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Hannah Arendt: Denkerin, Weltbürgerin und Königsbergerin

Hannah Arendt: Denkerin, Weltbürgerin und Königsbergerin

Hannah Arendt liest ein Buch im Speisesaal eines Universitätscampus, wo sie an einem Seminar teilnahm.


Fotograf unbekannt. Rechteinhaber: Abteilung für Sondersammlungen und Archive der Bibliothek der Wesleyan University (Middletown, Connecticut, USA).

Am 14. Oktober jährt sich der Geburtstag von Hannah Arendt zum 109. Mal. Vier Jahrzehnte nach ihrem Tod gilt sie zu Recht als eine der interessantesten Philosophinnen der Gegenwart. Doch erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde ihr Beitrag zur Philosophie und zur politischen Theorie nach Gebühr gewürdigt.

Persönlichkeit und Werk Hannah Arendts rücken immer häufiger in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern und Intellektuellen; heute ist sie eine der anziehendsten und faszinierendsten Gestalten der westlichen Kultur. Zahlreiche wissenschaftliche Symposien sind Arendts Werken gewidmet, von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Veröffentlichungen über sie. Straßen und Schnellzüge tragen den Namen Arendt. Es wurde ein Hannah-Arendt-Preis für Verdienste um das politische Denken gestiftet, es entstanden Zentren und Institute zur Erforschung ihrer Werke und zur Weiterentwicklung ihrer wichtigsten Ideen. All das bestätigt die Worte Kurt Sontheimers, sie sei in der heutigen westlichen Welt zu einer Art Ikone geworden – zu einem Symbol unserer Zeit.

Lange Zeit blieb der Name Hannah Arendt den Kaliningradern unbekannt oder fast unbekannt. Die Bürger wussten gut, wer Kant war, vielen waren die Namen so bekannter Königsberger wie Hoffmann, Hamann, Hippel und anderer vertraut. Der Name Arendt aber sagte nur wenigen auserwählten Intellektuellen etwas. Wodurch also ist Hannah Arendt bekannt, und was verbindet sie mit unserer Stadt?

Hauptwerke und Ideen

Kurt Sontheimer

(Kurt Sontheimer, 1928–2005)

Deutscher Politikwissenschaftler, bekannter Erforscher des Werks von Hannah Arendt.

Aus dem umfangreichen Nachlass Hannah Arendts ragen wohl drei Bücher heraus, die für das Schaffen der Denkerin kennzeichnend sind. Berühmt machte Hannah Arendt das Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Eines der bekanntesten Bücher der Welt war in unserem Land lange Jahre verboten. Als sein Erscheinen in Russland dann möglich wurde, ließ sich die Herausgabe aus Geldmangel nicht verwirklichen. Erst 1996 erschien es zum ersten Mal auf Russisch (und wurde seitdem nicht mehr neu aufgelegt). Heute gehört „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ zu den Klassikern des politischen Denkens. Arendt gebührt das Verdienst, als erste Theoretikerin im Phänomen des Totalitarismus eine völlig neue Form politischer Macht in der Geschichte der Menschheit erkannt zu haben. Hannah Arendt führte den Begriff „Totalitarismus“ nicht nur in den wissenschaftlichen Gebrauch ein, sondern begründete ihn auch als sozialphilosophischen, politikwissenschaftlichen und soziologischen Begriff.

Was ist Totalitarismus? Arendt bestimmt ihn als ein System des Terrors, der mit den Mitteln von Massenrepressionen ausgeübt wird, die im Land eine Atmosphäre allgemeiner Angst erzeugen, welche die gesellschaftliche Aktivität der Bevölkerung lähmt und damit die Möglichkeit für beliebige soziale Experimente am Volk eröffnet. Das bedeutet, dass Totalitarismus und systematische Massenrepressionen organisch miteinander verbunden sind. Übrigens ist die verbreitete Meinung, Hannah Arendt habe Nationalsozialismus und Sowjetregime gleichgesetzt, unzutreffend. Als totalitär bezeichnet sie die Periode der Geschichte der UdSSR zur Zeit der Alleinherrschaft Stalins, d. h. von 1929 bis 1953. Zudem setzt Hannah Arendt Stalinismus und Nationalsozialismus nicht gleich, obwohl sie in ihnen viel Gemeinsames findet.

