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Marion Dönhoff: „Lieben, ohne zu besitzen“

Marion Dönhoff: „Lieben, ohne zu besitzen“

Gräfin Marion von Dönhoff

(Hamburg, 1972)

Wie die Erbin eines der klangvollsten preußischen Adelsgeschlechter zur einflussreichsten Journalistin Deutschlands wurde.

Das Leben der Gräfin Marion von Dönhoff umspannte nahezu das gesamte 20. Jahrhundert. Sie wurde im Stammschloss ihrer Familie geboren. Sie erhielt die klassische Erziehung einer Adligen und verinnerlichte aristokratische Umgangsformen … Doch die Welt der feinen Gesellschaft mit all ihren Ritualen, Zeremonien und Konventionen war ihr stets zuwider. Schon als Kind fühlte sie sich unter den einfachen Bauern, die auf dem Gut arbeiteten, weit wohler. Zugleich war die Komtess stolz auf ihren Namen und verstand sich als Angehörige eines der ältesten Geschlechter. In Ostpreußen jedoch bekam niemand etwas geschenkt, auch wenn der Adel ein privilegierter Stand war. Es war eine Zeit, in der Frauen eine festgelegte Rolle zugewiesen war: Kinder-Küche-Kirche. Marion gehörte zu den wenigen, denen es gelang, sich über die Konventionen hinwegzusetzen, eine hervorragende Ausbildung zu erhalten, ihre riesigen Güter souverän zu verwalten und darüber hinaus ihren Platz in einem neuen Leben zu finden, das mit einer Reihe von Tragödien begann.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Marion, damals noch Studentin, zu einer engagierten Regimegegnerin. 1939 zogen ihre Brüder und Neffen in den Krieg. Dann kamen die Todesnachrichten. 1944 schloss sie sich dem Widerstand an. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler entging sie dem Galgen, während alle ihre Mitstreiter hingerichtet wurden. Den letzten und nicht minder grausamen Schicksalsschlag erlitt sie im Januar 1945, als die sowjetischen Truppen in Ostpreußen einmarschierten und Gräfin Dönhoff in den Westen floh – in einer einzigen Nacht verlor sie nicht nur ihren Besitz, sondern auch ihre Heimat. Ein für alle Mal. Dass sich ihre Persönlichkeit gerade in der Zeit des Nationalsozialismus geformt hatte, bestimmte ihr Interesse an der Politik. Durch einen glücklichen Zufall kam sie zur Hamburger Wochenzeitung Die Zeit und machte in 56 Jahren journalistischer Tätigkeit eine glänzende Karriere. Die Gräfin verstand es, über allem Kleinlichen zu stehen. Noch heute nennt man sie eine fantastische Frau, die Grande Dame des deutschen Journalismus, das Gewissen der Nation, eine der einflussreichsten politischen Publizistinnen Deutschlands, die den Ruf des deutschen Volkes gerettet haben.

Kindheit

Woher die Dönhoffs stammen

Die Dönhoffs zogen, wie viele deutsche Adelsfamilien, im Mittelalter nach Osten. Sie stammten aus Dönhof an der Ruhr (Westfalen). Ihr zweiter Familiensitz – ebenfalls Dönhof genannt – wurde 1330 bei Riga in Livland errichtet; dort lebten achtzehn Generationen der Familie. Die ältere, livländische Linie, bekannt als Denhoff, brachte bedeutende polnische Magnaten hervor – Wojewoden, Hetmane, Starosten und Kardinäle. Die protestantischen preußischen Dönhoffs gingen auf den Livländer Magnus Ernst von Dönhoff zurück, der polnischer Gesandter in Sachsen und Brandenburg gewesen war und sich 1666 bei Königsberg niederließ. Sein Enkel Otto Magnus, Gouverneur von Memel und preußischer Gesandter beim Abschluss des Friedens von Utrecht, ließ in den Jahren 1709–1714 den gesamten gewaltigen Gebäudekomplex von Friedrichstein errichten.

Gräfin Marion Hedda Ilse Dönhoff wurde am 2. Dezember 1909 im Schloss Friedrichstein geboren, das gut zwanzig Kilometer östlich von Königsberg liegt (heute die Siedlung Kamenka). Marions Mutter, eine geborene von Lepel, war einst Hofdame der letzten Kaiserin Auguste Viktoria gewesen und bewahrte sich auch zu Hause den Sinn für die strenge Etikette des kaiserlichen Hofes: Die Dienerschaft hatte sie ausschließlich mit „Exzellenz“ anzusprechen. Der Vater, Graf August von Dönhoff, war als Diplomat an den deutschen Botschaften in Sankt Petersburg und Washington tätig und gehörte nicht nur dem erblichen Preußischen Herrenhaus, sondern auch dem gewählten Deutschen Reichstag an. Außerdem war er ein großer Kunstkenner und leidenschaftlicher Reisender. Der Graf starb, als Marion zehn Jahre alt war.

Prunk nach außen, Askese im Alltag und lutherische Frömmigkeit – das war der Stil der großen Familie Dönhoff.

Marion, die jüngste von sieben Kindern, war keineswegs der Liebling der Familie. Im Gegenteil: Das Verhältnis zu den Eltern, vor allem zur Mutter, war kühl. Ihre kindlichen Eindrücke vom Vater sollte sie erst viel später revidieren; vorerst ging sie ihm, wo sie nur konnte, aus dem Weg: „Im Arbeitszimmer stand ein sehr langer Tisch, auf dem das Noveau Bulletin, alle deutschen Zeitungen, die Londoner Times lagen … Ich musste sie dem Vater immer vorlesen, er sah schlecht. Und ich habe das gehasst.“

Ein herzliches Verhältnis hatte sie nur zu ihrer behinderten Schwester Maria. Marion, ein diszipliniertes, schlagfertiges, durch und durch preußisches Mädchen, entfremdete sich nach und nach vom Rest der Familie und wurde aus Protest zu einem eigenwilligen Wildfang und Zappelphilipp, der vornehme Steifheit und aufgeblasene Etikette für überflüssig hielt. Am liebsten hielt sie sich im Pferdestall, in den Tischlerwerkstätten oder im Garten auf; vom Stallknecht lernte sie, Pferde zu pflegen, vom Chauffeur, Autos zu reparieren, und vom Kutscher, auf zwei Fingern zu pfeifen.

