich zu einem Turnier versammelt hatten, von denen einer, schon zu Pferd und in voller Rüstung, die Herausforderung ausrufen ließ, ob es jemanden gebe, der es wage, mit ihm um Pferd und Rüstung und die Liebe seines Mädchens den Zweikampf aufzunehmen. Als Bruder Hermann das hörte, trat er, auf seine Jungfrau Maria vertrauend, der zu dienen er versprochen hatte, an ihn heran und warf ihn mit dem ersten Stoß zu Boden, Pferd und Rüstung aber gab er den Armen.

81. NOCHMALS VON IHM

Mit diesem Bruder Hermann, der sich im Orden schon bewährt hatte und auf wunderbare Weise von Tugend zu Tugend schritt, sprach die allerseligste Jungfrau Maria mehrmals insgeheim unter vier Augen, und es geschah einmal, als die allerseligste Jungfrau ihm mit betrübtem Gesicht erschien und er höflich nach dem Grund der Betrübnis fragte, dass sie antwortete: „Betrübt hat mich, dass meine lieben Kinder, deine Brüder vom Deutschen Haus, einst in ihren Predigten nur von meinem Sohn und von mir und von den Taten der Heiligen sprachen; jetzt sprechen sie nur von den Taten der Könige und Fürsten und von weltlicher Eitelkeit, sodass sie fast nie von meinem Sohn und von mir und vom Leben der Heiligen lesen.“

82. VON BRUDER HARTMANN, DEM MEISTER VON PREUSSEN

Bruder Hartmann von Grunbach, der V. Meister des Preußenlandes, stand dem Orden drei Jahre vor. Nicht umsonst trug er seinen Namen, denn er war von sehr strengem Wesen. Hartmann bedeutet „harter Mann“. Man nannte ihn Watmal, wie jener wollene Mantel hieß, den er als Kleidung für die Brüder einführte. Er ließ auch in Elbing vor den Augen vieler Leute zwei Brüder seines Ordens verbrennen, die sich während des Abfalls nach der Schlacht in Kurland, von der unten die Rede sein wird, mit den Prußen verschworen hatten. Der Herr Papst war über diese Tat so erschüttert, dass er befahl, den Meister selbst seines Amtes zu entheben und ihm und allen, auf deren Rat dies geschehen war, eine einjährige Buße aufzuerlegen.

83. VOM BAU DER BURG AUF DEM BERG DES HEILIGEN GEORG IN KARSOWIEN

Zu jener Zeit war in den Grenzen Livlands Meister Bruder Burchard von Hornhausen, der den Brüdern in Livland aus dem Preußenland als Meister gegeben worden war. Da er beide Länder genau kannte und als umgänglicher Mensch die Zuneigung aller gewonnen hatte, ordnete er an, dass unter gleichem Einsatz von Kräften und Mitteln der Brüder aus Livland und Preußen im Jahr nach Christi Geburt 1259 eine Burg im Land Karsowien auf dem Berg des heiligen Georg gebaut werde, was damals zur Festigung des christlichen Glaubens äußerst notwendig war. Als sie gebaut war, wurden zur Bewachung der erwähnten Burg fromme Leute, vortreffliche Krieger, Brüder und Knappen aus Preußen und Livland zurückgelassen.

84. VON DER SCHLACHT IM LAND KURLAND, IN DER 150 BRÜDER UND VIEL CHRISTLICHES VOLK FIELEN

Im Jahr nach Christi Geburt 1260 versammelten sich die Brüder aus Livland und Preußen mit starken Heeren, um den Brüdern der Burg des heiligen Georg Proviant zu bringen, und als sie sich dieser Burg näherten, kam ein Bote, der sagte, viertausend Litauer verheerten einen Teil des Landes Kurland mit Feuer und Schwert, vergössen das Blut vieler Christen und hätten gefangene Frauen und Kinder mit vieler anderer Beute fortgeführt. Als sich die Brüder und das ganze Heer, nachdem sie dies gehört hatten, zur Schlacht rüsteten, um die durch das Blut Christi erlösten Seelen aus der Hand des Feindes zu befreien, sagte ein Edler aus Pomesanien namens Matto, Sohn des Pippin, als Bruder Heinrich, der Marschall, ihn fragte, auf welche Weise sie die Feinde angreifen sollten: „Lasst uns unsere Pferde weit weg von uns lassen, damit wir nicht in Versuchung kommen, zu ihnen zurückzukehren, und lasst uns zu Fuß an sie herangehen; so wird das Volk, der Hilfe der Pferde beraubt, in der Schlacht bleiben, sonst wird es sich zweifellos zur Flucht wenden.“ Seinem Rat widersetzten sich die Ritter des Königs von Dänemark aus Reval und viele andere und behaupteten, wegen der Schwere der Rüstungen könnten sie die Schlacht ohne Pferde nicht durchstehen. Danach kamen die Kuren und baten demütig, man möge ihnen, wenn Gott den Christen den Sieg schenke, die Frauen und kleinen Kinder zurückgeben. Obwohl die Brüder durchaus geneigt waren, ihre Bitten zu erfüllen, widersprachen doch die prußischen und livländischen einfachen Leute und erklärten, sie würden mit ihren Gefangenen nach dem bisher im Krieg geltenden Brauch verfahren. Darum hegten die Kuren einen solchen Groll gegen den Glauben und die Masse der Christen, dass sie, als die Brüder mit den Litauern zu kämpfen begannen, wie Abtrünnige den Christen in den Rücken fielen; und da die Litauer vorn, die Kuren hinten kämpften, ging fast das ganze Volk beider Länder davon und ließ die Brüder und die ihnen treuen Leute dort zurück. Von da an schlossen sich einige Edle aus Preußen treu den Brüdern an; einer von ihnen, der Same Sklodo von Quednau, der Vater Nalubs, rief seine Verwandten und Freunde zusammen und sagte: „Ruft euch heute die Schönheit der Gewänder ins Gedächtnis, die euch die Brüder so oft geschenkt haben, und zum Gedenken an ihre Farbe soll sich das Gewand eures Leibes heute mit dem Blut der Wunden röten, und zum Gedenken an die Süße des Mets oder Biers, die ihr so oft aus ihren Händen empfangen habt, trinkt heute die Bitterkeit des unheilvollen Todes und bekennt den wahren Glauben an die ewige Dreifaltigkeit.“ Danach zogen sie mannhaft in die Schlacht und kämpften wie neue Makkabäer, und es geschah dort eine große Schlacht, und viele fielen auf jeder Seite. Endlich, nach langem Ringen zwischen ihnen, erlitten die Brüder nach dem Willen des Herrn eine Niederlage, denn die ganze Kraft ihres Heeres war durch die Flucht des Fußvolks gebrochen, und es fielen in dieser Schlacht am Tag der heiligen Margarete im Kurenland, auf einem Feld nahe dem Fluss Durbe, Bruder Burchard, der Meister von Livland, und Bruder Heinrich Botel, der Marschall von Preußen, und mit ihnen 150 Brüder, und aus dem Volk Gottes eine solche Menge, dass ich von ihrer Zahl nichts gehört habe. Nach diesem Gemetzel jagten die Feinde den fliehenden Leuten nach, die so feige geworden waren, dass drei oder vier Feinde hundert Christen töteten oder diese in großer Verzagtheit flohen. So sind unsere Feinde durch die Menge an Kriegsbeute, Pferden und Waffen, die sie so vielen Tausenden von Getöteten geraubt haben, stark geworden und triumphieren nun in ihrer Kraft. Zehre doch, Herr, ihre Kraft auf und zerstreue sie, damit sie erkennen, dass kein anderer für uns kämpft als Du, unser Herr.

85. VON DER VORHERSAGE DIESER SCHLACHT

Als Bruder Hermann, genannt Sarazenus, mit anderen Brüdern von der Burg Königsberg zu der erwähnten Schlacht in Kurland ausziehen sollte, erschien ihm die allerseligste Jungfrau Maria und sagte: „Hermann, ich lade dich zum Gastmahl meines Sohnes ein.“ Darum sagte dieser Bruder Hermann beim Weggehen zu einigen Brüdern: „Lebt wohl, fortan werdet ihr mich nicht mehr sehen, denn die Jungfrau, die Mutter Gottes, hat mich zur ewigen Freude eingeladen.“

86. DAZU

Es war in den Grenzen Alemanniens in einem Kloster eine fromme Frau, eine Schwester des Bruders Konrad von Feuchtwangen, der später Hochmeister des Deutschen Hauses wurde; der Herr erschien ihr und zeigte ihr dieses Gemetzel in einer Vision. Denn sie sah, wie die Brüder und ihre Knappen mit den Heiden kämpften und umkamen und ihre Seelen von Engeln in den Himmel getragen wurden.

87. NOCHMALS DARÜBER

Eine dieser in allem gleiche Vision schaute ein Drescher auf dem Dorf, ein einfacher, arglöser und gottesfürchtiger Mensch, im Preußenland. Als er am Tor seines Hauses stand, sah er deutlich in der Luft die Brüder mit den Litauern kämpfen, rief sein Gesinde zu sich und sagte: „Seht ihr denn nicht, wie die Brüder unseres Herrn mit den Heiden kämpfen? Siehe, da fliehen die Prußen und die Livländer; siehe, da kämpfen die Brüder mit einer Handvoll Ritter, wehren sich mannhaft, von allen Seiten von Feinden umringt; ach, siehe, da kommen sie um; jetzt sehe ich, wie die allerseligste Jungfrau Maria und die heiligen Jungfrauen und die Engel Gottes mit ihren Seelen zum Himmel auffahren.“ Unter diesen Seelen waren, wie sowohl er als auch sie sahen, zwei auffälliger als die übrigen, und das waren die Seelen des Bruders Hermann, genannt Sarazenus, und eines Bruders mit dem Beinamen „von Gleißberg“, von dessen Mitwirkung beim Bau der Burg Christburg oben die Rede war. Beide Visionen stimmten auch darin überein, dass alle Seelen, deren Leiber in dieser Schlacht in Kurland fielen, gerettet wurden außer einer. Was der Grund ihrer Verdammnis war, weiß ich nicht, Gott weiß es. Und daraus muss man schließen und fest glauben, dass Christus selbst, der nichts auf Erden ohne Grund tut, diese vergangene und künftige Pest des Abfalls in Seinem Volk ausbrechen ließ, damit die Gefallenen im Himmel ihren verdienten Lohn erlangten, die Überlebenden aber, in den Gefahren standhaft, im Glauben noch mehr gestärkt würden und damit die Ungläubigen beschämt würden; denn die Kraft des Glaubens ist in der Sicherheit bedroht, in den Gefahren aber droht ihr nichts, und dasselbe verstehe auch von den guten Werken.

88. VON DER VERBRENNUNG DER BURG LENZENBERG UND VIELER PRUSSEN

Zu der Zeit, als die Prußen des Abfalls verdächtigt wurden, nahm Bruder Volrad, Vogt von Natangen und Ermland, genannt Volrad der Bewundernswerte (und so war es auch), mit den Edlen des erwähnten Landes an einem Gastmahl auf der Burg Lenzenberg teil, und bald löschte jemand das Licht, stürzte sich auf Bruder Volrad und hätte ihn gewiss getötet, wäre er nicht bewaffnet gewesen. Als man danach das Licht anzündete, zeigte er auf das zerrissene Gewand und fragte die Edlen, was ein solcher Mörder verdiene. Alle antworteten, er verdiene es, verbrannt zu werden. Ein anderes Mal lud derselbe Bruder Volrad viele Edle, die beim vorigen Mal dort gewesen waren, auf dieselbe Burg ein, und als sie, berauscht, zu flüstern begannen und sich verabredeten, ihn zu töten, ging er hinaus, verschloss das Tor und verbrannte die erwähnten Edlen samt der Burg bis auf den Grund.

89. VOM ZWEITEN ABFALL DER PRUSSEN, DER 15 JAHRE DAUERTE

Im selben Jahr, am Vorabend des heiligen Matthäus, des Apostels und Evangelisten, fielen die Prußen, da sie sahen, dass die Brüder in dieser Schlacht Verluste an Brüdern, Knappen, Pferden, Waffen und anderem für den Kampf Notwendigen erlitten hatten, Böses auf Böses und Unglück auf Unglück häufend, erneut vom Glauben und von den Christen ab und glitten in die früheren Irrtümer zurück, und die Samen wählten einen Mann namens Glande, die Natanger Heinrich Monte, die Ermländer Glappe, die Pogesanier Auttume, die Barter Diwane zu Anführern und Heerführern ihres Heeres.

90. VOM VIELFACHEN BLUTVERGIESSEN DER CHRISTEN

Diese Anführer und Heerführer setzten einen bestimmten Tag fest, an dem alle sich bewaffnet versammeln sollten, um die Prediger des christlichen Glaubens bis auf den letzten zu töten und völlig zu vernichten. Das führten sie auch aus, denn alle Christen, die sie außerhalb der Befestigungen im Preußenland antrafen, töteten sie zu unserem Leid zum Teil, zum Teil nahmen sie sie gefangen und führten sie in ewige Knechtschaft; die Kirchen, Kapellen und Bethäuser Gottes verbrannten sie, mit den kirchlichen Heiligtümern gingen sie gotteslästerlich um, kirchliche Gewänder und Gefäße gebrauchten sie auf unerlaubte Weise, Priester und andere Diener der Kirche töteten sie erbarmungslos. Die Samen ergriffen einen Priester, einen Bruder vom Deutschen Haus, der gesandt worden war, um sie zu taufen, und pressten ihm den Hals mit zwei Stangen zusammen, bis er bewusstlos den Geist aufgab; dabei erklärten sie, eine solche Art des Martyriums gebühre heiligen Leuten, deren Blut sie nicht zu vergießen wagten.

91. VON DER SCHLACHT BEI POKARWIS, IN DER VIELE CHRISTEN GETÖTET WURDEN

Im Jahr nach Christi Geburt 1261, als die Kunde von dieser Art Verfolgungen durch Alemannien ging, gerieten die Fürsten und Barone in Unruhe. Darum kamen der Herr von Reider und viele Vertreter des Adels aus anderen Teilen Teutoniens, voll Mitgefühl mit dem Glauben und den Christen darüber, dass die neue Pflanzung der Kirche in den Grenzen Preußens, die auf dem Blut vieler Christen gewachsen war, so jämmerlich zugrunde gehen sollte, dem erwähnten Land zu Hilfe. Mit ihnen fielen die Brüder und ihre Knappen in das Land Natangen ein, verwüsteten es mit Feuer und Schwert, nahmen viele gefangen und töteten viele, kehrten an den Ort zurück, wo heute die Burg Brandenburg steht, und schlugen dort ihr Lager auf. Und die Brüder und Pilger kamen überein, dass ein Teil des Heeres in das erwähnte, erneut entvölkerte Land zurückkehren und der andere Teil an dem erwähnten Ort bleiben solle. Danach sammelten sich die Natanger in der Meinung, eine Handvoll Leute werde es nicht wagen, ihr Land zu plündern, und griffen den zurückgebliebenen Teil des Heeres bei Pokarwis an; die Pilger und Brüder aber leisteten ihnen ihrerseits mannhaft Widerstand, besonders ein Ritter aus Westfalen namens Stenkel von Bentheim, der in einer Predigt des Bischofs gehört hatte, dass die Seelen der in Preußen getöteten Christen unter Umgehung des Fegefeuers in den Himmel auffahren würden; er gab seinem Ross die Sporen, legte die Lanze ein und sprengte wie ein wahrer Ritter durch die Reihen der Feinde, die Heiden nach rechts und links niederstoßend, und sie fielen unter seinen Hieben nach der einen und der anderen Seite. Doch auf dem Rückweg, als er mitten unter sie geriet, wurde er getötet; und es entspann sich zwischen ihnen eine grausame Schlacht, und auf beiden Seiten wurden viele tödlich verwundet und getötet. Endlich geschah es nach dem Willen Gottes, dass der Herr von Reider selbst mit einem großen Teil des Heeres und den Brüdern, die bei ihm waren, getötet wurde, einige gefangen genommen wurden und die übrigen sich zur Flucht wandten. Inzwischen sahen die Brüder mit dem anderen Teil des Heeres, als sie sich dem Schlachtfeld näherten, dass das Heer der Christen aufgerieben war, und sie konnten sie wegen der Menge der Feinde nicht retten und kehrten auf einem anderen Weg heim. Nach diesem Gemetzel wollten die Natanger den Göttern ein Opfer bringen und warfen das Los unter den dort gefangenen Deutschen, und es fiel zweimal auf einen Bürger aus Magdeburg, einen edlen und reichen Mann namens Hirzhals; in solcher Not bat er Heinrich Monte, sich der Wohltaten zu erinnern, die er ihm in der Stadt Magdeburg oft erwiesen hatte, und ihn aus dieser Not zu befreien. Als Heinrich dies hörte, rettete er ihn aus Mitgefühl zweimal. Als aber das Los zum dritten Mal wieder auf ihn fiel, wollte er nicht gerettet werden, sondern bot sich sogleich in gutem Bekenntnis Gott als Opfer dar, wurde auf sein Pferd gebunden und verbrannt. Merke, dass derselbe Heinrich und viele andere später unter Eid versicherten, sie hätten gesehen, als dieser auf dem Pferd verbrannte Bürger den Geist aufgab, wie eine schneeweiße Taube aus seinem Mund flog.

92. VON DER VORHERSAGE DIESER SCHLACHT

Es war in den Grenzen Alemanniens in einem Kloster eine Frau heiligen Lebens, die, als sie hörte, wie eine Menge Dämonen mit großem Lärm und Geschrei in ihre Zelle einbrach, sie beschwor und fragte, wohin sie eilten. Sie sagten: „Nach Preußen. Dort wird morgen eine große Schlacht sein.“ Sie antwortete: „Wenn ihr zurückkehrt, erzählt mir, was dort geschehen ist.“ Als sie zurückkehrten, sagten sie, die Christen hätten eine Niederlage erlitten und die Seelen aller dort Gefallenen hätten das Heil erlangt außer dreien, die nicht aus Frömmigkeit an dieser Schlacht teilgenommen hatten, sondern um ihre ritterliche Tapferkeit zu erproben.

93. VOM TOD VIELER PILGER

Im selben Jahr kam der Graf von Barby mit vielen Rittern nach Preußen und zog in das Land Samland. Nachdem er es verwüstet hatte, sammelten sich die Samen und griffen ihn am Tag der heiligen Jungfrau Agnes an; sie verwundeten ihn schwer, und von den Seinen wandten sich die einen zur Flucht, die anderen wurden gefangen genommen oder getötet.

94. VON DER VERWÜSTUNG DER BURG HEILSBERG

Bald darauf belagerten die Prußen mit drei Heeren, drei Bliden und anderem Kriegsgerät die Burg Heilsberg des Bischofs von Ermland. Die darin Belagerten zwang der Hunger, 250 Pferde samt der Haut zu verzehren. Als sie schließlich gänzlich ohne Vorräte waren, verließen sie die Burg und zogen heimlich in die Stadt Elbing ab, wo sie allen 12 prußischen Geiseln, die sie mit sich führten, die Augen ausstachen und sie zu ihren Stammesgenossen ziehen ließen.

95. VON DER BELAGERUNG DER BURGEN KÖNIGSBERG, KREUZBURG UND BARTENSTEIN

Die Kinder Belials aber, da sie sahen, dass alles nach ihrem Willen ging, ersannen und beredeten eine schändliche Tat. Wider Dein Volk, Herr, schmiedeten sie arglistige Pläne und berieten sich wider die, die Du behütest. Sie sprachen: Kommt, lasst uns sie ausrotten, dass sie kein Volk mehr seien und des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Und sie kamen zusammen, um das Volk Gottes gänzlich zu vernichten, und belagerten die Burgen Königsberg, Kreuzburg und Bartenstein. Um jede von ihnen errichteten sie drei feste, mit einem Wall umgebene Befestigungen mit vielen Knappen, kriegerischen und schlachterprobten Männern, sodass die Belagerten von der Außenwelt völlig abgeschnitten waren. Denn es fehlen die Worte, um genau zu erzählen, wie viele Stürme, wie viele Gefahren, wie viel Hunger, wie viele unerträgliche Entbehrungen die belagerten Brüder und die übrigen Leute in den genannten Burgen erduldeten. Denn nachdem ihnen keine Schafe und Ochsen, Schweine, Kühe und Pferde mehr geblieben waren, waren sie gezwungen, deren Häute zu essen; die ausweglose Lage zwang sie dazu. Und so zäh waren die Häute, diese ungewohnte Speise, dass viele Brüder und andere, die sie aßen, ihre Zähne verloren.

96. VON BRUDER HELMERICH, MEISTER DES LANDES PREUSSEN. 1262.

Bruder Helmerich, der VI. Meister des Landes Preußen, leitete den Orden drei Jahre und ist in der Kirche zu Kulm begraben. Zu jener Zeit war Bruder Dietrich Marschall des Landes Preußen, ein schlachterprobter und christusliebender Mann.

97. VON DER VERWÜSTUNG DER BURG RÖSSEL

Als die Brüder von der Burg Rößel hörten, dass die Burgen Königsberg, Kreuzburg und Bartenstein von den Prußen belagert wurden, gerieten sie in große Furcht, und nach vielen Beratungen und mancherlei Verhandlungen brannten sie die Burg bis auf den Grund nieder und zogen auf geheimen Wegen in die Wildnis ab.

98. VON DER SIEGREICHEN SCHLACHT, IN DER DIE GRAFEN VON JÜLICH UND VON DER MARK DREITAUSEND SAMEN ERSCHLUGEN

Erschüttert von all diesen Wirren, weinten die Brüder und die Christen des Landes Preußen, schon am Rande des Untergangs und im Geist verzagt, bitterlich, bis keine Kraft mehr in ihnen war zu weinen und sie einander nicht mehr trösten konnten, denn sie fürchteten, noch größeren Zorn Gottes auf sich zu ziehen. Schon zwei Jahre kämpften sie und erlitten stets Niederlagen, während die Feinde des Glaubens triumphierten. Darum blickten sie mit demütiger und verstörter Seele zum Himmel auf und riefen unter Tränen den Herrn um Hilfe an, und Er erhörte sie. Denn Er sandte den Grafen von Jülich und von der Mark den Grafen Engelbert mit einer großen Streitmacht an Rittern, die im Jahr nach Christi Geburt 1262, am Vorabend des Tages des heiligen Vinzenz, gegen Abend auf der Burg Königsberg eintrafen. Und sie wollten noch am selben Tag die Befestigungen der Samen einnehmen, mit denen Königsberg belagert war, doch die Brüder rieten ab, denn es blieben nur noch wenige Tage bis zu der so ruhmreichen Schlacht. Als das Heer der Christen am Morgen daranging, die Befestigungen zu erobern, war dort kein einziger Same mehr; sie hatten die Befestigungen verlassen und den Pilgern den Weg verlegt. Darüber beunruhigt, zog sich der Graf von Jülich mit seinem Heer zurück, da er nicht wusste, ob auf seinem Weg Hinterhalte lagen. Deshalb schickte er auf Rat der Brüder Boten voraus, die die vor ihnen liegenden Wege erkunden sollten; einer von ihnen, nämlich Stanteko, der auf die Wache der Samen gestoßen war, kehrte schwer verwundet mit blankem, blutgerötetem Schwert zurück und wies auf den Hinterhalt hin. Daher rüsteten sich die Pilger zur Schlacht, und der Graf von der Mark zu Pferde, die Übrigen zu Fuß, stürzten sich mit gewaltigem Ansturm auf die Feinde, sodass sie, von göttlicher Kraft behütet, über sie triumphierten: Die einen erschlugen sie mit dem Schwert, die anderen wandten sich zur Flucht, wieder andere zogen sich in ein Dorf zurück, das einst Kalige hieß und jetzt Sclunien heißt, von wo man sie nur mit großer Mühe vertrieb. Denn man musste alle Brüder und ihre Knappen aus Königsberg herbeirufen. Diese griffen sie tapfer an und vernichteten sie nach langem Kampf, in dem auf beiden Seiten viele verwundet und getötet wurden, allesamt. So wurden nach Gottes Willen an jenem Tag mehr als dreitausend Samen und andere Prußen getötet, am selben Tag wie ein Jahr zuvor, als die Schlacht bei Pokarwis stattgefunden hatte.

99. VON DER VORHERSAGE DIESES SIEGES

Dieses Gemetzel an den Samen sagte ein Pruße voraus und behauptete mit solcher Gewissheit, dass es geschehen werde, dass man ihn, wie es heißt, bei seinem Kopf schwörend zu den Brüdern von Königsberg sagen hörte – ich weiß nicht, auf wessen Eingebung: „Am Tag des heiligen Vinzenz werden die Samen umkommen.“ Als aber das Heer der Pilger an jenem Tag abzog, warf man ihm Lüge vor; er aber beharrte weiter auf seiner Behauptung und sprach: „Gleichviel, heute werden die Samen umkommen, oder die Erde wird sich auftun und sie wie Dathan und Abiram lebendig verschlingen.“ Und wie er es vorhergesagt hatte, so geschah es.

100. VON DEN CHRISTLICHEN SAMEN, DIE SICH DEN BRÜDERN VON KÖNIGSBERG ANSCHLOSSEN

Und doch brachte diese Niederlage die Samen nicht zur Einsicht, in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückzukehren; vielmehr erhoben sie stolz das Haupt, empörten sich gegen die Geißel des Herrn und forderten die Brüder zum grimmigsten Kampf heraus. Nur einige wenige Männer edlen Geschlechts und Adlige waren nicht unter ihnen; sie verließen ihr Vaterhaus, kamen einer nach dem anderen mit ihrem ganzen Gesinde auf die Burg Königsberg und schlossen sich treu den Brüdern an.

101. VOM KRIEG DER BRÜDER VON KÖNIGSBERG MIT DEN SAMEN WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN, UND ZUERST MIT DEM GEBIET QUEDENAU

Nalubo, der Sohn des Sclodo von Quedenau, ein Mann von unerschrockener Seele und unbezähmbarem Herzen, jedoch vermessen, hielt es für schändlich, den Brüdern so schnell seinen Nacken zu beugen, und wollte seinen Stammesgenossen nicht folgen. Als daher die beunruhigten Brüder sich anschickten, mit einem Heer gegen ihn auszuziehen, kam sein Bruder, nämlich Wargulo, verdrossen darüber, dass jener in seiner Jugend so widerspenstig war, mit Erlaubnis der Brüder zu ihm und sprach: „Verfluchter Nalubo, nun mache dich auf und sei ein Vertriebener und Unsteter fern von deinem Land, denn du hast nicht auf meine Worte und die deiner Stammesgenossen gehört; sonst werden die Brüder und ihre Knappen, die schon unterwegs sind, dich töten.“ Er floh in das benachbarte Gebiet Schoken und rettete sich ganz allein, sein ganzes Gesinde und seine Habe aber wurden von den Brüdern vernichtet. Schließlich unterwarf sich jener Nalubo, durch die häufigen Angriffe entkräftet, dem Glauben und wurde ein Mann, der in Glauben und Taufe Lob verdiente.

102. WIE SCHWER ES WAR, PROVIANT IN DIE BURG KÖNIGSBERG ZU BRINGEN

Die Prußen, in ihren Lastern verharrend, sannen darauf, wie sie die Burg Königsberg zerstören könnten, nämlich jenen Ort, den der Herr zum Lob und Ruhm Seines Namens bestimmt hatte. Darum vereitelte Er, alle ihre Anschläge vergeltend, jedes Unternehmen, das sie auch begannen. Da nun die Prußen meinten, die Burg Königsberg nicht mit Gewalt einnehmen zu können, rüsteten sie, als erfahrene und in den Feinheiten des Krieges kundige Leute, viele Schiffe aus und zerschlugen und vernichteten von ihnen aus die Schiffe der Brüder, die Proviant in die genannte Burg brachten, um so, indem sie ihnen die Nahrung entzogen, die Brüder selbst zu Tode zu bringen. Darüber beunruhigt, sandten die Brüder und der Komtur heimlich einen Mann aus, der die genannten Schiffe mit einem Bohrer durchlöcherte, und er tat dies so oft, dass sie, erschöpft vom Kampf und von den Verlusten durch den Ansturm der Schiffe der Brüder, die viele von ihnen zerschlugen und die Leute gefangen nahmen und töteten, zum Rückzug gezwungen waren.

103. VON DER ZERSTÖRUNG DER BRÜCKE, DIE DIE PRUSSEN ÜBER DEN PREGEL GEBAUT HATTEN

Als die Prußen auf diese Weise keinen Erfolg hatten, versammelten sie sich erneut, ersannen verschiedene Mittel, um die begonnene Untat auszuführen, und kamen schließlich einmütig überein, eine Brücke über den Pregel zu bauen und an jedem Ende der Brücke eine feste, turmartige Befestigung, um so alles abfangen zu können, was auf dem Fluss zur Burg Königsberg geschickt wurde. Als die Brüder in der genannten Burg, schon halbtot vor Hunger, davon erfuhren, zogen sie es vor, im Kampf zu fallen, statt so elend Hungers zu sterben, und fuhren in voller Rüstung auf Schiffen aus; und als sie sich dem Ort genähert und schon Anker geworfen hatten, erhob sich ein starker Wind und trieb sie rasch auf die Brücke zu, was durch Gottes Vorsehung geschah; und als sie an die Brücke kamen, fanden sie auf ihr und in den Befestigungen an ihren Enden viele Bewaffnete; die auf der Brücke und in den Befestigungen leisteten ihnen mannhaften Widerstand; und es entbrannte zwischen ihnen ein so grimmiger Kampf, wie man ihn in diesem Zeitalter zwischen so wenigen Kämpfern nie gesehen hatte. Schließlich sandte ihnen Gott Hilfe und Schutz von oben, was man zweifellos glauben muss, denn menschlicher Kraft war es fast unmöglich, einer solchen Menge standzuhalten; sodass die Brüder, als die Feinde flohen, die Brücke und die Befestigungen bis auf den Grund zerstörten und vernichteten. In diesem Kampf verfolgte ein gewisser Bruder Gevehard, gebürtig aus Sachsen, einige flüchtende Prußen und schlug einem von ihnen mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf ab; dieser aber, von dem Hieb getroffen, fiel nicht sogleich zu Boden, sondern lief ohne Kopf mit den anderen noch eine kleine Strecke weiter und stürzte erst dann. Die Brüder und die anderen, die es sahen, wunderten sich darüber über die Maßen und versicherten, so etwas noch nie gesehen zu haben.

