LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
I.
Das Leben auf dem Dorf, in einer kleinen Stadt oder in einer Großstadt hat seine eigenen Reize und bietet dem Beobachter reichen Stoff zum Nachdenken. Das Land wird uns stets an den Urzustand der Menschheit erinnern, ungeachtet des modernen Luxus, der auch hier, auf den reichen Gütern, Einzug gehalten hat. Nicht wenig Nahrung für Geist und Betrachtung vermag uns das Leben der Provinzstädtchen zu geben. Die große Metropole schließlich schenkt uns nicht selten die ganze Welt an einem einzigen Ort, besonders wenn es eine Hafenstadt ist.
Ich gestehe, dass in einer so schönen Stadt wie Königsberg in Preußen, die im Reisenden stets neue Empfindungen weckt, mein liebster Spaziergang der zum Hafen ist, zu den Schiffen. Die Eindrücke, die ich hier zu jeder Tageszeit empfange, tragen mich weit über die Grenzen des Kontinents hinaus und verbinden mich mit fernen überseeischen Ländern und ihren Bewohnern.
Der Hafen reicht bis mitten ins Zentrum Königsbergs, was bei Hafenstädten recht selten vorkommt. Hier kann man Skandinavier, Holländer, Engländer, Amerikaner, Franzosen sehen – kurz, alle Nationen, die den Erdball bevölkern. Sie sehen und etwas über sie erfahren.
Man geht durch eine der schönsten Straßen der Stadt, durch das sogenannte Grüne Tor1, auf die Brücke, die den Kneiphof mit der Vorstadt verbindet, und wird sofort von einem außergewöhnlichen Schauspiel gefangen genommen. Zur Rechten erstreckt sich eine ungewöhnliche Stadt, deren Häuser Schiffe sind. Sie hat ihre eigenen Straßen, Gassen und Sackgassen, die sich mit offenen Flächen abwechseln, die unseren Blick bis zum Horizont führen. Die Hafenstadt verschwimmt zauberhaft in der bläulichen Tinte der Dämmerung und am Mittag im Gold der Sonne. Am Ende der Brücke biegen wir rechts um die Ecke und gehen auf dem Bastionswall entlang. Welch ein unvorstellbares Gemisch von Gerüchen, Klängen, Mundarten, Trachten, Gebärden, Haltungen und Tätigkeiten umgibt uns! An den Flaggenmasten der vielen Schiffe flattern, im Wind knatternd, Tausende von Flaggen, Standarten und Wimpeln in allen Farben des Regenbogens. Unter all diesen weißen, roten, orangefarbenen, blauen und grünen Flaggen findet sich auch eine besondere, mit einer Streuung von Sternen auf blauem Grund. Es ist die seltene Flagge eines amerikanischen Schiffes, das den Atlantischen Ozean überqueren musste, um hierher zu gelangen.
Betrachten wir nun unsere Schiffsstadt noch aufmerksamer, um sie näher kennenzulernen, so ziehen außer den Deutschen (vorwiegend Bewohnern von Königsberg, Memel, Stettin und Hamburg) Dänen, Schweden und Norweger unsere Aufmerksamkeit auf sich. In der Regel spiegelt sich der unterschiedliche Charakter der europäischen und außereuropäischen Völker schon in den Namen der Schiffe wider.
Von ihren Decks dringen die verschiedensten Mundarten und Aussprachen zu uns herüber. So besitzen die Sprachen der Skandinavier einen ganz eigentümlichen Wohlklang. Wir erkennen in ihnen sofort das germanische Element, das freilich mit etwas schwer Bestimmbarem vermischt ist.
Die Schiffe der Skandinavier sind recht schlicht und einfach. Bug und Heck sind bei ihnen rechteckig. Sehr oft sind sie außerordentlich klein. Unwillkürlich staunt man darüber, wie die skandinavischen Seeleute bei all ihrer Gewandtheit es wagen, mit solchen Nussschalen ähnlichen Fahrzeugen aufs offene Meer hinauszufahren.
Man denkt an die Fahrten der alten Normannen, dieser Araber des Nordens, mit ihrer Abenteuerlust und einem Wagemut, der sie gewaltige Entfernungen überwinden ließ.
Einen ganz anderen Eindruck machen auf uns die holländischen Seeleute. Stämmig gebaut, sind sie gemächlich, beinahe phlegmatisch. Und ihre Schiffe gleichen ihren Herren. Solide gezimmert, massiv, an Bug und Heck abgerundet, sind sie aus hartem, kernigem Holz gebaut. Man kann sie mit den runden holländischen Hartkäsen vergleichen, die in der Regel an Bord der Holländer befördert werden.
Man muss einen holländischen Kapitän inmitten seiner Matrosen gesehen haben, um sich mühelos ganz Holland mit seiner sauberen, behaglichen kleinen Welt und seiner phlegmatischen Gemächlichkeit vorstellen zu können. Ein solcher Kapitän unternimmt niemals eine Fahrt allein mit seinen Matrosen, nein – er hat die ganze Familie an Bord, die alles Nötige bis hin zum Kinderspielzeug mitgenommen hat. Auf einem holländischen Schiff gibt es einen großen Tierbestand: Hunde, Katzen, Enten, Hühner, und dabei, das muss man sagen, werden Sauberkeit und Ordnung heilig gehalten. Beobachtet man eine solche Familie an Deck, wie sie nach dem Mittagsmahl unter einem zierlichen Sonnendach ruht, so muss man unwillkürlich den Geschmack und die derbe Naivität der Malerei der niederländischen Maler als ganz der Wirklichkeit entsprechend anerkennen.
Mann und Frau sitzen im Familienkreis mit Kind und Kegel und verdauen geräuschvoll die verzehrte Speise. Freilich steht dies in völligem Widerspruch zu dem, was wir unter Anstand und guten Manieren verstehen. Gewöhnlich zeugt solches Aufstoßen davon, dass mit dem Magen etwas nicht in Ordnung ist. Der Holländer aber, ob Mann oder Frau, findet es ebenso natürlich wie, sagen wir, einzuatmen oder erleichtert auszuatmen.
Die holländischen Damen sind sehr malerisch gekleidet. In der Regel sind sie von beleibter Gestalt. Die Frauen tragen gewöhnlich ein schwarzes Kleid mit reichem Faltenwurf und eine weit geschnittene Jacke ohne Kragen. Besonders eigenartig ist der Kopfputz der Holländerin. Die eng am Kopf anliegende Haube, mit feinster Brabanter Spitze geschmückt, ist zu beiden Seiten mit großen goldenen Spangen befestigt, die von weitem funkeln wie ein tief herabgezogenes Diadem. Und diese ganze Tracht hinterlässt zusammen mit den goldenen und brillantbesetzten Ringen an den Fingern einen Eindruck von Gediegenheit und Reichtum.
