/ Kaliningrad – Königsberg, Ostpreußen

Münchhausen im Kontext der altpreußischen Geschichte

Münchhausen im Kontext der altpreußischen Geschichte

Eine Geschichte darüber, warum es in der Rus immer wenig Freiheit und Ordnung gab und warum man Königsberg mit Fug und Recht als Vater der russischen Städte bezeichnen kann.

Woher „das russische Land seinen Anfang nahm“, wissen wir hauptsächlich aus den Worten des Chronisten Nestor. Er war es, der, um sich die langen mittelalterlichen Abende zu vertreiben, die Geschichte aufschrieb, wie die Nowgoroder Ältesten zum Warägerfürsten Rurik kamen und sprachen: „Unser Land ist groß und reich, doch Ordnung gibt es darin nicht. Komm und herrsche über uns.“ Rurik ließ sich nicht zweimal bitten. Er packte sofort seine bescheidene Habe und eilte mit seinen Brüdern Sineus und Truwor in die Rus, um Ordnung zu schaffen.

Im Großen und Ganzen hat Nestor den Lauf der Ereignisse richtig dargestellt. Geirrt hat sich der Alte nur in Ruriks Nationalität. Schon vor zehn Jahren haben die Mitglieder des Kaliningrader Klubs „Münchhausens Enkelchen“ überzeugend nachgewiesen, dass er gar kein Waräger war, sondern ein reinblütiger alter Pruße.

Erstaunlich, dass die akademischen Gelehrten nicht selbst darauf gekommen sind! Es liegt doch auf der Hand, dass die Nowgoroder Ältesten unmöglich bei den Wikingern Ordnung holen konnten, denn die hatten in jenen fernen Zeiten selbst keinerlei Ordnung. In Preußen dagegen gab es Ordnung. Dort gab es Ordnung bis zum Abwinken. Wohin man auch blickte – überall herrschte Ordnung. Kein Wunder, dass die Prußen sie sehr eifrig exportierten, so wie die Russen etwa Honig, Hanf oder, sagen wir, Teer.

Natürlich stellt sich die Frage: Woher hatten die Prußen eigentlich so viel Ordnung? Wie sich herausstellt, gab es in alten Zeiten in Preußen das Zepter der Ordnung – eine Quelle der Disziplin, der Gesetzestreue und aller sonstigen Toleranz. Als Rurik in die Rus aufbrach, wollte er es mitnehmen, verlor diesen unschätzbaren Gegenstand aber während des inoffiziellen Teils der Abschiedszeremonie, die von lärmenden Volksfesten begleitet wurde, irgendwo in der Gegend des Königsberges. Genau damit erklärt sich die Tatsache, dass sich in der Rus nie Ordnung eingestellt hat.

Man sagt, Peter I. habe gewusst, dass sich das Zepter der Ordnung irgendwo in Königsberg befindet. Er sei sogar hierhergekommen, um es zu finden.

Fast jeder Deutsche, dem er begegnete, sagte zu ihm „Ordnung muss sein“. Im Sinne von – „Es muss Ordnung herrschen“. Einmal hielt Peter es nicht mehr aus und schrie einen Bürger sogar an: „Wo ist sie denn, diese Ordnung, zum Teufel noch mal!“ Doch der antwortete nicht, denn er wusste selbst nicht, wo sie ist.

Was Peter I. nicht gelang, schaffte jedoch Baron Münchhausen, der bei einem seiner Besuche in Königsberg das Zepter der Ordnung doch noch aufspürte und sicher versteckte, worüber er ziemlich verworren in seinem Tagebuch schrieb. Eben das mühsame Studium der Papiere des Barons half schließlich, dieses recht zierliche Ding zu finden, angefertigt von einem unbekannten altpreußischen Meister am Ende des 9. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung.

Kopie des magischen Zepters der OrdnungKopie des Zepters, aufbewahrt im Foyer der Duma.

 

Äußerlich ähnelt es einem vergoldeten 22er-Schraubenschlüssel, daher kann man damit gewöhnliche Muttern anziehen. Bestimmt ist es jedoch zum Anziehen (und natürlich zum Lockern) ungewöhnlicher Schrauben. Nämlich jener, an denen Freiheit (auch die des Wortes), Gerechtigkeit und Ordnung hängen.

Die Bedeutung dieses Fundes ist kaum zu überschätzen. Im Grunde ist es ein epochales Ereignis, das unsere Vorstellung vom Platz Kaliningrad-Königsbergs in der Geschichte des Landes völlig auf den Kopf stellt.

Es ergibt sich, dass genau dies der Ort ist, von dem unser Land eigentlich seinen Anfang nahm. Und wenn Kiew die Mutter der russischen Städte ist, dann kann man unsere Stadt mit Fug und Recht ihren Vater nennen.

Im Herbst 2006 überreichte der Vorsitzende des Klubs „Münchhausens Enkelchen“, Alexander Sacharow, in feierlichem Rahmen (es geschah im Königstor) dieses Zepter dem damaligen Vorsitzenden der Gebietsduma, Sergej Bulytschow, damit er es „die Machtvertikale hinauf“ weiterreiche. Dieser versprach, die Bitte zu erfüllen, kündigte aber an, für sich und seine Abgeordnetenkollegen eine Kopie des Werkzeugs anfertigen zu lassen.

Allem Anschein nach geschah es auch so. Die Kopie des Zepters kann man heute im Foyer der Duma sehen – rechts vom Eingang in einem Regal mit Geschenken verschiedener offizieller Delegationen. Allerdings steht auf dem Schild aus irgendeinem Grund, das Zepter sei den hiesigen Abgeordneten vom Vorsitzenden des Sejmik der Woiwodschaft Ermland-Masuren überreicht worden. Vielleicht ist das ein raffinierter Schachzug zur Tarnung, vielleicht aber auch einfach ein Fehler.

Was das Original des Zepters betrifft, so ist es wohl längst im Kreml. Und nach den Veränderungen der letzten Jahre im Land zu urteilen, wird es dort eifrig benutzt. Aber offenbar nicht ganz richtig. Genauer gesagt – ganz und gar falsch.

Von der Meinungsfreiheit ist praktisch nichts übrig, aber Ordnung ist dadurch nicht mehr geworden. Die einen Schrauben sind bis zum Anschlag angezogen, bei anderen ist das Gewinde längst überdreht, die dritten sind so locker wie nur möglich. Gleich rutschen sie von den Bolzen und rollen wer weiß wohin …

Das Problem ist, dass zum Zepter eine Gebrauchsanweisung gehören sollte, die aber bislang nicht gefunden wurde. Und ohne sie ist der Gebrauch des Zepters eine ziemlich riskante Angelegenheit. Genau deshalb hat Münchhausen, als er in Königsberg das Zepter der Ordnung fand, es keinem der Mächtigen dieser Welt übergeben (und mit fast allen namhaften Monarchen seiner Zeit stand er bekanntlich auf freundschaftlichem Fuß), sondern es einfach versteckt. Ein weiser Mann war er, was soll man sagen …

Illustrationen: Ausschnitt aus einer Zeichnung von August von Wille, 1872. Foto des Autors


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.