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Klaipėda und Umgebung: eine spannende Geschichte und was es dort sonst noch Interessantes gibt

Klaipėda und Umgebung: eine spannende Geschichte und was es dort sonst noch Interessantes gibt

Panorama von Memel (Klaipėda).

Robert Asmus,

Stich, 19. Jahrhundert.

Drei baltische Hafenstädte – Klaipėda, Kaliningrad und Danzig – haben in ihrer Geschichte vieles gemeinsam. Sie alle standen zu verschiedenen Zeiten unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, gehörten zu Ostpreußen und zum Deutschen Kaiserreich. Auch die kommunistische Zeit hat in der Biografie jeder von ihnen ihre Spuren hinterlassen. Doch eines Tages trennten sich ihre Wege. Heute ist Klaipėda – das einstige deutsche Memel – Verwaltungszentrum des gleichnamigen Bezirks der Republik Litauen, nach Vilnius und Kaunas die drittgrößte Stadt des Landes und einer der größten eisfreien Häfen an der Ostsee. Doch bevor Memel unter dem Namen Klaipėda zu Litauen kommen sollte, vergingen fast sieben Jahrhunderte.

WENN NICHT FEUER, DANN PEST

Am 29. Juli 1252 kamen der Meister des Livländischen Ordens Eberhard von Sayn und Bischof Heinrich von Kurland überein, an der Stelle eines niedergebrannten Dörfchens namens Klaipėda die Memelburg und die Stadt Memel zu errichten. Am 1. August 1252 ging aus der bischöflichen Kanzlei eine Urkunde hervor, die den Vertrag vom 29. Juli bestätigte. Darin verpflichtete sich der Bischof, den Orden fünf Jahre lang, gerechnet vom Tag des Baubeginns an, mit Geld zu unterstützen und im Laufe eines Jahres 500 Mann für die Arbeiten zu stellen. Nach Ablauf der vereinbarten Frist sollten die Parteien Burg, Stadt und das dazugehörige Land unter sich aufteilen – zwei Teile an den Orden und einen Teil an das Bistum. Noch im selben Jahr 1252 war die Burg fertig. Es war ein recht wuchtiger Holzbau, der schon bald bei einem Angriff der Žemaiten niederbrannte. An seiner Stelle entstand ziemlich rasch eine steinerne Burg und zu ihren Füßen die Stadt Memel, die nach dem Fluss Neman (deutsch Memel) benannt wurde.

Laut Vertrag sollte in der Memelburg Münzgeld geprägt werden, das in der gesamten kurländischen Diözese gültig sein sollte, und die Untertanen des Ordens und des Bischofs sollten das Recht auf freien Handel in ganz Kurland erhalten.

Am 8. Februar 1253 wurden die Grenzen der Stadt urkundlich festgelegt; ein Drittel davon fiel gemäß dem Vertrag an den Bischof. Diese Einmütigkeit von geistlicher und weltlicher Macht hatte strategische Bedeutung und erklärte sich aus der recht günstigen Lage Memels, das als Bindeglied zwischen den preußischen Besitzungen des Deutschen Ordens und den baltischen Ländern des Livländischen Ordens diente. Im Sommer desselben Jahres belagerten Heere der Žemaiten und Sambier die Memelburg, konnten sie jedoch nicht einnehmen. Als Antwort verwüstete Meister von Sayn das žemaitische Land und ließ die Burg im Herbst umbauen und verstärken.

Memel

Žemaiten

Die Žemaiten, auch Schamaiten oder Samogiten genannt (russisch Schmud), sind die Bevölkerung der historischen Region Žemaitija (Samogitien), eine ethnische Gruppe innerhalb der Litauer im Westen Litauens. Vermutlich leitet sich der Name vom litauischen „žemas“ – „niedrig, tiefliegend“ – ab. Einer anderen Deutung zufolge stammt das Wort vom litauischen žemė – „Erde, Land“. Die Vorfahren der Žemaiten besiedelten im 5. Jahrhundert das Becken der Šventoji. Später drang der Stamm nach Westen bis zum Žemaitischen Höhenland am Oberlauf der Flüsse Dubysa und Jūra vor. Die erste Erwähnung Žemaitijas stammt aus dem Jahr 1219. Seit dem 13. Jahrhundert kämpften die Žemaiten unablässig gegen den Deutschen Orden um ihre Unabhängigkeit und wurden 1422 Teil des Großfürstentums Litauen, wo sie ihre eigene Starostei Samogitien bildeten. Das Privileg Kasimirs von 1441 sicherte Žemaitija Autonomie zu – das Recht, den Starosten und die Tiwunen selbst zu wählen. Im 15. Jahrhundert wurden die Žemaiten als letzte Europäer christianisiert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine eigene žemaitische Schriftsprache auf Grundlage des lateinischen Alphabets.

Ursprünglich war Memel dazu ausersehen, die Hauptstadt ganz Kurlands zu werden, denn dort sollten nicht nur die einzige Münzstätte dieser Provinz, sondern auch der Sitz des kurländischen Domkapitels untergebracht werden. Was die innere Ordnung der neuen Gemeinde betraf, so war zunächst geplant, ihr das Dortmunder Stadtrecht zu verleihen. Der Orden war sogar nicht abgeneigt, die Stadt Neu-Dortmund zu nennen. 1257 erhielt Memel jedoch das Lübische Recht. Es war ziemlich streng, vor allem in seinen Strafen für Staatsverbrechen. So wurden Falschmünzer „durch Sieden in kochendem Wasser oder durch Skalpieren“ hingerichtet. Außerdem sollte Memel Siedlungsort für Kolonisten werden und die Rolle eines „Tores“ nach Livland spielen. Bis 1258 gab es in der Stadt bereits zwei Kirchen. Die eine (St. Johannis) diente den damals noch wenigen Kolonisten, den deutschen Bürgern, die andere (St. Nikolai) den Litauern aus der Umgebung. Die Burgkirche St. Marien entstand etwas später und lag auf dem Gelände des Domkapitels.

Die Hauptrolle bei der Organisation der Kolonisierung fiel Lübeck zu, wie eine Urkunde belegt, die der Vizelandmeister des Ordens in Livland am 27. April 1261 an Rat und Bürger Lübecks richtete. Darin wurde dazu aufgerufen, noch vor Einbruch des Winters auf dem Seeweg nach Memel zu kommen. Der Orden versprach, den Siedlern „wüst liegende Ländereien, die zuvor erschlagenen abtrünnigen Kuren gehört hatten“, zu Lehen zu geben. „Das Maß der Landzuteilung hing vom Stand der Kolonisten ab. Die größte Zuteilung (40 sächsische Hufen) erhielt ein Ritter oder ein ‚ehrbarer Bürger, der mit einem gepanzerten Pferd ankam‘“. So bot die Teilnahme an der Kolonisierung den Städtern die Chance, ihren Stand zu verbessern und der Stellung der Ritter näherzukommen.

Die ersten deutschen Kolonisten kamen aus Holstein, Westfalen (Dortmund) und Lübeck nach Memel. Ihre Zahl blieb jedoch lange Zeit gering. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebten innerhalb der Stadtgrenzen etwa zwei Dutzend Familien – rund 100 bis 150 Menschen.

Die Vorstädte waren zahlreicher bevölkert. Dort waren 143 Familien nichtdeutscher Herkunft verzeichnet, denen im Mittelalter das Bürgerrecht verwehrt wurde. Außerhalb der Burg siedelten Angehörige verschiedener Volksgruppen. Innerhalb der Stadtgrenzen durften nur Deutsche wohnen.

Nach dem ursprünglichen Plan sollte die Stadt Mittelpunkt des Bistums sein, doch wegen der ständigen Überfälle der Žemaiten, die Westlitauen bewohnten, blieb sie es nur ganz kurze Zeit. Der Priesterbruder des Deutschen Ordens Peter von Dusburg, Verfasser der „Chronik des Preußenlandes“ aus dem 14. Jahrhundert, schilderte die Tragödie von 1323: „... Die Litauer aus Žemaitija nahmen mit ihrem Heer die Stadt Memel ... die Stadt selbst und drei nahe Burgen der Neubekehrten, die Boote und übrigen Schiffe und alles, was das Feuer ergreifen konnte, außer allein der Burg, in der die Brüder wohnten, legten sie in Asche ...“.

1328 (anderen Angaben zufolge 1326) übergab der Livländische Orden, der Memel und sein Umland nicht länger gegen die Žemaiten verteidigen konnte, Burg und Stadt im Tausch gegen Besitzungen in Estland an den Deutschen Orden. Der Bischof musste die Stadt zusammen mit den Brüdern des Livländischen Ordens verlassen. Damals trafen die Deutschordensritter eine Entscheidung, die das Schicksal des Memellandes für lange Zeit bestimmte. Die Grenze zwischen den beiden Ordensprovinzen wurde nördlich des Neman verlegt, was bedeutete, dass Memel von Livland (dem Gebiet des späteren Lettland und Estland) an Preußen überging. Die neue Herrschaft verstärkte die Anwerbung deutscher Siedler für Memel. Deutsche Bauern zogen jedoch nur widerwillig in dieses fremde, ferne und noch unerschlossene Land, weshalb der Orden litauische Flüchtlinge rufen musste, die wegen ihres Übertritts zum Christentum aus Litauen vertrieben worden waren, sowie christianisierte Kuren, die recht schnell germanisiert wurden.

Layout

Modell des mittelalterlichen Memel im Museum der Memeler Burg (oben) und Modell der Burg im Museum Kleinlitauens.

Castle

Kuren

Ein alter westbaltischer Stamm, der im 1. und 2. Jahrtausend unserer Zeitrechnung die Ostseeküste besiedelte. Nach ihm sind die Halbinsel Kurland, das Kurische Haff und die berühmte Kurische Nehrung benannt. In historischen Chroniken werden die Kuren als gefürchtete Krieger und geschickte Seefahrer erwähnt. Wegen ihrer ständigen Raubzüge zur See gegen skandinavische Länder und Handelsschiffe erwarben sie den Ruf von „Wikingern der Ostsee“. Skandinavische Sagas beschrieben sie oft als gefährliche und unberechenbare Nachbarn, mit denen man erbitterte Seeschlachten zu führen hatte. Neben ihren Raubzügen betrieben die Kuren erfolgreich Fischfang, Handel, Ackerbau und Bernsteinverarbeitung. Ab dem 13. Jahrhundert wendete sich das Schicksal des Stammes durch die Expansion der deutschen Kreuzfahrer. Die Kuren leisteten dem Livländischen Orden lange und verzweifelt Widerstand, wurden aber bis zum Ende des Jahrhunderts endgültig unterworfen. In den folgenden Jahrhunderten gingen sie allmählich in anderen Völkern auf und wurden zu einem der wichtigsten ethnogenetischen Bestandteile des lettischen und teilweise des litauischen Volkes.

Von der Kriegslust dieses Stammes wussten die Ordensritter nicht nur vom Hörensagen. Nicht genug damit, dass die Kuren 1170 die schwedische Insel Öland plünderten und 1187 Sigtuna – das politische und religiöse Zentrum Schwedens – eroberten und verwüsteten: Auch ein Kreuzfahrerheer aus Bremer Deutschen, Dänen und Schweden, das in Kurland gelandet war, bekam 1193 von den Kuren gehörig Prügel. So gehörig, dass die Dänen sogar ein eigenes Gebet hatten: „Herr, bewahre uns vor der Pest und den Kuren.“ Der norddeutsche mittelalterliche Chronist, Domherr und Domscholaster Adam von Bremen riet den Christen, sich von ihren Küsten fernzuhalten – auf der Ostsee galten die kurischen Piraten als die gnadenlosesten.

Lange Zeit blieben die Kuren eingefleischte Heiden. Der erste Bischof von Riga, Albert von Buxhoeveden, versuchte vergeblich, sie zum katholischen Glauben zu bekehren. Auch die 1202 in Riga gegründete Bruderschaft der Ritter Christi, besser bekannt als Schwertbrüderorden, der später in den Livländischen Orden überging, richtete nichts aus. 1210 zogen die Kuren gegen Riga und belagerten die Stadt drei Tage lang. Später gingen aus ihnen in Memel hervorragende Seezöllner hervor.

Im Jahr 1413 warf der Großfürst von Litauen Witold (Vytautas) dem Hochmeister des Deutschen Ordens in einem Brief vor, sich fremdes Land angeeignet zu haben, nämlich Klaipėda (Caloypede).

So tauchte der litauische Name des Ortes – „Klaipėda“ – erstmals in einer schriftlichen Quelle auf. Obwohl die Stadt in der Kartografie gewöhnlich als Memel verzeichnet war, hieß sie auf einer Karte in Christoph Hartknochs Buch „Alt- und Neues Preussen“ von 1689 Caloypede.

Als der Deutsche Orden 1525 zu bestehen aufhörte, trat Hochmeister Albrecht von Hohenzollern-Brandenburg zum Protestantismus über und rief den ersten protestantischen Staat Europas aus – das Herzogtum Preußen. Memel war zu dieser Zeit bereits ein bedeutender preußischer Handelshafen, der mit den benachbarten Städten Königsberg und Danzig konkurrierte. 1538 wurde die Memelburg mit einem Erdwall mit vier Bastionen und einem breiten Wassergraben umgeben, über den eine Holzbrücke führte. Die so entstandene Festung, in der die Burg nun die Rolle der Zitadelle übernahm, war die erste Bastionsanlage im gesamten östlichen Baltikum.

Mitte des 16. Jahrhunderts war die Stadt bereits recht stark befestigt, doch 1540 erlebte sie einen verheerenden Brand, nach dem nur sechs Häuser übrig blieben. Daraufhin begann man, die Festungsanlagen zu erweitern. Doch keine von ihnen konnte die Einwohner vor der Großen Pest bewahren, die 1709/10 im Memelland wütete. Sie raffte mehr als 2000 Menschen dahin – etwa die Hälfte der gesamten Bevölkerung Memels zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Erschwert wurde die Lage durch die unhygienischen Verhältnisse. Wasserleitungen und Kanalisation gab es in der Stadt nicht. Wasser holte man aus dem Fluss oder aus Brunnen. Abwässer wurden in die städtischen Gräben, direkt in den Fluss oder in eigens dafür angelegte Sickergruben geleitet, die nur unregelmäßig geleert wurden. Manchmal schüttete man sie einfach zu und hob daneben neue aus. Im Umland verödeten ganze Dörfer. Und wie schon nach dem großen Brand (1540) begannen die Menschen, ihr Land von Neuem aufzubauen.

ŽemaitijaKarte von Kurland und Schamaiten (Samogitien), 1659.

RUSSEN IN DER STADT

Semgaller

Eines der baltischen Völker, die im Süden Lettlands und im Norden Litauens lebten; berühmt wurde es durch seinen langen Widerstand gegen die deutschen Kreuzritter. Die Semgaller waren auch für die russischen Fürstentümer in der Zeit der feudalen Zersplitterung der Rus ernstzunehmende militärische Gegner. Manche Historiker behaupten, die Semgaller hätten als erstes der baltischen Völker eine zentrale Herrschaft errichtet. Diese war jedoch durch die Kämpfe zwischen ihren Sippen geschwächt. Der Anführer, der sie miteinander versöhnte, war der einflussreiche Viestarts oder Viesturs, der Anfang des 13. Jahrhunderts einen einheitlichen Staat schuf. Um äußere Rivalen zu besiegen, schloss Viesturs ein Bündnis mit dem Livländischen Orden. Nachdem die Deutschen jedoch den Bündnisvertrag gebrochen hatten und in sein Land eingefallen waren, verbündete sich Viesturs mit den Litauern und schlug 1236 den Livländischen Orden in der Schlacht von Saule (heute Šiauliai).

1756 begann der Siebenjährige Krieg1, der nahezu die ganze Welt erfasste – Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien, die Philippinen. Daran beteiligten sich nicht nur die Großmächte, sondern auch kleinere Staaten und sogar einige Indianerstämme. Historiker bezeichnen diesen Krieg als Kolonialkrieg, da in ihm die kolonialen Interessen der führenden europäischen Mächte aufeinanderprallten. Russland und Österreich waren damals durch einen Beistandsvertrag verbunden. Dies nutzte Maria Theresia von Österreich und rief Elisabeth geradezu auf, ihr im Kampf gegen den Einfall Friedrichs von Preußen beizustehen.

Das Russische Kaiserreich trat im Sommer 1757 in den Siebenjährigen Krieg ein. Die erste Stadt auf dem Weg der russischen Armee war Memel.

