/ Memel – Klaipėda

Memel (in den 1880er Jahren)

Memel (in den 1880er Jahren)

1885 erschien in der Leipziger Wochenschrift „Die Gartenlaube“ der Artikel „Memel“ des aus Heiligenbeil gebürtigen Ludwig Passarge (1825–1912). Die meisten unserer Leser wissen natürlich, dass diese (heute litauische, damals preußische) Stadt jetzt Klaipėda heißt. Mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin Tatjana Koliwai stellen wir Ihnen diesen Artikel vor.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

Das Schlagen des Holzes und sein Transport sind eine besondere Kunst, die bestimmte Fertigkeiten und Meisterschaft erfordert. In Memel selbst wird alles ankommende Holz vor die Stadtgrenze gebracht, entrindet, gestapelt und zersägt. In Schmelz, der südlichen Vorstadt Memels, ziehen sich solche Holzplantagen meilenweit hin, und auf jedem Platz steht eine Windmühle. Ihre Flügel drehen sich und treiben Kreissägen an. So wird das Holz für die Verschiffung vorbereitet. Darum kann man sagen, dass man hier ohne Wind nicht auskommt. Er ist eine Art Nervus rerum1.

Als wir einmal eine der Hauptstraßen der Stadt entlanggingen, riss uns ein plötzlicher Windstoß die Schirme aus den Händen. Da bemerkte ein Memeler, der bei uns war, dass das hier, in seiner Heimat, noch kein Wind sei, sondern ein leichtes Lüftchen, ein Zephir.

Ansicht von Memel

Das zweitwichtigste Element ist hier, in der Seestadt, unbestreitbar das Wasser. Das ist das ewig wechselhafte Meer mit seinen Stürmen; zuweilen steigen auch die Wasser der Dange und treten über die Ufer. Das dritte Memeler Element ist der Sand von der Kurischen Nehrung, der regelmäßig das Fahrwasser des Haffs und den Hafen selbst zuschüttet. Oft weht der Sand in großen Wolken auch in die Straßen der Stadt.

Was das vierte Element, das Feuer, betrifft, so genügt ein Funke, um in den riesigen hölzernen Speichern einen Brand zu entfachen, dessen Widerschein weit auf das Meer hinaus leuchten wird. Und tatsächlich war es so im schrecklichen Winter 1854. Damals, während des englisch-russischen Krieges2, war Memel der einzige offene Hafen für den Verkehr mit Russland. Seine Speicher waren mit Waren überfüllt, und der ausgebrochene Brand legte den größten Teil der Speicher und Häuser der Stadt in Asche.

Seitdem ist Memel wieder groß und schön geworden. Unser „Klein-London“ breitet sich behaglich am Ostufer der großen Lagune aus, von der wir nicht wissen, wie wir sie nennen sollen: Kurisches oder Memeler Haff. Über die Dange, die mitten durch die Stadt fließt und im schattigen Park Tauerlaukis (dt. Tauerlauken) entspringt, führen schöne Brücken. In der Stadt sind stattliche Kirchen mit hohen Türmen erbaut: eine lutherische, eine reformierte, eine litauische, eine katholische und eine englische – denn Memel wird, wie die meisten Seestädte, von vielen Fremden verschiedener Bekenntnisse besucht. Was die Lebensweise betrifft, so herrscht hier der englische Stil vor: Die Bürger ziehen Tee dem Kaffee vor und Portwein und Porter dem französischen Rotwein und dem Bier. Zuweilen vereinigen sich die alkoholischen Vorlieben im sogenannten „Wasserpunsch“. Sein Rezept stammt aus dem Sägewerk Russ und sieht folgendermaßen aus: Ein Kessel mit Portwein wird aufs Feuer gestellt, und langsam wird Kognak hinzugegossen. Woher der Name? Man sagt, er sei mit Wasser bekömmlich. Dem Fremden fällt es anfangs schwer, sich an das hiesige Leben zu gewöhnen, bis er sich ganz an die Eigenart Memels angepasst hat.

Die Memeler sind geborene Kaufleute. Einmal klagte mir ein Buchhändler, die schöne Literatur sei nicht geschätzt, gefragt seien praktische Ausgaben: kaufmännische Broschüren, Anleitungen, Reiseführer usw. Dennoch sitzen unsere Krämer nicht immer in ihren Kontoren. Die Stadt ist reich an schönsten Plätzen, und die Memeler lieben es, wenn schon nicht zu reisen, so doch wenigstens spazieren zu gehen. Der schönste Ort für Spaziergänge ist hier der Leuchtturm, etwa drei Kilometer von der Stadt entfernt. Er beleuchtet das „Tief“ – die Meerenge zwischen dem Kurischen Haff und der Ostsee – und zeigt den Seefahrern an, dass der stille Hafen und die freundliche Stadt ganz nahe sind.

