/ Kurische Nehrung

August Grube. Die Kurische Nehrung

August Grube. Die Kurische Nehrung

Dieser Text über die Kurische Nehrung ist ein Auszug aus den Reiseaufzeichnungen des deutschen Schriftstellers August Wilhelm Grube (1816–1884), die er auf seinen Reisen in den Jahren 1850–1880 machte. Der Autor hat uns einen großen Dienst erwiesen, indem er eine Fülle höchst interessanter Einzelheiten und Details festhielt.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

 

Wir nehmen den Wanderstab zur Hand und brechen von Cranz1 auf zu einem der recht menschenleeren, zugleich aber interessantesten Orte unseres Vaterlandes – zur Kurischen Nehrung, die sich 96 km weit zwischen Cranz und Süderspitze unweit von Memel2 erstreckt. Wir gehen auf der ehemaligen Personen- und Poststraße, die über die Nehrung Preußen mit Kurland verband. Heute zeigen nur noch einzelne, hier und da erhaltene Weiden ihren Verlauf an. Diese alte Poststraße kennt solche Begriffe wie Chaussee, Kopfsteinpflaster, befestigte Decke usw. nicht. Einst drangen über diesen schmalen Sandstreifen litauische Scharen in die Länder des Deutschen Ordens ein. Doch die deutschen Ritter versperrten ihnen den Weg, indem sie auf der Nehrung die Burg Rossitten3 erbauten. Und gleich nachdem die Kriegszüge aufgehört hatten, siedelten Letten4 auf die Nehrung über und nahmen so den entlegensten Teil deutschen Landes in Besitz.


Inneres eines kurischen FischerhausesInneres eines Hauses eines kurischen Fischers.

Eine Urkunde von 1258 gibt uns Auskunft über die Herkunft des Namens Nerung – „Nehrung“. Darin werden Neria / Nerung sowie Nestland erwähnt. Zweifellos sind hier die Kurische Nehrung und die Frische Nehrung gemeint.

FlundernBewohner des Fischerdorfes Sarkau legen (trocknen) Flundern für den Winter ein.


Was mit „Nestland“ gemeint ist, bleibt unklar5. Übrigens wurde, um die Frische und die Kurische Nehrung voneinander zu unterscheiden, dem Urkundentext die Bestimmung curisch hinzugefügt, da die Kurische Nehrung mit ihrer Spitze in Richtung Kurland weist. In alter Zeit nannte man sie auch Neria versus Memlam („Neria gegenüber Memla“, d. h. Memel), Memeler Nehrung, Preußischer Strand oder einfach Strand – Namen, die in der Umgangssprache der einheimischen Deutschen bis heute gebräuchlich sind.

Etwa zwei Kilometer von Cranz entfernt bemerkt man eine kaum merkliche Bodensenke und danach eine leichte Erhebung. Hier liegen die Sandmassen auf sumpfigem Grund. Diese Stelle verweist uns auf eine alte Vertiefung, einen ehemaligen Durchlass, der das Meer mit dem Kurischen Haff verband. Heute kennt man fünf oder sechs solcher Stellen, sodass die Kurische Nehrung einst wohl eine Reihe kleiner Inseln gewesen sein muss, die durch schlammige Strecken miteinander verbunden waren.

Anderthalb Meilen von Cranz entfernt treffen wir auf das erste Dorf. Es ist Sarkau6, das vom Haff aus auf einer Sandebene zu liegen scheint; geht man jedoch zu Fuß hindurch, sieht man an seinem Rand prächtige grüne Anpflanzungen, die sogenannte Plantage. Sie ziehen sich weit nach Norden. Fünf Kilometer vom Dorf Sarkau, bei dem die Nehrung ihre geringste Breite (0,5 km) hat, ändert sich der Charakter der Landschaft: Hier beginnt die Hauptdünenkette – weiße, majestätische Sandberge von 30 bis 60 m Höhe, die sich fast bis zum entgegengesetzten Ende der Halbinsel hinziehen, die die Nehrung formal ist.

Ein Querschnitt der Hauptdüne zeigt eine sehr allmähliche Neigung (5 bis 10°) auf der Westseite und einen steilen Abfall zur Ostseite, der Haffseite. Daher ist offensichtlich, dass auf der dem Meer zugewandten Seite mehr freier Raum ist.

