Die Stadt, in der es ständig regnet
Natalja N., 28 Jahre, Mitarbeiterin einer Versicherung, 2014 aus Kirgisistan übergesiedelt:
„Im September 2014 habe ich mich mit meinem Mann und unseren zwei Kindern entschlossen, aus Kirgisistan nach Russland, nach Kaliningrad zu ziehen. Grund dafür waren der wachsende Nationalismus unter den Kirgisen, der wirtschaftliche Niedergang und die massenhafte Abwanderung der russischen Bevölkerung aus dem Land. Da in Kaliningrad Verwandte und viele Freunde von mir leben, habe ich beschlossen, das staatliche Umsiedlungsprogramm zu nutzen. Vor dem Umzug war ich kein einziges Mal in Kaliningrad gewesen, deshalb haben wir uns als Familie die Stadt nach den Erzählungen von Freunden und nach Fotos aus dem Internet ausgemalt. Als wir ankamen, fiel uns als Erstes die Fülle an Baudenkmälern auf. Und wir haben endlich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn es ständig regnet. Überrascht hat uns übrigens, dass man an den Fenstern der Erdgeschosse selten Gitter sieht und dass die Leute vor ihren Häusern in Eigenregie hübsche Blumenbeete anlegen.“
In der Stadt wie in der Natur
Karen G., 35 Jahre, leitender Ingenieur in der IT-Branche, im Januar 2015 aus Armenien (Jerewan) übergesiedelt:

„Ich wollte etwas in meinem Leben verändern, also habe ich beschlossen, es zu wagen und die Umgebung komplett zu wechseln – in ein anderes Land zu ziehen. Kaliningrad habe ich gewählt, weil hier meine Verwandten leben. Ich hatte es mir so vorgestellt wie mein heimatliches Jerewan. Doch bei der ersten Begegnung mit der Stadt dachte ich: ‚Wie viele Menschen hier sind – und wie wenig Bewegung!‘ Auch das Wetter war keine Freude: trüb, verrückt und unberechenbar. Begeistert hat mich dagegen das viele Grün: zahlreiche Gärten, Parks, Bäume – das ist wunderbar. Man kann sich wie in der freien Natur erholen und dabei mitten in der Stadt wohnen. Ich habe gehört, dass hier nach und nach abgeholzt wird, um Einkaufszentren zu bauen. In Jerewan gibt es dieses Problem auch. Und das ist traurig. Enttäuschend sind auch die schlechte medizinische Versorgung in Kaliningrad und der miserable Service, besonders am Flughafen. Ein Geschäft zu führen ist hier dagegen, wie sich herausgestellt hat, wesentlich einfacher als anderswo.“
Ich habe Freunde gefunden und halte sie in Ehren
Jelena K., 33 Jahre, Fotografin, im Dezember 2005 aus Iwanowo übergesiedelt:

„In Iwanowo lebte ich mit meinem Liebsten zusammen, aber es hat nicht geklappt. Und weil ich in jener Stadt keine Freunde hatte, beschloss ich, nach Kaliningrad zu ziehen, näher zu meiner Familie. Da ich spontan und ziemlich abenteuerlustig bin, habe ich mir keine Gedanken gemacht, in was für eine Stadt ich fahre und ob sie mir gefallen wird oder nicht – ich war einfach neugierig, sie zu sehen. Und sie hat mich verzaubert. Besonders begeistert hat mich die Architektur Kaliningrads. Und die Hausnummerierung hat mich überrascht: Jeder Hauseingang ist eine eigene Hausnummer. So europäisch! Also habe ich entschieden, dass dieser Ort sich durchaus zum dauerhaften Leben eignet. Die Menschen, denen ich begegnet bin und bis heute begegne, sind freundlich und wunderbar, ich habe viele gute Freunde gefunden, die mir sehr viel bedeuten. Meine Eltern ziehen jetzt nach Krasnodar und wollen mich mitnehmen, aber ich werde wohl kaum von hier weggehen – Kaliningrad ist meine Heimatstadt geworden.“
Ich habe verstanden, dass ich zu Hause bin
Sergej M., 35 Jahre, Künstler, 2010 aus Tscheljabinsk übergesiedelt:

„Ich wollte schon immer näher zu meinen Verwandten ziehen, die in Deutschland leben. Und Kaliningrad erwies sich als die optimale Lösung. Wie bei den meisten Übersiedlern begann meine Bekanntschaft mit der Region mit Fotos und Videos im Internet. In Kaliningrad muss man sich einfach verlieben: interessante Architektur, reiche Geschichte, gute Umwelt, mildes Klima und natürlich das Meer. Ich habe lange auf Kaliningrader Websites und Foren verbracht, mich viel mit Einheimischen ausgetauscht, Informationen gesammelt. So war ich zum Zeitpunkt des Umzugs ziemlich gut vorbereitet und erlebte keine großen Überraschungen. Doch wie gut man sich auch vorbereitet – um Überraschungen kommt man nicht herum. Mich haben zum Beispiel die hohen Preise verblüfft – für Lebensmittel, für Immobilien, für die Nebenkosten. Außerdem hatte ich das Gefühl, in die Vergangenheit geraten zu sein, etwa zehn Jahre zurück. Allerdings verschwand dieses Gefühl bald, denn Jahr für Jahr verändert sich die Region zum Besseren, und Kaliningrad wird immer mehr zu einer europäischen Stadt, gleichsam zu einem vertrauten Ausland.