104. VOM STURM AUF DIE BURG KÖNIGSBERG

Bald darauf sammelte Heinrich Monte, der Anführer der Natanger, ein gewaltiges Heer und kam auf das Feld von Königsberg, um die Burg zu stürmen. Ihm zogen die Brüder mit ihren Knappen entgegen und leisteten ihrerseits mannhaften Widerstand. Als aber der vorgenannte Heinrich Monte von Weitem sah, dass Bruder Heinrich Ulenbusch eine Armbrust spannte, eilte er rasch zu ihm hin und sprach: „Heute schicke ich dich in den Himmel“, und durchbohrte ihn mit seinem Speer und verwundete ihn schwer; von dieser Wunde wurde er allerdings später geheilt. Als ein Diener dies sah, verwundete er den genannten Heinrich mit einem kurzen Speer und rächte ihn so. Durch diese Wunde geschwächt, zog er mit seinem Heer unverrichteter Dinge ab.

105. NOCHMALS VON DEMSELBEN UND VON EINEM WUNDER, DAS SICH MIT JEMANDES ARMBRUST ZUTRUG

Niemandem reichen die Worte, um genau zu erzählen, auf wie viele und wie mannigfaltige und ausgeklügelte Weisen die Samen und die übrigen Prußen die Burg Königsberg immer wieder stürmten, sodass es auf beiden Seiten viele Tote und tödlich Verwundete gab. So geschah es einmal, dass die Samen, die mit einem Heer die genannte Burg stürmten, in diesem Kampf so furchterregend wurden, dass ein Bruder unter den übrigen Verteidigern gezwungen war, seine gespannte Armbrust wegzuwerfen, und sich nur mit knapper Not durch die Flucht rettete. Ein Same hob diese Armbrust auf und hängte sie sich um den Hals. Die anderen umringten ihn, wunderten sich überaus, was das sei, denn sie hatten so etwas noch nie gesehen, und betasteten es mit den Händen an verschiedenen Stellen; als schließlich jemand auf den Abzug drückte, schnitt ihm die Sehne der Armbrust die Kehle durch, sodass er bald darauf starb. Darum fürchteten die Prußen seitdem die Armbrüste sehr.

106. VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT KÖNIGSBERG, DIE AUF DEM BERG DES HEILIGEN NIKOLAUS STAND

Um die Pfarrkirche des heiligen Nikolaus auf dem Berg nahe der Burg Königsberg hatten die Brüder eine Stadt angelegt, und da sie nicht gut befestigt war, fielen unerwartet die Samen ein, nahmen viele Leute gefangen, töteten viele und zerstörten sie auf jämmerliche Weise. Darum wurde sie danach in das Tal zwischen dem Pregel und der Burg verlegt, an die Stelle, wo sie sich bis heute befindet.

107. VON DER VERWÜSTUNG DES DORFES DRAMENOW UND DEM TOD VIELER SAMEN

Niemand könnte beschreiben, und schriebe er es, man würde ihm kaum glauben, wie sehr die Brüder beim Ansturm der Samen darauf bedacht waren, sie wieder zum christlichen Glauben zu bekehren. Nachdem sie daher diejenigen, die in den Gebieten Waldau, Quedenau und Wargen und anderen benachbarten Gebieten lebten, geschwächt und in die Flucht geschlagen hatten, zogen die Brüder mit einem Heer gegen das Gebiet Pobethen; und als sie sich mit gewaltiger Beute zurückzogen, nachdem sie ein Dorf namens Dramenow verwüstet und viele gefangen genommen und getötet hatten, wurden sie von den nachsetzenden Feinden angegriffen und beinahe in die Flucht geschlagen. Aber Bruder Heinrich Ulenbusch, ein kühner Mann, stellte sich ihnen entgegen und leistete so mannhaften Widerstand, dass die Übrigen ihre Kräfte sammelten, neuen Mut fassten, in den Kampf zurückkehrten und eine große Menge der vorgenannten Samen erschlugen.

108. VOM SIEG DER BRÜDER ÜBER DIE SAMEN IM GEBIET BETHEN

Im Land Samland gibt es ein Gebiet namens Bethen, in dem kriegerische und so starke Leute wohnen, dass aus einem einzigen Dorf 500 Mann in den Kampf ziehen können; die Brüder von Königsberg wagten nicht, sie allein anzugreifen. Darum baten sie den Meister von Livland, ihnen aus seinem Gebiet Brüder und Knappen zu Hilfe zu schicken, und bestimmten Tag und Ort, wann und wo sie sich zur Schlacht treffen sollten. Die Brüder nun, die zur festgesetzten Zeit mit ihrem Heer von Königsberg an den vereinbarten Ort gekommen waren, begannen das genannte Gebiet mit Feuer und Schwert zu verheeren, noch ehe sie sich mit den Livländern vereinigt hatten. Daher sammelten sich die aufgeschreckten Samen und stürzten sich mit gewaltigem Ansturm auf das Heer der Brüder; und als diese schon im Begriff waren, sich zur Flucht zu wenden, wozu die übermäßige Stärke der Feinde sie zwang, kam das Heer der livländischen Brüder mit zahlreicher und starker Reiterei heran, und siehe, gemeinsam fielen sie über die Feinde her, gaben das ganze Heer der Samen dem Schwert preis und nahmen die Frauen und Kinder gefangen. Die bewohnten Orte dieses und der umliegenden Gebiete legten sie in Asche.

109. VON DER WIEDERHERSTELLUNG DES FRIEDENS ZWISCHEN DEN BRÜDERN UND DEN SAMEN

Die Samen, die der Herr durch die Brüder und andere Christen mit diesen und anderen Drangsalen gezüchtigt hatte, waren nicht mehr imstande, Widerstand zu leisten, stellten ihre Kinder als Geiseln und bekehrten sich wieder zum christlichen Glauben.

110. VOM RÜCKZUG DER SAMEN AUS DEM GEBIET RINAU

Aber der Feind des Menschengeschlechts, der Teufel, dem Frieden und Ruhe der Christen stets verhasst sind, gab jenen Leuten des Samlands, die im Gebiet Rinau lebten, ein, wieder in das Laster des Glaubensabfalls zu verfallen. Daher sammelten sie sich und stürmten mit einem Heer die Burg Fischhausen des Bischofs von Samland, in der sich diesmal nur zwei Menschen befanden, nämlich ein Bruder und sein Diener. Und siehe, ein Wunder: Ihre Bosheit schlug ihnen die Augen und blendete sie, sodass sie den Gurt oder Riemen nicht sahen, der vor ihren Augen hing und mit dem sie das Tor der genannten Burg hätten öffnen können; denn sie hätten nur den kleinen Finger zu rühren brauchen, und die Burg wäre bis auf den Grund zerstört worden. Und so zogen sie nach kurzem Sturm unverrichteter Dinge ab.

111. VON DER VERWÜSTUNG DES GEBIETS RINAU UND DEM TOD SEINER BEWOHNER

Als dies den Brüdern von Königsberg zu Ohren kam, sammelten sie, darüber empört, mit den übrigen Samen ein Heer, fielen in das genannte Gebiet Rinau ein, töteten alle Männer und führten die Frauen und Kinder mit all ihrer Habe fort; und so kam das Land Samland wieder zur Ruhe und lebte in Frieden wie zuvor.

112. VOM BAU DER BURGEN TAPIAU UND LOCHSTÄDT IM LAND SAMLAND

Nach dem zweiten Glaubensabfall bauten sie die Burg Tapiau, die die Prußen Surgurbi nennen, und mit der Zeit die Burg Wiklantsort, die jetzt Lochstädt heißt, nach einem Samen namens Laukstiete, der dort lebte, und befestigten sie, um die Arglist der Samen leichter im Zaum halten zu können.

113. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG GIRDAWIA

Zu dieser Zeit besaß ein Mann namens Girdaw, dessen Geschlecht bis heute Rendalia heißt, ein Eiferer für den Glauben und die Christen, im Land Barten eine Burg, die nach seinem Namen Girdaw genannt wurde. Als ihm nach vielen Kämpfen und Stürmen, die er vonseiten seiner abtrünnigen Landsleute ausgehalten hatte, gar kein Proviant mehr geblieben war, verbrannte er die Burg und zog mit allen seinen Kindern und Hausgenossen zu den Brüdern nach Königsberg.

114. VOM TOD VON SECHS BRÜDERN UND VIELEN CHRISTEN BEI DER BURG WAISTOTEPILA

Im selben Land Barten hatten die Brüder, wie manche berichten, eine Burg namens Waistotepila, die am Ufer des Flusses Gobriona stand. Einmal verfolgten diese Brüder ein Heer der Prußen, das dort zwei Dörfer verwüstet hatte. Doch die Prußen durchbrachen die Hinterhalte, die jene gelegt hatten, und töteten sechs Brüder und viele Christen.

115. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG WAISTOTEPILA

Nicht zufrieden mit der Bedrängnis der Brüder, sammelten die Prußen ein gewaltiges Heer, belagerten die Burg Waistotepila und stürmten sie den ganzen Tag bis zur Dämmerung mit großer Macht, während die Brüder sich ihrerseits mannhaft verteidigten. Als aber die Prußen unverrichteter Dinge abzogen, kamen die Brüder zu dem Schluss, dass die Burg nicht fest sei und solch gewaltigen Stürmen keinesfalls unversehrt standhalten könne, verbrannten die Burg und zogen heimlich ab.

116. VON DER BURG WIESENBURG UND DEM TOD VON 20 BRÜDERN UND VIELEN CHRISTEN

Die Burg Wiesenburg, von den Prußen Walewona genannt, lag im Land Barten am Ufer des Flusses Gobriona; zu ihr kam aus Sudauen und anderen heidnischen Gebieten ein Heer, verwüstete die Umgebung und zog wieder ab. Danach riet einer aus dem Gefolge der Brüder ihnen, die Furcht abzulegen und den Feinden nachzusetzen. Die Brüder stimmten ihm zu und eilten ihnen mit ihrem Heer rasch nach; da sie sie aber nicht sogleich fanden, wollten sie umkehren. Doch dieser Verräter ließ es nicht zu und versprach eidlich, dass sie sie nahe dem Fluss namens Wangrapia ganz gewiss einholen würden. Als sie sich diesem Ort näherten, fielen die Feinde plötzlich über sie her, als wäre es so vorbereitet gewesen. Als die Brüder dies sahen, stiegen sie auf einen nahen Berg und verteidigten sich von dort lange Zeit mannhaft, und viele fielen auf beiden Seiten. Schließlich gewannen nach dem Willen des Herrn die Prußen die Oberhand, töteten 20 Brüder und machten ihr ganzes Heer nieder.

117. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG WIESENBURG

Diese Burg Wiesenburg wurde von den Prußen fast drei Jahre lang belagert, und sie stellten drei Bliden auf, mit denen sie die Burg täglich beschossen. Schließlich raubten die Brüder in einem raschen Handstreich eine von ihnen, brachten sie in die Burg und verteidigten sich lange mit ihr. Bald darauf, als ihnen die Vorräte ausgingen, verließen die Brüder mit ihren Knappen die Burg und zogen heimlich ab, im Jahr nach Christi Geburt 1263, und nahmen den Weg in das Herzogtum Masowien. Als dies bekannt wurde, setzte Diwan, damals Anführer der Barten, ihnen mit vielen Knappen nach, konnte sie aber nicht einholen, denn deren schon ermüdete Pferde versagten; da nahm er 13 Mann auf schnelleren Pferden mit sich und führte sie an, und als sie herankamen, fanden sie die Brüder schon vom Hunger entkräftet und vor Erschöpfung unfähig zu kämpfen; er stürzte sich mit gewaltigem Ansturm auf sie und tötete im ersten Zusammenstoß drei. Die Übrigen verteidigten sich und verwundeten den genannten Diwan schwer, worauf er den Kampf abbrach, und die Brüder zogen mit ihren Leuten in Frieden davon.

118. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG KREUZBURG

Im selben Jahr nach Christi Geburt, nämlich 1263, als die Burg Kreuzburg drei Jahre lang von den Natangern mit drei Bliden und drei Befestigungen belagert worden war, verließen die Brüder mit ihrem Gefolge nach vielen ruhmreichen Kämpfen, die hier ausgefochten worden waren, als ihnen die Vorräte ausgegangen waren, heimlich bei Nacht die Burg. Als die Prußen dies erfuhren, setzten sie ihnen nach und gaben alle außer zwei Brüdern dem Schwert preis.

119. VOM STURM AUF DIE BURG BARTENSTEIN

Während der Belagerung befanden sich in der Burg Bartenstein 400 Brüder und andere Knappen, die Prußen aber errichteten drei Befestigungen um die Burg, in denen ständig 1300 auserlesene Krieger lagen. Sie hatten auch drei Bliden, mit denen sie sie bestürmten. Vor ihrem Fall aber – von den vielen wunderbaren Taten, die die Brüder dort vollbrachten, ganz zu schweigen – gab es in der genannten Burg Bartenstein einen Mann namens Miligedo, der so kühn war, dass die Prußen, hätten sie ihn getötet, gemeint hätten, die Hälfte der Belagerten getötet zu haben. Deshalb berieten sie, wie sie ihn mit List hervorlocken und töten könnten, und ersannen verschiedene listige Mittel und begannen folgendermaßen. Nachdem sie zuerst Hinterhalte gelegt hatten, schickten sie einen Mann, einen tapferen Krieger, um die Kriegsmacht der Belagerten zu verhöhnen, wie Goliath die Schlachtreihen der Söhne Israels. Er rief mit lauter Stimme: „Wenn einer in der Burg ist, der es wagt, mit mir zum Zweikampf anzutreten, so komme er heraus!“ Als Miligedo dies hörte, bat er die Brüder um Erlaubnis, erhielt sie, zog hinaus und setzte jenem nach. Als er aber sah, dass eine gewaltige Schar von Feinden aus dem Hinterhalt hervorbrach, tötete er jenen, floh in den Wald und kehrte auf geheimen Wegen in die Burg Bartenstein zurück. Immer wieder und auf diese und jene Weise stellten sie ihm nach, bis sie ihn schließlich durch Betrug töteten. Ebenso wurde von ihnen ein Mann namens Troppo getötet, ein Inbegriff der Tapferkeit und ein Eiferer für den Glauben. Über ihren Tod herrschte große Freude im Volk der Prußen, und umgekehrt ergriff große Trauer die Brüder. Um aber ihre Freude in Trauer und Kummer zu verwandeln, hängten die Brüder an einem vor dem Burgtor errichteten Galgen 30 prußische Geiseln auf, die sie gefangen hielten. So geschah es, dass, als die Prußen ihre Söhne und Stammesgenossen gehängt sahen, auch sie bitterlich weinten.

120. VON DER ZERSTÖRUNG DER DREI BEFESTIGUNGEN UND DEM TOD VON MEHR ALS TAUSEND PRUSSEN

Danach kam es zu einem Gefecht zwischen dem Gefolge der Brüder und den Prußen, die sie belagerten, um einen Kessel, der von einer Befestigung in eine andere gebracht werden sollte; in ihm pflegten die Prußen nach ihrem Brauch die heiligen Opfergaben zu kochen. Zu diesem Kampf zogen die Brüder mit 150 Kriegern aus, und es entbrannte zwischen ihnen eine große Schlacht. Schließlich nahmen die Brüder nach dem Willen des Herrn den Kessel mit Gewalt an sich, drangen weiter vor und zerstörten jene drei Befestigungen bis auf den Grund, sodass von den 1300 Mann, die zu ihrer Verteidigung bestimmt waren, kaum einer am Leben blieb, während auf der Seite der Brüder nur der Marschall fiel.

121. WIE DIE BRÜDER DIE BURG BARTENSTEIN VERLIESSEN

Als die Befestigungen wiederhergestellt waren und die Brüder im vierten Jahr, das heißt im Jahr nach Christi Geburt 1264, ohne Vorräte den Prußen nicht länger Widerstand leisten konnten, täuschten sie sie dreimal, und zwar so: Die Brüder hielten sich mit ihrem ganzen Gefolge vom Morgen bis zur neunten Stunde schweigend hinter den Burgmauern verborgen, und als die Prußen sahen, dass sich in der Burg niemand zeigte, glaubten sie, die Belagerten seien geflohen, und stürmten die Burg mit gewaltigem Ansturm. Die Brüder aber kamen aus ihren Verstecken hervor und drängten sie zurück, wobei sie viele mit Pfeilen und Steinwürfen töteten und tödlich verwundeten. Schließlich, nach endlosen Gefechten und Kämpfen, rief ein frommer Bruder zu Gott, Er möge ihm offenbaren, was unter solchen Umständen zu tun sei. Eine Stimme vom Himmel antwortete ihm: „Juda und Jerusalem! Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht. Morgen zieht aus, und der Herr wird mit euch sein; seid standhaft; ihr werdet sehen, dass die Hilfe des Herrn mit euch ist.“ Als die Brüder dies hörten, teilten sie sich am folgenden Tag und teilten ihr Gefolge in zwei Teile (der eine zog zur Burg Königsberg, der andere nach Elbing), nahmen die heiligen Reliquien mit, ließen in der Burg einen alten, gebrechlichen und blinden Bruder zurück, der nicht mit ihnen gehen konnte, und zogen ab. Dieser Bruder aber, der in der Burg geblieben war, gab wie gewöhnlich zu jeder kanonischen Stunde mit der Glocke das Zeichen. Als er sich schließlich nicht länger verbergen konnte, schlichen sich die Feinde an die Burg heran, und als sie sahen, dass ihnen niemand Widerstand leistete, drangen sie ein, töteten den Bruder, behielten die Burg für sich und führten von ihr aus viele Kämpfe gegen die Brüder.

122. VOM STURM AUF DIE BURG WILOW

Zu dieser Zeit fiel ein mächtiges Heer von Prußen, Sudauern und Litauern in das Land Samland ein, stellte die Litauer mit einer Blide auf die eine Seite, die Übrigen mit einer anderen auf die andere Seite und belagerte acht Tage lang, täglich stürmend, die Burg Wilow. Als schließlich eines Tages alle zum Kampf zusammenkamen – die Bogenschützen mit Pfeilen, die Bliden, andere mit Holz und Stroh, um die Burg in Brand zu stecken, und die Übrigen auf andere Weise den Belagerten zusetzten –, rief Heinrich von Taupadel, der später Bruder des Ordens vom Deutschen Haus wurde, ein tapferer Mann und vollendeter Meister in der Kunst der Armbrustschützen, das belagerte Volk zur Verteidigung auf und löschte mit ihm das Feuer, das immer wieder gelegt wurde, um die Burg niederzubrennen. In diesem grimmigsten Kampf wurden viele Heiden getötet und tödlich verwundet; der vorgenannte Heinrich aber durchbohrte mit einem Schuss aus der Armbrust einen vornehmen und mächtigen Mann, einen Anführer der Litauer, und tötete ihn; auf der anderen Seite schoss er auf einen Meister, der hinaufgestiegen war, um die Blide auszubessern, und nagelte ihm mit dem Pfeil die Hand an die Blide; als die Heiden dies sahen, hoben sie erschrocken die Belagerung auf.

123. VOM TOD DES BRUDERS HELMERICH, DES MEISTERS, UND VON 40 BRÜDERN UND VIELEN CHRISTEN

Im selben Jahr fiel Heinrich Monte, der Anführer der Natanger, mit einem starken Heer in das Kulmerland ein, und – von der Menge der Menschen und der übrigen unermesslichen Beute, die er mit sich fortführte, ganz zu schweigen – brannte er alle Bauten außerhalb der Befestigungen nieder und tränkte jenes Land mit Christenblut. Als dies dem Meister, Bruder Helmerich, zu Ohren kam, rief er die ganze Macht seines Heeres zusammen, verfolgte sie bis ins Löbauer Land, stellte sein Heer zur Schlacht auf und griff sie tapfer an. Die Prußen aber, von Verhauen umgeben, leisteten zunächst entschlossenen Widerstand, flohen aber schließlich; die Christen zerstreuten sich bei der Verfolgung, und obwohl sie auf dieser Flucht viele töteten, sammelten sich die Prußen doch, als sie beim Banner nur eine Handvoll Leute sahen, kehrten zu den Verhauen zurück, begannen einen neuen, lange währenden Kampf und töteten zuletzt nach dem Willen des Herrn, dessen Wege unerforschlich sind, den Meister und Bruder Dietrich, den Marschall, und 40 Brüder und das ganze christliche Heer; und es geschah ein solches Gemetzel am Volk Gottes, dass es für größer gehalten wird als jenes, das früher in der Schlacht in Kurland geschehen war, denn obwohl hier nicht so viele getötet wurden wie dort, kamen doch fast alle angesehenen und herausragenden Männer um, durch deren Weisheit und Eifer das Land Preußen regiert und der Krieg geführt worden war. Später sah eine Einsiedlerin, die am Ort dieser Schlacht lebte, viele Male in der Nacht brennende Kerzen, ein deutliches Zeugnis dafür, dass die dort Gefallenen schon die Dornenkrone vom König der Märtyrer empfangen hatten.

124. VON BRUDER LUDWIG, DEM VII. MEISTER DES LANDES PREUSSEN

Bruder Ludwig von Baldersheim 323, der VII. Meister von Preußen, leitete den Orden sechs Jahre, im Jahr nach Christi Geburt 1265. Zu dieser Zeit war Bruder Friedrich von Holdenstete Marschall.

125. VON DER ANKUNFT VIELER PILGER

Als die Kunde von der Zerstörung all der oben genannten Burgen die Gebiete Alemanniens durcheilte, gerieten Könige und Fürsten in Unruhe, und damit die Kirche Gottes in den Gebieten Preußens, bis zum Rand mit Christenblut getränkt, nicht gänzlich zugrunde gehe, sondern durch ihre freudige Ankunft gestärkt werde, kamen im Jahr nach Christi Geburt 1265 der Herzog von Braunschweig und der Landgraf von Thüringen, im Jahr nach Seiner Geburt 1266 Otto, Markgraf von Brandenburg, mit seinem Sohn und seinem leiblichen Bruder, im Jahr nach Seiner Geburt 1268 Ottokar, König von Böhmen, in Begleitung vieler Ritter und in voller Rüstung nach Preußen, um dem genannten Land zu helfen, nämlich um den Aufstand der Prußen niederzuschlagen. Da aber die Stunde noch nicht gekommen war, in der es Gott gefiel, sich Seines Volkes zu erbarmen, sondern Er es weiter züchtigte, konnten die genannten Fürsten ihren ersehnten Wunsch wegen des milden Winters nicht verwirklichen, sondern ließen die Christen des Landes Preußen in großer Gefahr zurück und kehrten heim.

126. VON BRUDER ULRICH UND DEM TOD VON 50 PRUSSEN

Zu jener Zeit war im Gefolge von Königsberg Bruder Ulrich aus Magdeburg, der so stark von Leib war, dass er die Kräfte vieler Männer übertraf. Denn er fasste zwei beliebige Knappen mit je einem Finger hinten am Gürtel und hob sie hoch empor, obwohl sie sich sträubten. Er wurde mit einigen Brüdern und Knappen zur Bewachung der christlichen Schiffe abgestellt, die über das Meer in das Land Preußen gekommen waren, das bis dahin nicht selten von den Prußen verwüstet wurde. So geschah es, dass, als er mit einer Handvoll Leuten bei den genannten Schiffen geblieben war, bewaffnete Prußen mit fünf Schiffen kamen, und als sie sich näherten, um ihre Schiffe zu zerschlagen, ergriff Bruder Ulrich den Mast seines Schiffes, durchstieß damit ihre Schiffe und versenkte sie alle, sodass mit ihren Schiffen 50 Prußen ertranken. Die Übrigen zogen bei diesem Anblick voller Furcht ab.

127. VOM BAU DER BURG BRANDENBURG

Im Jahr nach Christi Geburt 1266 kam der Markgraf von Brandenburg, wie oben gesagt, mit vielen Rittern in das Land Preußen, und da er nichts anderes ausrichten konnte, baute er auf Rat des Meisters und der Brüder die Burg Brandenburg und wollte, dass sie zum ewigen Gedächtnis zu Ehren seiner Markgrafschaft so heiße.

128. VOM TOD SWANTOPOLKS, DES FÜRSTEN VON POMMERN, UND VOM AUFSTAND MESTWINS, SEINES SOHNES, GEGEN DIE BRÜDER

In jenem Jahr erkrankte Swantopolk, der Fürst von Pommern, und als er fühlte, dass er sterben werde, rief er seine Söhne zu sich und gab ihnen als letzten Willen, den er mit seinem Tod bekräftigte, folgende Ermahnung mit den Worten: „Seit zwischen mir auf der einen und den Brüdern vom Deutschen Haus auf der anderen Seite der Krieg begann, wurde ich immer schwächer; mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, auf diese und jene Weise griff ich sie an, und es gelang mir nichts, denn mit ihnen ist Gott, und Er kämpft für sie. Darum rate ich euch, niemals gegen sie zu ziehen, sondern sie mit aller Ehrfurcht zu achten.“ Diese Ermahnung beherzigte Mestwin, sein erstgeborener Sohn, nicht. Sondern nach dem Tod des Vaters, als er Fürst von Pommern geworden war, trat er aus einer gewissen unbesonnenen Kühnheit in die ersten unheilvollen Fußstapfen seines Vaters und stiftete die Prußen an, das Kulmerland und das Bistum Pomesanien gegenüber seiner Burg Neuenburg mit einem Heer mit Feuer und Schwert zu verwüsten; und sie, die Prußen auf der einen Seite der Weichsel und die Krieger aus der Burg Neuenburg auf der anderen, griffen 15 Schiffe der Brüder, die mit allem Nötigen zum Schutz des Glaubens und der Christen ausgerüstet waren, mit Macht an, bis die Schiffsleute abziehen mussten (denn anders konnten sie sich nicht retten), nachdem sie alles von den Schiffen geworfen hatten.

129. VON DER RACHE FÜR DIESEN AUFSTAND

Als der Meister mit den Brüdern davon erfuhr, sammelte er ein großes Heer, fiel am Tag der heiligen Apostel Petrus und Paulus nahe der Burg Neuenburg in das Land Pommern ein und legte später, mit Beginn des Herbstes, die Gebiete nahe der Stadt und Burg Dirschau und einer anderen Burg in Asche, wobei er viele Menschen und viel Vieh erbeutete. Danach erreichte Mestwin, der Fürst von Pommern, der sich früher wie ein Löwe auf die Brüder und ihre Untertanen gestürzt hatte, nun aber durch eine solche Erschütterung gezähmt war, unter Demütigungen und mit vielen Bitten beim Meister, dass zwischen ihm und dem Meister und den Brüdern der frühere Friede wiederhergestellt wurde.

130. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG BRANDENBURG

Bruder Friedrich von Holdenstete, Komtur von Brandenburg, zog mit seinen Brüdern und Knappen gegen ein Gebiet Natangens namens Solidow nahe der Burg Kreuzburg und verwüstete es mit Feuer und Schwert, wobei er viele tötete und gefangen nahm. Auf dem Rückweg begegnete ihm ein Bote, der sagte, die Burg Brandenburg sei zerstört, und zwar so: Eine prußische Frau niederen Standes, eine Tochter Belials, war aus der genannten Burg fortgegangen und hatte Glappo, dem ermländischen Anführer, die Abwesenheit der Brüder gemeldet; er kam mit vielen Kriegern und nahm sie ein. Als der Komtur davon hörte, zog er voller Zorn mit seinen Leuten nach Königsberg, kehrte zu Schiff nach Brandenburg zurück und führte die Brüder und die Übrigen aus seinem Gefolge, die sich im hölzernen Turm der genannten Burg verteidigten, lebend und unversehrt vor dem Sturm und Ansturm der Prußen mit sich fort.

131. VOM WIEDERAUFBAU DER BURG BRANDENBURG UND VOM LOBENSWERTEN LEBEN EINES BRUDERS DORT

Als der Markgraf von Brandenburg erfuhr, dass die von ihm errichtete Burg von den Prußen zerstört worden war, geriet er in Zorn, sammelte erneut ein großes Heer, kehrte nach Preußen zurück und errichtete auf Rat des Meisters und der Brüder an derselben Stelle eine andere Burg mit demselben Namen. In dieser Burg war ein edler Bruder, Hermann von Lichtenburg, der ständig statt eines Hemdes einen Panzer auf dem bloßen Leib trug, von den übrigen Kasteiungen und Enthaltungen, die er sich auferlegte, ganz zu schweigen. So geschah es, dass, als er eilig in den Kampf zog und, wie es sich gehört, die übrige Rüstung anlegte, sein Fleisch so voller Geschwüre war, als hätten Skorpione es zerfressen. Als der Priester Bruder Peter, sein Beichtvater, ihn zu überzeugen suchte, dass man während des Kampfes wegen des Gewichts der übrigen Rüstung den Panzer ablegen solle, antwortete er, dass ihn keine Umstände dazu zwingen könnten, ihn zu Lebzeiten abzulegen. Aber in derselben Nacht erschien ihm die allerseligste Jungfrau Maria, die ihn mit einer leichten Berührung ihrer Hand heilte, sodass, als der vorgenannte Bruder Peter ihn wieder sah, auf seiner Haut keine kranken Stellen mehr waren.

132. VON BRUDER DIETRICH, DEM VIII. MEISTER VON PREUSSEN

Bruder Dietrich von Gatersleben, der VIII. Meister des Landes Preußen, leitete den Orden 6 Jahre, im Jahr nach Christi Geburt 1271. Marschall war zu dieser Zeit Bruder Konrad von Thierberg der Ältere.