Auf der Seeseite, gleich hinter dem Strand, der hier als Weg dient, zieht sich über die ganze Länge der Nehrung die von Menschen geschaffene Vordüne, die die Nehrung vor den Winterstürmen schützt. Hier wehen fast regelmäßig Westwinde, und das Meer spült das ganze Jahr über Sandschichten an das Ufer, die, wenn sie trocknen, wie Nebel nach Osten fortgetragen werden. Dieser Sand hat die frühere Walddecke vollständig vernichtet, wovon die in den Sandmassen begrabene Humusschicht anschaulich zeugt. In dem Maße, wie dieser alte Wald verschwand, wurde der Sand immer flüchtiger und verschüttete regelmäßig immer entferntere Flächen7.


Befestigung der VordüneBefestigung der Vordüne am Meeresufer.

So begann die Wanderung der Dünen. Der Sand von der Küste und den Dünen wird, vom Wind getrieben, die Hänge der Hügel hinaufgetragen. Die schwereren Sandkörner langsamer, die leichteren schneller. Oft fliegt der Sand dabei weit ins Kurische Haff hinaus und rieselt von den Dünenhängen, an denen er sich ansammelt, in dessen Wasser. Vom Kurischen Haff aus gesehen erinnert dieser Vorgang an Morgennebel im Wald. In diesem Fall hat der vermeintliche „Nebel“ jedoch stets klare Umrisse, und die Umrisse der Dünen sind, wenn auch verschwommen, so doch erkennbar.

Fischerhaus in PerwelkEine Fischerhütte am Fuß der Düne in Perwelk erwartet ihr trauriges Schicksal ...


Wenn man über eine solche Wanderdüne geht (was bei starkem Wind gar nicht so einfach ist, denn man muss sich erheblich anstrengen, um sich auf den Beinen zu halten, und der fliegende Sand sticht unangenehm in Gesicht und Hände), sieht man deutlich, dass der Boden unter den Füßen in Bewegung ist: Der feine Sand wirbelt, der grobe Sand rollt gleichsam bergauf, wobei die langsame Bewegung des letzteren in langgezogenen Wellenlinien verläuft, weil die feineren Anteile aus ihm herausgeblasen werden. Setzt man sich dann hinter dem Kamm des Hügels nieder, um auszuruhen, bemerkt man bald, dass man kräftig mit Sand zugeschüttet wird, und wundert sich über die Geschwindigkeit, mit der das geschieht. Wälder und Dörfer vermögen diese Wanderung zeitweilig aufzuhalten. Doch ohne tatkräftiges Eingreifen des Menschen bleibt die Wanderdüne stets Siegerin und bedeckt allmählich Bäume wie menschliche Bauten.

Die Ortschaften Alt-Negeln, Negeln8, Karwaiten9, Neu-Pillkoppen10, Preden11, Kunzen12 und andere sind Beispiele solcher unter den Dünen begrabener Siedlungen. Die sogenannte Hirschwiese – ein Teil des Gutes Götzhöfen bei Memel, auf der Kurischen Nehrung gelegen – lieferte früher bis zu 40 Fuder Heu, wurde aber binnen weniger Jahre versandet und bestand 1788 nur noch aus öden Sandhügeln. Da die Düne jedoch unablässig weiter nach Osten zum Haff wandert, wird die versandete Bodenfläche auf der Seeseite mit der Zeit wieder frei werden – sofern das Meer nicht erneut große Mengen Sand ans Ufer wirft.

Das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen ist das Dorf Kunzen, das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Osthang der Wanderdüne stand. In den 1830er Jahren erhob sich die Düne bereits in ihrer ganzen Höhe über Kunzen, und gegenwärtig ist sie so weit nach Osten vorgerückt, dass auf der Westseite die reichlich mit Sand bestäubten Reste der Gebäude wieder zum Vorschein gekommen sind. Doch glauben Sie nicht, Sie würden Ruinen sehen, die ein Bild schrecklicher Zerstörung bieten, wie bei den Ausgrabungen von Pompeji. Da die Düne langsam vorrückt, können die Bewohner ihre Häuser stets in Ruhe abbrechen und das brauchbare Material fortschaffen. So kommen an der Oberfläche nur Reste von Fundamenten, Ziegelbruch, Scherben und ähnlicher Schutt wieder zutage.


Wiederherstellung des ÖkosystemsHerstellung eines Bodens, der für die Bepflanzung geeignet ist.

