Wie unverwechselbar das Schloss war, tritt besonders im Kontrast zu der gesichtslosen Brache hervor, die sich heute an seiner Stelle erstreckt. Eine Brache, die, so seltsam es klingt, ebenfalls ein Sinnbild ist. Ein Sinnbild für einen gewaltigen und überaus spannenden Abschnitt, der aus der Geschichte der Stadt herausgerissen wurde. Zum Glück gibt es endlich Hoffnung, dass die Einteilung der Geschichte in eine „richtige“ und eine „unerwünschte“ für immer der Vergangenheit angehören wird.
Nicht zufällig gebrauche ich das Wort „Schloss“ wie einen Eigennamen. Die Deutschen selbst nannten es nicht das „Königliche“ und nur sehr selten das „Königsberger“. Auf Karten, Postkarten, in Büchern und Broschüren stand einfach Das Schloβ – „das Schloss“. Großgeschrieben, wie es im Deutschen bei Substantiven üblich ist. Und wenn man in Königsberg „das Schloss“ sagte, fragte niemand nach, welches gemeint sei. Auch das zeigt, welche Bedeutung es für die Stadt und ihre Bewohner hatte.
Was ist eigentlich ein „Schloss“?
Aus dem Geschichtsunterricht über das Mittelalter wissen wir noch gut, dass eine Burg Festung und Wohnsitz eines Feudalherrn war. Tatsächlich aber reichte die Rolle der feudalen (Ritter-)Burg viel weiter – sie verkörperte und bekräftigte die Souveränität ihres Herrn. Die politische Lage in den Feudalstaaten Europas und der Stand der Kriegskunst waren so beschaffen, dass der Burgherr mit mächtigen Mauern und einer kleinen, aber treuen Besatzung nicht nur benachbarten Rittern, sondern sogar seinem Lehnsherrn die Stirn bieten konnte.
Das Verteidigungskonzept der Burg beruhte darauf, dass die Belagerer selbst dann, wenn sie die hohen, mächtigen Mauern überwunden oder das Tor durchbrochen hatten und in den Hof eingedrungen waren, jeden Turm, jeden Keller, jedes Gebäude und natürlich die Zitadelle (den Donjon oder Bergfried) einzeln im Sturm nehmen mussten – unter erheblichem Kräfteeinsatz und mit Verlusten an Kämpfern.
Kennzeichnend für die Burg sind gestaffelte Verteidigungslinien und die Möglichkeit, örtliche Widerstandsnester zu bilden. Jede Treppe war so angelegt, dass sie sich leichter verteidigen als erstürmen ließ. Geheimtüren und -gänge ermöglichten es, dem Gegner unerwartet in den Rücken zu fallen. Türme wurden zu isolierten Bastionen, Keller zu Fallen. Nicht selten geschah es, dass die Angreifer, nachdem sie Mauern und Außentürme eingenommen hatten, sich bei der Belagerung der inneren Bauten so festbissen, dass ihnen die Mittel für die Kriegführung ausgingen und die Söldner einfach nach Hause zogen. Deshalb ergaben sich Burgen bis zuletzt nicht – in der Hoffnung, die Belagerung werde aufgehoben oder Hilfe von außen eintreffen.
Nicht leichter war es, eine Burg lange zu belagern und darauf zu setzen, dass der Hunger ihre Verteidiger zwingen würde, sich den Belagerern auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Burgbesatzung war gewöhnlich um ein Vielfaches kleiner als das feindliche Heer. Während also die Verteidiger in der Burg ihre Vorräte einteilten und die Tage zählten, musste man draußen vor den Mauern nicht nur ein riesiges Heer ernähren, sondern ihm auch provisorische Unterkünfte bauen, diese mit Graben und Pfahlzaun (Palisade) gegen Ausfälle sichern und darauf achten, dass die von der Belagerung zermürbten Soldaten auf Wache nicht nachlässig wurden und sich nicht Trunk und Plünderung hingaben. Zog sich die Belagerung bis in den Winter hin, kamen zusätzliche Kosten für das Heizen der Behelfsbauten hinzu. Zur Aufhebung einer Belagerung trugen mitunter nicht nur leere Kassen bei, sondern auch Seuchen, andere kriegerische Konflikte, Aufstände oder gar der Tod des Anführers des Belagerungsheeres. So war die Ritterburg ein höchst wirksames Verteidigungsmittel, das es erlaubte, mit geringem Aufwand für den Unterhalt einer Truppe einem weit stärkeren Gegner standzuhalten. Eben deshalb waren Burgen im mittelalterlichen Europa allgegenwärtig. Allein in Frankreich gab es mehr als fünftausend.