133. VON DER VERHEERUNG DES LANDES NATANGEN DURCH HERRN DIETRICH, MARKGRAFEN VON MEISSEN

Im Jahr nach Christi Geburt 1272, als der Herr herabblickte und das Leiden Seines Volkes in Preußen sah und die Fülle der Zeit schon gekommen war, da Er sich Seiner Leute erbarmen wollte, kam Herr Dietrich, Markgraf von Meißen, Sohn des ruhmreichen Fürsten Herrn Heinrich, von dem oben im pomesanischen Krieg die Rede war, mit vielen Kriegern nach Preußen; und als er mit dem Meister und den Brüdern die Feinde angreifen wollte, fand er an der Grenze des Landes Natangen eine Befestigung, die von vielen Knappen verteidigt wurde und den Einfall des genannten Fürsten verhinderte. Doch die Brüder Dietrich und Günther, Brüder von Regenstein, zerstörten zusammen mit den Ordensbrüdern und Knappen die genannte Befestigung und töteten oder fingen alle. Danach zog der genannte Fürst, in die heiligen Fußstapfen seines Vaters tretend, wie ein unerschrockener Löwe, der sich vor niemandem fürchtet, mit seinem Heer in das Land Natangen und bis zu dem Marktort namens Gerkin, wo er drei Tage und drei Nächte blieb und Natangen jeden Tag mit Feuer und Schwert durchzog. Und er richtete unter ihnen ein solches Gemetzel an, dass sie sich im folgenden Jahr wieder dem Glauben und den Brüdern unterwarfen. Nachdem er dies vollbracht hatte, kehrte jener Herr Markgraf in seine Lande zurück, allerdings nicht ohne Verluste an Menschen, denn von seinen Leuten fielen beim ersten Sturm auf die Befestigung 150 durch die Hand der Prußen und bei der Verwüstung der Burg Natangens 50 Mann. Dieser fromme Fürst ließ außer vielen anderen Wohltaten, die er den Brüdern zur Festigung des Landes Preußen erwies, 24 edle und tapfere Männer aus seinem Gefolge in den Orden vom Deutschen Haus aufnehmen, sorgte dafür, dass es ihnen an nichts fehlte, was für den geistlichen und den Kriegsdienst erforderlich ist, und ließ sie im Land Preußen zurück.

134. VON BRUDER KONRAD, DEM IX. MEISTER VON PREUSSEN

Bruder Konrad von Thierberg der Ältere, der IX. Meister des Landes Preußen, leitete den Orden 6 Jahre, im Jahr nach Christi Geburt 1273. Als er vom Hochmeister zum Kapitel gerufen wurde, starb er unterwegs. [108]

135. VOM TOD HEINRICH MONTES, DES ANFÜHRERS DER NATANGER

Nach dem Abzug dieses Fürsten begannen die Natanger sich zu fürchten, wo nichts zu fürchten war. Nirgends gab es einen so befestigten Ort, an dem sie nicht unausweichliche Gefahr gefürchtet hätten. So geschah es, dass Heinrich Monte, ihr Anführer, sich mit einigen seiner Gefährten in die Wildnis zurückzog; und als er allein in seinem Zelt saß, während seine Gefährten auf der Jagd waren, überfielen ihn unerwartet die Brüder Heinrich von Schönenberg, Komtur von Christburg, und Bruder Helwig von Goldbach mit einigen Knappen; und als sie Heinrich sahen, freuten sie sich sehr, ergriffen ihn, hängten ihn an einem Baum auf und durchbohrten den Gehängten mit dem Schwert.

136. VOM TOD GLAPPOS, DES ERMLÄNDISCHEN ANFÜHRERS, UND VON DER UNTERWERFUNG DER ERMLÄNDER UND NATANGER

Glappo, der ermländische Anführer, hatte einen Untertanen namens Steinow, den er auf das Zärtlichste liebte. Mehr als einmal rettete er ihn vor dem Tod. Jener aber, ohne der ihm erwiesenen Wohltaten zu gedenken, vergalt Gutes mit Bösem und Liebe mit Hass. Denn er sann darauf, ihn dem Tod auszuliefern, und um das zu bewerkstelligen, schlug er ihm vor, eine Burg im Land Samland nahe dem Ufer des Frischen Haffs, fast gegenüber der Burg Brandenburg, einzunehmen, und bestimmte ihm den Tag, an dem er mit seinem Heer kommen sollte. Inzwischen kam dieser Steinow zum Komtur von Königsberg, teilte ihm dies mit und riet ihm, mit seinem Heer mit ihm zu ziehen. Dieser folgte seinem Rat, nahm viele Brüder und Knappen mit sich, kam und fand Glappo mit seinem Heer bei der Belagerung der genannten Burg, fiel plötzlich über sie her und tötete alle. Glappo aber führte er mit sich nach Königsberg und hängte ihn auf einem Berg auf, der nach seinem Namen bis heute Glappenberg heißt. Als aber die Anführer und alle, von denen der Krieg geführt worden war, getötet waren, unterwarfen sich die Natanger und Ermländer wieder dem Glauben und den Brüdern.

137. VON DEN EINZELNEN KÄMPFEN ALLER BURGEN UND STÄDTE DES LANDES PREUSSEN WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN, ZUERST VON BALGA

Nachdem in groben Zügen vom Krieg des zweiten Glaubensabfalls erzählt worden ist, ist nun zur Aufzählung der Kämpfe der einzelnen Burgen und Gebiete des Landes Preußen überzugehen. Darum möge es den Leser nicht beunruhigen, wenn er irgendeinen Kampf im zweiten Glaubensabfall, der oben oder unten dargestellt ist, nicht in der Reihenfolge findet, in der sie sich ereigneten, denn sie sind aus dem Gedächtnis der heute Lebenden schon geschwunden, sodass keiner von ihnen sie gebührend ordnen kann. Denn größtenteils wird das Geschehene dargestellt, die Reihenfolge der Ereignisse aber ist gestört. Darum wirst du finden, dass vieles hier vorweggenommen und beschrieben ist. Nachdem die Ermländer, Natanger und Barten im Jahr nach Christi Geburt 1260 vom Glauben und von den Christen abgefallen waren, durchzogen sie ihre Länder mit Waffen und töteten, so viele Christen sie fanden, und führten die ergriffenen Frauen und Kinder in Gefangenschaft. Danach zogen sie nach Balga und raubten die Pferde und das Vieh der Brüder, und das geschah nicht einmal, sondern viele Male.

138. VON DER TÖTUNG VON DREI BRÜDERN UND 40 MANN

Bald darauf kamen zwei vornehme und mächtige Männer, Scumo und Stuche, mit einem großen Heer nach Balga. Die Brüder zogen ihnen mit ihren Leuten entgegen und töteten zwei vornehme Prußen. An jenem Tag war ein solcher Nebel, dass einer den anderen auf Abstand nicht sehen konnte. So geschah es, dass, als die Brüder die abziehenden Prußen angreifen wollten – denn die Hälfte ihres Heeres hatte das Sumpfland schon durchquert –, die im Hinterhalt Lauernden hervorbrachen und drei Brüder mit 40 Kriegern töteten.

139. VOM TOD EINIGER PRUSSEN

Von ihrer Gründung an gab es auf der Burg Balga Brüder und Knappen, so mannhaft und kühn, dass kaum ein feindliches Heer ihnen heil und unversehrt entkommen konnte. So geschah es, dass, als Pobrawo ein Heer aus Natangern und Ermländern gesammelt, in der Nacht viele Fußkämpfer auf das Feld von Balga vorausgeschickt hatte und selbst ihnen am Morgen mit der Reiterei folgte und das Vieh der Brüder erbeutete, wobei er drei Männer tötete, die es hüteten, Bruder Gerhard vom Rhein und viele andere Brüder mit Knappen ihnen nachsetzten, den genannten Pobrawo und sechs Mann töteten und ihnen die Beute abnahmen.

140. VOM KAMPF DER BÜRGER VON BRAUNSBERG WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN UND VON DER EINNAHME DER BURG UND DER STADT

Herr und Bruder Anselm vom Orden des Deutschen Hauses, Bischof von Ermland, erbaute die Burg und die Stadt Braunsberg auf jener Insel im Unterlauf des Flusses Sergia, kaum zwei Steinwürfe von dem Ort entfernt, wo sie heute stehen; im ersten Jahr des zweiten Glaubensabfalls belagerten die Prußen sie mit einem großen Heer und stürmten sie einen ganzen Tag lang mit Macht. Die Bewohner der Stadt und der Burg leisteten ihnen ihrerseits mannhaften Widerstand und verbarrikadierten mit Karren, vierrädrigen Wagen und anderen Balken die Stellen der Burg und der Stadt, wo sich den Feinden ein Zugang hätte öffnen können. Bei diesem Sturm wurden auf jeder Seite viele verwundet, und einige fielen. Schließlich zogen sie erfolglos ab. Später gingen, von den Umständen gezwungen, 40 Mann aus der genannten Burg und Stadt hinaus, um Heu und Holz zu holen, und sie alle wurden von den Feinden getötet. Dadurch erschreckt, verzweifelten die Bewohner der Stadt und der Burg daran, im Fall eines neuen Sturms irgendwie Widerstand leisten zu können. So brannten sie Burg und Stadt nieder und zogen mit ihrem ganzen Gesinde ab, ohne Hab und Gerät mitzunehmen außer dem, was sie auf dem Rücken tragen konnten. Als sie abzogen, begegneten ihnen auf dem Weg 60 Christen, die die Brüder aus Elbing ihnen zu Hilfe geschickt hatten. Als diese aber hörten, dass Burg und Stadt niedergebrannt waren, zogen sie alle zusammen nach Elbing. Danach, im Jahr nach Christi Geburt 1297, errichtete Herr Heinrich, Bischof von Ermland, Stadt und Burg Braunsberg an dem Ort, wo sie sich heute befinden. Als dieser Bischof nach seiner Weihe zum ersten Mal sein Bistum betrat, erhielt er dort als jährliches Einkommen aus dem ganzen Bistum nur eine Mark von einer Mühle.

141. VOM KAMPF DER BRÜDER VON CHRISTBURG IM ZWEITEN ABFALL VOM GLAUBEN, VON EINEM WUNDER UND VON DER VERNICHTUNG VIELER PRUSSEN

Bruder Dietrich, genannt Rode, Komtur von Christburg, zog während des zweiten Glaubensabfalls mit Brüdern und Pilgern, hundert Mann an der Zahl, aus und verwüstete das Land Pogesanien, worauf ihnen eine unzählige Menge Prußen nachsetzte; da er dem Kampf mit ihnen nicht ausweichen konnte, griff er sie im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes an, und da er im Kampf tapfer vorrückte, wandten sie sich zur Flucht, und die Brüder und Pilger setzten ihnen nach und töteten alle, sodass niemals an einem Tag von einer Handvoll Leute so viele Menschen getötet worden waren. Die Gefangenen aber, die von den Brüdern gefesselt herbeigeführt wurden, sagten, sie hätten während des Kampfes gesehen, wie eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit das Banner der Brüder durch die Luft trug; durch diese Erscheinung seien sie so feige geworden und ihr Herz habe so gezittert, dass keiner sich zu wehren wagte.

142. VON DER EINNAHME EINER BEFESTIGUNG

Die Pogesanier sammelten sich und wollten den Krieg von Neuem beginnen; sie zogen bis Christburg, stürzten sich mit gewaltigem Ansturm auf eine nahe gelegene Burg, in der christliche Pomesanier lebten, drangen schließlich in sie ein, nahmen alle Leute gefangen oder töteten sie, außer denen, die in die Burg Christburg fliehen konnten, und zerstörten die genannte Befestigung bis auf den Grund.

143. VOM TOD VON 12 BRÜDERN UND 500 MANN, VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT CHRISTBURG, DER BURG DER POMESANIER UND DER VORBURG DER BRÜDER UND VOM GEMETZEL AN VIELEN CHRISTEN

Diwan, genannt Klekine, der Anführer der Barten, und der Pogesanier Linko fielen mit einem großen Heer in das Kulmerland ein, und während auf den Lärm dieses Heeres hin die Brüder von Christburg und andere ins Kulmerland zusammenkamen, zogen die Pogesanier, wie Diwan es zuvor befohlen hatte, mit einem starken Heer aus Reitern und Fußvolk vor die Burg namens Tranpere, die zwischen Christburg und Marienburg steht; zu ihrer Belagerung ließen sie das Fußvolk zurück und setzten einen Mann namens Kolte zu dessen Anführer ein. Die Reiterei aber zog bis zu dem Gebiet namens Algent, in dem sich heute die Burg Marienburg befindet, und bis Marienwerder und tötete, ergriff und verbrannte alles, was ihr in den Weg kam. Als die Brüder von den Burgen Pusilia und Wischow 360 davon erfuhren, kamen sie mit ihren Knappen den Brüdern und Bürgern von Christburg zu Hilfe, schon in voller Rüstung. Und als die Brüder vorrückend sich der belagerten Burg näherten, brachen die Prußen den Sturm ab und wandten sich zur Flucht. Bei dieser Flucht und beim Sturm auf die Burg wurden viele Prußen getötet und tödlich verwundet, und auch Kolte, ihr Anführer, fiel durch das Schwert, und siehe, das fliehende Fußvolk traf auf die Reiterei. Dadurch erschreckt, sammelten sich Reiterei und Fußvolk und schlugen am Ufer der Sirgune ihr Lager auf, und ihnen gegenüber lagerten die Brüder mit ihrem Heer. Als die Prußen sahen, dass sie dem Kampf nicht ausweichen konnten, nutzten sie einen Augenblick, in dem die Christen, gleichsam die Furcht vergessend, ohne zuverlässige Wache waren und sogar die Pferde abgesattelt hatten, setzten die Hälfte ihres Heeres heimlich über den Fluss, und die einen von hinten, die anderen von vorn zwangen den Christen einen überaus grimmigen Kampf auf, und ehe die Christen sich zur Abwehr rüsten konnten, wurden 12 Brüder und 500 Mann nahe dem Dorf Pogansten getötet. Die Übrigen, die in die Stadt flohen, verfolgten sie, nahmen nach kurzem Sturm die Stadt und die Burg der Pomesanier sowie die Vorburg der Brüder mit Gewalt ein und zerstörten sie völlig, wobei sie alle gefangen nahmen oder töteten außer denen, die in die Burg der Brüder fliehen konnten. Zu jener Zeit waren in der Burg Christburg nur drei Brüder und drei Diener zurückgeblieben und ein Pomesanier namens Sirenes, der wegen irgendwelcher Vergehen in Ketten lag. Er zerbrach den Block, stellte sich mit Schwert und Speeren wie ein unerschrockener Löwe auf die Brücke der Burg der Brüder und versperrte dem Feind den Zugang, bis das Tor herabgelassen war. Danach erschoss ein Bruder mit einem Pfeil einen Prußen, dem aufgetragen war, 40 gefangene und gefesselte christliche Kinder zu bewachen, und die Kinder flohen in die Burg und retteten sich vor ewiger Gefangenschaft.

144. VOM TOD VIELER PRUSSEN

Der vorgenannte Diwan, abermals gegen das Christengeschlecht verbittert, sammelte ein starkes Heer und plünderte erneut die Gebiete nahe Christburg und Marienburg, in der Meinung, nun müsse wie zuvor alles nach seiner Laune geschehen. Denn er hatte schon so viele Brüder und andere Christen getötet und gefangen genommen, dass er nicht glaubte, es sei noch jemand übrig, der ihm Widerstand leisten könnte. Darum schickte er sein Heer mit der Beute voraus und folgte ihm mit einer Handvoll Leuten. Die Brüder von Christburg und Elbing aber kamen mit einem kleinen Heer, im Vertrauen auf Den, durch dessen Kraft einer tausend verfolgt und zwei zehntausend in die Flucht schlagen, an den Fluss Hower. Dort griffen sie Diwan mannhaft an und töteten einen seiner Verwandten namens Dabore und alle Leute. Diwan aber rettete sich, indem er in großer Verwirrung mit einer Handvoll Leuten floh. So nahmen die Brüder die ihnen geraubte Beute zurück und kehrten Dank sagend heim.

145. WIE SCHWER ES WAR, PROVIANT IN DIE BURG CHRISTBURG ZU BRINGEN

Da die Brüder von Christburg von allen Seiten von feindlicher Macht umgeben waren, konnten sie selten ohne große Gefahr und Mühe das Nötige aus Elbing heranschaffen. So geschah es dreimal, dass, als es auf dem Fluss Sirgune herangebracht wurde, die Brüder und Diener Gut und Leben verloren, weshalb in der Burg Christburg eine solche Hungersnot ausbrach, dass die Burg verödet wäre, wäre nicht Samile zu Hilfe gekommen, ein Adliger aus Pomesanien, der Vater Tussins, der bei den Feinden lebte, aber insgeheim den Glauben und die Brüder verehrte. Als die Prußen davon erfuhren, ergriffen sie im Zorn den genannten Samile, gossen ihm kochendes Wasser in den Mund und rösteten ihn nackt am Feuer, sodass er halbtot kaum noch atmen konnte, und schickten ihn zu den Brüdern; er aber überlebte nach langer Krankheit. Schließlich herrschte in der genannten Burg wieder Hunger, und zwar ein solcher, dass die Brüder vor Hunger gezwungen waren, ihren rechtgläubigen Pomesaniern, die sich ihnen angeschlossen hatten, zu sagen und zu raten, sie sollten unbeschadet ihrer Rechte und Freiheiten von ihnen an andere Orte fortziehen, damit sie Nahrung finden könnten und nicht dort Hungers stürben. Darum blieben nur wenige, die Übrigen zogen fort. Siehe, ein Wunder Gottes und die höchste Liebe, die sich gnädig den Brüdern und den übrigen Christen nicht nur in dieser Burg, sondern im ganzen Land Preußen zuwandte, sodass sie mit solcher Demut und Sanftmut so fast unerträgliche und den Umständen menschlichen Lebens gänzlich widersprechende Entbehrungen ertrugen, dass sie ohne Trauer, ja fast immer frohlockend, meinten, sich inmitten paradiesischer Seligkeit zu befinden.

146. VON BRUDER ENGELKO, EINEM MANN AUS CHRISTBURG, DESSEN LEBEN LOB VERDIENT

Zu jener Zeit war in der genannten Burg Christburg Bruder Engelko, gebürtig aus Westfalen, ein Mann von wunderbarer Frömmigkeit und Enthaltsamkeit, ganz Gott ergeben. Er zeichnete sich neben anderen Tugenden dadurch aus, dass er statt eines Hemdes ein eisernes Kettenhemd auf dem bloßen Leib trug, und so trug er bis zu seinem Tod vier solcher Kettenhemden ab, die von der Zeit und vom Rost zerfressen waren.

147. VOM KAMPF BEI DER STADT MARIENWERDER UND IHRER ZERSTÖRUNG WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN

Und noch immer nicht gesättigt vom Christenblut, rüsten sich die Prußen erneut, um Christen zu töten, zu geißeln und zu kreuzigen, damit so über sie alles gerechte Blut komme, das im Land Preußen zur Verteidigung des christlichen Glaubens vergossen wurde. So zogen sie, mit einer gewaltigen Menge an Kriegern versammelt, während des zweiten Glaubensabfalls gegen die Stadt Marienwerder, legten an geeigneter Stelle Hinterhalte und zeigten sich in geringer Zahl. Die Brüder und Bürger mit ihren Knappen griffen sie feindlich an, trieben sie auf das Feld zwischen der Stadt und der Mühle, töteten und verwundeten viele tödlich, und als sie glaubten, sie vollständig geschlagen zu haben, erschienen die Prußen, die im Hinterhalt gelegen hatten, und töteten alle Brüder und Bürger außer wenigen, die in die Stadt flohen. Sie verfolgten sie feindlich und nahmen nach kurzem Sturm die Stadt, und ein Teil der Leute wurde gefangen genommen, andere wurden getötet, die Übrigen flohen in die Burg und retteten sich. So brannten sie die Stadt bis auf den Grund nieder und zogen mit gewaltiger Beute ab.

148. VON DER ZWEITEN ZERSTÖRUNG DER GENANNTEN STADT MARIENWERDER

Als die Stadt Marienwerder mit großen Mühen und Entbehrungen von den Brüdern wiederaufgebaut worden war, geschah es, dass die Prußen mit einem großen Heer, nachdem sie das Kulmerland verwüstet hatten, gegen die Burg Belichow zogen, die einem Adligen aus Pomesanien namens Jonas, dem Sohn Sargans, gehörte und an der Ossa lag. Aus dieser Burg zog Bruder Konrad Schwab aus Elbing mit vielen Knappen aus und lieferte ihnen einen ritterlichen Kampf, in dem auf beiden Seiten viele verwundet wurden. Danach zogen sie vor die Stadt Marienwerder und zerstörten sie nach langem und grimmigem Sturm wieder bis auf den Grund; die einen flohen in die Burg, andere retteten sich, indem sie sich in einer städtischen Befestigung verbargen, die Übrigen wurden gefangen genommen oder getötet. In diesen beiden prußischen Kämpfen fügten sie den Bildern der Heiligen, den kirchlichen Gewändern und anderem, was zum Dienst Gottes bestimmt ist, und den kirchlichen Heiligtümern großen Schaden zu.

149. VOM BAU DER BURG STARKENBERG UND VOM TOD VIELER CHRISTEN

Zu jener Zeit befahl Bruder Anno, Hochmeister des Ordens vom Deutschen Haus, dem Meister und den Brüdern von Preußen, an der Ossa im Gebiet der Diözesen Kulm und Pomesanien eine Burg zu bauen, und er selbst wollte die Bewohner der Burg reichlich mit allem Nötigen ausstatten. Zu ihrem Bau rief der Meister viele Leute zusammen, und als jeder dort mit der ihm aufgetragenen Arbeit beschäftigt war, kam unerwartet ein Heer der Prußen und erschlug diese ganze Menge Menschen. Es verging aber eine lange Zeit, und der Meister rief wieder Leute zusammen und vollendete dann durch die Gnade Gottes den Bau der genannten Burg, nannte sie Starkenberg 369, was ins Lateinische übersetzt „starker Berg“ bedeutet, und bestimmte viele Brüder und Knappen zu ihrer Bewachung.

150. VON DER EINNAHME DER BURG STARKENBERG UND VOM TOD VIELER BRÜDER UND CHRISTEN

Als die Prußen vom Bau der genannten Burg hörten, empörten sie sich und belagerten sie mit einem starken Heer. Bruder Konrad von Blindenburg aber zog zum Kampf gegen sie aus, empfing fünf Wunden nach dem Vorbild der fünf Wunden Christi und wurde getötet, worum er Gott oft unter Tränen gebeten hatte. Dann umringten die Prußen die Burg von allen Seiten und begannen den Sturm. Die Brüder leisteten ihrerseits Widerstand und töteten viele und verwundeten viele tödlich mit Pfeilen. Doch die Prußen, in Raserei geraten, wollten alle lieber sterben, als die Belagerung unverrichteter Dinge aufzuheben, rückten näher heran und nahmen, nachdem auf beiden Seiten viele gefallen waren, die genannte Burg ein, töteten die Brüder mit allen ihren Bewohnern und machten die Burg selbst dem Erdboden gleich. Viele Jahre später wurde die genannte Burg über die Ossa in das Bistum Kulm verlegt und befindet sich dort bis heute.

151. VON DER VERWÜSTUNG DER BURG SPITTENBERG WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN

Im Land Pomesanien gab es eine Burg namens Spittenberg, in der Brüder lebten. Da sie aber während des zweiten Glaubensabfalls so oft von den Prußen bedrängt wurden und ihnen aus Mangel am Nötigsten keinerlei Widerstand leisten konnten, brannten sie die Burg nieder und zogen mit ihren Knappen ab, und so liegt sie bis heute wüst.

152. VOM KRIEG DES KULMERLANDES IM ZWEITEN ABFALL VOM GLAUBEN UND ZUERST VON BRUDER HEIDENREICH, BISCHOF VON KULM

Bruder Heidenreich vom Predigerorden war während des zweiten Glaubensabfalls Bischof von Kulm. Von ihm wird glaubwürdig berichtet, dass die allerseligste Jungfrau Maria einem Armen erschien und ihm eine Botschaft für den genannten Bischof gab; als der Bischof diese Botschaft las, sah er, dass darin sein ganzes Leben beschrieben war und überdies gesagt wurde, die Christen im Land Preußen müssten fortan nicht wenige Nöte und Bedrückungen vonseiten der Prußen erdulden.

153. VON DER BELAGERUNG DER STADT KULMSEE

Danach kam ein Heer der Prußen und belagerte die Stadt Kulmsee. Darüber beunruhigt, rief der Bischof den Adel und die Lehnsleute zu sich und legte ihnen zur Vergebung ihrer Sünden auf, hinzugehen und die Zahl und Stärke des Heeres aufs Genaueste zu erkunden. Auf dem Weg begegneten ihnen einige Prußen, mit denen sie einen Kampf begannen, und einen von ihnen, einen sehr großen Mann, der alle anderen um mehr als einen Kopf überragte, verwundeten sie und führten ihn halbtot mit sich in die Stadt. Sehr beunruhigt darüber, dass er gefangen genommen worden war, versprach der Anführer der Prußen, die Belagerung aufzuheben und keinem Christen Schaden zuzufügen, wenn man ihm diesen genannten verwundeten Mann zurückgäbe, was von beiden Seiten so erfüllt wurde.

154. VOM TOD VIELER BÜRGER VON KULMSEE

Zur Erntezeit kam ein Heer der Prußen und verbarg sich 13 Tage lang im Wald nahe dem Ort namens Vogelsang, jedoch so, dass jeden Tag kleine Gruppen auf dem Feld erschienen und die Bürger von der Ernte vertrieben. Da schließlich das Getreide reif war und nicht länger ohne Schaden für die Ernte stehen bleiben konnte, gingen die Bürger in der Meinung, das Heer sei abgezogen, alle zur Ernte hinaus. Als die Prußen das sahen, stürzten sie sich mit starkem und schrecklichem Ansturm auf sie, töteten die Männer und führten die Frauen und Kinder in ewige Gefangenschaft.

155. VOM KAMPF DER BRÜDER VON REHDEN UND VON DER ZERSTÖRUNG DIESER STADT

Niemand kann genau beschreiben oder erzählen, wie viel die Brüder und Bürger von Rehden während des zweiten Glaubensabfalls um der Verteidigung des christlichen Glaubens willen von den Prußen erlitten, denn an diesem Ort war fast ständig ihr Aus- und Eingang in das Kulmerland. Man sagt, die Stadt Rehden sei zweimal im Kampf erobert worden und alle Menschen, die sich darin befanden, bis auf den letzten gefangen genommen und getötet worden.

156. VOM TOD EINIGER HEIDEN

Ein Bruder aus Rehden und Martin von Golin, die in der Wildnis ritten und Ausschau hielten, ob ihnen zufällig jemand begegne, kamen vom Weg ab und trafen, verirrt, auf drei Prußen; zwei von ihnen töteten sie, den dritten verschonten sie, damit er sie auf den rechten Weg führe, er aber führte sie in das Land der Feinde. Als sie seinen Betrug bemerkten, töteten sie ihn, und als sie eilig abzogen, wurden sie von fünf prußischen Reitern, die ihnen nachgesetzt hatten, ergriffen und gefesselt und zwei Männern zur Bewachung überlassen. Die drei anderen Prußen aber jagten dem davongelaufenen Pferd jenes Bruders nach. Als danach diese beiden den gefesselten Martin mit blankem Schwert enthaupten wollten, bat er sie, ihm zuerst die Kleider auszuziehen, damit sie nicht mit Blut befleckt würden. Als sie einwilligten und Martin die Hände losbanden, entriss er ihnen das Schwert und tötete beide, und als jener Bruder von den Fesseln befreit war, traten sie beide den drei anderen entgegen und töteten auch diese und kehrten dann, ohne vom Weg abzukommen, in die Burg Rehden zurück.

157. NOCHMALS VON MARTIN VON GOLIN UND SEINEM WUNDERBAREN KAMPF

Zur selben Zeit verwüsteten 20 Prußen Polen. Auf Geheiß der Brüder von Rehden setzte ihnen der vorgenannte Martin von Golin mit 17 Gefährten nach. Als diese Prußen aus Polen zurückkehrten, fanden sie die Wachen Martins schlafend, töteten den einen und banden den anderen, nachdem er ihnen die Zahl der Gefährten und ihren Aufenthaltsort mitgeteilt hatte, an einen Baum. Danach griffen sie sie an; Martin und seine Gefährten verteidigten sich ihrerseits mannhaft, viele wurden auf beiden Seiten schwer verwundet. Als dies einer von Martins Gefährten sah, der sich ausgezogen hatte und über den nahen Fluss geschwommen war, um Krebse zu fangen, kehrte er zurück, ergriff Schwert und Schild eines Getöteten und stürzte sich nackt in den Kampf. Er wurde von ihnen furchtbar zerhauen und verwundet, sodass an vielen Stellen große Fleischfetzen von seinem Leib herabhingen. So hart war der Kampf zwischen ihnen, dass sie, ermüdet, in gutem Einvernehmen beider Seiten dreimal ausruhten und ebenso oft, nachdem sie Kräfte gesammelt hatten, einen neuen Kampf begannen. Als schließlich alle Christen und Prußen schon umgekommen waren, befreite sich jener Wächter, den man an den Baum gebunden hatte, von den Fesseln, kam an den Kampfplatz und fand nur Martin halbtot vor; er legte ihn auf einen Wagen und brachte ihn zusammen mit den Pferden, Waffen und der übrigen Habe der Prußen nach Rehden.

158. VOM KAMPF DER BRÜDER IN DER BURG WARTENBERG UND VOM TOD VIELER CHRISTEN

Es gab im Kulmerland eine Burg auf einem Berg namens Wartenberg inmitten eines Sees, die ihren Namen von diesem Berg trug und in der Brüder mit vielen Knappen lebten. Und es kam eines Tages ein Sonntag, an dem die Leute aus den benachbarten Dörfern sich vergnügten und tanzten; da erschien unerwartet ein Heer aus Sudauen und erschlug alle diese Leute, die Frauen und Kinder aber führten sie mit sich fort.

