Johann Georg Theodor Grässe
«Sagenbuch des Preußischen Staats»1
Der Ursprung der Preußen und ihr Name
Als der größte Teil der Goten das Gebiet des heutigen Preußens verlassen hatte, kamen die Prußen hierher.
Sie lebten einst in den Rhipäischen Bergen2, die sich weit gen Mitternacht3 erstrecken, unweit des Flusses Tanais4. Doch bekanntlich liegt in jenen Gegenden ewiger Schnee, und darum zogen sie von dort fort, um sich einen neuen Wohnort zu suchen. Endlich kamen sie in ein Land, das ihnen sehr zusagte. Es war reich an fruchtbaren Feldern und Weiden und hatte Wasser in Fülle, und so zogen die Ankömmlinge nicht weiter, sondern blieben und wählten dieses Land für sich und ihre Kinder zur neuen Heimat. Dieses Volk aber hieß Porussen. Mit der Zeit fiel ein Buchstabe aus dem Namen heraus, und er wurde zu Prußen. Porussen oder Borussen – dieser Name bedeutet „die unter den Russen/bei den Russen Lebenden“.

Prußisches Alphabet.
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Es gibt jedoch auch eine andere Sage. Die Masuren, die das Christentum früher angenommen hatten als ihre Nachbarn, die Brutener, nannten die Brutener wegen ihrer rohen Sitten und ihres Hangs zum Trunk „Bruten“, d. h. „Unvernünftige“ und „Dumme“, wobei sie dieses Wort aus dem Lateinischen nahmen5. Und sie brachten die Brutener so gegen sich auf, dass diese ein starkes Heer gegen die Masuren schickten. Bei Neidenburg6 trafen beide Heere aufeinander, und lange dauerte die Schlacht.
Schließlich beschlossen die Masuren, ermüdet von dem langen Kampf, der Feindschaft ein Ende zu setzen, und schickten Unterhändler zu den Brutenern, die herausfinden sollten, wie man die kriegerischen Nachbarn besänftigen könnte. Darauf antworteten die Brutener: Die Masuren sollten ihre Götter verehren und die kränkenden Spottnamen nie mehr erwähnen.
Doch die Masuren antworteten, es zieme sich nicht für sie, Götzen anzubeten. Wenn aber die Brutener auf ihre heilige Eiche ein Bild Christi setzten, dann würden die Masuren ein solches Heiligtum gewiss verehren. Und den Nachbarn kränkende Spottnamen zu geben, gehöre sich gewiss nicht, denn man müsse zugeben, dass man die Brutener nicht unvernünftig (bruti) nennen könne – sie seien kundige und erfahrene Leute (praescii)7.
Das gefiel den Brutenern außerordentlich. Dabei blieb es. Mit der Zeit wurde aus der Bezeichnung der Brutener als praescii der Name „Prußen“, und die von den Prußen bewohnten Gebiete hießen fortan Preußen.
Das alte prußische Wort „prussia“ bedeutet nicht mehr und nicht weniger als „er wird verstehen“.

Prußische Hochzeit.
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Über die Stadt Bromberg8 herrschte zu jener Zeit ein gelehrter und vornehmer Herr. Und als er hörte, dass die Brutener sich einen so stolzen Namen beigelegt hatten, erlaubte er sich, darüber zu spotten, und sagte zu seinen Freunden: „Wenn meine Hunde zu Hirschen würden, wären sie auch solche praescii.“
Die Brutener waren über diese Worte so gekränkt, dass sie einen Einfall nach Polen unternahmen und es mit Feuer und Schwert verheerten. Als der Herr von Bromberg begriff, dass dies seinetwegen geschehen war, ritt er ihnen entgegen und flehte um Vergebung. Doch er erhielt sie nicht. Die Brutener banden ihn auf sein eigenes Pferd und verbrannten ihn samt dem Ross bei lebendigem Leib, womit sie ihren Göttern ein Opfer darbrachten.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Johann Grässe gibt in seinem Buch folgende Quellen an: S. Waissel, Chronica v.d. Lande Preussen S. 10. Hartknoch Th. I. S. 72 etc. Voigt, Gesch. Preussens Bd. I. S. 607 etc.
2. Rhipäische Berge (Riphäen) – Bezeichnung für die Höhenzüge, in denen die Hauptflüsse Skythiens entspringen. Vermutlich entsprechen sie dem heutigen Uralgebirge.
3. Mitternacht – altruss. „Norden“. Vgl. im heutigen Ukrainischen „північ“.
4. Don.
5. bruti /lat., Pl. von brutus/ – stumpf, sinnlos, dumm, unvernünftig.
6. Neidenburg – heute Nidzica (poln. Nidzica, dt. Neidenburg) – eine Stadt in Polen in der Woiwodschaft Ermland-Masuren, Kreis Nidzica.
7. praescii /lat. Deklination von praescius, d. h. Nom./Vok. mask. Pl./ – kundig, scharfsichtig, erfahren.
8. Bromberg – heute Bydgoszcz (poln. Bydgoszcz, dt. Bromberg) – eine Stadt in Polen, Verwaltungssitz der Woiwodschaft Kujawien-Pommern.
● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

