Warum heißt die Pflanze Mistel?
Der deutsche Name „Mistel“ hat sich für diese Pflanze in allen germanischen Sprachen durchgesetzt. Bemerkenswert ist, dass das Wort bis ins 18. Jahrhundert ein Maskulinum war – „der Mistel“. Schwankungen im Genus und den Gebrauch im Femininum („die Mistel“) gab es allerdings schon viel früher, im 16. Jahrhundert. Die Herkunft des Wortes selbst ist nicht abschließend geklärt. Die gängigste Erklärung leitet es vom Substantiv „der Mist“ (Dung, Kot) ab, da sich die Mistel über den Kot der Vögel verbreitet, die sich von ihren Beeren ernähren. Doch auch hier ist nicht alles eindeutig, denn manche Botaniker meinen, dass die Vögel die klebrigen Samen auch an Schnabel und Füßen weitertragen können.
Es gibt auch ältere Bezeichnungen für die Mistel, wobei man ihr in verschiedenen Gegenden Deutschlands, Österreichs und Schwedens jeweils eigene Namen gab. Zum Beispiel Affolter, Affolterbach (dasselbe wie Apfelbaum), Kleister (wegen der klebrigen Beeren) oder Heiliges Kreuzholz (im Mittelalter und auch schon früher schnitzte man aus den Mistelstängeln kleine Kreuze). Im Russischen nannte man die Pflanze „armjaschka“, „wedmino gnesdo“ (Hexennest) oder „omila“. In Ost- und Westpreußen waren neben Mistel die Bezeichnungen Wösp, Wespe (vielleicht wegen der Ähnlichkeit des Busches mit einem Wespennest) und Wintergrün gebräuchlich.
Zur Zeit der Druiden galt die Mistel als magische Pflanze.
Verbreitet ist die Mistel nicht nur in Europa und im subtropischen Afrika, sie kommt auch in den Tropen Asiens und im Norden Australiens vor. Auch in Russland ist sie häufig – im Gebiet Leningrad, in Richtung Kaukasus und Schwarzes Meer, in der Region Primorje und im Gebiet Belgorod.

Die Lebensweise der Mistel
Die Weißbeerige Mistel (Viscum album ) ist ein immergrüner Halbschmarotzer. Sie wächst als kugeliger Busch von 50–75 cm Durchmesser und erreicht mitunter sogar 120 cm. Sie ist langlebig und kann bis zu 40 Jahre alt werden. An den Ästen hält sie sich mit zahlreichen Saugwurzeln fest. Bei starkem Befall können auf einem einzigen Baum mehrere hundert Büsche unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Alters sitzen. Mineralstoffe bezieht die Mistel vom Wirtsbaum, indem sie mit ihren Wurzeln unter die Rinde dringt, organische Stoffe dagegen erzeugt sie selbst durch Photosynthese – deshalb gilt sie als teilweise unabhängig. Die befallenen Bäume erkranken und sterben vorzeitig ab.
Die Mistel blüht im März und April mit unscheinbaren gelblich-grünen Blüten, die zu dritt bis zu sechst in Trugdolden an den Triebspitzen und in den Astgabeln stehen. Die klebrigen, schleimigen Früchte reifen gegen Winter heran. Aus ihnen stellte man einen Leim her, mit dem kleine Singvögel angelockt und gefangen wurden – daher erhielt die Mistel im Volksmund den Namen „Vogelleim“. Man verwendete ihn auch gegen Schädlinge an Obstbäumen und gegen Fliegen.

Von den Beeren der Weißbeerigen Mistel ernähren sich Vögel – vor allem die allesfressenden Misteldrosseln und Seidenschwänze. Sie tragen die klebrigen Samen auf die Bäume, und im Frühjahr keimen diese und bilden zunächst „Würzelchen“, dann eine aufgewölbte Haftscheibe auf der Baumrinde.

Ein dünner Saugfortsatz dringt in das Holz ein. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Saugwurzeln, das Wurzelsystem wird kräftiger und versorgt den ganzen Busch mit Wasser und vollwertiger Nahrung aus dem Wirtsbaum. Die Mistel wächst langsam. Ein Stamm bildet sich erst im dritten Jahr.
Bei der Wahl ihres Wirts ist die Mistel wenig wählerisch. Sie schmarotzt auf Pappel, Linde, Weide, Ahorn, Birke, Ulme, Weißdorn und einigen Nadelbäumen (dabei handelt es sich allerdings, wie die Botaniker sagen, um eine andere physiologische Rasse der Mistel). Seltener findet man sie auf Eiche, Walnuss und Hainbuche. Auf Buche und Platane siedelt sie sich praktisch nie an. Sehr anfällig für diesen Halbschmarotzer sind Obstbäume – Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume.
