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Die Praxis des Selbst: drei Fragen zur Identität

Die Praxis des Selbst: drei Fragen zur Identität

Ende März dieses Jahres fand auf der Kunstplattform „Worota“ eine Diskussion zum Thema „Wozu brauchen wir Identität?“ statt, die einmal mehr zeigte, wie populär dieses Thema ist und wie vielfältig es gedeutet wird. Wir haben Experten, die in ihrer Arbeit mit der Frage der Identität zu tun haben, gebeten, drei Fragen zu beantworten: „Was ist Identität?“, „Sollte man Identität erforschen, und wenn ja, wozu?“, „Kann man von einer Kaliningrader Identität sprechen?“

Anna Karpenko, Sozialforscherin (Kaliningrad)

Identität ist ein schwer fassbarer und recht schwierig zu bestimmender Begriff. Er ist mit den positiven Gefühlen verbunden, die ein Mensch empfindet, wenn er spürt, dass er zu einer Gruppe gehört. Für ausgeprägt rationale Individuen ist Gruppenzugehörigkeit überhaupt fragwürdig, weshalb die Philosophen uns ständig an das Prinzip der freien Wahl erinnern, als existiere das Individuum in einem Raum, der allein durch Bewusstsein und Willen bestimmt wird. Insofern hätte sich Immanuel Kant mit seinem bestirnten Himmel und seinem moralischen Gesetz wohl kaum auch nur im Geringsten für das Thema Identität interessiert.

Die Sozialwissenschaften sind sensibler für die Kontexte menschlichen Daseins.

Es gibt viele Gruppen, mit denen sich ein Individuum in Beziehung setzt.

Man spricht sogar von einer Hierarchie der Identitäten. Man sollte nur nicht vergessen, dass diese „Stufenleiter“ rein situationsabhängig ist. Lassen wir Identifikationen nach Beruf, Alter, Rolle, Subkultur und sonstigen Merkmalen beiseite und konzentrieren wir uns auf das regionale oder nationale Empfinden. In Moskau, also innerhalb des russischen Raums, wo regionale Unterschiede oder das Gefüge „Hauptstadt–Provinz“ eine Rolle spielen, werden Sie sagen, dass Sie aus Kaliningrad sind. In Australien dagegen wird es Ihnen vorrangig darum gehen, Ihre russische Zugehörigkeit kenntlich zu machen – kaum ein „Mann von der Straße“ wird sich dafür interessieren, wo Ihre „kleine Heimat“ liegt.

Soziologische Umfragen, die angeben, wie viel Prozent der Kaliningrader „sich in erster Linie als Russen“, „in zweiter Linie als Kaliningrader“ und etwa in dritter Linie als „Europäer“ fühlen, können wenig erklären und vorhersagen. Erstens ist unklar, in welchem Kontext dieses „Gefühl“ beim Befragten entstanden ist (nicht etwa erst in dem Moment, als die Frage gestellt wurde?), und zweitens, was aus diesem Gefühl folgt und welches Verhalten zu erwarten ist.

Deshalb ist es aus Forschungssicht interessanter, sich auf folgende Fragen zu konzentrieren: In welchen Situationen kommt das Thema des „Kaliningraderischen“ überhaupt zur Sprache, wer formuliert die Merkmale eben jener Gemeinschaft und wozu, wovon grenzt er sie ab, und inwieweit finden die vorgeschlagenen Merkmale Widerhall in der Gruppe derer, die zu den „Kaliningradern“ gezählt werden?

Mit anderen Worten: Wichtig ist die Frage, wer Identität definiert, wozu und mit welchem Erfolg. In welchen Gemeinschaften ist ein regionales Selbstbewusstsein ausgeprägt? Auf welche Lebensumstände nehmen diese Gruppen Einfluss?

Man kann einige Schlüsselthemen ausmachen, um die herum versucht wurde zu formulieren, was die Kaliningrader eigentlich auszeichnet. Das sind das Verhältnis zur „fremden“ Geschichte und zum materiellen/immateriellen Erbe, das Verhältnis zu den russischen Macht- und Herrschaftszentren und das Verhältnis zu den Ländern Europas und zur Europäischen Union. Je nach Polung dieser Merkmale bildet sich die eine oder andere Version der „Kaliningrader Identität“ heraus. Die Definitionen schwanken zwischen sowjetischer Gleichmacherei und dem Versuch, jegliche Besonderheit zu leugnen (was soll man über Kaliningrad sagen, wenn selbst Sankt Petersburg – Leningrad – konsequent in eine „gewöhnliche Sowjetstadt“ verwandelt wurde), und der Nostalgie nach dem Phantom Ostpreußens, das schon vor der Ankunft der sowjetischen Neusiedler verschwunden war.