„Zur Einnahme der Stadt wurde das Korps des General en chef Wilhelm von Fermor abkommandiert. Der Oberbefehlshaber der russischen Armee, Feldmarschall Stepan Fjodorowitsch Apraxin, hatte es eilig und schickte Fermor den Befehl, Memel so schnell wie möglich und mit allen Mitteln einzunehmen. Er hielt Fermors Kräfte für ausreichend: Laut Plan sollte dessen Korps 27.000 Mann umfassen, tatsächlich zählte es jedoch nur 16.000“, schreibt Maxim Jurjewitsch Anissimow, Kandidat der Geschichtswissenschaften und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, in seiner Arbeit „Russische Belagerungen im Siebenjährigen Krieg 1756–1763“. – „Am 7. Juni 1757 teilte Apraxin Fermor mit, in Memel befinde sich seinen Informationen zufolge ‚eine kleine und zur Verteidigung höchst unzureichende und untaugliche Garnison, auch eine Deckung in der Nähe gibt es nicht …‘ Tatsächlich standen in Memel unter dem Kommandanten Oberstleutnant Christoph Ernst von Rummel nur 800 Mann Landmiliz und 80 Geschütze. ... Fermor, ein vorsichtiger und umsichtiger Mann, bereitete sich frühzeitig auf die Belagerung vor und ließ seine Soldaten das Ausheben von Belagerungsapprochen üben. Am 19. Juni erreichten die Russen Memel und begannen sich einzugraben; an einen Sturm dachten sie nicht. Fermor forderte die Garnison zur Übergabe auf, doch Rummel lehnte ab und ließ die Vorstadt niederbrennen. In der Nacht brachten die russischen Soldaten im Schein der brennenden Häuser die Geschütze (4 Haubitzen, 5 Vierundzwanzigpfünder, 5 Achtzehnpfünder und 6 Mörser) an die Festung heran und beschossen Memel am 20. Juni gemeinsam mit einem herangekommenen russischen Geschwader von 6 Schiffen. Mehrmals brach in der Festung Feuer aus, doch es konnte jedes Mal gelöscht werden. Die Beschießung wurde auch an den folgenden Tagen fortgesetzt. Am 23. Juni bat Rummel um die Erlaubnis, dem Befehlshaber der preußischen Truppen in Ostpreußen, Feldmarschall Johann von Lehwaldt, wegen der Übergabe der Festung zu schreiben, doch Fermor verweigerte sie ihm. Am nächsten Morgen schickte der Kommandant einen Parlamentär mit dem Angebot, unter eigenen Bedingungen zu kapitulieren: Die Russen sollten die städtischen Behörden, die Kasse, das staatliche Eigentum und die Garnison mit Waffen und allen Ehren abziehen lassen. Fermor antwortete, er sei nur bereit, die Garnison mit Waffen, aber ohne Ehren abziehen zu lassen. Rummel blieb nichts anderes übrig, als die Stadt zu übergeben, und am 25. Juni wurde sie von den Russen besetzt. Mit den Kapitulationsbedingungen war übrigens Feldmarschall Apraxin unzufrieden, da er meinte, man hätte die Garnison nicht mit Waffen ziehen lassen dürfen. Ebenso missfiel ihm, dass Fermor keinen Punkt in die Kapitulation aufgenommen hatte, der es den Soldaten und Offizieren der Garnison erlaubt hätte, aus der preußischen Armee auszuscheiden und zu leben, wo sie wollten.“

Die österreichische Königin Maria Theresia bekundete dem russischen Gesandten in Wien, Graf Keyserlingk, ihre Freude über die Einnahme Memels in der Hoffnung, dass man den Feind dank des erfolgreichen Vorgehens der Russen bald „zum Abschluss eines ruhmreichen und dauerhaften Friedens“ zwingen könne.

Nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth Petrowna schloss der neue Kaiser Peter III., der die Politik des preußischen Königs Friedrich II. unterstützte, 1762 mit Preußen den Frieden von Sankt Petersburg, wonach Russland die Kampfhandlungen einstellte und auf alle eroberten Gebiete verzichtete. Darüber hinaus unterzeichneten beide Seiten einen Bündnisvertrag über militärische Unterstützung für die preußische Armee. Das Russische Kaiserreich hatte im Siebenjährigen Krieg weder etwas verloren noch etwas gewonnen, doch es hatte seinen Einfluss in Europa gestärkt, indem es seine militärische Stärke unter Beweis stellte.

Obwohl Memel, bildlich gesprochen, eine Stadt mit schwerem Schicksal war und unter zahlreichen Kriegen, Bränden, Hungersnöten und der Pest zu leiden hatte, fand es dennoch die Kraft, sich wirtschaftlich aufzurichten – vor allem dank Schiffbau, Holzverarbeitung und Fischerei. Als Handelszentrum exportierte die Stadt Holz, Getreide, Flachs … Besonders wichtig waren die Handelsbeziehungen zu Großbritannien. Anfang des 17. Jahrhunderts ließ sich in Memel eine Gruppe schottischer Kaufleute nieder, später bildeten hier die Engländer eine große Gemeinde.

Alexander IBegegnung Kaiser Alexanders I. mit dem preußischen König und der Königin in Memel im Jahr 1802. Nach einem Stich von Woldt nach einem Gemälde von Dähling. Scan aus Nikolai Schilders Buch „Kaiser Alexander der Erste. Sein Leben und seine Regierung“. Bd. II. St. Petersburg, 1897.

Luises Flucht nach MemelIm Januar 1807 floh Königin Luise vor Napoleon über die Kurische Nehrung nach Memel.

Der Reisende Gottfried Peter Rauschnick-Rosenwall, der die Stadt 1814 besuchte, beschrieb Memel in seinen Tagebüchern so: „...die Stadt ist zwar unregelmäßig, aber nicht schlecht gebaut. Manche Straßen würden selbst jeder Hauptstadt keine Schande machen ... Den ganzen Tag über herrscht hier reges Treiben. Der Fluss ist voller Schiffe, die be- und entladen werden, voller kleinerer Boote, die Lebensmittel und andere Waren zum Markt bringen; im Gewühl drängen sich Reeder, Seeleute, Kaufleute, litauische Arbeiter, Russen, Juden, Polen, Engländer; Schiffe werden geteert, Waren verpackt, neugierige Zöllner klettern umher. Und schließlich hundert Windmühlen, die sich in der Stadt munter drehen.“ Als hätte es weder Kriege noch Pest noch Brände je gegeben.

Während des Krieges gegen Napoleon war Memel die einzige preußische Stadt, an der die Kampfhandlungen vorbeigingen. Deshalb ließ sich hier nach der Besetzung Berlins durch die napoleonischen Truppen König Friedrich Wilhelm III. nieder – die Stadt war sogar Hauptstadt Preußens, wenn auch nur vorübergehend.

Bald darauf wurde in Memel ein Handelshafen gebaut2, die Holzindustrie und der Schiffbau entwickelten sich weiter – gegen Ende des 19. Jahrhunderts zählte die Flotte bereits 80 Schiffe. In der Stadt begann sich die Großindustrie zu entwickeln. Es entstand die Chemiefabrik Union. 1899 nahm eine große Sperrholzfabrik den Betrieb auf, und 1900 wurde der Bau einer Zellstofffabrik abgeschlossen, die zum größten Unternehmen der Stadt wurde. Außerdem hielt die Elektrizität Einzug, und eine elektrische Straßenbahn wurde in Betrieb genommen.

Memel trat als kleine Industrie- und Hafenstadt des Deutschen Kaiserreichs mit 20.685 Einwohnern (laut der Volkszählung vom 1. Dezember 1905) in das 20. Jahrhundert ein. Davon bezeichneten sich 17.870 als Deutsche, 1071 als Litauer und 851 als Juden.

1907 besuchte Kaiser Wilhelm II. Memel, um an der Enthüllung des Borussia-Denkmals („Borussia“ – der lateinische Name Preußens) teilzunehmen, das vor dem Rathaus zum hundertsten Jahrestag des Sieges über Napoleon errichtet worden war. Die vier Meter hohe Bronzeskulptur war per Zug aus Berlin gebracht worden. Hätte der Kaiser damals ahnen können, dass die „Borussia“ schon 1923 abgerissen werden würde?

Memel 21.03.191521. März 1915. Gefecht in der Libauer Straße im Zentrum von Memel.

WasserturmDer gesprengte Wasserturm am Bahnhof.

Das 20. Jahrhundert erwies sich für Memel, wie für die ganze Welt, überhaupt als äußerst unruhig. Am 18. März 1915 wurde die Stadt kampflos von der russischen Armee unter dem Kommando von General Potapow eingenommen. Die Nachricht von der Einnahme Memels traf den deutschen Generalstab völlig unvorbereitet. Genaue Angaben über den Einmarsch der Russen in Memel erhielt man von einer Telefonistin, die bis zur Besetzung des Postamts mit einem deutschen Offizier im Gespräch blieb. Ihre letzten Worte lauteten: „Jetzt kommen sie die Treppe herauf.“ Lange halten konnte sich die russische Armee in der Stadt jedoch nicht. Nachdem die Deutschen Verstärkung aus Königsberg erhalten und sich neu formiert hatten, vertrieben sie die Russen am 21. März aus dem innerhalb von drei Tagen geplünderten und verwüsteten Memel. Nennenswerte Zerstörungen der städtischen Infrastruktur zog diese Episode allerdings nicht nach sich. Lediglich der Wasserturm und die Brücke bei Dawillen wurden gesprengt und einige Seezeichen im Hafen zerstört.

OPERATION „MEMEL“

Lietuvininkai

So nannte man die preußischen Litauer (auch Kleinlitauer genannt), die bis 1945 den Norden und Osten Ostpreußens bewohnten – Kleinlitauen. Dazu gehörten der östliche Teil des heutigen Gebiets Kaliningrad und das Memelland. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Zahl der Kleinlitauer infolge ihrer Germanisierung und Emanzipation in den deutschsprachigen Städten Ostpreußens sehr rasch zurück. Für die Rechte dieser ethnokulturellen Gruppe setzte sich beharrlich der deutsche Philosoph, Polyglott, Übersetzer, Publizist und Dichter Georg Sauerwein (Pseudonym Girėnas) ein, der in 30 Sprachen schrieb, 62 sprach und weitere zweihundert Sprachen und Dialekte verstand. 1875 lebte der Gelehrte in Klaipėda, wo er für die Rechte der litauischen Sprache in Ostpreußen eintrat. Die Kleinlitauer waren seit dem 16. Jahrhundert überwiegend Lutheraner. Anfang des 20. Jahrhunderts grenzten sich manche Lietuvininkai von den Litauern Großlitauens – den Schemaiten – ab, verwendeten für das Litauische nicht nur eine andere Rechtschreibung, sondern auch die Frakturschrift und standen als deutsche Patrioten den Deutschen näher als ihren litauischen Stammesverwandten.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Teil des rechts der Memel gelegenen Gebiets Kleinlitauens – so bezeichnete man das Memelland – auf Grundlage von Artikel 99 des Versailler Vertrags von Deutschland abgetrennt. Es entstand eine dramatische Lage. Um die Zugehörigkeit der abgetrennten Gebiete, im Grunde also um den eisfreien Hafen, begannen Polen und Litauen zu ringen, obwohl die einheimischen Litauer in Memel (die Kleinlitauer – Lietuvininkai) Litauen nicht sonderlich nahestanden: Sie waren fast alle dem Reich gegenüber durchaus loyal, bekannten sich zum Luthertum und benutzten die Frakturschrift, die für das damalige Deutschland typisch war.

Die Memelfrage wurde als „heiße Kartoffel der Diplomatie“ bezeichnet. Wegen der unklaren politischen Lage um die Stadt, aber auch in Großlitauen selbst, setzten die Siegermächte die Franzosen als Herren über das Gebiet ein.

Am 13. und 14. Februar 1920 traf in Memel ein kleines Bataillon von 200 Mann unter dem Kommando von General Dominique Odry ein, der die Regierungsgewalt an eine örtliche Selbstverwaltung übergab – das Direktorium, das aus einheimischen Deutschen bestand. Sie entschieden über alle laufenden Angelegenheiten des Gebiets. Am 7. Juli 1920 wurde General Odry durch den französischen Kommissar Petisné ersetzt, der versuchte, den Verwaltungsapparat des Gebiets umzugestalten; in Wirklichkeit aber behielt die alte preußische Verwaltung ihren Einfluss.

In den drei Jahren unter französischem Protektorat lebte Memel ein wenig auf – faktisch, wenn auch noch nicht offiziell, wurde es zur Freistadt: Es hatte das Recht, Handelsverträge mit ausländischen Staaten zu schließen, besaß eigene Gerichte, eine eigene Flagge und Zollhoheit, und die bisherigen Gesetze blieben in Kraft. Eine Handelsfirma und eine Bank nach der anderen wurden eröffnet. Ausländisches Kapital strömte in die Stadt. Auch die Tradition des Seeschiffbaus lebte wieder auf: 1922 baute die Werft des Ingenieurs Lindenau den ersten eisernen Dampfer mit großer Wasserverdrängung in der Geschichte der Stadt. Zugleich aber waren Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen spürbar. Hinter dem sichtbaren Wohlstand tauchte ein neues Problem auf – die Arbeitslosigkeit. Eine Wirtschaftskrise bahnte sich an, besonders in der Holzindustrie. Man nimmt an, dass gerade wegen der Krise die Idee der „Freistadt“ in der Luft hängen blieb. „… diese Idee propagierten die Deutschen energisch und beharrlich, ungeachtet der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und möglichen Verluste für die Industrie, zu denen die Umsetzung des Vorhabens geführt hätte. Der national gesinnte Teil der Litauer der Region, der diese Idee nicht unterstützte und Landsleute aus Litauen zu Hilfe rief, erhob einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung des Memellandes“, schrieb der litauische Ministerpräsident Ernestas Galvanauskas (1882–1967) in seinen Erinnerungen.

Eine offizielle Erklärung Memels zur Freistadt kam nie zustande. 1923 hörte es auf, deutsch zu sein, und wurde Teil Litauens. Für die Deutschen war Memel ein Opfer litauischer Aggression, die Litauer dagegen wollten es aus siebenhundertjähriger deutscher Knechtschaft befreien.

Die litauische Regierung wählte den Zeitpunkt für die Einnahme Memels äußerst geschickt: Im Winter 1922/23 waren Deutschland und Frankreich, die an der Memelfrage interessierten Parteien, mit dem Streit um das Ruhrgebiet beschäftigt. Am 18. Dezember 1922 wurde in Memel das Komitee zur Rettung Kleinlitauens gegründet. Koordiniert wurde die Operation mit dem Decknamen „Memel“ vom litauischen Spionageabwehroffizier Jonas Polovinskas. Am 10. Januar trafen mit der Eisenbahn mehr als tausend bewaffnete Soldaten der regulären litauischen Armee im Memelland ein (die Zahlen weichen je nach Quelle voneinander ab). Sie trugen Zivilkleidung mit Armbinden, auf denen die Abkürzung MLS stand – „Freiwilliger Kleinlitauens“. Von den Einheimischen standen nur ein paar hundert Menschen auf der Seite der „Aufständischen“. Memel verteidigten 250 Franzosen, 350 deutsche Polizisten und 300 einheimische Zivilisten.

BorussiaAn der Stelle der Skulptur „Preußen“ (Borussia) am Ufer der Dange im Zentrum von Klaipėda steht heute ein Denkmal für einen litauischen Fischer.

Kleinlitauen

Diese historische Landschaft am Unterlauf der Memel bildete sich bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Deutschen Ordens heraus, das ihm im Frieden vom Melnosee 1422 zugesprochen worden war. Bewohnt wurde sie von Prußen und Litauern, die bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zu einer eigenen ethnokulturellen Gruppe verschmolzen, den Lietuvininkai. Der in der „Preußischen Chronik“ Simon Grunaus erwähnte Begriff Kleinlittaw ist die deutsche Form der Bezeichnung „Kleinlitauen“. Verbreitung fand er jedoch erst im 19. und 20. Jahrhundert, und zwar vor allem in den Werken von Historikern und Ethnographen. Auf dem Gebiet Kleinlitauens entstand die litauische Schriftsprache: 1547 erschien hier das erste Buch in litauischer Sprache, 1653 die erste Grammatik des Litauischen. Bis 1945 war Kleinlitauen Teil Deutschlands (Preußens) – mit Ausnahme des Memelgebiets, das nach dem Ersten Weltkrieg unter das Mandat des Völkerbunds gestellt worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Gebiet zwischen drei Staaten aufgeteilt: Litauen, Russland und Polen.

Am 11. Januar wurden die ersten Dörfer bei Memel kampflos eingenommen. Für die Angreifer bestand das größere Problem weniger in den Kampfhandlungen selbst als in den Bedingungen, unter denen sie geführt wurden. Die meisten „Freiwilligen“ hatten keinerlei Erfahrung mit Gefechten im Winter. Einer der litauischen Schützen schrieb später, die Aufständischen seien mit den ungewohnten deutschen Gewehren, die man ihnen bei der Ankunft in Memel ausgehändigt hatte, nicht zurechtgekommen, sodass sie diese schon nach wenigen Schüssen nicht mehr benutzen konnten. Auch die wassergekühlten deutschen Maschinengewehre taugten nichts – sie froren in der Kälte schlicht ein.

