Nach der Auswahl der Bücher zu urteilen, war Genosse Kalinin ein ernsthafter Leser. Einen beträchtlichen Teil der Sammlung bilden Werke zur Geschichte Russlands und Westeuropas sowie Schriften der Klassiker der Weltphilosophie. Es gibt sogar eine vorrevolutionäre Ausgabe der Dialoge Platons, die auf Anweisung von N. K. Krupskaja als ideologisch schädlich aus allen Bibliotheken des Landes entfernt oder in sogenannte Sonderbestände verbannt wurden. Selbstverständlich die Schriften von Marx, Engels und Lenin, die Stenogramme der Parteitage. Wissenschaftliche Arbeiten solcher Koryphäen des Geistes wie der Physiologen Metschnikow und Pawlow. Und das, obwohl der Besitzer der Bibliothek so gut wie keine Bildung besaß. Woher hätte ein Junge aus einer bettelarmen Familie sie auch haben sollen (nach manchen Angaben war sein Vater ein aus dem Dienst heimgekehrter Kapitulant, der sich in der Landwirtschaft nie so recht auskannte).
Geboren wurde der „hervorragende Funktionär der Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates“ (wie es in sowjetischen Enzyklopädien hieß) am 7. (19.) November 1875 im Dorf Werchnjaja Troiza unweit von Kaschin, einem alten Städtchen im Gouvernement Twer. Michail war das erste Kind von Iwan Kalinytsch Kalinin und seiner Frau Marija Wassiljewna, und schon früh musste er den Eltern bei allen Arbeiten in der Wirtschaft zur Hand gehen. Lesen und Schreiben lernte er zu Hause, und mit 11 Jahren gelang es ihm, in die vierklassige Semstwo-Elementarschule aufgenommen zu werden. Er schloss sie in zwei Jahren mit einer Belobigungsurkunde für Begabung und Fleiß ab. Und da bot sich eine Gelegenheit, der Bauernarbeit zu entkommen, die dem Jungen ganz offen zur Last war. Die Gelegenheit trug den seltsamen Namen Morduchai-Boltowskoi. Eine Adelsfamilie, deren Stammbaum auf der einen Seite auf tatarische Heerführer aus der Zeit der Goldenen Horde, auf der anderen auf weißrussische Schlachtschitzen zurückging. Unweit von Werchnjaja Troiza besaß sie das Gut Tetkowo, wohin die Familie im Sommer zog, wie in die Sommerfrische. Der Junge freundete sich mit den Kindern des Gutsbesitzers an. Dann kam Kalinins Mutter zu der Herrschaft und flehte unter Tränen: Der Mann ein Trinker, die Not ausweglos, helft uns. So wurde Mischa Kalinin Lakai in der wohlhabenden Familie eines Zivilgenerals, des bekannten Eisenbahningenieurs Dmitri Petrowitsch Morduchai-Boltowskoi.

Viele Jahre später, als er sowjetischen Schulkindern von seiner freudlosen Kindheit erzählte, schilderte Kalinin in lebhaften Farben, wie ihn die Generalsgattin für einen zerschlagenen Stapel Teller und für kleinere Vergehen bestrafte.
Doch das war für die Öffentlichkeit bestimmt. In Wirklichkeit half Kalinin, bereits an der Spitze der sowjetischen Hierarchie, den Söhnen seines früheren Dienstherrn mehrfach mit Geld wie mit Protektion. Warum? Ganz einfach: Den jungen Diener belastete man mit Pflichten nur minimal. Die Kinder des Generals spielten gern mit ihm und begegneten ihm mit aufrichtiger Freundlichkeit. Und vor allem verbot ihm niemand, die reiche Bibliothek zu benutzen, die für den in die Hauptstadt verschlagenen Dorfjungen zur wichtigsten Wissensquelle wurde. Übrigens emigrierte keiner der drei Söhne des Eisenbahngenerals nach der Oktoberrevolution 1917; sie blieben in der Heimat. Kalinins Altersgenosse Dmitri Dmitrijewitsch Morduchai-Boltowskoi wurde ein herausragender Mathematiker, Professor an der Universität Rostow, bei dem vor dem Krieg der Student Alexander Solschenizyn studierte; der spätere Nobelpreisträger verewigte dessen charakteristische Züge in einer Figur des Romans „Im ersten Kreis“. Und auf dem ehemaligen Gut seiner Wohltäter ließ Michail Iwanowitsch ein Sanatorium für Parteifunktionäre einrichten und verbrachte dort in den 1920er- und 1930er-Jahren selbst mehrfach seinen Urlaub.
