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Ecksteine

Ecksteine

Ausbesserung des Kopfsteinpflasters in der Kaliningrader Uliza Griga im August 2015.

Hat das Kaliningrader Kopfsteinpflaster eine Zukunft ?

Obwohl Kaliningrad sich als touristisch attraktive Stadt zu präsentieren versucht, weiß man in Russland und Europa (von Amerika und Asien ganz zu schweigen) beschämend wenig über sie. Im Westen denkt man, wenn von Kaliningrad die Rede ist, in der Regel sofort an Kant , im Osten an das Kopfsteinpflaster.

„Ich habe in den 60ern bei euch in der Stadt gedient“, erzählte mir vor ein paar Jahren ein älterer Taxifahrer in Tula, als er erfuhr, woher ich kam. „Bei euch gab es doch Kopfsteinpflaster. Ist das noch da oder wie?“ Wohlgemerkt: Er fragte nicht nach dem Königsberger Schloss, dessen Ruine er sicher noch gesehen hatte, ihn interessierte nicht das Schicksal des Bernsteins (wer weiß – vielleicht ist er ja schon aufgebraucht?), er überging den Zustand unserer Strände, und selbst das bei Russen aus anderen Städten so beliebte Thema der Abgeschnittenheit der Exklave vom Kernland ließ den Fahrer kalt. Sein Herz schmerzte allein um das Kopfsteinpflaster.

„Noch da?“, wandte er sich zu mir um und bremste ab.

„Noch da“, antwortete ich.

„Na, Gott sei Dank“, atmete der Taxifahrer auf und fuhr weiter.

Ein unbestreitbarer Wert

Auch bei den hiesigen Verteidigern des Vorkriegs-Kulturerbes genießt das Kopfsteinpflaster besonderes Ansehen. Eine der beliebtesten Kaliningrader Internet-Gemeinschaften zu diesem Thema heißt „Retten wir das Kopfsteinpflaster!“ (https://www.facebook.com/groups/gorodk/). Ihre Koordinatorin, Anna Karpenko, hat auf den unterschiedlichsten Podien unzählige Male erklärt, dass das Kopfsteinpflaster nach Ansicht der Mitglieder der Gemeinschaft (der Gruppe gehören derzeit mehrere Hundert Menschen an) ein unbestreitbares Kulturgut ist. Und wenn dem so ist, muss es dort erhalten bleiben, wo es heute liegt. Gemeint ist dabei nicht nur das sichtbare Pflaster, sondern auch jenes, das unter dem Asphalt verborgen liegt und bei Straßenbauarbeiten zum Vorschein kommen kann. Die Verteidiger des Pflasters meinen, man dürfe es nur in Ausnahmefällen entfernen. Etwa wenn es eine echte Gefahr für die Verkehrsteilnehmer darstellt.

Doch diese Haltung teilt in Kaliningrad längst nicht jeder. Viele Autofahrer denken, wenn die Rede auf das Kopfsteinpflaster kommt, sofort an ihre Radaufhängung. Nach dem Motto: Mein Auto ist kein Dienstwagen, Reparaturen sind heutzutage teuer, also zum Teufel mit eurem Kopfsteinpflaster … Außerdem werfen viele Kaliningrader dem Pflaster vor, es störe ihre Nachtruhe, weil die Autos darauf scheppern wie Rasseln. Da die Autofahrer in Kaliningrad in der Mehrheit sind und nachts überhaupt praktisch alle schlafen wollen, darf man kaum hoffen, dass die Aktien des Kopfsteinpflasters in nächster Zeit einen stabilen Kursanstieg verzeichnen.

Eine heimtückische Falle

Theoretisch könnten die örtlichen Behörden die Lage ändern. Doch besonderen Eifer kann man bei ihnen in dieser Frage bislang nicht erkennen. Ja, sagt die Stadtobrigkeit, wir verstehen, dass das Kopfsteinpflaster sehr wichtig ist, aber die Bürger sind mehrheitlich dagegen – und was sollen wir machen? Wir sind wie das Volk. Und wenn dem so ist, braucht man sich um den Erhalt des historischen Erbes anscheinend auch nicht zu kümmern. Asphalt drüber – und fertig.

Natürlich wird dieser Asphalt in zwei, drei Jahren, wie bei uns üblich, voller Schlaglöcher und Buckel sein. Aber das ist nicht schlimm. Man kann sehr schnell neuen aufbringen. Für den Haushalt ist das zwar kostspielig, aber dafür sind alle zufrieden. Die Autofahrer, die Menschen mit allzu leichtem Schlaf, vor allem aber die Baufirmen, die regelmäßig neue Aufträge bekommen.

… Ganz abwimmeln lassen sich die Verteidiger des historischen Erbes allerdings nicht immer. Vor etwa zwei Jahren gab es eine Art Experiment – das Pflaster wurde in einer der schönsten Straßen der Stadt, der Uliza Telmana, neu verlegt. Doch sehr bald warf das neue Pflaster Wellen, zerfiel, und es wurde schlechterdings unmöglich, darauf zu fahren.

So war das Kopfsteinpflaster diskreditiert und seine Verteidiger saßen in der Falle. „Na bitte, seht ihr, wir sind euch entgegengekommen, wir haben versucht, es so zu machen, wie ihr wollt, und das ist dabei herausgekommen!“, sagte die Obrigkeit gleichsam zu den Vertretern der beliebten Internet-Gemeinschaft. „Jetzt ist für alle klar, dass das Pflaster weg muss, weil man es nicht ordentlich neu verlegen kann – solche Fachleute haben wir nicht.“

Einfache Rezepte

In Wirklichkeit kann man Kopfsteinpflaster natürlich ordentlich neu verlegen. Und gute Fachleute zu finden, ist kein Problem. Man muss sie nur nicht in Mittelasien suchen, wie man es bei uns häufig tut, sondern zum Beispiel in Deutschland oder Italien. Oder schließlich in Polen, wo man dieses Kopfsteinpflaster beinahe anbetet.

