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Was ist im „Erdgeschoss Königsbergs“?

Was ist im „Erdgeschoss Königsbergs“?

Unterirdische Galerie des Forts Nr. 5.

Foto des Autors.

„Die hiesige Domkirche ist riesig … Ein Franzose, ein Lohndiener, der mich begleitete, versicherte, dass es von dort einen unterirdischen Gang aus der Stadt hinaus zu einer alten Kirche gebe, bis zu der es etwa zwei Meilen seien, und zeigte mir eine kleine Tür mit einer Treppe, die unter die Erde führt. Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht; ich weiß aber, dass man im Mittelalter für alle Fälle solche Gänge grub, um Reichtum und Leben vor der Hand des Stärkeren zu bewahren.“

Dies ist ein Auszug aus Nikolai Karamsins Buch „Briefe eines russischen Reisenden“. Karamsin besuchte unseren Dom am 19. Juli 1789; folglich ist die Frage nach geheimen unterirdischen Gängen in Königsberg oder gar einer ganzen unterirdischen Stadt mindestens zwei Jahrhunderte alt. Leider hat Nikolai Michailowitsch nicht angegeben, in welchen Meilen diese Entfernung gemessen wurde: in französischen Landmeilen zu 4444 Metern oder in deutschen zu 7420 Metern oder in einer der 44 anderen, die es in Europa gab. Daher bleibt die Frage, um welche Kirche am Stadtrand es sich handelte, unbeantwortet.

Nikolai, Buchhalter bei einer der Hafenverwaltungen, hatte dieses Buch des großen russischen Historikers und Schriftstellers wohl kaum gelesen und den zitierten Auszug schon gar nicht auswendig gekannt. 160 Jahre nach Karamsins Besuch in der Stadt am Pregel interessierten ihn die verschiedensten Türchen in den Kellern der zerstörten Königsberger Viertel aus anderen Gründen: Die Deutschen, die nach dem Sturm auf die Stadt noch vor Kurzem in diesen Kellern gehaust hatten, hatten das ehemalige Ostpreußen fast vollständig verlassen und viele Haushaltsgegenstände zurückgelassen, die man im Alltag gebrauchen oder auf dem Trödelmarkt verkaufen konnte. Allerdings war er nicht der Einzige in der Stadt, der brauchbare Dinge ausgrub, und deshalb wunderte sich niemand über diese Beschäftigung. Doch eines Wochenendes zog Nikolai wieder einmal auf Beutezug los und erschien erst am Dienstag zur Arbeit. Trotz der offenkundigen Schwierigkeiten, die ihm das Fehlen an seiner Hauptarbeitsstelle eintragen konnte, wirkte Nikolai nicht bedrückt und antwortete auf die Frage, was einen so groben Verstoß gegen die Arbeitsdisziplin verursacht habe, ausweichend. Dafür bemerkten ihn die Nachbarn einige Tage später auf eben jenem Trödelmarkt, wo er deutsche Konserven verkaufte. Als ihm das Geheimnis zu schwer wurde, erzählte Nikolai den Nachbarn aus der Gemeinschaftswohnung bei einer Flasche „Extra“ in der Küche, er sei in einen gewöhnlichen Keller in der Barbarastraße (heute Uliza Pawlika Morosowa) hinabgestiegen und in ein regelrechtes unterirdisches Labyrinth geraten. Zuerst war es einfach ein unterirdischer Gang. Dann folgten Abzweigungen und Räume. In manchen lagerten Konserven, in anderen gab es Petroleumvorräte, in dritten lag Bettzeug, und Petroleumlampen standen in Reihen.

Nikolai behauptete, in den Gängen und Räumen habe es elektrische Leitungen gegeben und Lampen gehangen, aber er habe sich nicht getraut, das Licht einzuschalten, da er nach eigenen Worten ständig die Anwesenheit von jemandem in seiner Nähe gespürt habe.

