Dieses Interesse hat folgenden Grund.
Territorien gingen zu allen Zeiten „von Hand zu Hand“, mit ihren Bewohnern oder ohne sie. Im letzteren Fall verschwand eine ganze Welt von Wissen, die über Jahrhunderte entstanden war. Alle örtlichen Traditionen brachen ab – die Quintessenz der Erfahrung, die den örtlichen Bedingungen am besten entsprach. Es verschwand die Erfahrung im Umgang nicht nur mit dem Materiellen, sondern auch mit dem Geistigen. Es brachen die Traditionen ab, dieses Land und seine Menschen in der Literatur und in der bildenden Kunst zu besingen.
Die Umsiedler begannen in diesem Sinne bei null. Das neue Land war für sie in jeder Hinsicht terra incognita.
Doch auf einem Land zu leben und nichts über es zu wissen, ist unmöglich. Die Erschließung des neuen Landes war nicht nur eine mechanische Tätigkeit zur Wiederherstellung materieller Strukturen, sondern auch eine Tätigkeit der Erkenntnis. Wie wurde Wissen gewonnen und wie wurde es angesammelt? Welche Rolle spielten dabei schöpferische Menschen?
Das Gesagte betrifft nicht nur Kaliningrad/Königsberg, sondern auch andere ähnliche Orte: Wyborg/Viipuri, Juschno-Sachalinsk/Toyohara, Wrocław/Breslau, Lwiw/Lwów usw. Eine umfassende Untersuchung der Erschließungsprozesse unternehme ich im Rahmen des Themas Kultur im ‚fremden‘ Raum.
Über Umsiedler als Kundschafter
Die unmittelbare Erkundung des Gebiets Ostpreußens durch Sowjetmenschen begann noch während des Krieges mit der Tätigkeit der Aufklärungstrupps der Armee. Allerdings waren die von den Aufklärern gesammelten Informationen speziell und hatten „angewandten“ Charakter.
Für die Nachkriegsumsiedler in das Gebiet Kaliningrad war es tatsächlich ein unerforschtes Land. Der Mensch fühlte sich wohl in der Rolle einer Art Kundschafter. Unbekannt war die Technik, die die Deutschen benutzt hatten. Es fehlten die Unterlagen, die für die Wiederherstellung der kommunalen Versorgung, des Meliorationssystems usw. nötig waren. Die Umsiedler kannten weder das hiesige Klima noch die Tier- und Pflanzenwelt, die Wirtschaftsstruktur des Territoriums oder die Besonderheiten der Böden. Es fehlte das Wissen um die örtlichen Materialien und Technologien, das zum Erhalt der auf dem Territorium vorhandenen Strukturen und Objekte notwendig war. Es fehlte das Wissen über vorhandene Bodenschätze. Alles musste erst erforscht und erschlossen werden.
Dabei wurde Wissen einerseits unter staatlicher Kontrolle erworben, andererseits spontan, im unmittelbaren Kontakt der neuen Bewohner mit dem Territorium.
Diese beiden Formen hängen miteinander zusammen.
Woher bezog der „einfache Mensch“ sein Wissen? Ich nenne nur einige Quellen. Ein gewisses Wissen über das Gebiet vermittelte das örtliche Heimatmuseum. Allerdings war es speziell und hatte die „Staatskontrolle“ durchlaufen. Die von der Partei beauftragten Referenten des Vortragsbüros des Gebiets, die systematisch in die Kolchosen und Kreiszentren fuhren, „um politisches und wissenschaftliches Wissen zu propagieren“, verbreiteten auch heimatkundliches Wissen. Die Zeitungen veröffentlichten regelmäßig populäre Artikel über Natur und Geschichte der Region.
Die Bewohner des Gebiets Kaliningrad lernten die Region auch spontan kennen. Jäger, Touristen, Sammler von Gaben der Natur, Teilnehmer an Massen- und Einzelwanderungen gewannen ständig Wissen über dieses Territorium.