Und in der Zeit der Hyperinflation, als das Geld völlig wertlos geworden war und ein Dollar mehr als vier Milliarden Mark kostete, rollte sie gern zusammen mit den Kindern der Gutsarbeiter Millionen- und Milliardenscheine zu kleinen Röllchen, stopfte sie in Flaschen und vergrub sie.


Marion Dönhoff zu PferdDie rebellische Marion auf ihrem Pferd vor den Mauern von Schloss Friedrichstein.


Schloss FriedrichsteinFriedrichstein war das größte Landschloss Ostpreußens.

Dass die Eltern ihrer jüngsten Tochter nicht viel Aufmerksamkeit schenkten, kam ihr nur gelegen. Im Kreis ihrer aristokratischen Familie langweilte sich Marion gründlich, vor allem, wenn vornehme Gäste kamen. Einen von ihnen, den preußischen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine ganze Woche bei ihnen zu Gast war, behielt die siebenjährige Komtess ihr Leben lang in Erinnerung: „Damals war ich furchtbar enttäuscht von ihm. Ich dachte, es würde ein strahlender junger Held mit dem Schwert in der Hand hereinkommen. Stattdessen kam ein alter Mann mit abstehendem Schnurrbart und schlurfendem Gang … Er sah aus wie der Nussknacker aus meinem Lieblingsbilderbuch.“

Marions beste Freunde waren ihre Cousins Heinrich und Sissi Lehndorff vom benachbarten Gut Steinort.

Sie verbrachten ihre freie Zeit gemeinsam in den Weiten Masurens und wurden gemeinsam von Hauslehrern unterrichtet. Damals zeichnete Marion gern lustige Karikaturen von Menschen, die ihr Interesse weckten. Etwa vom „verschrobenen Junggesellen“ Onkel Carol Lehndorff, der für seine Neffen und Nichten Wettbewerbe im Zubereiten von Möweneiergerichten veranstaltete, oder vom Oberkutscher Grend, den die Kinder mit einer von zu Hause stibitzten Zigarre bestachen, damit er sie reiten ließ.

Eines Tages ereignete sich ein tragisches Unglück, das Marions Schicksal verändern sollte. Auf der Rückfahrt von einem Ausflug nach Cranz (heute Selenogradsk) stürzte das Auto, in dem sie mit Freunden – ebenfalls Jugendlichen – saß, eine Böschung hinab in den Pregel und versank fast sofort in zehn Meter tiefem Wasser. „Ich kam nach etwa fünf Minuten ans Ufer“, erinnerte sich Marion. Die anderen kamen ums Leben. Danach schickten die Eltern sie in ein Berliner Mädchenpensionat – weit weg vom Ort der Tragödie. Doch bald rebellierte die Tochter gegen die dort herrschenden strengen Regeln. „Merkwürdig, dass Erwachsene Kinder nie verstehen; sie nehmen sie nicht ernst, lächeln gnädig über alles und versuchen auf jede Weise zu zeigen, dass sie auch daran glauben“ – so lautete der erste Eintrag in dem Tagebuch, das sie mit 16 Jahren zu führen begann. Dank ihrer Hartnäckigkeit setzte Marion einen Schulwechsel durch: Ausnahmsweise wurde sie in ein Jungengymnasium in Potsdam aufgenommen. Sie war das einzige Mädchen in der Klasse, doch das störte sie nicht im Geringsten.

Abschlussklasse in PotsdamDie Gymnasiastin Marion Dönhoff mit ihrer Abschlussklasse in Potsdam.

Nachdem sie 1928 ihr Abitur glänzend bestanden hatte, beschloss Marion, an der Universität weiterzustudieren, doch die Mutter war mit diesen Plänen nicht einverstanden. Erst auf Drängen der älteren Brüder willigte sie ein – allerdings unter einer Bedingung: Zuvor sollte Marion einen einjährigen Haushaltskurs im schweizerischen Samedan absolvieren. Nachdem sie sich die damals obligatorischen hauswirtschaftlichen Fertigkeiten angeeignet hatte, die sie nicht sonderlich interessierten, reiste sie durch die USA und fuhr anschließend zu ihrem Bruder Christoph nach Südafrika. Er nahm sie oft mit auf Safari. Nachdem sie versehentlich einen Leoparden angeschossen hatte, schwor sie sich, nie wieder auf die Jagd zu gehen.

Studienjahre

Marion gehörte zur ersten Generation, die die Früchte der Frauenbewegung ernten konnte: Erst 1908 war deutschen Frauen der Zugang zum Hochschulstudium eröffnet worden. Und so lernte die Komtess aus Friedrichstein 1932 bereits die Grundlagen der Volkswirtschaft an der Universität Frankfurt am Main. Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten überschattete das Studium: 90 Professoren und Dozenten wurden von der „roten Universität“ vertrieben.

„Die meisten meiner Landsleute nahmen das neue Regime mit Genugtuung auf … Auch mir schien zunächst, national und sozial sei eine gute Wortverbindung. Und als ich las, dass Adolf Hitler in Berlin auftreten würde, fuhr ich hin“, erinnerte sich Marion Dönhoff. „Ich saß zwei Stunden lang zwei Meter von ihm entfernt. Seine Rede wirkte auf mich erschreckend. Seine Argumente waren vollkommen wahnsinnig … Und ich begriff, dass ich mit dieser Partei niemals etwas zu tun haben würde.“

Die Studentin besuchte kommunistische Versammlungen und verteilte Flugblätter, wofür man sie die „rote Gräfin“ nannte.

