Die Schmach der preußischen Festungen
In den Jahren 1806–07 ereigneten sich Dinge, an die man sich in Preußen nicht gern erinnerte. Nachdem die Armee Napoleons das preußische Heer in den Schlachten bei Jena und Auerstedt geschlagen hatte, bemächtigte sie sich kampflos der preußischen Festungen Erfurt, Spandau, Stettin, Küstrin, Tschenstochau, Hameln, Plassenburg, Glogau und Breslau. Es kam so weit, dass eine Festung mit einer Besatzung von mehreren Tausend Mann und intakter Artillerie sich Kavallerieeinheiten ergab, die überhaupt keine Artillerie und keine Belagerungsmittel besaßen. Den Höhepunkt bildete die Übergabe Magdeburgs mit einer Besatzung von zwanzigtausend Mann nach einigen Schüssen aus kleinen Mörsern auf die Stadt. Napoleon erinnerte sich später, diese Übergabe habe ihn über alle Maßen erstaunt. Wenig später, nach der Schlacht bei Friedland, war die Festung Königsberg an der Reihe. Der Festungskommandant L’Estocq „entdeckte“, dass die Erdwälle zerflossen, die Schussfelder mit Gärten bepflanzt und mit Schuppen bebaut und die Bastionen mit Gebüsch überwuchert waren. All das wurde abgeholzt und abgerissen, dennoch hielt die Festung genau einen Tag stand und wurde nach leichtem nächtlichem Beschuss auf Befehl des Oberbefehlshabers Bennigsen den Franzosen übergeben, wobei die Besatzung abzog, um sich der zur Memel zurückweichenden Armee anzuschließen.
Diese Serie von Kapitulationen der Garnisonen erhielt bei den Zeitgenossen den Namen „Schmach der preußischen Festungen“. Die Hauptrolle bei diesem Lauf der Dinge spielte natürlich die allgemeine Panik nach der Zerschlagung der (aus preußischer Sicht) diszipliniertesten Armee Europas durch die napoleonischen Truppen.
Doch auch der technische Zustand der Befestigungen, die (wie in Königsberg) oft zwei Jahrhunderte alt waren, trug keineswegs dazu bei, den Mut der preußischen Soldaten und Offiziere zu heben. Am Ende wurde Königsberg nach dem Ende der Kampfhandlungen, die mit dem Sieg der Koalition über das napoleonische Frankreich endeten, zur offenen Stadt erklärt. Die Festung am Pregel hörte auf zu bestehen.
Dieser Zustand währte jedoch nicht lange. Preußen schlug den Kurs ein, die deutschen Staaten um seine Krone zu vereinen, was zwangsläufig den Unmut der Nachbarn (Russland und Frankreich) und der Konkurrenten in dieser Sache (Österreich) hervorrief. Die Grundsätze des Wiener Kongresses, die darauf abzielten, einen Krieg zwischen den fünf führenden europäischen Mächten – Österreich, England, Preußen, Russland und Frankreich – zu verhindern, erschienen nicht mehr unerschütterlich. Was unmittelbar die Beziehungen zwischen Russland und Preußen betraf, so war ein wachsendes Misstrauen zwischen den beiden Ländern offenkundig, wovon die Berichte von Militärattachés, Konsuln und Gesandten zeugen, in denen reale und vermeintliche Anzeichen militärischer Vorbereitungen auf dem Gebiet des Gastlandes vermerkt werden.
„Weißt du noch, wie alles begann?“
Im Jahr 1834 wandten sich die Magistrate der ostpreußischen Städte mit einer Petition an die Regierung Friedrich Wilhelms III., Befestigungsanlagen zum Schutz der Provinz vor einem potenziellen Feind zu errichten. Die Petition wurde sechs Jahre später aus den Archiven der Kanzlei hervorgeholt, als bereits Friedrich Wilhelm IV. auf dem preußischen Thron saß. 1840 wurde dem König eine neue Petition des ostpreußischen Landtags vorgelegt; nun ging es um den Bau von Wallbefestigungen unmittelbar um Königsberg. 1840 kam Friedrich Wilhelm nach Königsberg, um die Huldigung des ostpreußischen Landtags entgegenzunehmen, und genehmigte bei dieser Gelegenheit auch die genannte Petition. Mit Verfügung vom 19. Dezember 1841 berief Friedrich Wilhelm sodann eine Kommission, bestehend aus den Generalen und Veteranen der Kriege gegen Napoleon Karl Wilhelm Georg von Grolman und Johann Wilhelm von Krauseneck sowie dem Chef des Ingenieurkorps, Generalleutnant Ernst Ludwig von Aster, um die Frage der Befestigungen zu prüfen und ein Projekt für die Umwallung der Stadt auszuarbeiten. Am 5. April 1843 wurde das Projekt für den Bau des neuen Wallrings von Königsberg genehmigt.