Die Mistel in der Mythologie
Seit Jahrhunderten ranken sich Mythen und Legenden um die Mistel. Der deutsche Germanist und Altnordist Gustav Neckel widmete in seinen Arbeiten zwei mythologischen Misteln besondere Aufmerksamkeit. Die erste ist der „goldene Zweig“, der in einer Episode von Vergils Epos „Aeneis“ Aeneas als Geleit durch die Unterwelt dient. Die zweite ist der Mistelzweig, mit dem der germanische Gott Balder getötet wird. Der Zweig des Aeneas wird allerdings nicht ausdrücklich als Mistel bezeichnet, er ist lediglich ihr märchenhaftes Abbild. Und was über ihn gesagt wird, ist bloß ein ornamentaler Zug, den der Dichter mühelos in die Handlung einflicht. In der zwischen 1222 und 1225 verfassten „Jüngeren Edda“ des mittelalterlichen isländischen Schriftstellers Snorri Sturluson dagegen ist die Mistel, die Balder, den Gott des Frühlings und des Lichts, zu Fall bringt, eine echte Pflanze und ein wesentlicher Bestandteil der spannenden Geschichte, die Neckel nacherzählt hat.
Eines Tages begann der schöne Balder unheilvolle Träume zu haben, von denen er sogleich seinem Vater erzählte – Odin, dem höchsten Gott, Anführer der Asen, Weisen und Schamanen – sowie seiner Mutter Frigg, der höchsten Göttin und Stammmutter des Asengeschlechts. Odin sattelte seinen achtbeinigen Sleipnir und ritt ins Totenreich. Von einer Seherin erfuhr er, dass Balder durch die Hand seines eigenen Bruders sterben werde, des blinden Schicksalsgottes Hödur. Odin war tief bekümmert, doch Frigg ersann einen Weg, ihren Sohn zu retten. Sie nahm „Feuer und Wasser, den Metallen der Waffen, Steinen und Bäumen, Krankheiten und Giften, Vögeln und Tieren“ den Eid ab, Balder niemals zu schaden. Der junge Gott wurde unverwundbar, und die Asen vergnügten sich oft damit, Steine, Pfeile und Speere auf ihn zu werfen. Loki, dem Gott der List, des Betrugs und des Feuers, missfiel Balders Unverwundbarkeit. Er verwandelte sich in eine Frau und entlockte Frigg das Geheimnis. Die Göttin verriet dem heimtückischen Loki, dass sie nur einem Mistelschössling, der westlich von Walhall wuchs, keinen Eid abgenommen habe. Er war ihr zu jung und zu schwach erschienen. Loki fand die Stelle, an der die Mistel wuchs, und riss den Schössling aus der Erde (hier dürfen wir schmunzeln, denn die Mistel wächst ja auf Bäumen), drückte ihn Hödur in die Hände und forderte ihn auf, damit nach dem unverwundbaren Balder zu werfen – es sei ein Pfeil. Der Zweig durchbohrte den Körper des jungen Gottes, und er fiel tot zu Boden. Der erzürnte Rachegott Vali tötete seinen blinden Bruder, Loki aber entging der Strafe.
Gerade die Mistel erscheint der Seherin gleich zu Beginn der Sage – zunächst als Bäumchen auf kahler Ebene, dann als fliegendes Geschoss.
Die falsche Vorstellung von der Mistel in dieser Legende als einem in der Erde wurzelnden Baum erklärt sich in den altnordischen Quellen dadurch, dass es die Mistel weder in Island noch im nördlichen Skandinavien gibt. Diese Verzerrung spielt jedoch keine Rolle, denn die Geschichte konzentriert sich vor allem auf ihre fantastische Kraft. Und diese Kraft entfaltet sich nicht, während die Pflanze wächst, sondern erst, nachdem sie zu den Menschen gebracht worden ist.
Mistelernte in der Normandie. Unbekannter Illustrator, 19. Jh.