Vor dem Hintergrund dieses schwarzen, in goldenen Lichtern funkelnden Damenflors, dem sich bescheiden die männliche Hälfte in schwarzen Fräcken anschließt, heben sich scharf die roten Blusen der auf dem Schiff geschäftigen Matrosen ab. Doch worin besteht ihre Arbeit?
Sie sind damit beschäftigt, ihre Eimer mit Wasser zu füllen, um es überall auszugießen, wo es nur geht. Ihre Aufgabe ist, dass auf dem Schiff alles und jedes glänzt und blitzt. Eine solche Reinlichkeitsmanie ist beispiellos. Ober- und Unterdeck, Bug und Heck des Schiffes, die Kajüten des Kapitäns und der Matrosen, Fenster und Türen, Boden und Decke werden gereinigt, gespült, gewachst, abgewischt und geputzt, jeden Tag, von morgens bis abends.
Der Spiegelglanz und die Politur aller Flächen der Schiffe aus den Niederlanden lassen sich mit dem Parkett der vornehmen Salons der Großstädte vergleichen. Die hellblauen, rot eingefassten Wasserfässer, die in ordentlichen Reihen an Deck stehen, sehen so appetitlich aus, als hätte sie ein Konditor eben aus Zucker geformt, und die Kajüte des Kapitäns mit ihren blitzenden Spiegelfenstern, mit Blumentöpfen vollgestellt und mit schneeweißen Vorhängen zu beiden Seiten, erinnert an das Zimmer einer Neuvermählten.
Einen schroffen Gegensatz zum holländischen Schiff, das so sauber ist wie ein Rotterdamer Backsteinhäuschen, bildet sein Nachbar – ein dreimastiges englisches Schiff von gigantischen Ausmaßen. Sein schwarzer Bugspriet2 ragt weit über die Bordwände hinaus wie das drohende Zepter Neptuns. Der Engländer ist ganz mit Kohlenstaub bedeckt, als käme er gerade aus dem Pulverdampf einer Seeschlacht, wenn nicht gar aus der Unterwelt selbst. Sogar seine Segel sind von diesem Anthrazitstaub dunkel geworden und blicken uns furchterregend an wie das Schiff des heimkehrenden Theseus, der vergessen hatte, statt des schwarzen das weiße Segel zu setzen3. Das englische Schiff bezeugt auf den ersten Blick, dass wir es nicht mit irgendwem zu tun haben, sondern mit Britannien, der Herrscherin der Meere. Vom Spiegelheck bis zum Kiel, vom Großmast mit seinen Mastkörben bis zum kleinsten sorgfältig geflochtenen Tau zieht sich wie ein roter Faden die Idee des Festen, Praktischen, Bequemen. Hier herrscht nicht Kleinkram, sondern eine Praxis, die reale Ziele verfolgt und sie erreicht; eine Ordnung, bei der jedem Nagel sein Platz zugewiesen ist und der letzte Küchenjunge in der Kombüse für jeden Lappen verantwortlich ist.
Das ganze Schiff ist von gewaltiger Größe. Dennoch fällt trotz der stattlichen einzelnen Teile sofort die Leichtigkeit, ja die Anmut der Konstruktion ins Auge. Das Schiff gleitet mit beneidenswerter Schnelligkeit elegant über die Wellen. Und die britischen Seeleute! Wie oft haben Maler sie auf ihren Gemälden dargestellt! Es ist ein Menschenschlag, der nicht seinesgleichen hat. Man könnte meinen, nicht eine sterbliche Frau, sondern das Meer selbst habe sie geboren, so eins sind sie mit dem Element des Meeres.
Der Seemann von Albion ist bei der Arbeit flink, beweglich, listig wie die Welle, doch wenn er in der Hafenkneipe ruht, versinkt er in schweigsames Grübeln – wie das Meer, wenn Windstille eintritt. Nach seiner unnahbaren Miene könnte man meinen, er labe sich an Beefsteaks und Porter, während er sich in Wirklichkeit mit einer bescheidenen Mahlzeit aus Pökelfleisch, Zwieback und einer Ration Branntwein begnügt.
Man muss ihn in diesen beiden Zuständen gesehen haben, in Bewegung und in Ruhe, um sich ein richtiges Bild von ihm zu machen. Es ist eine Freude, ihn dort oben zu sehen, selbst dann, wenn das Schiff über die Wellen fährt. Die Takelage eines englischen Segelschiffs ist ein wahres Labyrinth aus Tauen, Leinen und Trossen. Kein Seiltänzer würde hier seinen Weg finden, und schon gar nicht, wenn er sich plötzlich auf dem mittleren Mast befände, dessen Höhe oft hundert Fuß beträgt, mit diesem aus Tausenden und Abertausenden von Leinen geflochtenen Netz ringsum und den unten gähnenden dunkelblauen Tiefen des Meeres.
Der englische Matrose dagegen läuft oder vielmehr fliegt durch all dieses Geflecht mit derselben Leichtigkeit und Sicherheit wie eine Spinne durch ihr Netz. Ganz oben angelangt, schaukelt er, angebunden, eine Weile auf der äußersten Spitze des Mastes, offenbar aus reinem Übermut. Er schwebt in der Luft wie in einer Hängematte und steigt dann ebenso flink und fröhlich an einem Tau wieder herab.
Am Sonntag herrscht auf einem englischen Schiff völlige Stille und Menschenleere. An diesem Tag regen sich nicht nur die Menschen, sondern selbst die Mäuse, ja sogar die Holzwürmer nicht und dürfen sich nicht regen. Alle Kajüten sind leer. An Deck ist alles aufgeräumt, nur der Kohlenstaub liegt wie gewöhnlich auf allem. Und irgendwo in einer Ecke sitzt meist ein alter Mann und liest im Gebetbuch oder in der Bibel. Nach dem Mittagessen sitzen die Matrosen in Gruppen mit verschränkten Armen oder blicken, auf das Deck gestützt, mit starrem Blick über Bord. Allerdings sehen sie dort wohl kaum etwas. Der englische Seemann ist in sich versunken, er wandert in Gedanken durch Old England. Es ist ein Zustand behaglicher Selbstbetrachtung, vergleichbar dem Behagen mancher Tiere, wenn sie wiederkäuen. Der englische Seemann kaut Tabak und ist mit seinen Gedanken irgendwo weit, weit weg von hier.
Doch dieses englische Segelschiff steht freilich an Festigkeit der Konstruktion, an gewaltiger Größe, an Eleganz und Pracht der Ausstattung dem mächtigen Amerikaner nach, der gleich daneben vertäut ist. Auch er ist ein Segler, und wenn er unter vollen Segeln über den Ozean fährt, scheint es, als schwebe ein mächtiger Kondor mit ausgebreiteten Schwingen über der Prärie. Jetzt aber sind seine Segel eingeholt, und in diesem Zelt aus Segeln könnte ein ganzes Bataillon Soldaten bequem Platz finden.