Zu ernsthaften Zusammenstößen kam es in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar in den Vororten Memels. Polovinskas setzte sich mit Kaunas in Verbindung und erhielt von Ernestas Galvanauskas den Befehl, Memel einzunehmen, allerdings mit möglichst geringen Verlusten. Vygantas Vareikis, einer der Autoren der Enzyklopädie Kleinlitauens, hat die Lage vor dem Aufstand und die Rolle des Litauischen Schützenbundes bei der Besetzung des Memelgebiets ausführlich beschrieben, denn dieses Thema gehörte in der litauischen Geschichtsschreibung bis Anfang der 1990er-Jahre zu den am wenigsten erforschten. Er wies auch darauf hin, dass die Quellen voneinander abweichen und jede Seite die Ereignisse so darstellt, wie es ihr passend erscheint, wobei der tatsächliche Verlauf mitunter stark verzerrt wird. Genannt werden unterschiedliche Zahlen sowohl zu den Opfern der Operation als auch zu den angeblichen Aufständischen, deren Rolle buchstäblich die reguläre litauische Armee und der Litauische Schützenbund spielten. Vareikis’ Einschätzung bestätigt auch Galvanauskas selbst in seinen Erinnerungen: „Die Geschichte wird oft hin und her ‚gebogen‘, weil man in der Vergangenheit Erklärungen für das sucht, was in der Gegenwart geschieht. Einer der aktiven Beteiligten am Anschluss Memels an Litauen teilte mir in einem Brief vom 27.12.1956 mit: ‚Unsere junge litauische Generation verfälscht nicht nur die Geschichte des Aufstands in Memel, sondern erfindet auch Teilnehmer, die es nie gab, und schreibt ihnen erfundenen Mut zu.‘“

Doch wie man die Geschichte des Aufstands auch „biegen“ mag, das Ergebnis bleibt dasselbe: Mit vereinten Kräften der örtlichen Aufständischen und der Militärs wurde Memel am 15. Januar 1923 eingenommen. Am folgenden Tag stimmte die Botschafterkonferenz der Entente der Übergabe des Memelgebiets an Litauen zu, stellte jedoch ein Ultimatum: Die Autonomie des Gebiets sei zu wahren, die Freiheit des Transits und die Nutzung des Memeler Hafens durch Polen zu gewährleisten, ebenso die Gleichberechtigung der deutschen und der litauischen Sprache sowie die Gleichstellung von Ausländern und Einwohnern des autonomen Gebiets in bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechten.

Litauen nahm sämtliche Bedingungen an; sie wurden in der am 8. Januar 1924 unterzeichneten Konvention zwischen Litauen und den alliierten Mächten – England, Frankreich, Italien und Japan – festgeschrieben. Dem Dokument war das „Memelstatut“ beigefügt, das einen untrennbaren Bestandteil der Konvention bildete. Ebenfalls 1924 erfolgte auch die faktische Übergabe Memels an Litauen – inoffiziell hieß es, gewissermaßen als Ausgleich für den Verlust des Wilnagebiets, das einige Jahre zuvor an Polen gefallen war, nach Ansicht der Litauer unter höchst fragwürdigen Umständen.

Blick von LandkrugDie Fähre, die die Stadt mit der Kurischen Nehrung verbindet, ist das Erste, was Touristen von Klaipėda zu sehen bekommen, wenn sie aus Richtung Neringa (und Kaliningrad) anreisen.

Der Historiker Alfred Erich Senn bezeichnete die Besetzung Memels als „den kühnsten Schritt der litauischen Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit“, obwohl dieser Schritt gegen die Versailler Vereinbarungen verstieß.

Auch als Klaipėda blieb die Hafenstadt an der Memelmündung ein Zankapfel. Deutschland machte nie einen Hehl daraus, dass es die Rückgabe seines Gebiets anstreben würde, dessen Bevölkerung mehrheitlich Deutsch sprach und sich als deutsch verstand. Die Litauer wiederum hielten unbeirrt an ihrer Position fest, wie aus einer Rede von Antanas Smetona hervorgeht, die in der Zeitschrift des Schützenbundes „Trimitas“ veröffentlicht wurde: „Memel muss aus wirtschaftlichen Gründen Teil Litauens werden, selbst wenn hier kein einziger Litauer lebte.“ Wer bei all diesen Umwälzungen mit Sicherheit verlor, waren die alteingesessenen Lietuvininkai. 1945 flohen sie massenhaft nach Deutschland.

VOLLSTÄNDIGER „ANSCHLUSS“

Die Idee, sich seine Gebiete zurückzuholen, setzte Deutschland 1939 in die Tat um. Die litauische Regierung sah sich gezwungen, Schritt für Schritt nahezu alle Forderungen der Deutschen zu erfüllen, die die Spannungen im Gebiet methodisch schürten, die einheimische Bevölkerung ideologisch bearbeiteten und Unruhen im Hafen anzettelten, sobald Passagierschiffe aus Deutschland in Klaipėda einliefen.

Arūnė Arbušauskaitė, Doktorin der Sozialwissenschaften, Dozentin an der Universität Klaipėda und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Archäologie der Ostseeregion, schildert in ihrem Aufsatz „Einige spezifische Episoden des Anschlusses von Klaipėda/Memel im März 1939“, der auf Archivdokumenten und der Auswertung historischer Studien zu den diplomatischen Beziehungen zwischen Litauen und Deutschland beruht, eine scheinbar kleine, aber sehr anschauliche Episode, die die Lage in der Stadt kennzeichnet – wie die Bevölkerung deutsche Schiffe empfing und verabschiedete: „Am 4. Juni 1938 versammelte sich dort eine große Menschenmenge, um das Schiff ‚Tannenberg‘ zu verabschieden. Kaum hatte es vom Kai abgelegt, riefen die an Deck Stehenden: ‚Memeler, haltet durch!‘ Das war, als gieße man Öl ins Feuer. Am Kai begann die Menge, Hitler-Parolen zu skandieren: ‚Wir wollen heim ins Reich! Ein Volk – ein Führer!‘ Beim Empfang des Schiffes ‚Preußen‘ am 31. Juni erklangen nationalsozialistische Parolen, Hymnen und Lieder noch dreister.“

Anschluß

Die weiteren Ereignisse entwickelten sich noch rasanter: „Weshalb, konnte niemand erklären. Alles geriet durcheinander: Die Nazis warfen Steine auf die Litauer, die Litauer auf die Nazis, alle gemeinsam und jeder für sich ‚kämpften‘ gegen die Polizei; Schüsse fielen, die ersten Verwundeten gingen zu Boden … Verletzt wurden etwa 15 Polizisten und ungefähr ebenso viele Demonstranten. Die Schlägerei griff vom Hafen auf die Straßen der Stadt über und dauerte bis Mitternacht.“

Litauischer Schützenbund

Die staatlich geförderte freiwillige paramilitärische Organisation ist eine besondere Einheit der litauischen Streitkräfte, deren Aufgabe es ist, die Zivilbevölkerung in Selbstverteidigung auszubilden und einen Partisanenkrieg zu führen. Gegründet wurde der Bund 1919 als Miliz. Litauische Schützen nahmen an allen Kriegen Litauens im 20. Jahrhundert teil, darunter auch an der Operation von 1923, durch die Klaipėda an Litauen angeschlossen wurde. Bis 1940 war diese Organisation die stärkste in Litauen. Ihr gehörten ethnische Litauer ebenso an wie Belarussen und Russen. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Litauen 1940 wurde der Litauische Schützenbund verboten und die Mehrheit seiner Mitglieder verhaftet. In den Nachkriegsjahren schlossen sich die überlebenden litauischen Schützen den „Waldbrüdern“ an; 1989 wurde der Bund wiederbegründet. Heute zählt er mehr als 10.000 Mitglieder. Zum Vergleich: Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten ihm 61.000 Menschen an.

Am 11. Dezember 1938 fanden in Klaipėda Wahlen zur Selbstverwaltung statt – zum Seimelis. Die Mehrheit der Stimmen, 87 Prozent, entfiel auf die Einheitsliste der deutschen Parteien. Infolgedessen besetzten die Nationalsozialisten die Schlüsselpositionen in den Behörden.

An die Spitze des neuen Direktoriums trat der ehemalige Bankdirektor Wilhelm Bertuleit, Stellvertreter von Ernst Neumann, dem Kommandeur der Sturmabteilungen. Er umriss die Hauptrichtungen seiner Tätigkeit: „Das neue Direktorium sieht es, geleitet von den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung, als sein Ziel an, unserer Heimat den Weg in eine glückliche Zukunft zu bahnen … Propaganda gegen den Nationalsozialismus wird unter keinen Umständen geduldet werden.“ Alle Beamten und Angestellten wurden sofort gezwungen, den Sturmabteilungen beizutreten; andernfalls drohte ihnen die Verbannung „dorthin, wo weder Sonne noch Mond scheinen“. Die Auswahl für die Abteilungen war streng. Politisch Unzuverlässige, Vorbestrafte und moralisch Labile wurden nicht aufgenommen. Jugendliche wurden in die Reihen der Hitlerjugend geholt.

Zum Kommandeur des Sicherheitsdienstes des Memellandes wurde Neumann ernannt. Um alle im Gebiet tätigen deutschen Organisationen zusammenzufassen, gründete er einen Kommandeursbund, dem sämtliche Mitglieder des Direktoriums sowie die Leiter aller Dienste und Behörden angehörten. Auf diese Weise standen alle waffenfähigen Männer unter Kontrolle.

Die Nationalsozialisten veranstalteten lautstarke Massenkundgebungen. Viele Einwohner begannen zu glauben, dass das Gebiet tatsächlich ins Reich zurückkehren würde. Der Nationalsozialist und Anführer aller deutschen Sportler, Fritz Walgahn, verkündete: „Kein Deutscher wird jemals die weiße Fahne hissen, die Menschen wollen sich mit ihrem Volk wiedervereinigen, Blut mit seinem Blut, und niemand wird das verhindern können.“

Und tatsächlich hinderte sie niemand daran. Arūnė Arbušauskaitė schreibt: „… alles geschah über Nacht. ‚Klaipėda war – und Klaipėda ist nicht mehr. Am Dienstag ging man unter litauischer Herrschaft zu Bett, am Mittwoch stand man schon unter deutscher auf …‘, scherzte bitter der Korrespondent der Zeitung XX amžius (‚20. Jahrhundert‘). 22. März 1939, Mittwoch, 8 Uhr morgens. Radio Heilsberg (heute Lidzbark Warmiński in Polen) meldete, die Regierungen Deutschlands und Litauens hätten vereinbart, das Memelland noch am selben Tag an Deutschland zu übergeben. Eine halbe Stunde später meldeten dies auch der Moskauer und der Kaunasser Rundfunk. Gegen 9 Uhr beginnen die Fabriksirenen zu heulen, an den Häusern werden Hakenkreuzfahnen gehisst. Der Mittwochmorgen hat sich am tiefsten ins Gedächtnis eingebrannt. Hakenkreuzfahnen, das Läuten der Kirchenglocken, die Sirenen der Betriebe und Schiffe, Flugzeuge am Himmel, im litauischen Rundfunk nur Unterhaltungsmusik, im deutschen jede halbe Stunde derselbe Satz: Memel ist frei! (Memel ist frei!), Menschenmengen in Banken und Sparkassen, Schlangen an den Telefonen …“

Am selben Tag verabschiedete sich die Redaktion der Zeitung Vakarai („Der Westen“) in ihrer letzten Ausgabe (Nr. 68, 1939) mit folgenden Worten von ihren Lesern: „Wer weichen muss, der soll es so tun, wie ein Seemann sein Schiff verlässt. Wer zur Ratte geworden ist, wird auf seine Tat niemals stolz sein können. Doch … ein Teil der Menschen wird ja hierbleiben, wie auch immer sich ihr Schicksal gestalten mag. Ihr, die ihr bleibt, stärkt euren Geist, versteht es, standhaft und vorsichtig zu sein. Vergessen wir nicht, dass das Rad der Geschichte niemals stillsteht.“

Am 22. März 1939 um 23.55 Uhr unterzeichneten in Berlin die Außenminister Litauens und Deutschlands (Urbšys und Ribbentrop) den Vertrag über die Übergabe des Memellandes an Deutschland. Schon am nächsten Tag waren in Klaipėda SA-Trupps zur Stelle. Zusammen mit dem nationalsozialistischen Ordnungsdienst (Ordnungsdienst) und der örtlichen Polizei besetzten sie Post, Zollamt, Hafen und Behörden. Die Verhaftungen litauischer Aktivisten begannen. Am selben Tag empfing das nationalsozialistische Memel Hitler. Er traf auf dem Panzerkreuzer „Deutschland“ ein, begleitet von 40 Kriegsschiffen, mehreren Wasserflugzeugen und Militärmaschinen, und sprach vom Balkon des städtischen Schauspielhauses zu den Einwohnern.

Wie wiederum Arūnė Arbušauskaitė schreibt, druckten fast alle litauischen Zeitungen Hitlers Rede ab oder gaben sie in Auszügen wieder. Eine offizielle Übersetzung ins Litauische ist jedoch nicht gefunden worden. Überliefert ist ein Zitat in einer Übersetzungsvariante aus der Zeitung Lietuvos aidas („Echo Litauens“) vom 24. März: „… die Deutschen haben nicht die Absicht, irgendjemandem auf der Welt etwas Böses zu tun, doch man musste den Leiden ein Ende setzen, denen die Deutschen 20 Jahre lang von Seiten der ganzen Welt ausgesetzt waren … Die Memeldeutschen hat Deutschland schon einmal ihrem Schicksal überlassen, als es sich mit Schmach und Schande abfand. Heute werden die Memeldeutschen … wieder Bürger eines mächtigen Reiches, das entschlossen ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, selbst wenn das der halben Welt nicht gefällt.“ Hitler übergab das Memelgebiet symbolisch an Neumann und kehrte nach Deutschland zurück.

Memel again

Klaipėda hörte einmal mehr offiziell auf zu existieren, wurde Teil des Deutschen Reiches und unter dem Namen Memel der Provinz Ostpreußen eingegliedert. Über dem Gebäude der Gouverneursverwaltung wurde die Hakenkreuzfahne gehisst.

Julius Deksnis, Vorsitzender der litauischen Republiksorganisation der Veteranen des Zweiten Weltkriegs, die auf Seiten der Anti-Hitler-Koalition gekämpft hatten, erinnert sich: „Seit dem 23. März 1939 waren dort die Deutschen die Herren, doch es gab auch eine litauische Kolonie. Die Litauer arbeiteten im Hafen und in der Weberei … überall herrschten Armut, Perspektivlosigkeit und Angst vor dem morgigen Tag. Memel war 1939–40 eine durch und durch deutsche Stadt, in der die soziale Ungleichheit besonders stark zu spüren war. Der Hafen arbeitete für das große Deutschland und für Preußen. Manche machten Millionen, andere kamen kaum über die Runden. Dabei fühlte sich die litauische Kolonie stets als zweitklassig. Die örtliche jüdische Gemeinde war bereits vernichtet.

In den Verkehrsmitteln hingen Schilder ‚Nur für Deutsche‘. Es gab öffentliche Vergnügungen, etwa das Kino, zu denen nur Deutsche Zutritt hatten. Selbst lutherische Litauer durften nur auf der Schwelle der lutherischen Kirche stehen. Das Gotteshaus betreten durften nur Deutsche.“

Hier ist anzumerken, dass diese Rechtsbeschränkungen Personen betrafen, die keine deutschen Papiere besaßen, während die meisten Einheimischen solche praktisch unmittelbar nach dem Anschluss erhielten.

Zusammen mit Klaipėda verschwand auch die vor dem Theater stehende Skulptur des Ännchens von Tharau an einen unbekannten Ort – jenes Mädchens, das der berühmte Dichter und Sohn der Stadt Simon Dach in seinen Versen besungen hatte. Die einen vermuten, an ihrer Stelle habe eine Hitlerbüste aufgestellt werden sollen, die anderen, die Statue habe dem Theaterbalkon den Rücken zugekehrt, was den Führer hätte beleidigen können. Später wurde an derselben Stelle eine Kopie aufgestellt.

Ännchen von Tharau ist eine reale Person. Einer Version zufolge war das Mädchen die Tochter des 1630 verstorbenen Pfarrers Neander. Nach dem Tod des Vaters heiratete die siebzehnjährige Anna den Prediger Johannes Portatius. Auch Simon Dach war in sie verliebt. Doch als Lehrer in bescheidener Stellung an der Königsberger Domschule lebte er in recht ärmlichen Verhältnissen. Auf Drängen ihrer Familie heiratete das Mädchen einen anderen.

Nach dem Anschluss an Deutschland wurde Memel zum Stützpunkt der deutschen Flotte und zur Seefestung. Bereits im April 1939 begann man hier mit dem Bau eines Militärflugplatzes, von Festungsanlagen und eines unterirdischen Treibstofflagers. Das Reich begann sich auf den Krieg vorzubereiten. Das wirtschaftliche Potenzial der Stadt sank drastisch. Tausende Litauer und Juden verkauften eilig ihre Läden und Immobilien und verließen überstürzt ihre Heimat.

BörsenbrückeDie Börsenbrücke (Börsenbrücke) sah einst so aus …

Im April 1939 kam Gauleiter Erich Koch, der Oberpräsident Ostpreußens, nach Memel. Er erklärte, die Stadt solle in der Region nach Königsberg die zweitgrößte und zweitwichtigste werden, und malte die rosigsten Aussichten aus, um die Stimmung der Bürger zu heben. Doch schöne Reden halfen nicht. Bald wurden die Lebensmittel knapp, die Regale der Geschäfte leerten sich nach und nach, die Preise stiegen. Zuerst traf es die Betriebe, die mit ausländischen Rohstoffen arbeiteten. Über Wasser hielten sich nur Werke, deren Erzeugnisse militärischen Zwecken dienten. Die Lindenau-Werft etwa baute Minensuchboote.

