/ Ostpreußen

Der Maigraf

Der Maigraf

„Georgsfest mit Tanz um den Maibaum“. Gemälde von Pieter Brueghel dem Jüngeren, um 1627.

Der Maigraf wurde seit alters als Fest des Frühlings und der Fruchtbarkeit gefeiert, als symbolischer Abschied vom Winter in Erwartung des nahenden Sommers. Soweit bekannt, hat sich dieser Brauch in Europa seit der Zeit der Kelten erhalten, besonders prächtig entfaltete er sich jedoch im Mittelalter in den wohlhabenden Handelsstädten der Hanse, zu denen auch Königsberg gehörte.

Die Volksfeste dauerten eine Woche, die mit dem christlichen Pfingstfest zusammenfiel. Während der Feierlichkeiten wurden unter den jungen Männern Wettkämpfe in Ausdauer, Treffsicherheit und Körperkraft ausgetragen, um den Stärksten und Geschicktesten unter ihnen zu ermitteln. In Königsberg zogen die Männer am 1. Mai (später dann Ende des Monats, zu Pfingsten) in festlicher Kleidung und mit Waffen zu militärischen Wettkämpfen vor die Stadttore, wo auf einer eigens hergerichteten Wiese der sogenannte Maibaum aufgestellt und ein festliches Turnier veranstaltet wurde. Der „Baum“, der den Frühling, die Erneuerung des Lebens und die Fruchtbarkeit versinnbildlichte, wurde mit Grün und bunten Bändern geschmückt1. Sobald er aufgestellt war, begann das fröhliche Feiern.


Aufstellen des MaibaumsAufstellen des Maibaums. Englische Illustration aus dem 19. Jahrhundert.

Zu Pfingsten wurde die ganze Stadt mit Zweigen voll zarten Frühlingsgrüns geschmückt. In der Regel war es die Birke, denn sie ist der erste Baum, der aus dem Winterschlaf erwacht.
Der erste Mai im Dorf.
Maibaum und Maiwein.


Die grünen Birkenzweige nannte man nach dem Monat Mai „Maien“.

„Schmückt mit Maien

Das heilige Fest,

Streuet Blumen aus,

Zündet Opfer an.

Denn der Herr ist heute

Hier bei uns zugegen.

Bestreut ihm den Weg

Mit grünen Zweigen.“

*   *   *

“Schmückt das Fest mit Maien,

lasset Blumen streuen,

zündet Opfer an! 

Denn der Geist der Gnaden

hat sich eingeladen,

machet ihm die Bahn!” 

Kirchenlied (1715)

Auf der Festwiese wurden mehrtägige, wie man heute sagen würde, wehrsportliche Wettkämpfe ausgetragen, bei denen die einheimischen Männer den Besten der Besten wählten – den Maigrafen. Die Ratsherren überreichten ihm den Maikranz. Danach durfte der Maigraf unter den Jungfrauen eine Maigräfin erwählen. Ihr setzte er seinen Maikranz auf. Zu Ehren dieses Ereignisses wurde getanzt und es wurden Speisen gereicht.

Den Abschluss des Festes bildete die feierliche Rückkehr in die Stadt (Mairitt), bei der die Ratsherren den neu gewählten „Grafen“ und die „Gräfin“ begleiteten.


Blutgericht

Eine Zeit lang wurde der Maigraf in Königsberg im Weinrestaurant „Blutgericht“ gewählt, das sich im Keller unter dem Nordflügel des Schlosses befand.

Restaurant Die berühmten Säle des „Blutgerichts“ waren offensichtlich nicht zum Herumtollen und Tanzen gedacht.


Die Verlegung des Hauptgeschehens in ein Trinklokal führte jedoch regelmäßig zu spontanen Raufereien und anderen Ausschreitungen. Deshalb ordnete der Stadtrat 1835 an, zur Tradition zurückzukehren und die Wahl des Maigrafen ausschließlich auf der Festwiese abzuhalten; die Wahl im Weinkeller wurde verboten.

Eng mit den Maifesten verbunden war der Brauch, ein besonderes Getränk herzustellen, das früher als Maiwein bekannt war. Am beliebtesten war die Maibowle – eine Mischung aus Wein und Schaumwein. In Ostpreußen gab es eine Variante mit dunklem Bier und Schnaps. Man sollte sie jedoch nicht mit dem Maibock2 oder Hellen Bock (Heller Bock) verwechseln.

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

1. Das Aufstellen eines Maibaums oder einer Maistange wurde erstmals 1224 in Aachen von dem Mönch Caesarius von Heisterbach dokumentiert. In seiner Chronik verurteilte er es als heidnisches Ritual.

2. Eine deutsche Sorte starken hellen Lagerbiers, traditionell für das Frühjahr (den Mai) gebraut. Er unterscheidet sich vom klassischen dunklen Bock durch die hellere Farbe (von golden bis hell bernsteinfarben), eine hohe Süffigkeit, eine malzige Süße mit Brot- bzw. Biskuitnoten und eine deutliche Hopfenbittere.

QUELLEN

1. Gause Fritz. Geschichte der Stadt Königsberg. 1965;

2. Eduard Pabst. Der Maigraf und seine Feste;

3. Der Maigraf. Die Gartenlaube (1884). Heft 22

Verschiedene Gestaltungen des Maibaums

Maigraf des 21. JahrhundertsModerne Lesart: Maibaum und Fahrgeschäft im schwäbischen Freizeitpark Tripsdrill.

LINK

Weitere Informationen über diesen Brauch finden Sie bei Wikisource.


● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.