Der Segler ist aus New York zu uns gekommen und nimmt hier, im Königsberger Hafen, Auswanderer an Bord. Europamüde Menschenmengen streben in die ferne überseeische Stätte ihrer Wünsche und der Verheißungen einer glücklicheren Zukunft.
Masuren und Litauer in ihren Volkstrachten haben es sich ungeniert neben dem Steuerrad bequem gemacht und verzehren die Reste ihres kärglichen Mittagessens. Ein junger Zimmergeselle mit prächtigem Vollbart, aber in schlechtem Anzug klagt oben an Deck, er habe seine Überfahrt mit Arbeit auf dem Schiff bezahlen wollen, doch der Kapitän habe es ihm rundweg abgeschlagen. Gleich daneben, am hinteren Mast, steht mit unerschütterlicher Miene der Kapitän selbst. Seine gedrungene Gestalt scheint wie aus Gusseisen gegossen. Der breitkrempige Filzhut ist tief über die Ohren gezogen, der Blick durchdringend, er überlegt etwas. Sein rotes, wohlgenährtes Gesicht ist von tierischem Ernst, die Hände stecken tief in den Seitentaschen. Matrosen mit dichtem Backenbart, entblößter Brust und glänzenden flachen runden Hüten, von denen lange Bänder herabhängen und im Wind flattern, wickeln die Taue ab.
Über die Brücke marschiert unter den Klängen einer Militärkapelle preußisches Militär. Ohrenbetäubender Trommelwirbel ertönt, das Regimentshorn bläst. Glied um Glied zieht vorüber, jeder Krieger stramm wie eine Saite. Matrosen und Kapitäne der Schiffe, selbst der englischen, stellen sich auf Fässer und Pumpen, klettern auf Treppen und Masten, um die Soldaten besser zu sehen und nichts von dem Schauspiel zu verpassen, das sich vor ihnen entfaltet. Nur den amerikanischen Matrosen ist es gleichgültig, sie arbeiten, ohne sich ablenken zu lassen, weiter, nur der Kapitän bohrt seinen starren Blick in die Preußen, die an ihnen vorbei über die Brücke ziehen.
Der Marsch der Soldaten ist vorüber, und die Menge am Ufer wechselt auf die andere Seite der Bastion hinüber, um einen englischen Schraubendampfer zu besichtigen, der vor einiger Zeit angekommen ist. Jetzt werden dort Waren an Bord geladen. Der ganze Vorgang sieht recht drollig aus: Von einem der Speicher bis zu den Laderäumen des Schiffes hat sich eine lebhafte Kette aus Männern und Frauen aufgestellt. Sie werfen einander graugrüne viereckige Platten landwirtschaftlichen Düngers zu. Die Ladung wird unglaublich schnell im Laderaum verstaut, und das Schiff sinkt unter ihrem Gewicht mit jeder Minute tiefer ins Wasser. Dieser Dampfer ist eine Art Musterstück des Schiffbaus. Jedes Detail ist vortrefflich ausgearbeitet, aus gutem Eisenblech gefertigt, so dass das ganze Fahrzeug außerordentlich fest ist. Kein Holzwurm vermag diesen Panzer zu durchbohren. Die Flusswellen spiegeln sich zauberhaft in dem schwarzen Metallrumpf, über dem sich wie ein Glockenturm ein roter Schornstein von ungewöhnlicher Dicke erhebt. Der Name des Schiffes ist „Countess of Durham“4.
Festlich gekleidet, als gingen sie nicht zu einem Spaziergang in den Hafen, sondern in die Kirche, drängen sich Menschenmengen zu beiden Seiten in den Gängen des Schiffes. Die Helme des Kürassiers und des gemeinen Soldaten stehen neben dem grünen Schleier einer vornehmen Dame, neben einem einheimischen Dandy nach der allerneuesten Mode ist ein polnischer Jude im langen Gewand zu sehen.
Jeden treibt derselbe Wunsch: an Bord des Schiffes zu gelangen und den Schraubenmechanismus dieses Meereswunders zu sehen. Die Geschwindigkeit des Dampfers auf seiner Fahrt über die Wellen ist so groß, dass das schnellste Segelschiff im Vergleich zu ihm geradezu kriecht wie ein Reptil über den kaum feuchten Grund eines ausgetrockneten Kanals.
Manchmal bemerken wir in unserem Hafen auch Franzosen und Portugiesen; sie kommen allerdings seltener hierher. Auf kleinen Fahrzeugen bringen sie uns Weine, vorwiegend aus Bordeaux. Vor einiger Zeit wurde hier sogar ein Schiff von den Azoren gesichtet, an dessen Bord nicht nur schwarzgebrannte, sondern richtig schwarze Matrosen waren.
Stellen wir uns ganz an den Rand des Bastionswalls und blicken wir uns um, so sehen wir ein herrliches Panorama der Stadt, die sich längs des majestätischen Flusses ausbreitet. Dort in der Ferne, im Nordwesten, am gegenüberliegenden Ufer, ist der Turm der berühmten Bessel-Sternwarte zu sehen. Trotz der hellen Sonne sind ihre Lichtluken geöffnet. Sie gleichen den Augen eines seltsamen Wesens von einem anderen Planeten. Aus diesen Öffnungen recken sich, wie die Fangarme eines nie gesehenen Ungeheuers, die verschiedensten astronomischen Instrumente zum Himmel.
Am anderen Ufer des Pregels befindet sich der Platz, an dem die Schiffe ihren Ballast abwerfen. Ein Sprichwort sagt: „Niemals kommen Steine, Berge und Bäume ferner Länder zusammen, wohl aber die Menschen.“ Hier jedoch sehen wir eine Ausnahme. Gerade an diesem Ort vermischt sich die Erde aus den entlegensten Winkeln unseres Planeten: Der Sand der Gironde5 trifft auf den Kalkstein der Felsen der englischen Grafschaft Northumberland, der Schiefer Schwedens auf den Mahagonistaub Brasiliens. Und sie alle verschwinden unter Bergen einheimischen Sandes.
Die Schiffswerft liegt weiter rechts. Dort brennt und raucht ununterbrochen, zu jeder Jahreszeit, etwas: Kiele werden behauen, Planken gebogen, Decksbalken gerichtet, Schiffe kalfatert, geteert und vom Stapel gelassen.
Ein Stapellauf ist ein wahrhaft erhabenes Schauspiel: Das mit grünen Kränzen geschmückte Schiff gleitet unter dem Freudengebrüll der Menge auf dem Oberdeck über die eingeseiften Helling und berührt zum ersten Mal den Wasserspiegel, um sich nie mehr von ihm zu trennen.