Ein weiteres Buch, das Arendt berühmt machte, ist „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Es entstand infolge von Arendts Anwesenheit beim Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, der vor Gericht gestellt wurde, weil er die Deportation der Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa geleitet hatte. Eichmann war 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien entführt und am 19. Dezember 1961 zum Tode verurteilt worden. Hannah Arendt war beim Prozess als Korrespondentin der einflussreichen amerikanischen Zeitschrift „New Yorker“ zugegen, für die sie in fünf Aufsätzen ihre Eindrücke schilderte.

Arendt war von den israelischen Justizorganen, die im Namen der Opfer den Anklageprozess gegen Eichmann führten, stark enttäuscht. Für sie ist Eichmann kein Unmensch, sondern ein kleiner Funktionär, der, wie er wiederholt versicherte, nur seine Pflicht getan habe. Der Begriff „Banalität des Bösen“ fügt sich in Arendts Sicht auf diesen neuen Typ des „Schreibtischmörders“. Psychiater beschrieben Eichmann als „völlig normal“, und diese „Normalität“, die im Widerspruch zu einer unvorstellbaren Grausamkeit steht, stellt ihrer Meinung nach den Hauptzug des nationalsozialistischen totalitären Regimes dar.

Nicht alle Verbrecher waren „wahnsinnige Henker“, unter ihnen gab es sehr viele ganz gewöhnliche, ja durchschnittliche Menschen, die „einfach ihre Arbeit gut machten“. Darin bestand die Banalität des von ihnen begangenen Bösen.

The Origin of Totalitarianism

1951

Nach der Veröffentlichung ihrer Artikel erhob sich ein Sturm der Entrüstung, vor allem unter Aktivisten jüdischer Gemeinschaften. Viele von ihnen brachte nicht ihre These von der Banalität des Bösen und nicht ihre unverhohlene Enttäuschung über den Prozess gegen Arendt auf, sondern dass sie öffentlich die Zusammenarbeit der Opfer mit den Tätern kritisierte. Das wurde von der jüdischen Gemeinschaft als Tabubruch und als etwas Empörendes und Unmoralisches empfunden. Hannah Arendts Kritiker konnten sich mit ihrer negativen Bewertung der Rolle der Judenräte in der Tragödie des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs nicht abfinden. Wie sich im Prozess herausstellte, hatten jüdische Funktionäre Personal- und Vermögenslisten erstellt, Geld für die Deportation gesammelt, Wachen zur Verhinderung der Flucht gestellt und schließlich das Eigentum der jüdischen Gemeinden ordnungsgemäß den Nazis übergeben. „Ohne die aktive Mitwirkung der Judenräte wäre ein so groß angelegter planmäßiger Mord an den Juden unmöglich gewesen“, schrieb Arendt in ihrer Reportage.

Das Buch, dessen Titel in der russischen Ausgabe „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ lautet, erschien zuerst 1958 in den USA unter dem Titel „The Human Condition“ („Die Situation des Menschen“). Es wurde unter dem Eindruck des Ereignisses geschrieben, als ein von Menschen geschaffener irdischer Gegenstand, der erste Satellit, die Erdatmosphäre verließ und sich die Möglichkeit eines menschlichen Lebens außerhalb der Erde abzeichnete. Die Frage nach der Form des gesellschaftlichen Lebens auf der Erde erhielt eine neue Dimension. Als Analyse des politischen Daseins stellt dieses Hauptwerk Hannah Arendts eine praktische Ergänzung zu Heideggers „Sein und Zeit“ dar. Im Gegensatz zu Heidegger ist jedoch der Ausgangspunkt für das Denken Hannah Arendts nicht der Tod, sondern Geburt und Leben. Die Geburt gibt dem Menschen die Möglichkeit, etwas anzufangen. Deshalb ist es die Aufgabe jedes einzelnen Individuums, die Welt gemeinsam mit anderen zu gestalten. Hannah Arendt bemerkt feinsinnig, dass sich nach Platon und Aristoteles die Freiheit nicht in der persönlichen, sondern in der öffentlichen Sphäre der Polis verwirklicht. Das gilt ihrer Meinung nach auch heute.