Zwischen einer Feudalburg und einer Ordensburg, wie es das Schloss in Königsberg war, besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied. Erstens gehörte die Ordensburg einer Korporation – und eine solche war der Ritterorden im Grunde. Ein Krieg mit der Besatzung der Nachbarburg war daher ausgeschlossen, und folglich konnte und sollte man die Burgen so bauen, dass die eine die andere im Belagerungsfall deckte. Zweitens waren die Burgen in den prußischen Gebieten von Anfang an auf einen Gegner ausgelegt, der in den Feinheiten der Belagerungskunst unerfahren war. Zur Zeit seiner Expansion ins Baltikum war der Orden knapp bei Kasse, und angesichts der technischen und organisatorischen Schwäche der Prußen baute man die Burgen sehr zweckmäßig, ohne fortifikatorischen Überfluss und ohne ungerechtfertigte Ausgaben.

Anzumerken ist, dass auch die Regel des Deutschen Ordens den Bau von Burgen in den eroberten Gebieten vorschrieb: Ihr zufolge durften die Ordensbrüder nur in Burgen übernachten und nirgendwo sonst. Damit sollte die Einhaltung der Mönchsgelübde überwacht werden, allen voran des Keuschheitsgelübdes.
Daher wurde das Netz der Ordensburgen und Befestigungen nach der durchschnittlichen Tagesstrecke eines schwer gerüsteten Ritters zu Pferd mit Knechten und Fußvolk angelegt, und der Abstand zwischen benachbarten Burgen betrug höchstens 30 Kilometer. Die Burgen verfügten über alles, was die Ritterbrüder für den Alltag brauchten: Wohnräume, einen Speisesaal (Remter), ein Spital (Firmarie), einen Abort (Dansker), Speicher und Lager, Ställe, Schmieden. Zur Wasserversorgung gehörte unbedingt ein Brunnen im Burghof. Die Wohnräume wurden mit Kaminen und besonderen Öfen beheizt, deren Kanäle in Wänden und Decken die Heißluft leiteten. Die meisten Burgen entstanden an einem Bach, der durch einen Damm zu einem Burgteich aufgestaut wurde. Auf dem Damm errichtete man eine Mühle, die damals nahezu zum festen Bestandteil einer Burg gehörte.
Als die Ritter des Deutschen Ordens in das Prußenland vordrangen, stellten sie fest, dass viele für den Burgenbau günstige Plätze bereits von einfachen prußischen Holz-Erde-Befestigungen und Heiligtümern besetzt waren. Ohne jedes Vorurteil gründete der Orden an deren Stelle eigene Burgen und nutzte die schon vorhandenen Gräben und Wälle. Man kann sogar behaupten, dass die Ordensritter ihre Burgen in der Regel nicht auf unbebautem Grund errichteten. Keine Ausnahme bildeten auch die beiden größten Komtursburgen* auf dem Gebiet unserer Region – Balga und Königsberg.
Betrachtet man die Ordensburgen als Wehrbauten, so ist festzuhalten, dass sie im Unterschied zu den großen Burgen Westeuropas weit von der Vollkommenheit entfernt waren. Während mittelalterliche Festungsbaumeister in Italien oder Frankreich ganze Staffeln zusätzlicher Verteidigungsringe anlegten und Mauerknicke sowie vor die Mauern gerückte Türme geschickt nutzten, um einen unter den Burgmauern verschanzten Gegner mit Bogen und Armbrust von der Flanke her zu beschießen, verließen sich die Ritter in Preußen vor allem auf natürliche Hindernisse, Gräben, Wälle und hohe Mauern.

Schlüsselelement der Verteidigung einer Ordensburg war der Parcham – der Raum zwischen der äußeren Wehrmauer (Parchammauer) und der Hauptmauer der Burg. Nach der Vorstellung der Festungsbaumeister des Ordens fand sich der Feind, nachdem er die Außenmauer unter Kämpfen und schweren Verlusten überwunden hatte, auf einer offenen Fläche wieder, die die Verteidiger vom Wehrgeschoss (meist dem zweiten) aus unter Beschuss nehmen konnten.