Vielleicht war es gerade hier, an dieser Stelle, wo der berühmte Königsberger Mystiker Johann Schönherr6 unter großem Zulauf des Volkes sein Geschöpf vom Stapel ließ – ein seltsames Schiff, das er nach vielen Jahren des Nachdenkens und Berechnens nach dem Vorbild der Arche Noah gebaut hatte und mit dem er aufs offene Meer hinausfahren wollte, vielleicht um das verlorene irdische Paradies wiederzufinden. Doch seine großartige Erfindung zeigte, einmal im Wasser, leider keinerlei Fähigkeit, sich fortzubewegen. (Somit musste der Besuch der paradiesischen Gefilde verschoben werden.)
Und dort drüben, in der Gegend der Straße Lizentgraben7, wo die Dampfer auf Reede liegen, lebte einst der geniale Johann Georg Hamann8, der sich selbst den Magus des Nordens nannte...
Wir aber biegen zum Ufer des Pregels ab, wo es außer den Schiffen noch manches zu sehen gibt. Dort an der Ecke ragt das Haus des französischen Konsuls auf, mit eigentümlichen Zinnen als Dachschmuck und vorspringenden Balkönchen. Weiter liegen die Speicher, deren kolossale Lagerräume im Vergleich zu den alten Speichern vom Fortschritt der Bautechnik zeugen. In der Umgebung dieser riesigen Faktoreien wüteten zu verschiedenen Zeiten gewaltige Brände, die man allenfalls mit den Bränden von Pera9 und dem alten Istanbul vergleichen konnte. Sie drangen wie aufrührerische rote Janitscharen sogar in die Vorstädte ein. Diese Heimsuchungen haben erst vor kurzem aufgehört, doch für wie lange?
Näher zu uns öffnet sich ein Raum, der die gesamte Landschaft unseres Wasserprospekts sehr belebt. Auf einem riesigen Platz sind saubere weiße Tücher ausgebreitet, auf denen hohe Berge der gesegneten Früchte der Ceres10 aufgeschüttet sind: Hafer, Gerste, Erbsen, Mais. Hier werden sie gesiebt und gereinigt, bevor man sie auf die Schiffe verlädt. Männer mit Schaufeln werfen den Mais in die Luft: Von oben ergießt sich reichlich ein goldener Regen aus Maiskörnern, und die leichtere Spreu trägt der Wind davon.
II.
Unter den vielfältigen Lebensszenen, an denen eine Hafenstadt so reich ist, gibt es viele Situationen sowohl komischer als auch tragischer Art. Komödie und Tragödie sind im Leben eng miteinander verbunden, und alles, was es braucht, ist eine kunstfertige Feder, um das Geschehen zu beschreiben.
Ein Sommermittag. Wir befinden uns auf der Bastion am linken Ufer des Pregels. Plötzlich taucht eine riesige Menschenmenge auf. In ihr haben sich Vertreter der verschiedensten Stände vermischt. Die Menge hat einen großen Kreis gebildet. Wir drängen uns hinein und sehen in der Mitte einen Mann im Zustand höchster Erregung, in Verwirrung, der unser Mitgefühl, unser Mitleid und unsere Unterstützung verlangt.
Der Mann läuft auf und ab, ringt die Hände und schlägt sich so an die Stirn, dass der Hut herunterfällt. Er ist offenbar ein Holländer, und zwar ein Schiffskapitän. Übrigens ragt nicht weit entfernt der Mast eines Schiffes auf, an dem weit die Flagge dieses Königreichs weht. Unser Kapitän bleibt stehen, droht jemandem mit der Faust ins Leere und scheint gleich, zu den Zuschauern gewandt, in eine zornige Tirade auszubrechen, doch da stockt ihm der Atem, und er bringt mit Mühe nur heraus:
Myne Heeren, öss dat moenslik?
was in unser respektables Hochdeutsch übersetzt heißt: „Meine Herren, ist das denkbar?“ Dem Unglücklichen scheint etwas nicht einfach Seltsames widerfahren zu sein, nein, etwas so Empörendes, alles Denkbare und Undenkbare Übersteigendes, dass dem armen Seemann die Worte im Halse stecken bleiben. Er stampft mit den Füßen, springt wie von der Tarantel gestochen, ringt die Hände, schüttelt sie und wiederholt immer schneller, wie ein verdorbenes Uhrwerk, sein:
Myne Heeren, öss dat mönslik?
Was für ein ungeheuerliches, nach Rache schreiendes Ereignis hat sich hier zugetragen? Wir alle sehen einander an, fragen einander aus, wollen helfen, die Gerechtigkeit wiederherstellen. Doch niemand weiß, wie dem Unglücklichen zu helfen ist, so leidenschaftlich er uns auch fragt. Die Leute ringsum tuscheln, wundern sich, versuchen einzugreifen, sagen etwas wie der Chor in einer griechischen Tragödie, ohne dabei die geringste Ahnung vom Geschehenen zu haben. Einige äußern schon laut die Vermutung, dieser Mensch habe den Verstand verloren, und schlagen vor, Ärzte zu holen. Doch nach und nach klärt sich die Sache auf.
Am Vortag waren die Matrosen eines dänischen Schiffes mit der Mannschaft eines holländischen Schiffes, das daneben vor Anker lag, in einen Wortwechsel geraten. Der Wortwechsel wuchs sich zu einem erbitterten Streit aus, und die Dänen beschlossen – selbstverständlich ohne Wissen ihres Kapitäns –, den Holländern so übel wie möglich mitzuspielen.
Als am nächsten Tag die holländischen Seeleute mit ihrem Kapitän an der Spitze in die Stadt gegangen waren und kaum noch jemand auf dem Schiff geblieben war, drängten die Dänen, mit ihrem Schiff manövrierend, das holländische Fahrzeug so an die Kaimauer, dass der städtische Abwasserkanal genau über den ordentlichen, sauberen holländischen Wasserfässchen zu liegen kam. Das böse Los wollte es, dass an diesem Tag alle Wasserfässer gelüftet wurden und offen standen. Wir haben oben schon erwähnt, welche Ordnung auf den Schiffen herrscht, die aus dem lebkuchensauberen Amsterdam zu uns kommen. In diesen Fässern plätscherte jungfräuliches, frischestes Quellwasser zum Kochen und Trinken, sorgfältig gesammelt und gefiltert. Die Dänen hatten den Zeitpunkt sehr genau gewählt, da ihr Schiff noch keine Ladung an Bord genommen hatte und folglich sehr leicht und wendig war, mit hohen Bordwänden, während das holländische Schiff, ohnehin schon seiner Bauart nach schwerfällig, bis zum Rand beladen war und sich kaum über Wasser hielt. Das Geschehene wurde von der holländischen Mannschaft erst nach einigen Stunden entdeckt.