Mit 18 Jahren trat Kalinin als Drehergehilfe in die staatliche Petersburger Rüstungsfabrik „Altes Arsenal“ ein. Er begann eine Arbeiterschule zu besuchen. Zwei Jahre später wechselte er in das Putilow-Werk. Dort schloss er sich einem illegalen sozialistischen Zirkel an, dessen Gründer, ein 26-jähriger Jurist aus adeliger Familie, bereits verhaftet worden war. Uljanow, den späteren Lenin, lernte Michail persönlich erst sehr viel später kennen.
Die Begeisterung für die revolutionäre Tätigkeit trug bald ihre „Früchte“: Kalinin wurde unter dem Verdacht verhaftet, Flugblätter „aufrührerischen Inhalts“ verfasst und verbreitet zu haben. Allerdings gelang es der zaristischen Ochrana nicht, Beweise für eine staatsfeindliche Tätigkeit des jungen Arbeiters zu finden, und nach kurzer Haft wurde er aus Petersburg ausgewiesen.
Doch interessanterweise nicht in den fernen Norden oder den noch ferneren Osten, sondern … nach Tiflis. Bald darauf wurde Kalinin als einer der Organisatoren eines Streiks verhaftet und in die berüchtigte Metechi-Festung gesperrt. Danach schickte man ihn … nach Reval (heute Tallinn). In diesen halb Verbannungen, halb Dienstreisen in künftige Hauptstädte unabhängiger Staaten dachte Kalinin gar nicht daran, sich zu bessern: Auf Anhieb fand er Gleichgesinnte (in Tiflis war das ein junger georgischer Revolutionär mit dem Decknamen Koba, der spätere Josef Stalin), führte Agitationsgespräche unter den Arbeitern, verfasste Flugblätter. Als illegale Zeitungen zu erscheinen begannen, veröffentlichte er darin seine Beiträge. Allerdings arbeitete der Verfasser selbst nie im Untergrund. Verhaftet wurde er 14 Mal.
Insgesamt verbrachte Kalinin zwei Jahre und acht Monate in Untersuchungshaft. Doch nie kam es zu einer Verurteilung zu einer Haftstrafe. Diese Merkwürdigkeit erklärten sowjetische Historiker mit Kalinins Talent als Konspirator.
In postsowjetischer Zeit kamen andere Versionen auf: Michail Iwanowitsch habe einfach mit den Ermittlern kooperiert, Geständnisse geschrieben und sei so ungeschoren davongekommen. Die Wahrheit lässt sich nach so langer Zeit kaum noch feststellen.
