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Der Frieden von Tilsit in Lew Tolstois Roman „Krieg und Frieden“

Der Frieden von Tilsit in Lew Tolstois Roman „Krieg und Frieden“

Die beiden Kaiser besuchen am 28. Juni 1807 in Tilsit ein Manöver der Kaiserlichen Garde.


Radierung von Jacques François Swebach (franz. Jacques François Joseph Swebach-Desfontaines, 1769 – 1823).

Im zweiten Band des berühmten Romans des Klassikers der russischen Literatur sind den Tilsiter Ereignissen des Jahres 1807 mehr als zehn Seiten gewidmet. Wir stellen sie Ihnen hier vor.

L. N. Tolstoi. „Krieg und Frieden“. Zweiter Band. Zweiter Teil.


Nachdem Rostow zum Regiment zurückgekehrt war und dem Kommandeur berichtet hatte, wie es um Denissows Sache stand, fuhr er mit dem Brief an den Kaiser nach Tilsit.

Am 13. Juni trafen der französische und der russische Kaiser in Tilsit zusammen. Boris Drubezkoi bat die hochgestellte Persönlichkeit, bei der er Dienst tat, ihn dem Gefolge zuzuteilen, das in Tilsit bereitstehen sollte.

– Je voudrais voir le grand homme 1, – sagte er und meinte damit Napoleon, den er bis dahin, wie alle anderen auch, stets Buonaparte genannt hatte.

– Vous parlez de Buonaparte? 2 – sagte lächelnd sein General zu ihm.

Boris sah seinen General fragend an und begriff sogleich, dass dies eine scherzhafte Prüfung war.

– Mon prince, je parle de l'empereur Napoléon 3, – antwortete er. Der General klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.

– Du wirst es weit bringen, – sagte er zu ihm und nahm ihn mit.

Boris war einer der wenigen, die am Tag der Begegnung der Kaiser an der Memel waren; er sah die Flöße mit den Monogrammen, sah, wie Napoleon am anderen Ufer an der französischen Garde vorbeiritt, sah das nachdenkliche Gesicht Kaiser Alexanders, als dieser schweigend in einer Schenke am Ufer der Memel saß und auf Napoleons Ankunft wartete; er sah, wie beide Kaiser in die Boote stiegen und wie Napoleon, der als Erster am Floß angelegt hatte, raschen Schrittes vorausging, Alexander entgegentrat, ihm die Hand reichte, und wie beide im Pavillon verschwanden. Seit seinem Eintritt in die höheren Kreise hatte Boris es sich zur Gewohnheit gemacht, aufmerksam zu beobachten, was um ihn herum vorging, und es aufzuschreiben. Während der Begegnung in Tilsit erkundigte er sich nach den Namen der Personen, die mit Napoleon gekommen waren, nach den Uniformen, die sie trugen, und lauschte aufmerksam den Worten, die von hochgestellten Persönlichkeiten gesprochen wurden. In dem Augenblick, als die Kaiser den Pavillon betraten, sah er auf die Uhr und vergaß nicht, abermals nachzusehen, als Alexander den Pavillon verließ. Die Begegnung hatte eine Stunde und dreiundfünfzig Minuten gedauert; so notierte er es an jenem Abend zusammen mit anderen Tatsachen, denen er historische Bedeutung beimaß.

Da das Gefolge des Kaisers sehr klein war, bedeutete es für einen Menschen, dem an seinem dienstlichen Fortkommen gelegen war, sehr viel, während der Begegnung der Kaiser in Tilsit zugegen zu sein, und Boris fühlte, nachdem er nach Tilsit gelangt war, dass seine Stellung von nun an vollkommen gefestigt war.

Man kannte ihn nicht nur, man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt und an ihn selbst. Zweimal hatte er Aufträge beim Kaiser persönlich ausgeführt, sodass der Kaiser ihn vom Sehen kannte, und alle aus der nächsten Umgebung mieden ihn nicht nur nicht mehr wie früher, als er ihnen als neues Gesicht galt, sondern wären verwundert gewesen, wenn er gefehlt hätte.