Die Bauarbeiten begannen offiziell am 15. Oktober 1843 mit der feierlichen Grundsteinlegung der Defensionskaserne, die damals nach ihrem Bauplatz den Namen „Herzogsacker“ (Herzog Acker) trug. Später wurde sie in „Kronprinz“ umbenannt.
Die Defensionskaserne diente, wie schon ihr Name sagt, zur Unterbringung von Truppen, im Fall eines Sturms auf die Stadt aber wurde sie zu einer Befestigungsanlage der zweiten Linie, die die Fronten der vor ihr gelegenen Bastion Grolman mit Feuer unterstützte. Fast gleichzeitig fand auch die zweite Grundsteinlegung einer Befestigungsanlage statt – die des Königstors. Danach kam der Bau in vollen Gang.
Auf den ersten Blick mag es scheinen, als sei der zweite Wallring Königsbergs eine etwas verstärkte Variante seines ersten Bastionsrings: Hier wie dort bildeten Wall und Bastionen die Grundlage der Befestigungen, und die Linie der neuen Befestigungen fällt stellenweise sogar mit der Linie der alten zusammen, an anderen Stellen liegt sie nicht weiter als 200 Meter von ihr entfernt. In Wirklichkeit aber war dies eine völlig neue Stufe des Militärbaus, und selbst das Verteidigungsprinzip der neuen Festung war ein anderes. Die Kriege gegen Napoleon hatten gezeigt, dass Armeen eine Stärke von 100 000 und mehr Soldaten erreichten, sodass es unmöglich geworden war, eine solche Masse von Soldaten mit irgendwelchen Mauern und Wällen aufzuhalten. Dafür erlaubte die Entwicklung der Feuerwaffen, den Angreifern enorme Verluste zuzufügen, wenn man konzentriertes Gewehr- und Geschützfeuer einsetzte, und zwar nicht nur Kreuzfeuer, sondern auch Feuer aus mehreren Etagen. Nach dem Plan der Festungsbauer sollten die Bastionen um ein Mehrfaches vergrößert werden, um eine ausreichende Zahl von Waffen aufzunehmen. Dabei sollten Artillerie und Schützen dem Entwurf nach nicht nur in offenen Stellungen, sondern auch in den Kasematten der Bastion und des Walls untergebracht sein und durch Scharten feuern. Die Wälle wurden oben durch Kavaliere verstärkt, was eine weitere Feueretage schuf. Und schließlich bestand die erste und vorderste Feueretage (vorwiegend Gewehrfeuer) aus Infanterieverbänden, die hinter der Glaciskrete gedeckt waren. Eine besondere Rolle kam den Reduit-Kaponnieren der Bastionen zu, die es im ersten Wallring überhaupt nicht gegeben hatte. Diese Ziegelbauten mit bis zu 2 Meter dicken Mauern waren durch den Wall der Bastion gedeckt und daher dem feindlichen Feuer nicht ausgesetzt. Sobald der Gegner jedoch den Graben überwindet und sich an den Wall heranarbeitet, überschütten die Reduit-Kaponnieren die Infanterie aus all ihren Scharten mit mächtigem Flankenfeuer, darunter Kartätschensalven, die der Infanterie verheerende Verluste zufügen. In der Festung selbst gibt es genügend Raum, der von der feindlichen Artillerie nicht bestrichen wird und es erlaubt, eine zahlenmäßig bedeutende Armee aufzustellen, die mit einem Gegenangriff die Zerschlagung der die Stadt belagernden Verbände vollenden kann. Stellt man sich vor, Königsberg hätte 1807 über solche Befestigungsanlagen verfügt und über eine ausgebildete, tapfere Besatzung unter einem entschlossenen Kommandanten, so lässt sich behaupten, dass es selbst für die berühmten Veteranen der Alten Garde der napoleonischen Armee eine sehr harte Nuss geworden wäre.