Nachdem er schließlich mehr als einen Kilometer durch die unterirdischen Labyrinthe gegangen war und sich endgültig verirrt hatte, musste er zwei Nächte (seinem Empfinden nach) auf Regalen mit Matratzen verbringen. Erst am dritten Tag gelang es unserem Buchhalter, irgendwo in der Gegend der Uliza Bagrationa an die Oberfläche zu gelangen. Die Nachbarn nahmen die Geschichte skeptisch auf, meldeten sie aber trotzdem an der zuständigen Stelle. Die folgenden zwei Tage verbrachte Nikolai in Gesellschaft von Milizionären, doch die Ortsbesichtigung bestätigte die Anzeige nicht. Dennoch tauchten an den Wochenenden immer wieder Konserven auf dem Markt auf. Bis Nikolai einen Monat später spurlos verschwand …

Versuchen Sie nicht, im Stadtarchiv eine dokumentarische Bestätigung dieser Geschichte zu finden – sie ist nur eine von vielen Stadtlegenden. Doch bekanntlich wächst jede Legende aus irgendwelchen realen Wurzeln. Deshalb wäre es nicht schlecht zu klären, was tatsächlich hinter den zahlreichen Geschichten über unterirdische Fabriken und Lager steckt, über Tunnel, durch die man mit dem Auto fahren kann, oder gar über eine unterirdische Eisenbahn bis nach Berlin. Wer war Auftraggeber und Erbauer dieser unterirdischen Anlagen: der Deutsche Orden, preußische Festungsbaumeister oder geheime nationalsozialistische Organisationen?

Das Erbe der Hochmeister

Der Deutsche Orden war im Bewusstsein der heutigen Menschen stets von einer Aura des Geheimnisvollen und Mystischen umgeben. Die strenge Hierarchie und Ordensregel, die Abgeschlossenheit gegenüber Uneingeweihten, die düsteren Burgruinen verkörperten für uns das „finstere Mittelalter“ schlechthin, und die geheimnisumwitterten Worte „Hochmeister“, „Konvent“, „Komtur“ passen wie nichts anderes zu unterirdischen Galerien, Kerkern und schweren Backsteingewölben. In seiner Blütezeit unterschied sich der Ordensstaat vom übrigen Europa durch das Fehlen eines Lehnssystems; alle Ressourcen – militärische, wirtschaftliche, finanzielle – unterstanden unmittelbar der zentralen Ordensgewalt. Die Bündelung der Ressourcen unter einer einzigen Leitung erlaubte es, die kompliziertesten Vorhaben zu verwirklichen.

Was aus dem bis in unsere Zeit erhaltenen Ordenserbe konnte in den Legenden den Namen „unterirdische Stadt“ erhalten? Nun, zum einen sind das die Keller der Ordensbauten, vor allem der Burgen und Kirchen.

Viele Leser haben die ausgegrabenen Keller des Westflügels des Königsberger Schlosses gesehen. Sicher gibt es auch solche, die als Jungen oder Mädchen das Glück hatten, diese Keller noch vor der bekannten Sprengung der Reste der Ordensfestung zu betreten. Beeindruckend waren sowohl die Größe der Räume als auch die Qualität ihrer Ausführung. Freilich finden wir solche Keller weder im Dom noch in den meisten Kirchen der Ordenszeit, und wir sehen sie auch nicht in Burgen wie Balga, Saalau (Siedlung Kamenskoje, Rayon Tschernjachowsk), Ragnit (Stadt Neman) und einer Reihe anderer – das bedeutet aber nicht, dass es sie dort nicht gab. Einige Jahrhunderte nach der Errichtung wurden die Keller der Ordensbauten einfach absichtlich mit Sand oder Erde verfüllt, um die Standfestigkeit des Fundaments zu erhöhen und den Verfall der alten Mauern zu verhindern. Zu demselben Zweck wurden übrigens zahlreiche Fensteröffnungen gotischer Bauten zugemauert. In dem einen oder anderen Maße sind Keller fast überall vorhanden. Entdecken kann man sie heute aber nur nach archäologischen Arbeiten.