Boris wohnte mit einem anderen Adjutanten zusammen, dem polnischen Grafen Schilinski. Schilinski, ein in Paris erzogener Pole, war reich und liebte die Franzosen leidenschaftlich, und fast jeden Tag kamen während des Aufenthalts in Tilsit französische Offiziere der Garde und des französischen Hauptstabs zu Schilinski und Boris zum Mittagessen und zum Frühstück.

Am 24. Juni gab Graf Schilinski, Boris’ Mitbewohner, am Abend für seine französischen Bekannten ein Souper. Bei diesem Souper war ein Ehrengast zugegen – einer der Adjutanten Napoleons –, außerdem einige Offiziere der französischen Garde und ein junger Knabe aus einer alten französischen Adelsfamilie, ein Page Napoleons. Am selben Tag kam Rostow, die Dunkelheit nutzend, um nicht erkannt zu werden, in Zivil nach Tilsit und betrat die Wohnung von Schilinski und Boris.

In Rostow hatte sich, ebenso wie in der ganzen Armee, aus der er kam, jener Umschwung gegenüber Napoleon und den Franzosen, die aus Feinden zu Freunden geworden waren, noch lange nicht vollzogen, der im Hauptquartier und in Boris stattgefunden hatte. In der Armee empfand man nach wie vor das alte gemischte Gefühl aus Hass, Verachtung und Furcht gegenüber Bonaparte und den Franzosen. Noch vor Kurzem hatte Rostow im Gespräch mit einem Kosakenoffizier aus Platows Truppen darüber gestritten, dass man Napoleon, wenn er gefangen genommen würde, nicht wie einen Herrscher, sondern wie einen Verbrecher behandeln würde. Noch vor Kurzem war er unterwegs einem verwundeten französischen Oberst begegnet. Rostow hatte sich ereifert und ihm zu beweisen versucht, dass es zwischen einem rechtmäßigen Herrscher und dem Verbrecher Bonaparte keinen Frieden geben könne. Deshalb berührte Rostow in Boris’ Wohnung der Anblick französischer Offiziere seltsam, in eben jenen Uniformen, die er aus der Plänklerkette ganz anders zu betrachten gewohnt war. Kaum hatte er den französischen Offizier erblickt, der sich zur Tür herausbeugte, als ihn plötzlich jenes Gefühl des Krieges, der Feindseligkeit ergriff, das er beim Anblick des Gegners stets empfand. Er blieb auf der Schwelle stehen und fragte auf Russisch, ob hier Drubezkoi wohne. Boris, der im Vorzimmer eine fremde Stimme vernahm, kam ihm entgegen. Sein Gesicht drückte im ersten Augenblick, als er Rostow erkannte, Verdruss aus.

– Ach, du bist es, sehr erfreut, sehr erfreut, dich zu sehen, – sagte er dennoch lächelnd und ging auf ihn zu. Aber Rostow hatte seine erste Regung bemerkt.

– Ich komme wohl ungelegen, – sagte er, – ich wäre nicht gekommen, aber ich habe ein Anliegen, – sagte er kühl …

– Nein, ich wundere mich nur, wie du vom Regiment hergekommen bist. Dans un moment je suis à vous 4, – wandte er sich der Stimme zu, die nach ihm rief.

– Ich sehe, dass ich ungelegen komme, – wiederholte Rostow.

Der Ausdruck des Verdrusses war aus Boris’ Gesicht bereits verschwunden; offenbar hatte er überlegt und entschieden, was er tun sollte, denn mit besonderer Ruhe nahm er ihn bei beiden Händen und führte ihn ins Nebenzimmer. Boris’ Augen, die ruhig und fest auf Rostow blickten, waren wie von etwas verhüllt, als wäre eine Art Schirm vor ihnen – die blaue Brille der gesellschaftlichen Umgangsformen war ihnen aufgesetzt. So schien es Rostow.