Zu Zeiten der UdSSR

Litauen erhielt, wie alle baltischen und viele andere Sowjetrepubliken, aus dem Unionshaushalt weit mehr, als es einzahlte. Erstens wuchs es dank der UdSSR territorial erheblich. 1940 war seine Fläche um ein Drittel kleiner. Die erweiterten Grenzen behielt Litauen zudem auch 1991 – nach dem Austritt aus der UdSSR. Die Bezirke Vilnius und Klaipėda sowie ein Teil der Region Suwałki gingen auf Grundlage des Grenzvertrags von 1945 von Polen an Litauen über. Die Kriegsschäden der Republik beliefen sich verschiedenen Schätzungen zufolge auf 30 Milliarden Dollar. Fast die gesamte Energiewirtschaft, Fabriken, Verkehrswege, Brücken und Häfen waren zerstört. Der Unionshaushalt investierte sagenhafte Summen in den Aufbau der litauischen Werkzeugmaschinen-, Leicht- und Chemieindustrie. Es wurden zwei Düngemittelwerke, ein Kunstfaserwerk und eine Erdölraffinerie gebaut. In der Republik entstanden Lebensmittelindustrie und Maschinenbau. Man baute Wohnhäuser, Straßen und Fähren, der Hafen von Klaipėda wurde wiederhergestellt, und in Klaipėda selbst entstand eine Schiffsreparaturwerft. Das Wasserkraftwerk Kaunas, das Wärmekraftwerk Elektrėnai und das in postsowjetischer Zeit stillgelegte Kernkraftwerk Ignalina – auch das ist sowjetisches Erbe.

Asta Dikovienė zitiert in der Wochenzeitung „Klaipėda“ vom 30. März 2019 den Historiker Šarūnas Liekis, der zu dem Schluss kam, dass „Litauen 1939 angesichts des offenkundigen Kräfteungleichgewichts keinerlei Chance hatte, das Memelland zu halten, zumal es unter der einheimischen Bevölkerung nicht allzu viele Anhänger besaß. Der Verlust des Memellandes war für Litauen ein schmerzhafter Schlag.“ Und in der wöchentlichen Kulturbeilage der Zeitung Lietuvos aidas vom 24. März 1939 zog der Dichter und Publizist Faustas Kirša wehmütig Bilanz:

„Klaipėda ist aus den Grenzen unseres Staates herausgefallen. Mit Klaipėda haben wir einen Teil der Ostseeküste und die Dünen verloren, den Rambynas, das Kurische Haff, die Mündung des Nemunas, die Hirsche. Wir haben eine der Heimstätten unserer Kultur verloren, ein Stück unseres Herzens, und Tränen steigen auf, als nähmen wir Abschied für Jahrhunderte.“

DURCH DEN KRIEG ZU DEN SOWJETS

Im Zweiten Weltkrieg wurde Memel zur Festung erklärt und von den Deutschen zum Zentrum eines mächtigen Verteidigungsraums ausgebaut. Die Memel-Operation, die der Marschall der Sowjetunion Iwan Christoforowitsch Bagramjan in seinen Erinnerungen als „entscheidend für die gesamte Baltische strategische Angriffsoperation“ bezeichnete, begann am 5. Oktober 1944. Ihr Ziel war es, zur Ostseeküste vorzustoßen und der Heeresgruppe Nord die Rückzugswege nach Ostpreußen auf dem Landweg abzuschneiden. Rund zwei Monate lang hielten drei deutsche Divisionen die Verteidigung Memels. Die eingeschlossene, menschenleere Stadt, in der nur noch Truppenteile, der Volkssturm und Sondereinheiten verblieben waren, ergab sich bis Ende Januar 1945 nicht. Als Letzte verließen in der frostigen Nacht zum 28. Januar Sprengkommandos Memel, und am Morgen erschienen in den Straßen der brennenden Stadt die Soldaten der sowjetischen 16. Litauischen Klaipėda-Rotbanner-Schützendivision, die in Balachna im Gebiet Gorki vorwiegend aus Flüchtlingen und Evakuierten aus Litauen aufgestellt worden war. Noch am selben Tag, dem 28. Januar, war die Stadt von den Faschisten befreit. Beim Rückzug hatten diese Industrieanlagen und Brücken gesprengt. Nach Angaben des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der Litauischen SSR war Memel zu 65–70 % zerstört. Vernichtet waren 60 % der Industriebetriebe und 50 % der Kulturbauten.

Im August 1945 übertrug die Potsdamer Konferenz, das dritte und letzte offizielle Treffen der „Großen Drei“ – der UdSSR, der USA und Großbritanniens –, Memel samt seinen Vororten de facto der Sowjetunion. Die Stadt wurde endgültig in Klaipėda umbenannt. Drei Jahre später wurde das Gesetz über die administrativ-territoriale Gliederung der Litauischen Republik verabschiedet, in dem das Gebiet Klaipėda erstmals als Teil der Litauischen SSR erwähnt wurde. Alle Einwohner Klaipėdas litauischer Nationalität erhielten die sowjetische Staatsbürgerschaft. Deutsche aus Klaipėda konnten die Aufnahme in die Staatsbürgerschaft der UdSSR individuell beantragen.

Da die Zivilbevölkerung der Stadt nach der Befreiung nur noch sehr klein war, kamen für den Wiederaufbau der Industrie Siedler aus der Sowjetunion. Klaipėda begann Russisch zu sprechen.

Port of Klaipėda

Der Hafen – das Herz von Klaipėda! © portofklaipeda.lt

Port of Klaipėda

Gleich nach dem Krieg begannen in der Stadt die Wiederaufbau- und Bauarbeiten. Allerdings war die Haltung der neuen Sowjetmacht gegenüber der historischen Architektur wegen der Assoziationen mit der faschistischen Vergangenheit, gelinde gesagt, nicht immer positiv. Beim Bau des neuen Klaipėda und bei der Räumung der Trümmer tilgte sie das über Jahrhunderte gewachsene, eigentümliche Gesicht der Altstadt. Bereits 1946 wurde eine ständige Fährverbindung über das Kurische Haff zur Nehrung eingerichtet, und einige Betriebe nahmen die Arbeit wieder auf. Die wirtschaftliche Entwicklung Klaipėdas wurde einmal mehr nicht von den örtlichen Bedürfnissen und Ressourcen bestimmt, sondern von den Interessen der gesamten Union. Nach seinem Umbau wurde der Hafen zur Basis einer riesigen Fischereiflotte und versorgte den gesamten europäischen Teil der UdSSR mit Fisch und anderen Fischprodukten.

Fähren

Diese Arbeitstiere des Meeres sind wohl das bequemste Verkehrsmittel, um von Litauen in andere europäische Länder zu gelangen. Mit der Seefähre kommt man von Klaipėda komfortabel ins schwedische Karlshamn, ins deutsche Kiel und in die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Die Routen werden von Schiffen der dänischen Reederei DFDS Seaways bedient, die 1866 gegründet wurde und zu den größten Fährunternehmen der Alten Welt zählt. Um den Wünschen jedes Passagiers gerecht zu werden, bietet die Reederei verschiedene Kabinentypen an – vom Sitzplatz der Economy-Klasse bis zur Commodore Deluxe. Je nach gewählter Kabinenklasse kann aus einer praktischen Überfahrt eine echte Kreuzfahrt der Spitzenklasse werden. Bei Bedarf kann man auch das eigene Auto mitnehmen. Besondere Annehmlichkeiten gibt es an Bord zudem für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Eine Fährverbindung verbindet das auf dem Festland gelegene Klaipėda mit der Kurischen Nehrung. Das alte Passagierterminal an der Mündung der Dange fertigt Fähren ab, die nur Passagiere ohne Fahrzeuge befördern. 2013 erhielt dieser Fähranleger einen modernen Wartesaal und ein Restaurant. Der neue Fähranleger liegt im Süden der Stadt und ist für Passagiere mit Autos bestimmt.

Von 1952 bis 1970 entstand ein neuer großer Fischereihafen, in dem fünf Fischereibetriebe arbeiteten; hinzu kamen zwei Schiffsreparaturwerften, die Schiffswerft „Baltija“, eine Fischfabrik, eine Konservenfabrik, eine Fabrik für Fanggeräte und das Böttcherei- und Verpackungskombinat „Progress“. 1966–69 kam die Westliche Schiffsreparaturwerft hinzu – das größte Unternehmen Klaipėdas. Der alte Teil des Hafens wurde erweitert und zum Tor für den sowjetischen Export in den Westen – für Erdöl, Steinkohle, Getreide und Metall. 1986 wurde im Hafen von Klaipėda ein grandioses strategisches Projekt verwirklicht – die weltweit größte Eisenbahnfährverbindung über das Meer. Sie verband Klaipėda mit dem Hafen Mukran auf der deutschen Insel Rügen. Und all das bedeutete neue Arbeitsplätze.

In den 1970er-Jahren wurde durch den massenhaften Zuzug neuer Arbeitskräfte – litauischer Bauern, die in die Stadt kamen – Litauisch in Klaipėda zur vorherrschenden Sprache.

Auch Kultur- und Bildungseinrichtungen wurden nicht vernachlässigt. 1946 wurde das Schauspielhaus restauriert, 1956 empfing die Volksoper ihre ersten Nachkriegszuschauer. Schon 1959 konnten die örtlichen Studenten an der neu eröffneten Klaipėdaer Filiale des Polytechnischen Instituts Kaunas studieren. Zahlreiche Museen nahmen ihre Arbeit auf, darunter das berühmte Meeresmuseum mit Aquarium, das Uhrenmuseum und das Bernsteinmuseum … Der Skulpturenpark Martynas Mažvydas wurde angelegt. Obwohl die Stadt mit grauen sowjetischen Typenbau-„Kisten“ bebaut wurde – die übrigens seit 1961 an das Gasnetz angeschlossen waren –, bewahrte sie dank der wenigen Baudenkmäler, die alle Kriege überdauert hatten, ihre Eigenart.

Verloren gingen jedoch auch zahlreiche architektonisch interessante Bauwerke – etwa das seit dem 17. Jahrhundert bekannte Gebäude der Börse, das neben der gleichnamigen Brücke an der Stelle des heutigen Platzes der Wiedergeburt (Atgimimo) stand und lange Zeit eines der wichtigsten kulturellen, finanziellen und politischen Zentren der Stadt war. Oder eine der ersten Feuerwachen Europas, das Elefantenhaus (Dramblio namas), ein alter Fachwerkspeicher unweit des Lietuvininkų-Platzes (Lietuvininkų Aikštė). Auch die älteste lutherische Kirche, die Johanneskirche (Johanneskirche), deren Geschichte bis ins Jahr 1258 zurückreichte, blieb nicht erhalten. Sie wurde viele Male zerstört, brannte ab und wechselte ihren Standort. Man nimmt an, dass die Kirche nach der Reformation bereits am Ostende der Altstadtinsel stand, jedoch 1540 abbrannte. 1696–1706 wurde am Ende der Marktstraße eine nunmehr dreischiffige Johanneskirche mit achteckigen Sterngewölben errichtet. Der Bau war 37 Meter lang, 22 Meter breit und besaß einen 50 Meter hohen Turm. 1790 wurde das Gebäude renoviert, und sein um 11 Meter erhöhter Turm mit Aussichtsbalkon, englischer Uhr und einer Wetterfahne in Gestalt eines Segelschiffs erhielt barocke Züge.

Hier wurde das Bildnis des aus Memel stammenden Matthäus Prätorius aufbewahrt – eines protestantischen Pfarrers und späteren katholischen Priesters, Historikers und Ethnographen, der an den Universitäten Königsberg und Rostock studiert hatte. Sein Werk über die Geschichte und Kultur Preußens – Deliciae Prussicae oder Preussische Schaubühne – enthält viele ethnographische Angaben über die preußischen Litauer und die alten Prußen.

MarinaDer Graben um die Memeler Burg dient heute als Marina.

KLAIPĖDA HAT EINEN BESONDEREN CHARAKTER

Altstadt

Der Fluss Dange teilt Klaipėda in zwei Teile. Am linken Ufer liegt die Altstadt. Sie hat sowohl ihren Grundriss als auch die Atmosphäre vergangener Zeiten bewahrt. Mittelalterliche schmale Gassen, in denen zahlreiche kleine Häuser mit Ziegeldächern dicht an dicht stehen, bilden ein eigenartiges Labyrinth aus streng rechtwinklig geschnittenen Quartieren. Alte Fachwerkhäuser, die friedlich neben modernen Bauten stehen, erinnern an die deutsche Vergangenheit der Stadt auf der Burginsel.

Im Jahr 1571 ließ Herzog Albrecht Friedrich hier Grundstücke für den Bau neuer Höfe zuteilen. Den nördlichen Teil, die Altstadt, in der sich nur deutsche Kaufleute und Handwerker niederlassen durften, trennte ein altes Flussbett vom Gerberviertel (dem späteren Friedrichstadt). Dort lebten die Vertreter der „schmutzigeren“ Berufe – Gerber, Bader, Barbiere, Fischer – sowie Angehörige ethnischer Gruppen.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts reichte der Platz innerhalb der Verwaltungsgrenzen der kleinen Altstadt nicht mehr aus. Immer mehr deutsche Kaufleute und Handwerker ließen sich im Gerberviertel nieder und drängten darauf, es der Altstadt anzugliedern. Die Obrigkeit verlieh dem Gerberviertel 1693 jedoch ein Privileg, ein Wappen und eine Fahne und gab ihm den Namen Friedrichstadt. Es unterstand einem eigenen Herrn, war aber an die Beschlüsse des Memeler Magistrats gebunden; Gerichtssachen wurden in der Altstadt entschieden. Erst 1722 wurde Friedrichstadt in die Verwaltungsgrenzen der Altstadt einbezogen, und zur selben Zeit schüttete man das trennende Flussbett zu. (Anderen Angaben zufolge wurde es bereits um 1665 zugeschüttet, ein Vierteljahrhundert vor dem „offiziellen“ Entstehen Friedrichstadts.)

AltstadtDie historischen Viertel üben eine geradezu magische Anziehungskraft aus!

Die Altstadt (Altstadt) entstand nach den städtebaulichen Traditionen der Kreuzritter: Zuerst errichtete man die Burg, daneben wurde die Stadt angelegt, und zum Schutz der Burg dienten Wassergräben, durch die der Fluss floss. Im Jahr 2002 wurde an der Stelle, an der die Burg stand, ein Museum eröffnet, in dem bei Ausgrabungen gefundene Artefakte ausgestellt sind. Einige unterirdische Anlagen der Festung aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sind recht gut erhalten und können heute besichtigt werden.

Wegen ihres im 13. bis 15. Jahrhundert entstandenen, an ein Schachbrett erinnernden Netzes aus Straßen und Gassen gilt die Altstadt als Denkmal des Städtebaus. Hier sind hölzerne und gemauerte Bürgerhäuser erhalten, die sich harmonisch mit modernen Bauten verbinden. Charakteristisch für diesen Teil Klaipėdas sind ganze Quartiere mit Fachwerkspeichern3. Auch Wohnhäuser in diesem Stil gibt es. Nach dem verheerenden Brand von 1854 wurde der Bau von Fachwerkwohnhäusern jedoch wegen ihrer leichten Entflammbarkeit verboten.

Von historischem Wert ist das Schauspielhaus am Theaterplatz, das 1893 an der Stelle des abgebrannten Vorgängerbaus errichtet wurde. Hier stand einst Wagner höchstpersönlich am Dirigentenpult.

Auch moderne Symbole haben in den Straßen Klaipėdas Wurzeln geschlagen – etwa die skurrilen kleinen Skulpturen einer großohrigen Maus, des Katers namens Klaipėdis, eines Dobermanns, der am alten Markt aus einem Haus herausschaut, und des Schornsteinfegers (Bildhauer Klaudijus Pūdymas), der auf dem Dach eines Hauses in der Kurpių-Straße sitzt. Wie in vielen Städten des Baltikums war dieser Beruf auch in Klaipėda sehr gefragt. Einem Schornsteinfeger zu begegnen galt als gutes Omen.

ElefantenspeicherDer berühmte Memeler Fachwerk-„Elefantenspeicher“ ist leider nicht bis in unsere Zeit erhalten geblieben.

An der Wand eines Hauses befindet sich die Skulptur „Drache“: Bei Regen rinnt aus seinen Nüstern Wasser in den Abdruck eines menschlichen Fußes im Stein. Sie illustriert die Legende über die Herkunft des Stadtnamens Klaipėda:

Vor langer Zeit lebte an den Ufern des Flusses Akmena, der heutigen Dange, ein Stamm, der die Sonne und das Feuer verehrte. Als die Zeit kam, den alten Wohnort zu verlassen, wählte der Stamm seine besten Jäger aus, um eine neue Heimat zu suchen – die Brüder Hirsch und Wolf. Sie folgten den Wildpfaden und gelangten auf einen Hügel, von dessen Gipfel aus sie das Meer sahen, das sich von einem Ende des Horizonts zum anderen erstreckte. Die Brüder beschlossen, bis zu ihm vorzudringen, doch Wälder und ein Sumpf versperrten ihnen den Weg. Lange stritten sie, welchen Weg sie nehmen sollten, konnten sich aber nicht einigen.