Sowjetische Biographen schrieben über die „großen Revolutionäre“ keine Biographien, sondern Heiligenviten. Deshalb blieb vieles von dem, was in den Lebensgeschichten von Schriftstellern, Schauspielern und Malern beleuchtet wurde, dem Publikum und oft sogar den Biographen der Sowjetführer verborgen – insbesondere das Privatleben. In den Jahrzehnten vor der Revolution heiratete die russische Bauernjugend früh und sorgte so für jene gewaltige Bevölkerungsexplosion, die, wie heutige Wissenschaftler meinen, den revolutionären Sturm nicht weniger begünstigte als politische und wirtschaftliche Ursachen. Kalinin dagegen blieb lange ledig. Twerer Journalisten, die die Biographie ihres Landsmanns erforschten, verbreiteten in Veröffentlichungen der Perestroika-Zeit wiederholt durch nichts belegte Gerüchte und „Zeugnisse“, wonach Kalinin als junger Mann in seine Heimat Werchnjaja Troiza gekommen sei und um ein Mädchen aus dem Dorf gefreit habe, jedoch wegen seines unansehnlichen Äußeren, der Brille auf der Nase und seiner Aufenthalte im Arresthaus abgewiesen worden sei. Wie dem auch sei – in seinem dreißigsten Lebensjahr fand Kalinin endlich sein Familienglück.
Am Vorabend der ersten russischen Revolution war er wieder in Petersburg. Dort, in der Wohnung der Bolschewikin Tatjana Slowatinskaja, der späteren Großmutter des großartigen Schriftstellers Juri Trifonow, lernte er die 22-jährige Revolutionärin Jekaterina Lorberg kennen, eine Weberin aus Estland. Jekaterina hatte bereits ein uneheliches Kind – einen Sohn namens Walerian. Kirchlich getauft.
Eine Heiratsurkunde der Kalinins haben die Historiker bis heute nicht gefunden. Der Molotow-Biograph, Dichter und Publizist Felix Tschujew äußerte in seinem Buch „Hundert Gespräche mit Molotow“ die Vermutung, einer kirchlichen Trauung habe im Weg gestanden, dass die Braut in Wahrheit keine Estin gewesen sei und sich zum jüdischen Glauben bekannt habe.
Doch diese Vermutung gehört eher ins Reich der Fantasie, denn es sind Zeugnisse erhalten, dass Jekaterinas Vater, ein einfacher Tagelöhner, orthodox war. Wie dem auch sei, Michail Iwanowitsch brachte seine junge Frau voller Stolz nach Werchnjaja Troiza – um sie den Dorfschönen vorzuführen, die einst seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatten. Kinder kamen: die Tochter Julija, der Sohn Alexander, die Tochter Lidija.
Im heißen Herbst 1905 – der Zeit des allrussischen Generalstreiks, bewaffneter Aufstände und des beiderseitigen (revolutionären wie staatlichen) Terrors – lernte Kalinin endlich Lenin kennen und machte auf ihn den allerbesten Eindruck. Ein echter Arbeiter, direkt von der Werkbank, wie sie der bolschewistischen Fraktion der russischen Sozialdemokraten, die sich „Arbeiterpartei“ nannte, so sehr fehlten. Dazu noch einer, der vor Publikum reden kann, nicht auf den Mund gefallen ist, die Grundsätze der marxistischen Theorie ganz ordentlich kennt (die Schriften von Marx waren im Zarenreich nicht verboten) und Erfahrung in revolutionärer Arbeit besitzt.
In den Tagen der Februarrevolution (desselben Jahres 1917) führte Kalinin eine Menge von Demonstranten an und lenkte sie zum Petersburger Gefängnis „Kresty“.
Michail Kalinin spricht vor Rotarmisten.
Infolge der von ihm angeführten Massenaktion wurden alle Häftlinge freigelassen. Darunter Dutzende Rückfalltäter, die sich der Waffen der Gefängniswärter bemächtigten. Petrograd versank für eine Woche im kriminellen Chaos: Raubüberfälle, Gewalttaten, Diebstähle und Morde geschahen täglich in riesiger Zahl.
