Wozu braucht Kaliningrad einen Chopin-Platz? Ich meine das ernst. Was ist das – eine Erinnerung an ein vergangenes Jubiläum mit Geschenken, die der Rundheit des Datums entsprechen? Nein, Chopin ist kein Bernsteinbild und kein in allen Regenbogenfarben schillernder chinesischer Springbrunnen (obwohl es davon in der Stadt ohnehin genug gibt). Das Denkmal selbst singt und tanzt nicht und macht einen durchaus angenehmen Eindruck, aber das beantwortet nicht die Hauptfrage: Warum ehren wir hier, in Kaliningrad, ausgerechnet das Andenken dieses großen Komponisten?

Wie soll die Kreuzung der Uliza Stepana Rasina und der Kommunalnaja, deren Namen auf alles Mögliche verweisen, von der Pariser Kommune bis zu den Problemen der heutigen Wohnungswirtschaft, einen Funken von Musik und Harmonie schlagen? Nun gut, dass die Kirche in der Uliza Komsomolskaja von der Uliza Tschekistow und der Uliza Karla Marksa eingerahmt ist, hat einen gewissen Sinn, aber was verbindet Stenka Rasin mit Chopin?
Wenn man nach Riga oder Vilnius kommt, staunt man, mit welcher Härte und Unbeugsamkeit die „kleinen, aber stolzen“ baltischen Demokratien die Konstruktion ihres historischen Gedächtnisses betreiben – man hat das Gefühl, alle Höfe und Plätze seien auf Jahre hinaus verplant. Selbst unter den glühenden Kämpfern für die Sache der Freiheit bildet sich eine Warteschlange: Welcher Held wird als Erster in unser historisches Gedächtnis eingehämmert? Fremde haben hier keinen Platz. Und das ist wohl auch richtig so.
Allerdings gibt man auch bei uns in letzter Zeit ideologisch ausgewogenen Denkmalsinhalten den Vorzug.
Es gibt offensichtlich gelungene Wendungen – ausgesprochen positiv ist die Errichtung eines Denkmals für die Helden des Ersten Weltkriegs in Kaliningrad zu bewerten.
Und selbst dass das Monument am Gwardeiski-Prospekt mit seiner Figurengruppe zugleich an etwas Moskauerisches über die Revolution von 1905 erinnert und das Relief am Sockel offensichtlich auf das ikonografische Motiv der Grablegung verweist, wirkt ganz natürlich und organisch. Schließlich muss man mit den Menschen in Sprachen reden, die sie verstehen.

Bei den historischen Denkmälern Kaliningrads, die bestimmten Ereignissen oder Berufen gewidmet sind, ist in der Regel alles mehr oder weniger klar: das Motiv ebenso wie der Grund, warum sie an diesem oder jenem Ort stehen. So wirft zum Beispiel, um ein neueres zu nennen, das Denkmal „Den Schiffbauern Kaliningrads“ keine Fragen auf: Es ist verständlich, warum es an diesem Ort und zu dieser Zeit errichtet wurde.
Doch im Eifer des Gefechts verlässt uns ziemlich oft das Gefühl für das rechte Maß.
Gehen Sie in den Park des Sieges, der das Kaliningrader Denkmal für die 1200 Gardisten verdoppelt und in gewissem Sinne überflüssig tautologisch ist. Und das Unangenehmste: An ihm sieht man sehr deutlich, dass unser Gedächtnis genau so lang ist, wie die Finanzierung reicht. Gehen Sie tiefer hinein und sagen Sie, was die zugewachsenen Wege und einsamen Laternen mit dem Sieg zu tun haben – ist das nun ein Park des Sieges oder ein Ort, um Narnia zu spielen?

Oder wozu braucht Kaliningrad SO EINE Pawel-Florenski-Straße*? Reicht es uns etwa nicht, dass er auf den Solowki den Märtyrertod starb, rächen wir uns offenbar an ihm dafür, dass er über Kant geschrieben hat? Die Iwan-Sussanin-Straße endet wenigstens an einem kleinen Sumpf, da steckt wenigstens irgendein Sinn dahinter. Aber womit hat Florenski all das verdient?

