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Die garstige Dirne von Skirwitten, die Sonntagsschänderin, der Franzose und der Mönch

Die garstige Dirne von Skirwitten, die Sonntagsschänderin, der Franzose und der Mönch

Bartel und Gustebalde in Bartenstein (zwischen ihnen ein Taufbecken). Foto vom Anfang des 20. Jh.


©bildarchiv-ostpreussen.de

Beim letzten Mal haben wir die prußischen Steinbildwerke kennengelernt, die seit alters „Baben“ genannt werden. Diesmal erzähle ich Ihnen, was die Bewohner Preußens im 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts über die steinernen Götzenbilder dachten. Und davon, wie ursprüngliche, scheinbar grundlegende Bedeutungen schon nach wenigen Jahrhunderten verzerrt werden.

Ich beginne mit einer Theorie, die im vorigen Text nicht erwähnt wurde: Ihr zufolge wurden die betrachteten Steinskulpturen erst in der Ordenszeit von Kolonisten geschaffen, die auf diese Weise die Prußen darstellten. Diese wurden als nahe „Andere“ wahrgenommen – als kriegerische, bewaffnete, bärtige Menschen mit Rhyta (Hörnern für Trankopfer) und anderen seltsamen Dingen. Darüber schrieb einmal schon der polnische Erforscher der prußischen Bildwerke Jerzy Łapo. Zum großen Bedauern der Anhänger dieser Theorie entspricht sie kaum der Wirklichkeit, denn Formgebung und Bedeutungsgehalt der authentischsten Darstellungen finden keine direkten Entsprechungen in der Volkskunst Nordeuropas der zweiten Hälfte des 13. und des 14. Jahrhunderts (abgesehen allenfalls von den früheren westslawischen „Idolen“). Auch sind solche Bildwerke weder aus den Gebieten anderer Westbalten (Kuren, Schalauer), die von deutschen Orden erobert wurden, bekannt noch aus Livland, wo es weit mehr Stein für solche Skulpturen gibt.

Dabei kann man sich am Beispiel von Volkssagen und anderen schriftlichen Erwähnungen, die hauptsächlich im 19. Jahrhundert festgehalten wurden, davon überzeugen, dass die Wahrnehmung der prußischen Steinskulpturen durch die Kolonisten nicht einfach seltsam oder verzerrt war, sondern durchaus den Realitäten des Alltags entsprach, der die Augenzeugen umgab.

Das wichtigste und deutlichste Bild, das sich dem Bewusstsein des einfachen Menschen des Spätmittelalters und der Neuzeit beim Anblick der prußischen „Baben“ aufdrängte, war das des „versteinerten Menschen“. Gewöhnlich wird die Figur der Sage wegen irgendwelcher Sünden oder Vergehen zu Stein. Eine Reihe der im Folgenden angeführten Texte von Legenden und Sagen über die „Baben“ ist in der neuen Ausgabe „Überlieferungen, Mythen und Legenden des alten Preußen“* veröffentlicht.

Zuerst erzähle ich die Sage über eines der eindrucksvollsten Bildwerke der Prußen aus Mózgowo-Łaseczno (Kreis Iława, Polen). Es ist 1,43 m hoch. Es stellt einen Mann in einem „Kittel“ dar, gegürtet mit einem Gürtel samt Schwert, mit kleinem Bart, der in der rechten Hand ein Trinkhorn hält und in der linken einen seltsamen Gegenstand, der zugleich dem Griff eines „Dolches“ ähnelt und ein wenig der „Kriwule“ – dem Machtsymbol der prußischen Priester, das später auf die Dorfschulzen Ostpreußens überging. Heute steht die Statue an den Mauern des Archäologischen Museums in Gdańsk.

Steinerne „Babe“ aus Mózgowo-Łaseczno


Steinerne „Babe“ aus Mózgowo-Łaseczno.

Foto aus dem Archiv von Herbert Jankuhn, Schleswig.