Würde der Mensch auf der Kurischen Nehrung nicht in das Wirken der Natur eingreifen, so befänden sich, wie unsere Geologen meinen, die Dünen in etwa 200 Jahren im Haff, das sie langsam mit Sand zuschütten würden. Doch die Befestigung der Dünen, besonders in unserem Jahrhundert, hat den Naturkräften einen zuverlässigen Riegel vorgeschoben.

Begrünung der DüneAnpflanzung von Bäumen in den Dünen der Kurischen Nehrung.


Auf der Seeseite wurde die Vordüne errichtet. Sie hält den vom Meer herangetragenen Sand zurück und dient als Schutzwall. Hilfreich ist auch die Anpflanzung von Grün, das die Wanderdünen sanft „sich setzen“ lässt. Die Königlich Preußische Kriegs- und Domänenkammer berichtete schon im 18. Jahrhundert Friedrich II.13 vom vortrefflichen Wachstum der Millionen von Pflanzen, die damals auf der Nehrung gesetzt worden waren, doch der König, der sein Volk gut kannte, schrieb skeptisch an den Rand des ihm vorgelegten Berichts: „Alles liest sich sehr angenehm und leicht, wenn es nur nicht gelogen ist wie die Erzählung eines Jägers am Rastplatz.“

Wie dem auch sei, was bisher in dieser Hinsicht geleistet wurde, verdient unsere uneingeschränkte Bewunderung als Sieg des menschlichen Verstandes und Willens über die Naturkräfte.

Bevor mit der Bepflanzung begonnen wird, werden die Küstenflächen in kleine Quadrate eingeteilt. [Siehe Foto oben – Red.] Zur Düngung des Bodens werden Lehm, Schlick und Schwarzerde herbeigeschafft. Erst nach einer solchen Vorbereitung kann man ein-, zwei- und dreijährige Pflanzen setzen, z. B. Strandroggen (Elymus arenarius), Strandhafer (Arundo Arenaria) und besonders die europäische Bergkiefer (Pinus montana), die aus Dänemark herbeigebracht wird. Gerade mit dieser Kiefernart wurden ausgezeichnete Ergebnisse erzielt, da sie ebenso anspruchslos wie wetterbeständig ist. Zudem breitet sich die Bergkiefer kräftig aus und erobert große Flächen.

In dem Bestreben, die alte Walddecke vollständig wiederherzustellen, legt die Verwaltung der Kurischen Nehrung im Raum zwischen den äußeren und inneren Dünen Plantagen und Waldpflanzungen in Sarkau, Rossitten, Nidden14 und Preil15 an. Das wird es, wie wir hoffen, in Zukunft ermöglichen, auf der Nehrung einen dichten Waldgürtel zu bilden.

Der Wald auf der Nehrung besteht größtenteils aus Kiefern, es wachsen hier auch Birke, Erle, Weide und Espe. Stellenweise wird sogar ausgelichtet. Im Wald haben sich solche Waldbewohner wie Elch, Fuchs und Dachs (Letzterer allerdings nur gelegentlich) eingefunden. Das Hausvieh findet ausreichend Futter auf den Weiden am Kurischen Haff und in den grünen Pflanzungen (Plantagen). Auf der Nehrung ist die Vogelwelt reich vertreten, besonders Sumpf- und Wasservögel, von kleinen Strandläufern, Bekassinen und Doppelschnepfen bis zu Singschwänen und Kranichen. Hunderttausende Möwen, Seeschwalben, Tauchenten und Wildenten nisten in einer Senke bei Rossitten – in einem Bruch von etwa 80 Morgen16, teilweise mit Binsen und Schilf bewachsen.


Vogelwarte RossittenVogelwarte Rossitten.

Da die Nehrung ein schmaler Landstreifen zwischen zwei ausgedehnten Wasserflächen ist, nutzen die Zugvögel sie bevorzugt zur Rast auf ihrem Zug, weshalb im Herbst ganze Scharen nordischer Sumpfvögel in die Gegend dieser Senke kommen.

RossittenVolieren zur Beobachtung der Vögel und zu ihrer vorübergehenden Haltung bei der Vogelwarte Rossitten.


Im Winter gibt es auf dem Meer ebenfalls viele Wasservögel aus dem Norden. Die Gegend von Rossitten ist ein Sammelplatz der verschiedensten und seltensten Vogelarten. Bereits etwa 240 Arten sind bestimmt worden, darunter Gäste aus dem Himalaja, aus Island, vom Kaspischen Meer und aus Sibirien.