In der bolschewistischen Fraktion des Petrograder Sowjets wurde Kalinin einer der aktivsten Funktionäre, auch wenn er den in den „Aprilthesen“ des aus der Emigration zurückgekehrten Lenin vorgeschlagenen Kurs auf die Machtergreifung nicht sofort mittrug. Im August 1917 wurde er auf der Liste der Bolschewiki in die Petrograder Stadtduma gewählt. Und als nach dem Oktoberumsturz die bisherige Duma aufgelöst wurde, übernahm er das zentralisierte Kommissariat für Stadtwirtschaft beim Petrograder Sowjet. Bald darauf zog die bolschewistische Regierung nach Moskau um. Kalinin blieb in der ehemaligen kaiserlichen Hauptstadt als Verwalter zurück. In der Stadt brach Hunger aus, viele Einwohner zogen aufs Land, wo man noch etwas zu essen finden konnte. Die städtischen Versorgungssysteme versagten, es drohten Epidemien.
Kalinin und seine Mitstreiter organisierten die Umsiedlung von Arbeitern aus den Vorstädten in requirierte Wohnungen der „Bourgeoisie“ und läuteten damit die Ära der berühmten „Kommunalkas“ ein. Dabei war sich Kalinin sehr wohl bewusst, dass ein schonungsloser Kampf gegen die Bourgeoisie – gegen das, was man heute kleine und mittlere Unternehmen nennt – schwere Folgen für die Wirtschaft der Stadt und des Landes insgesamt haben würde. Er veröffentlichte sogar einen Artikel, in dem er die neue Macht aufrief, sich nicht vom Kleinbürgertum abzuschotten, möglichst rasch einen Pakt über die Zusammenarbeit mit ihm zu schließen und den Unternehmern die Möglichkeit zu geben zu arbeiten. Doch bei Lenin, der zum Kommunismus und zur Weltrevolution drängte, fand er diesmal kein Verständnis. Die Antwort des Parteiführers war scharf: „Ich trete entschieden gegen Genossen Kalinin auf, denn ein Block mit dem Kleinbürgertum, mit den Chauvinisten ist undenkbar. Der leiseste Gedanke an einen Block mit dem vom Bürgertum unterstützten Kleinbürgertum ist Verrat am Sozialismus.“ Kalinin ließ sich davon jedoch nicht beirren.
Offenbar begriff er schlicht nicht, was in denselben Monaten Jewgeni Samjatin begriff, der damals seinen berühmten, unter der Sowjetmacht jahrzehntelang verbotenen Roman „Wir“ zu schreiben begann: Die Bolschewiki errichteten nicht das marxistische Reich, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller“ ist, sondern das, was Wissenschaftler später Totalitarismus nennen sollten.
In einem neuen Diskussionsbeitrag, der Anfang 1919 erschien, schrieb Kalinin: „Wir können dem Kleinbürgertum nicht weniger geben, als ihm die kapitalistische Ordnung gegeben hat… Die Regierung muss das Recht auf kleines Eigentum garantieren… Die Regierung erlaubt dem Bauern, dem Handwerker, dem Heimgewerbetreibenden, dem kleinen Gemüsegärtner, dem kleinen Händler, dem Milchmann, Lohnarbeit unter der Kontrolle des Gewerkschaftsrats zu nutzen. Mehr hat der Kleinbürger in der Geschichte nie gehabt, und weiter gehen seine Ansprüche nicht.“
Auch diesmal hörte Lenin nicht auf die Argumente des „Mannes aus dem Volk“. Es bedurfte noch zweier Jahre irrwitziger Experimente, die die Wirtschaft des Landes an den Rand des völligen Zusammenbruchs brachten, und des bedrohlichen Aufstands der Kronstädter Matrosen, bis Kalinins Argumente Gehör fanden und die Neue Ökonomische Politik – die NEP – verkündet wurde, zu der Kalinin aufgerufen hatte. Doch zwei Monate nach der Veröffentlichung des „aufrührerischen“ Artikels, im März 1919, wurde Kalinin (nach einer Version von Lenin selbst, nach einer anderen von Trotzki) für den Posten des Vorsitzenden des Zentralen Exekutivkomitees vorgeschlagen, der nach dem plötzlichen Tod J. M. Swerdlows frei geworden war. Übrigens schrieb sich Trotzki in seinen nicht ganz zuverlässigen Memoiren die Urheberschaft jenes inoffiziellen Titels zu, der Kalinin für den Rest seines Lebens anhaften sollte: „Allrussischer Dorfältester“.