Jelena Dsjakowitsch, Kulturwissenschaftlerin (Moskau)

Das Wort „Identität“ selbst ist erst vor vergleichsweise kurzer Zeit rasant zunächst in den wissenschaftlichen und dann in den alltäglichen Diskurs eingedrungen. Und hat dort einen festen Platz eingenommen. Es wird von Philosophen, Psychologen, Kulturwissenschaftlern, Soziologen, Polittechnologen gebraucht…

Dieser Begriff wird mal zum Gegenstand von Spekulationen, mal zu einer Art mentalem „Paravent“, hinter dem man sich verstecken kann, mal zu einer Art Schema, dessen Bestandteile jeder mit eigenem Inhalt füllt.

Somit ist der Begriff „Identität“ gegenwärtig einer der gefragtesten. Ursprünglich in der Persönlichkeitspsychologie entstanden, bezeichnete er dann in der Sozialpsychologie das Ergebnis der Identifikation eines Menschen oder einer Gruppe mit einer bestimmten sozialen Gemeinschaft.

Zugleich nimmt der Begriff „Identität“ selbst oft eine gewisse mythologisierte Färbung an und wird nicht in einer konkreten terminologischen, sondern eher in einer allgemeinkulturellen Bedeutung verwendet, was mitunter zu einer gewissen inhaltlichen Unschärfe führt.

Lässt man die zahlreichen Ansätze zur Bestimmung von Identität und die Debatten um diesen Begriff „außen vor“, so kann man sagen, dass Identität nicht losgelöst vom Menschen existiert. Und in diesem Sinne ist sie einerseits subjektiv-persönlich, andererseits ein überaus wichtiger Anpassungsmechanismus, der sich in den verschiedensten Formen äußert. Sie ist eine Weise der Selbstbestimmung, die durch individuelle Erfahrung hindurchgegangen und mit einer historisch gewachsenen soziokulturellen Grundlage multipliziert ist.

Deshalb erlaubt die Erforschung von Identität, Antworten auf die wichtigsten Fragen des menschlichen Daseins zu geben: Wer bin ich in dieser Welt? Wer ist für mich „Wir“ und wer „Sie“? Mit wem spreche ich dieselbe mentale Sprache, die keiner Übersetzung und keiner Kommentare bedarf?

In Russland mit seinen riesigen Territorien und seinen klimatischen, soziokulturellen und mentalen Unterschieden stellt sich die Frage nach der regionalen/lokalen Identität besonders dringlich. Von besonderem Interesse sind Gebiete, in denen sich die lokale Selbstidentifikation über verschiedene Epochen hinweg herausgebildet hat.

In diesen Fällen zeigt sie sich sowohl in „offiziellen“, von den Machtstrukturen vermittelten, als auch in „inoffiziellen“, „von unten“ initiierten Formen und verfügt inzwischen über recht gefestigte kulturhistorische Traditionen.

Die soziokulturellen Merkmale der Phänomene territorialer Identität müssen erforscht werden, um die Prinzipien und Richtungen ihrer Transformation zu verstehen, um soziokulturelle Prozesse in den russischen Regionen vielseitig zu analysieren und, in größerem Maßstab, um die Tendenzen und Richtungen der Entwicklungsdynamik der modernen Gesellschaft zu verstehen.

Deshalb können wir sagen, dass es eine Kaliningrader Identität zweifellos gibt. Sie ist ein besonderes, einzigartiges Phänomen, das sowohl von den Bewohnern der Region selbst wahrgenommen als auch auf der Ebene zahlreicher überregionaler Stereotype vermittelt wird: „Kaliningrad ist Europa in Russland“, die Spannweite „von Kaliningrad bis Wladiwostok“, „Kaliningrad ist ein besonderer Ort“ und viele andere. Dieses Phänomen ist rational und emotional zugleich: Man muss es erforschen, man muss es verstehen, fühlen, lieben.


Dmitri Poljanski, Anthropologe (Kaliningrad)

Identität ist für die russischen Sozial- und Geisteswissenschaften ein neuer und, ich würde sogar sagen, modischer Begriff. Bis in die 1990er Jahre verwendeten die einheimischen Geisteswissenschaftler andere Begriffe: Selbstbewusstsein, gesellschaftliches Bewusstsein. Heute wird das Wort „Identität“, wie es mit Modebegriffen oft geschieht, recht chaotisch gebraucht, wobei verschiedene Bedeutungen, Kontexte und Analyseebenen vermischt werden.