Von den Mauern prasselten Steine und Baumstämme auf die Köpfe der Angreifer, und zum Abschluss unternahmen schwer bewaffnete Krieger einen Ausfall, der dem belagernden Trupp endgültig den Garaus machte. Gerade hier, im Parcham, sollte sich das Hauptgeschehen abspielen, das mit der völligen Niederlage des Gegners endete. Ein so einfacher Plan aktiver Verteidigung setzte voraus, dass die Angreifer keine ausgefeilte Belagerungstechnik besaßen und die Ritter ihnen in Angriffswaffen und Schutzausrüstung qualitativ überlegen waren. Deshalb erwiesen sich Burgen, die prußischen Kriegerscharen mehr oder weniger gewachsen waren, als unzureichend geschützt, wenn sie sich gegen litauische oder polnische Heere verteidigen mussten.
Von Ottokar bis zur Marschallsburg
Es ist kein Geheimnis, dass die Entstehung der Burg Königsberg mit dem Namen des böhmischen Königs Ottokar II. Přemysl verbunden ist. Allerdings bekam der König die nach ihm benannte Burg selbst nie zu Gesicht – er war ein allzu tatkräftiger Mann und zog, nachdem er den Ordensrittern bei der Unterwerfung des Samlands unschätzbare militärische Hilfe geleistet hatte, sogleich wieder heim, denn in Böhmen hatte er viel zu tun, angefangen mit dem Kampf gegen eigenwillige Barone und der Festigung der Königsmacht. Den Chroniken nach nahm er auch an der Grundsteinlegung Königsbergs nicht teil – zum Zeitpunkt der Gründung der Burg war Ottokar bereits unterwegs. Dennoch blieben die politischen Beziehungen zwischen dem Orden und dem Königreich Böhmen von da an freundschaftlich, bis zum Niedergang des Ordens.
Unzweifelhaft ist dagegen die unmittelbare Beteiligung eines anderen Teilnehmers der samländischen Feldzüge an der Gründung Königsbergs – des ersten Komturs der Burg Königsberg, Burchard von Hornhausen. Nach archäologischen Grabungen, die noch von deutscher Seite durchgeführt wurden, lag die allererste Holz-Erde-Befestigung im Bereich des heutigen Hauses der Räte und des Pfades am Hang des Königshügels, der zum Supermarkt „Moskowski“ führt.
Doch bereits um 1257 begann man mit dem Bau einer steinernen Burg an jener Stelle, an der sie die folgenden 700 Jahre stehen sollte. Gleich zu Beginn wurden die Bauarbeiten jedoch durch einen Aufstand der einheimischen Bevölkerung gestört, der 1260 ausbrach. Es war der zweite Prußenaufstand seit Beginn der Eroberung Preußens durch die Deutschordensritter.
Zu ihrer Überraschung stellten die Ordensbrüder fest, dass die Prußen in diesen Jahren viel von ihnen gelernt hatten, insbesondere, wie man eine Belagerung organisiert und Belagerungsgerät einsetzt. Die Ordensritter selbst nannten diesen Aufstand den „Abfall der Prußen vom Glauben“, denn es erhoben sich getaufte Prußen, die Untertanen des Ordensstaates waren und zum Teil sogar in dessen Kriegsdienst standen. Diesmal fielen die zuvor für sie uneinnehmbaren Ritterburgen eine nach der anderen – mit Ausnahme von Balga und Königsberg, die die Prußen vergeblich zu stürmen versuchten und anschließend belagerten. Die Belagerung Königsbergs dauerte zweieinhalb Jahre, und nur weil die Burg über den Pregel mit Proviant versorgt werden konnte, hielt die Besatzung bis zum Eintreffen militärischer Hilfe deutscher Fürsten durch. Unmittelbar nach Aufhebung der Blockade im Jahr 1263 wurde der Bau der steinernen Burg wieder aufgenommen, wobei man die Lehren aus der prußischen Belagerung berücksichtigte. Dasselbe geschah auch in der Burg Balga. Der Schutz der Burgen beschränkte sich nun nicht mehr allein auf mächtige Mauern: Fast alle Burgen besaßen jetzt eine vorgelagerte Befestigung – die Vorburg. Zudem traf man Maßnahmen, um die bereits zurückeroberten Gebiete durch einen Schutzring kleinerer Burgen gegen Einfälle von außen zu sichern. Die Flüsse Pregel, Deime und Alle (Lawa) wurden unter die Kontrolle von Burgen gestellt. Wie wirksam diese Maßnahmen waren, zeigt die Tatsache, dass die Burgen Königsberg und Balga, solange sie fortifikatorische Bedeutung besaßen, kein einziges Mal vom Feind eingenommen wurden.