Ganz folgerichtig unterstützte Kalinin die Neue Ökonomische Politik voll und ganz. Doch die Dokumente und Anordnungen, die er nun zu unterzeichnen hatte, zwangen ihn immer häufiger zu Kompromissen mit seinen früheren Überzeugungen und moralischen Grundsätzen. Dazu gehörte auch das berüchtigte Dekret über die Beschlagnahme von Kirchenschätzen unter dem Vorwand der Bekämpfung der schrecklichen Hungersnot an der Wolga 1921-1922, das in Wirklichkeit den Terror gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche einleitete und zu Massenrepressionen gegen Geistliche und aktive Gemeindemitglieder führte.
Und – die Erschießungslisten der „Feinde der Revolution“. Im Agitationszug, mit dem Kalinin 1919-1920 durch das Land reiste, gab es einen Tribunalwaggon, dessen Insassen Erschießungen an Ort und Stelle vornahmen.
In der Haltung Lenins und Trotzkis gegenüber Kalinin (beide hielten sich für herausragende Theoretiker und Philosophen) ist deutlich die Herablassung von Intellektuellen gegenüber einem Praktiker und Empiriker zu erkennen. So wandte sich Lenin bei der Erörterung von Fragen in den Politbürositzungen an Kalinin stets mit den Worten: „Und was sagt das Staatsoberhaupt dazu?“ – obwohl Michail Iwanowitsch sich mit seinen Machtbefugnissen keineswegs mit dem „Führer der Revolution“ messen konnte. Noch offener schrieb Trotzki später in der Emigration: „Der ehemalige Twerer Bauer und Petersburger Arbeiter verhielt sich auf seinem unerwartet hohen Posten recht bescheiden und jedenfalls vorsichtig. Erst allmählich festigte die Sowjetpresse seinen Namen und seine Autorität in den Augen des Landes. Allerdings nahm die herrschende Schicht Kalinin lange nicht ernst…“
Mit dem Beginn der Neuen Ökonomischen Politik begann man Kalinins Meinungen und Vorschlägen aufmerksamer Gehör zu schenken. In diesen Jahren veröffentlichte er seine besten theoretischen Arbeiten, in denen sich sowohl natürlicher Verstand als auch ein Verständnis der aktuellen Lage zeigten – das Ergebnis unzähliger Begegnungen mit einfachen Menschen auf seinen vielen Reisen durch das Land sowie persönlicher Sprechstunden für Bürger mit Beschwerden, die vorab in Zeitungen angekündigt wurden.
Aus naheliegenden Gründen konnten sich die wenigen Jahre der NEP nicht weiterentwickeln. Die Politik der Förderung privaten Unternehmertums konnte sich in unserem Land nicht einmal in gemäßigter Form durchsetzen.
Kalinin in Gesellschaft von Stalin und Woroschilow.
Die Logik der Kämpfe innerhalb der Parteielite, die Logik des von Stalin entfesselten Kampfes um die persönliche Macht und die Logik eines dogmatisch verstandenen Marxismus waren mit Marktbeziehungen und einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung unvereinbar.
Ab 1928 begann in der Partei der Kampf gegen die sogenannte „rechte“ Abweichung, 1930 setzten die „durchgängige Kollektivierung“ und die „Liquidierung des Kulakentums als Klasse“ ein. In der ersten Phase dieser Ereignisse, die vor allem für die russische Bauernschaft einen Bruch bedeuteten und tragisch waren, wagte Kalinin noch hin und wieder, zaghaft gegen den Willen Stalins aufzutreten, der vor aller Augen zum „Chosjain“, zum Herrn, wurde. Doch bald verlor er jede Eigenständigkeit des Urteils und kapitulierte vollständig.