Zumindest muss man stets zwischen individueller und kollektiver Identität unterscheiden.

Individuelle (personale) Identität ist die Ganzheit, die Selbstgleichheit der Persönlichkeit. Sie ist das Ergebnis des Selbstbewusstseins, das heißt der Wahrnehmung seiner selbst als einer eigenständigen und besonderen Wirklichkeit. Individuelle Identität wird als Intuition des „Ich“ erlebt.

Eine besondere Dimension der individuellen Identität ist das Bewusstsein des Individuums, verschiedenen realen und nominalen* sozialen Gruppen anzugehören (ich bin Kaliningrader, ich bin ein Mann, ich gehöre zur Mittelschicht, ich bin Russe, ich bin Sportler, ich bin Atheist, ich bin heterosexuell usw.).

Von hier aus ist es leicht, zur Bedeutung des Begriffs „kollektive (soziale) Identität“ überzugehen: Das ist das kollektive Gefühl verschiedener Menschen, einer ihnen gemeinsamen realen sozialen Gruppe anzugehören. Kollektive Identität wird als Intuition des „Wir“ erlebt (wir sind Kaliningrader, wir sind Russen, wir sind die Klasse 10A der Schule Nr. … usw.).

Die Herausbildung kollektiver Identitäten ist einerseits damit verbunden, dass verschiedene Menschen in gemeinsame Praktiken einbezogen sind, gemeinsame Schwierigkeiten überwinden, gemeinsame Ziele und Projekte verwirklichen.

Andererseits wird sie durch die Begegnung mit anderen kollektiven Identitäten gefördert und durch die Demarkationslinien „wir sind nicht sie, sie sind nicht wir“, die bei dieser Berührung entstehen. Und natürlich sollte man die Rolle staatlicher, kirchlicher und kommerzieller Strukturen nicht unterschätzen, die ideologische Instrumente zur Herausbildung kollektiver Identitäten in ihrem eigenen Interesse einsetzen können (man denke an den unlängst unternommenen Versuch, den „Sowjetmenschen“ zu schaffen).

Identität muss selbstverständlich erforscht werden. Das ist Teil des Prozesses der Selbsterkenntnis. Indem wir individuelle Identität erforschen, erkennen wir unmittelbar uns selbst. Indem wir kollektive Identitäten erforschen, erkennen wir die Gesellschaft, deren Teil wir sind, und untersuchen, aus welchen realen sozialen Gruppen sie besteht.

Im Grunde ist die Frage nach der kollektiven Identität der Kaliningrader die Frage, ob die Kaliningrader eine reale soziale Gruppe sind. Dass die Kaliningrader eine bedeutende nominale Gruppe sind, die nach einem objektiven territorial-administrativen Merkmal abgegrenzt ist, steht außer Zweifel.

Aber haben die Kaliningrader eigene, besondere, ihnen bewusste Interessen, Ziele, Werte und Praktiken? Ich würde vorsichtig sagen: Sie bilden sich gerade heraus.

Wenn es besondere Lebensbedingungen gibt (geografische, historische, wirtschaftliche, politische), entstehen bei den Menschen, die unter diesen Bedingungen leben, unweigerlich gemeinsame Schwierigkeiten und damit gemeinsame Interessen und gemeinsames Handeln. Dafür braucht es Zeit, und die Menschen, die in Kaliningrad und dem Gebiet leben, sind hier erst vor ganz kurzer Zeit zusammengekommen. Und wenn jemandem die Existenz einer besonderen Kaliningrader Wirklichkeit nicht einleuchtet, habe ich darauf nur eine Antwort: Nun, dann ist die Zeit eben noch nicht gekommen.


Anna Alimpijewa, Soziologin (Kaliningrad)

Im weiteren Sinne lässt sich Identität als eine Weise beschreiben, den eigenen Platz in der Welt und die eigene Einzigartigkeit gegenüber anderen zu bezeichnen. Sie ist die Antwort auf die Fragen „Wer bin ich?“ und „Wie bin ich?“. Man kann von Identität als einem integralen Merkmal der Persönlichkeit sprechen oder als einer von vielen Weisen, sich selbst zu definieren (ich bin ein Profi, ich bin ein Spaßvogel …). Unter den verschiedenen Arten von Identität interessiert mich als Soziologin besonders die soziale Identität: das Bewusstsein des Individuums, einer sozialen Gruppe anzugehören, das Ergebnis der Identifikation mit ihr, die die Übernahme ihrer Werte, Überzeugungen und Lebensweise als eigene nach sich zieht.