Der „Gotteslästerer“ von Mózgowo

„Einst stand an der Grenze der Dörfer Mózgowo und Łaseczno eine steinerne Figur, deren Höhe und ausdrucksvolle menschliche Umrisse seit Langem das Interesse der Einheimischen weckten. Sie nannten diese Figur den „Gotteslästerer“, weil, wie überall erzählt wurde, in Mózgowo einst ein reicher Mann lebte, Besitzer von drei Vorwerken [Gutshöfen, – Anm. d. Autors]. Ihn ärgerten die Regenfälle sehr, die während der Ernte unaufhörlich niedergingen, ihn daran hinderten, das Korn von den Feldern einzubringen, und so seinen Gewinn schmälerten. Er verfluchte Gott, der seiner Meinung nach an alldem schuld war. Eines Tages riss dieser Gottlose einen geladenen Revolver heraus [der Gegenstand in der linken Hand der Skulptur?, – Anm. d. Autors], lief aufs Feld und schoss dreimal mit der Pistole in den wolkenverhangenen Regenhimmel – als wollte er mit den Kugeln den Allmächtigen treffen. Im selben Augenblick brach über dem Dorf ein furchtbares Gewitter los. Aus den dunklen Wolken zuckten immer wieder Blitze, unaufhörlich war schreckliches Donnergrollen zu hören, und der Platzregen durchnässte das ganze in Garben gebundene und auf dem Feld aufgestellte Korn. Als das Gewitter endlich verstummt war und der Himmel sich beruhigt hatte, stand der reiche Mann noch immer auf dem Feld. Er stand dort in der Haltung, in der er geschossen hatte, den Revolver in der Hand, doch er war versteinert und blinzelte nur noch mit seinen vor Wut glühenden, gläsernen Augen. An der Stelle, wo die aus der Pistole abgefeuerten Kugeln eingeschlagen waren, sah man schwarze Flecken. Die Dorfbewohner schrieben einen Brief an den Kaiser mit der ehrerbietigen Frage, was sie mit dem auf dem Feld stehenden versteinerten Menschen tun könnten. Der Kaiser antwortete, man solle ihn begraben. Es zeigte sich jedoch, dass dies unmöglich war. Vergeblich versuchte man, die steinerne Figur mit sechs vorgespannten Pferden fortzubewegen. Man konnte ihn nicht einmal von der Stelle rücken, so tief war er in die Erde eingesunken. Man meldete dies dem Kaiser und bat darum, die Figur mit einem eisernen Gitter einzufrieden, damit die versteinerte Gestalt wie ein gewöhnliches Denkmal aussähe.

Wenn dieser Mensch Gott gelästert hat, so soll er nicht begraben werden; wenn das das Ende seines Lebens war, so soll er auch auf freiem Feld stehen, damit alle ihn sehen können.

Die Leute kamen aus der ganzen Umgebung, um den versteinerten Menschen zu sehen, denn viele Jahre stand er dort den Nachkommen zur Warnung. Einmal wollte man die Statue zum Bau einer Stallmauer verwenden und schleppte sie mit großer Mühe auf den Hof eines großen Gutes. Doch am nächsten Tag war die Figur nicht mehr dort, sie war wieder aufs Feld zurückgekehrt. Noch viele Male versuchte man, den steinernen Mann fortzuschaffen, doch jedes Mal kehrte er an seinen Platz zurück. Da beschloss man, ihn in Ruhe zu lassen.“

In der Sage über die „Babe“ aus Mózgowo verbinden sich mehrere archaische Motive:

1. Die Verfolgung eines Feindes (gewöhnlich eines chthonischen, hier eines Gotteskämpfers) durch den Donnergott Perkunas;

2. Die Verwandlung des „Ungläubigen“ in Stein (man denke an die alttestamentliche Geschichte von Lots Frau, die zur Salzsäule wurde).

Interessant ist auch die Lage des Steins in der Beschreibung der Sage – auf dem Feld, also möglicherweise an einer Gemarkungsgrenze, was auf den ursprünglichen Standort der Statue oder auf ihre spätere Verwendung als Grenzstein hindeuten kann.