159. VON DER EINNAHME DER BURG WARTENBERG

Wie oft und in welcher Menge diese Heiden auch Christenblut vergossen, sie hörten doch mit den Verfolgungen nicht auf. Denn sie setzten alle Kräfte daran, sie gänzlich zu vernichten. Darum sammelten die Sudauer erneut ein überaus gewaltiges Heer, zogen vor die Burg Wartenberg und zerstörten sie nach vielen furchtbaren Stürmen (während die Brüder ihnen nach Kräften Widerstand leisteten) schließlich bis auf den Grund, brannten sie nieder und töteten alle Brüder mit dem ganzen Gefolge, und siehe, die genannte Burg liegt bis heute wüst.

160. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG BIRGELAU 375

Treniota, der Sohn des Königs von Litauen, vereinigte viele andere heidnische Krieger mit sich, sammelte fast 30 Tausend Mann zum Kampf, näherte sich dem Land Preußen und teilte sein Heer in drei Abteilungen; die eine schickte er nach Masowien, die andere nach Pomesanien, und beide Länder verwüstete er mit Feuer und Schwert. Die Übrigen fielen in das Kulmerland ein, und außer dem übrigen Bösen, das sie dort anrichteten, nahmen sie die Burg Birgelau ein und raubten das Vieh und die ganze Habe der Brüder und derer, die in die genannte Burg geflohen waren. Die Brüder und die übrigen Leute retteten sich, indem sie sich in einem Turm verbargen.

161. VOM KRIEG DES GANZEN KULMERLANDES WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN. VOM TOD VIELER CHRISTEN

Als Bruder Heidenreich, Bischof von Kulm, die Kapelle des Siechenhospitals von Thorn weihte, die außerhalb der Stadtmauern lag, sammelten die Prußen, die die Nachricht von ihrer Weihe erfahren hatten, ein Heer, überfielen die Leute, die von der Weihe zurückkehrten, töteten die Männer und führten die gefangenen Frauen und Kinder fort.

162. VOM NIEDERBRENNEN DES THORNER HOSPITALS, VOM STURM AUF DIE STADT KULM UND VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG UND DER STADT LÖBAU

Zur selben Zeit kamen die Sudauer mit dem größten Heer, das je in Preußen gesehen worden war, in das Löbauer Land und zerstörten die Burg und die Stadt dieses Namens bis auf den Grund. Dann drangen sie nahe der Burg Strasburg in das Kulmerland ein, teilten das Heer und besetzten zuvor viele Burgen, um die Leute, die dorthin zusammenliefen, zu töten und gefangen zu nehmen. Danach kamen sie nach Thorn und brannten das Hospital und alles nieder, was außerhalb der Mauern lag und vom Feuer erfasst werden konnte. Schließlich kamen sie vor die Stadt Kulmsee und stürmten sie Tag und Nacht mit gewaltigsten Angriffen, jedoch ohne Erfolg, da die Bürger sich ihrerseits mannhaft verteidigten. Und so zogen sie nach vier Tagen der Verwüstung des genannten Landes mit gewaltiger Kriegsbeute ab: Menschen, Pferden, Vieh und anderem. Ein starker Mann aus Sudauen aus diesem Heer verfolgte eine Christin, die damals zu einem See floh, und als er sie töten wollte, vergaß sie die Schwäche ihres Geschlechts und leistete mannhaften Widerstand. Er biss ihr, darüber in Wut geraten, mit den Zähnen den Daumen ab; sie wiederum, in Raserei geraten, stopfte ihm Mund und Ohren mit Lehm voll und erstickte ihn.

163. VOM TOD VIELER PRUSSEN

Bald darauf fiel ein Heer der Prußen in das Kulmerland ein und verheerte es mit Feuer und Schwert und mit großem Gemetzel an den Christen. Schließlich kamen sie vor die Stadt Kulmsee, wo ihnen die Bürger in voller Rüstung entgegentraten, den Kampf aufnahmen und ihren Anführer und viele andere Männer töteten, und so wurde das ganze von ihnen gefangen genommene christliche Volk gerettet.

164. VON DER VERHEERUNG DES KULMERLANDES UND DEM TOD EINIGER BRÜDER UND KNAPPEN

Danach drang Skomand mit den Sudauern in das Kulmerland ein und teilte sein Heer in zwei Teile, von denen der eine gegen Thorn, der andere gegen die Stadt Kulmsee zog, wobei sie alles töteten, ergriffen und verbrannten, was ihnen in den Weg kam. Gegen Abend aber trafen sie bei der Burg Birgelau zusammen und schlugen dort ihr Lager auf. In derselben Nacht zogen die Brüder der genannten Burg mit ihren Knappen aus, schreckten das schlafende Heer auf und töteten und verwundeten viele tödlich; es erhob sich ein großes Geschrei, und als die Nachtwachen des genannten Heeres es hörten, eilten sie schon bewaffnet herbei und töteten zwei Brüder mit einem Halbbruder und viele Knappen.

165. VOM STURM AUF DIE BURG SCHÖNSEE 383 UND VOM TOD DIWANS, DES ANFÜHRERS DER BARTEN

Schließlich belagerte Diwan, der Anführer der Barten, mit 800 Kriegern die Burg Schönsee und schwor bei der Macht seiner Götter, dass er, wenn man ihnen die Burg nicht sofort übergebe, Brüder wie Knappen am Burgtor aufhängen werde. In dieser Burg waren nur drei Brüder und eine Handvoll Knappen; diesen Knappen legten die Brüder ihre Mäntel und Schilde an, um die Belagerer zu schrecken, damit es scheine, als gebe es viele Brüder. Als danach auf jeder Seite alles für den Sturm auf die Burgen Nötige vorbereitet war, begannen sie den Sturm, und als viele Feinde verwundet und getötet worden waren, schoss Bruder Arnold Krop mit einer Armbrust dem genannten Diwan durch die Kehle. Als er gestorben war, zogen die Übrigen unverrichteter Dinge ab. Mit diesem Gotteslästerer Diwan geschah dasselbe wie mit Heliodor, der, als er den Schatz im Tempel des Herrn plündern wollte, von Gott getroffen wie tot zu Boden fiel und, obwohl er mit großem Gefolge und Leibwächtern hineingegangen war, hilflos auf einer Bahre hinausgetragen wurde.

166. VON DER EINNAHME ZWEIER BURGEN EINIGER LEHNSLEUTE DES KULMERLANDES, NÄMLICH CHEMSOT UND NOCH EINER

Danach verheerte Skomand, der Anführer der Sudauer, mit einem gewaltigen Heer von Sudauern und Ruthenen in 9 Tagen das Kulmerland mit Feuer und Schwert. Im Lauf dieser 9 Tage, als es sich der Stadt Kulmsee zu nähern begann, betrat ein Ritter aus Polen namens Nineriz die vorgenannte Stadt, die dieser Ritter dem genannten Skomand in die Hände zu spielen versprochen hatte. Als daher die Bürger beim Anblick der Feinde auf die Mauern stiegen, tat er dasselbe und gab ihnen als Verräter ein Zeichen; und siehe, ein- und zweimal blies er in sein Horn. Als die Bürger dies hörten, ergriffen sie erschrocken den genannten Ritter, und nachdem sie sich überzeugt hatten, dass er sie verraten wollte, hängten sie ihn und seinen Sohn mit einem Diener am Stadttor auf. Als Skomand sah, dass er getäuscht worden war, zog er gegen die Burg Chemsot, nahm sie mit gewaltigem Ansturm und tötete 40 Mann, die zu ihrer Bewachung bestimmt waren. Dann stürzte er sich mit gewaltigem Angriff auf die Burg eines anderen Lehnsritters namens Zippel, und als alle, die sich dort befanden, getötet und gefangen genommen waren, wurden beide Burgen in Asche gelegt.

167. VON DER ARGLIST DER PRUSSEN, DIE DIE DEUTSCHE SPRACHE KANNTEN

Heinrich Monte, der Anführer der Natanger, und viele andere Prußen, die von Kindesbeinen an bei den Brüdern erzogen worden waren, fügten dem christlichen Volk während dieser Verfolgung viel Böses zu, denn sehr oft geschah es, dass, wenn ein Heer der Heiden durch die Gebiete der Brüder zog, das christliche Volk, das nicht in eine Burg fliehen konnte, sich in Wäldern, Brombeergestrüpp und Sümpfen verbarg. Als der vorgenannte Heinrich dies erfuhr, sammelte er viele Knappen, kam an die Orte, die ihm deshalb verdächtig waren, und sagte, seine Arglist mit friedlichen Worten verhüllend, auf Deutsch: „Wenn hier jemand ist, so komme er ohne Furcht heraus, denn das Heer der Heiden ist schon abgezogen.“ Wenn sie, seinen Worten glaubend, herauskamen, fiel er mit seinen Leuten über sie her und nahm alle gefangen oder tötete sie.

168. VOM KAMPF DER BRÜDER UND BÜRGER VON ELBING WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN UND VON EINIGEN POGESANISCHEN CHRISTEN, DIE SICH DEN BRÜDERN ANSCHLOSSEN

Als die Verfolgungen des zweiten Glaubensabfalls begannen, verließen einige Adlige aus Pogesanien, wenn auch nur wenige, die nicht undankbar sein wollten für die Wohltaten, die ihnen der Meister und die Brüder erwiesen hatten, ihr väterliches Erbe, kamen mit allen Kindern und Hausgenossen nach Elbing und wurden treue Anhänger der Brüder.

169. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG WEKLITZ UND NOCH EINER BEFESTIGUNG

Die Pogesanier sammelten mit den Sudauern und anderen Heiden Preußens ein starkes Heer, zogen zu Beginn des zweiten Glaubensabfalls durch ganz Pogesanien und Pomesanien und töteten alle Christen, so viele sie dort antrafen, wobei sie Frauen und Kinder gefangen nahmen. Dann zogen sie weiter, stürmten die Burg Elbing und tobten so, dass sie die Vorburg unfehlbar eingenommen hätten, hätte nicht ein Mann namens Wirtel ihren Anführer mit dem Speer durchbohrt. Nach seinem Tod zogen sie sich in Verwirrung zu einer Befestigung zurück, die zwischen den Flüssen Rogow und Weseka liegt, an der Stelle, wo die Weseka in den Drausensee mündet, und nach kurzem Sturm brannten sie sie nieder und nahmen alle gefangen oder töteten sie außer denen, die sich retteten, indem sie auf Booten über den Drausen setzten. Als sie danach sahen, dass sich ihnen alle widerspruchslos unterwarfen, kamen sie zur Burg Weklitz am Fluss Rogow und legten sie nach langem und schwerem Sturm und mannhafter Verteidigung der Belagerten schließlich in Asche, wobei sie alle gefangen nahmen oder töteten.

170. VON DER EINNAHME DER MÜHLE LIEFARDS UND DEM TOD VIELER BÜRGER VON ELBING

Im Jahr nach Christi Geburt 1273, als die Samen, Natanger, Barten und Ermländer, von Krieg und Verlusten erschöpft, sich schon dem Glauben und den Brüdern unterworfen hatten, sammelten die Pogesanier, die immer noch beharrlich Widerstand leisteten, ihr Heer bei Elbing und lagerten in einem Wald, aus dem kleine Reitertrupps hervorkamen und sich bei der Stadt Elbing zeigten; die Bürger von Elbing, die ihre Waffen stets bereithielten, jagten sie und töteten einige. Als sich aber die Bürger bei der Verfolgung zu weit von der Stadt entfernt hatten, kamen die Pogesanier, die im Hinterhalt lagen, hervor und besetzten den Weg zur Stadt. Darauf stiegen die Bürger, aus Furcht, im Feld einer solchen Menge von Kriegern nicht standhalten zu können, auf die Mühle Liefards, die wie eine Burg befestigt war. Die herbeigeeilten Pogesanier stürmten die genannte Mühle mit Ingrimm. Da sich aber die Bürger, zu dieser Zeit noch nicht allzu erschöpft, entschlossen verteidigten und auf jeder Seite viele verwundet wurden, brachen sie den Kampf bald ab und hielten sich still. Als die Pogesanier sich anschickten, ein zweites Mal zum Kampf anzutreten, forderten sie die Christen auf, ihnen die Burg zu übergeben und sich selbst zu ergeben, sonst würden sie alle töten und vernichten. Schließlich einigten sie sich unter der Bedingung, dass die Bürger ihnen 25 der Besten unter ihnen ausliefern sollten, damit auf diese Weise die Übrigen gerettet würden. Danach brachen die Pogesanier den Friedensvertrag und begannen erneut den Sturm, und da die Bürger nichts mehr hatten, womit sie sich verteidigen konnten, entfachten sie ein Feuer und zündeten die Burg an; die einen, die dies sahen und sich aus dem Feuer zu retten suchten, wurden getötet, andere sprangen aus dem Feuer und fielen in die von den Prußen erhobenen Speere, die Übrigen verbrannten. So viel Christenblut wurde dort vergossen, dass der nahe Fluss seine natürliche Farbe verlor und blutrot erschien. Viele Glaubwürdige berichten (und dies ist unbedingt zu glauben), dass, als dies geschah, einige, die auf den Mauern der Stadt Elbing standen, mit eigenen Augen sahen, wie sich der Himmel öffnete und die Seelen der Erschlagenen von Engeln emporgetragen wurden.

171. VON DER UNTERWERFUNG DER POGESANIER, VOM GRÖSSTEN GEMETZEL UNTER IHNEN UND VOM FRIEDEN, DER DEN CHRISTEN WIEDERGEGEBEN WURDE

So sammelten der Meister und die Brüder, beunruhigt über ein so trauriges Ereignis, um die Schmach der Erschlagenen zu rächen, die ganze Macht ihres Heeres, drangen in das Land Pogesanien ein, verheerten es von einem Ende bis zum anderen mit Feuer und Schwert, töteten die Männer und führten die gefangenen Frauen und Kinder fort. Außerdem nahmen sie auch die Burg Heilsberg ein, die damals in der Hand der Pogesanier war, und nahmen alle gefangen oder töteten sie, und seitdem kam das Land Preußen zur Ruhe und lebte in Frieden.

172. VOM STÄNDIGEN ANSTURM DER FEINDE UND VON DEN VERSCHIEDENEN LEIDEN DER CHRISTEN PREUSSENS WÄHREND DES ZWEITEN ABFALLS VOM GLAUBEN

So viele Mühsale, so viele Entbehrungen und so viele Ängste erlitten die Brüder und die übrigen Christen in dieser Verfolgung, die mehr als 15 Jahre dauerte, von den Feinden in allen Städten, Burgen und anderen Orten, und sie hielten nur dank ihres Glaubens an Gott stand, dass kein heute lebender Mensch dies genau darlegen kann. Kaum gab es eine Stunde, in der sie sich an Brot hätten satt essen können, ohne sich ein- oder zweimal oder öfter in den Kampf zu stürzen, um die Feinde abzuwehren. Wahrlich, an ihnen erfüllte sich, was von den Juden gesagt wird, die die heilige Stadt Jerusalem wiederaufbauen wollten und dem Widerstand der Heiden trotzten: Die Hälfte von ihnen tat die Arbeit, die andere hielt die Speere vom Aufgang der Morgenröte bis zum Erscheinen der Sterne; mit der einen Hand verrichteten sie die Arbeit, und mit der anderen hielten sie das Schwert. Diese Diener Gottes aber lebten, wie der Apostel lehrt, in all ihren Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Verbannung, in Mühen, im Wachen, im Fasten an der Grenze zwischen Leben und Tod in großer Geduld; wie Traurige, und doch freuten sie sich allezeit. Darum bitte ich diejenigen, denen es widerfährt, dieses Buch zu lesen, sich vor den Heimsuchungen nicht zu fürchten und zu erkennen, dass diese Leiden nicht zum Verderben, sondern zur Zurechtweisung unseres Geschlechts dienen. Denn eben dies, dass den Gottlosen nicht viel Zeit gelassen wird, sondern sie bald Strafen erleiden, ist ein Zeichen großer Wohltat. Denn nicht wie bei den anderen Völkern, bei denen der Herr langmütig wartet, um sie zu strafen, wenn sie das Maß der Sünden voll gemacht haben, so hat Er über uns geurteilt, dass Er uns erst später strafe, wenn wir schon an das Ende der Sünden gelangt sind. Er entzieht uns niemals Seine Barmherzigkeit, und indem Er mit Unglück züchtigt, verlässt Er Sein Volk nicht.

173. VON DER ZWEITEN ZERSTÖRUNG DER BURG BARTENSTEIN

Als die Sudauer hörten, dass die Barten, Ermländer und übrigen Prußen sich wieder dem Glauben und den Brüdern unterworfen hatten, empörten sie sich, sammelten sich, belagerten mit einem gewaltigen Heer unerwartet die Burg Bartenstein, die die Barten nach dem Abzug der Brüder für sich behalten hatten, zerstörten sie und legten sie in Asche, wobei sie alle gefangen nahmen oder töteten.

174. VON DER BELAGERUNG DER BURG BESELEDE UND VOM TOD VON ZWEITAUSEND SUDAUERN

Im folgenden Jahr kamen die Sudauer, Nadrauer und Schalauer mit einem gewaltigen Heer und belagerten die Burg Beselede, die in einem Wald namens Kertene nahe Bartenstein liegt, und stürmten sie aufs Grimmigste. Als Nameda, die Mutter Posdraupots aus dem Geschlecht der Monteminen, dies sah, sprach sie zu ihren Söhnen: „Zu meinem Unglück habe ich euch geboren. Warum wollt ihr euer Leben und euer Volk nicht gegen die Feinde verteidigen?“ Unter dem Eindruck dieser Worte zogen ihre Söhne und die übrigen Bewohner der Burg zum Kampf aus und töteten mehr als zweitausend Mann aus dem Heer der Heiden. Danach stellten die Brüder die Burg Bartenstein wieder her und lebten dort bis heute.

175. VOM KRIEG MIT DEN NADRAUERN UND VON DER TAUFE VIELER AUS DEM GENANNTEN LAND

Im Jahr nach Christi Geburt 1274, als die Pogesanier, Ermländer, Natanger, Barten und Samen zur einen heiligen Mutter Kirche zurückgekehrt waren und, wie es sich gehört, Geiseln gestellt hatten, um künftig nichts Gesetzwidriges zu unternehmen, sondern sich demütig dem Glauben und der Herrschaft der Brüder zu unterwerfen, rüsteten sich der Meister und die Brüder, die auf die Ausweitung der christlichen Grenzen bedacht waren, gegen den Stamm der Nadrauer. Denn nachdem Tirsko, der Vater Maudelos, Kastellan von Wilow, von dem oben die Rede war, sich mit allen, die sich ihm angeschlossen hatten, dem Glauben und den Brüdern unterworfen hatte, kamen mit der Zeit viele mächtige und vornehme Leute aus Nadrauen mit ihrem ganzen Gesinde zu den Brüdern, wurden im Quell der Taufe wiedergeboren, verließen die Götzen und dienten dem lebendigen Gott Jesus Christus.

176. VON DER EINNAHME ZWEIER BURGEN DES LANDES NADRAUEN IM GEBIET RETOW

Bruder Konrad von Thierberg, der Meister, in Anbetracht der Klugheit und Treue dieser Nadrauer und dessen, dass das Land Nadrauen durch ihren Weggang in vieler Hinsicht geschwächt würde, schickte Bruder Dietrich, den Vogt des Landes Samland, und ein Heer mit ihnen in das genannte Land Nadrauen. Sie drangen ein, verwüsteten das Gebiet Retow mit Feuer und Schwert, zogen weiter zu zwei Burgen des genannten Gebiets und nahmen sie nach langem Kampf, der zwischen ihnen entbrannte, schließlich mit Gottes Hilfe beide ein, töteten viele Menschen, nahmen viele gefangen und übergaben sie mit ihren Vorburgen dem Feuer; und sie erbeuteten so viel an Pferden, Vieh und anderem Gut, dass sie kaum alles mitnehmen konnten.

177. VON DER EINNAHME DER BURG OTOLICHIA

Bald darauf kam derselbe Bruder Dietrich, der Vogt, auf Geheiß des Meisters mit vielen Brüdern und 40 Reitern und vielen Fußkämpfern, die auf Schiffen fuhren, in ein Gebiet Nadrauens namens Kattow, und nachdem sie Bogenschützen an geeigneten Stellen aufgestellt und Leitern an die Mauern gelegt hatten, begannen sie den Sturm auf die Burg Otolichia. Da aber die Bewohner der Burg gehört hatten, dass die Brüder zuvor mit so gewaltigem Ansturm zwei andere Burgen eingenommen hatten, konnten sie in Verzweiflung und Furcht nicht lange Widerstand leisten, sondern nach kurzem Sturm, bei dem viele aus der Burg tödlich verwundet wurden und die Übrigen fielen, drangen die Brüder ungestüm in die Burg ein, töteten die Männer, nahmen die Frauen und Kinder gefangen und brannten sie bis auf den Grund nieder.

178. VON DER EINNAHME DER BURG KAMENISWIKE

Dann zog der Meister mit einem großen Heer mit Feuer und Schwert durch das Land Nadrauen, und als er zur Burg Kameniswike am Fluss Arse kam, stellte er, wie es sich gehört, alles für den Sturm Nötige auf und griff die Burg an, und auf beiden Seiten wurden viele verwundet, denn in der vorgenannten Burg waren 200 tapfere Krieger. Schließlich drangen die Brüder nach langem und sehr schwerem Kampf ungestüm in sie ein, töteten alle vorgenannten Männer, nahmen die Frauen und Kinder gefangen, machten gewaltige Beute und brannten die Burg selbst völlig nieder.

179. VON DER VERHEERUNG DES LANDES NADRAUEN

Ruhmreich wurden gegen dieses Land Nadrauen viele Kämpfe geführt, die in diesem Buch nicht beschrieben sind, denn es wäre allzu langwierig, von jedem einzeln zu erzählen. Darum unterwarfen sich die Nadrauer, obwohl sie bis dahin über große Kriegsmacht und viele Befestigungen verfügten, unter Ablegung aller Wildheit dem Glauben und den Brüdern, außer wenigen, die in das Land Litauen abzogen; und so liegt das vorgenannte Land Nadrauen bis zum heutigen Tag wüst.

180. VOM KRIEG MIT DEN SCHALAUERN. VON DER VORAUSSETZUNG DES KRIEGES

Als die Nadrauer durch Gottes Gnade erobert waren, wandten die Brüder ihre Heere zum Kampf gegen die Schalauer, in der Meinung, nichts getan zu haben, solange noch etwas zu tun bleibe; und merke, dass alles Folgende während des Krieges mit den Nadrauern geschah, denn zu den Schalauern war ein Zugang auf dem Wasserweg möglich, den die Nadrauer, die fern vom Fluss Memel wohnten, nicht verhindern konnten.

181. VON DER LANGEN BELAGERUNG EINER BURG UND VON EINER WUNDERBAREN BEGEBENHEIT

Die Schalauer hatten eine Burg nahe Ragnit auf einem Berg, die die Ruthenen mit einem gewaltigen Heer neun Jahre lang belagerten, vor dem Einzug der Brüder vom Deutschen Haus in das Land Preußen. Schließlich fragten die Ruthenen, von Krieg und Verlusten ermüdet, die Belagerten, von welcher Nahrung sie sich erhielten. Diese antworteten: von Fischen. Denn mitten in der Burg hatten sie einen Teich, 20 Schritte lang und fast ebenso breit, der damals reich an Fischen war, die zur Ernährung aller Belagerten ausreichten. Siehe, ein Wunder: Als die Schalauer Heiden waren, war er reich an Fischen; jetzt aber, da sie Christen geworden sind, leben darin Frösche, und es ist in dem genannten Teich nicht so viel Wasser, wie nötig wäre, damit Fische darin lebten. Warum das so ist, weiß ich nicht; Gott weiß es, dessen Ratschlüsse unbegreiflich und dessen Wege unerforschlich sind.

182. VON DER EINNAHME DER BURG RAGNIT

Bruder Dietrich, der samländische Vogt, kam auf Geheiß des Meisters mit vielen Brüdern und tausend Mann, alle kundig im Sturm auf Befestigungen, auf Schiffen in das Land der Schalauer, das zu beiden Seiten der Memel liegt, rückte plötzlich vor die Burg, die damals an der Stelle stand, wo sich heute die Burg Ragnit befindet, und begann sie zu stürmen. Einige versuchten, auf den an die Mauern gelegten Leitern hinaufzusteigen. Als aber die Schalauer ihrerseits einen Ausfall machen wollten, trieben die Bogenschützen der Brüder sie mit einem Pfeilhagel zurück. Als sie dann ungestüm eindrangen, die einen über die Mauern, die anderen durch das Burgtor, gaben sie die ganze Menge der Heiden, deren es in der Burg mehr gab als Leute im Heer der Brüder, dem Schwert preis und nahmen die Frauen und Kinder mit gewaltiger übriger Beute mit sich. Danach brannten sie die Burg, ihre Vorburg und die übrigen Bauten in der Nähe nieder.

183. VON DER EINNAHME DER BURG RAMIGE

Schwieriges und für die menschliche Natur fast Unmögliches wagt ein Mensch, der auf den Herrn vertraut, zu unternehmen, wenn er an bestimmten Zeichen und offenkundigen Vorzeichen spürt, dass Gott ihm gnädig ist. Darum stürmte der vorgenannte Bruder Dietrich, als er mit seinem Heer an das gegenüberliegende Ufer der Memel kam, ebenso die Burg Ramige, und obwohl bei diesem Sturm einige seiner Leute verwundet und getötet wurden, nahm er sie doch am selben Tag ungestüm ein und zerstörte sie, wobei er einen Teil der Leute gefangen nahm und die Übrigen tötete.

184. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG LABIAU

Als dies aber den Schalauern zu Ohren kam, erbebten ihre Gebeine, und die versammelten Ältesten des Volkes beschlossen gemeinsam, wie sie sich rächen könnten. Und sie wählten einmütig 400 auserlesene Krieger aus, die auf Schiffen zur Burg Labiau der Brüder kamen und sie plötzlich in der Morgendämmerung, als die Leute noch auf ihren Lagern ruhten, einnahmen, wobei sie darin alle männlichen Wesen bis auf den letzten töteten, die Frauen und Kinder aber verschonten, die sie, nachdem sie zuvor die Burg niedergebrannt hatten, mit großer Beute mit sich fortführten.

185. VON DER VERWÜSTUNG DES LANDES SCHALAUEN

Da aber die Leichtigkeit der Vergebung zur Begehung von Vergehen anreizt, war es notwendig, die Schalauer für die Begehung eines solchen Vergehens streng zu bestrafen, damit sie es künftig nicht mehr wagten. So sammelten der Meister und die Brüder ein starkes Heer, um die Anstifter zu strafen; als sie in das Land Schalauen kamen, zogen sie mit Feuer und Schwert von einem Ende bis zum anderen durch den Teil, der an das Land Preußen grenzt, erschlugen viele Menschen und führten Frauen und Kinder gefesselt fort. Unterdessen setzte ihnen Stinegota, der Anführer der Schalauer, mit einem großen Heer nach; als der Meister und die Brüder das bemerkten, legten sie unbemerkt Hinterhalte, überfielen das heranziehende Heer der Schalauer, töteten viele von ihnen und schlugen die Übrigen in die Flucht.

186. VON EINEM VERRAT, DER AN DEN BRÜDERN BEGANGEN WURDE

Es gab einen mächtigen Mann, einen Schalauer namens Sareka, Kastellan auf der Burg Sareka, die nach seinem Namen so hieß, aus dem Teil Schalauens, der an das Land Litauen grenzt. Da er keine Streitmacht hatte, mit der er den Brüdern einen Schlag hätte versetzen können, ersann er einen arglistigen Verrat und gedachte, sich gutwillig stellend, sie zu täuschen. Denn er sandte seine Boten zum Komtur von Memelburg und bat ihn demütig und ergeben, er möge mit seinen Knappen kommen und ihn, der mit allen Kindern und Hausgenossen den Götzendienst verlassen und die Gnade der Taufe empfangen wolle, unverzüglich fortführen, denn nur mit starker Hand könne man ihn aus den Händen der Heiden führen. Der Komtur hörte diese Botschaft, freute sich mit großer Freude, und obwohl er sich dieser Sache nicht völlig sicher sein konnte, wollte er doch in der Hoffnung auf den Nutzen für so viele Seelen ein gefährliches und gewagtes Unternehmen im Namen Gottes beginnen. So zog er mit einigen Brüdern und Knappen aus, und auf dem Weg begegnete ihm ein Mann, der ihn vor diesem Verrat warnte und versicherte, der genannte Sareka warte mit vielen Kriegern am Weg, um ihn und die Brüder zu töten. Als der Komtur dies hörte, wollte er nicht, dass dieser Sareka aus einer solchen Untat Nutzen ziehe, umging ihn, überfiel ihn plötzlich, nahm ihn mit acht der besten Männer auf seiner Seite gefangen und führte ihn fort, die Übrigen aber flohen voller Furcht. Gleich in der ersten Nacht, als die Brüder in ihren Zelten schliefen, befreite sich dieser Sareka, da er ein starker Mann war, von den Fesseln, mit denen er stehend an einen Baum gebunden war, ergriff ein Schwert, tötete einen Bruder und drei Knappen und hieb einem weiteren die Hand ab; in diesem Kampf wurde er selbst getötet.

187. VON DER EINNAHME DER BURG SASSOWIA

Als Bruder Konrad von Thierberg, der Meister, dies erfuhr, geriet er in Zorn und sammelte ein Heer von 1500 Reitern, während die Übrigen auf 15 Schiffen fuhren; sie trafen sich nahe der schalauischen Burg Sassowia, gingen entschlossen zum Sturm über, nahmen sie nach langem Kampf mit gewaltigem Ansturm ein und legten sie in Asche, wobei sie einen Teil der Leute gefangen nahmen und die Übrigen dem Schwert preisgaben.