– Ach, hör auf, ich bitte dich, wie könntest du ungelegen kommen, – sagte Boris. Boris führte ihn in das Zimmer, in dem das Souper gedeckt war, stellte ihn den Gästen vor, nannte seinen Namen und erklärte, dass er kein Zivilist, sondern Husarenoffizier sei, sein alter Freund. – Graf Schilinski, le comte N. N., le capitaine S. S. 5, – nannte er die Gäste. Rostow blickte die Franzosen finster an, verbeugte sich widerwillig und schwieg.

Schilinski nahm dieses neue russische Gesicht in seinem Kreis offenbar nicht mit Freuden auf und sagte nichts zu Rostow. Boris schien die Befangenheit, die durch das Erscheinen des neuen Gastes entstanden war, nicht zu bemerken und bemühte sich mit derselben angenehmen Ruhe und demselben verhüllten Blick, mit dem er Rostow empfangen hatte, das Gespräch zu beleben. Einer der Franzosen wandte sich mit der üblichen französischen Höflichkeit an den beharrlich schweigenden Rostow und sagte, er sei wohl nach Tilsit gekommen, um den Kaiser zu sehen.

– Nein, ich habe ein Anliegen, – antwortete Rostow knapp.

Rostow war sogleich verstimmt, nachdem er den Unmut auf Boris’ Gesicht bemerkt hatte, und wie es bei verstimmten Menschen immer geschieht, schien es ihm, dass alle ihn unfreundlich ansahen und dass er allen im Weg war. Und tatsächlich war er allen im Weg und blieb als Einziger außerhalb des von Neuem in Gang gekommenen allgemeinen Gesprächs. „Was sitzt der eigentlich hier?“, sagten die Blicke, die die Gäste ihm zuwarfen. Er stand auf und trat zu Boris.

– Ich störe dich aber, – sagte er leise zu ihm, – lass uns über meine Sache sprechen, dann gehe ich.

– Aber nein, ganz und gar nicht, – sagte Boris. – Und wenn du müde bist, komm in mein Zimmer und leg dich hin, ruh dich aus.

– Ja, wirklich …

Sie betraten das kleine Zimmer, in dem Boris schlief. Rostow setzte sich nicht, sondern begann sofort gereizt – als hätte Boris sich ihm gegenüber irgendetwas zuschulden kommen lassen – ihm Denissows Sache zu erzählen, und fragte, ob er bereit und imstande sei, sich über seinen General beim Kaiser für Denissow zu verwenden und durch ihn den Brief zu übergeben. Als sie allein waren, merkte Rostow zum ersten Mal, dass es ihm unangenehm war, Boris in die Augen zu sehen. Boris hatte die Beine übereinandergeschlagen, strich mit der linken Hand über die schmalen Finger der rechten und hörte Rostow zu, wie ein General den Bericht eines Untergebenen anhört, bald zur Seite blickend, bald mit demselben verhüllten Blick Rostow gerade in die Augen sehend. Jedes Mal wurde es Rostow dabei unbehaglich, und er senkte die Augen.

– Ich habe von derartigen Fällen gehört und weiß, dass der Kaiser in solchen Dingen sehr streng ist. Ich denke, man sollte es nicht bis zu Seiner Majestät bringen. Meiner Meinung nach wäre es besser, sich direkt an den Korpskommandeur zu wenden … Aber im Allgemeinen denke ich …

– Du willst also nichts tun, dann sag es doch! – schrie Rostow beinahe, ohne Boris in die Augen zu sehen.

Boris lächelte.

– Im Gegenteil, ich werde tun, was ich kann, ich dachte nur …

In diesem Augenblick war an der Tür Schilinskis Stimme zu hören, die nach Boris rief.

– Na, geh, geh, – sagte Rostow, und nachdem er das Souper abgelehnt hatte und allein in dem kleinen Zimmer geblieben war, ging er lange darin auf und ab und lauschte dem fröhlichen französischen Geplauder aus dem Nebenzimmer.