„Versteinerte Mädchen“

Dabei versteinern in den Sagen über prußische „Baben“ meist nicht Männer, sondern Mädchen, was wohl mit der hierarchisch niedrigeren Stellung der Frau in der patriarchalischen christlichen Gesellschaft zusammenhängt. So wurde im ersten Beitrag die sogenannte „Garstige Dirne von Skirwitten“ erwähnt – die einzige sicher belegte steinerne „Babe“, die auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad gefunden wurde. Bis 1891 stand sie auf dem Feld an der Grenze der Dörfer Husehnen-Rossiten-Wackern (etwa zwischen den Orten Pogranitschnoje und Dolgorukowo im Rajon Bagrationowsk). Der Volkssage nach „verwandelte sich in diesen Stein ein Mädchen, das von seiner Mutter wegen Faulheit verflucht worden war“, vielleicht auch wegen anderer Vergehen.



Die garstige Dirne von Skirwitten


Die „Garstige Dirne von Skirwitten“ auf dem Feld zwischen drei Dörfern, vor dem Abtransport ins Prussia-Museum.

Foto von Adalbert Bezzenberger, 1891.



Das Bild der Tochter, die durch den Fluch der Mutter zu Stein wurde, ist in Ostpreußen recht verbreitet. Hier noch einige Beispiele. R. Reusch berichtet in einer der Sagen von einem Stein aus Woidehnen (heute Ort Listowoje im Rajon Selenogradsk) im Samland, der in seiner Form an eine gebückte Frau erinnerte. Auf einer Seite hielt sie ein Schlüsselbund, und am Bauch ein Bündel Flachs. Und das erzählt die Sage über den Stein: „Während alle Bauern am Sonntag in die Kirche gingen, ging eine Frau aufs Feld zur Arbeit, ein Schlüsselbund am Gürtel und ein Büschel Flachs um die Hüften gewickelt. Und so arbeitete sie mit gebeugtem Rücken an der Straße. Die vorübergehenden Dorfleute verfluchten die Frau mit folgenden Worten: ‚So krumm sollst du zu Stein werden!‘ Und der Fluch erfüllte sich.“ Die Schwere des Fluchs bestätigt der volkstümliche (?) Name des Bildwerks „Sonntagsschänderin“. Zum letzten Mal erwähnt K. Becker den Stein in seinem Buch von 1893, sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Ähnliche Geschichten gibt es auch über andere nicht erhaltene prußische Steinskulpturen. So bringt man die Entstehung der „Babe“ aus Lubawa (Kreis Iława, Polen) mit einer Sage in Verbindung, nach der „eine Mutter ihre Tochter verfluchte, weil diese lange nicht aus der Stadt zurückkehrte. Die Leute sagen, sie hätten gesehen, wie dem Stein Tränen aus den Augen flossen“. Die Geschichte vom Fluch der Mutter verbindet auch zwei andere menschengestaltige Bildwerke aus dem Gebiet des „polnischen“ Preußen. Ein Stein aus Targowo (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen) war als „Böses Mädchen“ bekannt.

Man glaubt, die Mutter habe ihre Tochter verflucht, weil diese am Sonntag, statt in die Kirche zu gehen, in den Wald zum Beerensammeln gegangen war…

Wolfgang La Baume bringt diesen Stein mit einem nahe gelegenen Bildwerk aus Rańsk (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen) in Verbindung, das die Einheimischen einfach „Steinerne Frau“ nannten und das ein ähnliches Schicksal hatte. „Versteinerte Mädchen“, die von ihren Müttern wegen Faulheit, Gottlosigkeit oder Unehre verflucht wurden, werden auch bei Śliwa (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen) und Sudwa (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen) erwähnt. Das letztere nannten die Einheimischen die „Versteinerte Wasserträgerin“. „Denn die Unglückliche, die von der Mutter zum städtischen Brunnen geschickt worden war, um Wasser zu holen, konnte auf dem Rückweg nicht widerstehen und ging zum Tanz. Die Mutter wartete und wartete auf ihre junge Tochter und sprach, als sie sie nicht kommen sah, im Zorn: ‚Soll sie doch zu Stein werden!‘“.