Drei Linien der Befestigungsanlagen Königsbergs aus verschiedenen Epochen: die mittelalterliche, als jede der drei Pregelstädte ihre eigenen Stadtmauern hatte (in der Mitte); der erste gemeinsame Wallring des 17. Jahrhunderts; der zweite Wallring, errichtet in der Mitte des 19. Jahrhunderts (am weitesten vom Zentrum entfernt).
Die Generale bereiten sich auf den vergangenen Krieg vor
In der Praxis erwies sich jedoch nicht alles als so ungetrübt wie in den Berechnungen der Festungsbaukommission. Denn gleichzeitig mit dem Bau des Königsberger Wallrings begannen die Waffenschmiede Europas, die gezogene Artillerie zu entwickeln. Und als die Hauptarbeiten an Wällen, Bastionen und Toren 1862 abgeschlossen waren, wurden jene Belagerungsgeschütze, gegen die die Königsberger Befestigungen ausgelegt waren, in den europäischen Armeen massenhaft ausgemustert. Schon die ersten gezogenen Geschütze schossen ein schweres Langgeschoss auf eine Entfernung von 3000 Metern, das heißt, die feindlichen Artilleristen konnten, ohne überhaupt bis an die Befestigungslinie heranzukommen, die ganze Stadt bis einschließlich des Zentrums unter Feuer nehmen. Damit verlor die Festungsbesatzung sofort ihren Hauptvorteil – die Möglichkeit, Kasernen, Lager und Lazarette außerhalb der Reichweite des Gegners zu halten.
„Generale bereiten sich immer auf den vergangenen Krieg vor“, lehrt ein Sprichwort, und im Fall der Königsberger Befestigungen erwies es sich als vollkommen zutreffend.
An dieser Stelle ist ein Vorbehalt angebracht, um die in der heimatkundlichen Literatur verbreitete These von der völligen „Zahnlosigkeit“ der Königsberger Befestigungen zu vermeiden, auch während des Sturms auf die Stadt im April 1945. Wie veraltet die städtische Befestigung auch gewesen sein mag, eine Stadt mit ihr zu verteidigen ist immer noch leichter als ganz ohne Befestigungsanlagen. Trotz ihres raschen Übergangs von modernen zu veralteten Anlagen hatten die Bastionen des zweiten Wallrings ihre Stärke nicht vollständig eingebüßt; sie konnten lediglich die ihnen bei Planung und Bau zugedachten Funktionen nicht in vollem Maß erfüllen, die Uneinnehmbarkeit der Festung für den vorgesehenen Zeitraum nicht gewährleisten und die Stadt nicht vor vernichtendem Artilleriefeuer bewahren.
Ein kurzer Exkurs in die städtische Befestigungskunst
Die Befestigungsanlagen, die den Komplex des zweiten Wallrings bilden, zeichnen sich durch die Einzigartigkeit jedes einzelnen Objekts aus. Außer den beiden Zwillingstürmen Dohna und Wrangel wurden alle übrigen Bauwerke individuell entworfen und weisen, selbst wenn sie gleichartig sind, sehr erhebliche Unterschiede auf.
BASTIONEN
Der neue Bastionsgürtel bestand aus neun vollwertigen Bastionen mit mächtigen Facen und Ziegelreduits bzw. Reduit-Kaponnieren, die die Grundlage der Stärke der Festung bildeten. Sie hießen Sternwarte, Krauseneck, Tragheim, Oberteich, Grolman, Kupferteich, Litauen, Pregel und Brandenburg (hier und im Folgenden sind jene Objekte hervorgehoben, die sich in dem einen oder anderen Maß bis heute erhalten haben). Zwischen ihnen lagen vier Hilfsbastionen aus Erde: Laak, Butterberg, Haberberg und Alter Garten.
Am besten bis heute erhalten ist die Bastion Grolman – ein sehr eindrucksvolles Bauwerk mit mächtigen Facen, einem hufeisenförmigen Reduit und einem Brückenkopf – ein regelrechtes Anschauungsobjekt der Befestigungskunst.