Keller des Schlosses Königsberg.
Keller der Burg Waldau.
Keller der Burg Labiau.
Keller der Burg Gerdauen.

Und doch sind Keller etwas ganz anderes als das, was wir „richtige Unterwelt“ nennen. Konnte es im mittelalterlichen Königsberg denn keine geheimen unterirdischen Gänge und Galerien geben? Um diese Frage zu beantworten, muss man bedenken, dass man im Orden zu rechnen verstand; unterirdische Anlagen mussten daher einen klaren und verständlichen Zweck haben. Außerdem erlaubten die Besonderheiten des Königsberger Bodens mit hohem Grundwasserspiegel und der damalige Stand der Bautechnik nicht, ein auch nur einigermaßen bedeutendes Netz unterirdischer Bauwerke zu schaffen. Ein geheimer Gang aus der Burg nach draußen dagegen – durchaus.

Solche Gänge sind bei anderen Burgen beschrieben, und gewiss könnte es einen auch im Königsberger Schloss gegeben haben. Sowohl der Logik nach als auch nach der Erfahrung mit anderen solchen Gängen müsste er zum Pregel geführt haben.

Wäre die Ordensführung in eine kritische Lage geraten, hätte ein solcher Gang es ermöglicht, die Burg heimlich zu verlassen, in ein am Ausgang zum Fluss verstecktes Boot zu steigen und der Gefahr zu entkommen. Genau einen solchen Gang, genauer gesagt die Reste seines Mauerwerks, haben Archäologen bei den Grabungen auf dem Gelände des Königsberger Schlosses möglicherweise gefunden. „Möglicherweise“ deshalb, weil die Archäologen ihm nicht mehr als 30 Meter weit folgen konnten. Weiter war der Gang vollständig eingestürzt und in ein Gemisch aus Erde und Mauerwerksbrocken verwandelt. Solche Bauwerke müssen nämlich ständig instand gehalten werden. Und wenn wir überall beobachten, wie deutsche oberirdische Gebäude ohne angemessene Pflege in nur wenigen Jahrzehnten verfallen und einstürzen, kann man sich nur vorstellen, was mit den für mehrere Jahrhunderte vergessenen unterirdischen Tunneln geschehen ist. Die in einigen Medien aufgetauchten Meldungen, man habe einen geheimnisvollen Gang vom Schloss zum Dom gefunden, kann man dem Gewissen und der Fantasie ihrer Urheber überlassen. Eine überzeugende Erklärung, wozu die Ritter einen unterirdischen Gang zwischen diesen beiden Bauwerken hätten anlegen sollen, hat niemand geliefert. Selbstverständlich wurden auch keinerlei Belege gefunden, dass der Gang weiter als bis zum Pregelufer führte.

Was haben wir also im Ergebnis? Für die Ordenszeit in der Geschichte der Königsberger Unterwelt können wir sagen, dass sich im Untergrund der Stadt mit Erde verfüllte Reste der Keller des Königsberger Schlosses und alter Kirchen sowie (möglicherweise) Spuren eines oder mehrerer unterirdischer Gänge aus dem Schloss nach draußen befinden. Begehen kann sie aber ohne Freilegung durch Archäologen niemand mehr.

Geheime Gänge in Bastionen und Forts

Jeder, der an den alten Verteidigungslinien am Litauer Wall spazieren gegangen ist, hat bemerkt, dass der Wallkörper unterirdische Räume enthält. Manche sind isoliert, manche miteinander verbunden. Und das ist nur, was sich dem bloßen Auge zeigt. Ebensolche unterirdischen Anlagen gibt es am entgegengesetzten Ende der Altstadt entlang des Kalinin-Prospekts, wo ebenfalls die bastionierte Stadtumwallung verlief. Gut möglich, dass diese Bauten in den Legenden über die unterirdische Stadt eine Rolle gespielt haben. Man kann sich ja vorstellen: Wenn es hier Gänge und Keller gibt, dann gibt es sie auch im übrigen Teil der Stadt, und sie führen zur Kaserne „Kronprinz“ oder gar ins Schloss – warum nicht? Zudem ist dieser 1843–62 erbaute Bastionsring der zweite in der Geschichte der Stadt und wurde abschnittsweise auf der Linie der Bastionsbefestigungen des 17. Jahrhunderts errichtet, und dort wiederum könnte es ebenfalls unterirdische Räume gegeben haben.