Was war der Grund für diese Kapitulation? Man muss zugeben, dass Kalinin nie ein starker Führer war. Ebenso wenig war er ein raffinierter Intrigant. In erheblichem Maße wurden ihm, dem Bauernsohn, die Privilegien der Macht zum Verhängnis und verdarben ihn – darunter die Möglichkeit, nicht immer harmlosen Schwächen nachzugeben. Diese Schwächen ruinierten das Familienleben des „Präsidenten“. Anfang der 1920er-Jahre tauchte in Kalinins Wohnung eine junge Frau auf, die den Haushalt führte: Weder Kalinin noch seine Frau, die inzwischen Parteifunktionärin geworden war, hatten Zeit, sich um das Haus zu kümmern und die Kinder zu versorgen. Diese nicht sehr schöne Geschichte endete damit, dass Jekaterina Kalinina das ZK bat, sie irgendwohin möglichst weit weg von ihrem Gatten zu schicken, der in Liebesdingen allzu viel Eifer an den Tag legte, und für einige Jahre in den Altai ging.
Wie es so schön heißt: Ist der Anfang erst gemacht, läuft der Rest von allein. In seinen Fünfzigern holte Michail Iwanowitsch nach, was ihm in den Junggesellenjahren versagt geblieben war. Einmal erschien in der Presse sogar ein Feuilleton über die Werbungen des „Allunions-Dorfältesten“ um eine Schauspielerin des Operettentheaters. Später wurden solche Veröffentlichungen über prominente Funktionäre ein für alle Mal verboten.
Doch Kalinins Abenteuer an der Liebesfront fanden damit kein Ende. Unerwartet für seine Bildung und seinen Geschmack wurde er zum Verehrer des Balletts. Und zwar weniger des Balletts als Kunst als vielmehr junger Ballerinen...
Gebrochen als Persönlichkeit haben ihn allerdings nicht diese „Eskapaden“, sondern weit härtere Ereignisse. 1931-1932 unterstützte er, der noch ein Jahrzehnt zuvor die kleinen Unternehmer verteidigt hatte, alle Maßnahmen der Stalin’schen Führung gegen die Bauernschaft und das städtische Kleinbürgertum vorbehaltlos. In Kalinins Archiv liegen buchstäblich Hunderttausende Briefe von Bauern, die die Schrecken der Kollektivierung schildern. Doch nur in wenigen Fällen half Kalinin einzelnen Mittelbauern, die als „Kulaken“ in den Norden und Osten ausgesiedelt wurden. Seine Unterschrift steht unter dem Beschluss des ZIK der UdSSR „Über den Schutz des Eigentums staatlicher Betriebe, Kolchosen und Genossenschaften…“. Dieses Gesetz vom 7. August 1932 führte zur Verhaftung und langjährigen Inhaftierung zahlloser armer Bauern und Mittelbauern – „für Ähren“, wie man im Volk sagte. Hungernde Bauern wurden wegen „Diebstahls“ selbst einer Handvoll Getreide aus dem Kolchos verhaftet, obwohl gerade sie es angebaut hatten. Kalinins Unterschrift besiegelt den Beschluss über das Passsystem, das die Landbewohner praktisch zu neuen Leibeigenen machte, indem es ihnen die Freizügigkeit nahm. Dieselbe Unterschrift steht unter dem ungeheuerlichen Beschluss vom 1. Dezember 1934 „Über das Verfahren in Sachen der Vorbereitung oder Verübung terroristischer Akte“. Dieser Beschluss blieb die wichtigste Rechtsnorm für die pseudogerichtlichen Verfahren der 1930er- und 1940er-Jahre. Kalinin unterschrieb auch den Erlass, der das gesamte Strafrecht auf Kinder ab 12 Jahren ausdehnte. Lagerhaft für Zuspätkommen zur Arbeit, für Arbeitsbummelei, für eigenmächtiges Verlassen des Arbeitsplatzes, für Kleindiebstähle – all diese drakonischen Maßnahmen besiegelte 1940 mit seiner Unterschrift der „Allunions-Dorfälteste“, der aussah wie ein gütiger Großvater mit gepflegtem grauem Spitzbart.
