Bevor die Kurische Nehrung dem Sand anheimfiel, herrschte hier kein Mangel an Nahrung. Die dichten, wildreichen Wälder versorgten die Kuren zu jeder Jahreszeit mit allem, was sie zum Leben brauchten.
Mit der Eroberung der Halbinsel durch den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert begann die planmäßige Besiedlung der Nehrung. Die neuen Siedler lebten wie ihre Vorgänger von Fischfang, Jagd und Waldbienenzucht und ergänzten ihren Speiseplan mit den Eiern der Vögel, von denen hier mehr als hundert Arten nisteten. In den Quellen des Ordens wird die Kurische Nehrung erstmals 1258 unter dem Namen Nestland (Land der Nester) erwähnt. Doch als der Niedergang des Ordens im 15. Jahrhundert einsetzte, wurden die Wälder der Nehrung rücksichtslos abgeholzt und niedergebrannt, um Acker- und Weideland zu gewinnen; viel Holz ging zudem in den Bau. All das hatte schwerwiegende ökologische Folgen. Die in Bewegung geratenen Sandmassen begannen sogar, ganze Dörfer zu verschütten. Als einziges Waldstück blieb das Gebiet zwischen Cranz (Selenogradsk) und Sarkau (Lesnoi) erhalten, einer der ältesten Siedlungen auf der Kurischen Nehrung. Hier durften seit dem 16. Jahrhundert nur gekrönte Häupter jagen. Dem einfachen Volk war es selbstverständlich untersagt, sich an den Gaben dieses Waldes zu bedienen.

Bis zum 17. Jahrhundert glich die einst bewaldete und wildreiche Kurische Nehrung schon eher einer Wüste (man nannte sie sogar die Preußische Sahara), und jeden Winter drohte den Einheimischen ernsthaft der Hunger. Um ihre Familien zu ernähren, mussten die Fischer nach anderen Wegen suchen, ihre Vorräte aufzustocken. Außerdem konnte es nicht schaden, den eintönigen Fischspeiseplan wenigstens ein wenig „aufzulockern“. So begann man hier, Krähen zu jagen. Davon gab es zum Glück reichlich.
Im Jahr 1656 erschien eine Verordnung, nach der die Jäger für ihre Vorrichtungen zum Fang von Krähen und Drosseln eine jährliche Abgabe von einem Taler und sechs Groschen zu entrichten hatten. Zudem musste man bei der örtlichen Forstverwaltung eine Erlaubnis (Lizenz) für den Platz erwerben, an dem die Falle aufgestellt werden durfte – dieser Platz wurde oft vererbt. Die Falle bestand aus einem mit Sand getarnten Fischernetz und einigen ringsum in den Boden gesteckten Pflöcken. An ihnen band man zuvor gefangene Krähen an den Füßen fest. Als Köder dienten Bohnen, Weizen oder Fischabfälle
Krähen, die über die Falle hinwegflogen, ließen sich vom ausgestreuten Futter verlocken und landeten beim Anblick ihrer Artgenossen furchtlos neben der Falle. Hatten sich genügend Vögel versammelt, zog der in einer Hütte versteckte Jäger an einer Leine, und das Netz fiel über die Vögel. Sie wurden sofort schnell und schmerzlos durch einen Biss in den Kopf getötet, weshalb man die Fänger „Krähenbeißer“ (Krähenbeißer oder Krajebieter) nannte. Um seinen Mund zu desinfizieren und sich keine Vogelkrankheit einzufangen, nahm der Jäger hin und wieder einen Schluck Schnaps. Daher wusste die Ehefrau sofort, ob die Jagd erfolgreich gewesen war. Kam der Mann stocknüchtern nach Hause, musste man hungrig schlafen gehen.