So ging jeder seinen eigenen Weg. Der Hirsch erreichte das Meeresufer, sah den weichen gelben Sand und beschloss, den Stamm hierher zu führen. Der Wolf ging am Flussufer entlang und verschwand. Lange suchte der Hirsch nach seinem Bruder, doch auf dem lehmigen Boden fand er nur den Abdruck seines Fußes – klai peda.

Ein weiteres Symbol Klaipėdas ist der legendäre einstige Schulsegler „Meridianas“, der der Seefahrtsschule Klaipėda gehörte. Das Schiff wurde 1948 in Finnland gebaut und fand 1969 seinen Liegeplatz in Klaipėda. Später wurde es instand gesetzt und in ein Museum verwandelt; seit 2013 befindet sich darauf ein Fischrestaurant. Nicht weit davon, unter der Börsenbrücke, steht die romantische Skulptur „Meerjungfrau“. Vom Gelände des Kreuzfahrtterminals aus kann man nicht nur Jachten und Schiffe bewundern, sondern auch Skulpturen entdecken: „Der Wind“, eine filigrane Wetterfahne aus Metall mit einer schwebenden Möwe, und „Der Junge mit dem Hund“, der auf der Kaimauer stehend die Schiffe begrüßt und verabschiedet. An der Drehbrücke, die nach Fahrplan von Hand geöffnet wird, lauert das „Schwarze Gespenst“, das der Legende nach eines Nachts einem Wächter erschien und prophezeite, der Stadt „könnten Korn und Brennholz ausgehen…“.

MeridianasDer Segler „Meridianas“ – eine wahre Zierde der Stadt! Der Schornstein von AB Klaipėdos energija dagegen nicht.

Ännchen von Tharau

Einer Version zufolge war der berühmte Memeler Dichter Simon Dach ein Freund des Bräutigams von Ännchen. 1637 heirateten in der Kirche des Dorfes Tharau (Siedlung Wladimirowo, Gebiet Kaliningrad) der Pfarrer Johannes Portatius aus Trempen (Siedlung Nowostrojewo, Stadtkreis Osjorsk, Gebiet Kaliningrad) und die siebzehnjährige Ännchen Neander. Dach war zur Hochzeit eingeladen und schrieb aus diesem Anlass ein Gedicht, das zu einer Art Hochzeitsgeschenk wurde. Ein Jahrhundert später war daraus ein beliebtes Lied geworden. Der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Herder übertrug den Text ins Hochdeutsche, und der Komponist Friedrich Silcher schrieb eine neue Melodie (die erste hatte noch zu Lebzeiten Simon Dachs der Organist Heinrich Albert komponiert). Seitdem ist das Lied sehr populär. Seine Liebe zu Ännchen trug der Dichter sein ganzes Leben lang im Herzen, doch sein Traum sollte sich nicht erfüllen. Sie wurde 70 Jahre alt, war noch zweimal verheiratet – und beide Male nicht mit ihm.

Als einer der interessantesten Orte Klaipėdas gilt zu Recht das Museum für die Geschichte Kleinlitauens im ältesten Stadtpalais von Friedrichstadt. Es macht mit dem Alltag der Lietuvininkai, der Geschichte der deutsch-litauischen Beziehungen und der Geschichte Memels vertraut. Einzigartig ist auch das Schmiedemuseum, das 1992 zum Stadtjubiläum Klaipėdas eröffnet wurde. Filigrane Kreuze, Zäune und Tore, wie sie für Kleinlitauen typisch sind, Schmiedewerkzeuge, geschmiedeter Hausrat… Der größte Teil der Stücke wurde von dem Klaipėdaer Metallrestaurator Dionizas Varkalis zusammengetragen: Grabkreuze, Gitter von alten Friedhöfen und alte Wetterfahnen, wie es sie nur in einer Hafenstadt gibt.

Vor allem veranschaulicht die Museumssammlung eindrucksvoll die Entwicklungsstufen des einzigartigen Schmiedehandwerks, das heute praktisch verschwunden ist.

Am 1. Juni 1973 wurde die Gemäldegalerie eröffnet, eine Abteilung des Litauischen Kunstmuseums. Die Galerie nimmt einen ganzen Gebäudekomplex aus dem 19. und 20. Jahrhundert ein. Gezeigt werden Malerei aus Westeuropa, Litauen, Lettland und Russland sowie Skulptur und Grafik. Seit 2001 gibt es hier eine Dauerausstellung (rund 600 Werke) des litauischen Expressionisten von europäischem Rang Pranas Domšaitis, dessen Namen die Galerie trägt; außerdem sind Werke des Marinemalers Česlovas Janušas und von Vytautas Kašuba zu sehen.

Die Neustadt

Die Neustadt von Klaipėda entstand im 19. und frühen 20. Jahrhundert am gegenüberliegenden Ufer der Dange. Sie ist wesentlich größer als die Altstadt und heute ein belebtes Geschäftszentrum. In der Neustadt liegt der große Platz der Lietuvininkai (Lietuvininku aikstà), benannt nach den litauischen Bewohnern Kleinlitauens. In sowjetischer Zeit stand hier ein Denkmal für die an diesem Ort begrabenen Rotarmisten. Nachdem Litauen die Unabhängigkeit erlangt hatte, wurde der Friedhof verlegt, und an seiner Stelle entstand ein Denkmal für Martynas Mažvydas – den litauischen Buchdruckpionier und Schriftsteller, Verfasser und Herausgeber des ersten Buches in litauischer Sprache, „Die einfachen Worte des Katechismus“, das in Königsberg erschien. Geschaffen hat das Denkmal 1997 der litauische Bildhauer Regimantas Juozas Midvikis, Mitglied des Künstlerverbands der UdSSR, zum 450. Jahrestag des Erscheinens des berühmten Katechismus.

Im selben Jahr wurde auch das Denkmal für die nach Sibirien verbannten Litauer errichtet, ein Werk von Juozas Genevičius. Neben der Statue eines Opfers befinden sich hier Platten, in die die Namen derer eingemeißelt sind, die in der Verbannung starben. Jedes Jahr am 22. Mai kommen die Einwohner von Klaipėda hierher, um ihrer zu gedenken. An die Operation „Frühling“ von 1948 erinnert sich jeder Litauer. Damals deportierten die sowjetischen Repressionsorgane innerhalb von zwei Tagen rund 40.000 Menschen nach Sibirien, darunter Frauen und Kinder. Die Führung des NKWD verlangte, die Republik von antisowjetischen Elementen „zu säubern“, die mit den Partisanen zusammenarbeiteten, sowie von wohlhabenden Bauern, die sich nicht in Kolchosen zusammenschließen wollten. Ausgesiedelt wurden nicht nur Litauer, sondern auch die ansässigen Weißrussen und Polen. Das Hauptziel der Operation „Frühling“ war die Einschüchterung der Bevölkerung. „Tausende Menschen wurden vernichtet, und nicht nur physisch. Unzählige Schicksale wurden zerstört“, sagt der litauische Historiker Arvydas Anušauskas.

Auch architekturgeschichtlich ist die Neustadt interessant. An der Liepų-Straße, der größten Straße der Neustadt, finden sich gleich mehrere hervorragende Beispiele. Etwa eine schöne Villa aus dem 19. Jahrhundert, erbaut vom reichsten Bürger Memels, dem Engländer jüdischer Herkunft Johann Simpson. Nach 1913 wohnte hier der Bankier Johann Kirchberger. Unter ihm erhielt das Gebäude sein heutiges Aussehen mit einer Fassade, die von vier Säulen und zwei Skulpturen geschmückt wird, welche Handel und Handwerk symbolisieren.

Laikrodžių muziejus

Seit 1984 beherbergt die Villa das Uhrenmuseum, dessen Exponate Instrumente zur Zeitmessung aus verschiedenen historischen Epochen sind – Sonnen-, Stern-, Feuer-, Wasser-, Sand- und sogar Blumenuhren sowie spätere mechanische Uhren aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Ergänzt wird die Sammlung durch alte Mond- und Lunisolarkalender sowie moderne Uhren.

Gleich nebenan steht das Gebäude des Hauptpostamts, 1893 im neugotischen Stil errichtet. Innen wie außen hat es sich kaum verändert.

Allenfalls wurde der 42 Meter hohe Turm rekonstruiert, der im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden war. Etwas weiter erstreckt sich ein Park mit der Statue des im 18. Jahrhundert lebenden lutherischen Pfarrers Kristijonas Donelaitis. Berühmt wurde er dadurch, dass er mit „Die Jahreszeiten“ das erste epische Gedicht in litauischer Sprache schrieb.

Eine besondere Sehenswürdigkeit Klaipėdas ist der Skulpturenpark. Jedes Jahr kommen nicht nur litauische, sondern auch ausländische Bildhauer hierher, um ihre Werke zu präsentieren. Das Einzigartige an dem Park ist, dass sich an seiner Stelle früher ein deutscher Friedhof befand. 1977 wurden hier dekorative Skulpturen litauischer Künstler aufgestellt. Anfangs begegneten die Einwohner dem einstigen Ort der Totenruhe mit Argwohn, doch nach und nach gewöhnten sie sich nicht nur an den Park, sondern gewannen ihn lieb – zumal dort ein Kinderspielplatz und Tennisplätze entstanden. Im nördlichen Teil des Parks befindet sich ein Denkmal für die sowjetischen Soldaten, die bei der Befreiung Klaipėdas im Januar 1945 fielen.

BörsenbrückeDer Blick auf den Fluss im Zentrum war einst eine wahre Augenweide. Leider ist keines dieser Gebäude erhalten geblieben.

In den Räumen der Festung Kopgalis aus dem 19. Jahrhundert, die die Deutschen zum Schutz Memels an der Einfahrt ins Kurische Haff errichtet hatten, befindet sich heute das Litauische Meeresmuseum. Mehrere Themenbereiche präsentieren die Geschichte der litauischen Schifffahrt, angefangen bei den ersten Fischerbooten, außerdem ein Naturmuseum der Kurischen Nehrung, ein Aquarium und ein Delfinarium, neben dem sich das 12 Meter hohe Denkmal „Albatros“ erhebt. Es wurde zum Gedenken an die auf See verlorenen Schiffe errichtet. Einer in Litauen verbreiteten Legende zufolge kreisen über gesunkenen Schiffen große Albatrosse mit lauten Schreien und trauern um die ertrunkenen Seeleute.

Zur Ausstellung des Museums gehört auch ein ethnografisches Fischergehöft aus dem vorletzten Jahrhundert mit Holzhäuschen, Strohdach, geschnitzten Giebelzierden und geflochtenen Zäunen. Die Lebensweise eines einfachen litauischen Fischers liegt hier offen vor Augen: typische Haushaltsgegenstände, Fanggeräte, ein Stall und ein Gehege mit lebenden Haustieren. Im Hof stehen Wirtschaftsgebäude, ein Eiskeller für frischen Fisch und eine Räucherkammer.

Fisch ist leicht verderblich, deshalb durfte dieses Element des bäuerlichen Alltags in keiner Fischerfamilie fehlen. Geräuchert wurden im Dorf nicht nur Fisch, sondern auch Fleisch, Würste und natürlich der berühmte litauische Speck.

Im Meeresmuseum kann man stundenlang umherwandern und Modelle von Schiffen verschiedener Epochen samt ihrer Ausrüstung betrachten. Es gibt hier auch recht ungewöhnliche Exponate, zum Beispiel die Trümmer des Bootes von Gintaras Paulenis, einem Fischer aus Klaipėda, der leidenschaftlich in das Meer verliebt war. Er baute das Boot mit eigenen Händen nach Entwürfen alter Neufundland-Schiffe und brach damit zu einer Seereise auf. 1994 überquerte er allein die Ostsee und erreichte wohlbehalten Schweden. Auf dem Rückweg geriet er in einen Sturm – denselben, in dem zur gleichen Zeit die Fähre „Estonia“ unterging und 852 Menschen in den Tod riss. Die Trümmer von Gintaras’ Boot wurden am 5. Oktober 1994 am Ufer gefunden und ins Museum gebracht.

Nach dreijähriger Renovierung und Restaurierung wurden hier am 3. Dezember 2017 ein 25 Meter langer gläserner Tunnel sowie 24 erneuerte Aquarien eröffnet – mit vielfältigen Meeres- und Ozeanfischen, mit Seesternen auf dem Grund, Fragmenten gesunkener Schiffe und Ankern. Die reiche Sammlung seltener Korallenarten und Meeresmuscheln besitzt zudem einen enormen wissenschaftlichen Wert. Dank dieser Vielseitigkeit hebt sich das Museum von den meisten vergleichbaren Museen in den Nachbarländern Litauens ab.

K and DDer Bau der architektonischen Dominanten des heutigen Klaipėda, der Hochhäuser „K“ und „D“, wurde 2006 abgeschlossen. Wie gelungen diese Entscheidung war, wird die Zeit zeigen.

Kürzlich schlug ein gesellschaftlich engagierter Bürger Klaipėdas vor, ein Gesetz zum Schutz der deutschen Architektur der Region zu verabschieden: „...in Städten, die Teil Ostpreußens waren, darf man nicht erlauben, einfach alles Mögliche zu bauen … man muss vorschreiben, sich an einen bestimmten Stil zu halten, der für diese einzigartige Region charakteristisch ist.“ Denis Kischinewski, Korrespondent der Wochenzeitung „Express-Nedelja“, fragte den Experten für Stadtgeschichte Dainius Elertas, was er über das architektonische Erbe Klaipėdas denke: „Das, was bei uns erhalten geblieben ist, findet man heute auch in anderen Städten … Natürlich ist es eine ehemals ostpreußische Stadt mit einem besonderen Charakter, aber zu sagen, wir müssten darin nur den deutschen Stil bewahren, ist nicht ganz richtig. In der Stadt selbst bildete sich ein Stil heraus, in den Vorstädten ein anderer. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel war alles ziemlich standardisiert.“ Als Beispiel nannte Dainius Elertas die Fassade der Hauptbibliothek im Stadtzentrum:

„Das ist ein schönes altes Gebäude, aber es hat nichts ausgesprochen Deutsches an sich. Man kann viel über die ‚einzigartigen‘ Fachwerkhäuser reden, doch Gebäude in diesem Stil findet man nicht nur in Klaipėda, sondern auch in Švėkšna, in Kėdainiai und sogar in Vilnius. Fachwerk an sich kann man nicht als rein deutschen Stil bezeichnen…“

Laut Elertas besteht das Hauptproblem Klaipėdas heute darin, dass die neuen Bauten der Stadt ihre Eigenart nehmen. Die Neubauten seien, so der Experte, um nichts besser als die sowjetischen „Chruschtschowkas“ und typisierten Hochhäuser; mehr noch, im modernen Bauen würden sowjetische Traditionen weiter gepflegt: „Was da entsteht, prägt keine unverwechselbaren Züge und schafft, was den Stil betrifft, keine Eigenart. Zum Beispiel die im Zentrum aufragenden Hochhäuser ‚K‘ und ‚D‘, die zum Symbol der Stadt geworden sind… Dabei ist an ihnen nichts Besonderes, ihre architektonische Qualität ist ziemlich gering, und das ist traurig. Man muss etwas Neues schaffen, man kann Silhouetten gestalten, man kann moderne, originelle Gebäude errichten, die den Stil der Stadt vermitteln, die Einzigartigkeit Klaipėdas prägen und ihren besonderen Charakter fortführen.“

KLAIPĖDAS BÜRGERMEISTER – EIN MANN MIT MARITIMEM CHARME IN DER SEELE

Im März 2019 fand in Klaipėda die Bürgermeisterwahl statt. Zum dritten Mal schenkten die Wähler Vytautas Grubliauskas ihr Vertrauen, der versprach, die Erwartungen der Einwohner zu erfüllen. Seiner Meinung nach sehen sie in ihm einen Garanten der Stabilität, der nicht zu leeren Versprechungen neigt.

In seinen früheren Amtszeiten konzentrierte sich der Bürgermeister auf den Bau von Industrie- und Wohnobjekten sowie auf die kulturelle und soziale Infrastruktur. 2015 wurde die Rekonstruktion des Dramatischen Theaters Klaipėda abgeschlossen, seit 2016 wird das Musiktheater rekonstruiert. Hinzu kam die „Kulturfabrik“. „Wir haben jetzt ein wunderbares Konferenzzentrum im wiederaufgebauten Teil des Burggeländes. Wir haben das Sozialzentrum ‚Danė‘ mit drei Abteilungen für Senioren, Waisenkinder und psychisch Kranke eröffnet, außerdem die neue Einrichtung für Menschen mit Behinderung ‚Klaipėdos lakštutė‘“, erzählte Vytautas Grubliauskas der Korrespondentin des Portals Kurier.lt Jelena Listopad. „Es gelingt uns, die Aufmerksamkeit ausgewogen zwischen der kulturellen und sozialen Infrastruktur einerseits und Industrie und städtischer Versorgung andererseits zu verteilen. Die Infrastruktur der Freien Wirtschaftszone wird weiter ausgebaut; dort arbeiten bereits rund 20 Unternehmen mit litauischem und ausländischem Kapital erfolgreich. Es gibt auch ein Kooperationsabkommen mit Kaliningrad.“

Vytautas GrubliauskasKlaipėdas Bürgermeister Vytautas Grubliauskas ist ein großer Jazzliebhaber (auf dem Foto links).