Bastionen der ersten Wallumwehrung KönigsbergsBastionen der ersten Wallumwehrung Königsbergs.

Leider lässt eine sorgfältige Untersuchung der Befestigungsgeschichte der Stadt für diese Vermutungen keinen Raum. Der erste Bastionsring, den die Stadt unter Herzog Georg Wilhelm auf Druck der Schweden während des Dreißigjährigen Krieges erhielt, bestand ausschließlich aus Holz und Erde. Er wurde 1626–34 nach den Regeln der damaligen Bastionärbefestigung gebaut und umfasste Bastionen und Halbbastionen ohne jegliche Kasematten im Innern. Die überlieferten Schnittzeichnungen des Stadtwalls und der Bastionen bestätigen das Gesagte vollauf. Beim zweiten Bastionsring ist alles noch klarer, da in den Archiven Bauzeichnungen vorhanden sind. Und selbst die Kasematten im Inneren des Litauer Walls, die wir heute sehen können, sind streng genommen keine unterirdischen Anlagen, sondern Bauten, die nach ihrer Errichtung mit Erde überschüttet wurden, um ihre Widerstandsfähigkeit gegen Artilleriefeuer zu erhöhen.

Zuverlässig bekannt ist nur ein einziger unterirdischer Gang zwischen Festungsbauten jener Epoche – der Gang von der Bastion „Grolman“ zur Defensionskaserne „Kronprinz“ unter der heutigen Straße Litowski Wal.

Allerdings wurde er in offener Bauweise angelegt, erst danach mit Erde überschüttet und bestand nicht lange: Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Gang beim Umbau der Straße verschüttet. Das Prinzip der Verteidigung einer Bastionsfestung selbst erforderte kein Netz unterirdischer Verbindungen. Dasselbe gilt für das spätere Fortsystem. Die deutsche Gründlichkeit und das genaue Befolgen der Entwürfe der sogenannten „deutschen Einheitsforts“ zerstreuen alle Zweifel: Die Forts besaßen nur flache Keller oder Souterrains und waren nie durch eine unterirdische Eisenbahn verbunden, auf der eine weitere Stadtlegende beharrt.

Die unterirdische Industrie des Nationalsozialismus

Den Anhängern der Existenz eines unterirdischen Königsberg blieb eine letzte rettende Hoffnung – die Bauten aus der Zeit des Dritten Reiches. Gewisse Voraussetzungen dafür gibt es: Bekanntlich haben totalitäre Regime stets etwas Außergewöhnliches hervorgebracht. Dazu trug die Möglichkeit bei, im Land beliebige Ressourcen für die fantastischste Idee zu mobilisieren. Besonders galt das für die Hitler-Führung, die bis zu ihren letzten Tagen an eine Wunderwaffe glaubte, die das System mit einem Schlag vor dem unabwendbaren Zusammenbruch retten könnte. Wurde also vielleicht aus Angst vor dem Vormarsch der Roten Armee und den Bombenangriffen der Alliierten in Königsberg doch das in den Legenden so genannte „Erdgeschoss“ geschaffen? Kategorisch beantworten lässt sich nur die Frage nach einer echten unterirdischen Stadt: Nein, nichts dergleichen wurde entdeckt.

Es gibt keine unterirdischen Panzerfabriken, keine unterirdischen Stützpunkte für Kleinst-U-Boote mit Ausgang zum Pregel, keine geheimen unermesslichen Waffenlager. Es gibt sie nicht, weil kein einziges glaubwürdiges Zeugnis über ihren Bau existiert.