Versucht man zu verstehen, was mit dem Stadtraum geschieht, so ergibt sich ein Bild, das für einen durchreisenden Anthropologen interessant, für die örtliche Kulturlandschaft aber verheerend ist. Nein, einzeln genommen gibt kein neues Gebäude der Stadt, kein neues Kaliningrader Denkmal Anlass zur Beanstandung – im inzwischen fast unerreichbaren Europa gibt es noch Schlimmeres –, doch worin wir der ganzen Welt wirklich voraus sind, das ist die Kunst, Salzgurken mit Milch hinunterzuspülen, oder, wenn Sie das lieber hören, ein besonderer Hang zum Eklektizismus, in dem allein, aus mir unbekannten Gründen, das Denken unserer Stadtplaner zur Ruhe kommen kann.
Der Drang zur Memorialisierung ist so stark, dass wir es fertigbringen, Denkmäler dort aufzustellen, wo schon welche stehen, und die Reste eines zusammenhängenden kulturhistorischen Textes zu einem höllischen postmodernen Smoothie zu verquirlen.
Ein Beispiel. Das Denkmal für die Pioniere der Hochseefischerei, das neben dem Sportkomplex „Junost“ („Jugend“) steht und das man in meiner Jugend „Denkmal der zerbrochenen Flasche“ nannte. Man mag zur sowjetischen Architektur stehen, wie man will, aber dieses Ensemble – und es ist in kultureller wie in historischer Hinsicht zweifellos ein Ensemble – ist geschlossen und sogar am rechten Platz. Jugend und Pioniere, wenn auch nicht diese, sondern andere, liegen immerhin im selben semantischen Feld. Einfacher gesagt: Dieser Text ist in einer Sprache geschrieben.

Und was geschieht dann? Dann geschieht eine Katastrophe, und unter den Segeln wächst die Figur des Nikolaus des Wundertäters empor. Nein, am Nikolaus selbst ist nichts Katastrophales. Er ist der Schutzpatron der Seefahrer, er ist dies und das, er ist schließlich der Weihnachtsmann in anderen, nicht so vollkommenen Welten wie der unseren. Aber ist es denn nicht offensichtlich, dass das Zusammenführen zweier – nicht einmal Denkmäler, sondern Sprachen, kultureller Codes, man könnte hier viele Wörter finden – an einem Punkt beide Sprachen sinnlos macht? Entweiht wird nicht nur die sowjetische Idee der Arbeit als Heldentat, sondern auch alles, was mit dem Bild des frischgebackenen Kolja-Pioniers verbunden ist.

Das Problem ist übrigens ernster, als es scheint: Im Kampf zweier verstiegener Ideen – der ersten, dass Kaliningrad Königsberg sei, und der zweiten, dass unsere Stadt orthodoxer sei als die Orthodoxie selbst – radieren wir das Wichtigste aus.
Kaliningrad ist eine sowjetische Stadt. Und sein Herz ist sowjetisch, die Soldaten, die es im Sturm nahmen, waren sowjetisch, und die Hände, die es aus den Ruinen wieder aufbauten, waren sowjetisch.
Ich erinnere mich an die Zeiten, als man dem Kaliningrader „Stier-Denkmal“ zu Ostern Sie-wissen-schon-was anmalte, und dafür gab es noch nicht zwei Jahre Lager.
Wozu die Erinnerung an das zerstören, was war? Wirklich, wozu? Ich weiß es nicht, man hat ja hier nicht einmal etwas gebaut: weder ein Geschäft noch ein hundertstöckiges Haus. Also nicht des Profits wegen, sondern aus tiefstem Herzen? Kurz, man hat den Dummkopf beten gelehrt. Wieder einmal. Nun ja, das kommt vor. Obwohl man natürlich besser das Kaliningrader Denkmal „Mutter Russland“ dorthin versetzt hätte oder das Lenin-Denkmal oder das einzige Kalinin-Denkmal in Kaliningrad, also alle „unsrigen“. Das wäre wenigstens nicht so schlimm gewesen.
Aus irgendeinem Grund spenden Geschäftsleute mit Komsomol-Vergangenheit eifrig für Kirchen, vermeiden es aber, sich daran zu erinnern, worauf ihre Talente so üppig erblüht sind. Ich verstehe, dass es heute irgendwie unangenehm ist, über die Werktätigen zu sprechen, denn dann stellt sich heraus, dass das sowjetische Kaliningrad nicht nur aus tristen Fünfgeschossern besteht, die man irgendwann abreißen muss, sondern auch aus Bildung, aus der Idee der sozialen Gleichheit, der Gerechtigkeit, all dem, was in den heutigen Läden nicht zu kaufen ist. Das zu verewigen hieße, sich selbst zu brandmarken. Nein, da bauen wir lieber noch eine Kirche. Auf Vorrat.
Doch wenn es in diesem Tempo weitergeht, reiben wir unser Gedächtnis bis auf die Löcher ab und vergessen schließlich, was uns wirklich widerfahren ist und was nur in Fantasien existierte.
Und dann wird sich herausstellen, dass das wichtigste Denkmal für Kaliningrad schon im Zentralpark steht. Und die Stadt wird wie das Kaliningrader Münchhausen-Denkmal sein: Alles drumherum ist da, nur sie selbst nicht.
Fotos: Michail Ogorodnikow.
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* Pawel Florenski – russischer Philosoph, der die Philosophie Kants für heuchlerisch und verschlagen hielt und Kant selbst für eine „Säule gottwidriger Bosheit“.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