Mit der Zeit habe ich viele Kaliningrader kennengelernt, und erstaunlicherweise waren die meisten von ihnen Zugezogene. Wahrscheinlich kann man nur in dieser Region Menschen aus allen Ecken der Sowjetunion treffen, und das hat seinen eigenen Reiz.
Man fragt mich oft, ob ich es nicht bereue, hierhergekommen zu sein, ob es mich nicht zurückzieht. Nein, kein bisschen! Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen, habe mehr als einmal den Wohnort gewechselt, aber erst als ich hierherkam, habe ich endlich verstanden, dass ich zu Hause bin.“
Diese Stadt hat alles noch vor sich
Jelena B., 24 Jahre, Buchhalterin, im September 2013 aus Kasachstan (Almaty) übergesiedelt:

„Als man in Almaty begann, alles auf die Staatssprache umzustellen, suchte ich nach einem Ort, an den ich ziehen könnte. Nach langem Überlegen fiel meine Wahl auf Kaliningrad. Warum? Erstens gibt es hier einen Zugang zum Meer – ein Pluspunkt; zweitens kann man das Umsiedlungsprogramm nutzen, das sowohl Geldleistungen als auch Erleichterungen bei den Behördengängen bietet.
Aber ich hatte hier weder Verwandte noch auch nur Bekannte – niemanden. Und ich habe die Stadt nicht aus den Erzählungen von Freunden kennengelernt, sondern einfach anhand von Fotos aus dem Internet. Natürlich hat sie mir gefallen. Ich erinnere mich bis heute an meinen ersten Eindruck: viel Grün und warmer, angenehmer Regen. Und die Pfützen waren so sauber, sie spiegelten den Himmel. Ich lief damals fröhlich durch sie hindurch und merkte gar nicht, dass meine Füße längst nass waren.
Die Stadt erschien mir im Vergleich zu Almaty still und ruhig, es gab nicht so viele Menschen. Und die Luft war im Vergleich zur Millionenstadt sehr sauber. Die Einwohner waren freundlich und hilfsbereit, sie zeigten mir gern den Weg, wenn ich mich in den Straßen verirrte, einmal hat man mich sogar bis zum Ziel begleitet, damit ich mich nicht verlaufe.
Was mir nicht gefallen hat, waren die Schwierigkeiten bei der Wohnungsmiete. Angebote gibt es, aber man muss die teuren Dienste von Maklern in Anspruch nehmen. Das ist nicht sehr bequem!
Mit der Zeit habe ich mich eingelebt. In Kaliningrad ist der Winter sehr mild, der Sommer aber kurz. Dafür kann man die Natur endlos und zu jeder Jahreszeit bewundern. Das Meer, die Wälder, die Felder, die Wolken am Himmel, die mit schwindelerregender Geschwindigkeit dahinziehen. Und das Wetter, das sich so schnell ändert – mal Sonne, mal ein Regenschauer – macht mir große Freude.
Ich bereue meinen Umzug nicht, mein Zuhause ist jetzt hier. Und mir scheint, dass diese Stadt noch alles vor sich hat: Sie entwickelt sich, und das ist das Wichtigste!“
Wir mussten uns anstellen, um uns für die elektronische Warteschlange anzumelden
Denis R., 34 Jahre, IT-Spezialist, im April 2011 aus Kasachstan übergesiedelt:

„Ich wollte immer in Russland leben – mich als einer von hier fühlen und nicht als ‚irgendein Russe in Kasachstan‘. Und obwohl wir als Familie sehr gut lebten, ließ mich der Gedanke an einen Umzug nicht los. Ich wollte in eine vergleichsweise kleine Stadt (ich war es leid, in einer Millionenstadt zu leben) mit angenehmem Klima, und als es an der Zeit war, sich zu entscheiden, fiel die Wahl auf Kaliningrad.