Eine Zeit lang war davon die Rede, sie der Stadt zu übergeben, um in ihr und in der benachbarten Kaserne Kronprinz ein Festungsmuseum einzurichten. Doch die Absichten blieben Absichten, wenngleich ein Teil des Bastionsgeländes zur Besichtigung zugänglich ist. Die zweite Bastion, die (allerdings teilweise) ihre Facen aus Ziegeln und Erde bewahrt hat, ist Oberteich. Das linke Drittel des Bastionskörpers wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Bau der Cranzer Allee – der heutigen Alexander-Newski-Straße – abgetragen. Bis dahin grenzte die linke Flanke der Bastion an die Befestigungen des Roßgärter Tors, und der gesamte Verkehr aus der Stadt in Richtung Cranz (Selenogradsk) und Memel (Klaipėda) lief durch das Tor. Sogar die Straßen trugen hier entsprechende Namen: Memeler Weg, Niddener Weg (Weg nach Nidden), Sarkauer Weg (Weg nach Sarkau, d. h. zur Siedlung Lesnoi), Rossittener Weg (Weg nach Rossitten – Siedlung Rybatschi) usw.
Von den Bastionen Sternwarte, Kupferteich, Litauen und Pregel haben sich bis heute nur ihre Reduits und Reduit-Kaponnieren erhalten.
Teilweise erhalten ist die Erdbastion Butterberg. An ihrer Stelle befindet sich heute die Gedenkstätte für die 1200 Gardisten.
Besonders hervorheben möchte ich die Bastion Pregel. Sie war eine überaus mächtige Befestigung, deren Schönheit und Ebenmaß der Linien auf den Fotografien jener Jahre beeindruckt. Ein wahres Meisterwerk der Festungsbaukunst. Die Bastion deckte gleichzeitig zwei Richtungen: den Wasserweg in die Stadt über den Fluss und den Landweg durch das Friedländer Tor.
TORE
Ursprünglich waren neun Tore geplant: Königstor, Roßgärter Tor, Tragheimer Tor, Steindammer Tor, Ausfalltor, Holländerbaum Tor, Brandenburger Tor, Friedländer Tor und Sackheimer Tor. Ab 1866 mussten die Festungsbauer noch drei weitere Tore für die Anlage von Eisenbahnlinien errichten. Eines davon, uns bekannt als Eisenbahntor (Eisenbahnhof Tor), ist bis heute erhalten.
Die Tore wurden, abgesehen von ihrer offensichtlichen fortifikatorischen Funktion, zu einem wahren Schmuck der Stadt. Im neugotischen Stil erbaut, trugen sie eine Vielzahl rein dekorativer Details wie Türmchen, Maschikulis und natürlich Skulpturen und Stuckelemente.
Ausgehend von den an den Toren angebrachten Skulpturen und Hochreliefs lässt sich sagen, dass das Königstor der Geschichte Königsbergs gewidmet ist: Die Figuren König Ottokars II., Herzog Albrechts und König Friedrichs I. symbolisieren gerade die wichtigsten Etappen der Stadtgeschichte. Das Friedländer Tor machte die Bürger mit der Geschichte des Deutschen Ordens bekannt: Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen mit dem Modell der Marienburg in den Händen auf der Außenseite des Tors symbolisierte die Entstehung des Deutschordensstaates im Jahr 1309. Und der Großkomtur und Bannerträger des Ordens in der Schlacht bei Tannenberg, Friedrich von Zollern, den Untergang der Epoche der Rittermönche auf dem Gebiet Preußens. Das Roßgärter Tor war den Reformen im preußischen Heer und im Staat selbst gewidmet, die während der Kriege gegen Napoleon begonnen hatten. Geschmückt war es mit Hochreliefs der Reformergenerale Johann David von Scharnhorst und Wilhelm Luther von Gneisenau. Eine ähnliche Rolle hatte auch das Sackheimer Tor, das den Helden der napoleonischen Kriege Friedrich Wilhelm von Bülow und Johann David Ludwig Yorck von Wartenburg gewidmet war, deren Medaillons ebenfalls die Stadtseite des Tors schmückten. Leider gingen diese Medaillons nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Das Brandenburger Tor trug auf der Stadtseite die Bildnisse des preußischen Kriegsministers Leopold Hermann Ludwig von Boyen und eines der Urheber des Projekts des Königsberger Wallrings selbst, des Generals und Festungsbauers Ernst Ludwig von Aster. Und schließlich schmückte das heute nicht mehr bestehende Steindammer Tor die Figur König Friedrich Wilhelms IV., unter dessen Regierung alle Königsberger Tore gebaut wurden. Das Tragheimer Tor, das Ausfalltor und das Holländerbaum Tor hatten keinen Skulpturenschmuck.