„Autotourist“. Maler N. P. Karjakin, 1988.
Die Volksbildungsbehörden und Kultureinrichtungen widmeten der Freizeit der Schüler große Aufmerksamkeit und organisierten deren heimatkundliche Tätigkeit. Eine der Formen, die Region kennenzulernen, waren Exkursionen, Wanderungen und Sommerlager, die für Schüler organisiert wurden und mitunter verpflichtend waren. Für viele junge Kaliningrader begann die Bekanntschaft mit dem für sie heimatlichen Land gerade dank solcher Wanderungen und Sommerlager.
„Mikrorussland“
Die baltische Natur der Sand- und Lehmhügel und sumpfigen Ebenen war den Umsiedlern fremd. Man lernte sie unter anderem durch den Vergleich mit der Natur der Heimatorte kennen.
Im anfangs Fremden erkannte man etwas Vertrautes, etwas Eigenes.
Das ermöglichte es, das bunt besiedelte Gebiet Kaliningrad in ein „Mikrorussland“ zu verwandeln. Die Aneignung der Natur verlief schöpferisch, von innen heraus. Das zeigt sich zum Beispiel in kleinen poetischen Werken, die sowohl von Berufsdichtern als auch von Laien geschrieben wurden.
Pregel-Fluss
Die Kirschen und Süßkirschen aus Poltawa,
Die Wolken aus Rjasan,
Die Starenkästen an den Birken –
In dir spiegeln sie sich, Fluss.
Neu, reich und wunderbar geworden
Ist das Land an deinen Ufern!
Du hast unsere Lieder gehört
Und die Sterne des Kremls gesehen.
Ohne Kummer, ohne Leid zu kennen
Und ohne schwarze Schwermut,
Fließt du, die neue Welt erkundend,
Der Stimme der Wolga lauschend.
In deinen Wäldchen haben sich
Unsere Kursker Nachtigallen niedergelassen.
Für den Überfluss der Kolchosen
Erheben sich deine Ufer.
(1948)
Der Verfasser einer geographischen Beschreibung bediente sich desselben Kunstgriffs und scheute sich nicht, in einer ausführlichen Aufzählung (hier gekürzt wiedergegeben) die Vielfalt der Landschaften des Gebiets Kaliningrad bildhaft mit der Vielfalt der Landschaften Russlands zu vergleichen, wie sie in den Werken der Maler typisiert wurden.
„Die Natur des Gebiets Kaliningrad hat viel eigenen Reiz, der an die Natur der angestammten Siedlungsgebiete des großen russischen Volkes erinnert.
Eine Reihe von Orten des Gebiets bewahrt gleichsam im Kleinen den Zauber und die Schönheit der Landschaften um Moskau: Hier kann man auch typische Lewitan-Landschaften antreffen, mit Birkenhainen, Eichen- und Lindenwäldchen, Fichtenwäldern, stillen Seen und Weihern.
Im Gebiet, besonders auf der Halbinsel Samland und im Rajon Sowetsk, sind Landschaften von Kiefernwäldern nicht selten, die gleichsam den Bildern des großen russischen Landschaftsmalers Schischkin entstiegen sind; hier gibt es viele Orte, die gleichsam aus dem Zwischenstromland von Oka und Wolga, aus der Meschtschora, aus den bewaldeten Gegenden an den Quellen von Wolga und Dnjepr hierher versetzt wurden“ (1951).
Solche Vergleiche waren in den ersten Jahren recht verbreitet: „Noch weiter – das neue Dramatische Theater des Gebiets. Dieser Winkel erinnert uns an unser heimatliches Moskau. Das Äußere des Theaters ähnelt der Fassade des Bolschoi-Theaters der UdSSR“ (1949). Ganz zu Beginn der Kaliningrader Geschichte aktuell, werden die Vergleiche bis in die 1970er Jahre zu einem bloßen literarischen Kunstgriff, der der Rückschau dient:
Einen Klumpen Erde zerrieb er in den Händen,
um zu wissen, welche Salze sie enthält.