Die ersten Eindrücke von Kaliningrad – wie viele Slawen! Und die Leute, denen ich begegnete, waren freundlich (obwohl das vielleicht auch daran liegt, dass ich sehr kontaktfreudig bin). Für uns war es ungewohnt, dass die Gassen hier krumm sind, denn wir waren daran gewöhnt, dass alle Straßen parallel oder rechtwinklig zueinander verlaufen. Hier dagegen kann man in eine Straße hineinfahren, in einer zweiten landen und auf einer dritten wieder herauskommen.
Was mir nicht gefallen hat, ist die Bürokratie, an die wir uns bis heute nicht gewöhnen können. Überall wird ein riesiger Stapel Dokumente verlangt, überall Warteschlangen, einmal mussten wir uns sogar anstellen, um uns für die elektronische Warteschlange anzumelden.
Und bis heute gefällt mir das Verhältnis von Preisen und Löhnen nicht. Meine Frau und ich haben lange und hart gearbeitet, um unsere Familie wieder auf das Niveau zu bringen, das wir vor dem Umzug hatten. Doch trotz unserer recht stabilen finanziellen Lage können wir uns vieles nicht leisten. Kaliningrad und Almaty bei den Preisen zu vergleichen ist, als würde man Piter und Twer vergleichen.“
Ich bin schon „kaliningradisiert“
Olga, 22 Jahre, ausgebildete Journalistin, im August 2014 übergesiedelt:
„Vor dem Umzug stellte ich mir Kaliningrad als eine schöne Stadt vor, in der Menschen mit hochnäsigen Visagen leben. Vor ihnen hatte ich Angst. Die Einwohner erwiesen sich tatsächlich als ‚kühl‘, egoistisch, überheblich und mürrisch. In der ersten Zeit wollte mir gar nichts gelingen! Die Schönheit der Stadt löste nicht das Problem der Arbeitssuche, und die günstigen Preise und die Qualität der Lebensmittel konnten meinem wachsenden Pessimismus nichts entgegensetzen. Dabei sind genau diese beiden Gründe im Grunde die wichtigsten für die Abwanderung aus dem Fernen Osten. Nach einiger Zeit bin ich selbst sozusagen ‚kaliningradisiert‘ worden und den Einheimischen ähnlich geworden.“
Warum werden die Straßenbahngleise abgebaut?
Alexander K., 23 Jahre, Journalist, 2014 aus Wotkinsk übergesiedelt:
„Der Grund für meinen Umzug ist einfach: Solange man jung ist – handeln! Menschen wollen nun einmal mehr und bedauern, was nicht geschehen ist. Vor dem Umzug habe ich viele Reisesendungen über Kaliningrad und das Gebiet gesehen und mir die Stadt als Kurort mit einzigartigen Bauten und ungewöhnlicher Natur vorgestellt. Vor allem aber träumte ich davon, das Meer zu sehen und darin zu baden. Außerdem wollte ich Europa sehen, sozusagen in der Nachbarstraße. Als ich in Sowetsk am Ufer der Memel stand, ist mir das praktisch gelungen.
Die ersten zwei Monate habe ich Spaziergängen gewidmet, nicht nur durch Kaliningrad, sondern auch durch die kleinen Städte des Gebiets. Mir gefiel absolut alles, besonders die deutschen Viertel mit Wohnhäusern und andere Überbleibsel der Vergangenheit aus der Zeit vor der sowjetischen Bebauung.
Was die Menschen betrifft – sie sind hier alle völlig verschieden. Da die Menschen aus der ganzen Sowjetunion hierher übersiedelten, sind eine gemeinsame Kultur und Werte, die gerade für dieses Gebiet typisch wären, nicht geblieben. Natürlich gibt es eine Menge Bücher, Gegenstände und Relikte, aber wahre Erben und Anhänger jener Weltanschauung, mit der man hier noch vor 80–90 Jahren lebte, gibt es nicht mehr. Und ohne sie bleibt es nur eine Theorie vom Leben in Königsberg. Doch die Stadt ist bei Touristen aus aller Welt beliebt, deshalb hört man überall fremde Sprachen. Und wenn man Passanten um Hilfe bittet, lassen sie einen nicht im Stich.