Die bauliche Beschreibung der Stadttore ist ein Thema, das eine eigene große Darstellung verdient, besonders angesichts der Individualität ihrer Entwürfe. Dennoch wollen wir ihre gemeinsamen Hauptmerkmale festhalten. Wir tun dies am Beispiel des Tors, das seine vorgelagerten Befestigungen (die Kordegarde) am besten bewahrt hat – des Friedländer Tors.
Die gewachsene Stärke der Artillerie erlaubte es befestigten Toren nicht mehr, sich selbst zu verteidigen. Deshalb befand sich bei allen Königsberger Toren des zweiten Wallrings stets eine Bastion, ein Ravelin, ein Turm oder eine Kombination davon, denen die Verteidigung des Tors gegen feindliche Truppen oblag.
Für das Friedländer Tor war dieser Schutz die Bastion Pregel. Die aus dem Tor führende Straße stieß auf ein eigens angepflanztes Wäldchen und umging es dann, wobei sie vor den Facen der Bastion vorbeiführte. So konnte eine feindliche Armee nicht rasch Artilleriebatterien aufstellen, um das Tor im direkten Richten zu beschießen, ohne sich zuvor auf einen Kampf mit der mächtigen Artillerie der Bastion einzulassen. Zum Schutz gegen Infanterieverbände, die sich durch das Wäldchen hätten durchschlagen können, diente eine doppelte Kordegarde mit starken Mauern und Schießscharten. Hatten die angreifenden Truppen den Widerstand der Kordegardenbesatzung gebrochen, mussten sie unter dem Flankenfeuer der Bastion nicht nur die eichenen, eisenbeschlagenen Torflügel aufbrechen, sondern auch eine doppelte Sperre aus Balken, die in besondere Nuten im Inneren des Tors eingelegt wurden. Dabei deckte das Tor von der Stadtseite her eine zweite Verteidigungslinie in Gestalt von Artilleriekasernen, die zum Teil am heutigen Kalinin-Prospekt erhalten sind. So drohte ein Sturm auf das Tor als den verwundbarsten Abschnitt der Festungsumfassung dem Gegner mit untragbaren Verlusten. An diesem Beispiel sehen wir, dass die Grundlage der Torverteidigung dichtes Kreuzfeuer aus Gewehren und Geschützen ist. Umgekehrt wird die Rolle mächtiger „uneinnehmbarer“ Mauern zweitrangig, und die kleinen, engen Tortürmchen und die leicht zu zerstörenden Zinnen der Brustwehr sind überhaupt nur noch Dekorationselemente. Alle übrigen Stadttore wurden auf ähnliche Weise verteidigt und besaßen unbedingt sowohl eine sie deckende Bastion als auch eine ausgebaute Kordegarde. Nur wurden im Zuge der Ausdehnung der Stadt über den Wallring hinaus diese vorgeschobenen Befestigungen abgerissen, ebenso wie einige andere Elemente der städtischen Befestigung.
TÜRME
Die Türme Wrangel und Dohna waren aus Sicht der praktischen Festungsbaukunst die umstrittensten Elemente des zweiten Wallrings, wirken dafür aber heute am eindrucksvollsten und beeindrucken die Touristen durch die Stärke ihrer Mauern und die Bedrohlichkeit ihrer Scharten. Entworfen wurden sie vom Direktor des Festungsbaus, Ingenieur-Hauptmann Irfügelbrecht – ein für das Russische schwieriger Familienname –, und seinem Mitautor, Ingenieur-Leutnant von Heil. Bemerkenswert sind diese Türme nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch durch die Geschichte ihrer Entstehung.
Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren Festungsbauer und Militärfachleute zu der Auffassung gelangt, dass die weitere Entwicklung des klassischen Bastionärsystems (wie es der erste Wallring Königsbergs war) keine Perspektive habe. Die sich weiterentwickelnde Artillerie hatte die Bastion selbst verwundbar gemacht, und ihre Besatzung konnte die an die Bastionen grenzenden Wälle nicht mehr zuverlässig schützen, sondern war mehr um den Schutz der Bastion selbst und ihrer Batterien besorgt.