Nach Arendt besteht das menschliche Leben aus drei Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Alle sind gleich wichtig und notwendig. Alle drei machen das menschliche Dasein aus. Sehr wichtig ist jedoch, dass zwischen diesen Bereichen ein Gleichgewicht gewahrt wird, dass es keine Schlagseite in die eine oder andere Richtung zum Nachteil der übrigen Tätigkeiten gibt, denn das birgt die Gefahr, dass der Mensch die Orientierung in der Welt verliert. Die Gefahr der heutigen Zeit besteht in einer starken Verschiebung hin zu Produktion und Konsum. Der Siegeszug des homo faber (des herstellenden Menschen) erzeugt nicht nur eine politische Leere, ja mehr noch – politische Unfreiheit, sondern produziert auch eine solche Menge an Waren und Informationen, dass das animal laborans (das arbeitende Wesen), das nur noch Konsument ist, leicht am passiven Konsum zugrunde gehen kann. Fernsehkonsum und kilometerlange Ladenzeilen, die die Erfüllung aller Wünsche versprechen, bestätigen Hannah Arendts beunruhigende Analyse.

Die Zivilgesellschaft lebt von der unabhängigen politischen Beteiligung ihrer Bürger.

Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil

1963

Hannah Arendts Kritik unserer menschlichen Bedingtheit zeigt mit aller Schärfe und Klarheit die gefährliche Spannung in der modernen Welt. Ohne Optimismus zu äußern, formuliert sie einen leidenschaftlichen Aufruf zur Wiederbelebung des politischen Lebens.

Arendts Erbe ist zweifellos ein Gut der ganzen Welt, ebenso wie sie selbst aus Überzeugung Weltbürgerin war, trotz besonders enger Bindungen an einzelne Kulturen: an die jüdische und die deutsche von Geburt an, an die französische und die amerikanische durch die Umstände und bewusste Wahl. Die Welt ist groß, und der Lebensweg der Denkerin, die in den Strudel der dramatischsten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts geriet, war in die Geschichte verschiedener Orte verwoben. Geboren in Hannover, studierte sie bei Martin Heidegger in Marburg, promovierte bei Karl Jaspers in Heidelberg, heiratete in Berlin, arbeitete in Paris, war Gefangene des französischen Internierungslagers Gurs, lehrte in Princeton, wurde durch ihr Buch über Eichmann in Jerusalem berühmt und starb in New York. Im Gegensatz zum größten Stubenhocker unter den Philosophen, der sein ganzes Leben in den Grenzen der abgelegenen ostdeutschen Provinz verbrachte, wurde sie, so scheint es, tatsächlich zur Verkörperung der kosmopolitischen Idee – der Idee des Kosmos als Polis.

Und doch gab es auf der Erde einen Ort, für den Hannah Arendt besondere Gefühle hegte – Königsberg, die Stadt am Pregel. Arendt, die nie ein Geheimnis aus ihrer Herkunft machte, betonte ihre Königsberger Identität. So erklärte sie einmal, in einem Gespräch mit dem Historiker und Publizisten Joachim Fest im Jahr 1964:

„In meiner Denkweise bin ich immer noch eine Königsbergerin. Manchmal versuche ich, das vor mir selbst zu verbergen. Aber es ist so.“

Kindheit und Jugend in Königsberg

Königsberg war Hannah Arendts Heimatstadt, obwohl Johanna – so lautete ihr eigentlicher Name – im Ort Linden bei Hannover geboren wurde, wo ihr Vater bei einem örtlichen elektrotechnischen Unternehmen arbeitete. Hannah war das einzige Kind des Ingenieurs Paul Arendt und seiner Ehefrau Martha, geborene Cohn. Beide Eltern gehörten derselben sozialen Schicht des wohlhabenden jüdischen Bürgertums an. 1909 musste die Familie wegen einer schweren Erkrankung von Hannahs Vater nach Königsberg zurückkehren. Die Familie ließ sich im Stadtteil Hufen nieder, in der Tiergartenstraße 6 (heute Soologitscheskaja-Straße). Pauls Vater, Hannahs geliebter Großvater Max Arendt, wohnte ganz in der Nähe, in der Goltz-Allee (heute Gostinaja-Straße).