Die äußerst günstige geographische Lage Königsbergs ließ es über die übrigen Burgen des Ordens hinauswachsen. Um 1312, in einer Zeit verstärkter Vorstöße gegen Litauen und ständiger Gegenzüge des litauischen Heeres, wurde Königsberg Sitz des Marschalls des Deutschen Ordens und damit faktisch dessen militärische Hauptstadt.
Bis dahin hatte sich die Burg ihrer neuen Rolle entsprechend gewandelt: Alle vier Ecken erhielten Wehrtürme, unter denen der achteckige Haberturm hervorstach, der bis zum endgültigen Abriss der Schlossruine überdauerte. Die Nordseite erhielt zwei Zwischentürme, die Südseite drei. Alle Türme sprangen vor die Mauern vor und erlaubten es, einen unmittelbar unter der Mauer verschanzten Feind flankierend zu beschießen. Die Türme waren rechteckig – nach den damaligen Regeln der Festungsbaukunst galten sie als wirksamer als runde. Ende des 14. Jahrhunderts wurde der große Schlossturm errichtet, den wir von Fotografien so gut kennen. Seiner Bauweise nach war dieser Turm weder Donjon noch Bergfried, sondern eher ein Wachturm, der zugleich als Glockenturm und später auch als Turm der wichtigsten Stadtuhr diente. Die Danzker (Aborttürme) des Schlosses erhoben sich auf der Westseite, genau dort, wo heute der Leninski-Prospekt verläuft.
Grundriss des Schlosses um 1350. Rekonstruktion aus dem Buch von Friedrich Lahrs „Das Königsberger Schloss“.
Grundriss des Schlosses um 1450. Rekonstruktion aus dem Buch von Friedrich Lahrs „Das Königsberger Schloss“.
Damals befand sich an dieser Stelle allerdings noch ein Graben. Das Hauptgebäude der Burg war das viereckige Konventshaus (Sitz der Ritterversammlung). Bezeichnend ist, dass gerade in die Blütezeit des Ordens der Höhepunkt in der Entwicklung der Burg als Festungsanlage fällt. Doch andere Zeiten standen bereits bevor. Die in Europa aufkommenden Feuerwaffen fegten nicht nur die Ritterreiterei, sondern auch die Burgen von den Seiten der Geschichte.
Die Festung wird Residenz, Denkmal, Museum
Schon der erste Einsatz von Belagerungsartillerie in Europa zeigte, dass die alten Befestigungsformen aus Ziegelmauern und Türmen der neuen Waffengattung nicht gewachsen waren. Stein- und später Gusseisenkugeln, die von sogenannten Breschbatterien methodisch im direkten Richten abgefeuert wurden, zertrümmerten das Mauerwerk, zerschlugen die Schießscharten und brachen die Zinnen der Brustwehren ab. Die Burgen selbst eigneten sich überhaupt nicht zur Aufstellung von Festungsgeschützen: Die Türme waren zu eng, die Treppenaufgänge schmal und unbequem, die Wehrgänge auf den Mauern der Belagerungsartillerie schutzlos ausgesetzt. Anstelle von Burgen errichtete man nach und nach Erdwälle und Bastionen, und nur die Trägheit des militärischen Denkens wies den steinernen Bollwerken mitunter noch die Rolle einer Zitadelle inmitten eines Bastionsrings zu. In Preußen kam dieser Moment in den Jahren der Entstehung des weltlichen Herzogtums.
Zum letzten Mal werden die zahlreichen Burgen als Befestigungen im Text des Krakauer Vertrags aufgezählt, den der frischgebackene Herzog Albrecht 1525 unterzeichnete. Albrecht war es auch, der den Umbau des Schlosses zur Residenz des Landesherrn einleitete – einer zwar befestigten Residenz, die jedoch vor allem gegen schlecht bewaffnete Aufrührer geschützt sein sollte.
Unter dem ersten Herzog wurde der Südflügel des Schlosses umgestaltet (Baumeister Andreas Hesse); außerdem entstand über dem Osttor der bekannte Bau des Baumeisters Friedrich Nußdorfer, der schlicht „Albrechtsbau“ hieß. Die größten Veränderungen erfuhr das Schloss unter dem Regenten Georg Friedrich in den Jahren 1584–1594. Er berief den Baumeister Blasius Berwart, der die Reste des Konventshauses abtragen ließ und den von zahlreichen Fotografien und Zeichnungen bekannten Westflügel mit Strebepfeilern und zwei großen Rundtürmen errichtete. Im ersten Obergeschoss des Westflügels wurde die Schlosskirche eingerichtet.