Als ihre kommunistischen Kommilitonen von der Universität verwiesen wurden, wechselte sie aus Furcht vor Verfolgung nach Basel, wo sie 1935 erfolgreich ihre Dissertation über die jahrhundertealte Geschichte des Dönhoff’schen Besitzes verteidigte: „Entstehung und Bewirtschaftung eines ostdeutschen Großbetriebes. Die Friedrichsteiner Güter von der Ordenszeit bis zur Bauernbefreiung“. Eine große Hilfe war ihr dabei das vom Vater sorgsam gehütete Archiv. Und damals sah sie das Familienoberhaupt mit anderen Augen: als einen interessanten, klugen und weitblickenden Menschen von außerordentlich breitem Horizont.

Nach dem Studium packte Marion die Reiselust. In einem preiswerten und recht bescheidenen weißen Roadster der wenig bekannten und längst sanft entschlafenen Firma Röhr, den ihr Bruder Heinrich geschenkt hatte, bereiste sie nahezu ganz Südeuropa. Und immer mit dabei: eine Leica – die Fotografie war ebenso ihre Leidenschaft wie die Automobile.

Marion mit ihren Brüdern in FriedrichsteinGräfin Dönhoff mit ihren Brüdern in Friedrichstein.


Von ihren Reisen zurückgekehrt, verwaltete Marion von 1939 bis Januar 1945 das Stammgut Quittainen (heute Kwitajny, Polen) bei Elbing (heute Elbląg, Polen). Allerdings wohnte sie in einem reizenden Häuschen unweit von Friedrichstein, denn in Quittainen lebte ihr Onkel, Graf Bogislav Dönhoff, mit dem die Familie lange Zeit zerstritten war.

Inzwischen hatten sich auch die familiären Verhältnisse verändert. Die Schwestern Christa und Yvonne hatten geheiratet. Die liebste von allen, Maria, musste nach Bielefeld in eine kirchliche Heilanstalt gehen, die als medizinisches Zentrum für die Rehabilitation von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen bekannt war und den biblischen Namen Bethel trug – „Haus Gottes“.

Der Krieg

Als Marions Brüder 1939 an die Front gingen, übernahm sie auch die Verwaltung ihres Guts Friedrichstein: „Den unerträglichen Schmerz, den ich nach ihrem Tod an der Front empfand, kann man nicht beschreiben“, bekannte Marion.

Im Herbst 1941 lief bereits der dritte Monat, seit Hitler in die Sowjetunion eingefallen war. Marion ahnte, dass all das böse enden würde. Mit Sissi Lehndorff ritt sie fünf Tage lang durch Masuren. Es war eine Art Abschied von der Heimat. Traurig blickten sie auf die jungen Männer, die an die Front zogen, um nicht wiederzukehren.

Vor dem Hintergrund der sich häufenden Hetzreden der Nationalsozialisten schloss sich Marion dem Widerstand an, von dem ihr der Jugendfreund Heinrich Lehndorff im Vertrauen erzählt hatte, und war mittelbar an der Vorbereitung des Attentats auf Hitler beteiligt. Sie war Verbindungsfrau. Der Widerstand gegen Hitler war sehr heterogen und bestand vor allem aus deutschen Offizieren. In Erwartung der unausweichlichen Kriegsniederlage beschlossen sie, Hitler physisch zu beseitigen, und hofften, danach einen Friedensvertrag schließen zu können, um die endgültige Zerschlagung Deutschlands abzuwenden. Ausführender des Attentats war der junge Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der regelmäßig Zugang zu Hitler hatte und am 20. Juli 1944 eine Aktentasche mit Sprengstoff zu einer Lagebesprechung mitbrachte. Bei dem Anschlag wurden 17 Offiziere verwundet und vier getötet. Hitler selbst kam dank eines massiven Eichentisches mit einer leichten Prellung davon. Wenige Stunden später begannen die Verhaftungen, weil einer der Verschwörer Verrat übte. Zusammen mit den Widerstandskämpfern wurde auch ihr Vetter Heinrich Lehndorff hingerichtet.

Auch sie wurde verhaftet – auf die Denunziation ihres nationalsozialistischen Onkels Bogislav Dönhoff hin, eben jenes Onkels, der in ihrem Schloss Quittainen lebte.

Die Gräfin wurde von der Gestapo verhört und mangels Beweisen wieder freigelassen. Sie schilderte diese tragischen Ereignisse in dem Buch „Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli“, das sie mit dem Satz beschloss: „Nichts kann schlimmer sein, als alle Freunde zu verlieren und allein zurückzubleiben.“

Schloss QuittainenSchloss Quittainen.

Das Gut Quittainen

Ein Gut, das seit der Ordenszeit besteht. Im Jahr 1281 gehörte es christianisierten Prußen. Von 1525 bis 1538 besaß Eckhard von Reppichau einen Teil des Guts. Von 1571 bis 1681 lebte hier die Familie von Borcke, und ab 1681 gehörte das Gut (zusammen mit den benachbarten Gütern) Feldmarschall Georg von Derfflinger, der 1675 die Schweden in der Schlacht bei Fehrbellin geschlagen hatte. 1691 verkaufte er Quittainen an Christoph zu Dohna, und dieser wiederum an einen Vertreter des alten brandenburgischen Geschlechts, Graf Albrecht von Barfus, Feldmarschall und Kommandanten der Festung Spandau bei Berlin. Barfus heiratete Eleonore, die Tochter des Grafen Friedrich von Dönhoff auf Schloss Friedrichstein. Da das Paar kinderlos blieb, ging der Besitz 1744 im Erbgang an Philipp Otto von Dönhoff über und blieb bis 1945 im Besitz seiner Familie.

Graf Philipp Otto Dönhoff, verheiratet mit Amalie (1723–1798) aus dem Hause Dohna-Schlodien, überlebte alle seine 11 Kinder und hatte somit keine direkten Erben mehr; 1771 vermachte er den riesigen Besitz einer gemeinnützigen Familienstiftung, die bis 1945 bestand. Letzter Kurator der Stiftung mit 11 Dörfern und 12.000 Hektar Land war der Herr auf Friedrichstein, Heinrich von Dönhoff, der am 15. November 1942 unweit von Kaunas mit seinem Flugzeug tödlich verunglückte.