Er verglich mit den Steppen an der Wolga
die Fetzen formloser Felder.
Verglich auch Fauna und Flora
Und staunte über die Wunder …
(1974)
Über die Themenwahl der Künstler
Die Tätigkeit des Künstlers lässt sich mit der eines Wissenschaftlers vergleichen. In der Kunst wie in der Wissenschaft bringt ein bearbeitetes Thema neues Wissen. Gerade in künstlerischen Kreisen fanden die erste Diskussion und Entwicklung neuer Ideen und die Typisierung von Bildern statt, die später massenhafte Verbreitung fanden.
Womit beschäftigten sich nun die ersten Kaliningrader Künstler? Der Vorstandsvorsitzende der Kaliningrader Abteilung des Künstlerverbandes der UdSSR, der Marinemaler J. N. Skitalzew, klagte: „Die Künstler … haben sich in unbedeutende Themen zurückgezogen oder sind in die Vergangenheit geflüchtet. Außerdem haben sich nur sehr wenige den Themen unseres Gebiets zugewandt“ (1958). Ihm pflichtet der junge Maler W. A. Gorbunow bei: „Wir haben alle Voraussetzungen für das Schaffen, die wir nicht nutzen. … Die Künstler kennen die Menschen unseres Gebiets wenig. Sie malen mehr von dem, was in der Erinnerung geblieben ist, von jenen Menschen, von jenen Orten, wo sie früher gelebt und studiert haben“ (1961).
Die im Staatsarchiv des Gebiets Kaliningrad aufbewahrten Dokumente der Abteilung des Künstlerverbandes enthalten Zeugnisse darüber, mit welchen Themen sich die Kaliningrader Künstler beschäftigten. Betrachten wir nur einige Themen.
Dass das Gebiet Kaliningrad als Land der Fischer berühmt wurde, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Künstler.
Die Kaliningrader Künstler erhielten oft Aufträge zu diesem Thema. Um Material zu sammeln, lebten sie in Fischereikolchosen, verbrachten Tage im Fischereihafen und fuhren mit den Fischern in den Atlantik hinaus.
„Ja, Sie werden sagen, Genossen Künstler, dass Sie nicht nur am Meer leben, sondern auch an der Grenze, es gibt Grenzsoldaten, es gibt die Grenze, aber es gibt kein Gemälde, und man möchte doch auch diese Arbeit breiter zeigen. … Ich will nicht sagen, dass mir das hier Ausgestellte nicht gefällt, aber es ist notwendig, dass die Künstler nicht nur in eine Richtung schauen: es gibt das Meer, den Fisch und sonst nichts. Vor 3–4 Monaten war ich in diesem Atelier und traf den Maler Grigorjew, der davon sprach, dass er in einem Bild die entminte Stadt zeigen will. Doch ich sah wieder dasselbe Meer, ein Schiff, und niemand wechselt die Themen: Man malt Landschaften, Fisch und sonst nichts. Man muss nicht nur die Arbeit der Fischer darstellen, sondern auch die der Lehrer und der Bauarbeiter“ (1959).
Militärische Themen waren im Gebiet gefragt. Erstens gab es hier viele Militärs, die oft als Auftraggeber auftraten. Zweitens ist das Gebiet Kaliningrad ein besonderes, „aus dem Sieg geboren“.
Die Bildhauer schufen die aus den Lehrbüchern bekannten Gestalten der russischen Geschichte: Bagration, Suworow u. a. Häufig waren Aufträge für Denkmäler auf den Gräbern sowjetischer Soldaten, für Büsten und Skulpturen der Helden der Ostpreußischen Operation. Wenden wir uns auch einzelnen Beispielen zu. Der Kandidat für die Mitgliedschaft im Künstlerverband A. K. Kruzow bittet um schöpferische Unterstützung „zur Vollendung einer Serie von Staffeleizeichnungen über den Sturm auf Königsberg“. Das Heimatmuseum bestellt ein Hochrelief „Das Hissen der Fahne“. Der Kandidat des Künstlerverbandes L. S. Bassow arbeitet an einem Hochrelief „Der Sieg der Russen bei Groß-Jägersdorf“. Die Maler Pjaskowski und Karjakin arbeiten im Auftrag des Werkes Postfach 29 an einem Gemälde „Die Flotte Peters des Großen“.