Soziale Identität beantwortet die Fragen „Mit wem bin ich?“ und „Die Ansichten, Werte und Vorlieben welcher Gruppe teile ich?“

Identität muss vor allem wegen der sozialen Probleme erforscht werden, die mit diesem Phänomen verbunden sind. Mir erscheinen die folgenden als äußerst wichtig.

Erstens die (Un-)Möglichkeit, Identität zu manifestieren, das heißt, sie zu zeigen und nach außen auszudrücken. In der modernen Gesellschaft sind die Rechte verschiedener Gruppen, ihre eigene Identität zu manifestieren, ungleich: In manchen Fällen ist es unerwünscht oder sogar gesetzlich verboten, Identität auszudrücken und öffentlich zu machen, in anderen wird es auf jede Weise begrüßt. Warum ist die Manifestation von Identität wichtig? Weil sie mit der Schlüsselfrage des Daseins in der Gesellschaft verbunden ist – der Frage der Anerkennung: Erkennt die Gesellschaft (der Staat) Sie, Ihre Bedürfnisse, Ihre Interessen an?

Die zweite wichtige Frage ist die nach dem Charakter und den Instrumenten der Identitätsbildung. Ist sie das Ergebnis des natürlichen Gangs der Dinge (die meisten von uns betrachten sich als Russen, weil sie in Russland geboren und aufgewachsen sind und dort leben), der freien Wahl (so kann ein ungetaufter oder orthodox getaufter Mensch als Erwachsener zum Katholizismus oder zum Islam übertreten) oder einer künstlichen Formung, eines Aufzwingens (so konnte ein junger Mensch in sowjetischer Zeit praktisch nicht vermeiden, zuerst den Pionieren und dann dem Komsomol beizutreten)?

Drittens die Diskriminierung im Zusammenhang mit verschiedenen Arten von Identität, die in unserer Gesellschaft leider weit verbreitet ist – aus ethnischen, religiösen, geschlechtsbezogenen und anderen Gründen –, sowie die Versuche, „richtige“ und „falsche“ Identitäten festzulegen.

Und schließlich viertens das Problem der Interaktion und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den Trägern unterschiedlicher Identitäten.

Wir beobachten derzeit eine so aktive Gegenüberstellung der einen sozialen Gruppen gegen die anderen – sowohl innerhalb des Landes (das sind „Patrioten“, und das ist die „fünfte Kolonne“) als auch mit Blick auf seine Beziehungen zur Welt, in der plötzlich fast alle zu Feinden Russlands geworden sind. Das erschwert die ohnehin komplizierte Frage, eine „gemeinsame Welt“, einen gerechten Gesellschaftsvertrag zu finden. Anstatt Identität als Instrument zu nutzen, um gemeinsame Interessen zu erkennen und Menschen wirklich zu vereinen, wird sie manipuliert, um Zwietracht und Aggression zu schüren.

Manche Identitäten haben stärkere Grundlagen, andere schwächere. Wenn es um den Wohnort geht, ist die Gemeinsamkeit der Interessen zumindest teilweise physischer Natur und in diesem Sinne objektiv. Die Kaliningrader sind Menschen, die in einer kleinen russischen Region leben, die geografisch vom übrigen Territorium des Landes getrennt ist und zudem erst vor relativ kurzer Zeit Teil dieses Landes wurde. Natürlich haben wir gemeinsame Probleme (zum Beispiel die Grenzen), die zwangsläufig unser Selbstgefühl und Selbstverständnis beeinflussen. Es wäre seltsam, diese geografische, historische und soziokulturelle Besonderheit der Region nicht zu bemerken, ebenso wie es seltsam wäre, das Vorhandensein eines besonderen Komplexes von Vorstellungen, Empfindungen und Vorlieben zu leugnen, die den Inhalt der Kaliningrader Identität ausmachen.


Wadim Tschaly, Philosoph (Kaliningrad)

Identität ist ein Fachbegriff aus dem Vokabular von Psychologen, Soziologen und Kulturwissenschaftlern. Außerhalb fachlicher Kontexte verliert er seinen Sinn und wird auf eine Stufe gestellt mit „Geopolitik“, „nationalen Interessen“, der „Weltverschwörung hinter den Kulissen“ und anderen Wörtern, die allzu oft in unaufgeräumten Küchen zu hören sind.

Der Identitätsbegriff hat philosophische Wurzeln: antike, bekannt als das „Theseus-Paradoxon“**, und moderne, die mit dem Nachdenken über die Epochen der Moderne und Postmoderne und die ihnen entsprechenden Veränderungen im Selbstverständnis des Menschen verbunden sind.

