An einem schönen sonnigen Maitag versammelten sich die Zunftmitglieder, Männer und Frauen, im Gemeindegarten des Kneiphofs (Kneiphof). Die Männer trugen weiße Jacken, auch die Frauen waren weiß gekleidet und hatten schwarze Bänder um den Kopf gebunden.
Aus dem Gemeindegarten zogen alle unter Musikklängen in folgender Ordnung hinaus: An der Spitze des Zuges gingen die Stadtmusikanten, ihnen folgte einer der Anführer des Umzugs – er hielt eine große Bierkelle in der Hand –, hinter ihm schritten paarweise alle Übrigen mit Rührhölzern in den Händen. In der Mitte des Zuges wurde die Zunftfahne aus weißem Taft mit goldgestickter Inschrift getragen:
Von Gott und unserem Herrn wird uns die Freude zum Geschenk gemacht 1.
Hinter der Fahne ging der zweite Anführer des Umzugs mit einer Bierkelle in den Händen, dann die Mälzer mit Rührhölzern, wobei jeder auf den Schultern einen mit Leinentüchern umwundenen Reifen von einem Bierfass trug. Danach kamen wieder Musikanten und hinter ihnen, am Ende des Zuges, die Frauen, angeführt von einem Mann in weißer Jacke.
Der Zug verließ den Kneiphof und ging durch die Altstadt (Altstadt) und den Löbenicht (Löbenicht), den Mühlenberg (Mühlenberg) hinauf, dann am Schloss vorbei über den Roßgarten (Roßgarten) nach Maraunenhof (Maraunenhof). Ziel war der Stadtwald des Löbenichts, wo mehr als dreißig Tische gedeckt waren, an denen allgemeine Fröhlichkeit und ein Festmahl mit reichlichem Trunk begannen. Satt und beschwipst tanzten die Teilnehmer des Festzugs die ganze Nacht hindurch.
Am nächsten Tag kehrte der Zug nach dem Mittagessen in die Stadt zurück: Die Frauen trugen auf ihren Schultern die Bierfassreifen, umwunden mit Grün und geschmückt mit gelben Wiesenblumen.
Zum letzten Mal fand der Festzug am 1. Mai 1667 statt.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNG DER ÜBERSETZERIN
1. Im Original:
Durch Gott und unsern Landesherrn
wird uns die Freud' vergönnet gern.
QUELLEN
Karl Faber. Die Haupt- und ResidenzStadt Königsberg. Das Merkwürdigste aus der Geschichte. 1840. Gräfe und Unzer.
Hartmut Schustereit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit: Eine Erzählung aus Altpreußen um Pfarrer Georg Weissel. 2015. Buchwerkstatt Berlin.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

