LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Wie die Ewige Stadt Rom, Urbs Septicollis1, liegt Königsberg auf sieben Hügeln, von denen sich entzückende Ausblicke auf die Umgebung eröffnen. Diese Stadt liegt in einer zum Wohnen außerordentlich angenehmen Gegend. Es ist eine Ebene, durch die der schiffbare Fluss Pregel fließt. Und kleine Hügel hier und da erlauben es uns, herrliche Landschaften zu genießen.
Hier gibt es, wohin man auch blickt, sehr viel Wasser, und das verleiht der Stadt einen unbeschreiblichen Reiz. Der schiffbare Pregel mit seinen Armen umspült ganz Königsberg und bildet in seiner Mitte die in ihrer Art einzigartige Insel Kneiphof. Herrlich ist das Panorama, das sich dem Blick von der Promenade auf den Lindenmarkt eröffnet, der am Hauptarm des Pregels liegt, welcher gemächlich unten dahinfließt. Links die Weite der Felder und Gehölze, rechts die im Grün versinkenden alten Häuser mit ihren wunderlichen Balkönchen. Sie ziehen sich vom Blauen Turm, dem Stadtgefängnis, bis zum Gebäude der Börse. Und in der Mitte zwei Brücken, und über dem Geländer der einen, der Grünen Brücke, sieht man die Masten der im Hafen dicht gedrängten Schiffe.
Noch schöner sind die Ausblicke, die sich von der Grünen Brücke in Richtung des Haffs eröffnen. An dieser Stelle mündet einer seiner Arme, der zuvor die Insel Kneiphof umflossen hat, in den Pregel, und der Fluss strömt breit und frei dahin. An beiden Ufern ziehen sich lange Reihen von Speichern hin.
Auf der linken Seite unten sieht man die Festung, auf der rechten das Flusszollamt Holländer Baum. Die Fachwerkbauten der Speicher, das Zollamt, das mit Balkonen geschmückte Kontor der örtlichen Dampfschifffahrtsgesellschaft sowie der Rote Kran, der leider vor Kurzem gebrannt hat, verleihen dem rechten Pregelufer eine ungewöhnliche Malerischkeit.
Doch einen ganz besonderen Zauber verleihen Königsberg die Schiffe. So wechselt auf dem Fluss jede Minute ein Bild das andere ab. Da kriecht rechts auf dem Pregelarm entlang dem Kai im Schneckentempo die „Pfennigfähre“, und dort drüben durchschneidet ein Boot das glatte Wasser, in dem ein paar Matrosen rudern. Hier sucht ein Schiff sich einen Platz vor dem Speicher, aus dem es Ware abholen soll, und versucht, sich in eine freie Lücke am Kai zu zwängen. Endlich hat es Glück: Eines der Schiffe legt voll beladen von der Anlegestelle ab. Und hinter dem Zollamt Holländer Baum gehen soeben angekommene Schiffe vor Anker, um ihren Ballast abzuwerfen. An dieser Stelle vermischt sich die Erde Amerikas, Norwegens und Hollands mit der Erde Preußens, und die einheimischen Jungen wühlen dort ständig auf der Suche nach seltsamen Muscheln.
Geht man über die Grüne Brücke, sieht man ringsum wahrhaft zauberhafte Bilder. Weites Wasser — wohin man auch blickt: der Fluss, der seine Wellen zum Meer rollt, Flaggen und Segel der Schiffe im Hafen, der Abendsonnenuntergang, der im fernen Spiegel des Meeres versinkt — all das erzeugt das Gefühl, der Meeresgott Poseidon sei zugegen. Und das ist ein erregendes Gefühl.
Verstärkt wird es durch die einzigartige Architektur des Ortes. Die breite, in modernem Stil gebaute Straße der Vorderen Vorstadt, das imposante Bankgebäude, der schlanke Turm des Grünen Tores, das gediegene barocke Gebäude der Effektenbörse bilden einen hohen Vordergrund, von dem sich herrliche Ausblicke eröffnen.
Am Kai zur Rechten breitet sich der Fischmarkt aus und daneben der Trödelmarkt (Fisch- und Krammarkt). Dort herrscht immer Gedränge. Auf der gegenüberliegenden Seite aber erheben sich die Kollegiengebäude der Albertina, hinter denen der Dom hervorlugt, sodass der Eindruck eines idyllischen Bildes eines mittelalterlichen Klosters entsteht, das im Grün der Gärten versinkt.
Hier kann man stets die unvermeidlichen Fischerboote sehen, aber auch Schiffe, die Käse, Butter und im Herbst Obst hierher bringen. Die Fischerboote sehen aus wie breite, längliche Kästen, die Käseschiffe aber haben ein spitzes, zeltförmiges Holzdach zum Schutz vor der Sonne. Sie reihen sich auf dem Fluss in langen Reihen auf.
Hinter dem Stadtwall gibt es an drei Seiten nichts als eine flache Ebene mit Feldern und Äckern. Zwischen ihnen und dem Wall liegen Gewässer (zum Beispiel der Oberteich) oder Gruben, die entstanden, als man an dieser Stelle Erde für den Bau der Verteidigungsanlagen entnahm. Die Gruben verschwinden allmählich, indem sie sich mit städtischem Unrat und Lumpen füllen. In diesen Müllhaufen wühlen ständig Landstreicher, Bettler und Dzimken2 und suchen nach bunten Lumpen, Messerstücken, zerbrochenen Kämmen, Scherben von Glasgeschirr, Knöpfen und ähnlichem Plunder.
ANMERKUNG DER ÜBERSETZERIN
1. Stadt, die auf sieben Hügeln erbaut ist (Urbs Septicollis)
2. Dzimken — Lehnwort aus dem polnischen ziomek m. ‚Landsmann‘, auch dschimke, schimke. Bezeichnung für polnische Flößer und Bootsleute im ehemaligen Ost- und Westpreußen.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