Ich erinnere mich, wie Kaliningrader Journalisten vor einigen Jahren bei einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Stadtrats von Gdańsk, Bogdan Oleszek, fragten, wie oft man in dieser Stadt Kopfsteinpflaster durch Asphalt ersetzen müsse. Die Frage musste mehrmals wiederholt werden. Und das lag keineswegs an der Sprachbarriere. Pan Bogdan konnte einfach nicht begreifen: Wie – Kopfsteinpflaster durch Asphalt ersetzen? Wozu?!

„Die Einwohner von Gdańsk würden das einfach nicht zulassen!“, rief er aus, als er endlich verstanden hatte, worum es ging. „Eine völlig unvorstellbare Situation!“ „Aber die Autofahrer stört das Kopfsteinpflaster doch sicher?“, ließen die Kaliningrader nicht locker. Oleszek wusste offenbar nicht, was er antworten sollte. Er zuckte nur mit den Schultern.

Allem Anschein nach wird das Pflaster in Gdańsk von echten Meistern ihres Fachs neu verlegt, deshalb macht es den Autofahrern keine Probleme. Natürlich ist die Arbeit solcher Fachleute nicht billig. Aber ich denke, Kaliningrad gibt viel mehr aus, wenn es fast jedes Jahr den löchrigen Asphalt erneuert. Und vielleicht ist alles noch einfacher. Vielleicht lieben die Einwohner von Gdańsk ihre Heimatstadt mehr als ihre Autos, und deshalb stellt sich dort die Frage, Pflaster durch Asphalt zu ersetzen, gar nicht erst. Wahrscheinlich wirken in Gdańsk aber beide dieser schlichten Faktoren.

Das alles gab es schon einmal …

Wenn man es sich recht überlegt, ist das Rezept zur Rettung des Kopfsteinpflasters also lächerlich einfach. Wenn es den Bewohnern und den Behörden nicht egal ist, bleibt es erhalten, wenn es ihnen egal ist, verschwindet es. Bislang gibt es, wie gesagt, wenig Anlass zu Optimismus. Die meisten Kaliningrader (selbst wenn sie kein Auto haben und nachts tief schlafen) denken nicht darüber nach, worin der Wert dieser Steine besteht, sie spüren ihn nicht. Sie begreifen nicht, dass die Stadt mit dem Kopfsteinpflaster einen Teil ihrer Seele verliert, dass wir, wenn wir die alten Pflastersteine herausreißen, die Wurzeln kappen, die uns mit diesem Land verbinden. Erstaunlicherweise sind die Kaliningrader dabei mehrheitlich überzeugt, dass ihre Stadt für Touristen auch ohne Kopfsteinpflaster interessant sein wird. Ach was, „ohne Kopfsteinpflaster“ – überhaupt ohne alles Alte. Und erst recht ohne das Pseudo-Alte.

Vor einigen Monaten hielt bei einer öffentlichen Diskussion über die Bedingungen eines weiteren Architekturwettbewerbs, den das Büro „Herz der Stadt“ ausgerichtet hatte, eine recht bekannte Dame eine begeisterte Rede darüber, dass Kaliningrad im Grunde kein historisches Zentrum brauche. Ihrer Meinung nach sollten wir alle nach vorn blicken und nicht zurück. „Soll Kaliningrad doch eine schöne, helle Stadt mit würdiger, moderner Architektur ohne mittelalterliche Enge sein. Dann leben wir selbst gern hier , und auch die Gäste werden zu uns strömen“, schloss sie.

Man muss sagen, ihr Auftritt fand Widerhall in den Herzen zahlreicher Diskussionsteilnehmer. „Ja, ja“, stimmten die Leute der Rednerin zu. „Man muss nach vorn schauen, Königsberg lässt sich ohnehin nicht wiederherstellen …“ Und ich hörte zu und verstand, dass all das schon einmal da gewesen war. Praktisch seit 1945 machten sich die neuen Bewohner dieses Landes, die die Last der Vergangenheit energisch abgeschüttelt hatten, daran, an der Stelle der alten und ihrer Meinung nach nicht sehr gelungenen Stadt eine neue, große, moderne Stadt zu bauen. Das war eine lange, schwere und zuweilen – was soll man sagen – geradezu heroische Arbeit.

Doch zu Beginn der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts waren sie alle furchtbar müde. Sie hielten inne, betrachteten kritisch das Gebaute und fuhren mit einem schweren Seufzer zur Erholung nach Gdańsk, dessen Zentrum nach dem Krieg akribisch wiederaufgebaut worden war. Mit all seinen engen Gassen, alten Häusern und natürlich mit Kopfsteinpflaster.

Ich glaube, auch dem Taxifahrer aus Tula würde Gdańsk besser gefallen als Kaliningrad …


P.S. Vielleicht steht es bei uns aber doch nicht ganz so schlecht. Vor Kurzem etwa wurde in der Uliza Griga das Pflaster neu verlegt. Das ist großartig. Hauptsache, es kommt hinterher nicht so wie in der Uliza Telmana.


Foto: Michail Ogorodnikow.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.