Das Dorf Rossitten, 20 km nördlich von Sarkau, ist ein recht bemerkenswerter Ort. Hier erreicht die Kurische Nehrung ihre größte Breite – 3,5 km17. Eine unerwartete angenehme Überraschung für den Reisenden ist der Anblick der hiesigen Getreidefelder, darunter Weizenfelder, und der ordentlichen Bauernhöfe mit verschiedenen Gebäuden, Viehställen und Pferdeställen. Wie ist das alles möglich geworden?

Der Erdbohrer, mit dem man hier 1822 einen Brunnen bohrte, ging durch eine etwa 18 m dicke Lehmschicht, dann durch grauen, mit sandigem Boden vermischten Mergel und stieß schließlich bis zu einer Tiefe von etwa 30 m auf große Steine von 4–5 Fuß Durchmesser. Erst dann kam Wasser. Die Lehmlager erklären nicht nur das landwirtschaftliche Phänomen Rossitten, sondern verweisen uns auch auf sehr ähnliche geologische Verhältnisse in einem weiten Gebiet rings um das Kurische Haff und an der gesamten Küste Ostpreußens: d. h. auf die Bildung diluvialer Ablagerungen18 mit darauf ruhenden Schichten von Dünensand.

In Wirklichkeit ist die Kurische Nehrung nichts anderes als ein altes Meeresufer und das Kurische Haff eine Senke. Kurz gesagt herrschen hier, im äußersten Osten Deutschlands, dieselben geologischen Verhältnisse, die uns von der deutschen Nordseeküste mit ihren vielen Inseln, dem Wattenmeer19 und den Meeressenken wohlbekannt sind, zumal es bekanntlich auch in der geologischen Geschichte der Kurischen Nehrung mehrfache Senkungen und Hebungen des Bodens gegeben hat.

Die Hauptdüne, die den Eindruck eines sandigen Gebirgskamms macht, bricht zum ersten Mal bei Rossitten ab: Wahrscheinlich gab es hier in alter Zeit eine Senke. Der Dünenkamm zerfällt in sechs einzelne Berge, erscheint aber eine halbe Meile weiter nördlich wieder geschlossen, um dann in Pillkoppen endgültig zu enden. Diese Lücke ist wahrscheinlich einst von den Winden geschaffen worden und ist kein alter Wasserweg.


NiddenBlick von der Düne auf Nida – nicht schlechter als Italien!

Nidden, ein wohlhabendes Fischerdorf, von altem Wald umgeben, ist ein verlockendes Ziel für jeden Archäologen.

Friedhof in PillkoppenFriedhof in Pillkoppen, durch die Wanderung der Düne „verwüstet“.


Natürlich findet man auf der ganzen Länge der Nehrung auf der unter dem Dünensand begrabenen Waldstreu früherer Vegetationsperioden Reste der Wohnstätten längst vergangener Generationen. Doch auf dem Plateau von Nidden lieferten vier Hügelgräber die reichsten Funde: Henkelurnen grober und feiner Arbeit, reich verziert, in den weichen Ton gedrückte Schnüre und Stricke mit erhaltenen Fingerabdrücken, Steinhämmer, Pfeilspitzen, Netzsenker, Mühlsteine; Bernstein, sowohl in unbearbeiteten Stücken als auch in Form von Röhren und Ringen, und sogar eine Bernsteinstatuette; Werkzeuge aus Stein und Knochen usw.

Beachtenswerte Grabfunde gibt es hier nicht, da man die menschlichen Überreste in jener kulturgeschichtlichen Periode – der Steinzeit – nicht verbrannte, sondern begrub; die gefundenen Urnen dienten daher wahrscheinlich einem anderen als dem üblichen Zweck. Übrigens wurde bei Rossitten ein gut erhaltenes Grab entdeckt: Der Mensch war mit einer Streitaxt, einem Feuersteinmesser, einer stumpfen Knochennadel, einem Bernsteinring, einer Steinscheibe (einem sogenannten Imatrastein) und einer kleinen versteinerten Koralle bestattet worden. Es besteht kein Zweifel, dass in der Steinzeit in den über die ganze Kurische Nehrung verstreuten Siedlungen eine verhältnismäßig zahlreiche Bevölkerung lebte, die für ihre Zeit über recht fortgeschrittene vielfältige Fertigkeiten verfügte.