Landwirtschaftliche Themen fanden im Vergleich zu den ersten beiden keine Verbreitung.
„Zurzeit fehlen bei uns landwirtschaftliche Themen völlig. Woran liegt das? Vielleicht liegt die Schuld bei unseren Parteiorganen, weil wir darauf beharren, dass unser Gebiet ein reines Fischereigebiet ist, und wir wissen nicht, wofür unser Gebiet berühmt ist. Vielleicht verlegen wir uns auf ländliche Themen, und dann haben wir nur noch Steckrüben. Man muss bedenken, dass das eine wie das andere nötig ist, was wir erreicht haben, aber ohne sie aus den Augen zu verlieren, unsere Erfolge verbessern“ (1959).
Die ersten Kaliningrader Künstler waren auf diesem Land neue Menschen, Zu- und Durchreisende. Welche Themen aus der örtlichen Geschichte hätten sie bearbeiten können? Die Künstler wandten sich an die Mitarbeiter des Heimatmuseums mit der Bitte, frühere und jüngere bedeutende Ereignisse kurz zu beschreiben.
Das Museum leistete Hilfe. Der Direktor I. P. Kolganow erstellte ein thematisches Handbuch, ein Mosaik aus verschiedenen historischen Episoden (1963). Insgesamt wurden im Handbuch einhunderteins Themen mit Kommentaren vorgeschlagen. Neben kanonischen (der aufopferungsvolle Kampf der Prußen gegen den Orden, die Gesandtschaft Peters I., der Siebenjährige Krieg, die Ostpreußische Operation und der Sturm auf Königsberg, die Entstehung des Gebiets usw.) gibt es auch recht unerwartete. Zum Beispiel das Thema „Gegen das Sektierertum“ (es gibt nur den Titel, das Thema blieb unausgeführt). Es gibt das mir nahe gewordene Ofenthema.
„Setz mir doch, Bruder, einen russischen Ofen.
Freilich empfing der Winter 1946/47 die Umsiedler hart. Er war auf russische Art hart. Vieles mussten die Umsiedler durchmachen. Doch der russische Ofen half, der seit jener Zeit fest und hausherrlich in die neuen Häuser Einzug hielt.“
Es gibt eine unerwartete Passage über müßiggängerische Offiziere im Ruhestand: „Der Ladentisch trennte sie“.
„Einige in den Ruhestand versetzte Offiziere haben keine Verwendung für ihre Kräfte in der gesellschaftlich nützlichen Produktion gefunden. Die einen von ihnen ‚führen Hündchen aus‘ oder ‚besuchen Lokale‘, andere haben sich darauf verlegt, ihre private Wirtschaft aufzublähen, und liefern Eier, Beeren und Obst auf den Markt. Nicht selten begegnen sie ihren Regimentskameraden … auf dem Markt. Doch gibt es in unserem Gebiet auch viele Müßiggänger anderer Art.“
Oder hier wird ein bereits fertiges Sujet vorgeschlagen, freilich ein banales, verbreitetes und „politisch korrektes“:
„Siegesplatz. /Ein Arbeiter – ein ehemaliger Soldat – nagelt das Schild ‚Siegesplatz‘ an – unter seinem Fuß das alte, deutsche/.“
Die Künstler wurden übrigens auch selbst aktiv, indem sie zum Beispiel eine „Liste der wichtigsten und aktuellsten Themen für Werke zum Jubiläum des Gebiets Kaliningrad für die 4. Jubiläumsausstellung des Gebiets“ ausarbeiteten oder eine „systematische Verbindung mit dem Kaliningrader Volkswirtschaftsrat und den örtlichen Industriebetrieben herstellten, um Themen aus dem Leben unseres Gebiets zu finden …“.