Ein Spaßvogel und Freund von Zitaten könnte hier, leicht abgewandelt, die bekannten Worte unseres großen Dichters11 zitieren:
„Wem das böse Los gefallen,
Eines Feindes Feind zu sein...“
Dass der holländische Kapitän nach einem so gemeinen Streich die Sprache verlor und sich lange nicht beruhigen konnte, ist durchaus verständlich. Seine Mannschaft musste den ganzen Inhalt der erwähnten Fässer ausgießen, sie innen und außen scheuern, ausräuchern und von neuem auskochen. Wer könnte daran zweifeln?! Und eigentlich hätte man diese Fässer in Stücke schlagen, dem Feuer übergeben, vom Erdboden tilgen und das Schiff selbst verkaufen müssen – und sei es mit Verlust. So verlangt es der Nationalstolz der Holländer, ihr Streben nach Sauberkeit. Und auf die Frage, die der Kapitän unaufhörlich wiederholte, ob das, was man ihm angetan hatte, „denkbar“ sei, hätten wir natürlich so antworten müssen: „Das ist alles menschlich, leider allzu menschlich...“12.
III.
Das Hafengebiet in Königsberg bietet uns auch die Gelegenheit, die Schifffahrt in ihrem beinahe ursprünglichen Zustand zu sehen. Und die Hauptakteure sind hier ein Menschenschlag, der alljährlich aus Russisch-Polen unter dem Namen Dzimken13 zu uns herabfährt.
Auf die Ankunft dieser Wassernomaden im Sommer kann man ebenso sicher rechnen wie auf die Rückkehr der Zugvögel im Frühling. Sie kommen im Juni und ziehen Anfang September wieder ab. Meist stammen sie aus dem Bezirk Wilna, aus den Gegenden von Kowno, Troki, Medniki, Jurburg, Smorgon, Kiejdany, Kroge14 und sind überwiegend arme Landbewohner.
Ihre Wasserfahrzeuge und Liegeplätze bieten eigenartige und zugleich frische Bilder, denen man das Malerische nicht absprechen kann, besonders wenn man sie mit den modernen Schiffen der Engländer und Amerikaner vergleicht. Ihre Fahrzeuge sind Flöße, die den Namen „Wittinen“ tragen. Die Wittinen sind oft 500 bis 600 Fuß lang und mehr. Wenn man von weitem die auf dem Wasser herannahenden Floßkarawanen der Dzimken sieht, hat man den Eindruck, als schwimme eine Hügelkette heran, ein Waldrücken, eine ganze Siedlung mit Häusern, Bauten und ihren Bewohnern. Die schwimmende Insel bewegt sich und bewegt sich und scheint niemals zu enden.
Endlich endet sie, doch hinter ihr folgt eine neue Insel von ebenso unglaublicher Länge. Es scheint, als vollziehe sich eine große Völkerwanderung zu Wasser. Wilde, raue Stimmen sind zu hören. Gut möglich, dass einst die Hunnen einander so kehlig zuriefen. Die Flöße der Dzimken treiben manchmal so langsam, dass ihre Bewegung kaum wahrzunehmen ist, da die Strömung des Pregels für diese gewaltigen Gebilde zu schwach ist. Die Argonauten der alten Griechen hatten, so unvollkommen ihre Schiffe auch waren, den Vorteil, dass sie sie von Zeit zu Zeit über Land tragen konnten, aber selbst Herakles hätte sich keine Wittine auf die Schultern geladen und sie von Kowno hergeschleppt. Die längsten Wittinen lässt man nicht in den Königsberger Hafen, denn sie nehmen einen gewaltigen Raum ein, auf dem 4–5 große Seeschiffe Platz finden könnten. Einige dieser Flöße mittlerer Größe liegen direkt vor uns, und wir können sie samt ihren Bewohnern in allen Einzelheiten aufmerksam betrachten.
Diese schwimmenden „Inseln“ haben willkürliche Formen; alles an ihnen ist notdürftig zusammengezimmert, und dennoch entsprechen die Wittinen ganz ihrem Zweck, freilich ohne irgendwelche logischen Proportionen, von Symmetrie ganz zu schweigen.
Der Wittine liegt etwas zugrunde, das an einen Lastkahn oder eine Fähre erinnert, und doch gleicht sie im Ganzen sehr einem einfachen Floß, dessen Stämme keineswegs dicht miteinander verbunden sind, so dass das Flusswasser in Strömen durch die Ritzen schießt.
Ein unvorsichtiger Schritt – und man läuft leicht Gefahr, mitten auf dem Floß zu ertrinken. In der Mitte der Wittine steht ein Pfosten. Er ist hier der höchste und trägt eigentlich den ganzen Aufbau. So hat das Dach in der Mitte seinen höchsten Punkt, fällt dann aber mit zwei Schrägen nach beiden Seiten ab, gestützt von anderen Pfosten verschiedener Höhe.
Das Dach dieses langgestreckten, aus Brettern und Latten zusammengezimmerten Baus ist mit Matten gedeckt und mit Baumrinde bestreut. Von Fenstern und Türen ist keine Rede, stattdessen sieht man kleine und große offene, viereckige Löcher, aus denen hier und da die Köpfe der Dzimken herausschauen – genau wie die Köpfchen von Küken, die aus dem Gefieder einer aufgeplusterten Glucke hervorlugen.
Der beste Raum auf der Wittine ist die Kajüte des Kapitäns neben dem Steuerruder, das heißt eines polnischen Juden mit langem Bart, zwei bis auf die Schultern herabfallenden Schläfenlocken, in einem schwarzen Mantel, der bis zu den Stiefeln reicht, und mit einem langen Stock in der Hand. Beim Bau der Kapitänskajüte zeigt der Zimmermann seine ganze Kunst. Er hat eine Art Zimmer eingerichtet, dessen Wände schief nach allen Seiten abstehen. In der behelfsmäßigen Eingangstür gibt es sogar ein Guckloch von der Größe eines kleinen Rasierspiegels.
Der Boden besteht hier wie auf dem offenen Deck aus miteinander verbundenen unbehauenen Baumstämmen, und auch hierher sickert ständig Wasser. Es muss mehrmals bei Tag und Nacht ausgepumpt werden. Die Mitglieder der Besatzung müssen wie Galeerensklaven ihr Floß über Wasser halten, indem sie unablässig Wasser schöpfen, um nicht zu ertrinken.
Die Dzimken nehmen diese Unbequemlichkeit als etwas Selbstverständliches hin. Sie stehen dem Tod gleichgültig gegenüber und sind in ihrem Dasein so sorglos, dass manche von ihnen bisweilen auch ertrinken, wenn sie im Dunkeln, von Alkoholdünsten berauscht, mit den Füßen in die Zwischenräume zwischen den Stämmen des Floßes geraten und hilflos in den Tiefen des Wassers verschwinden.