Der Mistelkult
Im Jahr 1866 erklärte der Schweizer Paläobotaniker Oswald Heer in einem in der Zeitschrift An die Zürcherische Jugend veröffentlichten Aufsatz, dass die ältesten Mistelfunde etwa auf die Zeit zwischen 2000 und 1000 v. Chr. zurückgehen: „Die Kelten hielten sie für eine heilige Pflanze, daher ist es bemerkenswert, dass in ihrem Dorf Zweiglein und Blattreste gefunden wurden; unbekannt ist jedoch, zu welchem Zweck diese Pflanze in die Wohnstätten gebracht wurde.“
Woher also diese Verehrung für einen kugeligen Schmarotzer, der fremde Säfte trinkt? Warum galt die immergrüne Mistel als eine der am höchsten verehrten Kultpflanzen?
Als Erster schrieb Plinius über den Mistelkult der Druiden – es ist die einzige Beschreibung aus jener Zeit. Nichts war ihren Priestern heiliger als die Mistel und die Traubeneiche. Alles, was auf Eichen wuchs, hielten sie für eine Gabe des Himmels und für ein Zeichen, dass dieser Baum von Gott selbst erwählt sei. Die Eiche wurde von Kelten, Italikern und Germanen als heiliger Baum besonders verehrt, also musste auch die auf ihr wachsende Mistel magische Kräfte besitzen. Während andere Pflanzen in der Erde wurzeln, wächst die Mistel hoch oben in den Bäumen und ist gleichsam ein Mittler zwischen Erde und Himmel. In der Krone der Traubeneiche kommt die Weißbeerige Mistel (Viscum album) allerdings recht selten vor. Fanden die Druiden sie dennoch, ernteten sie sie mit besonderem rituellem Prunk. Bedeutsam war der sechste Tag nach Neumond, wenn der Mond noch nicht zur Hälfte angewachsen war.
Sie glaubten fest daran, dass die Pflanze alle Krankheiten heile, und nannten sie die „Allheilende“.
Unter der Eiche mit der Wunderpflanze wurde ein Mahl ausgerichtet. Den beiden als Opfer auserwählten weißen Stieren wurden Kränze aus Misteln auf die Hörner gesetzt. Zuvor jedoch legte der Priester ein weißes Gewand an, stieg auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und warf sie hinab auf ein ausgebreitetes weißes Tuch (die Pflanze durfte den Boden nicht berühren, um ihre magische Kraft nicht zu verlieren). Die Opfertiere wurden unter Gebeten geschlachtet, damit der Allerhöchste die Gabe annehme und den Opfernden umso gewogener sei.
Plinius schrieb, manche glaubten, die Mistel sei am wirksamsten gegen Epilepsie und helfe Frauen, schwanger zu werden, wenn man sie nach altem Brauch bei Neumond von einer Eiche sammle. Und wenn man sie stets bei sich trage, kaue und auf eine Wunde lege, heile diese schneller. Mistelzweige wurden im Haus aufgehängt und dienten dazu, Vieh und Obstbäume „zu beleben“. In Kriegszeiten diente die Mistel als Amulett.
Den Engländern der Tannenbaum, den Deutschen die Mistel
Noch Ende des 19. Jahrhunderts betrachteten die Deutschen die Mistel ohne jede Begeisterung, doch schon bald kam kein Weihnachtsfest mehr ohne sie aus. 1923 erschien die „Monographie der Mistel“. Der Münchner Professor Karl von Tubeuf und der Berliner Professor Gustav Neckel widmeten ihr ein wissenschaftliches Werk von fast 900 Seiten. Tubeuf schrieb darin: „Im Januar 1891 habe ich in dem Artikel ‚Die nordische Mistel‘ in den Münchener Neuesten Nachrichten auf die Mistel als eine Pflanze hingewiesen, die zur Weihnachtszeit als Schmuck verwendet wird. Damals wurden in ganz München nur einige wenige Körbe mit Misteln verkauft. Das heißt, nur ein paar Büsche wurden auf zwei, drei Christkindlmärkten feilgeboten. Gekauft wurden sie hauptsächlich von englischen Familien, die in Deutschland lebten.“
In Ostpreußen begünstigte das feuchte Klima die Verbreitung der Mistel. Als die Mistel Anfang des 20. Jahrhunderts als Element des Weihnachtsschmucks fest in Mode kam, sah das örtliche Komitee für Naturschutz den Verkauf der Mistel ins Ausland allerdings mit Sorge, da es ihr Verschwinden befürchtete; die Hüter der Obstgärten hingegen setzten sich für die vollständige Ausrottung des Schmarotzers ein. Später begriff man freilich, dass sich mit seinem Verkauf auch Geld verdienen ließ.