Das Jahr 1400. Zeichnung aus dem Buch von Friedrich Lahrs „Das Königsberger Schloss“.
Das Jahr 1560. Zeichnung aus dem Buch von Friedrich Lahrs „Das Königsberger Schloss“.
Zum königlichen Schloss machte es der erste preußische König Friedrich I. Zum einen ließ er sich hier krönen, zum anderen bestimmte er es zu seiner zweiten Residenz. Den Entwurf für den Umbau des Ostflügels erarbeitete der Architekt Schultheiß von Unfried, verwirklicht wurde er jedoch bei Weitem nicht vollständig. So entstand im Südosten des Schlosses der barocke „Unfriedbau“. Vollendet wurde er erst während der russischen Herrschaft über Königsberg im Siebenjährigen Krieg. Die letzten größeren Bauarbeiten am Schloss führte der Architekt Schlüter aus, der 1864 dem Hauptturm des Schlosses einen neugotischen Turmhelm aufsetzte. Danach waren alle Veränderungen nur noch punktueller Natur: Giebel wurden erneuert, die Geländer der Stützmauern ausgetauscht, Skulpturen aufgestellt. Das Schloss hatte sich endgültig von einer Festung in ein Baudenkmal verschiedener Epochen verwandelt. Im 20. Jahrhundert dienten die Räume des Schlosses überwiegend als Museen; dafür wurden der gesamte Südflügel, ein Teil des Westflügels sowie einzelne Räume des Ost- und des Nordflügels genutzt.
Vor allem aber war das Schloss die bedeutendste Sehenswürdigkeit Königsbergs, seine Prachtfassade, die nicht nur die Bürger der Stadt, sondern Millionen Menschen in aller Welt kannten und wiedererkannten. Und vor allem – sein Herz.
„Zitadelle“ oder „fauler Zahn“
Für den Hitlerfaschismus gibt es keine Rechtfertigung und kann es keine geben. Unermessliches Unheil und Leid brachte er nicht nur über die Völker Europas und unser Land, sondern auch über jene Gesellschaft, in der er entstand, von der er genährt wurde und die er zur Durchsetzung seiner furchtbaren Ideologie missbrauchte. Das Königsberger Schloss ist nur ein winziges Sandkorn in dem gewaltigen, alles verheerenden Feuersturm, mit dem der von Hitler entfesselte Zweite Weltkrieg über unseren Planeten fegte.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erwartete das Schloss ein wenig beneidenswertes Schicksal: Es wurde zum Schauplatz nationalsozialistischer Versammlungen und Propagandaausstellungen sowie zum Depot für von den Nazis geraubte Kulturgüter. Kaum dürften die Besatzungen der britischen Luftwaffe darüber nachgedacht haben, als sie ihre Brandbomben in die Dunkelheit der Königsberger Nacht abwarfen, doch gerade dieser Angriff vom 30. August 1944 wurde zum Anfang vom Ende des Schlosses. Die Schäden waren katastrophal: Der im Schloss ausgebrochene Brand richtete schwere Zerstörungen im Süd- und Ostflügel an. Im Nord- und Westflügel brannten Dach und obere Geschosse aus. Eine riesige Zahl von Exponaten der im Schloss untergebrachten Museen ging verloren. Wie durch ein Wunder blieb das rechtzeitig in Kisten verpackte und in den Kellern versteckte Bernsteinzimmer erhalten, doch viele andere Schätze verschwanden für immer in den Flammen. Und das waren bei Weitem nicht die letzten Prüfungen, die dem Königsberger Schloss bevorstanden.
In den Militärdokumenten der 3. Weißrussischen Front wurde das Schloss häufig als „Zitadelle“ bezeichnet. Das geschah keineswegs, weil die Militärführung nicht gewusst hätte, dass die Burg als Festungsanlage schon fünf Jahrhunderte zuvor ausgedient hatte.
In der damaligen sowjetischen Propaganda wurden historische Parallelen zwischen den „Hundsrittern“ und den Hitler-Invasoren gezogen: aus Sicht des Historikers haltlos, aber verständlich für Soldaten, die jeden Tag dem Tod ins Auge blickten.