Über geheime Führerbunker gibt es davon genug, über unterirdische Fabriken in Königsberg – kein einziges. Solche Objekte ziehen unweigerlich Dokumente nach sich: über die Lieferung von Baustoffen und Stahlkonstruktionen, über den Bau von Stromleitungen, über die Aufstellung von Anlagen und die Ausstattung mit Fachkräften, schließlich über eingeführte Rohstoffe und gelieferte Fertigprodukte. Nichts davon wurde gefunden, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass es keine unterirdischen Fabriken gab.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Dennoch kann man auch nicht sagen, dass sich unter der Erde unserer Stadt gar nichts befindet. Erstens haben wir ein ausgedehntes Netz unterirdischer technischer Leitungen geerbt. Das sind keine unterirdischen Gänge, die ursprünglich der verborgenen Fortbewegung von Menschen dienten. Aber viele der städtischen Sammelkanäle und Wasserleitungen sind so groß, dass sich ein Mensch darin aufrecht bewegen kann. Durch einen dieser Tunnel gelangt das Wasser aus dem Oberteich in den Graben am Park des Sieges, und durch seine Abzweigung verläuft es unter den Gleisen des Nordbahnhofs und tritt hinter dem Sowjetski-Prospekt zutage, wo es den Parkowy-Bach bildet. In einigen Sammelkanälen wurden zugemauerte Abzweige entdeckt. Wohin sie führen und wozu sie bestimmt waren, ist bis heute unbekannt. Man erzählt, dass Anfang der 1950er Jahre, nachdem zahlreiche Gerüchte aufgekommen waren, sowjetische Bürger spazierten unbehelligt durch das unterirdische Königsberg, aus der Behörde von Lawrenti Pawlowitsch Berija eine Kommission mit weitreichenden Vollmachten nach Kaliningrad geschickt wurde. Die Kommission zog örtliche Wehrdienstleistende zu den Arbeiten heran, die die Tunnel unbekannter Bestimmung zumauerten und nur jene übrig ließen, deren Funktionen klar waren und die dem Betrieb der städtischen Versorgung dienten. Zur Bestätigung dieser Geschichte veröffentlichten örtliche Digger vor einigen Jahren sogar das Foto eines solchen zugemauerten Gangs mit einem Handabdruck im Zement und der Aufschrift „DMB 1953“. Übrigens fand auch die Kommission keine unterirdischen Fabriken.

Bekannt ist außerdem ein echter unterirdischer Gang. Er führte vom Eisenbahntunnel unter dem Siegesplatz zum Gebäude des Polizeipräsidiums (heute das Gebäude der FSB-Verwaltung).

Der Zweck dieses unterirdischen Gangs bestand darin, das Publikum, das mit den Zügen in die Badeorte fuhr, nicht durch die Überführung von Verhafteten ins Polizeipräsidium zu schockieren. Dazu hielt der Wagen mit den Häftlingen im Eisenbahntunnel, und die Wache brachte die Gefangenen durch den unterirdischen Gang an ihr Ziel. Heute wird dieser Gang nicht genutzt, und seine Eingänge sind zugemauert und verputzt.

Bau eines Luftschutzraums vor dem UniversitätsgebäudeBau eines Luftschutzraums in Form einer W-förmigen Galerie vor dem Universitätsgebäude.

