Die Sage erzählt, dass einst aus fernen Landen der Riese Haffo an die Ufer der Weichsel kam. Er war schön und stattlich, galt aber als frecher Räuber – schon sein Name allein jagte den Menschen Angst ein. Haffo ließ sich auf einer der Inseln im Mündungsgebiet der Weichsel nieder. Sein Nachbar aber war ein Fürst, der Anführer eines Stammes. Viele Menschen hatten ihm Treue geschworen: Fischer, Jäger, Ackerbauern. Der Fürst war vornehm und reich. Sein größter Schatz aber war seine schöne Tochter namens Tiege. Swenta – die Lichte – nannten sie die Leute. Viele Freier warben um sie, doch der Vater wies alle ab und hütete seine lichte Tiege eifersüchtig vor jedermann.
Als Haffo zum ersten Mal ihr blondes Haar und ihre großen blauen Augen sah, erblühte seine neue Heimat für ihn in allen Farben des Regenbogens. Was kümmerte ihn die kleinliche, selbstsüchtige Liebe ihres Vaters? Er wollte diese Frau!
Eines Tages ging Tiege zur Quelle, um Wasser zu holen. Sie füllte den Tonkrug bis zum Rand, hob ihn mit Mühe auf die Schulter und eilte zurück. Da erblickte Haffo sie, als er von der Jagd heimkehrte. Ohne lange zu überlegen, stürzte er mit Riesenschritten los, um dem Mädchen den Weg abzuschneiden, und versuchte, sie einzuholen.
Als Tiege den Riesen sah, der sie verfolgte, lief sie voller Angst, wohin ihre Füße sie trugen. Verzweifelt rannte sie durch den Wald, ohne auf den Weg zu achten, und vergaß völlig den Krug, aus dem das Wasser schwappte. Tiege lief hinaus ans Ufer des Haffs, und da holte der schreckliche Riese sie ein.
Ohne zu zögern, stürzte sich die Jungfrau vom Steilufer ins Wasser, denn sie zog den Tod der Schande vor. Der rasende Riese sprang ihr nach – und fand in der Meerestiefe ein ruhmloses Ende. Tiege aber wurde von einem Fischer aus den Wellen gezogen, der zufällig mit seinem Boot in der Nähe war.
Dort, wo die Jungfrau voller Angst durch das Walddickicht lief und das Wasser aus ihrem Krug verschüttete, fließt seitdem ein kleines Flüsschen. Die Menschen gaben ihm den Namen Tiege. Und die Wasser, die sich für immer über dem Riesen Haffo schlossen, heißen Frisches Haff. Und bis heute nimmt es das lichte Flüsschen Tiege in sich auf.
So wurden sie für immer vereint, Tiege und Haffo!
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Tiege (deutsch: Tiege) – die Tuja, ein Fluss im Norden Polens. Früher hieß so nur der Unterlauf des Flusses bis zum Ort Nowy Dwór Gdański /Nowy Dwor Gdanski (deutsch Tiegenhof)/. Der Oberlauf des Flusses trug den Namen Swenta (Swieta).
● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihren Übersetzungen veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