Die Vorfahren väterlicherseits (die Arendts) und mütterlicherseits (die Cohns) waren Zuwanderer aus dem Russischen Reich, die im 18. und 19. Jahrhundert nach Königsberg gekommen waren. Hannahs Großvater väterlicherseits, Max Arendt, besaß als Mitglied der liberalen Fortschrittspartei sowie als Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung und der liberalen jüdischen Gemeinde erheblichen Einfluss in der Stadt. Jacob Cohn, Hannahs Großvater mütterlicherseits, gehörte eine Teeimportfirma, die eines der größten Unternehmen Königsbergs war.

1905 lebten in Königsberg rund zweihunderttausend Einwohner, darunter 4 500 Juden. Sie bildeten jedoch keine einheitliche Gruppe. Es gab merkliche Unterschiede zwischen den alteingesessenen deutsch-jüdischen Familien und den osteuropäischen orthodoxen Juden. Erstere wohnten in der Regel im gutbürgerlichen Stadtteil Tragheim oder, was die besonders Wohlhabenden betraf, sogar in den Stadtteilen Hufen und Amalienau. Die meisten von ihnen besuchten die Synagoge nur an den drei wichtigsten Feiertagen. Bei den orthodoxen Juden bot sich ein ganz anderes Bild: In ihren Vierteln zwischen dem Bahnhof und dem Pregel hörte man Jiddisch, sie befolgten streng die religiösen Vorschriften und trugen Schläfenlocken und traditionelle Kleidung.

In Hannahs Familie spielte die Religion eine untergeordnete Rolle, und christliche Feste wie Weihnachten wurden neben den jüdischen Feiertagen begangen.

Die Familie Arendt war typisch für jene deutschen Bürger jüdischer Herkunft, die glaubten, dank ihres wirtschaftlichen Erfolgs und ihrer gesellschaftlichen Stellung organisch in das deutsche Bürgertum integriert zu sein.

Die Familienmitglieder waren den Ideen des Fortschritts und der Aufklärung aufgeschlossen und hegten Sympathie für sozialdemokratische Ideen und eine Politik, in der so bekannte Persönlichkeiten jüdischer Herkunft wie Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg eine führende Rolle spielten. In einem solchen sozialen und geistigen Umfeld wuchs Hannah auf.

Im März 1913 starb Max Arendt, im Oktober desselben Jahres verschied sein kranker Sohn Paul Arendt. Die kleine Hannah wurde von ihrer Mutter Martha, geborene Cohn, erzogen. 1920 heiratete die verwitwete Martha Arendt den Eisenwarenhändler Martin Beerwald. Er war der Sohn eines Emigranten aus Russland und in Königsberg geboren und aufgewachsen. Martha und ihre Tochter Hannah zogen in das Haus des Stiefvaters in der Busoltstraße (heute Jermaka-Straße), buchstäblich zwei Häuserblocks von der Tiergartenstraße entfernt. Im Stadtteil Hufen wohnten wohlhabende Königsberger, und gerade dort – zwischen Tiergartenstraße, Goltz-Allee und Busoltstraße – wuchs die kleine Hannah auf.

Hannah las viel und nutzte dafür ihre ganze freie Zeit. Neben Romanen und Gedichten verschlang sie philosophische Werke. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Mädchen eine der Besten nicht nur in ihrer Klasse, sondern in der ganzen Schule war. Mit 14 Jahren las sie Kants „Kritik der reinen Vernunft“ sowie einzelne Werke von Kierkegaard und Jaspers. Nur die Philosophie, die Königin der Wissenschaften, konnte Hannahs geistige Bedürfnisse befriedigen. Während der Revolution von 1918 kam die dreizehnjährige Hannah zum ersten Mal mit Politik in Berührung. Ihre Mutter bewunderte Rosa Luxemburg und nahm die Tochter zu Diskussionsabenden im Freundeskreis mit.

Königin-Luise-Schule

Königin-Luise-Schule

Heute ist es das Gymnasium Nr. 32 in der Sergeja-Tjulenina-Straße.