Der Fall einer Festungsstadt wurde nun zu einer Frage der Zeit. Unter französischen Soldaten kam sogar die Redensart auf: „Eine angegriffene Stadt ist eine eingenommene Stadt.“
Versuche, das Bastionärsystem durch zusätzliche Vorwerke zu verstärken, führten dazu, dass die Soldaten der ersten Verteidigungslinie, ohne sich um eine hartnäckige Verteidigung der Abschnitte zu bemühen, diese bei erster Gelegenheit verließen, um sich in der letzten Befestigungslinie in Sicherheit zu bringen. Zu dieser Zeit erschien das Buch des bekannten französischen Heerführers und Ingenieurs Marc René de Montalembert „Die perpendikuläre Befestigung“ (La fortification perpendiculaire), in dem er radikale Lösungen für die Abwehr der Belagerungsartillerie vorschlug. Eine davon waren die sogenannten „Montalembert-Türme“. Die Kritiker wurden nicht müde, mit Montalembert zu streiten, während seine wenigen Anhänger ihn für einen genialen Neuerer hielten, doch zu seinen Lebzeiten wurde keine seiner Befestigungsideen vollständig in Stein umgesetzt. Und nun, ein halbes Jahrhundert nach Montalemberts Tod, bildeten die Entwürfe seiner Türme die Grundlage für die Königsberger Türme Dohna und Wrangel. Diese Türme sollten mit mächtigem Artilleriefeuer einen schwierigen Verteidigungsabschnitt am Ufer des Oberteichs schützen. Da ein runder Turm grundsätzlich nur mit radial auseinanderlaufendem Feuer zurückschlagen kann, wird die nötige Feuerdichte durch mehrere Schartenetagen und eine Artilleriestellung auf dem Dach erreicht. Dafür ist ein solcher Turm zur Rundumverteidigung fähig und hat praktisch keine Schwachstellen. Die Batterien des Turms sind dem Gegner an Kernschussweite überlegen, da sie erhöht gegenüber dessen Batterien liegen. Ein Gegner, der sich bis an seine Mauern vorgearbeitet hat, muss zum Sturm in den Ringgraben hinabsteigen, der aus kleinen Kaponnieren-Türmchen bestrichen wird. So wird der Turm sowohl im Vorfeld als auch im Nahbereich verteidigt. Wie wir sehen, hat all das Gesagte jedoch nur Sinn, solange die Artillerie ausschließlich rasant schießt, wie es zum Zeitpunkt der Planung der Türme der Fall war. Und auch in diesem Fall hatten sich die Generale wieder auf den vergangenen Krieg vorbereitet.
Neben den genannten Typen von Verteidigungsanlagen sind im Verteidigungsring drei Ravelins zu erwähnen: das Haberberger, das Friedländer und das Sackheimer Ravelin. Die ersten beiden können Sie noch heute im Südpark finden, das Sackheimer dagegen lag am gleichnamigen Tor und wurde bei der Erweiterung der Stadtgrenzen 1910–12 geschleift.
Ein Ravelin ist in der klassischen Bastionärfestung ein dreieckiges Werk, das vor dem Hauptgraben zwischen den Bastionen liegt.
Im modernisierten Bastions- und Kaponnierensystem des zweiten Königsberger Wallrings erfüllen die Ravelins dieselbe Rolle wie die Bastionen: Von ihren Facen wurde Kreuzfeuer auf die feindlichen Belagerungsbatterien geführt, und die Reduits deckten mit ihren Batterien den Hauptwall mit Flankenfeuer. Dabei waren die Ravelins etwas weiter vorgeschoben und vom Hauptwall abgesetzt. Außer ihnen gehörten zum Komplex der Wallbefestigungen die bereits erwähnte Defensionskaserne Kronprinz und die modernisierte Festung Friedrichsburg, für die damals auch ein neues Tor gebaut wurde, das uns als Friedrichsburger Tor bekannt ist (heute eine Filiale des Museums des Weltozeans). Die sogenannte Wiesenfront bestand aus einer einzigen Wiesenlünette. Sie lag auf der Insel Lomse (Oktjabrski), unweit der Stelle, an der heute das neue Fußballstadion gebaut wird. Die Insel galt als wenig wahrscheinlicher Ort für Kampfhandlungen, daher war der Schutz der Stadt dort recht symbolisch.