Das Gutshaus Quittainen wurde 1699 im Auftrag von Christoph zu Dohna nach Plänen von Jean de Bodt errichtet. Der Entwurf wurde jedoch mit groben Abweichungen umgesetzt, und der Bau zog sich bis 1740 hin, als bereits Albrecht von Barfus Hausherr war. Das Schloss überstand den Zweiten Weltkrieg, wurde von Soldaten der Roten Armee besetzt und später von einer landwirtschaftlichen Genossenschaft genutzt. Eine Zeit lang befand sich hier eine Schule, danach Verwaltungsbehörden. Einige Möbelstücke, eine Fahne mit dem Wappen der Königsdynastie Wasa und 20 gerettete Fotografien aus dem Schloss, darunter Porträts von Mitgliedern der Familie Dönhoff, befinden sich im Museum in Olsztyn (Polen).

Mitte Januar 1945 war Marion bereits klar, dass die Rote Armee in Ostpreußen einmarschieren würde. In einem Interview Anfang der 90er-Jahre sagte sie: „Wir begriffen, dass der Krieg verloren war, dass wir Ostpreußen verlieren. Und die Russen müssten zufrieden sein, denn bei uns war alles wohlgeordnet.“

Ein Evakuierungsbefehl ließ lange auf sich warten. Im Gegenteil: Flucht wurde als „Zweifel am Endsieg“ mit dem Tod bestraft … Doch Mitte Januar teilte die Gauleitung der NSDAP plötzlich mit, die Bevölkerung habe das Kreisgebiet bis Mitternacht zu verlassen. Für das Packen blieben also nur 24 Stunden.

Die ständige Propaganda, die Russen würden kommen und alle erschießen, versetzte die Menschen in Angst und Schrecken. Hastig machten sie sich zum Aufbruch bereit. Nachts wurden Sachen gepackt, Scheunentore geöffnet, das Vieh losgebunden – alles geschah wie im Traum. „Ich packte rasch alles in den Rucksack, was mir am nötigsten erschien: ein paar Kleidungsstücke, einige Fotos und Dokumente“, erinnerte sich Marion. Am 24. Januar floh die Gräfin, wie Tausende andere, nach Westen – 1200 Kilometer auf einem zermürbenden, siebenwöchigen Weg, im Sattel ihres treuen Alarich. Wobei „floh“ ein viel zu großes Wort ist.

Bei zwanzig Grad Frost im Januar schleppten sich auf spiegelglatter Straße Tag für Tag in dichtem Strom Menschen mit Bündeln und Pferde mit Fuhrwerken dahin.

„Es begann der große Auszug aus dem Gelobten Land, doch nicht wie zu Zeiten Abrams – ‚in ein Land, das ich euch zeigen werde‘ –, sondern ohne Ziel und ohne Führer zogen wir in die Nacht hinaus … Sie sammelten sich aus allen Dörfern, aus allen Straßen … Hunderte, Tausende von Menschen … Sie strömten von Norden und Süden auf die breite Ost-West-Straße … Ein endloser Strom zog dahin im gleichmäßigen Klappern der Hufe. Verängstigt, hungrig, und mit einem Schlag nicht nur der Heimat, sondern auch des Glaubens an die Zukunft beraubt … Es war unvorstellbar schwer, traurig … Kinder und Alte starben vor Hunger. An den Straßenrändern lagen Tote. Man konnte sie nicht begraben. Die Erde war gefroren …“, schrieb Marion Dönhoff in ihr Tagebuch. Um ein anderes Leben zu beginnen, zogen die Menschen nach Westen – „verstört, ohne Heimat und Ziel, wie gehetzte Tiere … Und das ist alles, was von einem Volk geblieben ist?..“, fragte sich Marion.

Ihre Gefühle waren damals zwiespältig. Einerseits empfand sie Freude über die Befreiung von den Nationalsozialisten, andererseits Verzweiflung über den Verlust ihrer ostpreußischen Heimat. Mit der Zeit fand sich Marion mit den Verlusten ab und dachte nicht mehr daran, ihr Gut zurückzugewinnen: „Wenn ich an die Wälder und Seen Ostpreußens denke, bin ich sicher, dass sie noch immer so unvergleichlich schön sind wie damals, als sie meine Heimat waren. Vielleicht ist das die höchste Form der Liebe: lieben, ohne zu besitzen.“ Es war ein furchtbares Kapitel ihres früheren Lebens, in dem sie, die letzte Vertreterin des uralten Adelsgeschlechts Dönhoff, nicht nur ihr Land verlor, sondern auch Verwandte und enge Freunde.

Im Dezember 1945 fuhr Marion Dönhoff zusammen mit Richard von Weizsäcker, dem späteren Bundespräsidenten (1984–94), und Axel von dem Bussche, einem ehemaligen Wehrmachtsmajor und Widerstandskämpfer, zum Nürnberger Prozess. Wie ihre Freunde war auch Dönhoff der Ansicht, das Tribunal müsse die Nationalsozialisten nicht nur für ihre Gräueltaten an anderen Völkern richten, sondern auch für die Verbrechen, die sie am eigenen Volk begangen hatten.

Ein Sprung ins eiskalte Wasser

Erst am 20. März 1945 erreichte Marion Dönhoff Westfalen, wo im Wasserschloss Vinsebeck ein Flüchtlingslager eingerichtet worden war. Hier ließ sie ihren Alarich im Stall des Gestüts des Grafen Metternich zurück und legte ein zweites Gelübde ab: nie wieder ein Pferd zu besteigen.