Die Weihnachtsmisteln wurden größtenteils nach England geliefert, und das nicht nur aus Deutschland. Tonnenweise wurden sie aus Frankreich ausgeführt, wo man sie eigens anbaute. Im Hamburger Fremdenblatt vom Dezember 1906 lesen wir:
„Die englische Weihnachtsmistel. Woher kommt sie? Dieses Geschäft blüht im Dezember in der Bretagne im Norden Frankreichs. Der Bedarf an Misteln ist in Albion um ein Vielfaches größer als der an deutschen Weihnachtsbäumen. Alle Häuser sind mit Misteln geschmückt. Vor Weihnachten herrscht in den Häfen emsiges Treiben … Täglich geht eine bis zum Rand mit Misteln beladene Fracht über den Ärmelkanal …“
Mistelernte in Frankreich.
Zeichnung aus der Pariser Wochenzeitung Le Petit Journal, 1914.
In der Freiburger Freisinnigen Zeitung vom 31. Dezember 1907 heißt es: „Zu Weihnachten wurden aus der Bretagne 380 000 Kilogramm Mistelzweige eingeführt … Im Land unserer angelsächsischen Brüder ersetzt sie den Weihnachtsbaum, von dem man in England bis 1850 keine Vorstellung hatte. Den Brauch, einen Baum zu schmücken, führte bei den Engländern als Erster der deutsche Prinz Albert ein, der Gemahl Königin Victorias. Seither hat sich der deutsche Weihnachtsbaum im nebligen Albion ebenso eingebürgert wie die englische Mistel in Deutschland.“ Und im selben Jahr meldete das Londoner Landwirtschafts- und Fischereiamt: „Der Import von Misteln war 1907 geringer als in den Vorjahren, weil die französischen Behörden ihre Vernichtung in den Gärten angeordnet hatten.“ Während des Ersten Weltkriegs verfluchte die deutsche Presse die Weihnachtsbeere, weil der Brauch aus England stammte. Doch mit der Zeit kehrte das Interesse an ihr zurück. In Russland hat sich die Mistel als Schmuck zu Neujahr oder Weihnachten nicht durchgesetzt. Ebenso wenig in Asien. In Tokio etwa wurde sie zu Weihnachten nur an die britische Botschaft geliefert.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab die Mistel in Europa den Ton in der Postkartenmode an. Weihnachtskarten mit Mistel und Stechpalme waren in England sehr beliebt. In Deutschland erreichte die Mode der Weihnachtskarten mit Mistelmotiv etwa zwischen 1900 und 1914 ihren Höhepunkt und hielt sich einige Jahre. Sie wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Tausenden von Varianten und unterschiedlichsten Reproduktionen gedruckt. Die Mistel zierte oft die Titelseiten führender Illustrierter. In der Presse erschienen jeden Winter zahlreiche spannende Geschichten über diese magische Pflanze.
Das Mistelmotiv schmückte alle möglichen Schreibwaren, die man zu Weihnachten verschenken konnte: Schachteln und Kästchen für Kleinigkeiten, Briefumschläge, Briefpapier, Einbände von Taschenkalendern, Notizblöcke, Notizbücher und vieles mehr.
Auch andere Industriezweige blieben hinter der Mode nicht zurück. Misteln wurden auf Tischdecken, Servietten, Fächer, seidene Damenhandtaschen, Schals und Taschentücher gestickt. Auch die Schmuckindustrie huldigte der Perlenbeere. Sehr gefragt waren Broschen aus Edelmetall, Armbänder, Schließen, Nadeln, Kämme, Haarspangen und Colliers aus Gold, Silber und anderen Metallen mit echten oder künstlichen Perlen in Gestalt von Mistelbeeren. Die Mode machte auch vor Zigarettenetuis, Uhren, Geschirr, Vasen, Bierkrügen und Einrichtungsgegenständen nicht Halt. Man konnte sogar silberne Streichholzschachteln mit eingravierter Mistel kaufen.
Wer heiraten will, stelle sich unter die Mistel
Am Heiligabend schmückte man in Europa die Häuser traditionell mit Misteln und Tannengrün, ergänzt um Stechpalmen mit roten Beeren (die Stechpalme soll das männliche Prinzip verkörpern, die Mistel das weibliche). Kränze wurden an die Türen gehängt, für die Tische entstanden Gestecke mit Kerzen. Mistelsträuße hängte man an die Zimmerdecken. Nach altem Glauben schützt die Mistel Haus, Hausgenossen und Vieh vor Blitz, Feuer, Krankheiten, bösen Geistern und anderem Unheil und bringt der Familie Glück und Wohlstand.