Auch die nationalsozialistische Propaganda beschwor von Zeit zu Zeit den Geist der längst in Gott entschlafenen Ritter. Ohne sich mit dem Wesen der historischen Ereignisse zu befassen, machten die einen die Deutschordensritter zur Rechtfertigung ihrer verbrecherischen Pläne, während den anderen die Aufgabe zufiel, diese Pläne mitsamt ihrem Symbol zu Fall zu bringen. Bemerkenswert ist, dass einzelne Vertreter der NS-Parteiführung in Königsberg die Mauern des Schlosses tatsächlich für einen ernsthaften Schutz gegen die Waffen jener Zeit hielten. So schildert der Königsberger Kommandant Lasch in seinen Memoiren, Gauleiter Koch habe vorgeschlagen, ein Geschütz auf den Schlossturm zu schaffen und von dort aus auf die Russen zu feuern, und später dazu aufgerufen, das Schloss als letzte Bastion der Stadtverteidigung zu halten. Keiner der beiden Pläne sollte jedoch Wirklichkeit werden. Das Geschütz ließ sich schlicht nicht auf den Turm hinaufbringen, und die Gruppe aus SS-Männern und Polizisten, die das Schloss verteidigte, versuchte es beim ersten einigermaßen heftigen Beschuss durch Einheiten der Roten Armee zu verlassen.
Doch obwohl es einen eigentlichen Sturm auf das Schloss nicht gab, versetzten Artilleriebeschuss und Schlachtflieger es in einen noch erbärmlicheren Zustand als den, in dem es sich nach dem britischen Bombenangriff befunden hatte. Als erhalten konnten nur die alten Keller des Schlosses gelten. Die oberirdischen Bauten waren nur noch Mauern ohne Decken, übersät mit Einschusslöchern und Breschen. Unmittelbar nach dem Krieg wurden die Ruinen des Schlosses in einen „Steinbruch“ verwandelt, in dem Ziegel für den Wiederaufbau sowjetischer Städte „gewonnen“ wurden. In den 1960er-Jahren schließlich wurde die Frage nach dem weiteren Schicksal des Schlosses unausweichlich.

Der Legende nach wurde sie endgültig vom Chefideologen des ZK der KPdSU, Genosse Suslow, entschieden. Während einer Dienstreise nach Kaliningrad fuhr er an den Ruinen des Schlosses vorbei und wies die örtliche Führung zurecht: „Habt ihr diesen faulen Zahn des Faschismus etwa immer noch nicht gezogen?!“
Nach diesem Satz spielten die Meinungen der Verantwortlichen für den Generalbebauungsplan der Stadt, der Vertreter des Kulturministeriums der UdSSR und der Kaliningrader Museumsleute keine Rolle mehr. Bis 1969 war das Schloss vollständig abgerissen, doch seine Keller blieben für Neugierige noch einige Jahre zugänglich, bis die Arbeiten zur Gestaltung des Zentralen Platzes begannen.
Das Herz der Stadt
Fast 700 Jahre lang dachte in Königsberg niemand darüber nach, wo das Herz der Stadt schlug. Denn die Antwort lag auf der Hand: das Schloss und nur das Schloss. Nachgedacht hat man erst später, als dieses Herz endgültig aufgehört hatte zu schlagen. Und es wurde klar, dass weder der ehemalige Stadtmagistrat (im Volksmund „ZG“ – Zentrales Gastronom, später Sitz der Stadtverwaltung) noch das begonnene, aber nie fertiggestellte „DS“ – das Haus der Sowjets – an das Herz der Stadt heranreichen. Das Erste ist bestenfalls ihr Kopf, das Zweite eine große, hässliche Warze. Ein Stück des stillstehenden Herzens der Stadt haben Archäologen ausgegraben, doch zu schlagen begann es dadurch nicht wieder. Soll die Stadt weiterhin ohne Herz leben, oder finden wir doch den Mut einzugestehen, dass es für sie schlicht kein besseres Herz geben kann als jenes, in dem Geschichte, Kultur und Kunst vereint sind? Ich glaube, die Antwort auf diese Frage ist nicht so weit entfernt, wie es manchmal scheint.
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* Die Komturei (Kommende) war die kleinste Verwaltungseinheit innerhalb des Ordens. Um 1300 zählte der Deutsche Orden rund 300 Komtureien, die über ganz Europa verteilt waren, von Sizilien bis ins Baltikum. In der Regel bestand eine Komturei aus einer Burg und den unmittelbar angrenzenden Ländereien. An der Spitze jeder Komturei stand ein Komtur. Die kleinsten und ärmsten Komtureien konnten nur etwa ein Dutzend bewaffneter Krieger stellen, die größten und einflussreichsten mehr als tausend.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