Ihr weiterer Weg führte Marion Dönhoff nach Niedersachsen, auf das Gut ihres Freundes Albrecht von Görtz in Brunkensen, wo die Gräfin vorübergehend Unterschlupf fand. „Aus Langeweile“ verfasste sie für die Leitung der britischen Besatzungszone ein Memorandum, in dem sie ihre Gedanken über den vergangenen Krieg darlegte, darüber, warum Hitler an die Macht gekommen war und welche Maßnahmen die westlichen Alliierten ergreifen sollten. Wie sie erwartet hatte, blieb das Schreiben unbeantwortet, doch auf unerklärliche Weise gelangte es zu der jungen Zeitung Die Zeit, deren Lizenz Lovis Lorenz und seine Kollegen am 15. Februar 1946 vom britischen Militärgouverneur in Hamburg erhalten hatten. Bereits am 21. erschien die erste Ausgabe. Genau einen Monat später wurde in der Wochenzeitung der erste Artikel der frischgebackenen Journalistin Marion Dönhoff veröffentlicht:

„Ich habe nie davon geträumt, Journalistin zu werden, es war einfach ein Zufall. Es war wie ein Sprung ins eiskalte Wasser.“

Ohne offiziellen Vertrag begann Dönhoff, die von ihren Kollegen nur „die Gräfin“ genannt wurde, im Politikressort der Zeit zu arbeiten – für ein monatliches Honorar von 600 Mark. Zu ihren ersten Beiträgen in der Zeitung gehörte der Artikel „Flucht nach Westen“ über jene schreckliche Nacht, in der sie ihre Heimat für immer verlor. Dönhoff litt zutiefst unter dem Verlust Ostpreußens ebenso wie unter dem Unglück der einfachen Deutschen, die ihre Häuser verlassen mussten. Zu ihrem zweiten Lieblingsort nach der Flucht sollte ein Häuschen im Hamburger Stadtteil Blankenese werden, ein Geschenk von Gerd Bucerius. Die Geste des Verlegers der Wochenzeitung rührte Marion: „Buc, ich würde so gern ausdrücken, was ich empfinde, um Ihnen zu sagen, wie glücklich mich dieses Geschenk macht – aber das übersteigt meine Kräfte. Vielleicht verstehen Sie, was mich bewegt, wenn ich sage, dass Sie mir ein Stück Heimat zurückgegeben haben, obwohl ich schon glaubte, dieses Wort sei für immer aus meinem Wortschatz verschwunden …“

Marion Dönhoff in den 1960er-Jahren1960er-Jahre. Die Journalistin Marion Dönhoff,

Wie ihre Kollegen schrieb sie Artikel, in denen sie ein Ende der Willkür der Besatzungsmacht forderte. Damals war das ein keineswegs ungefährliches Thema. Solche Veröffentlichungen konnten zur Schließung der Zeitung führen. Die Zensur schlief nicht. Die Zeitung wurde zwar nicht geschlossen, doch Ernst Samhaber verlor seinen Posten als Chefredakteur. Das Spektrum ihrer Beiträge war breit, sie bezog zu vielen politischen Fragen kritisch Stellung, darunter zu Adenauers Politik, zum Bau der Berliner Mauer und zur Apartheid in Südafrika … Als im Oktober 1962 die sogenannte „Spiegel-Affäre“ die Bundesrepublik erschütterte, schrieb Marion Dönhoff einen scharfen Leitartikel mit dem Titel „Wer denkt noch an den Staat?“, in dem sie den Verfall der politischen Moral in Deutschland beklagte. Am meisten aber lag ihr die Aussöhnung mit Polen und die Wiederannäherung zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Deutschlands am Herzen. Konsequent trat sie gegen den Kalten Krieg zwischen West und Ost ein. Kollegen merkten an, dass Marions Popularität auf die Schlichtheit ihres Stils zurückzuführen sei.

Sie schrieb so, „als müsste sie ihrer Tante den Lauf des Weltgeschehens an den Fingern erklären“.

Die Spiegel-Affäre

Nach der Veröffentlichung des vernichtenden Artikels „Bedingt abwehrbereit“ (10.10.1962) über die geringe Kampfkraft der Bundeswehr wurde die Redaktion des Magazins Spiegel durchsucht, der Herausgeber und Chefredakteur, der 38-jährige Rudolf Augstein, sowie mehrere seiner Kollegen wurden verhaftet. Man warf ihnen „Landesverrat“ und „Gefährdung des Wohls der Bundesrepublik“ vor. Ihnen drohten bis zu 10 Jahre Haft. Die „Spiegel-Affäre“ kostete Franz Josef Strauß das Amt des Verteidigungsministers, während die Auflage des Magazins von 500.000 Exemplaren bis 1969 auf 953.000 stieg. Rudolf Augstein wurde nach 103 Tagen als Letzter der Verhafteten aus der Haft entlassen. Der Vorwurf des Landesverrats gegen ihn und seine Mitarbeiter wurde fallen gelassen. Während die Ermittlungen liefen, erschien der Spiegel eine Zeit lang in den Räumen der Zeit.

Nach dem Krieg fanden die Ergüsse ehemaliger Ideologen des Hitler-Regimes immer wieder ihren Weg in die Zeitungen. Im August 1954 etwa veröffentlichte der Redakteur Richard Tüngel in der Zeit den Artikel „Im Vorraum der Macht“ des Juristen Carl Schmitt, der früher für die Nationalsozialisten gearbeitet hatte. Marion bezog eine grundsätzliche Position – entweder sie oder er – und kündigte aus Protest. Der Chefredakteur der Zeitung Die Welt bot ihr die Leitung des Politikressorts an. Sie lehnte jedoch ab, ging nach London und begann, für The Observer zu schreiben. In einem Brief an Gerd Bucerius berichtete sie begeistert von ihren Erfolgen und schilderte in leuchtenden Farben die journalistischen Grundsätze der Zeitung: die Außenpolitik ernst nehmen, keinerlei parteipolitische Einseitigkeit oder Bindung, die Leser als Gleichgestellte respektieren.