188. VON DER VERHEERUNG DES LANDES SCHALAUEN

Viele andere Kämpfe führten die Brüder gegen die Schalauer, worüber zu schreiben langwierig wäre. Nachdem nun die besten Männer dieses Landes, nämlich die Herren Surbantz, Swisdeta und Surdeta, gesehen hatten, dass Gott furchtbar über sie erzürnt, den Brüdern aber wunderbar gnädig war, wagten sie nicht länger, der göttlichen Macht zu widerstehen, und kamen nach und nach mit allen Kindern und Hausgenossen zu den Christen, das Erbe ihrer Vorfahren verlassend. Als das einfache Volk hörte, dass die Anführer seines Heeres, die den Krieg geführt hatten, die Waffen niedergelegt hatten, unterwarf es sich ebenfalls dem christlichen Glauben. Und so blieb dieses Land viele Jahre menschenleer.

189. VOM DRITTEN ABFALL DER PRUSSEN VOM GLAUBEN UND VON DER GEFANGENNAHME DER KOMTURE VON CHRISTBURG UND ELBING MIT IHREM GEFOLGE

Als aber die Brüder unter unzähligen Verlusten und endlosen Ängsten, nicht ohne größte Opfer unter den Christen, diesen wilden und unbezähmbaren Stamm der Prußen zum zweiten Mal dem Joch des Glaubens unterworfen hatten und meinten, es werde Friede und Ruhe einkehren, kam plötzlich das Verderben über sie. Denn der Widersacher des Menschengeschlechts, der Feind des Glaubens, der dem Frieden missgünstige Teufel, fuhr in ihre Herzen und stachelte sie an, erneut den Weg des Aufruhrs zu betreten und, im Laster verhärtet, wider den Stachel zu löcken. Seinem Rat folgend, verschworen sich alle außer den christlichen Pomesaniern und gedachten das Böse des Glaubensabfalls zu begehen. Doch niemand wagte, offen gegen die Brüder aufzutreten, außer den Pogesaniern, die mit Waffen in der Hand den Komtur von Elbing und Helwig von Goldbach, den Komtur von Christburg, und ihre Gefährten überfielen und gefangen fortführten. Aber ein gewisser Powida befreite sie sogleich. Den Kaplan, ihren Priester, hängten sie an einem Baum auf und töteten einen ihrer Diener; der übrige Teil des Gefolges wurde in die Flucht geschlagen und rettete sich mit knapper Not.

190. VON DER TÖTUNG VIELER POGESANIER

Zu jener Zeit kehrte Bruder Dietrich von Liedlau, der samländische Vogt, aus Alemannien zurück und brachte die Samen, die ihn zärtlich liebten, von solchem Irrtum ab. Als die Natanger und Ermländer davon erfuhren, ließen auch sie von dem geplanten Bösen ab und versprachen, sich in gutem Glauben treu den Brüdern anzuschließen. So sammelten Bruder Konrad von Thierberg, der Meister, und die Brüder ein großes Heer, fielen in das Land Pogesanien ein, töteten zahllose Männer, verheerten das Land mit Feuer und Schwert und führten Frauen und Kinder in Gefangenschaft. Als sie dies vollbracht hatten, schmähten Männer wie Frauen einen Samen namens Bonse, Kämmerer des Gebiets Pobethen, in der Meinung, er habe dieses schreckliche Verbrechen begangen, sei seine erste Ursache und Quelle gewesen. Dieser Bonse wollte unverhohlen zwei Frauen haben, und da die Brüder dies verboten, stachelte er im Zorn fast alle Prußen zum Glaubensabfall an. Darum wurde er, wie er es für seine Sünden verdiente, zum Tod verurteilt.

191. DAZU

Im selben Jahr, im Herbst, fielen die Brüder erneut mit Waffen in der Hand in das vorgenannte Land Pogesanien ein, verheerten es abermals mit Feuer und Schwert, nahmen alle gefangen oder töteten sie außer wenigen, die mit ihrem Gesinde nach Litauen in das Gebiet der Burg Garthen fortzogen, und verwandelten es in eine Wüste.

192. VON DER VERWÜSTUNG DES KULMERLANDES UND DER GEBIETE DER BURGEN GRAUDENZ, MARIENWERDER, ZANTIR, CHRISTBURG UND VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG KLIMENT

Zu jener Zeit war im Kulmerland ein Bruder, Berthold von Nordhausen, Landkomtur, der zwar ein sorgsamer Verwalter in Friedensangelegenheiten, für das Kriegswesen aber weniger begabt war (denn die Gaben der Menschen sind zu Verschiedenem ungleich); darum widerstand er dem Ansturm der Heiden nicht, wie es nötig gewesen wäre. Daher fielen die Sudauer mehrmals in das Kulmerland ein, richteten ein großes Gemetzel am Volk Gottes an, verheerten das Land mit Feuer und Schwert und zogen wieder ab, und als sie spürten, dass ihnen niemand Widerstand leistete, wagten sie es, mit kleinem Heer feindlich in das genannte Kulmerland einzudringen. Schließlich setzte der Meister Bruder Hermann von Schönenberg, einen kampferprobten Mann, zum Landkomtur in dem genannten Land ein, der ihnen mannhaften Widerstand leistete; denn so oft die Sudauer mit kleinem Heer in das Kulmerland einfielen, zog er ihnen mit seinen Knappen kühn entgegen, griff sie an, siegte im Kampf, tötete viele und schlug die Übrigen in die Flucht, und dies tat er so oft und es gab so viele Tote, dass die Sudauer nicht mehr wagten, ohne großes Heer zu kommen. Wegen eines solchen Gemetzels unter ihnen und der überaus vielen Heimsuchungen, die über das Kulmerland hereingebrochen waren, fiel daher Skomand, der Anführer der Sudauer, mit viertausend seiner Heiden und der Macht eines Heeres der Litauer mit gewaltigem Ansturm am Tag der 11 000 Jungfrauen in das Kulmerland ein und rächte die Seinen vielfach. Beim ersten Ansturm stürzten sie sich mit gewaltigem Angriff auf die Burg eines Lehnsmannes namens Plowist an der Ossa und hätten sie unfehlbar zerstört, doch schließlich einigten sie sich unter der Bedingung, dass die Burgbewohner zwei kundige Männer stellten, die das heidnische Heer durch die Gebiete der Christen und zurück führen sollten, und so blieben sie heil und unversehrt. Danach zogen sie gegen die Burgen, nämlich gegen Rehden, Leipe, dann gegen die Burg Welsais, deren Vorburg sie bis auf den Grund niederbrannten. Danach stürzten sie sich mit gewaltigstem Angriff auf die Burg Turnitz eines Lehnsmannes, und die Burgbewohner traten ihnen ihrerseits entgegen, und obwohl sie an jenem Tag erfolglos stürmten, verbrachten sie doch jene Nacht in ihrer Belagerung. Am folgenden Tag aber, als sie spürten, dass die Burg von einer größeren Zahl Knappen bewacht wurde als zuvor, zogen sie ab, ohne einen weiteren Sturm zu unternehmen. Danach kamen sie zur Burg Kliment, die einem Lehnsmann gehörte, umringten sie von allen Seiten und stürmten sie; schließlich legten sie Feuer und brannten sie bis auf den Grund nieder, und darin verbrannten hundert Christen, außer den Frauen und Kindern, die sie in Gefangenschaft führten. Schließlich zogen sie gegen diese Burgen und Städte, nämlich Graudenz, Marienwerder, Zantir und Christburg, und was ihnen auch in den Weg kam, töteten sie oder nahmen es gefangen oder legten es in Asche. Dann zogen sie mit gewaltiger Menschenbeute, bestehend aus Christen, und anderem ab. Kein Mensch, der bei Verstand ist, kann ohne Tränen daran denken, wie viel Böses und welch großes Gemetzel am Volk Gottes dieses Heer anrichtete und wie viel Schaden es den Heiligtümern der Kirche und ihren Dienern zufügte.

193. VOM KRIEG MIT DEN SUDAUERN UND VOM LETZTEN KRIEG DES LANDES PREUSSEN

Als mit der Hilfe des Herrn Jesus Christus alle Stämme des Landes Preußen besiegt waren, blieb noch einer, nämlich der sudauische, der stärkste von allen, den die Brüder nicht mit menschlicher Kraft und nicht mit einer Menge von Kriegern, sondern im Vertrauen darauf, dass der Herr sie behüten und ihnen helfen werde, mannhaft angriffen, in der Überzeugung, dass nicht nur der Kopf und die übrigen Körperteile, sondern auch der Schwanz des Feindes nach der Weisung des Herrn zum Opfer bestimmt sei. Um also ihren Feind endgültig zu vernichten, begannen die Brüder den Krieg mit dem Land Sudauen, und zwar so.

194. VON DER VERWÜSTUNG DES GEBIETS KIMENOW IM LAND SUDAUEN

Bruder Konrad von Thierberg, der Meister, und viele Brüder fielen mit 1500 Reitern in das Land Sudauen ein, vernichteten in dem Gebiet namens Kimenow alle Menschen, und außer den Getöteten, deren es eine Menge gab, führten sie tausend Menschen mit der übrigen, fast unzähligen Kriegsbeute in Gefangenschaft. Am folgenden Tag, als das Heer der Brüder auf dem Rückzug in einen Wald namens Winse kam, setzten ihnen die Sudauer mit dreitausend auserlesenen Männern nach; die Brüder griffen sie mit ihren Leuten mannhaft an, töteten viele, verwundeten viele tödlich und jagten sie bis an die Grenze ihres Landes. In diesem Kampf fielen aus dem Heer der Brüder nur sechs Mann, die Übrigen kehrten unversehrt zurück.

195. VON DER VERWÜSTUNG DES LANDES POLEN

Zu dieser Zeit fiel ein starkes Heer der Litauer in Polen ein, verheerte mit Feuer und Schwert das Grenzland von Brześć, Łęczyca und Dobrzyń und richtete unter den Christen durch Töten und Gefangennehmen ein solches Gemetzel an, dass niemand ihre Zahl genau feststellen konnte.

196. DAZU; VOM TOD VON 800 LITAUERN

Bald darauf zerstörten 800 Reiter aus Litauen in dem Teil Polens, der Kersow heißt, 10 Dörfer, töteten viele Christen und zogen mit großer Beute ab. Unterdessen sammelte der fromme Mann Leszek, Fürst von Krakau, viele Tausend Leute, stieg auf einen Berg und sprach: „Wer nicht zu den Furchtsamen gehört, der steige zu mir herauf, um heute die Schmach des Gekreuzigten zu rächen.“ Kurz, er erhielt wie Gideon von vielen Rittern nur 300 Mann, mit denen er in den Kampf zog und die Feinde mannhaft angriff durch die Gnade Gottes, der niemanden verlässt, der auf Ihn vertraut; und nachdem er zuerst die gefangenen Christen befreit hatte, richtete er ein großes Gemetzel unter den Feinden des Glaubens an, sodass von 800 Mann kaum zehn sich durch die Flucht retteten.

197. VON DER VERWÜSTUNG DES SUDAUISCHEN GEBIETS MERUNISKA

Bruder Konrad, der Meister, der stets um die Vernichtung der Heiden rang, sammelte eine große Streitmacht, ein Heer aus Reitern und Fußvolk, fiel mit den Reitern in das Gebiet Sudauens ein, das Meruniska genannt wird, während er die übrigen am Eingang des genannten Landes zurückließ, und tötete 18 Herren dieses Gebiets. Von den übrigen Leuten beiderlei Geschlechts tötete er und nahm gefangen 600 Menschen und verwüstete das genannte Gebiet mit Feuer und Schwert.

198. VON DEN SÖLDNERN

Wunderbare und ungewöhnliche Taten wurden von christlichen Söldnern vollbracht, nämlich von Martin von Golin, von Konrad, genannt Teufel, und von einem Mann namens Stovemel, von Kudar aus Sudauen und Nakam aus Pogesanien und vielen anderen; sie alle aufzuzählen ist unmöglich. Dieser Martin nahm mit vier deutschen Männern und 11 Prußen ein Dorf im Land Sudauen ein, wobei er Leute gefangen nahm und tötete. Und als er nach langem Weg an einen Ort kam, wo er, alle Furcht abgelegt, mit seinen Gefährten bei Tisch saß und sich nach dem Kampf stärkte, überfielen ihn plötzlich die Feinde und töteten vier seiner deutschen Gefährten; die übrigen retteten sich und ließen dort alles zurück, was sie an Waffen und Vorräten hatten. Darüber freuten sich die Sudauer sehr; Martin aber streifte zornig durch den Wald, bis er seine überlebenden Gefährten wieder versammelt hatte, und da sie alle Waffen verloren hatten, gelang es ihm, den Feinden, während sie schliefen, Schilde, Schwerter und Speere zu stehlen; damit ausgerüstet, schlich er sich mit seinen Leuten heran und tötete alle auf ihrem Lager bis auf einen, den Martin tötete, indem er sich ihm in den Weg stellte, als jener zu fliehen gedachte; und so kehrte er mit der früheren Beute, mit den Waffen der genannten Heiden und allem Übrigen zurück.

199. EBENDAZU

Derselbe Martin drang mit einer Handvoll anderer abermals in ein Dorf im Land Sudauen ein, und in der Dämmerung, als die einen im Badehaus, die anderen beim Mahl und die übrigen mit verschiedenen Dingen beschäftigt waren, überfielen sie sie und töteten sie alle. Martin aber tötete im Badehaus 10 Menschen, und so nahmen sie Pferde und Vieh und anderes mit, ebenso Frauen und Kinder.

200. VON DER FLUCHT DER SUDAUER

Zur selben Zeit sammelten sich die Sudauer, um das Geschehene zu rächen, fielen mit einem kleinen Heer in das Land Natangen ein und zogen ab, nachdem ein kleiner Teil davon entvölkert war. Die Brüder verfolgten sie mit ihren Knappen entschlossen, töteten viele und verwundeten sie tödlich; die übrigen flohen voller Furcht.

201. VON BRUDER KONRAD, MEISTER DES PREUSSENLANDES IM JAHRE NACH CHRISTI GEBURT 1279

Bruder Konrad von Feuchtwangen, der X. Meister von Preußen, stand dem Orden ein Jahr lang vor. Als nach dem Tod Bruder Konrads von Thierberg, des Meisters des Preußenlandes, und Bruder Ernsts, des Meisters des Landes Livland, der von den Heiden erschlagen worden war, Gesandte beider Länder sich an den Hochmeister wandten, wurde er im Jahre nach Christi Geburt 1279 den Brüdern sowohl Preußens als auch Livlands zum Meister gegeben. Als er aber nach Ablauf eines Jahres spürte, dass seine Kräfte nicht ausreichten, beide Länder zu regieren, verzichtete er auf sein Amt in Preußen und blieb nur Meister des Landes Livland.

202. VON DER VERWÜSTUNG DES GEBIETS POKIMA IM LAND SUDAUEN

In dieser Zeit sammelte auf Geheiß des Meisters Bruder Konrad von Thierberg der Jüngere, Marschall des Preußenlandes, die ganze Macht seines Heeres und fiel in das Gebiet des Landes Sudauen ein, das Pokima genannt wird; und als er abzog, nachdem er mit Feuer und Schwert große Verwüstung angerichtet und viele Menschen gefangen genommen und getötet hatte, überquerte er bei Einbruch der Dunkelheit mit seinem Heer auf dem Eis den See, der Nogothin heißt. Als aber der Morgen kam, war das Eis geschmolzen, sodass die Spuren, die sein Heer hinterlassen hatte, verschwanden.

203. VON BRUDER MANGOLD, MEISTER VON PREUSSEN IM JAHRE NACH CHRISTI GEBURT 1280

Bruder Mangold war zwei Jahre lang der XI. Meister von Preußen. Er war zuvor Komtur auf der Burg Königsberg gewesen, wo er viel Gutes vollbracht hatte, und wurde Meister des Preußenlandes; als er dem Orden schon fast zwei Jahre vorstand, wurde er zum Kapitel gerufen und starb nach der feierlichen Wahl Bruder Burchards von Schwanden zum Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses auf dem Rückweg.

204. VON DER VERWÜSTUNG DES SAMLÄNDISCHEN LANDES

Unter diesem Meister, Bruder Mangold, gerieten die Sudauer, von den Brüdern für die oben geschilderten und andere Übel gestraft, in gewaltigen Zorn, hegten tiefen Groll gegen sie und hielten Rat, wie sie sich für solche Bedrängnis rächen könnten; und da sie dies allein nicht vermochten, sicherten sie sich die Hilfe der Litauer und fielen entschlossen in das Land Samland ein. Die Brüder hatten sich zuvor dagegen geschützt. Darum konnten jene nichts anderes tun, als 10 Tage lang die Grenzen des genannten Landes zu durchziehen und Häuser und alles, was sich außerhalb der Burgen und Befestigungen befand, niederzubrennen; und so zogen sie ab, nachdem sie fünf Mann aus ihrem Heer durch den Tod verloren hatten.

205. VOM ANGRIFF AUF DAS LAND SUDAUEN UND VON DER GEFANGENNAHME UND DEM TOD VIELER SUDAUER

Während dieses Heer der Heiden im Land Samland war, zog Bruder Ulrich Bauwar, Komtur von Tapiau, mit 12 Brüdern und 250 Reitern nach Sudauen, und außer dem übrigen Schaden, den er dem Land mit Feuer und Schwert zufügte, nahm er 150 Menschen gefangen und tötete sie, nahm die Frauen der Edlen, ihre Kinder und ihr Gesinde gefangen, sodass die Sudauer hier mehr verloren, als sie in Samland gewonnen hatten.

206. VOM KAMPF BRUDER ULRICHS MIT DEN SUDAUERN

Dieser Bruder Ulrich war die Verkörperung der Tapferkeit. Denn er wagte sich an schwierige Dinge, die ein Feigling nicht einmal anzusehen gewagt hätte. Er fügte den Sudauern unermesslich großen Schaden zu. Er zog so oft gegen sie in den Krieg, dass der Meister, aus Furcht, es könnte für ihn mit einem ernsten Unglück enden, ihm verbot, sie künftig ohne seine besondere Erlaubnis anzugreifen. Und als man ihn fragte, warum er so hart gegen sie sei, antwortete er: „Mir war gleich, was ich tue, wenn ich nur von ihnen fünf Wunden empfange, wie Christus sie für mich empfangen hat.“ So geschah es ihm auch, denn die Sudauer töteten ihn schließlich, indem sie ihm im Kampf fünf Wunden schlugen.

207. VON DER BEKEHRUNG EINES SUDAUERS ZUM CHRISTENTUM UND EINER WUNDERBAREN TAT

In jener Zeit kam ein Edler aus Sudauen namens Russigen mit all seinen Kindern und seinem Gesinde zum Komtur von Balga und äußerte den Wunsch, dem Gottesdienst beizuwohnen, erhielt aber eine Absage. Als er den Grund der Absage erfuhr, ließ er sich mit seinem ganzen Gesinde taufen und erkrankte gleich nach der Taufe; und nachdem er sich niedergelegt hatte, schickte er nach einem Bruder, einem Priester aus Balga, der ihn getauft hatte, und bat ihn demütig, ihm die Letzte Ölung zu spenden. Dies vollzog der Priester mit aller Sorgfalt, und als er sich umsah, erblickte er zu seinen Füßen ein hölzernes Kreuz, das sich dieser Sudauer hatte anfertigen lassen. Der Priester wunderte sich, dass dieser, an jenem Tag Getaufte, eine solche Liebe zum Glauben Christi gefasst hatte, und fragte ihn, ob er vor der Annahme des Glaubens etwas Gutes getan habe. Jener antwortete, er habe viele Christen getötet; von allem Übrigen erinnere er sich an keine andere gute Tat als nur diese: Als er mit einem großen Heer in Polen eingefallen sei, habe ein Sudauer ein Bild der allerheiligsten Jungfrau Maria mit dem Sohn auf dem Arm geraubt, und als sie auf dem Rückweg ihre Speere auf dieses Bild zu werfen begannen, habe er sich erbarmt, es ihnen mit Gewalt entrissen und einem Christen gegeben mit den Worten: „Nimm dieses Bild deines Gottes und bring es dorthin, wo es in gebührender Verehrung aufbewahrt wird.“ Darauf sei ihm im Traum die allerreinste Jungfrau erschienen, schön von Angesicht und in herrlichstem Gewand, und habe gesagt: „Für den Dienst, den du mir in meinem Bild erwiesen hast, wird dir im Reich meines Sohnes vergolten werden.“ Nachdem dieser Sudauer dies dem Priester erzählt hatte, entschlief er fast noch am selben Tag selig in Gott.

208. VOM BAU DER BURG MARIENBURG

Im Jahre 1280 wurde die Burg Zantir unter Änderung von Namen und Ort dorthin verlegt, wo sie heute steht, und sie erhielt den Namen Marienburg, das heißt Burg der heiligen Maria, zu deren Lob und Ehre diese Verlegung vollzogen wurde.

209. VON DER VERWÜSTUNG DES SUDAUISCHEN GEBIETS, DAS KRASIMA GENANNT WIRD

Bruder Mangold, der Meister, sammelte, damit der sudauische Krieg, den sein Vorgänger mannhaft begonnen hatte, zu seiner Zeit nicht abflaue, sondern sich jeden Tag ausweite, die ganze Macht seines Heeres und zog am Tag der Darstellung des Herrn in das Gebiet Sudauens, das Krasima genannt wird, und verwüstete es mit Feuer und Schwert. Das Haus des mächtigen Mannes Skomand aber, des Anführers des genannten Gebiets, legte er in Asche, nahm 150 Menschen gefangen und tötete sie und kehrte mit großer Beute zurück. Als dieses Heer im Begriff war, in das genannte Gebiet einzudringen, kam es vom Weg ab, und bei diesem Umherirren, das nach der Vorsehung des Herrn geschah, durch die nichts ohne Grund geschieht, zerstreute es sich, und so eindringend besetzte und verheerte es das ganze Gebiet. In diesem Kampf fielen Bruder Ulrich Bauwar, Komtur von Tapiau, und vier Mann, und Bruder Ludwig von Liebenzell wurde gefangen genommen.

210. VON DER ERSTEN GEFANGENSCHAFT BRUDER LUDWIGS VON LIEBENZELL

Bruder Ludwig von Liebenzell, ein vornehmer und von Jugend an im Kriegshandwerk gestählter Mann, vollbrachte in seinem Leben wunderbare Taten, von denen weiter unten die Rede sein wird. Als man ihn gefangen nahm, übergab man ihn Skomand, der ihn sehr lieb gewann, weil er ihm an Tapferkeit glich; darum geschah es, dass er ihn, obwohl er nun in Gefangenschaft war, mit sich dorthin nahm, wo sich die besten Männer des Landes Sudauen zu einem Gelage versammelt hatten. Bei diesem Gelage versuchte ein vornehmer und mächtiger Mann, Bruder Ludwig mit Beleidigungen und Schmähungen aus der Fassung zu bringen. Darum sagte er zu Skomand: „Hast du mich hierhergebracht, damit dieser meine Seele mit seinen frechen Worten verdüstert?“ Skomand antwortete ihm: „Ich bedaure deinen Kummer, und wenn du es wagst, so antworte auf die dir zugefügte Beleidigung, und ich werde dir beistehen.“ Als Bruder Ludwig dies hörte, fasste er wieder Mut und tötete seinen Widersacher mit dem Schwert. Später wurde Bruder Ludwig von einem Diener des genannten Skomand aus der Gefangenschaft befreit und den Brüdern zurückgegeben.

211. VON DER BEKEHRUNG SKOMANDS, DES ANFÜHRERS DER SUDAUER, ZUM CHRISTENTUM

Dieser Skomand war ein mächtiger und reicher Mann im Gebiet Sudauens, das Krasima genannt wird, und da er den ständigen Angriffen der Brüder nicht widerstehen konnte, verließ er mit seinem ganzen Gesinde und seinen Freunden sein Land und zog in das Land Russland. Nachdem er dort einige Zeit gelebt hatte, kehrte er, des Exils müde, in das Land seiner Heimat zurück. Als die Brüder davon erfuhren, zogen sie abermals gegen ihn in den Krieg und bedrängten ihn so oft, dass er sich schließlich mit all seinen Kindern und seinem Gesinde dem Glauben und den Brüdern unterwarf.

212. VON DER VERWÜSTUNG DES SUDAUISCHEN GEBIETS, DAS SILIA GENANNT WIRD, UND VON DER ZWEITEN GEFANGENSCHAFT BRUDER LUDWIGS

Während Bruder Mangold, der Meister, zum Kapitel gerufen, sich auf den Weg machte, fiel Bruder Konrad von Thierberg, der Marschall, mit vielen Brüdern und einem überaus großen Heer in das Gebiet Sudauens ein, das Silia genannt wird. So zahlreich war dieses Heer, dass es sich über viele Meilen erstreckte. Dort legten sie alle Bauten des genannten Gebiets in Asche, töteten einen Edlen namens Wadole, den dortigen Anführer, und viele andere und nahmen unzählige Beute. In diesem Heer wurde Bruder Ludwig von Liebenzell, der viele tödliche Wunden empfangen hatte, halbtot im Schnee zurückgelassen. Danach fanden ihn die Sudauer, legten ihn auf ein Pferd, sodass Kopf und Arme auf der einen Seite herabhingen und die Beine auf der anderen, und führten ihn auf so ungeschickte Weise fort, dass das aus den Wunden geflossene und im Körper schon geronnene Blut wohl oder übel heftig zu strömen begann, und so wurde er geheilt, wie er selbst wahrhaftig glaubte. Dieser Bruder Ludwig wurde, abermals gefangen, einem Edlen namens Kantegerd zur Bewachung übergeben.

213. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG POTTERBERG UND VOM BAU DER BURG MEWE

Swantopolk, einst Herzog von Pommern, von dem oben die Rede war, hatte vier Söhne: den ältesten, Mestwin, den er, wie gesagt, als Geisel gegeben hatte, Sambor, Wartislaw und noch einen. Dieser Wartislaw wurde Bruder des Ordens des Deutschen Hauses und schenkte den Teil des genannten Herzogtums, den er besaß, den Brüdern des Deutschen Hauses in Preußen. Sambor, der sah, dass er von seinem Teil nicht ehrenhaft und der Würde seines Standes gemäß leben konnte, gab ihn den genannten Brüdern, damit sie ihm und seinem Gefolge im Notfall hülfen. Dasselbe tat der vierte Bruder, und damit diese Schenkung fest und ewig sei, verzichteten diese drei auf alle Ansprüche auf Rechte und Güter, die von ihnen oder ihren Nachfolgern in dem genannten Herzogtum geltend gemacht werden könnten, und gaben den Brüdern darüber ihre Urkunden, mit ihren Siegeln fest bekräftigt. Als Mestwin aber davon hörte, besetzte er diese drei Teile des Herzogtums Pommern mit Gewalt und hielt sie gegen den Willen der Brüder viele Jahre lang fest. Schließlich kam Herr Philipp, Bischof von Fermo, Legat des Apostolischen Stuhls, in das Land Polen gesandt; bei ihm beklagte sich Bruder Konrad von Thierberg, der Meister, über die Gewalt, die der genannte Mestwin den Brüdern Preußens in diesen drei Teilen des genannten Herzogtums angetan hatte, und legte zum Beweis, dass er und die Brüder ein echtes Recht darauf hatten, die genannten Privilegien vor. Nachdem dieser Legat aber die Vorbringungen beider Seiten angehört und die genannten Privilegien den Brüdern und allen, die Rechte an diesen Ländern hatten, aufgehoben hatte, beendete er den Streit zwischen ihnen auf diese Weise: dass die Brüder des Deutschen Hauses das Gebiet, das Wanzeke genannt wird, in dem genannten Herzogtum Pommern besitzen sollten, wo heute die Burg Mewe steht; und damit beendete er alle Uneinigkeit zwischen ihnen. Darum verlegten die Brüder im Jahre nach Christi Geburt 1283 die Burg Potterberg aus dem Kulmerland und bauten aus ihren Gebäuden die Burg Mewe an dem Ort an der Weichsel, wo sie heute steht, zu Lob und Ehre Jesu Christi.

214. VON BRUDER KONRAD VON THIERBERG, MEISTER VON PREUSSEN

Bruder Konrad von Thierberg der Jüngere, der XII. Meister von Preußen, stand dem Orden fünfeinhalb Jahre vor. Dieser Bruder Konrad war der leibliche Bruder Bruder Konrads von Thierberg, des oben genannten Meisters, und beide waren tapfere Männer, berühmt im Kriegshandwerk und in allen Dingen, und der Krieg gegen die Heiden ging in ihren Händen so erfolgreich voran, dass ihnen nach ihrem Willen alles gelang.

215. VON DER VERWÜSTUNG EINES TEILS DES LANDES SAMLAND

Im Jahre nach Christi Geburt 1283 fielen 800 Reiter aus Litauen im Winter über die Kurische Nehrung in das samländische Land ein und verwüsteten zwei seiner Gebiete, nämlich Abenda und Pobethen, mit Feuer und Schwert, wobei sie 150 Christen töteten; und da ihnen niemand Widerstand leistete, zogen sie alle heil und unversehrt ab. Man glaubt mit Gewissheit, dass dies geschah, weil der Meister und die Brüder, die von der Ankunft dieser Litauer im Voraus wussten, sie mehrere Tage mit dem Heer erwartet hatten; schließlich, des langen Wartens überdrüssig, das sie länger als gewöhnlich unterwegs festhielt, gingen sie auseinander und kehrten heim. Am anderen Tag aber fielen die Litauer in Samland ein und richteten, da sie auf keine Abwehr stießen, das an, wovon oben die Rede war.

216. VOM BAU VON NEUHAUS IM LAND SAMLAND AM UFER DES SALZMEERES AUF DER KURISCHEN NEHRUNG

Bruder Konrad, der Meister, als weiser und weitblickender Mann, in der Annahme, dass über die Nehrung, einen von nirgendwoher einsehbaren Weg, den Brüdern und dem Land Samland von Seiten der Heiden abermals viele Beunruhigungen und Unannehmlichkeiten entstehen könnten, gründete auf der genannten Nehrung am Ufer des Salzmeeres eine starke Burg, die Neuhaus genannt wird, damit die Litauer nicht unversehens in das Land Samland einfielen.

