LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
In Königsberg gibt es sehr viele ausgezeichnete Konditoreien. Man behauptet sogar, der Hofkonditor Pomatty, dessen Konditorei am Altstädtischen Markt (Alistadtscher Markt) liegt, sei der erste Meister im preußischen Staat und der berühmte Spagnapony in Berlin nur sein Schüler. Viele Königsberger Konditoreien haben eine wunderbare Lage. Aus den Fenstern des Hauses Pomatty (Pomatty) blickt man auf den Markt mit seinem Lärm und Treiben, aus den Fenstern der Konditorei Meyer (Meyer) auf den Exerzierplatz im Königsgarten. Aus den Fenstern der Konditorei Bertsch (Bertsch) sieht man die Schmiedebrücke (Schmiedebrücke) und einen der Arme des Pregels. Von der Konditorei Dölitscher (Dölitscher) aus hat man einen herrlichen Blick auf den Schlossteich und die Brücke darüber.
Die Konditorei Dölitscher bietet nicht nur große, helle Räume. Der Saal ist geschmackvoll mit erlesenen Blumen geschmückt, zudem kann man von hier in einen geräumigen Pavillon unter einem Zeltdach hinaustreten und den Garten, die weite Wasserfläche des Teiches und die gegenüberliegenden Ufer bewundern. Vom Pavillon kann man über eine Treppe in den Garten hinabsteigen, sich ans Teichufer setzen, die vorbeifahrenden Boote und die Bürger betrachten, die drüben am anderen Ufer durch den Garten spazieren, und so sitzen bleiben, den von dort herüberklingenden Stimmen und Musikklängen lauschend.
Die Konditorei Zappa (Zappa) versetzt uns in das belebteste Viertel der Stadt, wo die Häuser dumpf vom unablässigen Rattern der Kutschen erzittern und das Gedränge und Gewühl des städtischen Lebens kaum nach Mitternacht abebbt.

Doch das beste Lokal in Königsberg ist zweifellos die Konditorei Siegel (Siegel), mitten in der Französischen Straße gelegen.
Es liegt nicht so sehr an der hier herrschenden Behaglichkeit und der vorzüglichen Lage als vielmehr an der ungewöhnlichen Atmosphäre dieses Ortes. Ich spreche nicht von den ausgezeichneten Süßigkeiten und dem eleganten Interieur. In dieser Hinsicht stehen andere Konditoreien der Konditorei Siegel nicht nach, ja übertreffen sie sogar (etwa Dölitscher, Meyer, Janatzi).
Es liegt daran, dass die Konditorei Siegel in Königsberg zugleich ein Kaffeehaus ist. Sie ist für uns, was Stehely und Spagnapony für Berlin sind. Wenn man nicht bloß allen fünf Sinnen ein Vergnügen bereiten, nicht nur die Zeitungen lesen, sondern auch die neuesten Stadtneuigkeiten hören und anschließend bei einer Tasse duftenden Kaffees und Gebäck über alles Gelesene und Gehörte plaudern will, dann ist die Konditorei Siegel ohne Konkurrenz. Gewiss, sie ist nicht allzu groß, doch gerade die Enge fördert in hohem Maße den engen Umgang miteinander. Ich erinnere mich, dass die Ausmaße der Räume des Berliner Cafés Stehely, besonders das Hinterzimmer, zu dem man einige Stufen hinaufstieg, oft einen ziemlich trübseligen Eindruck auf mich machten, wenn an den kleinen Marmortischen die Gäste still ihren Kaffee tranken und Zeitung lasen und das Rascheln der Seiten in der klirrenden Stille wie ein kummervoller Seufzer klang.

Die vorderen Fenster der Konditorei Siegel gehen auf die Straße hinaus – alles, was dort geht, fährt, läuft und gleitet, ist für das Publikum von aufrichtigem Interesse.
Aus den Fenstern ihres Lesezimmers aber sieht man einen großen Garten, malerisch umgeben von den Rückwänden vornehmer Häuser. Sitzt man hier, in die Lektüre vertieft, wirkt ein solcher Anblick unendlich wohltuend auf die Seele. Im Frühling, wenn die Bäume grünen und die Blumen erblühen und der Rauch aus den Schornsteinen der Nachbarhäuser in hellblauen Säulen über dem frischen Grün aufsteigt, liest man am besten überhaupt nichts, sondern schaut nur, ruht sich aus und lauscht den fröhlichen Liedern, die die Arbeiter der nahe gelegenen Schubert’schen Hutfabrik singen.
Die einzigartige Atmosphäre der Konditorei Siegel entsteht jedoch durch ihre Gäste. Sie ist nur deshalb möglich, weil alle genau wissen, wer wann dorthin kommt und welche Gesellschaft man dort zu bestimmten Stunden antrifft. Je nach Jahres- und Tageszeit wechselt die Zusammensetzung dieser Gesellschaft stark. Im Sommer liegt der größte Andrang zwischen 11 Uhr vormittags und 16 Uhr nachmittags, im Winter bis 18 Uhr abends, wenn gewöhnlich die Konzert- und Theatervorstellungen beginnen. In diesen meistbesuchten Stunden lösen verschiedene Gästegruppen einander ab, und dennoch besteht zwischen ihnen eine gewisse stillschweigende Verbindung und eine bestimmte Zusammengehörigkeit.
Referendarien, Doktoren der Medizin, Lehrer verschiedener Lehranstalten, Studenten, Kaufleute, Justizkommissare, Rentiers, verabschiedete Militärs, Makler, Musiker, Offiziere, deren Interessen über die Leidenschaft für Hunde, Pferde und Damen hinausgehen, häufig in die Stadt kommende Gutsbesitzer, Beamte usw. bilden, wenn sie in die Konditorei Siegel kommen, eine Art verschworene Gemeinschaft und eine besondere, eigentümliche Form des Umgangs. Sehr viele der hiesigen Gäste, die die Lektüre von Zeitschriften und Zeitungen mit lebhaften Debatten verbinden, haben außerhalb der Konditorei nicht das Geringste miteinander zu tun, bleiben einander persönlich unbekannt und treten dennoch hier Tag für Tag in einen anregenden Austausch.