Über den Weggang der Journalistin wurde nirgends berichtet, man strich lediglich ihren Namen aus dem Impressum der Zeit. Doch vom Konflikt in der Zeitung erfuhr man im Bundespräsidialamt. Theodor Heuss, liberaler Politiker, Journalist und Bundespräsident (1949–59), zitierte Gerd Bucerius, der seit 1949 Mitglied des Bundestages in Bonn war, zu sich. Bald darauf wurde Tüngel per Gerichtsbeschluss entlassen. Auf Bucerius’ Bitte kehrte Dönhoff nach Hamburg zurück und schrieb Schmitt in einem Brief, dass in der Zeitung kein Platz für jemanden sei, der den Geist des Nationalsozialismus predige:

„Ich weigere mich anzuerkennen, dass wir Deutschland einen guten Dienst erweisen, wenn wir Verrätern und gebügelten Nihilisten die Möglichkeit geben, wieder ihre politischen Ansichten zu äußern.“

Während die Gerichtsverfahren liefen, blieb die Zeitung mehrere Monate ohne Chefredakteur, und de facto leiteten Marion Dönhoff und Josef Müller-Marein die redaktionelle Arbeit. Das Jahr 1957 gilt als Beginn einer neuen Ära in der Geschichte der Zeit. Bucerius wurde alleiniger Eigentümer der Zeitung und ernannte Müller-Marein zum Chefredakteur. Nach dem Skandal um Carl Schmitt verband man den Namen Dönhoff mit dem grundsätzlichen Bestreben, die Zeitung von rechten Kräften freizuhalten und einen konservativ-liberalen Kurs zu verfolgen.

Gleich nach ihrer Rückkehr aus England wurde Marion Dönhoff zur Leiterin des Politikressorts ernannt. Nicht zuletzt dank ihr und Bucerius schnellte die Auflage der Wochenzeitung innerhalb eines Jahres von 40.000 auf 330.000 Exemplare in die Höhe. Die Gräfin setzte vor allem auf junge Mitarbeiter – Theo Sommer und Haug von Kuenheim. Beide waren nicht nur talentierte Journalisten, sondern verkörperten auch das Idealbild eines Mannes: groß, schlank, blond und blauäugig. Bis zu den letzten Tagen der Gräfin sollte sich Theo Sommer um sie kümmern. Er wurde für Marion nicht nur ein enger Freund, sondern praktisch ein Adoptivsohn.

Karriere

Die Zeit

Die erste Ausgabe der Wochenzeitung erschien am 21. Februar 1946 mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren. Den Zeitungskopf der Zeit mit seiner eleganten Schrift entwarf Carl Otto Czeschka. Die allererste Fassung seines Entwurfs enthielt das Hamburger Wappen und wurde von der ersten bis zur 12. Ausgabe verwendet, die am 9. Mai 1946 erschien. Dann musste man darauf verzichten, weil die Behörden die Verwendung städtischer Symbole zu kommerziellen Zwecken untersagten. Am 27. Juni 1946 wurde das Hamburger Wappen durch das Bremer Wappen ersetzt (den sogenannten „Bremer Schlüssel“). Auch dieses hatte Carl Czeschka entworfen, und es ist bis heute das Logo der Zeitung und der gesamten Verlagsgruppe.

Heute ist Die Zeit eine angesehene überregionale Zeitung. Daneben betreibt die Verlagsgruppe Zeit-Verlag noch mehrere weitere Projekte – Zeit Online, Tempus Corporate, Convent Kongresse sowie einen auf Kunstliteratur spezialisierten Verlag.

Dönhoff stieg rasch auf, und am 1. Juli 1968 wurde sie Chefredakteurin der Zeit, einer der einflussreichsten Zeitungen Deutschlands. Dank ihrer zahlreichen Verbindungen, ihrer hervorragenden Fremdsprachenkenntnisse und ihres Auftretens fand sie schnell einen Zugang zu den führenden Politikern der Welt. Zu ihren Freunden zählten Michail Gorbatschow, George Frost Kennan, Henry Kissinger, Nelson Mandela, Lew Kopelew, Rudolf Augstein, Helmut Schmidt … Und sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer, den sie 1955 auf seiner Reise nach Moskau begleitete. Mit den Ergebnissen der Verhandlungen war Marion äußerst unzufrieden und warf dem Kanzler Zugeständnisse vor. Und das, obwohl in einem überaus schwierigen Dialog der Austausch von Botschaftern und die Freilassung der letzten zehntausend deutschen Kriegsgefangenen aus den sowjetischen Lagern vereinbart worden waren. Anfangs war ihr Verhältnis zum Kanzler schwierig. Was allerdings auch verständlich ist.

Erstens wirkte alles Preußische auf Adenauer wie ein rotes Tuch auf einen Stier, zweitens mied er als glühender Antikommunist jeden Kontakt zu Menschen, die auch nur irgendwie mit dem Widerstand in Verbindung standen.

Glänzend verstand sie sich dagegen mit dem Chefredakteur des Spiegel, Rudolf Augstein. Er schätzte Marion so sehr, dass er ihr einmal zum Geburtstag einen Porsche vor die Haustür stellte – wohl wissend, dass Rennwagen eine alte Leidenschaft der Gräfin waren. Zu Augsteins Verwunderung war sie so prinzipientreu und unabhängig, dass sie ein so teures Geschenk von einem wohlhabenden Konkurrenten nicht annahm. Bei aller Wertschätzung für ihn. Überhaupt waren Sportwagen der einzige Luxus, den sich Dönhoff gönnte. Sie fuhr sie bis ins hohe Alter und gab ihren Führerschein erst mit 90 Jahren ab.

Auch Bundeskanzler Willy Brandt bewunderte Marion. Mit ihren Artikeln prägte Dönhoff erfolgreich die öffentliche Meinung und trug wesentlich zu seiner Wahl bei. Im Dezember 1970 lud Brandt sie zusammen mit den Schriftstellern Günter Grass und Siegfried Lenz sowie dem Verleger, Publizisten und Chefredakteur des Stern, Henri Nannen, ein, ihn auf seiner Reise nach Warschau zur Unterzeichnung eines wichtigen Vertrags zu begleiten. Marion sagte zu und freute sich zunächst sogar, doch je näher der Termin rückte, desto klarer wurde ihr, dass es natürlich um die polnisch-deutsche Grenze gehen würde: „Ich wollte nicht dabei sein, wenn auf den Verlust der Heimat ein Glas Sekt erhoben wird. Ich spürte, dass ich das nicht ertragen würde.“