„Außer all den Themen, an denen die Künstler gearbeitet haben, den Fischern, dem Bernstein, gibt es noch viele große, bedeutende Betriebe, in denen Tausende sowjetischer Werktätiger arbeiten. Das sind das Waggonwerk und das Werk Autosaptschast, das ist die Schiffswerft, das Böttcherei- und Verpackungskombinat. Es gibt viele Betriebe, in denen die Künstler Themen für die Darstellung unserer Sowjetmenschen finden könnten“ (1959).
Das Ergebnis war, dass auf Leinwand und Karton, in Beton und Gips, Granit und Bronze historisch-ideologische Konstrukte und Stereotype Gestalt annahmen.
„Ein Lied vom Gebiet Kaliningrad“
Ich habe bereits oben darauf hingewiesen, dass auf diesem Land ein Bruch der Traditionen stattfand (lat. traditio – Übergabe; historisch gewachsene und von Generation zu Generation weitergegebene Bräuche, Ordnungen, Regeln).
Für jene Künstler, die früher hier gelebt hatten, blieb dieses Land nur in der Erinnerung, während die Augen der neu Angekommenen es zwar sahen, ihre Hände es aber nicht „besingen“ konnten.
Die Angekommenen gehörten anderen Traditionen an. Ob sie wollten oder nicht, sie besangen das, woher sie gekommen waren. Die allerersten Kaliningrader Künstler, die sich zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengefunden hatten, hatten es nicht leicht. Niemand konnte ihnen das örtliche Kolorit beibringen, nur sie selbst. Doch allmählich entstanden die ersten Fertigkeiten und Muster dafür, wie man das sich langsam erschließende Unbekannte richtig darstellt. Die Professionalität des Künstlers zeigte sich darin, dass der Meister imstande war, die örtliche Eigenart zu erfassen und in seinem Werk wiederzugeben.
„Das sind besondere Menschen, sie geben die Naturerscheinungen philosophisch wieder. Wir sind keine Künstler, wir beobachten die Farbe des Himmels nicht. Aber genau diese Farbe des Himmels kann man in Kaliningrad beobachten“ (1962).
Der älteste Kaliningrader Maler Konstantin Michailowitsch Kischkin (1892, Tiflis – 1970, Kaliningrad) war einer der anerkannten Meister, die gelernt hatten, die örtliche Eigenart zu erfassen: „Kischkin ist ein Künstler mit poetischem Gefühl, er versteht die Natur tief, bei ihm gibt es keine Schablone vom Gebiet Kaliningrad“ (1959). Gerade er hat uns ein außerordentlich interessantes und seltenes Zeugnis hinterlassen. Bei der Besprechung der Arbeiten der jungen Kollegen N. P. Karjakin (1921, Sursk – 1990, Kaliningrad) und M. G. Pjaskowski (1925, Pjatichatki – 2012, Kaliningrad) erklärte er:
„Das Thema ist interessant; man muss weiterarbeiten, den psychologischen Zustand finden. Mir gefallen die Bleistiftzeichnung und ‚Unwetter‘; es fehlt die Eigenart der Kaliningrader Natur, es fehlen das Silbrige und die Feuchtigkeit der Luft, bei denen die Dächer der Häuser anders klingen würden“ (1956).
Das Bild, von dem in dem zitierten Auszug die Rede ist, hat der Verfasser des Artikels unerwartet in den Depots der Kaliningrader Kunstgalerie gesehen.
„Unwetter“. Maler N. P. Karjakin, 1985.
Der bescheidene Meister, der zu dieser Zeit bereits ein Jahrzehnt lang örtliche Motive gemalt hatte, war dank seines Talents und seiner fleißigen Arbeit wohl der Erste, der sich dem feuchten Geheimnis der baltischen glazigenen Landschaft näherte. Er als Erster konnte bereits andere lehren.