Ein beliebtes Weihnachtsmotiv war der Brauch, ein Mädchen zu küssen, das unter der Mistel stand. Der Kuss sollte dem Paar Glück bringen und ein langes gemeinsames Leben garantieren. Doch selbst Menschen, die sich nur zufällig unter einem Mistelzweig begegneten, „mussten“ sich küssen. Einer Version zufolge kam dieser Brauch aus Skandinavien nach Britannien und in andere Länder. Einer anderen zufolge ist er ein Nachklang der altrömischen Saturnalien zur Wintersonnenwende, da an diesem Tag sogar völlig Fremde geküsst werden durften.

Verweigerte eine Frau zufällige Küsse, konnte sie im kommenden Jahr nicht auf eine Hochzeit hoffen.
Die grünen Zweige mit den weißen Beeren waren so beliebt, dass man sie vor Weihnachten in den Schaufenstern zwischen Schweineköpfen, inmitten von Schreibwaren, neben Lebkuchen und Gebäck sehen konnte … Geschmückt wurde alles, was sich nur schmücken ließ.
Die Mistel in der Kunst
Kein Wunder, dass die Mistel in den Werken vieler Künstler zu sehen ist. So etwa auf dem 1860 entstandenen Bild „Das Aufhängen der Mistel“ des englischen Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti. Weihnachtliche Mistelsträußchen finden sich auch auf Gemälden von John Millar Watt („Day before Christmas“), Walter Dendy Sadler („Christmas Carols“), Edward Frederick Brewtnall („For Snow Comes Thick At Christmas Tide“), Francis Davis Millet („Between two Fires“), Samuel Edmund Waller („A Christmas Romance“), Frederick Dielman („Under the Mistletoe“), Herbert Paus („The Conspirators“), Alfons Maria Mucha („Mistletoe. Portrait of Mme“), Norman Percevel Rockwell („Under the Mistletoe“), Robert Alexander Hillingford („Mistletoe Christmas Berries“), Walter Crane („Christmas Day, design for a Christmas card“), Edward Charles Barnes („The Seller Mistletoe“) und Émile Vernon („Season's Greetings“).
„Weihnachtslieder“, Walter Dendy Sadler, um 1890.
Die Mistel regte auch Schriftsteller und Dichter dazu an, zur Feder zu greifen. Sie kommt in Adam Mickiewiczs Versepos „Konrad Wallenrod“ vor. In Shakespeares frühestem und blutigstem Stück „Die höchst beklagenswerte römische Tragödie von Titus Andronicus“ wird die Mistel als übelster Schmarotzer mit erstickendem Sumpfgeruch beschrieben.
Der österreichische Dichter Nikolaus Lenau stellt die Pflanze in seinem „Savonarola“ dem wahren christlichen Glauben gegenüber, weil sie von den heidnischen Kelten verehrt wurde. In Vincenzo Bellinis berühmter Oper „Norma“ vollziehen die Druiden ihre geheimnisvollen Riten in einer Mondnacht im Wald, unter einer heiligen Eiche, auf deren Ästen die nicht minder heilige und magische Mistel wächst. Kaum ein Weihnachtslied kommt ohne sie aus. So etwa „The Christmas Song“ in der wunderbaren Interpretation von Nat King Cole, der in Wong Kar-wais Film „2046“ erklingt. 2001 nahm Barbra Streisand den Song „It Must Have Been the Mistletoe“ auf.
Die Zauber- und Heilkraft der Mistel
Die Mistel zog seit alters her und bei den unterschiedlichsten Völkern große Aufmerksamkeit auf sich. Die Bewohner der Nordschweiz glaubten an die Mistel als Mittel gegen alle Kinderkrankheiten und warteten, bis die Sonne in das Sternbild des Schützen trat. Der Busch wurde etwa einen, drei oder vier Tage vor Neumond mit einem Pfeil von der Eiche geschossen und mit der linken Hand aufgefangen (nach den Schriften des Plinius werden Zauberpflanzen gewöhnlich gerade mit der linken Hand gepflückt!). In Schweden galt der Johannistag als Erntezeit. Mit Misteln schmückte man die Häuser von außen zum Zeichen, dass ein Wanderer hier Obdach finden würde. Begegneten sich Feinde unter einem Baum mit Mistel, mussten sie die Waffen niederlegen und durften sie an diesem Tag nicht mehr aufnehmen. Nach germanischem Volksglauben vertrieb die Pflanze Albträume und Gespenster, die sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzten.