Eine große Rolle für die Entwicklung der Stadt spielt natürlich der Hafen von Klaipėda, der nach den Worten des Bürgermeisters die Visitenkarte für alle ist, die auf dem Seeweg ankommen. Mit seiner Unterstützung wurde die Zufahrtsstraße zum Fährterminal instand gesetzt. Und das Zentrale Terminal von Klaipėda zieht neue Schifffahrtslinien an. Mehr Gewicht verlieh der Stadt auch das Verteilzentrum für Seecontainer, das bei der Firma Klaipėdos Smeltė eingerichtet wurde. Dank des Hafens profitiert Klaipėda zudem vom Seetourismus.

Sorgen bereitet Vytautas Grubliauskas der Bevölkerungsrückgang in Klaipėda, besonders in der Altstadt, und er versucht, etwas dagegen zu tun, dass die Menschen wegziehen. So hat er Unternehmern verschiedene Vergünstigungen gewährt. Doch auch das hält die Menschen kaum. Leider ist die Abwanderung in Litauen fast überall ein Problem.

Mehrere Jahre lang wurde die Selbstverwaltung von Klaipėda als die beste Litauens ausgezeichnet. „Stolz auf seine Stadt zu sein, ist natürlich gut, aber ich bin dafür, dass jeder Einwohner selbst mit anpackt und etwas Nützliches, Notwendiges für die Stadt tut“, sagt Bürgermeister Grubliauskas. „Auf seiner Treppe, in seinem Hauseingang, in seinem Haus, in seiner Straße, in seinem Viertel. Wie ein richtiger Hausherr. Die Liebe zur Stadt muss tätig sein, dann wird unser Klaipėda noch besser und noch schöner.“ In einem Interview mit dem Portal 15min.lt nannte er die Stadt trotz ihres ehrwürdigen Alters verschmitzt und frisch, zugleich aber auch ernsthaft. Und er rief Einwohner und Gäste auf, „in sich die Seele zu wecken, die gestreift ist wie ein Matrosenhemd, und sich als wahre Herren der Hafenstadt und des Landes zu fühlen … Wichtig ist, dass in unseren Seelen mehr maritimer Charme steckt. Fehlt er, kannst du meinetwegen alle Wände in Seemannsstreifen anstreichen – es wird nichts daraus.“

Heute träumt der Bürgermeister von einem gesunden, grünen, ökologischen Klaipėda: „Es sollen keine rauchenden Schornsteine, kein Lärm und keine unangenehmen Gerüche mehr bleiben. Ich stelle mir einen möglichst leichten Zugang zum Wasser und zum Meer vor. Eine zivilisiert hergerichtete Danė, ein schönes Zentrum. Vielleicht drei oder vier Theater. Auch eine Vergnügungsinsel bei Giruliai schließe ich nicht aus.“

Vytautas Grubliauskas ist ein interessanter Mensch, ein großartiger Musiker und Improvisator und Teilnehmer der Jazzfestivals, die jedes Jahr in Klaipėda stattfinden.

DIE UMGEBUNG VON KLAIPĖDA

Klaipeda Castle Jazz Festival

Traditionell findet am ersten Juniwochenende in Klaipėda eines der größten jährlichen Kulturereignisse statt – das internationale Jazzfestival Castle Jazz Festival. Von Jahr zu Jahr wird es farbenfroher und interessanter und versammelt neben litauischen auch zahlreiche ausländische Ensembles. Im Laufe der Jahre traten auf dem Festival unter anderem auf: Tower of Power, Sugar Blue, Joe Sample, Toots Thielemans, Eric Marienthal, Randy Crawford, Candy Dulfer, Maynard Ferguson, Sheila Raye Charles, Igor Butman. Und das ist nur ein kleiner Teil der Weltstars des Jazz, die im Rahmen des Castle Jazz Festival nach Klaipėda kamen. Der Kreis der Musiker wird mit jedem Festival größer. Gründer und Direktor des Festivals wurde vor 25 Jahren der großartige Musiker und heutige Bürgermeister von Klaipėda Vytautas Grubliauskas, der damit seine Stadt in der ganzen Welt bekannt gemacht hat.

Die Kurische Nehrung

Der Nationalpark Kuršių nerija („Kurische Nehrung“) umfasst auf dem litauischen Teil der Nehrung eine Fläche von 26 474 Hektar. Davon entfallen 9774 Hektar auf Land, der Rest sind Gewässer der Ostsee und des Kurischen Haffs. Ein Teil der Dünen ist hier mit Pflanzen und Bäumen bewachsen, die ihr ursprüngliches Aussehen verbergen. Die Zone der sogenannten „toten Dünen“ erstreckt sich über 10 Kilometer südlich von Juodkrantė. Sie unterscheiden sich von den hohen, beweglichen Wanderdünen, die südlich von Nida beginnen. Die Sandlandschaften von Nidden zogen die Künstler der Königsberger Kunstakademie an. Das Gasthaus des deutschen Mäzens Hermann Blode vereinte die expressionistischen Maler und wurde zum Mittelpunkt der sogenannten Niddener Künstlerkolonie. Einen Teil ihrer Bilder überließen die Künstler dem Wirt.

Von den hiesigen Schönheiten waren der führende Vertreter des deutschen Expressionismus Max Pechstein, der Theoretiker der Moderne Karl Schmidt-Rottluff und der berühmte deutsche Impressionist Lovis Corinth, geboren in Tapiau (heute Gwardeisk), bezaubert. Auch die deutschen Dichter Ernst Wiechert und Carl Zuckmayer schwärmten von Nidden.

Mehr als die Hälfte der Bäume im Nationalpark sind Kiefern verschiedener Arten, darunter Berg- und Zwergkiefern, die aus Schweden eingeführt wurden. Dazu kommt eine große Vielfalt an Laubbäumen – Buche, Ulme, Akazie, Birke, Pappel, Ahorn, Linde … Vielfältig ist auch die Tierwelt: 37 Säugetier- und 100 Vogelarten. Kormorane und Graureiher leben im Park in ganzen Kolonien.

Innerhalb der Grenzen des Nationalparks liegen fünf Ortschaften: Juodkrantė, Pervalka, Preila, Nida und Smiltynė. Sie bilden die gemeinsame Gemeinde Neringa, benannt nach der sagenhaften Schöpferin der Nehrung. Der Legende nach sammelte die riesenhafte Tochter der Göttin Laima, Neringa, Sand in ihre Schürze und schüttete daraus einen langen Wall von Cranz (Selenogradsk) bis Memel (Klaipėda) auf, um die einheimischen Fischer vor den Stürmen zu schützen, die ihre Behausungen zerstörten.

Daniel StaschusDaniel Staschus. „Fischerdorf“.

Kurenwimpel

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fuhren die kurischen Fischer auf flachbodigen Segelbooten aus Eichenholz, den sogenannten Kurenkähnen, aufs Haff hinaus. Sie konnten bis zu 14 Meter lang sein. Eine örtliche Besonderheit waren die Kurenwimpel – Flaggen, die an den Masten der Kurenkähne befestigt wurden. Jede Fischerfamilie hatte einen eigenen Wimpel mit individuellem Design. Die Kennzeichnung der Boote durch Wimpel wurde 1844 auf Anregung des Fischereiaufsehers Ernst Beerbohm eingeführt, um die Einhaltung der Fischereivorschriften leichter kontrollieren zu können. Für Verstöße wurde eine Strafe von einem bis zehn Talern fällig. Wer unter einem Wimpel ausfuhr, zu dem er nicht berechtigt war, musste 10 bis 50 Taler Strafe zahlen. Nach und nach wurden die Wimpel weiterentwickelt und mit verschiedenen geschnitzten Symbolen verziert. Schließlich wurde ihre Gestaltung zu einer regelrechten Kunst. Die Wimpel wurden zu einer Sehenswürdigkeit. Davon können Sie sich besonders in Nida überzeugen, wohin Sie auch gehen! Die Kurenkähne dagegen verschwanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch das Meeresmuseum von Klaipėda baute ein solches Boot nach und ließ am 11. Juli 2001 seinen ersten Kurenkahn zu Wasser. Exemplare dieser Boote sind heute auch in Kaliningrad zu sehen.

Früher waren die Dörfer viel kleiner, dafür gab es deutlich mehr von ihnen. Viele verschwanden spurlos im Sand der vom Wind bewegten Wanderdünen. Typisch für die hiesigen Dörfer sind die schlichten hölzernen Fischerhäuser in charakteristischen Farben – Rotbraun und Blau. Ihre Fassaden sind in der Regel dem Haff zugewandt. Und interessanterweise tragen fast alle die Initialen des ersten Besitzers und das Baujahr. Die Giebel sind mit gekreuzten Pferdeköpfen oder Vögeln geschmückt, die die Häuser vor bösen Geistern schützten. Auf jedem Haus gab es eine Wetterfahne. Darauf konnten sich neben religiösen Symbolen, die nach damaligem Glauben den Fischer und seine Angehörigen vor Unglück bewahrten, noch weitere Zeichen oder sogar Inschriften befinden. An der Wetterfahne ließ sich vieles über die Fischerfamilie ablesen: Ein Kreuz bedeutete, dass der Fischer verheiratet war, Striche gaben die Zahl der Kinder an, Löcher verrieten, dass es Gehilfen gab …

Eines der Dörfer von Neringa, Juodkrantė, ist voller Legenden über Hexen und Gottheiten. Als heiligster Ort der Kuren und Samen, die diese Gegend bis zur Ankunft der Kreuzritter im 13. Jahrhundert bewohnten, galt der Hexenberg.

Erstmals schriftlich erwähnt wurde es 1429. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte es sich allmählich zu einem Kurort. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts setzte in dem Fischerdorf mit 160 Einwohnern eine rasche Verstädterung ein, und zwar dank des großen Unternehmens Stantien & Baecker, das im Haff Bernstein förderte. Der nördlich von Juodkrantė gelegene Bernsteinhafen, einst Stützpunkt der Firma, „erinnert noch heute an jene Zeiten, auch wenn er heute nicht mehr als ein Schatten des blühenden Hafens und Städtchens ist, die sich früher an dieser Stelle befanden“, schreibt Gordon McLachlan in seinem Buch „Litauen“. Von dort führt der Weg zum Lapnugaris, der höchsten Düne (53,2 m) von Juodkrantė, die mit Bäumen bewachsen ist. Auf ihrem Gipfel steht ein Leuchtturm mit Aussichtsplattform, von der aus man fast die gesamte Nehrung überblickt.

Der Hexenberg, eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Kurischen Nehrung, nimmt den hinteren Teil einer Düne ein, die früher, bevor sie zuwuchs, wegen ihres goldgelben Sandes „Blonde Eva“ genannt wurde. Anfang der 1980er-Jahre entstanden hier aus Holz geschnitzte Skulpturen, die Szenen aus litauischen Märchen und Sagen darstellen. Manche von ihnen zählen aufgrund ihrer Größe zu den monumentalen Werken.

Von Juodkrantė führt die Straße am Haffufer entlang zum erstaunlich gepflegten und gut erschlossenen Nida, das vier Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt. Die ersten Erwähnungen dieses Dorfes stammen aus dem Jahr 1385. Wegen der Sandverwehungen wanderte es von einem Ort zum anderen.

Im Museum von Neringa ist alles versammelt, was von der traditionellen Lebensweise und dem Alltag der Bewohner der Kurischen Nehrung erzählen kann – etwa vom Fischfang, von der Bernsteinsuche und vom Krähenfang (ja, auch Krähen wurden in Hungerzeiten gegessen!).

Heute ist Nida ein mondäner Kurort, der bei Gästen aus Deutschland sehr beliebt ist. Gern besuchen sie hier das Haus-Museum ihres Landsmannes Thomas Mann. Der Schriftsteller kam 1929 erstmals auf die Kurische Nehrung und war von ihrer Schönheit so bezaubert, dass er das Geld des Nobelpreises, den er für seinen herausragenden Roman „Buddenbrooks“ erhalten hatte, nicht schonte und hier ein Sommerhaus baute. „Es ist ein Holzhaus mit Strohdach, dessen Giebel mit zwei gekreuzten Pferdeköpfen geschmückt ist. Unten befindet sich eine offene Veranda, die an das Speisezimmer grenzt. Alle übrigen Zimmer sind Schlafzimmer, mit Ausnahme eines einzigen, das im Erdgeschoss liegt und mir als Arbeitszimmer dient. Von hier aus blickt man auf das Haff, hinter dem sich die Küste Ostpreußens abzeichnet, die man allerdings nur selten zu sehen bekommt“, schrieb Thomas Mann in seinem Essay „Mein Sommerhaus“. Hier schrieb er an dem Roman „Joseph und seine Brüder“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ der Schriftsteller Nida jedoch und kehrte nie mehr hierher zurück.

Nidden

Schwarz-weiße Wimpel unterschieden die Boote der Fischer von der Kurischen Nehrung von den Wasserfahrzeugen ihrer Kollegen vom Festland, deren Wimpel rot-weiß waren.

Design

Palanga

Der litauische Teil der Ostseeküste ist nicht groß. In alten Zeiten war dieser Küstenstreifen von baltischen Stämmen besiedelt – den Kuren (vom deutschen Kuren), deren Name sich in den Bezeichnungen Kurische Nehrung und Kurisches Haff erhalten hat, die teilweise zum Gebiet Kaliningrad der Russischen Föderation gehören. Die Nehrung gilt als eines der erstaunlichsten Naturphänomene Europas. Ebenso übrigens wie das 30 Kilometer von Klaipėda entfernte Kurstädtchen Palanga, dessen Sandstrand hinter einem Dünengürtel verborgen liegt, der sich die ganze litauische Küste entlangzieht.

Die Geschichte Palangas hat einige recht interessante Momente zu bieten. So verzichtete der Deutsche Orden nach dem Frieden von Melnosee im Jahr 1422 auf seine Ansprüche auf die südliche Ostseeküste. Litauen wurde vollberechtigter Herr über einen Teil des Gebiets um die Mündungen der Flüsse Šventoji und Rąžė, was dem Land den lang ersehnten Zugang zum Meer verschaffte. Vytautas, dem Großfürsten von Litauen, einem in gewisser Weise sentimentalen Menschen, war Palanga auch deshalb teuer, weil hier seine Mutter Birutė geboren worden war.

Die Pläne, in Palanga und im weiter nördlich gelegenen Dorf Šventoji Häfen anzulegen, scheiterten, gelinde gesagt, an der geringen Tiefe der ins Meer mündenden Flüsse, die nur für kleine Schiffe taugten. Zu Hilfe kam der polnische König Jan Sobieski, der englische Kaufleute für den Ausbau eines Hafens gewann. Allerdings zerstörten die Schweden diesen 1701, und Palanga blieb ein gewöhnliches Fischerdorf. Im 19. Jahrhundert wurde es zu einem Erholungsort mit gutem Sandstrand. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel es als ehemals kurländisches Gebiet an Lettland, kam aber 1921 wieder zu Litauen.

Heute ist Palanga ein renommierter Kurort, dessen Einwohnerzahl (20.000) sich im Sommer durch Touristen – darunter auch russische – um ein Vielfaches erhöht. Einer der beliebtesten Orte ist die Seebrücke, die 400 Meter ins Meer hinausragt. Besonders viele Menschen versammeln sich hier abends – die Sonnenuntergänge an der Ostsee sind unwiderstehlich.

Palanga ist recht gemütlich und räumlich hervorragend gegliedert. Als Orientierungspunkt im Zentrum dient die für die Stadt untypische Mariä-Himmelfahrt-Kirche, die 1907 im neugotischen Stil erbaut wurde. Vertrauter sind hier Holzbauten von der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, etwa die Alte Apotheke, die bis heute in Betrieb ist, oder die unweit davon gelegene Außenstelle des Litauischen Nationalmuseums – das Haus-Museum von Jonas Šliūpas.

Jonas Šliūpas war ein Mensch mit einem, man kann sagen, ungewöhnlichen Schicksal. 1880 nahm er nach dem Abschluss des Gymnasiums in Mitau (heute die lettische Stadt Jelgava) ein Studium an der Moskauer Universität auf, zwei Jahre später wechselte er an die Petersburger Universität, wo er sich an der Studentenbewegung beteiligte und sich dem „Ersten Proletariat“ anschloss, weshalb er noch im selben Jahr ohne das Recht auf Zulassung an russischen Hochschulen exmatrikuliert wurde. Nach seiner Emigration kehrte er aus den USA nach Litauen zurück und war von 1933 bis 1938 Bürgermeister von Palanga.

In Palanga gibt es noch ein weiteres berühmtes Haus-Museum – das des litauischen Malers, Bildhauers und Modernisten Antanas Mončys, der lange Zeit in der Emigration lebte. In den 1980er-Jahren beteiligte er sich an Kunstausstellungen litauischstämmiger Künstler in Vilnius und Kaunas. 1992 schenkte er seine Werke der Stadt Palanga. „Endlich habe ich die Liste meiner Werke zusammengestellt, die ich Litauen schenke. Es ist ein Teil meines Lebens, den ich Ihm mit Freude übergebe, denn auch ich selbst gehöre Ihm“, schrieb Antanas Mončys in einem Brief vom 16. Oktober 1991 an den Minister für Kultur und Bildung Darius Kuolys. Übrigens dürfen seine Werke laut dem vom Künstler verfassten Testament mit den Händen berührt werden.

