Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist Kaliningrad eine völlig zufällige Stadt. Ihre Geschichte hätte anders verlaufen können, sie hätte einen anderen Namen tragen und ganz anders aussehen können.
Es hat sich eben so ergeben, dass Ostpreußen samt seiner Hauptstadt nach dem Zweiten Weltkrieg der UdSSR angegliedert wurde; Stalin beschloss eben, dem alten Königsberg den Namen jenes unglücklichen Greises zu „verleihen“, der bei den Kreml-Gelagen die Rolle des Hofnarren spielte, und tat es auch; die neuen Bewohner dieses Landes rissen eben manches von dem ab, was ihre Vorgänger gebaut hatten, und manches ließen sie stehen. Wovon ließen sie sich dabei leiten? Von ideologischen Erwägungen? Zum Teil – ja. Doch in den meisten Fällen entschied der blinde Zufall über das Schicksal des einen oder anderen Gebäudes.
Insgesamt ist das Schicksal, wie wir sehen, mit Königsberg äußerst unbarmherzig umgegangen. Die Stadt ist faktisch verschwunden. Im Grunde können wir Besuchern nur einige wenige Baudenkmäler aus der Vorkriegszeit zeigen. Und ein beträchtlicher Teil davon sind Werke des deutschen Architekten Heitmann. Wie kam es dazu? Nun, im Prinzip ebenfalls durch Zufall …
Herausfordernd spitz, demonstrativ nicht von uns
Friedrich Heitmann (geboren am 27. Oktober 1853 im westfälischen Ahlen) baute in Königsberg viel und mit Freude. Nach seinen Entwürfen entstanden etwa zwei Drittel der Villen in Amalienau. Doch Heitmanns größter Stolz (wie übrigens auch unserer) sind natürlich die Kirchen. Bis heute erhalten sind die Königin-Luise-Gedächtniskirche (heute das Puppentheater), die Adalbertkapelle (ein Labor des IZMIRAN) und die Kirche zur Heiligen Familie (der Konzertsaal der Kaliningrader Philharmonie).
Die Königin-Luise-Gedächtniskirche entstand in Königsberg an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, im Jahr 1901. Der Stil, in dem sie errichtet wurde, wird als neoromanisch bezeichnet.
Manche Fachleute erkennen an ihr allerdings auch Elemente der Neorenaissance und des Jugendstils. Wie dem auch sei – die Kirche wurde von den Bürgern schnell ins Herz geschlossen, und Heitmann galt nach Abschluss des Baus endgültig als großer Meister.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude, wie die ganze Stadt, schwer in Mitleidenschaft gezogen, doch es blieb stehen. Die örtliche Parteiführung freute sich darüber allerdings offenbar nicht sonderlich. Der herausfordernd spitze, demonstrativ nicht von uns stammende, nicht sowjetische Kirchturm war ihr ein Dorn im Auge, was schließlich zu dem Befehl führte, das Problem mit Dynamit zu lösen.
Die Heldentat eines Pioniers
Alles lief darauf hinaus, dass dieses Werk Heitmanns in die Luft fliegen würde, so wie zuvor schon viele andere architektonische Meisterwerke Königsbergs. Die Kirche hatte jedoch Glück: Mit der Sprengung wurde der junge Militärpionier Grigori Sazerkowny beauftragt.
Und das lag nicht daran, dass er ein schlechter Sprengmeister gewesen wäre. Im Gegenteil, er war ein sehr guter. Sazerkowny war es nur nicht gleichgültig, was er sprengte. Und das unterschied ihn von den meisten seiner Kollegen. Viele, viele Jahre später erzählte Grigori Moissejewitsch, er habe es nicht über sich gebracht, Hand an das schöne Gebäude zu legen, und deshalb seinen Vorgesetzten gemeldet, die Kirche könne nicht zerstört werden, weil dabei die Nachbarhäuser Schaden nehmen könnten.
Das war natürlich nicht wahr. Erfahrung und Können hätten es Sazerkowny erlaubt, die Kirche sanft „in sich zusammensacken“ zu lassen, ohne jemandem zu schaden. Doch er entschloss sich zu einer List. Wer weiß, wie das alles für ihn hätte enden können? Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Pionier, wäre der Schwindel aufgeflogen, nicht nur seinen Dienstgrad, sondern auch seine Freiheit verloren hätte. Es waren schließlich alles andere als zimperliche Zeiten.