Rostow war an einem Tag nach Tilsit gekommen, der für eine Fürsprache zugunsten Denissows am wenigsten geeignet war. Er selbst konnte nicht zum diensthabenden General gehen, da er im Frack und ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten nach Tilsit gekommen war, und Boris hätte es, selbst wenn er gewollt hätte, am Tag nach Rostows Ankunft nicht tun können. An jenem Tag, dem 27. Juni, wurden die ersten Friedensbedingungen unterzeichnet.

Die Kaiser tauschten Orden aus: Alexander erhielt die Ehrenlegion und Napoleon den Andreasorden erster Klasse, und für diesen Tag war ein Festmahl für das Preobraschenski-Bataillon angesetzt, das ihm ein Bataillon der französischen Garde gab. Die Herrscher sollten diesem Bankett beiwohnen.

Rostow war es bei Boris so peinlich und unangenehm, dass er sich, als Boris nach dem Souper zu ihm hereinschaute, schlafend stellte und am nächsten Morgen früh, bemüht, ihm nicht zu begegnen, das Haus verließ. Im Frack und mit rundem Hut streifte Nikolai durch die Stadt, betrachtete die Franzosen und ihre Uniformen, betrachtete die Straßen und die Häuser, in denen der russische und der französische Kaiser wohnten. Auf dem Platz sah er, wie Tische aufgestellt und das Festmahl vorbereitet wurde, in den Straßen sah er gespannte Draperien mit Fahnen in den russischen und französischen Farben und riesige Monogramme A. und N. Auch in den Fenstern der Häuser hingen Fahnen und Monogramme.

„Boris will mir nicht helfen, und ich will mich auch nicht an ihn wenden. Das ist entschieden“, dachte Nikolai, „zwischen uns ist alles aus, aber ich fahre nicht von hier fort, ohne alles getan zu haben, was ich für Denissow tun kann, und vor allem nicht, ohne den Brief dem Kaiser übergeben zu haben. Dem Kaiser?! Er ist hier!“, dachte Rostow und näherte sich unwillkürlich wieder dem Haus, das Alexander bewohnte.

Vor diesem Haus standen Reitpferde, und das Gefolge versammelte sich, offenbar in Vorbereitung auf den Ausritt des Kaisers.

„Jeden Augenblick kann ich ihn sehen“, dachte Rostow. „Wenn ich ihm nur den Brief direkt übergeben und ihm alles sagen könnte … Würde man mich wirklich wegen des Fracks verhaften? Unmöglich! Er würde verstehen, auf wessen Seite die Gerechtigkeit ist. Er versteht alles, weiß alles. Wer könnte gerechter und großmütiger sein als er? Und selbst wenn man mich verhaften würde, weil ich hier bin, was wäre schon dabei?“, dachte er und sah einem Offizier nach, der das vom Kaiser bewohnte Haus betrat. „Da gehen doch auch andere hinein. Ach! Alles Unsinn! Ich gehe hin und übergebe den Brief selbst dem Kaiser: umso schlimmer für Drubezkoi, der mich so weit gebracht hat.“ Und plötzlich ging Rostow mit einer Entschlossenheit, die er selbst nicht von sich erwartet hatte, nachdem er den Brief in der Tasche betastet hatte, geradewegs auf das Haus zu, das der Kaiser bewohnte.

„Nein, jetzt lasse ich mir die Gelegenheit nicht entgehen wie nach Austerlitz“, dachte er, während er jede Sekunde erwartete, dem Kaiser zu begegnen, und bei diesem Gedanken fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen strömte. „Ich werde ihm zu Füßen fallen und ihn bitten. Er wird mich aufheben, mich anhören und mir noch dazu danken.“

„Ich bin glücklich, wenn ich Gutes tun kann, aber ein Unrecht wiedergutzumachen ist das größte Glück“, stellte sich Rostow die Worte vor, die der Kaiser zu ihm sagen würde. Und er ging an den Leuten vorbei, die ihn neugierig ansahen, auf die Freitreppe des vom Kaiser bewohnten Hauses.