Die Wasseradern des Stadtwalls
Jeder, der über die Wälle und Bastionen des Verteidigungsgürtels spaziert ist, wird bemerkt haben, dass überall Wasser vorhanden ist. Das ist nicht verwunderlich, denn für den Graben vor den Befestigungen wählten die Festungsbauer die Variante eines mit Wasser gefüllten Grabens. In Königsberg gab es keine Probleme mit Wasserquellen, deshalb wäre der Bau eines trockenen Grabens hier weit schwieriger gewesen als der eines nassen.
Den Wassergraben kann man grob in zwei nördliche Teile (links und rechts des Oberteichs) und einen südlichen Teil gliedern, dessen Reste im Südpark zu sehen sind. Da sich mehr oder weniger im ursprünglichen Zustand nur der Teil des Festungsgrabens vom Oberteich zum Königstor und weiter bis zum Pregel erhalten hat, wollen wir gerade ihn genauer betrachten.
Man sollte meinen, wenn es zwei Gewässer mit unterschiedlichem Wasserspiegel gibt, sei die Anlage eines Wassergrabens kinderleicht: Man gräbt einen Graben, den das Wasser aus dem oberen Gewässer füllt, weil es in das untere abfließen will, und fertig ist der Graben.
In Wirklichkeit erwies sich alles als wesentlich komplizierter: Der Höhenunterschied zwischen dem Oberteich und dem Pregel beträgt 22 Meter. Der Wassergraben wäre zu einem reißenden, aber recht flachen Strom geworden, und das mit realen Chancen, den Oberteich innerhalb weniger Tage vollständig in den Fluss abzulassen.
Eben deshalb ist der Wassergraben ein System von Kaskaden, die durch Dämme und Anlagen zur Regulierung des Durchflusses voneinander getrennt sind.
Der erste Wasserstandsregler befindet sich unter einer hübschen kleinen Brücke am Dohnaturm. Er ist ein einfacher Metallschieber, den man heben und senken kann, um den Wasserstand im ersten Becken am Turm zu regulieren. Heute ist hier eine Rasenfläche mit einem Bächlein, doch einst war das ganze Gelände dieser Wiese am Turm mit Wasser gefüllt.
Der nächste Regler befindet sich in der Kaponniere des Turms. Viele haben den „Gang“ unter dem kleinen Kaponnieren-Türmchen gesehen, durch den ein Bächlein aus dem Oberteich fließt. Einen ebensolchen gibt es auch am Wrangelturm. Nun, dieser „Gang“ war ausschließlich für das Wasser bestimmt, und eine Klappe in der Kaponniere regulierte dessen Zufluss in das zweite Becken am Turm.
Weiter bis zum Königstor lagen drei Dämme, die den Graben in drei Kaskaden mit unterschiedlichem Wasserstand unterteilten. Der erste Damm befand sich an der Bastion Oberteich (heute steht dort die Brücke der Alexander-Newski-Straße, unter der der Graben hindurchfließt). Der zweite zwischen den Bastionen Oberteich und Grolman, der dritte direkt an der Bastion Grolman. Dank dieser Dämme wird ein hoher Wasserstand im Festungsgraben bei geringem Wasserverbrauch aus dem Oberteich gehalten. Unterhalb des Königstors gibt es heute keine Dämme, und deshalb ist der Graben hier schmal und flach. Doch zweifellos war er früher auch hier durch Dämme abgeteilt. Der letzte Damm befindet sich schon an der Bastion Litauen, unmittelbar vor der Mündung des Festungsgrabens in den Pregel.
Der Graben entlang des Litauer Walls bot im 19. Jahrhundert ein recht düsteres Bild: auf der einen Seite die Scharten der Bastionen, auf der anderen die städtischen Friedhöfe. Geradezu wie der Fluss Styx zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.
Der Wassergraben auf der anderen Seite des Oberteichs bestand ebenfalls aus Dämmen und Kaskaden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er jedoch stark verändert: Am Wrangelturm leitete man ihn in einen unterirdischen Kanal, danach trat er wieder an die Oberfläche, um nach 300 Metern erneut unter die Erde zu tauchen und über einen gegabelten Kanal in den Parkowy-Bach und in die Fortsetzung des Festungsgrabens beim Park des Sieges zu gelangen.