Dönhoff lehnte es ab, den Kanzler zu begleiten, und nannte sich in einem Brief einen „Feigling“. Zugleich gestand sie, wie schwer ihr die Veröffentlichung von „Ein Kreuz auf Preußens Grab“ gefallen war: „Ich schäme mich zu sagen, dass ich danach die ganze Nacht geweint habe.“ Und dennoch unterstützte Marion Willy Brandts Ostpolitik in der Frage der deutsch-polnischen Grenze. Dabei war sie noch im September 1964 überzeugt gewesen, dass niemand, der aus dem Osten kam, auf sein Land verzichten würde: „… Wenn man mir heute sagte, dass ich in drei Tagen bei einem Unfall ums Leben käme, würde ich mich damit weit leichter abfinden als mit dem Verlust meiner Heimat.“ In den 70er-Jahren akzeptierte sie endgültig, dass Ostpreußen für immer verloren war und dass das Kreuz auf ihrer Heimaterde von Adolf Hitler gesetzt worden war, „dessen Grausamkeit und Größenwahn 700 Jahre ostpreußischer Geschichte ausgelöscht haben“:

„Heute kann niemand mehr hoffen, dass die verlorenen Gebiete jemals wieder deutsch werden.“

Marion Dönhoff mit Helmut Schmidt1980er-Jahre. Herausgeberin Marion Dönhoff (rechts) mit Bundeskanzler Helmut Schmidt.

1972 wurde Theo Sommer Chefredakteur, und Marion Dönhoff trat in den Kreis der Herausgeber der Zeit ein. Bald nach dieser Ernennung schlug Kanzler Brandt ihr vor, für die SPD für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, erhielt jedoch erneut eine Absage.

Mit der neuen Position gewann sie etwas freie Zeit, und die Gräfin konnte sich gesellschaftlichem Engagement und Wohltätigkeit widmen. Auch blieb nun Zeit, an Büchern zu arbeiten. Seit den Siebzigerjahren kannte ganz Deutschland Gräfin Dönhoff nicht nur als Journalistin. Sie schrieb mehr als zwanzig Bücher, von denen die bekanntesten „Kindheit in Ostpreußen“, „Namen, die keiner mehr nennt“, „Menschenrechte und Bürgersinn“, „Macht und Moral. Was wird aus der Gesellschaft?“ und das bereits erwähnte „Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli“ sind. Und natürlich schrieb sie weiterhin für die Zeitung und belehrte dabei frischgebackene Redakteure: „Meine Herren, Ihre Artikel müssen nicht nur von einem deutschen Universitätsprofessor verstanden werden, sondern auch von einem Hamburger Hafenarbeiter.“

Das verlorene Paradies

1989 konnte Marion endlich in ihre einstige Heimat Ostpreußen reisen, wo sie zum ersten Mal seit dem Krieg ihr heimatliches Friedrichstein besuchte. Nun trug der Ort einen anderen, für deutsche Ohren ungewohnten Namen: „Kamenka“. „Ich war schon nur noch eine halbe Stunde von meinem Heimatort entfernt. Sollte ich ihn besuchen oder ihn im Herzen so bewahren, wie ich ihn in Erinnerung habe? Ich war aufgeregt … fragte mich, ob die Allee noch steht. Ja, sie stand. Rechts lag der Waschtauch-Teich. Wasser ist keines mehr zu sehen. Der Teich ist verschwunden, und auf dem Friedhof sind keine Gräber mehr zu erkennen. Wir fahren weiter nach Friedrichstein. Das liebe Schloss ist bis auf die Grundmauern zerstört. Die alte Mühle ist fort. Der Pferdestall ist fort. Alles ist von Gebüsch und Bäumen überwuchert. Die Zivilisation hat diesen Ort verlassen“, schrieb die Gräfin. Vom deutschen Erbe war nichts geblieben. Und doch dachte sie bis an ihr Lebensende an ihre Heimaterde zurück:

„Wenn man mich heute fragt, wo meine Heimat ist, antworte ich ohne zu zögern: Ostpreußen. Dafür gibt es einen Grund: Ich vermisse die Landschaft, die Natur, die Tiere dieser verlorenen Welt.“

Zum zweiten Mal kam Marion 1992 nach Kaliningrad, zur Enthüllung einer Kopie des Immanuel-Kant-Denkmals, das in den Kriegswirren verloren gegangen war. Das ist eine Geschichte für sich …

Immanuel-Kant-Denkmal in KönigsbergImmanuel-Kant-Denkmal in Königsberg, 19. Jh.

1944 baten die Königsberger Behörden (heute Kaliningrad), die das Herannahen der Roten Armee und Bombenangriffe fürchteten, die Gräfin, das Kant-Denkmal von Christian Daniel Rauch auf ihrem Gut in Sicherheit zu bringen. Sie kam der Bitte gern nach: Die Skulptur wurde nach Friedrichstein gebracht und im Park aufgestellt. Hinweise darauf, dass das Denkmal vor dem Rückzug in einem Versteck untergebracht oder vergraben wurde, gibt es nicht. Ob es den Bediensteten von Friedrichstein noch gelang, den Kant zu verbergen, ist eine große Frage. Vielleicht hatte man damals andere Sorgen. Als Mitte der 80er-Jahre eine ganze Expedition aus Kaliningrad aufbrach, um nach dem örtlichen Kleinod zu suchen, ließ sich die Bronzestatue des Philosophen nicht finden – sie war spurlos verschwunden. Anfang der 90er-Jahre organisierte Marion Dönhoff in der Überzeugung, dass zurückgegeben werden müsse, was man der Stadt einst genommen hatte, eine Spendenkampagne für die Anfertigung einer Kopie. Die Menschen in Deutschland sammelten mehr als 100.000 Mark. Einen beträchtlichen Teil der Summe steuerte sie aus eigenen Mitteln bei. Nach dem Entwurf des Bildhauers Harald Haacke wurde eine lebensgroße Bronzekopie gegossen. 1992 wurde sie vor dem Universitätsgebäude auf dem glücklicherweise erhaltenen Originalsockel aufgestellt.