Vor allem hat mich das Kaliningrader Wetter überrascht. Ich kam im August, und bis Ende September war es nicht einfach nur sonnig und warm, sondern sogar heiß, während das Thermometer im übrigen Russland nicht über 15 Grad stieg und es ziemlich kühl war. Dafür lief ich eine Woche vor Neujahr bei strömendem Regen durch die Stadt, und für mich war das ein Unding. Und überrascht hat mich auch, dass hier alle vom ‚Großen Russland‘ sprechen. Ich denke, die Leser verstehen, was gemeint ist.
Mit der Zeit zeigten sich allerdings auch die Nachteile dieser Stadt. Das Verkehrssystem ist schlicht unbrauchbar. Unablässiges Hupen und ewige Busstaus an den Haltestellen sind in Kaliningrad ein gewohntes Bild. Hinzu kommt die offensichtliche Absicht der Gebietsregierung, die Straßenbahnlinien der Stadt abzuschaffen – übrigens die ältesten in Russland –, und das lässt mir einfach keine Ruhe. Die Geschichte dieses Verkehrsmittels ist sehr reich, gerade in dieser Stadt, und es ist schade, dass ein solches Erbe niemanden interessiert.
Aber insgesamt bin ich mit der Stadt sehr zufrieden und bereue meinen Umzug kein bisschen. Und wenn meine Freunde jetzt in den Süden Russlands in den Urlaub fahren, ärgere ich mich oft, denn hier sind die Bedingungen für einen angenehmen Urlaub nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser.“
Winter ohne Schnee
Oxana G., 23 Jahre, Büromanagerin, im Sommer 2009 aus dem Autonomen Kreis der Chanten und Mansen übergesiedelt:

„Es gab mehrere Gründe, nach Kaliningrad zu ziehen: Erstens stellte sich heraus, dass ein Studium in dieser Stadt viel günstiger ist als im Chanten-Mansen-Kreis; zweitens lebt hier meine Tante; drittens bin ich als Kind oft mit meinen Eltern nach Kaliningrad gekommen und seitdem in diese Stadt verliebt.
Kaliningrad ist sehr grün, und das merkt man sofort, sobald man hierherkommt: Parks, Grünanlagen, Alleen – das alles ist sehr schön. Natürlich ist das Meer nicht so warm, wie man es sich wünschen würde, aber schon allein ein Spaziergang an der Uferpromenade, die Meeresluft und die Abwechslung sind ein riesiges Plus. Und die Atmosphäre dieses Fleckchens ist unbeschreiblich: Alles wirkt vertraut, warm und zugleich geheimnisvoll, erfüllt vom Geist vergangener Zeiten.
Ich habe lange gebraucht, um mich an den Verkehr zu gewöhnen, denn es war unklar, wie man die Ankunft des richtigen Busses berechnen soll: Mal kommt man zu früh und wartet, mal ist man eine Minute zu spät und der Bus ist weg. Gewöhnen musste ich mich auch an die vielen Menschen, denn ich hatte in einer Kleinstadt mit etwa 50 000 Einwohnern gelebt, nicht mehr. Und bis heute habe ich mich nicht daran gewöhnt, dass es hier keinen Schnee gibt. Wie kann ein Winter ohne Schnee sein?
Ich entdecke Kaliningrad bis heute für mich. Mir scheint, selbst wenn man von Geburt an hier lebt, kann man jedes Mal etwas Neues erfahren: Straßen, interessante Orte, nette und gemütliche Cafés. Wenn möglich, versuche ich auch, verschiedene Städtchen im Gebiet zu besuchen, auch sie sind ungewöhnlich und bewahren die Geheimnisse ihrer Geschichte. Ich bereue nicht, nach Kaliningrad gekommen zu sein, es ist eine wunderbare Stadt!“
Kaliningrad wirft sich nicht dem Erstbesten an den Hals, wedelt nicht mit dem Schwanz und bittet nicht darum, sein bester Freund zu werden. Es ist stolz auf seine Geschichte, seine Schönheit und Größe, und man muss zuerst Respekt vor ihm empfinden, den Herzschlag der Stadt hören und ihren Rhythmus erfassen, bevor man sie als vertraut empfindet. Kaliningrad ist wunderschön, das weiß ich genau. Wir vergessen es nur, wenn wir im täglichen Trubel versinken. Halten Sie inne, betrachten Sie Kaliningrad mit fremden Augen – und glauben Sie mir, die Stadt wird in neuen, leuchtenden Farben erstrahlen.
Die für die Veröffentlichung verwendeten Fotos stammen aus den Privatarchiven der Befragten.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