Am anderen Ende der Wittine gibt es einen freien Platz, wo sich die Pumpe befindet; daneben steht ein langer Trog, aus dem die Dzimken mit langen Holzlöffeln oder mit bloßen Händen vor den Augen zahlreicher Zuschauer, die sich auf der Bastion drängen, ihre Suppe aus Wasser und Kleie schöpfen. Sie ist mit etwas Fett angereichert, vielleicht auch mit Erbsen versetzt. Dazu essen sie große Stücke Brot, aus Mehl und eben dieser Kleie gebacken. Und doch ist es ein Essen, dessen Geschmack einen Ausdruck der Seligkeit auf ihre zufriedenen Gesichter zaubert.
Es mag scheinen, als weiche das drollige Wasservölkchen keinen Schritt von seinen Wittinen. Diese tatkräftigen Männer und Jünglinge, die in ihren Hütten auf den Flößen hausen, erinnern lebhaft an die chinesischen Familien auf den Booten und Flößen des Pekiang bei Kan-Beg15, die auf ihren Fahrzeugen geboren werden, heranwachsen, heiraten, Kinder bekommen und sterben, oft ohne ein einziges Mal festen Boden betreten zu haben.
Die Dzimken tragen Jacken von derselben Farbe wie die Matten, auf denen sie sitzen; ebenso gibt es in der Natur Insekten, die dieselbe Farbe haben wie die Blätter, auf denen sie leben. Unter der Jacke trägt der Dzimke ein Hemd aus grobem grauem Leinen, mit einem Riemen gegürtet, und weite Hosen aus demselben Stoff. Kopfbedeckung und Schuhwerk verleihen ihm ein leichtes, fast südländisches Aussehen: Er trägt einen mit schwarzem Band geschmückten Strohhut und an den Füßen eine Art Sandalen. Allerdings liebt der Dzimke die Extreme und kann in der größten Hitze bisweilen einen dicken Schafpelz anziehen und den leichten Strohhut gegen eine Pelzmütze tauschen.
Doch bald überzeugen wir uns, dass unsere Flößer aus Kowno bei weitem keine chinesischen Bootsleute vom Pekiang sind. Auf diesen Wittinen haben sie keine Familien: Die Dzimken nehmen überhaupt niemals Frauen mit. Um ihre Neugier zu stillen, suchen sie so schnell wie möglich an Land zu kommen. Eine Stadt wie Königsberg zu sehen, sie zu Fuß zu durchstreifen, ist ein unvergessliches Ereignis im Leben eines solchen Reisenden. Wir sehen im Dzimken, und sei er ein Greis, dass in ihm das Kind neben dem Wilden wohnt. Sie lieben es leidenschaftlich, einen lebhaften Tauschhandel zu treiben, wie ihn Seeleute mit Wilden zu führen gewohnt sind, nur dass hier die Eingeborenen die Zivilisation vertreten und die Flößer die Rolle der Wilden spielen. Jeder Firlefanz, jeder Tand, selbst Kinderspielzeug besitzt für den Dzimken unendliche Anziehungskraft. Er bietet geflochtene Mättchen und kunstvoll geschnitzte Haselstöcke zum Tausch an und tauscht sie gegen Dinge ein, mit denen er nicht einmal umzugehen weiß. Metallknöpfe, Messerchen, Scheren, Kinderspiegel und Klappern versetzen ihn in unbeschreibliches Entzücken, und er ist zu allem bereit, um sie zu bekommen. Diese einfältigen Naturkinder gehen scharenweise an Land und streifen durch die Straßen. Und dann kann man wahrhaft ungewöhnliche Szenen beobachten, die unserer lebhaftesten Aufmerksamkeit würdig sind. Da kehrt ein alter Dzimke vom Königsberger Jahrmarkt auf sein Floß zurück. Er hat dort eine Kindergeige gekauft, vielleicht auch ein Horn oder eine Trommel, sie sich um den Hals gehängt und schlägt mit Vergnügen mit den Trommelstöcken darauf. Hinter ihm läuft mit lautem Gelächter und Gejohle eine Schar Stadtjungen her. Unseren Dzimken stört das allerdings nicht. Er schlägt aus Leibeskräften auf seine Trommel und ruft bei den ihn begleitenden Burschen lautes, fröhliches Gelächter hervor. Die Jungen versperren ihm den Weg, lachen, zupfen ihn von hinten am Rockschoß, stören ihn so, dass er danebenschlägt, doch er ärgert sich nicht, im Gegenteil, er lächelt freudig und beginnt sein Trommelstück wieder und wieder.
Ein anderer Vertreter desselben Schlages gutmütiger Urmenschen, die auf ihre Weise nach Fortschritt streben, geht in grobem braunem Gewand, Strohhut, mit bloßem Hals und bloßer Brust, in Sandalen an den nackten Füßen an Land und kehrt völlig verwandelt aus der Stadt zurück. Ihm folgt die unvermeidliche Schar der Gassenjungen.
Unser Dzimke hat keine Ahnung, wie lächerlich er aussieht – er wähnt sich der Zivilisation teilhaftig, den besseren Schichten der städtischen Gesellschaft zugehörig. Er hat sich eine flauschige Stoffmütze gekauft, die ihm zu groß ist, und die kleinen Schelme springen hoch und ziehen sie ihm noch tiefer über den Kopf. Der Dzimke trägt eine Halsbinde, die er aus Unkenntnis auf die wunderlichste Weise geknotet hat, doch am meisten verunstaltet ihn ein Gehrock oder, genauer gesagt, ein Frack aus blauem Tuch, aus dem der Mann längst herausgewachsen ist: Die Ärmel reichen ihm kaum bis an die Handgelenke, die Taille sitzt etwa auf der Brust, und die Schöße bedecken kaum das, was sie bedecken sollen.
Von vielen wohlhabenden Kaufleuten Königsbergs erzählt man sich, sie seien als die Ärmsten der Armen in unsere Stadt gekommen: als eben solche polnische Dzimken, hätten damit begonnen, ihre schlichte Ware gegen Knöpfe und Kinderspielzeug einzutauschen, seien dann allmählich bis zum Großhandel und zu Millionenvermögen gelangt und könnten noch immer nicht aufhören.
Auf ihrem Floß verbringen solche Dzimken, wenn sie keine besondere Arbeit haben, eintönige Tage, die dennoch voller Eindrücke vom Hafenleben und von Königsberg selbst sind. Und abends, nachdem sie sich an ihrer Erbsensuppe gütlich getan haben, versammeln sie sich alle zusammen auf der Bastion und veranstalten vor den Augen zahlreicher Zuschauer Tänze.