Von der Freitreppe führte eine breite Treppe geradewegs nach oben; rechts war eine geschlossene Tür zu sehen. Unten, unter der Treppe, befand sich eine Tür ins Erdgeschoss.

– Zu wem wollen Sie? – fragte jemand.

– Einen Brief abgeben, ein Gesuch an Seine Majestät, – sagte Nikolai mit zitternder Stimme.

– Gesuche gehen an den Diensthabenden, bitte hierher (man wies ihm die Tür unten). Man wird es aber nicht annehmen.

Als Rostow diese gleichgültige Stimme hörte, erschrak er über das, was er tat; der Gedanke, jeden Augenblick dem Kaiser zu begegnen, war für ihn so verlockend und darum so furchtbar, dass er bereit war davonzulaufen, doch der Kammerfourier, der ihn empfangen hatte, öffnete ihm die Tür zum Dienstzimmer, und Rostow trat ein.

In diesem Zimmer stand ein kleiner, beleibter Mann von etwa dreißig Jahren in weißen Pantalons, Stulpenstiefeln und einem offenbar eben erst angezogenen Batisthemd; ein Kammerdiener knöpfte ihm hinten prächtige neue, mit Seide bestickte Hosenträger zu, die Rostow aus irgendeinem Grund bemerkte. Dieser Mann unterhielt sich mit jemandem, der sich im anderen Zimmer befand.

– Bien faite et la beauté du diable 6, – sagte dieser Mann, und als er Rostow erblickte, hörte er auf zu sprechen und runzelte die Stirn.

– Was wünschen Sie? Ein Gesuch? …

– Qu'est ce que c'est? 7 – fragte jemand aus dem anderen Zimmer.

– Encore un pétitionnaire 8, – antwortete der Mann mit den Hosenträgern.

– Sagen Sie ihm, später. Er kommt gleich heraus, wir müssen los.

– Später, später, morgen. Es ist zu spät …

Rostow wandte sich um und wollte hinausgehen, doch der Mann mit den Hosenträgern hielt ihn zurück.

– Von wem? Wer sind Sie?

– Von Major Denissow, – antwortete Rostow.

– Wer sind Sie? Offizier?

– Leutnant, Graf Rostow.

– Welch eine Kühnheit! Reichen Sie es auf dem Dienstweg ein. Und Sie selbst gehen jetzt, gehen Sie … – Und er begann, die Uniform anzuziehen, die ihm der Kammerdiener reichte.

Rostow trat wieder in den Flur hinaus und bemerkte, dass sich auf der Freitreppe bereits viele Offiziere und Generale in voller Paradeuniform eingefunden hatten, an denen er vorbeigehen musste.

Seine Kühnheit verfluchend, erstarrt bei dem Gedanken, dass er jeden Augenblick dem Kaiser begegnen und in dessen Gegenwart bloßgestellt und in Arrest geschickt werden könnte, die ganze Ungehörigkeit seines Handelns vollkommen begreifend und sie bereuend, bahnte sich Rostow mit gesenkten Augen den Weg aus dem Haus, das von einer Menge glänzenden Gefolges umgeben war, als eine bekannte Stimme ihn anrief und eine Hand ihn festhielt.

– Was machen Sie denn hier im Frack, mein Lieber? – fragte ihn eine Bassstimme.

Es war ein Kavalleriegeneral, der sich in diesem Feldzug die besondere Gunst des Kaisers erworben hatte, der frühere Kommandeur der Division, in der Rostow diente.

Rostow begann erschrocken, sich zu rechtfertigen, doch als er das gutmütig-scherzhafte Gesicht des Generals sah, trat er zur Seite und berichtete ihm mit erregter Stimme die ganze Sache und bat ihn, sich für Denissow einzusetzen, den der General kannte. Der General hörte Rostow an und schüttelte ernst den Kopf.

– Schade, schade um den tapferen Burschen; gib den Brief her.