Und natürlich das bekannteste prußische Bildwerk, das dem Bild des „versteinerten Mädchens“ zugerechnet wird und das der Volksmund mit niemand anderem verbindet als mit der mythischen prußischen Prinzessin Guste Balde (Guste Balde/Gustabalda), die durch Friedrich von Anhalt 1769 kurzerhand zur Tochter des prußischen Königs Widewuto erklärt wurde. Seit 1715 befand sich diese Skulptur in einer der Kirchen von Bartenstein (heute Bartoszyce, Polen), zusammen mit dem Bartel, von dem weiter unten die Rede ist, und war gleichsam „heiliggesprochen“. Das erzählt die örtliche Sage über sie:

„Es gibt in Bartenstein einen großen menschenähnlichen Stein, der früher in der Johanniskirche stand, dann auf dem Marktplatz der Stadt und dann in den Schulgarten gebracht wurde. Man sagt, in ihn habe sich ein Mädchen namens Guste Balde verwandelt. Einmal klagte sie auf dem Weg zur Messe der Mutter in einem fort über ihr Kleid, das nicht so prächtig war wie das der anderen. Darüber erzürnte die Mutter und sprach im Zorn: ‚Werd doch zu Stein, du Schamlose!‘ Und sogleich erfüllte sich dieser Fluch.“

Wie der polnische Erforscher der mythologischen Steine der Prußen Seweryn Szczepański bemerkte: „Der elterliche Fluch muss in der traditionellen Gesellschaft eine besondere magische Kraft gehabt haben.“ Gerade deshalb findet das Phänomen der steinernen „Baben“ der Prußen im Volksbewusstsein der vorindustriellen Epoche so oft eine solche ätiologische Erklärung.


Die versteinerte „Prinzessin“ Gustebalde in Bartenstein-Bartoszyce


Die versteinerte „Prinzessin“ Guste Balde, Bartenstein (Bartoszyce).

Fotos aus den 1920er-Jahren und von 2006.


Der „verzauberte Soldat“

Manchmal verband man mit dem Bild des versteinerten Menschen auch nicht ganz menschengestaltige Steine. Zum Beispiel einen großen rechteckigen Granitfindling aus Śliwa (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen), der die einen an einen toten Menschen erinnerte, andere an einen Sarg und wieder andere an ein „steinernes Mütterchen“ oder gar an ein „versteinertes Mädchen“. Am bekanntesten aber wurde er als „Verzauberter Soldat“. Das erzählt die Sage über ihn:

„An der Grenze der Dörfer Śliwa und Boreczno (Schliewe, Schnellwalde) stand vor ein paar Jahren ein riesengroßer Stein. Er war so groß, dass selbst ein stattlicher Mann nicht halb so groß war wie er. Es war ein verzauberter, in den Stein gebannter Soldat. Im oberen Teil des Steins waren die Umrisse seines Gesichts deutlich zu sehen. Wer kann schon wissen, wer ihn in Stein verwandelt hat? In früheren Zeiten geschah so etwas öfter. Der Soldat trug einen Helm auf dem Kopf und hielt in den Händen ein Kartenspiel. Viele Leute sahen, wie der Soldat aus dem Stein hervortrat und um ihn herumstreifte. Wollte man ihn sich aber aus der Nähe ansehen, verschwand der Soldat, und die Neugierigen konnten nur noch sein Gesicht auf dem Stein sehen. Sonst nichts. Schließlich beschloss man, diesen Stein zu zerstören. Mit großem Eifer arbeiteten die Arbeiter, um ihn zu zertrümmern. Doch sie konnten ihn nicht bezwingen. Siebenmal versuchte man es vergeblich. Schließlich kam eine Frau, machte sich an die Arbeit, und gleich beim ersten Mal gelang es ihr, ihn zu zerschlagen. Danach wurden die Stücke des Steins in die Mauer eines Hauses in Śliwa eingemauert.“

Von den in Kirchenmauern eingemauerten baltischen und slawischen „Idolen“ war im ersten Artikel die Rede; jetzt betrachten wir andere Funktionen und Bilder, die das Volksbewusstsein den prußischen steinernen „Baben“ zuschrieb.