217. VON DER EINNAHME DER BURG KIMENOW UND DER BEKEHRUNG VON 1600 SUDAUERN ZUM CHRISTENTUM

Zur selben Zeit verbrachte dieser Bruder Konrad, der Meister, um das ihm anvertraute Werk besorgt, viele schlaflose Nächte und sann darüber nach, wie er die Feinde des Glaubens, die Sudauer, auf den Weg der Wahrheit führen könnte. Darum begegnete ihm, als er, nachdem er zu diesem Zweck eine große Menge Brüder und anderer Krieger gesammelt hatte, nach Sudauen zog, Bruder Ludwig von Liebenzell, der Kantegerd, der ihn in Gefangenschaft gehalten hatte, und 1600 Menschen beiderlei Geschlechts aus Sudauen mit sich führte, die er während seiner Gefangenschaft zum Glauben Christi bekehrt hatte. Als der Meister sie sah, freute er sich und befahl ihnen, in das samländische Land zu ziehen. Danach zog der Meister am anderen Tag mit seinem Heer in das Gebiet Sudauens, das Kimenow genannt wird, und bestürmte die Burg gleichen Namens so heftig, dass die Bewohner der Burg sich ihm schließlich unter der Bedingung ergaben, dass er ihnen Leben und Habe lasse, und versprachen, den Glauben Christi anzunehmen. Darum gab er ihnen einen Führer und befahl ihnen, sich unverzüglich in die Grenzen Samlands zu begeben. Am anderen Tag aber, als die Brüder nach der Verheerung des genannten Gebiets Kimenow mit ihrem Heer abzogen, wurde bekannt, dass die genannten Bewohner der Burg Kimenow ihren Führer getötet hatten und auf einem anderen Weg in das Land Litauen gezogen waren. Bruder Ludwig aber zog mit seinem Gefolge in das Land Samland, wo alle im Quell der Taufe wiedergeboren wurden.

218. VOM TOD BRUDER FRIEDRICH HOLLES UND 30 MANN

Im selben Jahr zog Bruder Friedrich, genannt Holle, der leibliche Bruder Bruder Marquards von Röbling, mit 100 Reitern von der Burg Brandenburg gegen Sudauen, und als er nach großer Beute im Gebiet Kersow abzog, töteten ihn und 30 Mann die Feinde, die ihm nachsetzten. Ich meine aber, man sollte nicht verschweigen, dass dieser Bruder Friedrich, bevor er getötet wurde, einem tapferen Krieger, mit dem er kämpfte, einen so gewaltigen Schwerthieb auf den Kopf versetzte, dass jener sich nicht halten konnte und mit dem Pferd zu Boden stürzte; von diesem Hieb hatte er jedoch keine einzige Wunde am Körper, nicht einmal ein blauer Fleck zeigte sich, wie er selbst und andere Sudauer, die an diesem Kampf teilgenommen und es gesehen hatten, nach ihrer Bekehrung zum Glauben Christi vor allen bezeugten.

219. VON DER BEKEHRUNG EINES EDLEN UND 1500 MENSCHEN AUS SUDAUEN ZUM CHRISTENTUM UND VON DER VERWÜSTUNG DES GENANNTEN LANDES

Viele endlose Kriege wurden mit den Sudauern geführt; ich verschweige sie um der Kürze willen. Nachdem aber ein Mann, Jedet, edel von Geburt und Gesinnung, mächtig und reich, Anführer der Sudauer aus Kimenow, die so häufigen und harten Angriffe der Brüder nicht länger ertragen konnte, kam er mit all seinen Kindern und seinem Gesinde und mit 1500 Menschen beiderlei Geschlechts zu den Brüdern und wurde getauft. Skurdo aber, der Anführer eines anderen Teils Sudauens, verachtete den wahren Glauben und zog mit seinen Leuten in das Land Litauen; und so liegt das Land Sudauen bis zum heutigen Tag wüst.

220. VON DER GNADE, DIE DEN ZUM GLAUBEN CHRISTI BEKEHRTEN HEIDEN ERWIESEN WIRD

Wer sich auch immer, den Götzendienst verlassend, zum Glauben Christi bekehrt, den behandeln die Brüder gnädig, und zwar so. Ist er vornehm und stammt er aus einem Geschlecht der Edlen, so werden ihm Ländereien zu freiem Besitz gegeben, und zwar in solcher Menge, dass er seinem Stand gemäß leben kann; ist er nicht vornehm, so dient er selbst den Brüdern nach dem bis heute beachteten Brauch des Preußenlandes; es sei denn, man verfährt mit denen, die Lohn oder Tadel verdienen, anders. Zum Beispiel: Verlangen bei den Nichtvornehmen, die in der Zeit des Abfalls vom Glauben oder unter anderen Umständen treu zum Glauben der Brüder hielten, ihre ruhmreichen Verdienste etwa nicht, dass ihre Niedrigkeit in edlen Adel und ihre Knechtschaft in verdiente Freiheit verwandelt werde? Unbedingt, Herr. Und dementsprechend verstehe auch das Gegenteil. Darum gibt es im Preußenland viele Neubekehrte, deren Vorfahren aus edlem Geschlecht stammten, die aber wegen ihrer gegen den Glauben und die Christen verübten Untaten für nicht vornehm erklärt wurden; anderen hingegen, deren Eltern nicht vornehm waren, wurde für den treuen Dienst, den sie dem Glauben und den Brüdern geleistet hatten, die Freiheit geschenkt.


IV. Teil

VON DEN BEGEBENHEITEN

1. VON PAPST CÖLESTIN III. UND KAISER HEINRICH VI.

Zu der Zeit, als der Orden des Deutschen Hauses entstand, nämlich im Jahre nach Christi Geburt 1190, regierten Papst Cölestin III. und Kaiser Heinrich VI. (Dusb. I, c. 2).

2. VON PAPST INNOZENZ III. 1 UND DEN KAISERN OTTO IV. 2 UND FRIEDRICH II. 3

Danach regierten nacheinander Papst Innozenz III. und die Kaiser Otto IV. und Friedrich II. (Ptol. 21, 1; Mart., p. 385).

3. VON DER EINNAHME DER STADT KONSTANTINOPEL

Im Jahre nach Christi Geburt 1200 wurde die Stadt Konstantinopel, von der vorhergesagt worden war, sie werde nur von einem Engel eingenommen werden, von den Franken und Venezianern eingenommen, die über die Mauer eindrangen, auf der das Bild eines Engels war. Die Bürger hatten sich in der Doppeldeutigkeit der Bedeutung des Engels getäuscht. Und Kaiser wurde dort Balduin, Graf von Flandern, und die Lateiner herrschten dort 57 Jahre (Ptol., 21, 4; Mart., p. 387).

4. VON DER ÖFFENTLICHEN BUSSE DER CHRISTEN

Unter diesem Papst Innozenz unterzogen sich fast alle Christen der öffentlichen Buße, und da sie sich selbst geißelten, nannte man sie auf Deutsch Geißler.

5. VOM BEGINN DER TATARENHERRSCHAFT

Im Jahre nach Christi Geburt 1202 begann die Herrschaft der Tataren (Ptol., 1. c.; Mart., 1. c.). [188]

6. VON DER VERWANDLUNG DES WEINES IN BLUT UND DES BROTES IN FLEISCH BEI DER WEIHE EINES ALTARS

Zu jener Zeit verwandelte sich in Rozay-en-Brie bei der Weihe eines Altars der Wein sichtbar in Blut und das Brot in Fleisch (Ptol., 21, 4; Mart., p. 395).

7. VON DER AUFERWECKUNG EINES TOTEN RITTERS

Im Vermandois stand ein toter Ritter wieder auf, sagte vielen vieles für die Zukunft voraus und lebte lange Zeit ohne Speise und Trank (Ptol., 1. c.; Mart., 1. c.).

8. VOM HONIGTAU, DER DAS GETREIDE FÄRBTE

In Gallien färbte am Vorabend des Festes des heiligen Johannes des Täufers ein vom Himmel fallender Honigtau die Getreideähren, sodass viele, die sie in den Mund nahmen, deutlich den Geschmack von Honig verspürten (Ptol., 1. c.; Mart., 1. c.).

9. VOM HAGEL AUS GROSSEN STEINEN

Bei Arras brach im Juli ein schweres Unwetter los, und es fielen so viele Steine vom Himmel, dass sie Getreide, Weinberge und Gärten von Grund auf vernichteten (Ptol., 1. c.; Mart., 1. c.).

10. VOM TOD VIELER TATAREN IN SPANIEN

Zur selben Zeit kam Almimolin, der sarazenische Kaiser 6a, mit einer unzähligen Menge nach Spanien und erklärte allen, die das Kreuz verehren, den Krieg. Über ihn siegten die vereinten Könige Spaniens, und es kam zu einem solchen Gemetzel, dass Ströme vom Blut der erschlagenen Sarazenen flossen. Beschämt rettete sich Almimolin mit einer Handvoll Leute (Ptol., 21, 9; Mart., p. 392).

11. VON DER BEKEHRUNG DES LANDES LIVLAND ZUM CHRISTENTUM

Im Jahre nach Christi Geburt 1204 wurde das Land Livland, nämlich die Rigaer Provinz, durch das Bemühen Papst Innozenz’ zum Glauben Christi bekehrt 7 (Ptol., 21, 10; Mart., 1. c.).

12. VON DER GEBURT DER HEILIGEN ELISABETH 8

Im Jahre nach Christi Geburt 1207 wurde die heilige Elisabeth geboren.

13. VON HONORIUS III. 9 UND KAISER FRIEDRICH II.

Es regierten Papst Honorius III. und Kaiser Friedrich II.

14. VOM ANFANG UND URSPRUNG DER KIRCHLICHEN ORDEN

Der Orden des heiligen Benedikt entstand im Jahre nach Christi Geburt 500 unter Papst Felix III. (Ptol., 8, 13?).

Der Cluniazenserorden im Jahre nach Christi Geburt 900 unter Papst Hadrian III. (Ptol., 16, 23-24).

Der Kartäuserorden im Jahre nach Christi Geburt 1082 unter Papst Viktor III. (Ptol., p. 1078).

Der Zisterzienserorden im Jahre nach Christi Geburt 1097.

Der Mönchsorden des heiligen Johannes im Jahre nach Christi Geburt 1104 unter Papst Urban II. 18.

Der Templerorden im Jahre nach Christi Geburt 1112 unter Papst Paschalis II.; er wurde von Papst Clemens V. auf dem Konzil von Venedig im Jahre nach Christi Geburt 1312, an den XI. Kalenden des April, im 7. Jahr des Pontifikats des genannten Papstes, nicht durch endgültigen Urteilsspruch, sondern durch Fürsorge des Apostolischen Stuhls aufgehoben, unter Kaiser Heinrich VII.

Der Orden des Deutschen Hauses im Jahre nach Christi Geburt 1190 unter Papst Cölestin III. und Kaiser Heinrich IV. (Dusb. I, 2).

Der Orden der Predigerbrüder im Jahre nach Christi Geburt 1216 unter Papst Honorius III. (Ptol., 21, 20 und 25; Mart., p. 399-400).

Der Orden der Minderbrüder im Jahre nach Christi Geburt 1223 unter Papst Honorius III.

Der Orden der Einsiedler vom Berg Karmel und der Orden der Scholarenbrüder wurden von demselben Herrn Papst Honorius gestiftet.

15. IN WELCHEM JAHR DIE HEILIGE ELISABETH HEIRATETE

Im Jahre nach Christi Geburt 1221 heiratete Elisabeth den Landgrafen von Thüringen.

16. VON DER VERSCHIEBUNG EINES BERGES DURCH DIE KRAFT EINES ERDBEBENS IN BURGUND

Im Jahre nach Christi Geburt 1225 löste sich in Burgund, in den Salzbergen, durch die Kraft eines Erdbebens ein Berg von den anderen, schob sich zu den gegenüberliegenden Bergen hinüber, füllte das ganze Tal aus und erdrückte 5000 Menschen (Ptol., 21, 26; Mart., p. 400).

17. VOM TOD DES GEMAHLS DER HEILIGEN ELISABETH

Im Jahre nach Christi Geburt 1227, an den III. Iden des September, starb der Landgraf, der Gemahl der heiligen Elisabeth, als Kreuzfahrer auf der Pilgerfahrt in einer Stadt Siziliens namens Otranto.

18. VON PAPST GREGOR IX. UND KAISER FRIEDRICH II.

Es regieren Papst Gregor IX. und Kaiser Friedrich II.

19. VON DEN GHIBELLINEN UND GUELFEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1228 bildeten sich in Italien die Parteien der Ghibellinen und Guelfen, nach den Namen zweier Brüder, die sich zerstritten hatten. Ghibellin stand auf der Seite des Reiches, Guelf auf der Seite der Kirche (Ptol., 21, 27).

20. VON DER EROBERUNG DER INSELN MALLORCA UND MENORCA

Im Jahre nach Christi Geburt 1230 eroberte der König von Aragón in Spanien die Inseln, die Mallorca und Menorca heißen und von den Sarazenen besetzt waren (Ptol., 21, 33).

21. VOM TOD DER HEILIGEN ELISABETH

Im Jahre nach Christi Geburt 1231, an den XIII. Kalenden des Dezember, starb die heilige Elisabeth.

22. VON DER VERWÜSTUNG UNGARNS UND POLENS

Im selben Jahr verwüsteten die Tataren Ungarn und Polen (Ptol., 21, 31).

23. WIE FERNANDO, KÖNIG VON KASTILIEN, ÜBER DEN KÖNIG VON GRANADA SIEGTE

Zur selben Zeit besiegte Fernando, König von Kastilien, den sarazenischen König von Granada, sodass dieser ihm schon seit langer Zeit jeden Tag einen Tribut von 1000 Goldmarabotinen zahlt (Ptol., 21, 33).

24. VON DER AUFFINDUNG EINES BUCHES IM INNEREN EINES STEINES IN TOLEDO

Im Jahre nach Christi Geburt 1232 wurde im spanischen Toledo von einem Juden in einer Höhle ein in einen Stein eingeschlossenes Buch gefunden, das angeblich hölzerne Blätter hatte, beschrieben auf Hebräisch, Griechisch und Lateinisch. Darin stand ebenso viel geschrieben wie im Psalter, und es handelte von den drei Zeitaltern der Welt von Adam bis zum Antichrist, die die menschlichen Eigenschaften offenbaren. Über die dritte Welt hieß es so: In der dritten Welt wird der Sohn Gottes von der Jungfrau Maria geboren werden und zum Heil der Menschen das Leiden auf sich nehmen. Der Jude, der dies las, ließ sich mit seiner ganzen Familie taufen. Und dort stand geschrieben, dass es unter Fernando gefunden werden solle (Mart, p. 400; Ptol., 21, 34).

25. VON DER HEILIGSPRECHUNG DER HEILIGEN ELISABETH

Im Jahre nach Christi Geburt 1235 wurde die heilige Elisabeth in Perugia, im Kloster der Predigerbrüder, von Papst Gregor IX. heiliggesprochen, wo derselbe Papst ihr zu Ehren einen Altar weihte.

26. VON DER ÜBERTRAGUNG DER DORNENKRONE DES HERRN

Im Jahre nach Christi Geburt 1239 wurde die Dornenkrone des Herrn von Ludwig, dem König von Frankreich, aus Konstantinopel nach Paris übertragen (Ptol., 21, 36).

27. VON DER VERWÜSTUNG UNGARNS UND POLENS UND VOM TOD KOLOMANS, DES BRUDERS DES KÖNIGS VON UNGARN, UND HEINRICHS, DES HERZOGS VON BRESLAU

Im selben Jahr fiel das Volk der Tataren aus den östlichen Gegenden in Ungarn und Polen ein, und dort töteten sie in der Schlacht Koloman, den Bruder des Königs von Ungarn, und Heinrich, den polnischen Herzog, und das übrige Volk, das ihnen in die Hände fallen konnte, und machten ihre Länder zur Wüste, sodass viele den Staub eines Berges anstelle von Mehl verwendeten (Mart, p. 399).

28. VON DER TOTALEN SONNENFINSTERNIS

Im selben Jahr, am dritten Tag des Juni zu Mittag, gab es eine totale Sonnenfinsternis, sodass man sogar die Sterne sehen konnte wie in der Dämmerung (Ptol., 21, 37).

29. VON PAPST CÖLESTIN IV. UND KAISER FRIEDRICH II. UND VON PAPST INNOZENZ IV. UND KAISER FRIEDRICH II.

Im Jahre nach Christi Geburt 1240 regierten Papst Cölestin IV. und Kaiser Friedrich II.

Im Jahre nach Christi Geburt 1243 regierten Papst Innozenz IV. und Friedrich II.

30. VON DER EINFÜHRUNG DER OKTAV VON MARIÄ GEBURT

Im Jahre 1245 hielt derselbe Papst ein Konzil in Lyon ab, wo er die Feier der Oktav der Geburt der allerheiligsten Jungfrau Maria einführte (Ptol., 22, 3).

31. VON DER HEILIGSPRECHUNG DER HEILIGEN EDMUND, STANISLAUS UND PETRUS

Ebenso sprach er den heiligen Edmund, Erzbischof von Canterbury, den heiligen Stanislaus von Krakau, der von einem feindlichen Herrscher getötet worden war, und den heiligen Märtyrer Petrus aus dem Predigerorden heilig (Ptol., 22, 4; Mart., p. 409).

32. VON DER WAHL DES LANDGRAFEN VON THÜRINGEN ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre 1246 wurde der Landgraf von Thüringen zum römischen König gewählt (Ptol, 22, 5; Mart., p. 303, 309).

33. VON BRUDER KONRAD, EINST LANDGRAF VON THÜRINGEN, DEM V. HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Konrad, einst Landgraf von Thüringen, der V. Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses, starb an den IX. Kalenden des August und wurde in Marburg begraben. Als er noch in der Welt lebte, nahm er die Stadt Fritzlar mit Gewalt ein, was er, als er in den Orden eintreten wollte, bereute, und für dieses Vergehen beschloss er, Strafe auf sich zu nehmen: Barfuß und barhäuptig ging er an der Spitze einer Prozession in der genannten Stadt, stellte sich vor das Kirchentor und reichte den Stab, den er in der Hand hielt, den Leuten, damit ihn jeder nach Belieben schlage. Niemand aber rührte ihn an außer einer alten Frau, die ihm viele Schläge versetzte. So wurde dieser Bruder Konrad in den Orden des Deutschen Hauses aufgenommen. Einmal floh er vor dem Gedränge der Menschen und vor dem eitlen Treiben mit Hartmann von Heldrungen und Dietrich von Grüningen und einer Handvoll seines Gesindes auf seine Burg Tenneberg; als sie dort lebten, kam eine Dirne, an die sich der Landgraf mit den Worten wandte: „Woher kommst du?“ Sie antwortete: „Ich habe den ganzen Tag im Brombeergestrüpp gesessen, durchnässt und durchgefroren.“ Und er sagte zu ihr: „Du Unglückliche erduldest mehr um der Höllenqualen willen als mancher andere um der ewigen Freude willen.“ Sie aber antwortete: „Ehrwürdiger Herr, ich kenne keinen anderen Weg, auf dem ich mir meinen Unterhalt verdienen könnte.“ Der Landgraf fragte sie: „Willst du keusch leben, wenn du alles zum Leben Nötige hast?“ Als sie das hörte, seufzte sie, brach in Schluchzen aus und sagte unter Tränen: „Wahrlich, Herr.“ Darum setzte der Landgraf, mit dem Leid ihrer Seele mitfühlend, ihr ein bestimmtes Einkommen aus, das sie genießen konnte, solange sie lebte. Danach bewahrte er alle Worte dieses Tadels, mit denen er sie gescholten hatte, in seinem Herzen, in der Meinung, sie passten besser auf ihn als auf sie. Denn sie sündigte, von der Armut gezwungen, er aber, mit vielerlei Geschäften befasst, brachte gedankenlos durch seine Sünden Gott gegen sich auf; und mit diesen Gedanken beschäftigt, verbrachte er die ganze Nacht schlaflos. Als er am Morgen davon den genannten Hartmann und Dietrich erzählte, die mit denselben Überlegungen beschäftigt waren, ging er mit ihnen zusammen barfuß und ohne leinenes Hemd in die Kirche des heiligen Nikolaus in Goldbach und bat dort um Gottes Rat in dieser Sache. Dort wurde ihm göttlich eingegeben, er solle mit einer Handvoll seines Gesindes zum Herrn Papst gehen und ihm alle seine Sünden beichten. Dieser Papst trug ihm auf, als Mönch in den Orden des Deutschen Hauses einzutreten. Nach seiner Rückkehr lehnte er es darauf ab, die Tochter des Herzogs von Österreich zu heiraten, die ihm zur Gemahlin bestimmt war, und, dem heiligen Vorsatz folgend, erzählte er seinen Einsiedlern, was geschehen war, und forderte sie auf, durch Gottes und seine Gnade in den genannten Orden einzutreten. Sie alle ließen sich von seinen Worten bewegen und stimmten zu. Unterdessen verwüstete ein Ritter mit vielen Knappen das Land des genannten Landgrafen, und als er abzog, begegnete ihm ein Diener von seiner Burg, der ihm meldete, seine Frau habe zu dieser Zeit eine schwere Geburt gehabt und sei mit einem toten Knaben gestorben. Als der Ritter dies hörte, geriet er in Unruhe und dachte, Gott habe ihn so gestraft, weil er mit dieser Verheerung den heiligen Vorsatz seines Herrn, des Landgrafen, hatte vereiteln wollen. Da gab er die ganze Beute, die er genommen hatte, zurück, kam zu seinem Herrn und bat um Strafe für seine Tat. Der Landgraf sagte zu ihm: „Wie konntest du es wagen, mir unter die Augen zu treten?“ Er aber sagte: „Im Vertrauen auf die gewohnte Huld Eurer Gnaden bin ich zu Euch gekommen, denn ich habe in meinem Herzen fest beschlossen, in den Orden des Deutschen Hauses einzutreten wie Ihr.“ Über diese Worte freute sich der Landgraf so sehr, dass er ihn voller Freude küsste und ihn in Liebe entließ. Danach kam er mit dem genannten Ritter und den oben erwähnten Hartmann und Dietrich und vielen anderen Rittern und Vornehmen zu den Brüdern des Deutschen Hauses nach Marburg; als sie dort eingekleidet werden sollten und sich, wie es Brauch ist, vor dem Altar niedergeworfen hatten und der Priester nach den übrigen Gebeten mit lauter Stimme anstimmte: „Halleluja! Komm, Heiliger Geist!“, da kam der Heilige Geist sichtbar wie Feuerzungen auf sie herab, und je mehr einer von ihnen von Liebe zu Gott entflammt war, desto größer erschien die genannte Flamme in den Augen aller Anwesenden. Dieser Bruder Konrad, Landgraf und Meister, war von der Gnade des Heiligen Geistes so erleuchtet, dass er die verborgenen Taten der Menschen kannte; darum konnte er keinen einzigen Sünder mit dem Laster der Unzucht in seiner Nähe dulden. Ein Abt, der dies erfahren hatte, wollte prüfen, ob es sich wirklich so verhalte, nahm zwei junge Wüstlinge mit und kam zum Meister, der beim Anblick dieser Diener sogleich befahl, sie hinauszujagen. Als aber die Diener, von wahrer Gewissensqual und Reue gepeinigt, zurückkehrten, sagte der Meister, sie erhörend: „O allgütiger Jesus, wie barmherzig und gut bist Du! Diese beiden Diener waren zuvor Kinder des Teufels, nun sind sie Kinder Gottes.“

34. VON DER WAHL WILHELMS, GRAFEN VON HOLLAND, ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre nach Christi Geburt 1249 wurde nach dem Tod des Landgrafen Wilhelm, Graf von Holland, zum römischen König gewählt, doch bald darauf von den Friesen erschlagen, und so gingen beide der Kaiserkrone verlustig (Ptol., 22, 9).

35. VOM TOD HEINRICHS, DES KÖNIGS VON DÄNEMARK

Im Jahre 1250 wurde der König von Dänemark, Heinrich, von seinem jüngeren Bruder Abel getötet, der an seiner Stelle herrschen wollte; doch nach dem gerechten Gericht Gottes wurde dieser, damit er keinen Nutzen aus der Untat ziehe, im zweiten Jahr von den Friesen erschlagen (Mart., p. 404). Dieses Ereignis hatte dem König der heilige Wenzel, Herzog von Böhmen, vorhergesagt, der ebenso 300 Jahre zuvor von seinem Bruder getötet worden war, und er bat den genannten König Heinrich, eine Kirche zu Ehren seines Namens errichten zu lassen, was dieser auch tat: Er erbaute nämlich ein Kloster des Zisterzienserordens in Reval, das im Land Livland liegt.

36. VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT NEAPEL UND VOM TOD KONRADS, DES SOHNES KAISER FRIEDRICHS II.

Im Jahre nach Christi Geburt 1251 kam Konrad, der Sohn Kaiser Friedrichs II. von der Tochter des Königs von Jerusalem, in das Königreich Apulien und nach Neapel. Er zerstörte die Mauern von Grund auf, starb aber im folgenden Jahr an Gift (Mart, p. 404).

37. VON PAPST ALEXANDER IV. UND DER SEDISVAKANZ

Im Jahre nach Christi Geburt 1253 gelangte Papst Alexander IV. zur Herrschaft, einst Legat für das Land Polen und Preußen, da der Stuhl vakant war. Er war wohltätig, gnädig und gottesfürchtig gegenüber den Armen und (Ptol., 22, 13) tat viel Gutes zur Festigung des Landes Preußen, denn die Schwierigkeiten, die die Brüder des Deutschen Hauses und die übrigen Christen dort erlitten, hatte er mit eigenen Augen gesehen.

38. VON BRUDER POPPO, DEM VI. HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Poppo von Osterna war zu dieser Zeit der VI. Hochmeister. Nach vielen Kämpfen, die er vor und nach seinem Amtsantritt im Land Preußen und Livland ruhmreich geführt hatte, legte er, von Alter und Mühen erschöpft, demütig sein Amt nieder, und das genannte Amt ging von ihm auf Bruder Anno über.

39. VOM STREIT BEI DER WAHL ALFONS’, DES KÖNIGS VON KASTILIEN 54, UND RICHARDS, GRAFEN VON CORNWALL, DES BRUDERS DES KÖNIGS VON ENGLAND, ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre nach Christi Geburt 1256 wählten die Fürsten Alemanniens im Streit zwei zum römischen König, nämlich Alfons, den König von Kastilien, und Richard, Grafen von Cornwall, den Bruder des Königs von England; dieser Streit dauerte lange Zeit (Ptol., 22, 15).

40. VON DER HEILIGSPRECHUNG DER HEILIGEN KLARA

Im Jahre nach Christi Geburt 1257 sprach Papst Alexander die heilige Klara aus dem Orden des heiligen Damian heilig, der sich später dem Orden der Minderbrüder anschloss (Ptol., 22, 16).

41. VON ALBERTUS MAGNUS UND THOMAS VON AQUIN

Zu jener Zeit lebte Albertus Magnus, ein Kleriker aus Alemannien, vom Predigerorden, dem in den Wissenschaften keiner gleichkam. Er verzichtete auf das Regensburger Bistum, war in der Stadt Köln 18 Jahre lang Lehrer, starb im Alter von 80 Jahren im Jahre nach Christi Geburt 1280 und wurde in Köln begraben. Zu jener Zeit blühte auch Bruder Thomas von Aquin, ein Schüler Alberts, aus dem Predigerorden (Ptol., 22, 18-20), der später von Papst Johannes XXII. heiliggesprochen wurde.

42. VON DER RÜCKEROBERUNG DER STADT KONSTANTINOPEL

Im Jahre nach Christi Geburt 1259 wurde Konstantinopel, das von den Galliern und Venezianern eingenommen worden war, vom griechischen Kaiser Palaiologos zurückerobert (Mart., p. 405).

43. VOM TOD VON SECHSTAUSEND AUS FLORENZ UND LUCCA

Im selben Jahr wurden über sechstausend aus Florenz und Lucca, die gegen die Sienesen kämpften, gefangen genommen und fielen (Mart, p. 405, 406).

44. VOM KRIEG DER KÖNIGE VON BÖHMEN UND UNGARN

Im Jahre nach Christi Geburt 1260 zog der König von Ungarn mit 40 000 Reitern aus verschiedenen Völkern gegen den König von Böhmen in den Krieg. Ihm zog der König von Böhmen mit hunderttausend Reitern und siebentausend Pferden entgegen, und als sie aufeinanderprallten, erhob sich ein solcher Staub, dass am helllichten Tag einer den anderen kaum erkennen konnte. Schließlich floh der König von Ungarn, schwer verwundet, mit seinen Leuten, und in einem Fluss ertranken 14 000 Menschen aus Ungarn, die Erschlagenen nicht mitgerechnet (Mart, p. 406, 407).

45. VON DER EINFÜHRUNG DES FRONLEICHNAMSFESTES

Im Jahre nach Christi Geburt 1261 führte Papst Urban IV. das Fest des Leibes Christi ein, das später in Vienne von Papst Clemens V. auf dem Allgemeinen Konzil des Jahres 1310 bestätigt wurde (Ptol, 22, 23-25). [196]

46. VON DER VERLEIHUNG DES KÖNIGREICHS SIZILIEN AN KARL

Im Jahre nach Christi Geburt 1263 gab derselbe Papst Urban das Königreich Sizilien, das Manfred gewaltsam besetzt hatte, Karl, dem Grafen der Provence, dem Bruder des Königs von Frankreich, und nahm es jenem auf diese Weise weg (Mart., p. 407; Ptol., 22, 26).

47. VON BRUDER ANNO, DEM VII. HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Anno, der VII. Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses, war zu jener Zeit ein stets frommer Mann, der viel Gutes zur Festigung des Ordens und des Heiligen Landes tat. Er starb an den VIII. Iden des Juli.