Zum Lohn für Gehorsam und Willenlosigkeit, genauer gesagt für die Mitwirkung an der staatlichen „Legitimierung“ des Stalin’schen Terrors, drückte der „Vater der Völker“ bei den erotischen Abenteuern seines Mitstreiters nicht nur beide Augen zu, sondern belohnte ihn auch auf seine Weise. Schon in den ersten Novembertagen 1931 begannen die Arbeiter der Betriebe des alten Twer plötzlich mit Kollektivbriefen, in denen sie baten, ihrer Stadt den Namen ihres Landsmanns zu verleihen – des „Allunions-Dorfältesten“.
Dass Twer nicht Kalinins Heimatstadt war und er bis dahin nur zwei-, dreimal auf der Durchreise dort gewesen war, störte niemanden. Zum 56. Geburtstag erhielt Michail Iwanowitsch eine nach ihm selbst benannte Stadt zum Geschenk.
Dabei hatte er noch fünf Jahre zuvor vernünftig und besonnen dagegen Einspruch erhoben, dem Kreiszentrum Kimry, das viel näher an seinem Heimatdorf Werchnjaja Troiza liegt, seinen Namen zu geben…
Doch neben solchem „Zuckerbrot“ setzte Stalin im Umgang mit seinen Mitstreitern auch die Peitsche ein. Michail Iwanowitsch bildete keine Ausnahme. 1938 wurde Jekaterina Iwanowna verhaftet. Zwar lebte sie faktisch getrennt von ihrem Mann, doch formal war sie noch immer seine Frau. Der älteren Frau, die damals im Apparat des Obersten Gerichts arbeitete, legte man eine alte tragische Geschichte zur Last. Bereits 1924 hatte sie sich an die Tscheka gewandt und gestanden, dass ihr älterer Bruder Wladimir vor der Revolution mit der zaristischen Ochrana zusammengearbeitet habe. Der Bruder wurde damals sofort erschossen. Und nun, vierzehn Jahre später, quälte man sie mit der Frage: Warum hat sie den Bruder nicht früher verraten? Das Urteil war typisch für die Zeit der „Jeschowschtschina“: 15 Jahre Lager. Hat Kalinin versucht, sich an Stalin zu wenden und seine Frau zu verteidigen? Bekannt ist eine solche Bitte zu Beginn des Krieges. Damals lehnte Stalin grob ab: „Um deine Sache kümmere ich mich, wenn wir den Krieg beendet haben“, sagte er. Bei der „Säuberung“ der Führung der Roten Armee am Vorabend des Krieges wurde auch Kalinins Schwiegersohn verhaftet – der Mann seiner Tochter, ein Militär. Ihn konnte man jedoch befreien: Berija, der Jeschow abgelöst hatte, veranlasste, um sich den Ruf eines „Kämpfers gegen Exzesse“ zu verschaffen, die Freilassung eines Teils der unter völlig absurden Anschuldigungen Verhafteten.
Die Repressionen trafen auch Mitglieder des von Kalinin geleiteten ZIK der UdSSR. Kalinin versuchte nicht einmal, Menschen zu retten, mit denen er jahrelang Seite an Seite gearbeitet hatte und die er gut kannte – als Menschen, die Partei und Staat treu ergeben waren.