In äußerst vereinfachter, zugespitzter Form ist der Mensch der Moderne ein rationales, beständiges, mit sich selbst identisches Subjekt, der Mensch der Postmoderne hingegen ein irrationales, wandelbares und schwankendes, zufälliges Gefüge biologischer und soziokultureller Umstände, das in manchen Fachjargons Identität genannt wird.

Erstens wird Identität von Fachleuten erforscht, die die Eigenschaften menschlicher Gemeinschaften und deren Dynamik oder die Eigenschaften und Veränderungen der Persönlichkeit erfassen. Das ist eine akribische beschreibende Arbeit, die es uns, sofern sie strengen Kriterien der Wissenschaftlichkeit genügt, ermöglicht, die wichtige Frage „Wer sind wir?“ genauer zu beantworten.

Zweitens versuchen Ideologen, Identität zu manipulieren – Leute, die sich für „Hirten“ der Völker halten und sich berufen fühlen, das Menschengeschlecht zu behüten und zu bewahren, indem sie „richtige“ Identitäten konstruieren und „falsche“ bekämpfen. Mitunter endete dieser Kampf in Konzentrationslagern, deshalb muss man die Ideologen erforschen und ihren Eifer dämpfen.

Drittens befasst sich jeder denkende Mensch auf seine Weise mit dem, was man Identität nennen kann, sofern er mit Sokrates der Ansicht ist, dass nur ein verstandenes Leben es wert ist, gelebt zu werden.

Die antike Maxime „Erkenne dich selbst“ verlangt, Ordnung in die eigenen Werte, Ziele, Überzeugungen und Sinngebungen zu bringen. Mag auch vieles in uns zufällig sein, so sind wir doch imstande, Schädliches und Überflüssiges auszusondern, Würdiges zu pflegen, Wesentliches von Nebensächlichem zu unterscheiden. Ein Mensch, der nicht selbst Hygiene seiner Weltanschauung betreibt – das, was Michel Foucault „Technologien des Selbst“ nannte –, bedarf der Bevormundung und wird zum Gegenstand von „Technologien der Macht“.

Über die Kaliningrader Identität kann man natürlich sprechen, aber das sollten Fachleute tun. Allzu viel wird darüber von Leuten geredet, die nicht über ein minimales begriffliches Instrumentarium verfügen und sich nicht die Mühe machen, Fakten zu sammeln und zu analysieren.

Gleich einem hypochondrischen Dilettanten, der, bewaffnet mit einem dicken medizinischen Nachschlagewerk, auf Anhieb ein Dutzend schwerer Diagnosen zu stellen vermag, produzieren sie Phantasmen, die fiktive Bedrohungen ausmalen und den Durchschnittsbürger grundlos ängstigen. „Germanisierung“, „Separatismus“ – das alles ist Gerede über Reptiloiden und fliegende Untertassen verwandt, und ein akademischer Grad derer, die es führen, ist ein erschwerender Umstand.

Selbstverständlich hat die Kaliningrader Identität gewisse Besonderheiten. So ist der sprichwörtliche „Kaliningrader“ Zeuge des Zusammenbruchs gleich zweier utopischer Ideologien der Moderne: Die materielle Umwelt bewahrt die Spuren des Scheiterns des fremden nationalsozialistischen Projekts, die immaterielle die Leere nach dem Zusammenbruch des sowjetischen, das das eigene war. Das Ergebnis dieser Erfahrung müsste im Prinzip ein besonders tiefes Misstrauen gegenüber „großen Ideen“ und Ideologien sein. Ein solches Misstrauen macht das Wesen der bereits erwähnten „Epoche der Postmoderne“ aus, sodass sich der „Kaliningrader“ als recht gutes Material für die Erforschung dieses großen und populären Themas erweist.

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* Eine nominale Gruppe ist eine Gesamtheit von Menschen, die von einem Forscher künstlich nach einem bestimmten Merkmal abgegrenzt wird. Gewöhnlich wird eine solche Gruppe zu Erfassungszwecken gebildet; in Wirklichkeit interagieren diese Menschen nicht miteinander. (Zum Beispiel: Pizzaliebhaber, Menschen mittleren Alters.) Eine reale Gruppe ist eine Gesamtheit von Menschen, die auf der Grundlage ihnen bewusster gemeinsamer Interessen und Ziele regelmäßig miteinander interagieren. (Zum Beispiel: eine Schulklasse, ein Arbeitskollektiv, eine Partei, eine Kirchengemeinde.)

** Das „Theseus-Paradoxon“ lautet: „Wenn alle Bestandteile eines ursprünglichen Gegenstands ersetzt wurden, bleibt der Gegenstand dann derselbe Gegenstand?“


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.