Statt eines Schlussworts
Wie bereits gesagt, war der Bau der Anlagen des zweiten Königsberger Wallrings 1862 abgeschlossen. Doch die Entwicklung der Festung Königsberg hörte damit nicht auf. Schon gegen Ende des Baus war den Festungsbauern klar, dass die neuen Wallanlagen die ihnen zugedachten Aufgaben eines zuverlässigen Schutzes der Stadt vor feindlichen Armeen nicht erfüllen würden. Fast sofort begann man, am Umwallungsprojekt Änderungen vorzunehmen, die nach dem Willen ihrer Urheber die gewachsene Stärke der Artillerie ausgleichen und die Belagerungsbatterien eines möglichen Gegners vom Stadtzentrum abdrängen sollten. Dazu sah der geänderte Plan den Bau von 15 vorgeschobenen Lünetten vor. Hierfür wurden Grundstücke für ihren Bau reserviert – Esplanaden. Auf ihnen wurden drei Werke errichtet: die Lünetten Böttchershöfen (im heutigen Park „Junost“), Neue Bleiche (im Park des Sieges) und Mühlenhof (auf dem Gelände des Kaliningrader Verpackungskombinats). Mit dem Bau der übrigen wurde nie begonnen.
Der 1870 ausgebrochene Deutsch-Französische Krieg zeigte anschaulich, dass die Umwallung einer Stadt und alle möglichen Arten ihrer Modernisierung im modernen Krieg keinerlei Chance haben, den Angriffsmitteln standzuhalten.
Der Verlauf der Kampfhandlungen zeigte, dass die Verteidigungslinien mindestens 5 km vor das Stadtzentrum verlegt werden mussten, und so begann ganz Europa, Fortfestungen zu bauen. Auch Königsberg blieb diese Etappe des Festungsbaus nicht erspart: In den Jahren 1872–1890 erhielt es 12 große und drei kleine Forts.
Die Festungswerke des zweiten Wallrings dienten ihrem eigentlichen Zweck bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Hauptbefestigungslinie hatte sich zu jener Zeit auf die Linie der Forts verlagert, die Bastionen dagegen bildeten die zweite Verteidigungslinie der Stadt. Um 1910 stand der Bastionsring sowohl den militärischen als auch den zivilen Behörden im Weg. Die einen wollten die längst veralteten Bauwerke nicht unterhalten, die anderen mussten die Stadt über die Umwallung hinaus erweitern. Daher stellte die Entscheidung, die Wallbefestigungen der Stadtgemeinde gegen Entgelt zu übergeben, alle zufrieden. Die Stadtverwaltung riss sofort die Stadttore ab, die dem Straßenbau am meisten im Weg standen, schleifte die Wälle fast aller Bastionen sowie den Hauptwall auf großer Länge. Ein Teil des Grabens wurde für die Anlage von Eisenbahnlinien genutzt. Auf den verbliebenen Wallanlagen entstand der sogenannte „Schneidersche Grüngürtel“ – eine Parkzone zur Erholung der Bürger. Dennoch war es für die alten Befestigungen noch zu früh, sich ganz zur Ruhe zu setzen – sie wurden beim Sturm auf die Stadt im April 1945 wieder als Festungswerke gebraucht. Und der Dohnaturm wurde sogar zum Symbol des Sieges über den Faschismus in dieser einen Stadt – gewissermaßen zum „Königsberger Reichstag“.
Nach dem Krieg wurden die Bastionen, Tore und Türme Königsbergs zu verschiedenen Zwecken genutzt, meist als Wirtschaftsräume. Eine neue Epoche brach für sie 1979 an, als im Dohnaturm das Bernsteinmuseum eröffnet wurde.
Heute werden das Königstor, das Sackheimer, das Friedländer und das Friedrichsburger Tor von Kultureinrichtungen genutzt, möglicherweise wird bald auch der Wrangelturm zu einem Museum. Zweifellos ist die Rolle einer Kultureinrichtung die passendste für diese im russischen Architekturerbe einzigartigen Objekte.
Fotos des Autors.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