Palanga

Noch vor gerade einmal anderthalb Jahrhunderten befanden sich dort, wo heute der Botanische Park von Palanga liegt – einer der schönsten Parks Litauens –, dichtes Gestrüpp und Sümpfe. Alles änderte sich, als Graf Feliks Tyszkiewicz hier Land kaufte, darauf einen Palast errichtete und beschloss, ihn mit einem prachtvollen Park zu umgeben. Dieser wurde Ende des vorletzten Jahrhunderts nach Plänen des französischen Landschaftsarchitekten Édouard-François André im klassischen Stil mit Elementen des naturnahen englischen Landschaftsgartens angelegt.

Der Japanische Garten in Mažučiai

20 km von Palanga entfernt liegt das Dorf Mažučiai (Mažučiai). 2007 begann man hier, an der Stelle eines ehemaligen Heiligtums namens Alter Berg, auf einer Fläche von 16 Hektar – einem riesigen, von Wald gesäumten Feld mit einem Hügel – mit der Anlage des Japanischen Gartens Madzuhai; so nämlich sprechen die Japaner, die ihn pflegen, den Namen des Dorfes aus. Alle Bäume, Sträucher und Blumen, die hier wachsen, wurden aus Japan gebracht. Obwohl der Garten Madzuhai noch sehr jung ist, ist er der größte japanische Garten Europas. Neben der Flora des Landes der aufgehenden Sonne kann man hier im Steingarten meditieren und die Teezeremonie kennenlernen. Und am Eingang zum Gartengelände gibt es einen kleinen Laden, in dem jeder echtes japanisches Pflanzgut oder einen erlesenen Bonsai (im Foto) erwerben kann – als Schmuck für die eigenen vier Wände!

Eigens für den Park wurden die Statuen „Der Schütze“ und „Eglė, die Schlangenkönigin“ geschaffen – letztere zu Ehren einer beliebten Gestalt der litauischen Mythologie (im Foto oben). Der Botanische Park mit 600 Arten von Bäumen (darunter seltene und vom Aussterben bedrohte) und Sträuchern erstreckt sich über 100 Hektar.

Der Palast der Familie Tyszkiewicz selbst wurde 1897 nach Plänen des deutschen Architekten Franz Schwechten im Stil der Neorenaissance errichtet. 1963 wurde hier das weltweit erste Bernsteinmuseum eröffnet. Es versammelt alles Wissenswerte über diesen Stein, seine Geologie und seine Bearbeitung. Zwei Säle im Obergeschoss beherbergen eine einzigartige Sammlung von Bernstein mit Inklusen: Insekten und Reptilien, die im Harz stecken blieben und darin für die Ewigkeit bewahrt wurden. Im Erdgeschoss ist Schmuck ausgestellt, wahre Kunstwerke aus verschiedenen Epochen, darunter Arbeiten alter baltischer Stämme ebenso wie kunstvolle Kreationen zeitgenössischer litauischer Meister. Baltischer Bernstein wurde stets hoch geschätzt und war das wichtigste Exportgut der Region.

Über die Entstehung des Bernsteins gibt es eine Legende. Eines Tages fischte der einheimische Fischer Kastytis mit seinen Netzen. Der Göttin Jūratė, die in einem Bernsteinschloss auf dem Meeresgrund lebte, missfiel das. Sie schickte ihre Nixen, um Kastytis zu bitten, das Wasser nicht aufzuwühlen und ihre Fische nicht zu verschrecken. Doch der Fischer gehorchte nicht und warf seine Netze weiter ins Meer aus. Jūratė wollte den, der sich ihrem Willen widersetzte, mit eigenen Augen sehen. Sie stieg an die Oberfläche und verliebte sich sofort in Kastytis. Dabei vergaß sie, dass es unsterblichen Göttern nicht vergönnt ist, menschliches Glück zu genießen. Mit seinen Liedern eroberte der junge Mann das Herz der Göttin, und sie nahm ihn mit hinab auf den Meeresgrund in ihr Bernsteinschloss. Als Perkūnas, der Herr der Götter, davon erfuhr, bestrafte er beide grausam: Kastytis erschlug er mit einem Blitz, das Bernsteinschloss zerstörte er, und Jūratė schmiedete er mit goldenen Ketten an dessen Ruinen. Bis heute trauert die untröstliche Göttin um ihren Geliebten. Deshalb stürmt das Meer zuweilen, und danach finden die Menschen am Ufer kleine Bernsteintröpfchen: die Tränen der Jūratė. 1961 wurde in Palanga eine Skulptur der Liebenden aufgestellt, die der Dichter Joseph Brodsky in seinem Gedicht „Der Cognac in der Karaffe hat die Farbe von Bernstein …“ erwähnt:

Saisonende. Die Tische stehen kopfüber.

Die Eichhörnchen jubeln, an Zapfen satt gefressen.

Im Büfett schnarcht ein russischer Agronom

wie ein Recke, der sich an schlammige Wege gewöhnt hat.

Der Brunnen plätschert, und irgendwo vor dem Fenster

herzen sich Jūratė und Kastytis.


Siebeneinhalb Kilometer nördlich von Palanga liegt ein internationaler Flughafen, der die litauische Ostseeküste mit Belarus, Großbritannien, Deutschland, Dänemark, Lettland, Polen und Russland verbindet.

KretingaDas vielversprechende Äußere des Wintergartens in Kretinga – drinnen erwartet Sie ein wahres Naturfeuerwerk!

Museum des Absurden

Unweit des Städtchens Salantai im Bezirk Kretinga befindet sich eines der interessantesten Museen Litauens. Der Samogitier Vilius Orvidas schuf sein ganzes bewusstes Leben lang auf dem Hof seiner Vorfahren rätselhafte und seltsame Installationen. Darin finden sich riesige Steine und Kreuze, hölzerne heidnische Götzenbilder, alte rostige Wetterfahnen … Die Exponate sind auf dem gesamten 16 Hektar großen Gelände nach einem Plan verteilt, der sich nur schwer erahnen lässt. Sowjetische Funktionäre bezeichneten die Ausstellung von Orvidas als Müllhalde und Musterbeispiel für unhygienische Zustände. 1980 kam der spätere Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow hierher. Man sagt, gerade auf ihn gehe die Bezeichnung „Museum des Absurden“ für das Anwesen zurück.

Kretinga

13 Kilometer von Palanga entfernt liegt das schöne alte Städtchen Kretinga. Es ist seit 1253 bekannt und gehörte damals Bischof Heinrich von Kurland. Ab 1534 befanden sich die gewachsene Siedlung und das Gut im Besitz litauischer Fürsten. 1572 ging das Gut an den Starosten von Samogitien Jeronimas Chodkevičius über und danach an dessen Sohn Jonas, der auf eigene Kosten ein Franziskanerkloster und die Kirche Mariä Verkündigung errichten ließ, deren Turm noch heute den zentralen Platz von Kretinga überragt.

Nach dem Tod von Jonas Chodkevičius wechselte das Städtchen immer wieder den Besitzer, wurde verkauft und verschenkt, bis es 1862 zusammen mit dem Gut von seinem letzten Herrn erworben wurde: Juozapas Tyszkiewicz, dem auch Güter in Palanga, Trakai und Lentvaris gehörten … Nach seinen Plänen wurde der Palast umgebaut und der Park neu gestaltet, der den Namen Sommergarten erhielt. 1882 entstand hier mit der Strecke Kretinga – Plungė – Rietavas eine der ersten Telefonleitungen Litauens. Sie verband die Güter von Graf Tyszkiewicz, Fürst Ogiński und Graf Subow, dem letzten Besitzer des Tyszkiewicz-Guts.

Zum Aushängeschild von Kretinga wurde jedoch das gläserne Gewächshaus, in dem ein Wintergarten angelegt wurde. Dort wuchsen exotische Pflanzen und unzählige Blumenarten, von einem künstlichen Felsen stürzte ein Wasserfall herab, und in den Bächen schwammen Zierfische.

Korallen und Kletterpflanzen schmückten die Wände. Den Wintergarten mit Pflanzen aus allen Teilen der Welt schenkte der Graf seiner geliebten Gattin Anna, da ihre schwache Gesundheit ihr keine weiten Reisen erlaubte. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wintergarten vollständig zerstört. Erst 1987 begann der Wiederaufbau des Gutshofs, des Parks und des Wintergartens. Dieser erstrahlt heute wieder in seiner ganzen Pracht: In seinen Gewächshäusern gedeihen derzeit rund 1500 Pflanzenarten.

PlungePark und Palast in Plungė überraschen selbst die anspruchsvollsten Kenner!

Plungė

Zu den berühmtesten Baudenkmälern nicht nur des Bezirks Klaipėda, sondern ganz Litauens gehört das Gut des litauisch-belarussischen Adels- und Fürstengeschlechts Ogiński im Städtchen Plungė.

1873 ließ Fürst Ireneusz Ogiński das Familienanwesen umbauen. An der Stelle eines kleinen zweigeschossigen Hauses entstand ein prächtiger Palast im Stil der Neorenaissance. Der malerische, 55 Hektar große Park, der das Gut umgibt und bereits im 18. Jahrhundert angelegt worden war, gewann durch künstliche Teiche und einen prachtvollen Springbrunnen zusätzlich an Reiz.

Die Ogińskis waren große Musikliebhaber: 1873 eröffneten sie auf ihrem Gut eine Musikschule und unterhielten ein eigenes Orchester. Im Zuge der Verstaatlichung gingen die Familienschätze an das Litauische Museum. Bei einem Brand im Jahr 1941 wurde das Gut schwer beschädigt. Restauriert wurde es erst 1961, danach zogen verschiedene Einrichtungen in die Räumlichkeiten ein.

Ein neues Leben begann für das Gut der Ogińskis am 16. Juli 1994. An diesem Tag öffnete hier das Samogitische Kunstmuseum seine Türen, in dem zeitgenössische Künstler ihre Werke ausstellen.

Der Stammbaum der Ogińskis beginnt 1246 mit dem heiligen Fürsten Michail Wsewolodowitsch von Tschernigow. Dessen Ururenkel, Fürst Tit-Juri Fjodorowitsch Koselski (in der 15. Generation von Rurik), hatte zwei Söhne: Fürst Wladimir Titowitsch und Fürst Grigori Titowitsch mit dem Beinamen Ogon („Feuer“). Gennadi Alexandrowitsch Wlassjew, Generalleutnant der Admiralität, Historiker und Verfasser genealogischer Studien, schreibt in seinem Buch „Die Nachkommenschaft Ruriks“: „Das Geschlecht der Ogińskis stammt von alten Fürsten ab und wurde seit 1547 in allen polnischen königlichen Reskripten, Sejm-Beschlüssen und Gerichtsakten mit dem Fürstentitel bezeichnet.“

Diese Familie ist eine wahre Fundgrube an Berühmtheiten und Talenten. So war etwa Grzegorz Antoni Ogiński ein Staatsmann und Feldherr des Großfürstentums Litauen und wurde dreimal als Abgeordneter des Powiats Wołkowysk in den Sejm der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik gewählt. Am 23. Juni 1698 wurde er zum Starosten von Samogitien bestimmt und nahm am Bürgerkrieg von 1696–1702 teil. Im Großen Nordischen Krieg unterstützte er August den Starken und Peter I. Ab November 1703 war er litauischer Feldhetman, zwei Jahre später wurde er Ritter des Ordens vom Weißen Adler. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1709 (er starb im Alter von 45 Jahren) erhielt Grzegorz Antoni den Rang des litauischen Großhetmans.

Ein weiterer Vertreter des Geschlechts, Fürst Michał Kleofas Ogiński, spielte nicht nur mehrere Musikinstrumente, sondern komponierte auch selbst Opern, Mazurken und Lieder. Weltberühmt wurde er mit seiner Polonaise „Abschied von der Heimat“, die meist einfach Polonaise von Ogiński genannt wird. Er verbesserte die Konstruktion der Harfe und schrieb darüber einen Artikel für die „Enzyklopädie oder durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“, herausgegeben vom Philosophen und Schriftsteller Denis Diderot.

SweksnaDer unerwartete Prunk von Švėkšna.

Švėkšna

Das kleine alte Švėkšna, 50 Kilometer von Klaipėda entfernt und mit gut zweitausend Einwohnern, wird in schriftlichen Quellen erstmals 1503 erwähnt. 1509 wurde in dem Ort die erste Kirche errichtet.

Im 19. Jahrhundert lebte in Švėkšna die bedeutende litauische Magnatenfamilie Plater. Erhalten ist ihr Gutshaus Villa Genowefa, das 1880 im Stil des Neoklassizismus erbaut wurde. Es ist von einem schönen alten Park mit 70 Baumarten und einem großen Teich umgeben. Dort findet alljährlich das größte Halloween-Fest Litauens statt.

Aus fast ganz Litauen kommen Menschen hierher und bringen ihre handgefertigten Kürbislaternen mit. Tausende Kerzen tauchen den alten Park am Abend in ein wahrhaft märchenhaftes Licht.

Unweit des Plater-Palais wurde 1905 nach Plänen von Carl Eduard Strandmann die außergewöhnlich schöne neugotische Kirche des Heiligen Apostels Jakobus errichtet (auf dem Foto oben – die Türme sind 65 m hoch!). Adam und Alexander aus dem Geschlecht der Plater spendeten für ihren Bau 50.000 Rubel und gestatteten, die Ziegel für den Bau unentgeltlich in ihren Werken herzustellen. Prachtvoll ist auch die Innenausstattung der Kirche mit schönen Buntglasfenstern und einem reich geschmückten Altar. Die Orgel wurde etwas später eingebaut – im Jahr 1907. Im Kirchhof steht eine Kopie von Michelangelos Pietà, der „Beweinung Christi“.

Zu den Sehenswürdigkeiten von Švėkšna zählen außerdem die 1867 erbaute lutherische Kirche, die Kopie einer Sonnenuhr, deren Original sich im Louvre befindet, sowie die Statue des heiligen Florian, des Schutzpatrons der Feuerwehrleute, die nach einem großen Brand im Jahr 1925 aufgestellt wurde.

Ventė

Am Ostufer des Kurischen Haffs, im Memeldelta, liegt südlich des Dorfes Ventė die längste Halbinsel Litauens – das Kap Ventė. Sie ist fünfeinhalb Kilometer lang und mehr als zwei Kilometer breit. Aus dem Prußischen übersetzt bedeutet „wenter“ Reuse, ein altes Fanggerät der Fischer. Natürlich hängt der Name des Dorfes mit der Fischerei zusammen, die die wichtigste Lebensgrundlage der Menschen im Memeldelta war.

Einst fand der Deutsche Orden Gefallen an diesem fischreichen Ort und errichtete 1360 auf dem Kap die Burg Windenburg. Zusammen mit der benachbarten Burg Rossitten auf der anderen Seite des Haffs, im heutigen Rybatschi, diente sie den Rittern im 14. und 15. Jahrhundert als Nachtquartier bei ihren Kriegszügen nach Litauen. Nach und nach wurde die Burg vom Wasser und Eis des Haffs zerstört. 1626 wurde auf dem Kap eine Kirche erbaut, für die möglicherweise Steine der Burg verwendet wurden. Doch auch die Kirche hatte kein Glück: Auch sie wurde von den Wellen zerstört.

VenteLeuchtturm Ventės Ragas. Aquarell von Romanas Borisovas (Romanas Borisovas).

Krajebieter – die Krähenbeißer

Im Herbst zogen aus dem europäischen Norden Krähenschwärme zum Überwintern über die Kurische Nehrung, die hier mit Netzen gefangen wurden. Die Krähenfänger zogen noch im Dunkeln auf die Jagd, um vor Tagesanbruch ein Versteck zu bauen und den Köder vorzubereiten – einige kleine Vögel. Diese wurden an den Füßen an einen in den Boden geschlagenen Pflock gebunden und auf ein mit Sand, Getreide und Innereien bestreutes Netz gesetzt. Ließ sich ein vorbeiziehender Krähenschwarm auf dem Köder nieder, zog der Jäger in seinem Versteck an einem Seil, und die Beute verfing sich im Netz. Die Krajebieter töteten die Krähen, indem sie ihnen mit den Zähnen an einer bestimmten Stelle den Schädel zerdrückten. Diese Methode war nicht besonders ästhetisch, galt aber als schnell und human. Die Krajebieter brauchten eine Erlaubnis für den Krähenfang. Die Fangplätze konnten vererbt werden. Gesalzene, gekochte und geräucherte Krähen galten bei ostpreußischen Feinschmeckern als besondere Delikatesse.

Wegen seiner großen Länge und der starken Winde galt das Kap als gefährliche Stelle für die Schifffahrt. Hier erlitten zahlreiche Handelsschiffe Schiffbruch. Um Abhilfe zu schaffen, entstand 1837 in Ventė ein hölzerner Leuchtturm, später – in den Jahren 1863–73 – wurde der König-Wilhelm-Kanal gegraben, der die Memel unter Umgehung des Kurischen Haffs mit Klaipėda verband. 1860 begann in Ventė der Bau eines steinernen Leuchtturms, der drei Jahre später fertiggestellt wurde (heute ist der Leuchtturm nicht mehr in Betrieb und hat nur noch symbolische Bedeutung). Außerdem wurde die äußerste Spitze des Kaps zum Schutz vor den Wellen gepflastert. Eine Rekonstruktion der Spitze des Kaps Ventė erfolgte erst in den Jahren 1975–86. Die Ufer wurden erhöht, befestigt und mit Steinen gepflastert. Es entstand auch eine 250 Meter hohe Mole, die im Frühjahr als Eisbrecher dient. Diese Arbeiten stoppten die Zerstörung des Kaps Ventė.