Memeler Leuchtturm

Es gibt natürlich solche Tage, an denen es so stark stürmt, dass nicht einmal die Lotsen hinausfahren können. In solchen Augenblicken stehen Hunderte von Menschen am Ufer beim Leuchtturm oder auf der Nordermole und schauen auf die tobenden Wellen, durch die sich die Schiffe kämpfen müssen, um das Ufer zu erreichen. Wie viele Schiffe liegen hier auf dem Meeresgrund!

„Heute sahen wir vom Leuchtturm aus ein unglückliches Schiff untergehen. 13 Menschen stiegen in ein Boot, dann schlug es um, und sie alle ertranken vor unseren Augen“, so schrieb die Gräfin von Voß3 am 11. September 1807, in jenem unseligen Jahr, als sich der preußische Königshof in Memel befand.

Im Frühjahr 1855 wurde beschlossen, mit dem Wiederaufbau des ein Jahr zuvor abgebrannten Memel zu beginnen. Dafür wurden in Belgien 300 Maurer angeworben. Ein Dampfer sollte sie hierher bringen. Doch er lief an der Nordermole (Nordermoole) auf Grund und sank mit den Menschen und allem, was an Bord war.

Allerdings muss man sagen, dass solche Katastrophen selten sind. Mit welcher Pracht laufen die meisten Schiffe in den stillen Hafen von Memel ein und holen Segel um Segel ein! Manchmal fliegen die vom Sturmwind verfolgten Schiffe pfeilschnell in den Hafen. Andere eilen dahin wie vor einem sie verfolgenden Wolfsrudel. Als ich zuletzt den Leuchtturm besuchte, sah ich noch ein reizendes Bild. In den Hafen lief das Fahrzeug eines estnischen Schmugglers ein, vermutlich von der Insel Saaremaa, leicht, elegant wie eine Möwe, ganz mit Segeln bedeckt, als wolle es nicht den geringsten Windhauch verloren gehen lassen. Ich habe nie ein bezaubernderes Schiff gesehen. Mir kam der Vergleich mit einem Schwan in den Sinn, der im Wind seine Flügel ausbreitet. Und diese Fahrzeuge kommen viele Meilen weit über das stürmische Meer, um sich in Memel mit Spirituosen einzudecken und sie nach Russland zu schmuggeln.

Gewöhnlich gelingt ihnen das entweder im Schutz dunkler Nacht oder durch Bestechung der russischen Zöllner, die für Wodka und Silberklang empfänglich sind. Hat der Schmuggler aber Pech, geht es nach Sibirien. Trifft er auf offener See auf ein russisches Zollboot, muss sich der Glücksritter so schnell wie möglich seiner Schmuggelware entledigen. Die kostbaren Fässer mit Rum und Portwein werden über Bord geworfen: Sie seien, heißt es, vom Sturmwind von irgendeinem Schiff gerissen worden und trieben schon seit einigen Tagen auf offener See.

Am Rande Memels

Die Zöllner lächeln, fischen die treibenden Fässer heraus und – betrinken sich sinnlos. Die unglücklichen Schmuggler nutzen den Augenblick und verschwinden. Diese Leute sprechen nur Estnisch, eine Abart des Finnischen, doch in Memel gibt es einige Menschen, die ihre Sprache verstehen.

Ja, wenn es nur die Zollgrenze zu Russland nicht gäbe, die wie eine Chinesische Mauer die Nordspitze Ostpreußens von ihrem natürlichen Hinterland abschneidet und die Stadt Memel an der Kehle gepackt hält! Was ist zu diesem Thema nicht alles gesagt und geschrieben worden! Doch seine Haupteinnahmen bezieht Russland aus den Zöllen, und solange das so ist, wird es sich dem freien Warenverkehr über die Grenze widersetzen, und folglich wird der preußische Schmuggler nicht aussterben, dem es trotz aller Hindernisse und Gefahren gelingt, Schmuggelware über die russische Grenze zu bringen.

Jetzt liegt dieses „Geschäft“ ganz in den Händen eines Juden, der unweit der Grenze einen Krug hält, mit den Kaufleuten Verträge schließt, die Schmuggler bezahlt, die Zöllner bezahlt, für alles bezahlt. Um seine Verbindungen auf der russischen Seite würde ihn der gewiegteste Diplomat beneiden.