Der „Bartel“

Eine der bekanntesten prußischen Skulpturen ist der sogenannte „Bartel“, der einen bärtigen Mann mit spitzem Helm darstellt, der ein Rhyton in der rechten Hand an der Brust hält. Der „Bartel“ wird als erste der steinernen „Baben“ der Prußen in schriftlichen Quellen erwähnt (1706). Zunächst stand er am Alten Königstor von Bartenstein (heute Bartoszyce, Polen), diente zum Anbinden von Pferden und galt zudem als eine Art Fetisch, der Glück brachte. 1769 wurde die Skulptur auf Betreiben des hier bereits erwähnten Friedrich von Anhalt auf den Platz am Rathaus versetzt, außerdem mit einem vergoldeten Kopfputz „geschmückt“, der einer Bischofsmitra ähnelte, und mit Inschriften in altgriechischer und hebräischer Sprache versehen, die besagten, dies sei die Statue des Schutzpatrons von Bartenstein – des heiligen Bartholomäus. 1818 wurde die Statue auf den Platz bei der Schule versetzt, danach geriet sie auf den jüdischen Friedhof, und dann – 1902 – brachte man den „Bartel“ zusammen mit der oben erwähnten „Guste Balde“ vor die Stadt und stellte sie an der Kreuzung zweier Straßen auf, wo sie bis heute stehen. Und das erzählt die Sage über ihn:

„Bei der Stadt Bartenstein liegt auf einem Hügel am Ufer der Alle zwischen Burgruinen ein großer Stein, der in seiner Form einem Menschen ähnelt. Man sagt, der Herrscher dieses Landes selbst – Barto – habe sich einst bei Sonnenuntergang, als die Feinde kamen und seine Burg in den Fluss stürzte, in Stein verwandelt. Und bis heute nennen die Leute diesen Stein ‚Bartel‘. Man erzählt auch von Schätzen, die in diesem Berg verborgen sind, und von einem geheimen Gang, der von der benachbarten Kirche dorthin führt.“

Hier haben wir es nicht mehr mit einer „schuldig gewordenen“ Tochter oder einem „Sünder“ zu tun, sondern mit einem Helden – dem mythologischen Herrn von Barten, Barto-Bartel, der zu Stein wurde.


Der „Bartel“ auf einer Zeichnung des 19. Jh. und auf einem Foto von Carl Engel aus den 1930er-Jahren


Der „Bartel“ auf einer Zeichnung des 19. Jh. und auf einem Foto von Carl Engel aus den 1930er-Jahren


Potrimpus, der Mönch und der Franzose

Es gibt auch andere Beispiele für eine respektvolle Haltung gegenüber den prußischen Skulpturen. So nannten die Einheimischen die heute verschollene „Babe“ aus Christburg (heute Dzierzgoń, Polen) „Potrimpus“ – nach dem prußischen Gott der Jugend, der Ernte, der Flüsse und Quellen. Andere wiederum nannte man „Mönche“, wie etwa die menschengestaltige Skulptur aus Susz-Nipkowo in Pomesanien (Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen), die einen bärtigen Krieger mit großem rundem Kopf, einem Rhyton in der rechten Hand und umgegürtetem Schwert darstellt und im Volk als Mönch bekannt ist. Nach Ansicht von Seweryn Szczepański könnten die Form der Skulptur selbst, die an einen Mönch in einer Kutte erinnert, und vielleicht die auf der Brust gefalteten Hände des Bildwerks die Volkswahrnehmung gelenkt haben.


Der „Mönch“ aus Susz-Nipkowo


Der „Mönch“ aus Susz-Nipkowo.

Foto des Autors, 2007.