Mit Unterstützung der Europäischen Union wurde hier 2015 eine der ältesten ornithologischen Stationen Europas zur Vogelberingung rekonstruiert, die 1929 von Professor Tadas Ivanauskas gegründet worden war.

Die Station verfügt heute über ein hervorragendes Themenmuseum. Über das Kap Ventė führen Zugrouten der Vögel. Sie rasten hier vor dem langen Flug in wärmere Gefilde. Seit Gründung der ornithologischen Station wurden etwa anderthalb Millionen Vögel aus zweihundert Arten beringt.

Minija

Einer der schönsten Flüsse der Region Klaipėda ist die Minija. An ihrem Unterlauf liegt das gleichnamige Dorf. Einzigartig ist Minija dadurch, dass hier statt einer Hauptstraße der Fluss verläuft. Um die Nachbarn am gegenüberliegenden Ufer zu besuchen, müssen die Einheimischen mit dem Boot übersetzen – ein Boot gibt es unbedingt bei jedem Haus, und die Boote schmücken das Dorf auf sehr malerische Weise. Natürlich waren und sind Fischerei und Tourismus die Haupterwerbsquellen der Bevölkerung – jedes Jahr kommen Tausende Menschen aus aller Welt, um die Schönheit dieses Ortes zu genießen. In offiziellen Quellen wird Minija seit 1540 erwähnt. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten in den 30 Häusern des Dorfes 270 Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen viele Bewohner nach Deutschland, und an ihre Stelle kamen neue Siedler aus ganz Litauen.

Minija

Heute steht Minija als Baudenkmal unter Schutz. Die wachsende Beliebtheit des ländlichen Tourismus gibt den Einheimischen Zuversicht für die Zukunft.

HISTORISCHER KALENDER MEMEL–KLAIPĖDA

Das Wappen von Klaipėda

„In Rot eine goldene gezinnte Mauer mit drei Türmen, der mittlere größer. Um die Türme vier fünfzackige Sterne. Unter der Mauer ein Schiffsrumpf.“ So wird das Wappen von Klaipėda beschrieben, das durch Beschluss des Präsidiums des litauischen Seimas vom 1. Juli 1992 bestätigt wurde. Die Mustervorlage stammt von der Designzentrum Klaipėda AG (Designer Kęstutis Mickevičius). Das Wappen hat sich praktisch seit der Gründung der Stadt kaum verändert. Nach Ansicht der meisten Historiker und Heraldiker ist darauf die Memelburg dargestellt. Einer anderen Version zufolge sind die zwei hölzernen Türme Navigationsfeuer, die den Hafen Memel symbolisieren, und das Boot ist ein Sinnbild für ein bedeutendes Verkehrszentrum und die Schifffahrt. An einem Klaipėdaer Haus aus dem 18. Jahrhundert ist eine Reliefdarstellung des Memeler Wappens in einem ovalen Schild mit einem Knaben als Helmzier erhalten. Und an der Mažvydo-Allee wurde 2002 zum 750. Stadtjubiläum eine 45 Zentimeter hohe Skulptur „Wappen von Klaipėda“ aufgestellt, ebenfalls mit einem Knaben, der sich mit der rechten Hand auf einen Schild mit dem Wappenrelief stützt. Die älteste erhaltene Fassung findet sich auf einem Stadtsiegel von 1446, nach anderen Angaben von 1619, und glaubt man dem Buch Klaipėdos tapatumo ženklai: antspaudas, herbas, vėliava („Symbole Klaipėdas: Siegel, Wappen, Flagge“), von 1258.

2. Jahrhundert – In skandinavischen Quellen hieß der Ort, an dem Memel erbaut wurde, Aldajaborg. Und die Memel trug damals den Namen Aldeska.

1. August 1252 – Gründungstag von Memel-Klaipėda.

12. März (oder 14. März) 1323 – Litauer aus Samogitien unter dem Befehl des Großfürsten von Litauen Gediminas brannten Memel, die Vorstädte und die an den Anlegestellen liegenden Schiffe nieder. Die Burg konnten sie nicht einnehmen.

1379 – Litauische und samogitische Truppen unter der Führung des Großfürsten von Litauen Kęstutis brannten die Stadt nieder und töteten den Komtur.

1406 – Beginn der ersten Ziegelherstellung in Memel.

1407 – Besuch von Mönchen zur Überprüfung der Bauarbeiten. Unter den Gästen war auch der herausragende Baumeister der Deutschordensburgen Nikolaus Fellenstein. Deshalb unterschied sich die Burg in Klaipėda architektonisch kaum von anderen Burgen der Kreuzritter.

1409 – Das Siegel des städtischen Komturs wird bestätigt, mit drei Symbolen – den ältesten Memeler Kirchen: links St. Johannis, in der Mitte die Burgkapelle (Dom) St. Marien, rechts St. Nikolai.

1413 – Erstmals wird in Urkunden der Name Klaipėda erwähnt (Kalojpede, Coloypede).

1525 – Memel geht in den Besitz des Herzogtums Preußen über.

1585 – Die erste Handwerkerzunft entsteht – die der Bäcker.

1600–1629 – Polnisch-Schwedische Kriege, in deren Folge die Schweden Memel besetzten und die Stadt bis 1635 beherrschten.

1627 – Der Umbau der Ordensburg zu einer Zitadelle beginnt.

1657 – Die Memeler Kaufleute erhalten das Privileg, den Seehandel frei zu entfalten, wodurch sich die Stadt als Hafen schneller entwickeln konnte.

1678 – Während des Ersten Nordischen Krieges brannten die Schweden Memel bis auf die Grundmauern nieder. Der Wiederaufbau der Stadt zog sich über Jahrzehnte hin.

18. Januar 1701 – Kurfürst Friedrich III. krönte sich als Friedrich I. zum König in Preußen. Memel unterstand fortan dem Königreich Preußen.

1725 – Die erste Lederfabrik wurde errichtet.

1756–63 – Im Siebenjährigen Krieg wurde Ostpreußen von russischen Truppen erobert. Die erste eingenommene Stadt war am 6. Juli 1757 Memel.

1762 – Die neu auf den Thron gelangte Katharina II. zog alle russischen Truppen aus Preußen ab.

1775 – Die erste Exportbörse wurde gegründet.

1784 – In Memel wurde eine Brauerei eröffnet.

1807 – Das königliche Edikt zur Aufhebung der Leibeigenschaft in Preußen wurde ausgerechnet in Memel verkündet.

1807–08 – Nachdem der Großteil Preußens binnen einer Woche von den Truppen Napoleons besetzt worden war, wurde Memel zur vorübergehenden Hauptstadt des Königreichs Preußen. Hier wartete König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin Luise, den Kindern und dem Hof das Ende des Krieges ab. Memel war die einzige preußische Stadt, die von den napoleonischen Truppen nicht besetzt wurde.

1840 – Der erste metallverarbeitende Betrieb nahm seine Arbeit auf. Auf der städtischen Werft begann der Bau des ersten Dampfschiffs.

1842 – Die erste Käsefabrik wurde eröffnet.

1847 – In Memel trat der erste offiziell angestellte Briefträger seinen Dienst an. Er trug zweimal in der Woche die Post aus.

1854 – Der letzte große Brand in der Geschichte der Stadt beschädigte 40 Prozent der Gebäude.

1861 – Die Gasbeleuchtung der Straßen wurde eingeführt.

1871-1919 – Memel gehört zum Deutschen Kaiserreich.

1875 – Der Bahnhof wurde gebaut. Die Eisenbahnstrecke Klaipėda – Tilsit wurde fertiggestellt.

1888 – In der Stadt wurde das Telefon eingeführt. Bis 1904 stieg die Zahl der Teilnehmer auf über 300.

1900 – Das erste Elektrizitätswerk und eine Zellstofffabrik gingen in Betrieb. Der Fischereihafen wird ausgebaut.

1902–04 – Über den König-Wilhelm-Kanal wurden 10 leichte Metallbrücken gebaut.

1902 – Die städtische Wasserleitung nahm ihren Betrieb auf, 1915 folgte die Kanalisation.

1904 – In Memel fuhr erstmals eine elektrische Straßenbahn.

1907 – In Memel wurde in der Grünanlage gegenüber dem Rathaus zum 100. Jahrestag des Sieges über Napoleon das Borussia-Denkmal des Bildhauers Peter Breuer aus Charlottenburg enthüllt. Kaiser Wilhelm II., der ebenfalls an der Einweihung teilnahm, hatte den Entwurf persönlich korrigiert.

1919 – Nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Januar wurde das Memelland von Deutschland abgetrennt und unter das Mandat des Völkerbundes gestellt. Memel wurde zur Freien Stadt.

1922 – Der litauische Ministerpräsident Ernestas Galvanauskas begann mit der Vorbereitung der Operation „Memel“.

1923–39 – Klaipėda gehört zu Litauen.

1923–34 – Der Hafen von Klaipėda wurde umgebaut und erweitert.

22. März 1939 – Klaipėda wurde dem nationalsozialistischen Deutschland angegliedert und in Memel umbenannt.

KuwertshofPumpstation in Kuwertshof (Uostadvaris).

28. Januar 1945 – Die Rote Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA) befreite Memel und gab es an Litauen zurück.

August 1945 – Die Potsdamer Konferenz bestätigte die Übergabe des Memelgebiets an die UdSSR. Die Stadt erhielt wieder ihren litauischen Namen Klaipėda.

1945 – Das Verpackungswerk „Progress“, eine Fischkonservenfabrik und die Bauverwaltung Klaipėda wurden gegründet.

1952 – Die Schiffsreparaturwerft „Baltija“ wurde gebaut.

1961 – Die Versorgung der städtischen Wohnungen mit Gas begann.

1986 – Die Internationale Seefährverbindung wurde eingerichtet.

1990 – Es fanden freie demokratische Wahlen zum Rat der städtischen Selbstverwaltung statt.

1991 – Die beiden getrennten Häfen, der Handels- und der Fischereihafen, wurden zum einheitlichen Hafen Klaipėda zusammengelegt. Die Direktion der Seehäfen Litauens wurde gegründet.

1992 – Der Hafen Klaipėda erhielt den Status eines staatlichen Seehafens.

1996 – Das Gesetz über den Staatlichen Seehafen Klaipėda wurde verabschiedet. Demnach sind Grund und Boden, Wasserflächen, Liegeplätze, wasserbauliche Anlagen, Fahrrinnen, Kanäle und sonstige Infrastruktureinrichtungen des Hafens Staatseigentum und dürfen nicht privatisiert werden.

1999 – Auf dem Hafengelände wurde der Bau eines modernen Frachtterminals abgeschlossen. Der Hafen Klaipėda kann nun alle Arten von Gütern umschlagen.

2000 – Die Kurische Nehrung wurde in die Liste des UNESCO-Weltnatur- und -kulturerbes aufgenommen.

2003 – Ein Kreuzfahrtterminal mit umfassendem Service für Passagiere und Jachten wurde gebaut.

2004 – Litauen trat der Europäischen Union bei.

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Für die Gestaltung wurden Postkarten aus der Sammlung von Egidijus Baranauskas, Fotos aus dem Archiv der Redaktion von VisitPrussia.com sowie aus Wikipedia verwendet. Weitere Quellen sind in den Bildunterschriften angegeben.

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1. Der Siebenjährige Krieg (1756–63) war einer der größten Konflikte der Neuzeit. Er wurde sowohl in Europa als auch in Übersee ausgetragen: in Nordamerika, in der Karibik, in Indien und auf den Philippinen. Beteiligt waren alle europäischen Großmächte, die meisten mittleren und kleinen Staaten Europas und sogar einige Indianerstämme. Winston Churchill nannte diesen Krieg den „ersten Weltkrieg“. Da in ihm die kolonialen Interessen Großbritanniens, Frankreichs, Portugals und Spaniens aufeinanderprallten, gilt er als Kolonialkrieg, zudem als erster Stellungskrieg (wegen der zahlreichen Redouten und anderen rasch errichteten Befestigungen) und als erster Artilleriekrieg. Die Hauptauseinandersetzung in Europa drehte sich zwischen Preußen und Österreich um Schlesien, das Österreich in den beiden vorangegangenen Schlesischen Kriegen 1740–42 und 1744–48 verloren hatte. Deshalb wird der Siebenjährige Krieg auch als Dritter Schlesischer Krieg bezeichnet. Dieser zwischenstaatliche Konflikt führte zu einer außenpolitischen Neuausrichtung einiger europäischer Mächte, die als „Umkehrung der Allianzen“ bekannt wurde. Nach dem Herrschaftsantritt Friedrichs II. im Jahr 1740 begann Preußen, eine führende Rolle in der europäischen Politik zu beanspruchen, wodurch die traditionelle Rivalität zwischen Österreich und Frankreich an Gewicht verlor. In Russland empfand man den Machtzuwachs Preußens als Bedrohung seiner Westgrenzen sowie seiner Interessen im Baltikum und im Norden Europas. Auch die engen Beziehungen zu Österreich, mit dem bereits 1746 ein Bündnisvertrag geschlossen worden war, beeinflussten die Haltung Russlands. Die Kriegshandlungen verliefen für Russland erfolgreich: Das Korps von General Wilhelm von Fermor nahm Memel ein, und der erste ernsthafte Zusammenstoß der russischen Hauptarmee mit der preußischen Armee bei Groß-Jägersdorf endete mit einem Sieg der russischen Waffen. Während Ostpreußen unter russischer Herrschaft stand (1757–62), wurde es von einander ablösenden Generalgouverneuren verwaltet. Der erste war Wilhelm von Fermor (Willim Willimowitsch Fermor), danach folgten Baron Nikolai Andrejewitsch Korff, Wassili Iwanowitsch Suworow – der Vater des Feldherrn Alexander Wassiljewitsch Suworow – und schließlich Pjotr Iwanowitsch Panin. Fünfter und letzter Gouverneur der Provinz wurde Fjodor Matwejewitsch Woeikow, Spross eines alten Adelsgeschlechts. Seine Vorfahren stammten aus dem Baltikum und standen im Dienst Dmitri Donskois. Fjodor Woeikow selbst war Gouverneur von Riga sowie außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister in Polen gewesen. Seine Amtszeit in Königsberg war nur kurz, aber die unruhigste von allen. In Russland wechselten die Herrscher. Der Siebenjährige Krieg endete mit dem Sieg der britisch-preußischen Koalition. Infolgedessen wurde Preußen zu einer der führenden europäischen Mächte und stellte sich im 19. Jahrhundert an die Spitze der Einigung Deutschlands.

2. Der nördlichste Tiefwasserhafen an der Ostküste der Ostsee ist heute das größte Verkehrszentrum Litauens und führend im Containerverkehr unter den Häfen der baltischen Staaten. Durch ihn verlaufen die wichtigsten Schifffahrtslinien zu den Häfen Europas, hier treffen See- und Landwege in östlicher und westlicher Richtung zusammen. Selbst in den kältesten Wintern friert der Hafen nicht zu, was ganzjährige Schifffahrt garantiert. Die 14 großen Stauerei- (also Lade- und Lösch-), Schiffsreparatur- und Schiffbauunternehmen auf dem Gelände des Hafens Klaipėda bieten sämtliche Dienstleistungen rund um das Seegeschäft und den Güterumschlag an. Der Hafen kann Großschiffe aufnehmen – Massengutfrachter, Tanker und Containerschiffe. Mit der Tätigkeit des Hafens, der rund 58.000 Arbeitsplätze geschaffen hat und 6,13 Prozent des gesamten litauischen BIP erwirtschaftet, sind mehr als 800 Unternehmen unmittelbar verbunden, darunter auch ausländische.

3. Fachwerk (der Begriff stammt aus dem Deutschen) ist eine Skelettbauweise, deren tragende Grundlage ein räumliches Gefüge aus senkrecht stehenden tragenden Ständern und in unterschiedlichen Winkeln geneigten Balken bildet. Die Zwischenräume wurden mit Lehm ausgefacht. Den Lehm verstärkte man, indem man ihn mit Schilf, Zweigen, Stroh oder Bauschutt vermischte. Die Balken selbst blieben von außen sichtbar – sie gliederten die weißen Wände optisch und verliehen dem Gebäude ein eindrucksvolles Aussehen und eine besondere Ausdruckskraft, die zum Hauptmerkmal des Fachwerks wurde. Fachwerkbauten entstanden zuerst in Deutschland und wurden später in ganz Europa beliebt. Eines der ältesten Fachwerkhäuser, erbaut im Jahr 1347, steht im deutschen Quedlinburg. Vermutlich gab es solche Konstruktionen bereits im 10. bis 11. Jahrhundert. Fachwerkhäuser wurden überall dort gebaut, wo Holz verfügbar war und der technische Entwicklungsstand, darunter das Zimmermannshandwerk, günstige Voraussetzungen dafür schuf. Fachwerkbauten sind in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Großbritannien zu sehen. Besonders viele sind in Deutschland erhalten geblieben. Heute erlebt diese Bauweise dank des Trends zur Nachhaltigkeit eine Wiedergeburt.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.