Der Dzimke liebt das Geigenspiel und den Tanz leidenschaftlich. Singen dagegen hört man ihn fast nie. Er tanzt mit beneidenswerter Gewandtheit, gemäß den angeborenen Fähigkeiten seines Volkes, versteht es aber auch, den dreieinhalb Saiten seiner Geige solche Töne zu entlocken, dass man vor der kratzenden Schärfe der Durtonart davonlaufen möchte, während das Moll einem Schwermut einflößt.
Wenn der Tanzlehrer des Dzimken pädagogisches Talent besaß und das Wirtshaus im Heimatdorf als Schule diente, dann führt der Dzimke seine Masurka, Warschawjanka und Polka mit Gewandtheit und erstaunlichem Einfallsreichtum aus.
Seine Sandalen besitzen dann eine Elastizität und Federkraft, an die kein elegantes Schuhwerk heranreicht; in seinem Körper liegt eine solche Geschmeidigkeit, Empfindsamkeit und Tanzseligkeit, dass Terpsichore16 selbst ihn beneiden würde. Dabei hält er sich bis in die kleinsten Einzelheiten an die Bräuche seines Volkes und seiner Vorfahren und überschreitet nirgends die Grenzen. Obwohl die polnische Nation längst aufgehört hat, eins zu sein, und den Herren der ganzen Welt dient, wird der Dzimke in seinen Tänzen niemals der Ehre des Polen Schande machen.
Doch nun kommt der August und erfüllt das Herz des empfindsamen Königsbergers mit einer gewissen Melancholie. Er erinnert ihn daran, dass das Ende des Sommers naht, der Herbst kommt, die Störche in ferne Länder ziehen und die redlichen Dzimken bald beginnen werden, ihre hölzernen Hütten auf dem Wasser abzubauen. Das Dach ist schon abgenommen, die hölzernen Sparren blicken uns traurig an, ein Balken nach dem anderen wird abgenommen, alle Bretter, Brettchen und Latten werden abgebaut, das Floß selbst wird in Stämme zerlegt. Die Dzimken kriechen so lange darauf herum, bis das letzte Holzstück an Land gebracht ist. Der jüdische Kapitän macht all dieses Holz zu Geld, entlässt seine Leute, und sie machen sich in Gruppen über Land auf den Heimweg, um an langen Winterabenden beim Klang der Geige ihrer Familie von den wunderbaren Tagen zu erzählen, die sie in Königsberg erlebt haben.
ANHANG
KULTURGESCHICHTLICHES ZUM MEMELLAND:
LOSMÄNNER UND DZIMKEN
(Kulturgeschichtliches zum Memelland. Losmänner und Dzimken)
Der breite Memelstrom, stets mit zahlreichen Booten und Flößen bedeckt, versorgt Tilsit mit den Erzeugnissen des benachbarten Russisch-Litauen, besonders mit Holz, Hanf, Flachs und Getreide, mit denen die Stadt einen einträglichen Handel mit Königsberg treibt. Die verschiedenartigsten, mitunter seltsam aussehenden Fahrzeuge fahren und treiben den Strom hinauf und hinab. Ganze Wälder ziehen vorüber: mächtige Fichten, Tannen und Eichen. Solche Bäume wachsen in unserem Erdteil nur in den russischen Wäldern. Unbearbeitete oder behauene Stämme, Balken, Klötze und Bretter, Brenn- und Nutzholz sind zu riesigen Flößen verbunden, auf denen die Mannschaft schreiend hin und her läuft. Mit langen Stangen, mit denen sie ihr schwankendes, unbeholfenes Fahrzeug fortbewegt, hält sie es mehr oder weniger geschickt vom Ufer und von anderen Schiffen fern. Auf diesen Flößen ist gewöhnlich eine Strohhütte errichtet, die zugleich Vorratskammer und Schlafraum der Mannschaft ist, dieser ausdauernden und anspruchslosen Leute, die man im Volksmund Dzimken nennt, weil sie vorwiegend aus den Schamaiten angeworben werden, in deren Sprache so der schmale Grenzstreifen Land heißt, der Preußisch-Litauen vom russischen trennt. Mitunter steht auf diesen Flößen auch ein ganzes Holzhaus aus mehreren Räumen, einer Küche und einem verandaartigen Wohnzimmer. Das ist die Behausung des jüdischen Kapitäns, der oft Eigentümer des Floßes und der Ladung ist...
Die tägliche Arbeit des Dzimken ist schwer und mühsam. Da ihr leckes Fahrzeug viel Wasser zieht, müssen sie ständig zu den Eimern greifen und Wasser schöpfen. Für die Arbeit an den mächtigen Rudern sind bis zu vier Mann nötig.
Die Ruderer haben unendliche Schwierigkeiten zu überwinden, da ihre Flöße mindestens fünf Fuß Wasser unter dem Kiel brauchen und in trockenen Sommern leicht auf Memel und Pregel mit ihren vielen Untiefen stecken bleiben.
Die Arbeit ist schwer, und die Kost der Dzimken ist karg. Ihre gewöhnliche Nahrung sind Kartoffeln, Erbsen, Graupen und Grütze, die sie sich in riesigen Kesseln und Töpfen am Ufer kochen und aus hölzernen Schüsseln und Trögen mit ebenfalls hölzernen Löffeln schöpfen. Fleisch essen die Dzimken kaum, statt Butter aber geben sie etwas Speck an die Speisen, den sie auch roh zum Brot essen.
Ihre Kleidung ist einfach und urtümlich. Die Dzimken tragen einen langen Kaftan aus grauem Filz oder umgewendetem Schafpelz, ein grobes, auf der Brust offenes Leinenhemd, ebensolche Hosen, eine Pelzmütze mit Quasten oder einen groben Strohhut und an den Füßen Bastschuhe, sogenannte Parreski. Der Dzimke glaubt, dass Pelz sowohl vor Hitze als auch vor Kälte schützt, darum wendet er im Sommer den groben Schafpelz um, so dass die Wollseite nach außen kommt. Nur die älteren Dzimken, die schon mehrmals Floßfahrten unternommen und große Städte besucht haben, sind ein wenig von der städtischen Zivilisation berührt. Sie vertauschen die Bastschuhe mit Stiefeln, den Strohhut mit einer Mütze und gehen in die Stadt auf die Suche nach „modischer“ Kleidung. Sie kaufen sich bunte Westen, eine farbige Jacke oder einen Schal in schreienden Farben. Solche Einzelheiten passen schlecht zu ihrer übrigen Tracht. Mit den Jungen, die den Dzimken auf den Fersen folgen, findet ein ständiger Tauschhandel statt. Die Dzimken geben ihnen Stöcke, die sie mit hübschen Schnitzereien verzieren, und erhalten dafür Knöpfe, besonders metallene, über die sie in unbeschreibliches Entzücken geraten.