48. VOM KOMETEN UND SEINEM ZEICHEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1264 erschien ein so heller Komet, wie ihn damals keiner der Lebenden gesehen hatte. Er stieg im Osten in großem Glanz bis zur Mitte der Hemisphäre empor und zog einen leuchtenden Schweif nach Westen, und obwohl er in verschiedenen Teilen der Welt vieles bedeutete, ist doch nur dies gewiss und wahr: Da er mehr als drei Monate lang zu sehen war, erkrankte mit seinem Erscheinen Papst Urban, und in der Nacht, in der der Papst starb, verschwand auch der Komet (Mart, p. 407; Ptol., 22, 26).

49. VON DER KRÖNUNG KARLS IM KÖNIGREICH SIZILIEN UND VOM TOD MANFREDS, DES UNEHELICHEN SOHNES KAISER FRIEDRICHS II.

Im Jahre nach Christi Geburt 1265 krönte Papst Clemens IV. den genannten Karl im Königreich Sizilien, das ihm Papst Urban verliehen hatte. Dieser Karl brachte Manfred, den unehelichen Sohn Kaiser Friedrichs II., um Leben und Königreich (Mart., p. 408; Ptol, 22, 30).

50. VON DER VERWÜSTUNG SPANIENS DURCH DIE SARAZENEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1266 kamen viele Sarazenen aus Afrika und besetzten Spanien, doch die Christen siegten über sie, wenn auch unter nicht geringen Verlusten (Mart., p. 408).

51. VON DER VERWÜSTUNG ARMENIENS UND ANTIOCHIAS DURCH DEN SULTAN VON BABYLONIEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1267 verwüstete der Sultan von Babylonien Armenien, nahm Antiochia ein, eine der berühmtesten Städte der Erde, tötete alle oder nahm sie gefangen und machte sie zur Wüste (Mart., p. 408; Ptol., 22, 33).

52. VOM TOD KONRADINS, DES ENKELS KAISER FRIEDRICHS II.

Im Jahre nach Christi Geburt 1268 wurde Konradin, der Enkel des einstigen Kaisers Friedrich II., von Karl, dem König von Sizilien, in der Schlacht gefangen genommen und mit vielen Vornehmen Alemanniens enthauptet (Mart., p. 409; Ptol., 22, 34-38).

53. VOM TOD LUDWIGS, DES KÖNIGS VON FRANKREICH, UND SEINES SOHNES UND VIELER KREUZFAHRER BEI DER RÜCKEROBERUNG DES HEILIGEN LANDES

Im Jahre nach Christi Geburt 1270, an den VIII. Kalenden des September, brach Ludwig, König von Frankreich, mit seinen zwei Söhnen und vielen Fürsten zur Rückeroberung des Heiligen Landes auf, doch er selbst starb mit einem Sohn und vielen anderen Menschen unterwegs. Dieser allerchristlichste König sprach nach vielen Gebeten dieses: „Ich will in Dein Haus eingehen, in Deinem heiligen Tempel ein Gebet darbringen und Deinen Namen preisen, Herr.“ Und als er dies gesagt hatte, entschlief er in Gott. Der andere Teil des Heeres zog weiter, und als Karl, der König von Sizilien, mit seinen Leuten zu ihnen kam, freuten sie sich und bedrängten den Sultan und seine Leute so, dass diese Frieden schließen mussten unter den Bedingungen, dass dieser Sultan alle gefangenen Christen freilasse, dass er erlaube, Gotteshäuser in allen Städten seines Reiches zu errichten, dass der Glaube Christi in seinem ganzen Reich gepredigt werde und die, die sich taufen lassen wollten, getauft würden, und dass er den Christen tributpflichtig werde. Danach kam Eduard, König von England, mit einer Menge Friesen und Pilger, und man zählte in seinem Heer 200 000 Krieger, und die Christen hofften, nicht nur das Heilige Land, sondern auch das Land der Sarazenen sich zu unterwerfen. Doch zur Sühne der Sünden zerfiel das ganze christliche Heer, sodass es keinen anderen Nutzen brachte, denn der Papst, der Patriarch, der Legat und der König von Navarra starben (Mart., c. 414; Ptol., 22, 41, 42).

54. VON PAPST GREGOR X. 72 UND DER HEILIGSPRECHUNG DER HEILIGEN HEDWIG, HERZOGIN VON POLEN 73

Im Jahre nach Christi Geburt 1272 war Gregor X. Papst. Er sprach die heilige Hedwig, Herzogin von Polen, heilig (Mart., c. 413; Ptol., 23, 1).

55. VON DER WAHL RUDOLFS 74 ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre nach Christi Geburt 1273 wurde Rudolf von Habsburg zum römischen König gewählt (Mart., c. 420; Ptol., 23, 3).

56. VON BRUDER HARTMANN VON HELDRUNGEN, DEM VIII. HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Zu jener Zeit war Bruder Hartmann von Heldrungen der VIII. Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses; er starb an den XIV. Kalenden des September.

57. VOM KONZIL VON LYON UND VOM TOD DES KARDINALS BONAVENTURA 76 UND DES THOMAS VON AQUIN

Im Jahre nach Christi Geburt 1274 berief Papst Gregor X. in Lyon ein Konzil über die Hilfe für das Heilige Land ein, auf dem die Griechen zur Einheit der heiligen Kirche zurückkehrten und auch tatarische Gesandte getauft wurden. Herr Kardinal Bonaventura aus dem Orden der Minderbrüder starb … (Mart., c. 416; Ptol., 23, 2).

58. VON PAPST INNOZENZ V. UND RUDOLF, DEM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre nach Christi Geburt 1275 regierten Papst Innozenz V., der zuvor den Namen Pietro di Tarantasia trug, aus dem Predigerorden, und Rudolf, der römische König (Mart., c. 416; Ptol., 23, 17, Sp. 2).

59. VOM TOD DES ÄLTESTEN SOHNES KÖNIG RUDOLFS

Zu dieser Zeit ertrank der älteste Sohn König Rudolfs, nachdem er über den Grafen von Savoyen gesiegt hatte, im Rhein (Ptol., 23, 18).

60. VON PAPST HADRIAN V. 81 UND KÖNIG RUDOLF

Im Jahre nach Christi Geburt 1276 regierten Papst Hadrian V. und Rudolf, der römische König (Mart., c. 417; Ptol., 23, 20).

61. VOM BAU DER BURG UND DER STADT RIESENBURG

In jenem Jahr erbaute Albert, Bischof von Pomesanien, die Burg und die Stadt Riesenburg im Land Preußen.

62. VON PAPST JOHANNES XXI. 82 UND KÖNIG RUDOLF, DEM RÖMISCHEN KÖNIG

Im selben Jahr verfasste Papst Johannes XXI., ein Spanier von Geburt, ein großes Buch über die Heilkunst, das „Summe oder Schatz der Armen“ heißt … (Ptol., 23, 21; Mart., c. 418). [199]

63. VOM SIEG RUDOLFS, DES RÖMISCHEN KÖNIGS, ÜBER OTTOKAR, DEN KÖNIG VON BÖHMEN

Zu dieser Zeit tötete Rudolf, der römische König, in der Schlacht Ottokar, den König von Böhmen, gab das Herzogtum Österreich seinem Sohn Albrecht, der später römischer König wurde, und verheiratete seine Tochter mit dem Sohn des getöteten Königs von Böhmen (Ptol., 23, 25).

64. VON PAPST NIKOLAUS III. 86 UND KÖNIG RUDOLF UND VOM HOCHWASSER DES TIBER

Im Jahre nach Christi Geburt 1277 regierten Papst Nikolaus III. und Rudolf. Zu dieser Zeit trat in Rom der Tiber so weit über die Ufer und schwoll so an, dass er mehr als vier Spannen über den Altar der Rotunde der allerheiligsten Maria stieg (Ptol., 23, 26; Mart, p. 420).

65. VON DER AUFFINDUNG DES LEIBES DER HEILIGEN MARIA MAGDALENA

Im Jahre nach Christi Geburt 1280 fand Karl, König von Salerno, der später König von Sizilien wurde, den Leib Maria Magdalenas (Ptol., 23, 25).

66. VOM TOD DES ALBERTUS MAGNUS

Im selben Jahr starb in Köln Albertus Magnus (Ptol., 22, 19).

67. VON DEN WUNDERN DES HEILIGEN JODOKUS 87 IN POMESANIEN IN PREUSSEN

Im selben Jahr begann der heilige Jodokus im Bistum Pomesanien in Preußen Wunder zu wirken.

68. VON PAPST MARTIN IV. UND KÖNIG RUDOLF UND VOM WUNDERFISCH AUS DEM MEER UND VOM TOD VIELER GALLIER IN SIZILIEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1281 regierten Papst Martin IV. und der römische König Rudolf. Zu dieser Zeit, im Februar, wurde in jenem Küstenland, das gegenüber dem Berg Montalto liegt, ein Meeresfisch gefangen, der einem Löwen glich, und in die Alte Stadt gebracht, wo eine Menge Geistlicher zusammenströmte, um dieses Ungeheuer zu sehen; denn seine Haut war mit Fell bedeckt, die Pfoten waren kurz, der Schwanz war ein Löwenschwanz, der Kopf ein Löwenkopf, Ohren, Rachen, Zähne und Zunge hatte er wie ein Löwe. Man erzählte, er habe, als man ihn fing, einen furchtbaren Schrei ausgestoßen, sodass viele darin ein Vorzeichen für die Zukunft sahen. Und siehe, bald darauf töteten im Gebiet Siziliens die Einwohner von Palermo, von Zorn entflammt, alle dort lebenden Gallier, Männer wie Frauen, aus Verachtung für den genannten König, und – was noch abscheulicher ist – sie schlitzten einigen schwangeren sizilianischen Frauen, von denen es hieß, sie hätten von Galliern empfangen, die Bäuche auf und töteten sie, bevor sie gebären konnten (Ptol., 24, 1; Mart., p. 422; Mart., p. 424).

69. VOM TOD VON 50 000 SARAZENEN UND 30 000 TATAREN

Zur selben Zeit töteten die östlichen Tataren mehr als 50 000 Sarazenen, doch der Sultan sammelte Kraft und Mut, griff die Tataren an, schlug sie in die Flucht und vernichtete 30 000 (Mart., p. 426).

70. VON BRUDER BURCHARD, DEM IX. HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Bruder Burchard von Schwanden, der IX. Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses, stand zu jener Zeit dem Orden vor. Als er zur Verteidigung des Heiligen Landes aufbrechen sollte, trat er – ich weiß nicht, wovon geleitet –, nachdem er um Erlaubnis gebeten und sie erhalten hatte, aus dem Deutschen Orden aus und in den Orden der Hospitaliter ein, in dem er später starb.

71. VON PAPST HONORIUS IV. UND KÖNIG RUDOLF UND VON DER BESTÄTIGUNG DES KARMELITERORDENS UND DER ERHEBUNG DES ORDENS DES HEILIGEN AUGUSTINUS ZU EINEM HAUPTORDEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1284 regierten Papst Honorius IV. und der römische König Rudolf. Dieser Papst bestätigte den Karmeliterorden, dessen Frage auf dem Konzil von Lyon ungelöst geblieben war, und die Karmeliter tauschten die bis zum Kinn geschlossenen Umhänge gegen weiße Kappen. Zur selben Zeit wurde der Augustinerorden in Paris zu einem Hauptorden erhoben (Ptol., 24, 13; Mart., c. 432; Ptol., 24, 14).

72. VON BRUDER AEGIDIUS, DEM GROSSEN DOKTOR DES ORDENS DES HEILIGEN AUGUSTINUS, UND VON SEINEM TOD

Zur selben Zeit blühte Magister Aegidius, der große Doktor des Augustinerordens, der später, von Papst Bonifatius VIII. zum Erzbischof von Bourges eingesetzt (Ptol., 24, 14), in Avignon starb, als sich dort unter Papst Johannes XXII. die Römische Kurie befand, im Jahre nach Christi Geburt 1316, an den Kalenden des Januar, und in Paris bei den Brüdern seines Ordens begraben wurde.

73. VOM TOD KONRADS, EINES PRIESTERS AUS ALEMANNIEN, DER NACH LITAUEN GING, UM DIE HEIDEN ZUM CHRISTENTUM ZU BEKEHREN

Im Jahre nach Christi Geburt 1285 ging Konrad, ein Priester aus Alemannien, in das Land Litauen, um die dortigen Heiden zum Christentum zu bekehren. Nach zwei Jahren seines Aufenthalts dort töteten ihn die Litauer. An dem Ort, wo er getötet worden war, sah man danach oft brennende Kerzen.

74. VON PAPST NIKOLAUS IV. UND KÖNIG RUDOLF UND VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT TRIPOLIS

Im Jahre nach Christi Geburt 1288 regierten Papst Nikolaus IV. aus dem Orden der Minderbrüder und der römische König Rudolf. Im zweiten Regierungsjahr dieses Papstes wurde die Stadt Tripolis zerstört, nachdem die in ihr lebenden Christen gefangen genommen und getötet worden waren (Ptol., 24, 20; Mart., p. 432; Mart., p. 421).

75. VON EINER JUNGFRAU IN DER LÜTTICHER DIÖZESE, DIE MEHR ALS 30 JAHRE OHNE SPEISE UND TRANK LEBTE

Zu dieser Zeit begann in Alemannien, in der Lütticher Diözese, in einem Dorf namens Erkel, eine Jungfrau ohne Speise und Trank zu leben, und so lebte sie mehr als 30 Jahre. Der Priester des genannten Dorfes reichte ihr an einem Tag, an dem sie gewöhnlich den Leib des Herrn empfing, eine ungeweihte Hostie, sie aber konnte sie nicht schlucken; als sie sie jedoch zurückwies, gab er ihr eine geweihte Hostie, die sie sogleich schluckte, und bestätigte damit, dass sie auf keinerlei Weise stoffliche Nahrung zu sich nehmen konnte.

76. VON DER SCHLACHT BEI KÖLN IM DORF WORRINGEN

Zu dieser Zeit fand die Schlacht bei Köln statt, nahe dem Dorf Worringen, in der Johann, Herzog von Brabant, über Siegfried von Runkel, den Erzbischof von Köln, siegte, und auf jeder Seite fielen 1300 Vornehme, das einfache Volk nicht mitgerechnet.

77. VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT AKKON

Im Jahre nach Christi Geburt 1290, am Tag der Jungfrau Potentiana, das heißt an den XIV. Kalenden des Juni, wurde die Stadt Akkon vom Sultan zerstört, und eine unzählige Menge Christen wurde gefangen genommen und getötet (Mart, c. 421; Ptol., 24, 23, 24). [202]

Merke, dass um das Jahr 600 nach Christi Geburt, zu der Zeit, als Mohammed starb, Kaiser Herakleios, der gegen Chosrau, den König der Perser, in den Krieg gezogen war, den Sieg errang, den Teil des Heiligen Kreuzes, den dieser aus dem Gotteshaus fortgetragen hatte, zurückbrachte und die Kirchen Gottes und das Heilige Land, das jener verwüstet hatte, wiederherstellte.

78. VOM ZUSTAND DES HEILIGEN LANDES

Bald nach dem Abzug Kaiser Herakleios’ aus dem Heiligen Land fiel ein gewisser Omar, ein arabischer Herrscher, der als Dritter nach Mohammed regierte, mit Krieg in das Heilige Land ein und besetzte es, und so trugen die Christen, die in der heiligen Stadt Jerusalem und in den angrenzenden Gebieten lebten, 490 Jahre lang das schwerste Joch der Heiden und grausamer Herren. Als der Herr endlich, nachdem er lange gezürnt hatte, sich Seiner Barmherzigkeit erinnerte und die Leiden Seines Volkes sah, gab Er einem armen und frommen Mann aus dem Königreich Frankreich ein, der im Bistum Amiens das Leben eines Einsiedlers führte und Peter der Einsiedler hieß, er solle das Grab des Herrn und die heiligen Stätten des Heiligen Landes besuchen. Als er in die heilige Stadt kam und sah, wie respektlos die Gottlosen mit den heiligen Stätten umgingen und wie der ehrwürdige Mann Simeon, der Patriarch der Stadt, zusammen mit seinen Untertanen wie der letzte Sklave erniedrigt und mit völliger Verachtung unmenschlichen Demütigungen unterworfen wurde, da begann er, weil er ein heiliger und sehr mitfühlender Mensch war und von Mitleid mit den Erniedrigten ergriffen wurde, inbrünstig zu trauern und zu klagen und bei sich verschiedene Wege zu erwägen, auf denen er den Erniedrigten zu Hilfe kommen könnte. Und als er eines Nachts in der Kirche der Auferstehung des Herrn wachte und Gebete zum Herrn emporsandte und, von dem langen Wachen ermüdet, auf dem Boden der Kirche einschlummerte, erschien ihm unser Herr Jesus Christus im Traum und übertrug ihm eine Gesandtschaft an den Herrn Papst und die westlichen Herrscher zur Befreiung des Heiligen Landes. Und er, gestärkt durch die göttliche Vorsehung und entflammt von Liebe, wandte sich mit den Briefen des genannten Patriarchen Simeon und anderer in Jerusalem lebender Christen zuerst an Papst Urban II., von dem er gnädig aufgenommen wurde, durchzog Italien und überquerte die Alpen, um sich bewegt sowohl an die östlichen und westlichen Herrscher als auch an das einfache Volk zu wenden, und durch verschiedene Ermahnungen (denn er war ein kluger Mann, mächtig in Tat und Wort) bewog er die Herzen vieler, die Pilgerfahrt nach Jerusalem zu unternehmen, mit Hilfe des Herrn, der die Gebete Seines Gesandten mit großer Gnade vergalt. Bald darauf folgte der Herr Papst Urban dem genannten Peter nach Gallien, berief ein Allgemeines Konzil ein und schilderte allen, die der Heilige Geist zur Rache für die Schmach des Gekreuzigten und zur Befreiung des Heiligen Landes beseelt hatte, ausführlich das Unglück und die Verfolgungen der im Heiligen Land lebenden Christen sowie das Grab des Herrn und die übrigen heiligen Stätten, die von unreinen Hunden mit Füßen getreten und geschändet wurden, und rief zu der heiligen und teuren Pilgerfahrt zur Vergebung aller Sünden auf. Der Same des Wortes Gottes aber fiel auf guten und fruchtbaren Boden und brachte reiche Frucht, sodass viele Bischöfe, Prälaten der Kirchen, Herrscher, Herzöge, Grafen, Barone, Adlige und andere das Zeichen des lebenspendenden Kreuzes an ihre Schultern hefteten und dem Herrn das Gelübde der Kreuzfahrt ablegten. So setzten im Jahre nach Christi Geburt 1096 der genannte Peter mit den Kreuzfahrern und einer großen Menge Deutscher über das Meer des Hellespont und nahmen die Stadt ein, die heute Sankt-Georgs-Arm heißt, ferner die Stadt Antiochia und die heilige Stadt Jerusalem und mit der Zeit, als weitere Pilger kamen, unzählige und angeblich uneinnehmbare Städte und Burgen und befreiten sie aus der Hand der Heiden, sodass in der heiligen Stadt Jerusalem ein Patriarch eingesetzt wurde, der über vier Erzbischöfen stand, nämlich dem von Tyrus mit vier Suffraganen, dem von Caesarea mit einem, dem von Nazareth mit einem und dem von Petra mit einem Suffragan. Als die Kirche eingerichtet war, entstanden sehr viele tätige Klöster, Mönchsbruderschaften, Einsiedeleien und Frauenklöster. Auch in Jerusalem gab es einen König, der über vielen Fürsten, Grafen und Herren stand. Wer könnte die Wunder und großen Taten des Herrn aufzählen, vollbracht mit Seinem ganzen Willen, die Er zu Seiner Ehre und zu unserem Heil gewirkt hat! Gott sah alles, was Er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut, und Er liebte alles, was Er gemacht hatte. Nur die Sünde, die ein Nichts ist, hasste Er, vertrieb und vernichtete Er. Darum: Wenn Er in sechs Tagen mit einem einzigen Wort alles erschuf, so verwandte Er auf die Vernichtung der Sünde mehr als 33 Jahre in der Welt. Sie ist es, die Ihm zuwider ist, die das Auge Seiner Majestät beleidigt, die Ihm, dem Gütigen und gegen uns Barmherzigen, Dornen bringt; sie ist es, die aus dem Engel einen Teufel macht, aus dem Freien einen Knecht, aus dem Unbefleckten einen Sterblichen und Lasterhaften, aus dem Seligen einen Erniedrigten, aus dem Bürger einen Verbannten und Verstoßenen, aus den Kindern Gottes Kinder des Teufels; sie ist es, die niemals ungestraft bleibt. Darum wurde, erzürnt über die Sünden der Gottlosen, die das Heilige Land mit einer Menge verschiedener Verbrechen befleckt und sich an Ihm vergangen hatten, Der grausam, Der von Natur gnädig und gut ist. Darum wurden sie ihren Nachbarn zum Gespött gemacht, und die Feinde verhöhnten sie vor aller Augen. Ihre Zither wurde traurig, und ihre Kraft wurde zu Lumpen. Sie wurde wie eine Witwe; die Große unter den Völkern, die Fürstin über die Länder, wurde tributpflichtig. Darum also gab Gott Sein Volk dem Schwert preis und zürnte Seinem Erbe. Darum also wurden ihre Feinde zum Haupt, sie aber zum Schwanz, sodass ihre Feinde nicht nur das Gelobte Land, sondern fast alle Gebiete, Städte und Befestigungen vom Anfang des Landes Ägypten bis Mesopotamien auf einem Weg von mehr als 20 Tagen gewaltsam an sich rissen, außer vielen anderen Städten und Seefestungen. Später kamen viele Könige und Herrscher mit unzähligen Kriegern, eroberten das Heilige Land zurück und verloren das Zurückeroberte wieder, sodass es im Jahre nach Christi Geburt 1250 merklich zu schwinden begann, bis im Jahre nach Christi Geburt 1290 die Stadt Akkon, die einzige verbliebene, von den Heiden von Grund auf zerstört wurde. Es gab zwei Ursachen für die Zerstörung dieser Stadt: erstens die Vielzahl der Herren, zwischen denen bei ihrer Verteidigung Streitigkeiten ausbrachen; zweitens waren die Kreuzfahrer, die der Herr Papst zu Hilfe gesandt hatte, ohne Anführer, und ständig flammten Unruhen und Aufstände auf.

79. KLAGE ÜBER DIE VERWÜSTUNG DES HEILIGEN LANDES

Und siehe, du, o Heiliges Gelobtes Land, von Gott geliebt und von den heiligen Engeln verehrt und von der ganzen Welt bewundert, von Gott erwählt und dazu bestimmt, durch dich Seine Gegenwart sichtbar zu offenbaren und in dir, durch den Dienst an den Heiligtümern unserer Erlösung, das Menschengeschlecht loszukaufen, bist der Verwüstung preisgegeben und von Trauer erfasst. Der Herr ist wie ein Feind geworden, Er hat alle deine Paläste verwüstet, deine Festungen zerstört und deinen Zaun weggenommen wie bei einem Garten, Er hat Feste und Sabbate vergessen lassen; und im Grimm Seines Zorns hat Er König und Priester verworfen 113. Alle deine Verfolger haben dich in der Bedrängnis ergriffen, sodass du bitterlich weinst in der Nacht und Tränen auf deinen Wangen sind, und du hast keinen Tröster unter allen, die dich liebten.

80. AUFRUF DES HEILIGEN LANDES AN DIE CHRISTEN ZU SEINER RETTUNG

Ich beschwöre euch, hört, all ihr christlichen Völker, und schaut auf meinen Schmerz 115, gedenkt dessen, was an mir geschehen ist, seht her und betrachtet meine Schmach 116, ergreift Schild und Harnisch und erhebt euch mir zu Hilfe, zieht das Schwert und versperrt den Weg denen, die mich verfolgen 117, befreit mich, die Arme und Verlassene, und entreißt mich der Hand der Gottlosen 118.

81. VON PAPST CÖLESTIN V. 119 UND KÖNIG ADOLF VON NASSAU

Im Jahre nach Christi Geburt 1294 regieren Papst Cölestin V. und Adolf von Nassau, der römische König (Ptol., 24, 27, 29; Mart., p. 433).

82. VON PAPST BONIFATIUS VIII. UND KÖNIG ADOLF

Im Jahre nach Christi Geburt 1295 regieren Papst Bonifatius VIII. und Adolf, der römische König (Ptol. app., p. 1217; Mart., p. 435).

83. VON DER HEILIGSPRECHUNG DES HEILIGEN LUDWIG, DES KÖNIGS VON FRANKREICH

Im Jahre nach Christi Geburt 1296 sprach Papst Bonifatius Ludwig, den König von Frankreich, heilig (Ptol. app., p. 1217; Mart., p. 436).

84. VON BRUDER GOTTFRIED VON HOHENLOHE, HOCHMEISTER DES ORDENS DES DEUTSCHEN HAUSES

Im Jahre nach Christi Geburt 1297 wurde Bruder Gottfried von Hohenlohe zum Hochmeister des Ordens des Deutschen Hauses gewählt und stand ihm 13 Jahre vor. Und doch wird er nicht zu den übrigen Meistern gezählt, denn nach 13 Jahren verzichtete er auf sein Amt und nahm es unbedacht wieder ein.

85. VOM TOD ADOLFS, DES RÖMISCHEN KÖNIGS

Im Jahre nach Christi Geburt 1298 tötete Albrecht, Herzog von Österreich, in der Schlacht Adolf, den römischen König, und herrschte nach ihm (Ptol. app., p. 1219; Mart., p. 433, 434-435).

86. VON ALBRECHT, DEM RÖMISCHEN KÖNIG

Im Jahre nach Christi Geburt 1299 122 regieren Papst Bonifatius VIII. und Albrecht, der römische König (Ptol. app., p. 1220; Mart., p. 434).

87. VOM TOD VON 200 000 SARAZENEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1300 zogen die Tataren aus ihren Gegenden aus und griffen die Sarazenen an, zuerst Kappadokien, dann die Gebiete von Seleukia oder Antiochia, von dort Groß- und Kleinarmenien, von dort das ganze Gelobte Land und Damaskus und Gaza bis an die Grenzen Ägyptens; in all diesen Ländern töteten sie mehr als 200 000 Sarazenen (Ptol. app., p. 1220).

88. VOM SÜNDENABLASS DES JUBELJAHRES

Es war ein Jubeljahr, und der Herr Papst Bonifatius gewährte allen, die die Stätte der heiligen Apostel Petrus und Paulus besuchten, vollkommenen Ablass der Sünden (Ptol. app., p. 1220; Mart., p. 437).

89. VOM KOMETEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1301, im September, erschien im Westen ein Komet im Zeichen des Skorpions, das heißt im Ort des Mars, der seinen Schweif bald nach Osten, bald nach Süden wandte und am Abend erschien (Ptol. app., p. 1221; Mart., p. 437). [206]

90. VOM TOD DES KÖNIGS VON UNGARN UND VON KARL, SEINEM ERBEN

Zu dieser Zeit starb Andreas, König von Ungarn 124, und nach vielen Streitigkeiten zwischen dem König von Böhmen und dem Herzog von Österreich 126 erhielt Karl Martell 127 das Königreich Ungarn (Ptol. app., p. 1221).

91. VOM KRIEG ALBRECHTS, DES RÖMISCHEN KÖNIGS, MIT DEM HERZOG VON BAYERN UND DEN ERZBISCHÖFEN VON MAINZ UND KÖLN

Im selben Jahr siegte Albrecht, der römische König, im Krieg über den Herzog von Bayern 128 und die Erzbischöfe von Mainz und Köln (Ptol. app., p. 1221).

92. VON EINEM WUNDER DER ALLERHEILIGSTEN JUNGFRAU

Im Jahre nach Christi Geburt 1302 wurde ein Räuber, der die Jungfrau Maria verehrte, in Perugia in Italien enthauptet; sein Kopf, schon vom Körper abgetrennt, rief mit lauter Stimme: „Bringt mir einen Priester, denn die allerheiligste Maria lässt mich nicht sterben, weil ich mich am Ende jedes Tages im Gebet an sie gewandt habe, bevor ich nicht alle meine Sünden gebeichtet habe.“ Und so geschah es.

93. VOM STREIT ZWISCHEN PAPST BONIFATIUS UND PHILIPP, DEM KÖNIG VON FRANKREICH

Im selben Jahr begann der Streit zwischen Papst Bonifatius einerseits und Philipp, dem König von Frankreich, andererseits. Denn der Papst erklärte, der König von Frankreich solle unter den weltlichen und geistlichen Personen unmittelbar dem Apostolischen Stuhl unterstehen, und der Papst sandte dem König von Frankreich ein Reskript über die Unterwerfung mit einer Bulle, in dem er erklärte, wer nicht gehorche, sei ein Ketzer. Dieses Reskript wurde in Paris, im Palast des Königs, in Anwesenheit einer unzähligen Menge von Klerikern und Laien verlesen und verbrannt. Und der König stellte gegen den Papst 15 Anklagepunkte auf und appellierte an ein künftiges Konzil oder einen künftigen Papst. Der Papst jedoch rechtfertigte sich gegen diese Anklagen auf einem Konzil in Rom (Ptol., p. 1221-1222; Mart., p. 438).

94. VOM TOD VIELER GALLIER UND FLAMEN

Im selben Jahr, im Juli, erhoben sich die Flamen gegen den König von Frankreich, und dreitausend zur Schlacht versammelte Grafen, Barone und Adlige der Gallier fielen (Ptol., p. 1222).

Im Jahre nach Christi Geburt 1303 setzte Papst Bonifatius Albrecht, den römischen König, als Kaiser ein und unterstellte ihm das Königreich Frankreich, was Papst Clemens V. allerdings später aufhob (Ptol., p. 1222, 1227; Mart., p. 438, 442).

Im selben Jahr kam es zu einer großen Schlacht zwischen den Galliern und den Flamen, und auf jeder Seite fielen viele (Ptol., p. 1223).

95. VON DER GEFANGENNAHME PAPST BONIFATIUS’ UND DER PLÜNDERUNG DES SCHATZES

Im selben Jahr, Anfang September, wurde Papst Bonifatius bei Anagni, das heißt in seiner Heimat, gefangen genommen und der ganze Kirchenschatz geplündert. Doch schließlich wurde er von den Einwohnern der genannten Stadt befreit, nach Rom gebracht und auf den Stuhl des heiligen Petrus gesetzt. Bald darauf starb er (Mart., p. 438; Ptol., c. 1223).