Eine weitere Art unterirdischer Anlagen sind Luftschutzräume und Bunker. Die Luftschutzräume wurden in offener Bauweise errichtet, was man auf zahlreichen Fotos aus der Kriegszeit sehen kann. Meist waren es standardisierte W-förmige Galerien. Die Zahl der mehr oder weniger erhaltenen Luftschutzräume ist recht groß, doch keiner von ihnen hat Verbindungsgänge zu anderen unterirdischen Objekten. Bei den Bunkern ist die Lage etwas komplizierter, denn die meisten existieren nur in Zeugenaussagen über die Einlagerung irgendwelcher Wertsachen. Zeugen erzählten ausführlich, wie sie eine Treppe hinabstiegen, wie sie in Zwischengeschossen Betten, Lebensmittelvorräte, geheimnisvolle Kisten sahen. Doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wurden, obwohl die Zeugen bereit waren, die genaue Stelle des Bunkereingangs zu zeigen, keine unterirdischen Anlagen gefunden. Am häufigsten tauchen die hypothetischen Bunker in den Zeugenberichten im Bereich der Uliza Kopernika, der Uliza Wagnera und der Barnaulskaja-Straße auf, was vermuten lässt, dass es in diesem Stadtteil zumindest ein unterirdisches Objekt gibt; die Zeugen sind sich jedoch über seine genaue Lage uneinig, da sie sich bei ihrem Besuch in einem Stresszustand befanden. Jedenfalls ist das Gebiet zwischen der Uliza Kopernika und dem Leninski-Prospekt geologisch am günstigsten für den Bau unterirdischer Anlagen, und deshalb wird die Frage, ob es hier geheime unterirdische Räume gibt oder nicht, erst von künftigen Forschern endgültig zu klären sein.

Und noch etwas über unterirdische Gänge

Die wiederholten Kindheitserinnerungen aus den 1950er Jahren, wie Kinder aus einem Keller durch einen unterirdischen Durchgang in einen anderen gelangten und von dort in einen dritten, vierten, haben vermutlich ebenfalls zur Entstehung der Legende vom unterirdischen Königsberg beigetragen. Diese unterirdischen Gänge gab es tatsächlich; die Deutschen hatten sie während des Krieges gebaut, damit man aus dem Hauskeller herauskam, falls bei einem Bombenangriff die Eingänge verschüttet wurden. Allerdings ähnelten sie eher mit Holz und Erde abgedeckten Gräben und verbanden kaum mehr als zwei, drei Häuser miteinander, doch in der kindlichen Fantasie wurden sie zu kilometerlangen Tunneln mit Backsteindecken.

Andere Kinder der 50er Jahre erwähnten solche Gänge in den Kellern des Königsberger Schlosses. Nach Aussage von Augenzeugen verliefen die Gänge einige Meter oder einige Dutzend Meter weit und endeten an Verschüttungen.

Und auch diese Kindheitseindrücke haben möglicherweise einen realen Hintergrund. Es gibt Zeugnisse, dass kurz vor dem Sturm auf die Stadt im Schloss irgendwelche Erdarbeiten durchgeführt wurden und dass die unterirdischen Gänge aus den Kellern dazu bestimmt waren, irgendwelche Wertsachen oder Archive zu verbergen. Und wenn solche Gänge bis heute nicht entdeckt wurden, dann nur deshalb, weil die Suche nach ihnen planlos und unter Zeit- und Geldmangel erfolgte.

Fazit

Allein der Leser mag beurteilen, wie weit wir seit Nikolai Karamsin und seinem „Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht …“ in unserem Wissen über das unterirdische Königsberg vorangekommen sind. Ja, gestützt auf Logik, dokumentarische Belege und Analogien haben wir nur die fantastischsten der Legenden über die städtische Unterwelt widerlegt. Ebenso unzweifelhaft ist aber auch, dass nicht alles, was unter dem Kaliningrader Straßenpflaster geblieben ist, zuverlässig und gründlich erforscht ist. Der berühmte „Brjussow-Bunker“ in der Rosenstraße (heute der Hof des Hauses Uliza Wagnera 2–8) oder der „unterirdische Gang der Turlygina“ unter der Langen Reihe (Barnaulskaja-Straße) erscheinen heute als Mythos – doch auch Homers Troja war einst ein Mythos, an dessen Existenz so mancher Historiker gezweifelt hatte. Und man kann nur vermuten, was sich den Forschern eröffnen wird, denen es gelingt, diese Rätsel der Königsberger Unterwelt zu lösen.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.