Die Dzimken sind von schlankem Körperbau, mittlerer Größe, oft mit einem anziehenden, sehr sympathischen, gewöhnlich aber etwas einfältigen Gesicht, mit dunklem, dichtem Haar und hellen, gutmütigen Augen. Ihr ganzes Wesen ist gutmütig und friedfertig wie das eines Kindes. Obwohl man ihnen in großen Städten oft zu Hunderten begegnet, hört man nichts Schlechtes über sie. Sie spazieren in behaglichem, friedlichem Müßiggang durch die Straßen. Das Kinderspielzeug in den Buden, ein Reiter zu Pferde oder eine Musikkapelle fesseln sie mehr als die größten Gebäude und die ungewöhnlichsten Orte, die sie gar nicht beachten. Obwohl die Dzimken buchstäblich nichts besitzen außer ihrem eigenen Leben, sind sie stets fröhlich und zum Lachen aufgelegt.
Abends erklingen an den am Ufer entzündeten Feuern die getragenen Chorgesänge der Dzimken. Bald nimmt einer von ihnen eine Geige oder einen Dudelsack zur Hand, die übrigen fassen sich an den Händen, springen und tanzen im Kreis. Der Tanz kann auch ein Solotanz sein, und manchmal tanzen zwei gegeneinander. Die Tanzenden führen schnelle Bewegungen aus, die von besonderem Interesse sind.
Der Oberkörper des Tänzers ist fast unbeweglich, doch die Beine bewegen sich ständig und führen kleine, kaum merkliche Drehungen und Sprünge aus. Die Geige spielt eine wehmütige Melodie, die Zuschauer klatschen im Takt der Musik und der Bewegungen des Tänzers, ohne ihre Handflächen zu schonen, manchmal bricht jemand in laute Rufe aus...
Für ihre Arbeit erhalten die Dzimken einen kärglichen Lohn, der noch vor kurzem, als sie Leibeigene waren, nicht mehr als einen Rubel pro Kopf für die ganze Fahrt betrug; und gewöhnlich geben sie ihn für den Kauf einer Ziehharmonika, einer neuen Geige oder einer schönen Tabakspfeife aus Birkenmaser mit Neusilberbeschlag aus. Den Rückweg nach Hause legen sie in großen Gruppen zu Fuß zurück. Die Dzimken marschieren in der erschöpfenden Augusthitze über die staubige Chaussee und tragen dennoch ihre umgewendete Schafpelzkleidung und dicke Filzkaftane. Einige, mit eben gekauften Harmonikas und Geigen bewaffnet, spielen abwechselnd darauf während ihrer Wanderung. Sie gehen voran, die übrigen folgen, singen, stoßen Freudenrufe aus, springen und tanzen. Von Zeit zu Zeit macht eine Schnapsflasche die Runde. Eine Schar heimkehrender Dzimken erinnert an einen Zug ausgelassener Bacchantinnen des alten Griechenlands. Jeder Dzimke ist ein geborener Musikant, und das größte Vergnügen sind für ihn Musik und Schnaps.“
VERWENDETE LITERATUR
1. ORIGINAL: "Im königsberger Hafen" von Alex. Jung. 1855. LINK
2. Kulturgeschichtliches zum Memelland. Losmänner und Dzimken. LINK
3. Rosenkranz, Karl: Königsberger Skizzen. Ständisches Leben in Königsberg. LINK
4. DZIMKE m., definition. LINK
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN
1. Kneiphof – historischer Name einer der drei Städte Königsbergs. Heutiger Name – Immanuel-Kant-Insel. Grün ist die Symbolfarbe des Kneiphofs, deshalb wurde das Tor, das in diesen Stadtteil führte, das Grüne genannt. Außerdem führte die Grüne Brücke zum Kneiphof, und es gab hier den Grünen Kran und die Grüne Waage.
2. Bugspriet – ein waagerechtes oder schräges Rundholz, das vom Bug eines Segelschiffs nach vorn ragt. Der Bugspriet dient dazu, den Segeldruckpunkt nach vorn zu verlagern, was die Manövrierfähigkeit des Schiffes verbessert.
3. Der griechische Held Theseus glaubte an den glücklichen Ausgang seines Zuges nach Kreta in das Labyrinth zum Minotaurus und versprach dem Vater beim Abschied, dass der Steuermann, falls er siegreich zurückkehre, auf seinem Schiff statt des schwarzen ein weißes Segel hissen werde. Doch bei der Heimkehr vergaß Theseus, das schwarze Segel gegen das weiße zu tauschen. Aigeus, der auf der Akropolis auf den Sohn wartete, sah von weitem sein Schiff, glaubte Theseus tot, stürzte sich hinab und kam ums Leben. („Sagen und Legenden des alten Griechenlands“).
4. „Gräfin von Durham“.
5. Gironde (frz. Gironde) – Departement im Südwesten Frankreichs. Hauptstadt ist Bordeaux.
6. Johann Schönherr (dt. Schönherr, Johann Heinrich; 1771–1826) – Königsberger Theosoph und Mystiker.
7. Die Straße Lizentgraben (heute Mariupolskaja-Straße) im historischen Stadtteil Lizent. „Graben“ bedeutet einen Wassergraben, eine Rinne. Und „Lizenten“ nannte man einst die Handelszölle. Es ist durchaus möglich, dass gerade hier die „Lizenten“ von der Handelsflotte erhoben wurden.
8. Johann Georg Hamann (dt. Johann Georg Hamann; 1730–1788) – deutscher Philosoph, Vordenker der literarischen Bewegung „Sturm und Drang“.
9. Pera – historischer (griechischer) Name des Stadtteils Beyoğlu in Istanbul (Konstantinopel), Türkei.
10. Ceres (lat. Cerēs) – altrömische Göttin der Ernte und der Fruchtbarkeit.
11. Abgewandelte Zeilen aus Friedrich Schillers „Ode an die Freude“:
Wem das Glück zuteil geworden,
Einem Freund ein treuer Freund zu sein....
/Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein../
12. Es ist bemerkenswert, dass dieser Satz heute Friedrich Nietzsche (1844–1900) zugeschrieben wird, der zur Zeit der beschriebenen Ereignisse 11 Jahre alt war.
13. Dzimke – Lehnwort aus dem polnischen ziomek m. ‚Landsmann‘. Auch dschimke, schimke. Bezeichnung für polnische Flößer und Schiffer im ehemaligen Ost- und Westpreußen.
14. Kowno, Troke, Miedniki, Jurburg, Smorgonie, Kjedany, Kroge.
15. Der Fluss Pekiang in China. Er ist einer der Nebenflüsse des Perlflusses (oder Perlmuttflusses).
16. Terpsichore – Muse des Tanzes im alten Griechenland.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