96. VON PAPST BENEDIKT XI. 130 UND KÖNIG ALBRECHT

Im Jahre nach Christi Geburt 1303 regierten Papst Benedikt XI. aus dem Orden der Predigerbrüder und Albrecht, der römische König (Mart., p. 1440; Ptol., p. 1224).

97. VOM HOCHWASSER DER FLÜSSE

Im Jahre nach Christi Geburt 1304, am Vorabend Seiner Geburt, traten die Flüsse so über die Ufer, dass die Menschen glaubten, sie würden in der Flut umkommen. In Paris wurden beide Brücken weggespült, sodass von ihnen keine Spur blieb, und auch anderen Provinzen wurde großer Schaden zugefügt.

98. VON PAPST CLEMENS V. UND KÖNIG ALBRECHT

Im Jahre nach Christi Geburt 1305 regierten Papst Clemens V. und Albrecht, der römische König (Mart., p. 1441; Ptol., p. 1226).

99. VON DEM VORFALL MIT DEM PAPST UND SEINER KRONE UND VOM TOD VIELER

Als dieser Papst Clemens in der Oktav des heiligen Martin 131 nach seiner Krönung aus der Kirche des heiligen Justus auf dem Berg bei Lyon kam, stürzte eine Mauer ein und erdrückte viele, und der Herzog der Bretagne, der das Pferd des Papstes führte, kam ums Leben. Karl, der Bruder des Königs von Frankreich, wurde schwer verletzt, und auch der Papst selbst kam zu Schaden. Denn sein Pferd stürzte und wurde von Steinen verschüttet, die Krone fiel ihm vom Haupt, und beim Fall ging ein unschätzbarer Rubin verloren, der sich an der Spitze der außerordentlich kostbaren Krone befand; und all dies war ihm ein Vorzeichen für die Zukunft (Mart., p. 441; Ptol., p. 1226).

100. VOM ERWERB DER BURG DÜNAMÜNDE

Im Jahre nach Christi Geburt 1305 erwarben die Brüder des Deutschen Hauses aus Livland am Vorabend des heiligen Apostels Jakobus 132 auf rechtmäßiger Grundlage durch Kauf die Burg Dünamünde 133.

101. VON DEN WUNDERN DES HEILIGEN RUPERT IN KÖNIGSBERG

Im Jahre nach Christi Geburt 1306 begann der Herr in Preußen, auf der Burg Königsberg, durch die Reliquien des heiligen Rupert Wunder zu wirken, und viele Menschen, Hunde und Vieh wurden von verschiedenen Leiden geheilt.

102. VOM TOD WENZELS, DES KÖNIGS VON BÖHMEN, UND VON DER ÜBERGABE SEINES KÖNIGREICHS

Im Jahre nach Christi Geburt 1307 135 starb Wenzel, König von Böhmen, und sein Sohn 136 wurde in Buda gekrönt und im selben Jahr von einem seiner Ritter getötet (Ptol., p. 1227), und so ging das Königreich Böhmen mangels eines Erben an Fremde über, denn der römische König Albrecht setzte seinen Sohn 137 in dem genannten Königreich ein.

103. VON DER EROBERUNG DER INSEL RHODOS DURCH DIE HOSPITALITER

Im selben Jahr eroberten die Hospitaliter die Insel Rhodos, auf der Türken lebten, und fünf weitere Inseln (Mart., p. 442).

104. VON DER ERMORDUNG ALBRECHTS, DES RÖMISCHEN KÖNIGS

Im Jahre nach Christi Geburt 1308, am Tag der heiligen Philippus und Jakobus 138, wurde Albrecht, der römische König, von Herzog Johann, genannt Ohneland, seinem Neffen, getötet, weil er ihm einen Teil des Herzogtums Österreich genommen hatte, obwohl jener der rechtmäßige Erbe war.

105. VON DER WAHL HEINRICHS, GRAFEN VON LUXEMBURG 139, ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im selben Jahr, am Tag der heiligen Katharina 140, wählten die Fürsten Alemanniens, die das Wahlrecht besitzen, einmütig Heinrich, Grafen von Luxemburg, zum römischen König (Mart., p. 444; Ptol., p. 1230).

106. VON SEINER KRÖNUNG IN AACHEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1309 wurde dieser Gewählte in Aachen gekrönt, am Fest der Erscheinung des Herrn 141 (Mart, p. 444; Ptol., 1. c.).

107. VON SEINER KRÖNUNG IN MAILAND

Im Jahre nach Christi Geburt 1311, am Tag Seiner Erscheinung, wurde Heinrich, der römische König, in Mailand mit der Eisernen Krone gekrönt (Ptol., p. 1234; Mart., p. 446). [209]

108. VON DER TÖTUNG VON ZEHNTAUSEND SARAZENISCHEN REITERN DURCH DIE TATAREN

Und in jenem Jahr kamen die Tataren mit den Armeniern und Georgiern nach Syrien und Palästina, vertrieben den Sultan und töteten mehr als 10 000 Reiter (Ptol, p. 1235).

109. VOM ENDE DES TEMPLERORDENS

Im Jahre nach Christi Geburt 1312, an den XI. Kalenden des April 142, unter Kaiser Heinrich VII., wurde der Templerorden auf dem Konzil von Vienne von Papst Clemens V. verurteilt, nicht durch endgültigen Urteilsspruch, sondern durch Fürsorge des Apostolischen Stuhls; er war im Jahre nach Christi Geburt 1112 unter Papst Paschalis II. und Kaiser Heinrich V. gegründet worden (Mart., p. 445; Ptol., p. 1236).

110. VON DER KRÖNUNG KÖNIG HEINRICHS ZUM KAISER

In jenem Jahr wurde Heinrich VII., der römische König, in der Lateranbasilika in Rom zum Kaiser gekrönt, im 62. Jahr nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. (Mart., p. 447; Ptol., p. 1238).

111. VON DER HEILIGSPRECHUNG DES HEILIGEN PETRUS, EINST PAPST CÖLESTIN V.

Im Jahre nach Christi Geburt 1313, am 5. Mai, sprach Papst Clemens V. den heiligen Bekenner Petrus heilig, der Papst Cölestin V. gewesen war, und ordnete an, sein Fest am 14. Juni zu begehen (Mart, p. 446; Ptol., p. 1240).

112. VOM KOMETEN

Im selben Jahr, am Vorabend des Festes des heiligen Georg, erschien am Abend ein Komet, der 10 Tage lang seinen Schweif nach Italien wandte.

113. VOM TOD KAISER HEINRICHS

Im selben Jahr, am Tag des Bartholomäus 143, starb Kaiser Heinrich in der Grafschaft Siena und wurde in Pisa begraben. Die 10 Tage, während derer der Komet zu sehen war, bedeuteten die 10 Tage der Krankheit des Kaisers vor seinem Tod (Ptol., p. 1240; Mart., p. 449).

114. VOM AUSBLEIBEN DES HERINGSFANGS IN PREUSSEN

In jenem Jahr gab es im Preußenland keinen Fang des Herings, der dort seit unvordenklichen Zeiten in Fülle vorkam. [210]

115. VON DREI SONNENSTRAHLEN UND VON DER SPALTUNG DES KOLLEGIUMS

Im Jahre nach Christi Geburt 1314, an den Kalenden des März 144, erschienen in Carpentras, wo damals die Römische Kurie war, gegen acht Uhr drei Sonnen, eine unechte im Osten, zwei im Süden: eine echte und eine widernatürliche; sie waren lange zu sehen, und jede sandte ihre Strahlen aus. Dies war ein Zeichen und Wunder, das den Tod des Papstes und bald nach seinem Tod die Spaltung des Kollegiums bedeutete. Diese Spaltung dauerte jedoch zwei Jahre und vier Monate, bis die Kardinäle zu einer Einigung über die Wahl des künftigen Papstes kamen. Denn genau das gleiche Zeichen erschien auch, als Julius Caesar starb, wie Comestor 145 schreibt, und nach seinem Tod kam es zur Spaltung des Senats (Ptol., p. 1241).

116. VOM TOD DES PAPSTES

Im selben Jahr, an den XIV. Kalenden des Mai 146, starb Papst Clemens, genau ein Jahr nach dem Tag, an dem der Komet zum ersten Mal erschienen war (Ptol., p. 1242).

117. VON DER STRITTIGEN WAHL LUDWIGS DES BAYERN UND FRIEDRICHS, HERZOGS VON ÖSTERREICH, ZUM RÖMISCHEN KÖNIG

Im selben Jahr, an den XII. Kalenden des November 147, wurden Ludwig der Bayer 148 und Friedrich, Herzog von Österreich 149, in Uneinigkeit zum römischen König gewählt, zu einer Zeit, als der Apostolische Stuhl 28 Monate lang unbesetzt war, und dieser Streit dauerte zwischen ihnen bis zum Jahr 1322, als am Vorabend des Michaelistages Ludwig, Herzog von Bayern, nach vielen Schlachten Friedrich, den Herzog von Österreich, gefangen nahm und zwei Jahre in Gefangenschaft hielt. Seitdem herrschte Eintracht zwischen ihnen.

118. VON PAPST JOHANNES XXII. UND DEN GEWÄHLTEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1316 regierte Papst Johannes XXII. mit diesen in Uneinigkeit Gewählten.

119. VON DER HEILIGSPRECHUNG DES HEILIGEN LUDWIG, DES BRUDERS KÖNIG ROBERTS VON SIZILIEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1317 sprach Papst Johannes den heiligen Ludwig 150, den Bruder Roberts, des Königs von Sizilien 151, aus dem Orden der Minderbrüder heilig und setzte die Feier seines Geburtstags auf den 5. Tag nach Mariä Himmelfahrt fest (Mart., c. 449).

120. VON DER VERBRENNUNG DER AUSSÄTZIGEN IN FRANKREICH

Im Jahre nach Christi Geburt 1320 wurden in Frankreich die Aussätzigen verbrannt. Denn man sagte, sie hätten die Flüsse mit Gift verseucht, an dem viele Menschen und Vieh zugrunde gingen.

121. VON EINEM WUNDER

Im Jahre nach Christi Geburt 1321 wurden im Gebiet Slawiens drei Menschen, beschuldigt, Gift herbeigeschafft zu haben, in siedendes Wasser geworfen; zwei von ihnen erstickten sogleich, der dritte, der unschuldig war, kam unversehrt heraus.

122. VON DER AUFERWECKUNG EINES TOTEN KNABEN IM PREUSSENLAND, AUF DER BURG BRANDENBURG

Im Jahre nach Christi Geburt 1322 lebte im Preußenland, auf der Burg Brandenburg, Thomas, der Sohn Hertwigs von Pokarwis, der im Alter von vier Jahren starb und durch die Kraft des Holzes vom Kreuz des Herrn wieder zum Leben erweckt wurde, das zuvor ein Bruder von Fleckenstein vom Rhein dorthin gebracht hatte; Bruder Gebhard von Mansfeld hatte es ins Feuer geworfen, und es sprang heraus – zum Beweis vor vielen Zeugen, dass es eben das Holz war, aus dem das Kreuz gemacht war, an dem Christus gekreuzigt wurde.

123. VON BLUTSTROPFEN, DIE IM PREUSSENLAND AUF DER BURG CHRISTBURG AUS BROT HERVORQUOLLEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1324, als Andreas, ein Zimmermann auf der Burg Christburg im Preußenland, zu Mittag aß, traten aus dem Brot, das er in Bier tunkte, Blutstropfen hervor; seine Tischgenossen, die meinten, es fließe aus irgendeiner Wunde, untersuchten aufmerksam seinen Mund, sein Gesicht und seine Hände, fanden aber keine Spur einer Verletzung, worüber sich viele wunderten.

124. VON DER TÖTUNG VIELER TAUSEND AUS DER PARTEI DER GUELFEN IN ITALIEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1325 wurden in Italien von den Ghibellinen viele Tausend aus der Partei der Guelfen getötet.

125. VON DER VERWÜSTUNG DES LANDES UNGARN UND DER TÖTUNG VON 30 000 TATAREN

Im Jahre nach Christi Geburt 1326 tötete der König von Ungarn 153 30 000 Mann aus dem Heer der Tataren, die sein Königreich verwüstet hatten.

126. [IM JAHRE NACH CHRISTI GEBURT 1382 STARB BRUDER WINRICH].

Ende der ersten Chronik Peters von Dusburg


ERGÄNZUNGEN

1. AUS DEM EVANGELIUM: IM ANFANG WAR DAS WORT

Im selben Jahr verfügte Bruder Werner, der Hochmeister, auf dem Generalkapitel, dass zur Verehrung und Verherrlichung der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus jeden Tag nach dem Ende der Hauptmesse die Kleriker das Evangelium „Im Anfang war das Wort“ mit dem Vers „Erweise uns, Herr, Deine Barmherzigkeit“ lesen sollten und alle gemeinsam „Ewiger und allmächtiger Gott, lenke unsere Taten nach Deinem Wohlgefallen“, und bei den Worten „Und das Wort ist Fleisch geworden“ sollten die Brüder bis zum Ende des Gebets niederknien.

2. VOM BAU DER BURG MOHRUNGEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1327 errichtete Bruder Hermann, Komtur von Elbing und Spittler des Haupthauses, eine Stadt namens Mohrungen nahe der Stadt Saalfeld, benannt nach dem See, an dessen Ufer sie liegt.

3. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG CHRISTMEMEL

Im Jahr 1328 wurde die Burg Memelburg, die die Brüder aus Livland im Jahre nach Christi Geburt 1252 erbaut hatten und die bis zu dieser Zeit ihnen unterstand, den Brüdern aus Preußen übergeben. Darum wurde die Burg Christmemel, die Meister Bruder Karl erbaut hatte, am Tag Petri Kettenfeier aufgegeben.

4. VOM VORZEICHEN DIESER ZERSTÖRUNG

Der Zerstörung dieser Burg ging ein Vorzeichen voraus. Im Jahre nach Christi Geburt 1327, zur selben Jahreszeit wie im folgenden Jahr, als die Zerstörung vollzogen wurde, standen drei Brüder in der hereinbrechenden Dämmerung oben auf der genannten Burg, als erst wenige Sterne am Himmel erschienen waren, und sie sahen einen Stern im Norden, der, seinen natürlichen Lauf verlassend, rasch mehr als 100 Schritte in entgegengesetzter Richtung zurücklegte, dort stehen blieb und nicht zurückkehrte, obwohl die genannten Brüder lange auf seine Rückkehr warteten.

5. NOCHMALS DARÜBER

Im Jahre nach Christi Geburt 1328 gab es ein Erdbeben, und zwar nirgendwo anders als in der genannten Burg, und die Erde bebte so furchtbar, dass die alten Häuser einzustürzen drohten, sodass die, die sich in den Häusern befanden, bereit waren, hinauszuspringen, um dem Tod zu entgehen.

6. VON DER VERWÜSTUNG DES GEBIETS DER BURG GARTHEN

Zur selben Zeit zogen 60 Brüder und die Mannschaft aus Preußen gegen die Burg Garthen, und als sie erfuhren, dass man dort gewarnt worden war, schickten sie 400 Mann, die in das Gebiet der genannten Burg eindrangen, es verwüsteten und zum Heer der Brüder zurückkehrten. Am anderen Tag, als die Litauer im Glauben, die Brüder seien in ihr Land zurückgekehrt, auf ihre Felder gingen, fielen die Brüder mit ihrem ganzen Heer in mächtigem Ansturm in das genannte Land ein und verwüsteten es auf sechs Meilen mit Feuer und Schwert. Und viele Vornehme aus der genannten Burg mit all ihren Kindern und ihrem Gesinde, bis zu 94 Seelen, schlossen sich den Brüdern an, kamen nach Preußen und empfingen die Gnade der Taufe.

7. VON DER ZERSTÖRUNG EINER VORBURG

Unterdessen drangen die Brüder aus Ragnit mit 80 Mann in die Vorburg ein und zogen gegen die Bewohner der Burg Putenicka, in die am Vortag 200 einheimische Männer gekommen waren, ohne dass die Brüder es wussten. Und als sie am Morgen, bei Tagesanbruch, eindrangen, während jene noch auf ihrem Lager ruhten, überfielen sie sie plötzlich und töteten Männer, Frauen und kleine Kinder, die nicht fliehen konnten, und brannten danach die Vorburg nieder.

8. VON DER VERBRENNUNG DER VORBURG DER BURG OUKAIM

Bald darauf drangen die Brüder aus Ragnit mit ihren Untertanen in die Vorburg der Burg Oukaim ein, als die Bewohner der Burg schliefen, und brannten sie bis auf den Grund nieder; und abgesehen von vier Menschen, die in der Burg waren, und abgesehen von wenigen, die flohen, kamen alle übrigen mit Frauen, Kindern, Vieh und Haustieren durch Feuer oder Schwert um.

9. VON DEN BEWOHNERN DER BURG MEDEWAGE

Im Jahre nach Christi Geburt 1329 kam Johann von Luxemburg, König von Böhmen, mit den Vornehmen seines Königreichs und dem schlesischen Herzog Falkenberg und den Grafen von Leiningen, Öttingen, Neuenahr, Weilnau, Württemberg, Schaumburg und Falkenstein und mit den Herren von Kerpen, Gera, Berg, Rotenstein, Dahme, Cottbus, Meißen und dem Burggrafen von Dohna und mit vielen Vornehmen des Königreichs Alemannien und Englands in das Preußenland. Mit ihnen allen zogen Bruder Werner und 200 Brüder und 18 000 Krieger, das Fußvolk nicht mitgerechnet, gegen Litauen, belagerten am Vorabend der Darstellung des Herrn die Burg Medewage, und nach vielen Stürmen unterwarfen sich ihre Bewohner dem christlichen Glauben, und sechstausend Menschen der genannten Burg wurden im Namen des Herrn getauft, fielen aber bald darauf vom Glauben ab.

10. VON DER VERWÜSTUNG DES KULMERLANDES

Während dies geschah, und am selben Tag, verübte Lokietek, der König von Polen, die Untat, die er lange geplant hatte: Mit sechstausend Kriegern drang er mit List, ungeachtet des Waffenstillstands, den er mit dem König von Böhmen und dem Meister geschlossen hatte, in das Kulmerland ein und verwüstete es fünf Tage und fünf Nächte lang mit Feuer und Schwert. Siehe, welch wunderliche und ruchlose Tat! Dieser König war zuvor Herzog gewesen und war eben erst vom Apostolischen Stuhl zum König erhoben worden, damit er ein noch eifrigerer und treuerer und noch tapfererer Verteidiger der heiligen Kirche, des Glaubens und der Christen werde. Nun aber verteidigt er nicht nur die Gemeinschaft der Christen nicht, sondern greift ihre Verteidiger grausam an. Und schlimmer noch: Er verübte die Untat, von der wir oben sprachen, als der König von Böhmen und der Meister und ihr Heer die Heiden angriffen und die Schmach des gekreuzigten Herrn rächten.

11. VOM VORZEICHEN DES KRIEGES

Im Jahre nach Christi Geburt 1329, am letzten Tag des Januar, in der Nacht, die dem Vorabend von Mariä Tempelgang vorausgeht, hörte ein Pruße, der auf der Burg Gerdauen wachsam Wache stand, Donnergrollen und sah Blitze aufzucken, und danach sah er in der Luft eine große Menge Menschen, die blanke Schwerter schwangen; dann sah er ein überaus helles Licht in den vier Himmelsrichtungen und in seiner Mitte ein leuchtendes Kreuz, dessen oberer Teil, der sich nach Osten erstreckte, sich als erster zu erheben begann, dann allmählich der benachbarte Teil nach Westen, danach der rechte Teil nach Süden und der linke Teil nach Norden. Schließlich erschien eine große Schar, die all dies mit sich fortriss und nach Osten, nach Litauen, zog. Und da verschwand alles usw.

12. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURG WYSZOGRÓD

Obwohl der Herr im Deuteronomium spricht: „Mein ist die Rache und die Vergeltung“, sprach doch wiederum Mattatias, als die Tage seines Todes nahten, zu seinen Söhnen: „Gedenkt der Taten unserer Väter, die sie zu ihrer Zeit vollbracht haben, so werdet ihr großen Ruhm und einen ewigen Namen erlangen.“ Und etwas weiter fügte er hinzu: „Rächt das Unrecht an eurem Volk und vergeltet den Heiden.“ Und an anderer Stelle, als jene getötet worden waren, die, ohne den Heiden Widerstand zu leisten, in ihrer Einfalt umgekommen waren, sprach ein Mann zu seinem Nächsten: „Wenn wir alle so handeln, wie diese unsere Brüder gehandelt haben, und nicht mit den Heiden für unser Leben und unsere Satzungen kämpfen, so werden sie uns bald von der Erde vertilgen.“ Zum Glück beschlossen der Meister und die Brüder, die diese und andere Ermahnungen der Heiligen Schrift kannten, das Preußenland, das unter unzähligen Verlusten und Mühen aus der Hand der Heiden gerissen worden war, und den Glauben, der dort mit dem Blut vieler edler Menschen gepflanzt worden war, gegen die Übergriffe des genannten Königs zu verteidigen, ohne dabei die Hände ruhen zu lassen und ohne ihr Leben zu schonen. So sammelte der Meister ein großes Heer, sandte es im Sommer des oben genannten Jahres nach Polen und belagerte die Burg Wyszogród des Königs von Polen, wo verbrecherische, für ihre Untaten bekannte Leute lebten, die ein Schiff auf der Weichsel gebaut hatten, die Vorüberfahrenden ausraubten, gefangen nahmen und töteten, und niemand konnte ihnen unversehrt entkommen; und dies dauerte viele Jahre und fügte den Brüdern und ihren Leuten schweren Schaden zu; und nach vielen Angriffen drangen sie schließlich mit Macht ein, schlugen in ihrem Zorn die Gottlosen, nahmen alle gefangen und töteten sie und brannten in ihrer Wut die Burg bis auf den Grund nieder.

13. VON DER ZERSTÖRUNG DER BURGEN NAKEL UND ANDERER

Im selben Jahr und Sommer kam ein anderes Heer der Brüder und verwüstete das Land, das an die Stadt Brest grenzt, mit Feuer und Schwert. Und danach zog das Heer weiter und belagerte eine Burg, deren Belagerte sie unter der Bedingung übergaben, dass sie abziehen dürften, ohne dass ihnen materieller Schaden zugefügt würde. Dann zog das genannte Heer zu zwei anderen Burgen und zur Burg Nakel; es nahm eine Burg nach der anderen ein, alle drei, nahm alle gefangen, tötete sie und legte die Burgen in Staub. In dieser Burg gab es einen Anführer namens Heinrich, einen Ritter, der gleichermaßen Kleriker und Laien, Klosterleute und Weltliche und alle Vorüberziehenden ausraubte und grausam mit ihnen umging. Er wurde von den Brüdern gefangen genommen, und als man ihn fragte, warum er alle diese Untaten begangen habe, antwortete er: „Mir hat es ja niemand verboten und niemand daran gehindert.“ So begünstigt die Straflosigkeit eines Verbrechens den Hang, Vergehen zu begehen.

14. VON DER VERWÜSTUNG DES GEBIETS WAIKEN

Im Jahre nach Christi Geburt 1330 kamen die Grafen von der Mark und von Manda und der Bruder des Grafen von Jülich mit vielen Rittern und Vornehmen Alemanniens in das Preußenland, und im Winter kam der Meister in das Land und sandte mit ihnen 100 Brüder und dreitausend Reiter, die in das Land Litauen eindrangen und das Gebiet, das Waiken genannt wird, mit Feuer verheerten; da aber die Leute lange zuvor gewarnt worden waren, machten sie nur geringe Beute.

15. VON DER VERBRENNUNG DER BURG GEDIMINS UND DER VORBURG

Zur selben Zeit drangen die Brüder aus Ragnit mit ihren Untertanen unbemerkt, bei Tagesanbruch, als die Litauer schliefen, in die Vorburg der Burg Gedimins ein und brannten sie ganz mit Männern, Frauen und kleinen Kindern und mit aller Habe bis auf den Grund nieder, ausgenommen 12 Menschen, die in die Burg flohen und so dem sicheren Tod entgingen.

16. VON DER ZERSTÖRUNG DER STADT RIGA

Im genannten Jahr, nämlich im Jahr 1330, zur Osterzeit, als die Stadt Riga schon fast ein Jahr belagert war, kam der unbändige (wie schon erwähnt) Zwist zwischen den Rigaer Bürgern einerseits und den Brüdern des Deutschen Hauses aus Livland andererseits für einige Zeit zur Ruhe, denn die Bürger, von Hunger und Belagerung entkräftet, was sowohl die Obrigkeit der Stadt als auch das einfache Volk in Schrecken versetzte, mussten sich ergeben und ihre Angehörigen, die Stadt, die Freiheiten und alle Rechte und Privilegien in die Hände Bruder Eberhards von Monheim, des Meisters des Landes Livland, und der Brüder übergeben, damit sie über all dies nach ihrem Gutdünken verfügten und bestimmten. Und der Meister betrat die Stadt nicht, bevor die Gräben auf einer Strecke von 30 Ellen mit der Erde der Wälle zugeschüttet waren. Und eine Frau sagte: „Dieser Meister muss wohl sehr dick sein, wenn er einen solchen Raum verlangt und nicht durch die anderen Tore hereinkommt wie die übrigen Christen.“

17. VON DER VERWÜSTUNG DES KULMERLANDES

Im selben Jahr, im Herbst, fiel Lokietek, der König von Polen, mit allen Reitern seines Königreichs und vielen Tributpflichtigen und 8000 Kriegern, die ihm der König von Ungarn aus seinem Volk zu Hilfe geschickt hatte, mit Macht in das Kulmerland ein und belagerte Stadt und Burg Schönsee; danach kam er zur Burg Leipe, bestürmte sie jedoch nicht einige Stunden, sondern fügte 10 Tage lang dem genannten Land mit Feuer und Schwert Schaden zu. Als ihm schließlich die Vorräte ausgingen und einige Verträge geschlossen waren, zog er ab.

18. VON EINEM WUNDER

In diesem Heer war ein Graf, Magister Wilhelm, ein ungarischer Anführer; ihm erschien in einer nächtlichen Vision, als er auf seinem Lager ruhte, die allerheiligste Jungfrau, tadelte ihn streng und sagte: „Warum verwüstest du mein Land, das mit dem Blut vieler Christen getränkt ist? Wenn du nicht abziehst, so wisse, dass du bald eines grausamen Todes sterben wirst.“

19. VON DER RACHE DES HERRN

Während die Ungarn das Kulmerland verwüsteten, zog der König von Ungarn mit einem gewaltigen Heer gegen einen König, seinen Untertanen. Als er dessen Königreich angriff, sägten die Bauern jenes Gebiets in dem Wald, durch den die Ungarn auf dem Rückweg ziehen mussten, die Bäume in der Mitte an, damit, wenn einer fiele, er den nächsten berühre und umwerfe und so fort. Darum geschah es, dass, als die Ungarn beim Rückzug in den genannten Wald kamen und die genannten Bauern die Bäume anstießen, diese aufeinander stürzten, und so, von allen Seiten fallend, erdrückten sie eine große Menge Ungarn. Siehe, obwohl Gott von Natur gütig, gut und barmherzig, langmütig und von großer Gnade ist, so ist doch, wie der Prophet Nahum sagt, der Herr auch ein Rächer und furchtbar im Zorn; der Herr rächt sich an Seinen Feinden und schont Seine Widersacher nicht. Wie hätte der Herr langmütig und gnädig hinnehmen können, dass dieser König von Ungarn seine Leute sandte, um das Land Christi und der Gottesmutter und die dort lebenden Brüder zu verheeren, die jeden Tag bereit sind, die Hände nicht ruhen zu lassen und ihr Leben nicht zu schonen, um die Schmach des gekreuzigten Herrn zu rächen. Gewiss konnte der Herr dies nicht ungerächt lassen.

20. VOM TOD DES HOCHMEISTERS

Im oben genannten Jahr, nämlich im Jahr 1330, in der Oktav des winterlichen heiligen Martin, tötete Bruder Johann von Endorf, aus dem Volk der Sachsen, vom Orden des Deutschen Hauses, vom Teufel und von seiner eigenen Ungerechtigkeit angestachelt, Bruder Werner, den Hochmeister, als dieser nach der Vesper aus der Kirche kam, weil er ihn für seine Vergehen getadelt hatte. O Johann, Brudermörder, was hast du getan? Siehe, die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu Gott von der Erde. Hat jemand Ähnliches gehört? Denn du hast ein Übel getan, wie es seit der Gründung des Ordens nicht geschehen ist. Du entsprichst nicht der Deutung deines Namens; es heißt, Johannes sei der, in dem die Gnade ist. Doch wehe! Es war keine Gnade in dir, denn da der Meister dich für deine Verfehlungen gestraft hatte, hättest du, wenn du klug gewesen wärest, ihn ehren müssen wie deinen Vater. Nun aber hast du ihn wie ein Tor gehasst. Warum warst du nicht an Güte gewöhnt? Warum hast du mit dem Wahnsinn des Judas am selben Tag seine Speise und seinen Trank genossen und dann, seinen Leib mit dem Dolch durchbohrend, sein Blut vergossen? Er war, indem er dich strafte, darauf bedacht, die Seele vom Tod zum Leben zu rufen. Du aber hast, ihn niederstreckend, ihm das Leben geraubt und grausam den Tod gebracht. Wer gäbe meinem Haupt Wasser und meinen Augen einen Quell der Tränen! Und ich würde Tag und Nacht weinen um das Haupt meines Volkes, das so jämmerlich erschlagen wurde.

Übersetzung von W. I. Matusowa
Text wiedergegeben nach der Ausgabe: Петр из Дусбурга. Хроника земли Прусской. М.: Ладомир. 1997

© Text – W. I. Matusowa 1997
© Online-Version – Thietmar. 2003
© OCR – Halgar Fenrirsson. 2003
© Ladomir. 1997


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.