Die Kellner in den hiesigen Konditoreien sind in der Regel Männer.
Ich habe mich zuweilen gefragt, warum es in Königsberg so viele Konditoreien gibt und warum in ihnen so viel Gebäck, Eis und Schokolade verzehrt, so viel Kaffee, Tee, Grog, Punsch, Limonade, Likör usw. getrunken wird. Im Süden Deutschlands gibt es nichts dergleichen.
Als ich in Heidelberg studierte, war ich sehr verwundert, dass es in der Musenstadt überhaupt keine Konditoreien gab. Und als ich dann nach Magdeburg zurückkehrte, vermisste ich sehr die Weinstuben und das wunderbare Kaffeehaus Duprez (Duprez) an der Neckarbrücke.
In München ging ich gern ins Café Tambosi (Tambosi) unter den Arkaden des Hofgartens, doch sieht man von der Eigenart seiner Räume ab, kann selbst die kleinste Konditorei in Königsberg es in jeder Hinsicht mit dem berühmten Münchner Italiener aufnehmen. Es muss wohl am Klima liegen. Winterkälte, häufige Nebel und Regen laden zum Genuss von Tee, Grog und Punsch ein. Umgekehrt lässt die sengende Sonne an Limonade und Eis denken. Und da Sahne und Schmand zu den Hauptzutaten aller hiesigen Leckereien gehören, bereitet man daraus unzählige Speisen. Besonders erwähnenswert ist das sogenannte Baiser, das hier sehr beliebt ist und in gewaltigen Mengen verzehrt wird. Kurz, das Wetter in unseren Breiten ist äußerst wechselhaft, und deshalb braucht der Körper kleine Gaumenfreuden, um sich zu verwöhnen und ins Gleichgewicht zu bringen.

Die bloße Limonade, mit der sich ein Pariser im Theater in den Pausen erfrischt, genügt dem Königsberger nicht – er braucht etwas Handfesteres, etwa ein Stück Kuchen und einen Likör.
Ich erinnere mich bis heute sehr gut an meinen ersten Besuch im hiesigen Theater, als ich die örtlichen Kenner und Verehrer der Bühnenkunst zum ersten Mal mit eigenen Augen zu sehen bekam. Am dritten Oktober 1833 verbrachte ich meinen ersten Tag in Königsberg, und am Abend ging ich in die Oper. Gegeben wurde „Die Stumme von Portici“1.
Vor allem verblüffte mich, dass fast das gesamte Publikum Kopfbedeckungen trug. Das hatte allerdings seinen Grund: Im Saal war es kalt. Nur die Herren Offiziere, die fast den ganzen Tag Mützen oder Helme tragen müssen, waren barhäuptig. Ohne Kopfbedeckung waren auch die Herren mit Perücken. Die waren allerdings ohnehin hinreichend vor der Kälte geschützt. Die Vorstellung begann, und um mich herum raschelten die Papiertüten mit Süßigkeiten, Gebäck usw., die die Damen mit ihren Kavalieren hier und da auswickelten. Äpfel und Birnen kaute jedermann – vom Parkett bis zur Galerie. Die ostpreußischen und litauischen Physiognomien der Schauspieler, die neapolitanische Soldaten darstellten, machten einen seltsamen Eindruck. Im Stück gaben sie die fürstliche Leibgarde und waren deshalb mit Soldatensäbeln, die an den hundert Jahre zurückliegenden Siebenjährigen Krieg erinnerten, und mit Patronentaschen bewaffnet. Kurz, ich, aus unserem preußischen Norden in eine schöne neue Welt verschlagen, sah mir die Vorstellung nach dem zweiten Akt nicht weiter an und ging in die Theaterkonditorei. Dort traf ich dasselbe Publikum wieder.

Die blonden, blauäugigen und rotwangigen Königsberger vertilgten Grog, Punsch und Glühwein in kolossalen Mengen, und zwar in dem offenkundigen Bewusstsein, dass dieser Vorgang ein notwendiger, untrennbarer Bestandteil des Theaterbesuchs sei.
Allerdings beeinflussen nicht nur die Rauheit und Wechselhaftigkeit des hiesigen Klimas die Geschmacksvorlieben der Einheimischen, sondern auch das Fehlen der herrlichen Früchte, die die südliche Sonne hervorbringt. Zwar herrscht hier an Obst überhaupt kein Mangel, doch ist es holziger, wässriger, fleischiger, weniger süß als im Süden und keineswegs so vielfältig. Hier muss man auf frische Nüsse, geröstete Kastanien, Weintrauben und viele Apfel- und Birnensorten verzichten.
ANMERKUNG
1. „Die Stumme von Portici“ – Oper des französischen Komponisten Daniel Auber (1782–1871).

2023 wurde in Kaliningrad unter der Adresse Litowski Wal 21d ein Museum eröffnet, das den Restaurants, Cafés und Konditoreien Königsbergs und ganz Ostpreußens gewidmet ist. Das Museum ist täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Vorab kann man sich online mit dem Projekt vertraut machen: LINK.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