Gegen den Strom
Lange Zeit stand die Luisenkirche halb zerstört und verlassen da. Ende der Sechzigerjahre hatten die Stadt- und Gebietsväter genug davon und beschlossen, dort ein Puppentheater einzurichten. Mit dem Entwurf wurde der Architekt Juri Waganow beauftragt. Die Arbeit ging nur mühsam voran, denn die örtlichen Parteibonzen mischten sich ständig ein – sie verlangten, das Theater solle einer deutschen Kirche möglichst wenig ähneln. Keine Türme, kein neoromanischer Stil, keinerlei Anspielungen auf die Vorkriegsvergangenheit dieses Landes.
Waganow hatte dazu jedoch seine eigene Meinung, und trotz erheblichen Drucks von Vorgesetzten aller Art gelang es ihm, sie durchzusetzen. Dabei hätte alles auch anders kommen können, wenn nicht Waganow, sondern jemand anderes das Projekt betreut hätte – jemand Fügsameres, eher zu Kompromissen Bereites. Der hätte sich, einer schlichten Lebensweisheit folgend, nicht mit den Parteifunktionären angelegt, sondern getan, was sie verlangten. Hätte entfernt, was nicht passte, und hinzugefügt, was gewünscht war.
Und dann stünde heute im Park „Zentralny“ nicht Heitmanns Kirche, sondern irgendein gesichtsloser Kasten.
Gestorben wäre daran natürlich niemand. Der Himmel wäre nicht auf die Erde gefallen, der Pregel wäre nicht rückwärts geflossen. Im Gegenteil, viele hätten das neue Gebäude wohl ganz erträglich gefunden. Und der Architekt würde heute in Interviews vermutlich erklären, die Kirche in ihrer ursprünglichen Gestalt zu erhalten, sei technisch unmöglich gewesen, und überhaupt habe ein spitzer Turm so gar nicht zur Idee eines Puppentheaters gepasst, weshalb man ihn eben habe entfernen müssen. Sie verstehen das doch alle, nicht wahr? Und wir hätten es natürlich verstanden, hingenommen und verziehen.
Doch dazu kam es zum Glück nicht, denn Sazerkowny, Waganow und vielen weiteren Menschen, die ihnen halfen, ist es gelungen, die Sehenswürdigkeit der Stadt nahezu in der Gestalt zu bewahren, in der Heitmann sie erbaut hatte.
Observatorium, Prothesen und Orgel
Ein in mancher Hinsicht ähnliches (wenn auch natürlich nicht so dramatisches) Schicksal hatten zwei weitere Sakralbauten Heitmanns – die Adalbertkapelle und die Kirche zur Heiligen Familie.
Der Grundstein der ersten wurde 1902 gelegt, feierlich eingeweiht wurde sie 1904. 28 Jahre später „setzte“ man ihr einen Anbau an, der fast doppelt so groß war wie die Kapelle selbst. Das Ganze erhielt den Namen Adalbertkirche. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Anbau fast vollständig zerstört, die Kapelle verlor ihre Turmspitze. Vielleicht war es gerade dieser Umstand, der ihr das Überleben sicherte. Denn ohne Turmspitze wirkt eine Kirche nicht mehr ganz so ideologisch schädlich. Eine Zeit lang war in der Kapelle ein Betrieb untergebracht, der Prothesen für Kriegsversehrte herstellte, später zog dort ein Labor des magnetisch-ionosphärischen Observatoriums des IZMIRAN ein.
Der wohl bekanntesten Kirche Heitmanns dagegen – der Kirche zur Heiligen Familie (der Bau wurde 1907 vollendet) – schadete ihr hoher Turm, der die heftigen Kämpfe überstanden hatte, auch in sowjetischer Zeit nicht. Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, dass diese Kirche nicht im Stadtzentrum liegt und, gleichsam versteckt hinter den umliegenden Häusern, nicht allzu sehr ins Auge fällt.
Ist die Königin-Luise-Gedächtniskirche schon von Weitem zu sehen, so kann man die Pracht der Kirche zur Heiligen Familie erst genießen, wenn man direkt vor ihr steht.
Das Gebäude ist im neugotischen Stil gehalten (bevor Heitmann mit dem Entwurf begann, studierte er lange die Kirchen aus der Zeit des Deutschen Ordens) und vollkommen symmetrisch, was für das Werk des Architekten nicht ganz typisch ist. Nach Heitmanns Vorstellung sollte die Kirche warm, wohnlich und hell werden und vor allem die Atmosphäre der irdischen Familie Christi vermitteln. Und diese Aufgabe hat er, wie es scheint, gemeistert. Das Gotteshaus wirkt erstaunlich lebensfroh. Es heißt, dort seien nie Totenmessen gehalten worden. Nur Taufen und Trauungen.