Kaum hatte Rostow den Brief übergeben und Denissows ganze Sache erzählt, als von der Treppe her rasche Schritte mit Sporen klirrten, und der General trat von ihm weg und rückte näher an die Freitreppe. Die Herren des kaiserlichen Gefolges liefen die Treppe hinunter und gingen zu den Pferden. Der Bereiter Ehne, derselbe, der in Austerlitz gewesen war, führte das Pferd des Kaisers heran, und auf der Treppe war ein leises Knarren von Schritten zu hören, das Rostow sofort erkannte. Die Gefahr, erkannt zu werden, vergessend, drängte sich Rostow mit einigen neugierigen Einwohnern bis dicht an die Freitreppe heran und sah wieder, nach zwei Jahren, dieselben von ihm angebeteten Züge, dasselbe Gesicht, denselben Blick, denselben Gang, dieselbe Verbindung von Hoheit und Sanftmut … Und das Gefühl der Begeisterung und der Liebe zum Kaiser erwachte mit der früheren Kraft in Rostows Seele. Der Kaiser in der Uniform des Preobraschenski-Regiments, in weißen Lederhosen und hohen Stulpenstiefeln, mit einem Stern, den Rostow nicht kannte (es war die Légion d'Honneur 9), trat auf die Freitreppe hinaus, den Hut unter dem Arm, und zog einen Handschuh an. Er blieb stehen, blickte umher und erleuchtete alles um sich herum mit seinem Blick. Einigen Generalen sagte er ein paar Worte. Er erkannte auch den früheren Divisionskommandeur Rostows, lächelte ihm zu und winkte ihn zu sich heran.

Das ganze Gefolge trat zurück, und Rostow sah, wie dieser General ziemlich lange etwas zum Kaiser sagte.

Der Kaiser sagte ihm einige Worte und machte einen Schritt auf sein Pferd zu. Wieder drängten sich die Menge des Gefolges und die Menge auf der Straße, in der sich Rostow befand, an den Kaiser heran.

Beim Pferd stehen bleibend und mit der Hand den Sattel fassend, wandte sich der Kaiser an den Kavalleriegeneral und sprach laut, offensichtlich in dem Wunsch, dass alle ihn hörten.

– Ich kann nicht, General, und ich kann deshalb nicht, weil das Gesetz stärker ist als ich, – sagte der Kaiser und setzte den Fuß in den Steigbügel. Der General neigte ehrerbietig den Kopf, der Kaiser saß auf und ritt im Galopp die Straße entlang. Rostow, außer sich vor Begeisterung, lief mit der Menge hinter ihm her.

Auf dem Platz, zu dem der Kaiser ritt, standen einander gegenüber rechts ein Bataillon der Preobraschenzen, links ein Bataillon der französischen Garde in Bärenfellmützen.

Während der Kaiser auf die eine Flanke der Bataillone zuritt, die das Gewehr präsentierten, sprengte auf die gegenüberliegende Flanke eine andere Reiterschar zu, und an ihrer Spitze erkannte Rostow Napoleon. Das konnte niemand anders sein. Er ritt im Galopp, mit kleinem Hut, das Andreasband über der Schulter, in einer über der weißen Weste geöffneten blauen Uniform, auf einem ungewöhnlich edlen grauen Araberpferd mit himbeerroter, goldbestickter Schabracke. Als er bei Alexander angelangt war, lüftete er den Hut, und bei dieser Bewegung konnte Rostows Kavalleristenauge nicht übersehen, dass Napoleon schlecht und unsicher zu Pferde saß. Die Bataillone riefen „Hurra“ und „Vive l'Empereur!“ 10 Napoleon sagte etwas zu Alexander. Beide Kaiser stiegen von den Pferden und fassten einander bei den Händen. Auf Napoleons Gesicht lag ein unangenehm gekünsteltes Lächeln. Alexander sagte mit freundlichem Ausdruck etwas zu ihm.