Eine verbreitete Methode, die Grenzwächter zu täuschen, besteht darin, eine der entlang der Grenze aufgestellten Signalfackeln anzuzünden. Während die Russen zum Feuer laufen, überqueren die Schmuggler die Grenze an einer offenen Stelle. Gelingt es den Grenzwächtern aber, eine Schmugglerbande zu überfallen – gewöhnlich auf einen Wink von Konkurrenten auf dieser Seite hin –, so beginnt eine regelrechte Schlacht, in der die Russen oft den Kürzeren ziehen.

Die Operation wird auch mit raffinierter List durchgeführt. Sie müssen zum Beispiel einen Ballen feiner Lederhandschuhe über die Grenze bringen. Sie verpacken die Handschuhe für die linke und die rechte Hand in getrennte Ballen und bringen sie an verschiedenen Stellen über die Grenze. Wird ein Ballen beschlagnahmt, so kauft ein Eingeweihter die praktisch nutzlose beschlagnahmte Ware für die eine Hand billig auf und vereinigt dann die Handschuhe zu Paaren.

Wahrlich, was ist der berühmte listenreiche Odysseus gegen den Einfallsreichtum dieser Schmuggler, deren Gewandtheit und List alle Kniffe der Alten in den Schatten stellen!

An der russischen Grenze

In letzter Zeit hat sich die Lage geändert. Deutschland hat die Grenze für die Einfuhr von Rindvieh und anderen Tieren gesperrt, um die Einschleppung der Seuche zu verhindern. Statt der gewerblichen Waren, die gewöhnlich nach Russland eingeschmuggelt wurden, wird jetzt Vieh aus Russland herausgeschmuggelt. Und alle alten Methoden müssen in aller Eile geändert werden.

Man kann in Memel keinen Laden, keine Garküche betreten, ohne von der russischen Zollgrenze zu hören oder wenigstens an sie zu denken.

Im Westen dagegen liegt alles frei und offen da, die Meereswellen schlagen ans Ufer, hochbordige Schiffe fahren hin und her. Ihre Laderäume sind mit unzähligen Brettern, Balken, Schalbrettern und anderem Schnittholz gefüllt. Bestimmungsort ist gewöhnlich England, oft Australien oder Südamerika.

Wie eine große weiße Schlange zieht sich der schmale Dünenstreifen der Kurischen Nehrung hin – eine recht eigenartige Welt aus Sand, in der die Dünen sich bis zu sechzig Meter hoch erheben, beständig nach Osten wandern und schließlich ins Haff sinken. Die Fischer nennen das „Ertrinken“. Das Leben dort ist tot, und der Tod lebendig. Doch an den Ufern des Haffs liegt goldener Bernstein, der mit großen Dampfbaggern gefördert wird. Nachts werden diese Arbeiten mit elektrischen Glühlampen beleuchtet.

Vom Leuchtturm aus können wir auch weiter nach Norden gehen, durch eine Gegend, in der sich die Memeler beim sogenannten Försterhäuschen reizende Villen gebaut haben und der ebene Sandstrand am See sich ideal zum Baden eignet. Noch weiter nördlich liegt die „Holländische Mütze“ – eine dunkle bewaldete Anhöhe, die weithin sichtbar ist.

Seiten der preußischen Geschichte erstehen vor unserem geistigen Auge im schattigen Park Tauerlaukis, wo die preußische Königsfamilie, die in den entlegensten Winkel ihrer Monarchie fliehen musste, schwere Prüfungen ertrug. Vor unseren Augen erscheint die strahlende Gestalt der Königin Luise. In Gedanken kehren wir nach Memel an die träumerische Dange zurück, in den Schatten der Weißerlen. Nach den Erinnerungen der Gräfin Voß wollte die Königin trotz allem ihre Kinder stets bei sich haben. Diese jungen Prinzen benahmen sich wie andere Kinder auch: Sie tanzten, musizierten, fuhren Schlitten und brieten Kartoffeln in der Asche.

Und kaum jemand konnte damals ahnen, dass eines dieser Kinder der künftige König von Preußen war.

 

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


ANMERKUNGEN

1. Nervus rerum – der Nerv der Dinge; das Wichtigste, der Kern einer Sache.

2. Gemeint ist der Krimkrieg 1853–1856.

3. Gräfin von Voß – Oberhofmeisterin Luises von Mecklenburg, der Gemahlin des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm III.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.