Weiter nach Norden gehend, gelangen wir nach Preil20 und Perwelk21 – zwei sehr arme Fischerdörfer, während das wohlhabendere Schwarzort22 von altem Wald umgeben ist, Gewerbe besitzt und lebhafte Badesaisons erlebt. In den letzten Jahren zählte die Kurliste23 von Schwarzort im Durchschnitt mehr als 1.700 Personen. Nördlich dieses Ortes ist die Düne jedoch unbewohnt, bis wir die letzten Vorposten gegenüber Memel erreichen: die Ortschaft Sandkrug24 – ein recht beliebter Sommerkurort –, eine Försterei, einige Fischerhäuschen, eine Rettungsstation, in der Schiffbrüchige Zuflucht finden konnten (eigentlich ein Schuppen), ein seit 1897 verlassen stehendes Fort und ein Quarantänehäuschen. All das zusammen bildet, mit Ausnahme des Forts, den Gemeindebezirk Süderspitze oder Süderhaken.


 

Vignette


In der Originalausgabe wurden die Reiseaufzeichnungen von A. W. Grube durch Notizen anderer Autoren ergänzt. Insbesondere wurde dem Text über die Reise über die Kurische Nehrung ein kleiner Nachtrag von Dr. Albert Zweck über das äußere Erscheinungsbild und den Aberglauben der einheimischen Ureinwohner beigefügt.


Ureinwohner der Kurischen NehrungKurische Nehrung. Ein Fischer und Mädchen in traditioneller einheimischer Tracht.


Die einheimische Bevölkerung zeichnet sich durch einen schweigsamen Ernst aus, den sie sogar in den Krügen beim Bier bewahrt. Ihr Hang zum Aberglauben äußert sich in unzähligen Sitten und Gewohnheiten: So darf man an Feiertagen, am Johannistag und am Donnerstagabend nicht fischen.

Wenn ein Boot fertig ist, muss man es umdrehen und mit einem Gewehr kreuzweise über den Boden schießen. Bevor man eine neue Schnur für den Aalfang benutzt, muss man sie heimlich bekreuzigen, und auf die alte muss man, bevor man sie wegwirft, spucken. Will man ein Fischnetz zum ersten Mal im Jahr benutzen, so lege man ein Beil auf die Schwelle und trage das Netz darüber. Wer beim Fischfang kein Glück hat, muss seine Netze mit Pulverrauch ausräuchern oder Stücke aus einem glücklicheren Netz herausschneiden und in das unglückliche einflechten usw.

Wenn ein Kure einen Fremden an der Schwelle seiner Hütte empfängt, kann man auf seinem bartlosen Gesicht eine gewisse gesetzte Höflichkeit lesen. Spricht man aber mit ihm in seiner Sprache, so stellt er den Gast gastfreundlich seiner Familie vor, wo dieser herzliche Aufnahme und ruhige Freundlichkeit findet.

Zu Hause trägt der Hausherr gewöhnlich eine Wolljacke (aus blauer und weißer Wolle gestrickt) oder eine dunkle Jacke, Hosen aus Damast25 und eine Mütze. An den Füßen hat er, wenn er nicht barfuß geht, schwere Holzpantinen. Stattlicher aber sieht der Kure aus, wenn er sein Haus verlässt, um auf die tobende See hinauszufahren. Er ist in graues Friesgewand gekleidet, an den Füßen hat er Wasserstiefel und einen Südwester auf dem kurz geschorenen Kopf. Die weiblichen Familienmitglieder tragen unter den Jacken ein buntes Mieder und gestreifte Röcke, deren Anzahl zugleich als Zeichen des Wohlstands dient. Verheiratete Frauen legen das Kopftuch nie ab, Mädchen dagegen dürfen auch ohne Kopftuch sein, zumindest zu Hause.


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ANMERKUNGEN

1. Selenogradsk (bis 1946 Cranz)

2. Klaipėda (lit.; bis 1923 und 1939–45 offiziell Memel) .

3. Rybatschi, bis 1946 Rossitten – Siedlung im Rajon Selenogradsk des Gebiets Kaliningrad, an der Küste des Kurischen Haffs der Ostsee.

4. Einige deutsche Autoren, darunter August Grube und zum Beispiel der nicht unbekannte Adalbert Bezzenberger, nennen die einheimische Bevölkerung der Kurischen Nehrung oft Letten, obwohl sich in der russischsprachigen heimatkundlichen Literatur für die Ureinwohner die Bezeichnung Kuren „eingebürgert“ hat. Auch die Litauer erwähnen aus verständlichen Gründen die lettischen Wurzeln der Kuren nicht. – Anm. d. Red.

