/ Ragnit

Die fliegenden Toten

Die fliegenden Toten

Radio auf dem Friedhof

„Famose Erfindung! Jetzt ist es nicht mehr so langweilig ... tot zu sein.“


(Radio auf dem Friedhof

"Famose Erfindung! Jetzt ist es nicht mehr so langweilig. tot zu sein." — im Original deutsch)


Zeichnung von Thomas Theodor Heine für die Münchner Zeitschrift „Simplicissimus“, veröffentlicht 1924.

Quelle: simplicissimus.info.

In der Stadt Ragnit, dem heutigen Neman, gibt es zwei Kirchhöfe. Der eine gehört der deutschen Gemeinde, der andere der litauischen. Der erste liegt östlich, der andere südwestlich der Stadt. Sie liegen jedoch so, dass sich zwischen ihnen weder Häuser noch Gärten, weder Bäume noch Mauern, noch Zäune befinden.

Und es geschieht, besonders in stürmischen Nächten, dass die Toten beider Gemeinden, die zu Lebzeiten befreundet waren, einander besuchen und zu Hunderten, ja zu Tausenden von einem Kirchhof zum anderen hinüberfliegen. Sie fliegen niedrig, ganz knapp über dem Boden und schnurgerade, ohne irgendwohin abzubiegen.

Sie zu sehen ist nicht jedem gegeben, sondern nur denen, die in einer Sonntagsmitternacht geboren sind. Eben diese sehen einen grauen fließenden Streifen über dem Boden. Und nichts kann den Flug der Toten aufhalten.

Es begab sich, dass nach Ragnit ein Fremder aus fernen Landen kam und beschloss, für immer hierzubleiben.

Er baute ein solides, schönes Haus am südlichen Ende der Stadt, doch gleich in der ersten stürmischen Nacht stürzte dieses Haus ein, während einige alte, schon baufällige Häuser, die daneben standen, unversehrt blieben.

Der Hausherr beschloss, neu zu bauen, doch alles war vergebens – bald war von dem Haus wieder nur ein Haufen Steine übrig.

Da sagte ihm ein alter Mann, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag geboren war, sein Haus stehe genau auf dem Weg der Toten, die von einem Kirchhof zum anderen fliegen. Und er zeigte ihm eine nahe stehende Scheune mit schief zur Seite geneigtem Dachfirst. Die Spitze des Firstes lag nämlich auf der Flugbahn der Toten, und jedes Mal brach der First, und man musste ihn immer wieder neu herrichten. Da rückte der klug gewordene Pechvogel von einem Bauherrn sein Haus zur Seite, sicherheitshalber, weg vom Weg der fliegenden Toten, wo es gewiss bis heute steht, sofern es nicht mit der Zeit verfallen ist.

QUELLE

Иоганн Грессе, «Книга легенд прусского государства» (нем. Johann Georg Theodor Grässe, «Sagenbuch des Preussischen Staats»), Глогау, 1868.



● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Sagen und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.