Krähen jagte man im Herbst, wenn das Eis auf dem Haff noch zu dünn und das Fischen unmöglich war, und im Frühjahr, wenn das Eis taute und die Wintervorräte zur Neige gingen.
Erfahrene Krähenbeißer brachten 50–100 Vögel am Tag nach Hause. In die Netze gingen vor allem Nebelkrähen. Zu Hause wurden die Vögel gerupft, gewässert und dann für den langen Winter in Fässern eingesalzen. Man konnte sie kochen, räuchern, schmoren … Krähenfleisch ist zäh, deshalb muss es nicht 30 Minuten wie Hühnerfleisch, sondern anderthalb bis zwei Stunden lang gekocht werden. Zum Mittagessen gab es meist eine Krähe pro Person, als Beilage das, was der liebe Gott eben bescherte.
Ein breiteres Publikum eroberten die „preußischen Täubchen“ erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahn Königsberg – Cranz gebaut wurde und die Nehrungsbewohner ihre Krähen auf den Königsberger Märkten verkaufen konnten. Das bedeutete einen beträchtlichen Zuverdienst für die Familienkasse.
Selbst als man die Gefahr des Winterhungers längst für immer vergessen konnte, verschwanden die Krähen nicht von den Tischen der Kuren. Im Gegenteil: Krähenfleisch wurde immer beliebter. Und bald fand es sogar Eingang in die Speisekarten teurer Restaurants.

Allerdings wurde das Gericht oft unter anderen Namen serviert – als „Nehrungstauben“ (Nehrungstauben) oder „Sarkauer Gänse“ (Sarkaugänse), dazu Reis oder Sauerkraut. Gesalzene Krähen galten als echtes Königsberger Gericht und als große Delikatesse.
Der deutsche Dichter Gert Sattler (Gert O.E. Sattler) schrieb in seinem Gedicht über die Krähenbeißer, man habe den Vögeln, um sie zu töten, die Köpfe abgebissen. Das Werk rief einen Sturm der Entrüstung bei Armin Toll hervor, der 1944 als 15-Jähriger zum letzten Mal auf der Kurischen Nehrung Krähen gejagt hatte. „Das ist doch verrückt!“, empörte er sich in seinem Artikel „Der Krähenbeißer. Wie es wirklich war“: „Der Verfasser dieser Zeilen scheint über den Gegenstand seines Werkes nicht sehr gut Bescheid zu wissen ... Beim letzten Mal gingen mir 63 Krähen ins Netz. Trotzdem kam ich nicht wie Dracula nach Hause. Man kann sich kaum vorstellen, wie man einer Krähe mit ihrem so langen Schnabel den Kopf ‚abbeißen‘ soll. Und keiner der ‚Krajebieter‘ ist, glaube ich, je mit blutverschmierter Kleidung von der Jagd heimgekehrt. In Wirklichkeit musste man den Schädel der Krähe nur leicht anbeißen, dann starb sie blitzschnell und ohne Qualen. Dabei hielt man mit einer Hand den Schnabel des Vogels fest, mit der anderen die Flügel.“
Das Krähenfangen hatte Armin von seinem Großvater gelernt. Dieser vererbte dem Enkel nicht nur seine Erfahrung, sondern auch zwei Fangplätze an der Küste.
Wie Toll berichtet, fand auch das Gefieder der Krähen Verwendung. Zunächst wurde es sortiert und aufbereitet, dann stopfte man mit den Daunen Kissen und mit den Federn Matratzen. Diese mühselige Arbeit war stets Frauensache. Meist versammelten sich die Frauen auf der Veranda eines kleinen Dorfgasthofs, sangen Lieder, damit die Arbeit nicht gar so ermüdend war, und spülten das Ganze großzügig mit Grog hinunter. Doch auch die Männer standen ihnen nicht nach und wärmten sich nach erfolgreicher Jagd mit dem kräftigen Getränk.

Übrigens aßen nicht nur die Kuren Krähenfleisch. Auch die Kaschuben und die Liven verschmähten es nicht. In Litauen gehörte es zur traditionellen Kost.
So kamen etwa im Dorf Kalnaberžė (Bezirk Kėdainiai) jedes Jahr Anfang Juni Einheimische und Gäste aus den Nachbardörfern an einer großen Tafel zum „Krähenschmaus“ zusammen. Das am schnellsten zubereitete und nach Ansicht von Feinschmeckern schmackhafteste Gericht ist Krähenfleisch, in der Fritteuse in Bier geschmort. Man gibt das vorbereitete Fleisch hinein, fügt Gewürze hinzu – eine Stunde, und fertig. Darüber hinaus wird das Fleisch dieser Vögel gebraten, geschmort und mariniert. Auch der Vorsitzende des Ministerrats des Russischen Reiches, Pjotr Arkadjewitsch Stolypin, hielt die „Krähen“-Tradition aufrecht: Er besaß in diesem Dorf ein Gut, das sein Vater einem befreundeten General, seinem Busenfreund, beim Kartenspiel abgewonnen hatte.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