Unmittelbar nach dem Krieg wurde in der Kirche zur Heiligen Familie ein Lager eingerichtet. Einige Jahrzehnte später fand sich für das Baudenkmal jedoch eine würdigere Nutzung. Ende der Siebzigerjahre begann eine umfassende Rekonstruktion (geleitet vom Architekten Pawel Gorbatsch), die 1980 abgeschlossen wurde; danach zog die Philharmonie in die ehemalige Kirche ein. Zwei Jahre später wurde dort eine Orgel der tschechischen Firma Rieger-Kloss eingebaut, deren Pfeifen dank der hervorragenden Akustik des Saals (zweifellos Heitmanns Verdienst) einen geradezu fantastischen Klang hervorbringen.
Keine Kirche – kein Problem
Allerdings hat das Glück nicht allen Kirchen Heitmanns gelächelt. Sein letztes Werk – die 1910 erbaute Lutherkirche – können wir leider nur noch auf Fotografien sehen. Heute ist an der Stelle, wo sie stand (etwa gegenüber der Verwaltung des Moskauer Stadtbezirks), nichts. Dort ist einfach eine leere Fläche.
Die bittere Ironie des Schicksals besteht darin, dass diese Kirche weit bessere Chancen auf ein langes Leben hatte als ihre Schwestern, denn im Krieg wurde sie praktisch nicht beschädigt. Dennoch wurde das schlanke, schöne und noch recht solide Gebäude 1976 ohne Angabe von Gründen gesprengt.
Gründe soll es allerdings doch gegeben haben. Einer Version zufolge wurde die Kirche zerstört, weil die örtlichen orthodoxen Christen Anspruch auf sie erhoben. Angeblich hatten sie einen Brief „nach oben“ geschrieben und darum gebeten, ihnen die Kirche zu überlassen, da sie ohnehin leer stehe und die Gläubigen keinen Ort zum Beten hätten.
Dazu muss man wissen, dass das Kaliningrader Gebiet in sowjetischer Zeit, da es kein einziges aktives Gotteshaus besaß (das erste wurde hier erst 1985 eröffnet), als das atheistischste des ganzen Landes galt.
Die Parteiführung des Gebiets war sehr stolz auf diese „Errungenschaft“ und wollte in einer so wichtigen Frage die Spitzenposition keinesfalls abgeben. Offenbar beschloss sie deshalb, die Kirche loszuwerden. Denn wenn es kein Gebäude gibt, gibt es den Gläubigen ja auch nichts zu übergeben.
Man kann also annehmen: Hätten die Orthodoxen nicht um die Lutherkirche, sondern beispielsweise um die Kirche zur Heiligen Familie gebeten, wäre an ihrer Stelle heute ebenfalls eine Brachfläche. Oder irgendein Einkaufszentrum.
Schon zu Lebzeiten vergessen
Heute erinnert sich kaum noch jemand an die Lutherkirche. Auch der Name ihres Schöpfers ist nur wenigen bekannt. Der Gerechtigkeit halber sei jedoch angemerkt, dass Heitmann keineswegs erst in sowjetischer Zeit in Vergessenheit geriet.
Der Stern des Architekten begann nach dem Ersten Weltkrieg zu sinken, aus dem er als schwerkranker alter Mann zurückkehrte. Er fühlte sich ständig schlecht und konnte deshalb nicht arbeiten. Sehr bald waren seine Ersparnisse aufgebraucht, die Not kam. Heitmann musste seine Villa in Amalienau verkaufen und zog in das Pfarrhaus, das er einst selbst neben der Adalbertkapelle erbaut hatte. Dort ereilte ihn 1921 auch der Tod. Der berühmte Architekt wurde still und ohne Ehren auf einem Friedhof (im Bereich der heutigen Lessoparkowaja-Straße) beigesetzt, von dem heute keine Spur mehr geblieben ist.
Deshalb gibt es keinen Ort, an dem man an Heitmanns Geburtstag – dem 27. Oktober – Blumen niederlegen könnte, obwohl sich, so glaube ich, nicht wenige fänden, die das gern tun würden …
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