Mit 15–16 Jahren wird Hannah immer mehr „von rebellischen Stimmungen erfasst“, es fällt ihr schwer, sich mit der damals an preußischen Schulen üblichen strengen Disziplin abzufinden. Hannah besuchte die erste Mädchenschule Ostpreußens, das Königin-Luise-Gymnasium in der Landhofmeisterstraße. Es war die einzige Schule in Königsberg, an der Mädchen Latein und Griechisch lernen konnten. Da sie fand, dass Griechischstunden am frühen Morgen für sie unzumutbar seien, bat sie ihre Mutter, sie von diesem Unterricht zu befreien.

Ihre Widerspenstigkeit beschränkte sich nicht auf die Schule. Sie erstreckte sich auch auf den neuen Ehemann der Mutter, Martin Beerwald, und seine beiden Töchter, mit denen sie ein schwieriges Verhältnis hatte. Im Religionsunterricht bekannte sie sich zum Atheismus, und es kam zu einem Konflikt mit dem Lehrer. Als sie dann versuchte, andere Schülerinnen zum Schwänzen des Religionsunterrichts anzustiften, war das Maß der Schulleitung voll, und sie wurde vom Mädchengymnasium verwiesen, obwohl sie als eine der besten Schülerinnen galt. Dank der guten Beziehungen Martha Arendts konnte Hannah jedoch eine Zeit lang ohne Schulabschluss an der Berliner Universität studieren. Im Frühjahr 1924 kehrte die achtzehnjährige Hannah an das Königsberger Gymnasium zurück, um vorzeitig das Abiturzeugnis zu erwerben. Die Prüfungen legte sie mit Auszeichnung ein Jahr früher als ihre Altersgenossen ab. Und im Herbst 1924 wird Hannah Studentin an der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg und verlässt ihre Heimatstadt. In den folgenden Jahren hielt sie die Verbindung zu ihrer Heimatstadt aufrecht, wo ihre Mutter mit ihrem zweiten Mann Martin Beerwald und dessen Töchtern Clara und Eva lebte. Allem Anschein nach besuchte Hannah Arendt Königsberg zum letzten Mal im April 1932, als sie zur Beerdigung von Clara Beerwald, der Tochter ihres Stiefvaters, kam.

Hannah Arendt und Kaliningrad: Heimkehr

Für uns, die Bewohner Kaliningrads (des einstigen Königsberg), ist Hannah Arendts Zugehörigkeit zu unserer Stadt ein zusätzlicher Anlass, sich ihrem Werk zuzuwenden: Wir leben in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, was uns Grund gibt, uns ihr enger verbunden zu fühlen. Schließlich gehen wir durch dieselben Straßen, durch die einst sie ging, sehen dieselben Gebäude, die sie sah, betrachten dieselbe Natur, die die Stadt auch zu ihrer Zeit umgab.

Hannah Arendt ist für uns nicht nur eine herausragende Persönlichkeit und Denkerin, sondern auch ein Mensch, der in unserer Stadt aufgewachsen ist und ihre Atmosphäre in sich aufgenommen hat.

Die Bekanntschaft der Kaliningrader mit Hannah Arendt beginnt erst. Wie die Veranstaltungen des Jahres 2014 im Rahmen des „Hannah-Arendt-Jahres in Kaliningrad“ gezeigt haben, gibt es Interesse an ihrer Persönlichkeit und ihrem Werk, und zwar kein geringes. Mehr noch, man kann jetzt mit Gewissheit sagen, dass dieser Name für viele Bewohner unserer Stadt nicht mehr unbekannt ist. Damit hat die Rückkehr Hannah Arendts in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend begonnen, die sie als ihr Zuhause betrachtete. Diejenigen, denen der Name einer der bedeutendsten Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts teuer ist, haben auf dem Weg zur vollständigen Rückkehr dieses Namens in seine Heimatstadt noch viel Arbeit vor sich. Vielleicht wird es in Kaliningrad eines Tages eine Gedenktafel, eine Hannah-Arendt-Schule und eine gleichnamige Straße geben. Eine Straße, benannt nach einem Menschen, der sein ganzes Leben lang gegen Tyrannei und Gewalt, gegen Totalitarismus und die Banalität des Bösen, gegen Passivität und Konformismus protestierte.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.