Mit der Zeit bemerkten die Künstler immer mehr, lernten immer mehr und erreichten immer größere Meisterschaft in der Wiedergabe der örtlichen Eigenart. Einer Eigenart, deren wahrheitsgetreue Wiedergabe für einen Neuling „zu hoch“ gewesen wäre.
„Es vergeht eine gewisse Zeit, bis der Künstler sich umgesehen und das Leben kennengelernt hat …“.
Hier zum Beispiel Urteile über die Arbeiten von Pjotr Wladimirowitsch Simonow (1912 – Todesdatum unbekannt), einem der ersten Kaliningrader Maler:
„Nehmen wir den Maler Simonow, so ist er ein echter Künstler, er empfindet unsere Natur des Gebiets Kaliningrad hervorragend. Das Bild ‚Die Straße nach Selenogradsk‘ ist ein Lied vom Gebiet Kaliningrad, und die Malweise selbst ist eigenwillig“ (1959).
„Originell und poetisch sind die Bilder des Malers Simonow, ich bin sehr erstaunt, dass sie in verschiedenen Sälen hängen, ich meine ‚Trüber Tag‘ und ‚Frühling‘. Im Bild ‚Trüber Tag‘ ist das Wasser sehr gut dargestellt. Dem Maler ist es sehr gut gelungen, jene grauen Töne einzufangen, die unserer Stadt so eigen sind“ (1962).
Es entstand ein eigentümliches Wechselspiel: Die Künstler erfassten bestimmte Besonderheiten des Gegenstandes und schufen eine Tradition seiner Wiedergabe. Sie teilten sie mit dem Betrachter und schufen und festigten so Stereotype der Wahrnehmung. Der Betrachter verlangte später von den Meistern, diesen Stereotypen zu folgen.
Neben den Erfolgen beim Erfassen der örtlichen Eigenart kann man auch von neuem Wissen im rein handwerklichen Sinne sprechen:
„Der Bildhauer MORGUNOW sagt, es sei an der Zeit, unser Gebiet und Kaliningrad mit Skulpturen aus Marmor und Bronze zu schmücken, und weist darauf hin, dass Betonskulpturen in unserem Klima schnell ihr ursprüngliches Aussehen verlieren und zerfallen, sodass die auf den ersten Blick billigeren Skulpturen sich als die teuersten erweisen“ (1957).
Dieser technische Aspekt ist für uns jedoch schon weniger interessant. Zumindest in diesem Artikel.
Über die Notwendigkeit eines Kunstmuseums
Die schöpferische Erkundung der Region durfte keine individuelle, nicht reproduzierbare Angelegenheit bleiben. Es bedurfte eines Mechanismus der Weitergabe – eines gemeinsamen Ortes, an dem die Werke gesammelt, aufbewahrt, erforscht und öffentlich ausgestellt würden. Das heißt, es wurde ein Kunstmuseum gebraucht.
„In unserem Gebiet ist das Verlangen nach Kunst sehr groß. … Es ist eine sehr wichtige Frage, dass die Bilder unserer Künstler nicht auf verschiedene Amtszimmer verstreut werden, wo die Bilder nur ein sehr begrenzter Kreis von Menschen sieht; im Kulturhaus der Fischer sieht die Bilder, die dorthin gelangen, natürlich ein mehr oder weniger breiter Kreis von Zuschauern, aber doch ein begrenzter Kreis. Im Museum wäre die Zahl der Besucher viel größer. Ich meine, es ist an der Zeit, die Frage der Gründung eines Museums aufzuwerfen. Wenn es in der Stadt eines gäbe, hätten die wissenschaftlichen Mitarbeiter bestimmt schon irgendeine Arbeit geleistet“ (1959).
Doch ein Museum gab es nicht. Der Maler Kolesnikow klagt, dass sein Fehlen sich „verhängnisvoll auf die Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten der Künstler auswirkt“ (1957). Solche Äußerungen sind in den Dokumenten der Kaliningrader Abteilung des Künstlerverbandes der UdSSR nicht selten.