Die Mistel galt nicht nur als Mittel gegen jegliche Zauberei, sondern auch als Allheilmittel gegen viele Krankheiten. Der im 16. Jahrhundert lebende Doktor Carrichter, dem man die Schuld am Tod des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Ferdinand I. (1564) wegen falscher Behandlung zuschreibt, verordnete ihm einen Balsam nach eigenem „Rezept“: 4 Unzen flüssiges reines Hundefett, 8 Unzen Bärenfett und 12 Unzen Kapaunfett, vermischt mit drei zerkleinerten Zweigen junger Haselmistel. Derselbe Carrichter empfahl bei durch Zauberei verursachter Impotenz, die Genitalien mit einer Salbe aus Eichenmistel einzureiben. Die Heiler früherer Zeiten bereiteten aus ihr Absude gegen Gelbsucht, Milzleiden, Tuberkulose und Epilepsie.

Doch auch die moderne Medizin lehnt die Heilkräfte der Pflanze nicht ab. Dank der aktiven biochemischen Stoffe in ihren grünen Teilen wirkt sie entzündungshemmend, harntreibend, adstringierend, beruhigend, abführend und wurmtreibend.
Die Mistel ist reich an Saponinen, Alkaloiden, organischen Säuren, Histaminen, Vitaminen und Mineralstoffen. Saponine und Alkaloide verleihen ihr giftige Eigenschaften. Man hat beobachtet, dass die Zusammensetzung der biologisch aktiven Stoffe in der Pflanze weitgehend von der Art des Baumes abhängt, auf dem sie schmarotzt hat.
Sind Mistelbeeren giftig?
Der Naturforscher Andreas Schimper schrieb 1895 in einem Lehrbuch der Botanik: „Mistelbeeren haben bei Kindern häufig Vergiftungen hervorgerufen“, was auch der damals bekannte deutsche Arzt Hans Wossidlo in seinem „Leitfaden der Botanik“ von 1904 bestätigte, der die Pflanze als giftig bezeichnete. Der Verfasser eines Lehrbuchs der Pharmakognosie, Professor Albert Wigand, hielt Mistelbeeren für narkotisch giftig. Darüber entbrannte ein heftiger Streit: Was ist dann mit den Drosseln und Seidenschwänzen, die sich von ihnen ernähren?! Es kam die Vermutung auf, dass die von einer Schleimhülle umgebenen Samen den Vogeldarm zu schnell passieren, als dass Giftstoffe freigesetzt werden könnten.
Ein Vergiftungsfall wurde 1882 von der irischen Ärztin Emily Dixon im British Medical Journal beschrieben. Doktor Friedrich Kanngießer überprüfte die Wirkung der Mistelbeeren experimentell am eigenen Körper. Über seine Beobachtung schrieb er 1912 in einem Sammelband zur preußischen Botanik: „Laut Dixon benahm sich ein kleiner Junge – vermutlich nachdem er Mistelbeeren gekostet hatte – wie betrunken. Er hatte Halluzinationen und verlor das Bewusstsein. Außerdem wurden Zyanose, erweiterte Pupillen, erschwerte Atmung und ein verlangsamter Puls beobachtet.

Eigene Beobachtungen: Ich habe 25 Beeren der Apfelbaummistel zerkaut und geschluckt. Der Geschmack der recht festen, klebrigen Beeren mit den Samen ist fade, grasig und wegen der klebrigen Konsistenz sehr unangenehm. Sie lassen sich schwer schlucken, im Mund bleiben weiße Fäden zurück.
Anzeichen einer Vergiftung gab es nicht. Daher ist Dixons Behauptung, das Kind habe sich gerade an Mistelbeeren vergiftet, äußerst fragwürdig. Wären sie wirklich giftig, würde man in England, wo der Kult um diese Pflanze am stärksten ausgeprägt ist, wohl kaum Torten mit ihren Beeren verzieren. Ich halte daher den Fall Dixon für einen von anderer Ätiologie. Möglicherweise hatten die Kinder andere Beeren gegessen, die sich leicht mit der Mistel verwechseln lassen, etwa die der Riemenblume.“
Und dennoch hat die moderne Medizin die Beere in reiner Form als giftig eingestuft. Präparate, die sie enthalten, dürfen nur streng nach ärztlicher Verordnung eingenommen werden.
Literatur
- Karl von Tubeuf, Gustav Neckel. Monographie der Mistel
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