Interessanterweise war in der Umgebung von Susz (Kreis Iława, Polen) eine weitere prußische „Babe“ bekannt, die „Nonne“ genannt wurde – offenbar als Gegenstück zum „Mönch“ aus Susz-Nipkowo. Das Schicksal dieser Skulptur ist unbekannt. In einer der Quellen wird auch eine kleine prußische Skulptur mit Schwert und Rhyton aus Gałdowo-Jędrychowo (Kreis Iława, Polen) „Mönch“ genannt. In diesem Fall ist kein negativer Kontext in der Wahrnehmung der einer anderen Kultur zugehörigen Denkmäler durch die einheimische Bevölkerung zu beobachten, sondern eher eine ehrerbietige Haltung ihnen gegenüber. Beide „Mönche“ stehen heute beim Archäologischen Museum in Gdańsk, zusammen mit dem „Gotteslästerer“ aus Mózgowo.


Der „Mönch“ aus Gałdowo-Jędrychowo


Der „Mönch“ aus Gałdowo-Jędrychowo.

Foto des Autors, 2007.


Es gibt noch eine weitere Schicht von Sagen über prußische steinerne „Baben“, die mit konkreten historischen Ereignissen der Neuzeit verbunden ist. So heißt es etwa über das Schicksal der Skulptur aus Jelitken in Masuren, die in den 1840er-Jahren ausgegraben und 1877 an das Prussia-Museum in Königsberg übergeben wurde (heute in der Ausstellung des Kaliningrader Museums für Geschichte und Kunst):

„1656 versteckte einer der Dorfbewohner aus Furcht vor einem Tatareneinfall die Statue zusammen mit Geld. Viele Jahre wird diese Geschichte von Mund zu Mund weitergegeben, doch den Schatz hat niemand gefunden.“


Bildwerk aus Jelitken im Prussia-Museum


Bildwerk aus Jelitken im Prussia-Museum.

Foto von Adalbert Bezzenberger, 1891.


Eine andere Steinskulptur aus Weissuhnen in Masuren, diesmal zweifelhafter Herkunft, nannte man den „Franzosen“, da man annimmt, dass diese 1,4 m hohe und 0,3 m breite Statue von einem Einheimischen zur Erinnerung an den Aufenthalt der Truppen Napoleons hier gehauen wurde. Vielleicht ist es so, wie man aus der Form der Kopfbedeckung der Skulptur schließen kann, vielleicht aber wurde für die Anfertigung des neuen „Denkmals“ eine ältere „Babe“ verwendet, wie es in der Geschichte schon vorgekommen ist.


Der „Franzose“ aus Weissuhnen


Der „Franzose“ aus Weissuhnen.

Foto R. Dethlefsen, Archiv des Provinzialkonservators Ostpreußen (Olsztyn).


So vermitteln die Sagen und einfachen mündlichen Überlieferungen einer vergehenden Epoche völlig neue Deutungen der einst prußischen Wirklichkeit in der Landschaft. Skulpturen mutmaßlicher Götter, Ahnen, Anführer oder Helden werden im Volksbewusstsein bestenfalls zu „Potrimpussen“ oder „Mönchen“ oder auf neue Weise mythologisiert wie der „Bartel“ und die „Guste Balde“, vor allem aber projizieren sie die Angst vor dem Unverständlichen in Gestalt von Vorstellungen über Menschen, die wegen Sünden oder der Missachtung allgemein anerkannter Dogmen in Stein verwandelt wurden. Die Zeit trägt uns wie Stille Post Bruchstücke von Worten und Stimmen zu, die oft weder richtig zu verstehen noch zu einzelnen kulturellen Texten zu verbinden sind. Deshalb bleibt das Phänomen der prußischen steinernen „Baben“ auch für uns heute ein Rätsel.

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* Die Ausgabe „Überlieferungen, Mythen und Legenden des alten Preußen“ wurde unter Mitwirkung des Autors zusammen mit Kaliningrader, polnischen und litauischen Kollegen im Rahmen des Projekts „Kreuzungen 2.0“ vorbereitet. Sie enthält hauptsächlich Übersetzungen von Sagen aus den bekannten Sammlungen von R. Reusch, W. Tettau und J. Temme, E. Pohl sowie aus weniger bekannten Ausgaben wie „Sagen und Überlieferungen des Kreises Rosenberg“ von G. Templin oder „Volksüberlieferungen Ostpreußens“ von E. Lemke, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.