5. Es heißt, die Kreuzritter hätten die Nehrung „Land der Nester“ (Nestland) genannt. – Anm. d. Red.

6. Lesnoi (bis 1946 Sarkau) – Siedlung im Rajon Selenogradsk des Gebiets Kaliningrad.

7. Der Autor schreibt hier nicht, dass die Vernichtung der grünen Decke der Nehrung das Werk der einheimischen Bevölkerung war, die den Wald auf der Nehrung schonungslos abholzte und das Holz zum Verkauf aufs Festland brachte – über die Wasserfläche des Haffs ließ sich das bequem, leicht und billig bewerkstelligen. – Anm. d. Red.

8. Die Ortschaften Alt-Negeln und Negeln wurden 1728 vom Sand der Nehrung verschüttet.

9. Karwaiten. Existiert heute nicht mehr.

10. Pillkoppen (Neu-Pillkoppen) – heute die Siedlung Morskoje. Genauer gesagt liegt es ein paar Kilometer vom alten Pillkoppen entfernt, das unter der Ephadüne begraben ist, deren Höhe 62 Meter beträgt. Benannt ist sie nach dem Düneninspektor W. F. Epha (Wilhelm Franz Epha, 1828–1904), dem Urheber des Projekts zur Befestigung und Aufforstung der Kurischen Nehrung.

11. Preden – der Name stammt aus dem Kurisch-Lettischen und beschreibt die Landschaft.

Lettisch „priede“ = Kiefer, Fichte.

„priedaine“ = Kiefernwald, Fichtenwald

Versandet. Existiert heute nicht mehr.

12. Das Dorf Kunzen. Versandet. Existiert heute nicht mehr.


Wanderung der Düne



13. Friedrich II. (1712–1786) – König von Preußen ab 1740, Feldherr. Verdoppelte das Gebiet Preußens infolge der Schlesischen Kriege, des Siebenjährigen Krieges 1756–1763 und der Teilungen Polens. Einer der markantesten Vertreter der „Politik des aufgeklärten Absolutismus“.

14. Nida (dt. Nidden) – Kurort auf der Kurischen Nehrung in Litauen.

15. Preila (dt. Preil) – Ortschaft in Litauen, auf der Kurischen Nehrung, am Ufer des Kurischen Haffs, in der Bucht von Preila.

16. Morgen – veraltete Flächeneinheit für Land im mittelalterlichen Westeuropa und insbesondere in Polen-Litauen, ungefähr 0,56 ha.

17. Heute gilt als breiteste Stelle Nida (dt. Nidden), wo die Nehrung ca. 4 km breit ist, genauer 3,8. (Anm. d. Red.)

18. Diluvium (von lat. diluvium – Sintflut, Überschwemmung, Hochwasser) – genetischer Typ lockerer (unverfestigter) kontinentaler Ablagerungen, die durch Akkumulation von Sedimenten in den Abflussrinnen katastrophaler Hochwasser aus Eisstauseen nach Durchbrüchen von Gletscherdämmen in der jüngeren geologischen Vergangenheit (Ende der letzten Eiszeit, 11–15 Tsd. v. Chr.) entstanden. In Deutschland wurde der Begriff „diluvial“ bis in die 1950er Jahre als Synonym für das Quartär (Eiszeitalter) gebraucht.

19. Watten (ndl. wadden, dän. vade – Küstenuntiefen) – flacher Küstenstreifen des Meeresbodens, der im Rhythmus der Gezeiten bei Flut überspült wird und bei Ebbe trockenfällt, Teil der Meeresküste.

20. Siehe Anm. 15.

21. Perwelk (lit. Pervalka) auf der Kurischen Nehrung – heute die Siedlung Pervalka in Litauen.

22. Juodkrantė (dt. Schwarzort) – Siedlung in Litauen.

23. Kurliste. Im 19. Jahrhundert dienten die sogenannten Kurlisten, also Kurbulletins, als Informationsmittel über das Kurleben und die Ankunft von Badegästen, deren Persönlichkeit Interesse wecken konnte.

24. Sandkrug – heute die Siedlung Smiltynė auf der litauischen Seite der Kurischen Nehrung.)

25. Damast (veralt.) – Gewebe mit Musterungen oder Ornamenten, auch kariert.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.