„Das Einzige, was ich für ein wichtiges Werk meines Lebens halte, ist die Wiederherstellung des Kant-Denkmals in Königsberg“, sagte die Gräfin.

Kopie des Kant-Denkmals in KaliningradKopie des Immanuel-Kant-Denkmals in Kaliningrad, 21. Jh.

Valentin Falin

(1926–2018)

Ein großer Diplomat, Intellektueller und Mann von Bildung, Referent Gromykos und Chruschtschows, Doktor der Geschichtswissenschaften, politischer Kommentator der „Iswestija“, unvoreingenommen und fern von jedem Machtspiel im Apparat: Valentin Michailowitsch war in den 1970er-Jahren außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der UdSSR in der Bundesrepublik Deutschland. 1992 zog er nach Deutschland, wo er auf Einladung des deutschen Politikers Egon Bahr als Professor für Geschichte am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg tätig war. Im Jahr 2000 kehrte er nach Moskau zurück. Valentin Falin war mit Marion Dönhoff befreundet. Dreieinhalb Jahrzehnte währte ihr Dialog – im persönlichen Gespräch wie in Briefen. Sie teilten ihre Gedanken und Zweifel aufrichtig, ohne Beschönigung und ohne Schmeichelei.

„Die aufrichtige Verehrerin Immanuel Kants, die viel dafür getan hat, das ruhmreiche Bild des großen Philosophen im heutigen Kaliningrad zu festigen, hat sich, wie es scheint, um des ‚ewigen Friedens‘ willen der Suche nach einem Modell verschrieben, wie man sich von dem aufdringlichen, verderblichen Begleiter der Menschheit lossagen kann – der Gewalt und allen ihr dienenden Glaubenssätzen“, schrieb der sowjetische Diplomat Valentin Falin. „… Als ich das Glück hatte, M. Dönhoff zu begegnen und lange Gespräche mit ihr zu führen, gewann ich die Überzeugung, dass dieser zerbrechlich wirkenden und keineswegs zaghaften Frau nichts ferner lag als das Streben, durch Originalität aufzufallen und sich der Mode anzupassen. Ihr Charakter und ihre Ansichten formten sich unter den Schlägen bitterer Verluste, auf den Trümmern einer zusammengebrochenen vertrauten Lebensordnung … Sie ließ nicht zu, dass ihre Seele in die Ketten von Hass und Fatalismus gelegt wurde, und wollte sich nicht mit einer Erklärung des Geschehenen begnügen, die unter den Bedingungen der Bundesrepublik vorteilhaft und gefahrlos gewesen wäre. Gräfin Dönhoff zog es vor, nach ihrer eigenen Lesart der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte zu suchen, um die schicksalhafte Frage zu beantworten: Wie lässt sich der Frieden bewahren, wie eine neue Katastrophe verhindern? … Mitunter erstaunte mich ihre Treue zu der Hoffnung, dass sich entgegen der Logik ‚Spitze gegen Spitze‘ alles fügen werde, dass, wenn nicht die höhere Vernunft, so doch der Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewinnen werde.“

Epilog

Ende der 1990er-Jahre wurde bei Marion Dönhoff Krebs diagnostiziert; sie musste sich drei Operationen unterziehen. „Ihre Jungs“ Haug von Kuenheim und Theo Sommer waren bis zu ihrem Lebensende an ihrer Seite, um ein letztes Interview mit ihr zu führen, das unvollendet blieb. Die Gräfin starb am 11. März 2002 auf Schloss Crottorf, dem Wohnsitz ihres Neffen Hermann Hatzfeldt.

Zum 100. Geburtstag der Gräfin erschien dank Friedrich Dönhoff und Irene Brauer das Buch „Marion Gräfin Dönhoff. Ein Leben in Briefen“. Zum selben Anlass gab die Bundesregierung eine silberne 10-Euro-Gedenkmünze heraus, die das Zitat "Lieben ohne zu besitzen" aus dem Buch „Kindheit in Ostpreußen“ sowie das Porträt der Gräfin Dönhoff, Ehrenbürgerin der Stadt Hamburg, zeigt.

1988 gründete Marion Dönhoff aus Mitteln, die sie als Preisgelder und als Honorare für ihre zahlreichen Bücher erhalten hatte, eine Stiftung, die die Freundschaft zwischen Deutschen und den Menschen Osteuropas fördert, zur Sicherung des Friedens beiträgt und osteuropäische Studierende und Wissenschaftler finanziell unterstützt.

Bücher von Marion DönhoffBücher der Schriftstellerin und Fotografin Marion Dönhoff.

Das Programm der Gräfin Dönhoff gibt jungen, talentierten Journalistinnen und Journalisten aus Osteuropa die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft in Deutschland zu machen.

Sie erhalten die einzigartige Gelegenheit, die Standards und Grundsätze des deutschen Journalismus kennenzulernen, indem sie in der Redaktion einer namhaften Zeitung mitarbeiten. 2003 rief die Stiftung einen mit 20.000 Euro dotierten Preis ins Leben, der an Persönlichkeiten verliehen wird, die sich um die internationale Verständigung verdient gemacht haben. Im Jahr 2010 wurde mit diesem Preis "für internationale Verständigung und Versöhnung" unter anderem der ehemalige Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow ausgezeichnet.

Die Geschäfte der Marion Dönhoff Stiftung führt heute Irene Brauer, eine wunderbare Frau, die freundlicherweise Fotografien aus dem Archiv der Stiftung für diese Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.


P.S. Im Jahr 2016 erstellte der Kaliningrader Architekt Arthur Sarnitz im Auftrag des Herder-Instituts eine 3D-Visualisierung des in den Nachkriegsjahren verlorenen Gutes Friedrichstein (Kamenka). Das Projekt umfasste die Modellierung des Hauptgebäudes (des Schlosses) sowie von mehr als zehn weiteren Objekten, die sich in einem Umkreis von 100 m darum befanden. Eine Galerie der Renderings finden Sie auf der Seite des Schlosses.

Projekt von Arthur Sarnitz


Quellen:



Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.