„… einen großen Mangel in ihrer Arbeit erfahren die Künstler dadurch, dass es in Kaliningrad keinerlei Kunstmuseum gibt. Vielleicht sage ich es nicht richtig, aber diese Frage verdient ernsthafte Aufmerksamkeit, und man muss in dieser Hinsicht eine Schlussfolgerung ziehen. Die Sache ist die, dass die Künstler bei der Vorbereitung auf eine Ausstellung, in ihrem Arbeitsalltag gezwungen sind, auf fertige Werke zurückzugreifen, die bereits einen hohen künstlerischen Wert besitzen. Die Künstler der großen Städte Moskau und Leningrad verbringen ihre Zeit mit dem Studium der Werke, die als Erbe von den Künstlern der vorigen Generation überkommen sind, und der Werke, die heute von großen Meistern geschaffen werden“ (1959).
Die Meinung, dass ein Museum notwendig sei, teilte auch die Moskauer Leitung. Genosse Ruban*, Vorsitzender des Komitees des Verbandes Sowjetischer Künstler, belehrte die örtlichen Künstler:
„Wir schreiben die Chronik unserer Zeit. Unsere Enkel werden uns bitten, zu erzählen, wie und auf welche Weise das schöne Leben aufgebaut wurde, in dem wir leben sollen. … Die Frage des Museums wird sich dann stellen, wenn die erste Seite dieser Chronik geschrieben ist. Ich möchte meine Rede mit dem Wunsch schließen, dass die Künstler so arbeiten, dass sie wirklich das Recht haben, von der Stadt so bald wie möglich das von ihnen so heiß ersehnte Museum zu bekommen“ (1959).
Teilweise übernahm damals das Heimatmuseum (heute das Historische und Kunstmuseum des Gebiets Kaliningrad) die Funktionen eines Kunstmuseums. Seine Mitarbeiter erarbeiteten eine Themenliste, nach der den Künstlern Bilder abgekauft wurden. Heute ist die Sammlung jedoch schwer zugänglich und infolgedessen wenig bekannt und wenig erforscht.
Über „fremde Motive“
Aus verschiedenen Gründen schwer zu ermitteln und einer weiteren speziellen Untersuchung bedürftig ist die unmittelbare Wahrnehmung jener Fragmente und Überreste einer fremden Kultur, die die ersten Kaliningrader Künstler hier vorfanden. Material darüber liegt mir bisher nicht vor. Möglicherweise sind darüber entweder überhaupt keine dokumentarischen Spuren erhalten oder sie sind sehr selten. Deshalb wiederhole ich vorerst die Worte eines der offiziellen Gäste der sechsten Gebietsausstellung Kaliningrader Künstler:
„In allen drei Sälen sehe ich keinerlei Spuren jenes Lebens, das einst hier war, ich sehe hier eine umgestaltete Region“ (1959).
P.S.
Beim Sammeln des Materials zu diesem Thema war der Verfasser unangenehm überrascht von der unbegründeten und kategorischen Weigerung einer Museumsmitarbeiterin, die Bilder der ersten Kaliningrader Künstler zu zeigen (einfach nur zu zeigen!). Und das trotz eines schriftlichen Antrags seitens der damaligen Universitätsleitung des Verfassers und eines ebenfalls schriftlichen Bescheids des kommissarischen Museumsdirektors. Deshalb musste man sich auf die Bekanntschaft mit der bescheideneren Sammlung der Kunstgalerie beschränken. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Sitten eines Tages ändern und ein doppelter Sieg die heute unzugängliche Sammlung des Gebietsmuseums sowohl für Forscher als auch für die breite Öffentlichkeit öffnet!
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* Möglicherweise ist mit „Genosse Ruban“ der Polarmaler Igor Pawlowitsch Ruban (1912–1996) gemeint.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