Pawel Aksjonow, Mitglied des ZIK der UdSSR, Kalinin direkt unterstellt, ehemaliger Vorsitzender des Stadtsowjets von Kasan und Vater des bekannten Schriftstellers, der 18 Jahre Lager überstand, erzählte, man habe ihn direkt in einer Sitzung des ZIK verhaftet. Man bat ihn ins Arbeitszimmer von Michail Iwanowitsch, wo bereits drei NKWD-Mitarbeiter warteten. In Kalinins Gegenwart legten sie Aksjonow den Haftbefehl vor. Michail Iwanowitsch umarmte Aksjonow mit Tränen in den Augen und murmelte so etwas wie eine Bitte um Vergebung. Dann trat er zurück und überließ den Mitarbeitern der „Organe“ das Feld.
In Kalinins Empfangszimmer gingen in den Jahren des „Großen Terrors“ massenhaft Briefe von Angehörigen unrechtmäßig verfolgter Menschen ein. Sogar Kinder schrieben und baten für ihre verhafteten Väter und Mütter. Auf diesen Briefen gibt es keine Resolutionen und keinerlei Vermerke von Kalinins Hand. Er hatte einfach schon Angst, sich für irgendjemanden einzusetzen... Und denen, die es bis zu ihm in die Sprechstunde schafften, soll er geantwortet haben: „Meine eigene Frau ist verhaftet, und ich kann ihr in keiner Weise helfen. Und auch Ihnen kann ich in keiner Weise helfen.“
Erhalten ist ein aus derselben Zeit stammendes Stenogramm einer Begegnung des „Allunions-Dorfältesten“ mit Einwohnern von Chibinogorsk im Gebiet Murmansk (heute Kirowsk).
Auf seinem letzten Weg begleiteten Kalinin Malenkow, Berija, Molotow und Stalin (von links nach rechts).
Die Stenographin hielt für die Geschichte folgenden Satz des „Präsidenten“ fest: „Bitten Sie mich um nichts, ich bin ein machtloser Mensch. Wenden Sie sich an Molotow.“
In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges übte Kalinin vor allem formale Funktionen des „Staatsoberhaupts“ aus. Zudem wurde er krank. Gleich nach dem Sieg stellten die Ärzte eine Krebserkrankung fest. Die Operation half nicht. Vor ihr wandte sich Kalinin ein letztes Mal flehentlich an Stalin mit der Bitte, seine Frau freizulassen. Jekaterina Iwanowna hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als sieben Jahre in Lagern verbracht – die Hälfte der vom „Gericht“ verhängten Zwangsarbeitsstrafe. Sie wurde auf allerhöchsten Willen begnadigt und pflegte mehrere Monate lang ihren dahinsiechenden Mann. Nach seinem Tod am 3. Juni 1946 begleitete sie den Sarg mit den sterblichen Überresten ihres Gatten an Stalins Seite…
Ein Jahr nach dem Tod Michail Iwanowitschs traf Jekaterina Iwanowna ein weiterer furchtbarer Schlag. Ihr Erstgeborener, Walerian Kalinin, inzwischen ein glänzender Diplomat, der mehrere Jahre in den USA gearbeitet hatte, nahm sich unter nie geklärten Umständen das Leben…
Die Idee, der ehemaligen Hauptstadt Ostpreußens den Namen Kalinins zu geben (obwohl die Karte der UdSSR ohnehin schon mit diesem schlichten russischen Familiennamen übersät war – Kalinin, Kalininogorsk, Kalininabad, Kalininakan), kam unmittelbar nach dem Tod des „Allunions-Dorfältesten“ auf. Dabei war zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen worden, Königsberg in Baltijsk umzubenennen und das neue Gebiet Baltisches Gebiet zu nennen. Doch … es hatte sich bereits die Regel eingebürgert, den Namen eines verstorbenen Staatsmannes irgendeinem Ort zu verleihen. Und kraft dieser absurden Tradition wurde Pillau in Baltijsk umbenannt, während Königsberg plötzlich den Namen eines Mannes erhielt, der in der Geschichte des Landes zwar auf der Vorderbühne, aber keineswegs in den Hauptrollen aufgetreten war.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