Rostow verfolgte, ohne den Blick abzuwenden, obwohl die Pferde der französischen Gendarmen, die die Menge zurückdrängten, um ihn herumtrampelten, jede Bewegung Kaiser Alexanders und Bonapartes. Unerwartet traf ihn die Tatsache, dass Alexander sich Bonaparte gegenüber wie ein Gleichgestellter benahm und dass Bonaparte völlig ungezwungen, als wäre ihm diese Nähe zum Kaiser natürlich und vertraut, mit dem russischen Zaren wie mit seinesgleichen verkehrte.

Der französische Kaiser Napoleon.
Der russische Zar Alexander I.
Alexander und Napoleon mit dem langen Schweif ihres Gefolges traten an die rechte Flanke des Preobraschenski-Bataillons heran, geradewegs auf die Menge zu, die dort stand.

Die Menge befand sich unerwartet so nahe bei den Kaisern, dass es Rostow, der in ihren vorderen Reihen stand, angst und bange wurde, man könnte ihn erkennen.

– Sire, je vous demande la permission de donner la Légion d'Honneur au plus brave de vos soldats 11, – sagte eine scharfe, präzise Stimme, die jeden Buchstaben deutlich aussprach.

Es war der kleingewachsene Bonaparte, der von unten herauf Alexander gerade in die Augen sah. Alexander hörte aufmerksam zu, was man ihm sagte, neigte den Kopf und lächelte angenehm.

– A celui qui s'est le plus vaillament conduit dans cette dernière guerre 12, – fügte Napoleon hinzu, jede Silbe betonend, und musterte mit einer für Rostow empörenden Ruhe und Selbstsicherheit die Reihen der vor ihm strammstehenden russischen Soldaten, die alle das Gewehr präsentierten und unverwandt ins Gesicht ihres Kaisers blickten.

– Votre majesté me permettra-t-elle de demander l'avis du colonel 13, – sagte Alexander und machte einige hastige Schritte auf Fürst Koslowski zu, den Kommandeur des Bataillons. Bonaparte begann unterdessen, den Handschuh von seiner weißen kleinen Hand zu ziehen, zerriss ihn und warf ihn fort. Ein Adjutant stürzte von hinten eilig nach vorn und hob ihn auf.

– Wem soll ich ihn geben? – fragte Kaiser Alexander Koslowski leise auf Russisch.

– Wem Sie befehlen, Majestät.

Der Kaiser verzog unzufrieden das Gesicht, blickte sich um und sagte:

– Man muss ihm doch antworten.

Koslowski blickte mit entschlossener Miene über die Reihen und erfasste mit diesem Blick auch Rostow.

„Doch nicht etwa mich?“, dachte Rostow.

– Lasarew! – kommandierte der Oberst mit gerunzelter Stirn; und der dem Rang nach erste Soldat, Lasarew, trat forsch vor.

– Wo willst du denn hin? Bleib hier stehen! – flüsterten Stimmen Lasarew zu, der nicht wusste, wohin er gehen sollte. Lasarew blieb stehen, schielte erschrocken zum Oberst hinüber, und sein Gesicht zuckte, wie es bei Soldaten geschieht, die vor die Front gerufen werden.

Napoleon wandte den Kopf ein wenig nach hinten und streckte seine kleine, rundliche Hand nach hinten aus, als wollte er etwas nehmen.

Die Herren seines Gefolges, die im selben Augenblick erraten hatten, worum es ging, gerieten in Bewegung, flüsterten und reichten einander etwas weiter, und der Page, derselbe, den Rostow gestern bei Boris gesehen hatte, lief nach vorn, beugte sich ehrerbietig über die ausgestreckte Hand und legte, ohne sie auch nur eine Sekunde warten zu lassen, einen Orden am roten Band hinein. Napoleon drückte, ohne hinzusehen, zwei Finger zusammen. Der Orden befand sich zwischen ihnen. Napoleon trat auf Lasarew zu, der mit aufgerissenen Augen beharrlich nur seinen eigenen Kaiser ansah, und blickte sich nach Kaiser Alexander um, um damit zu zeigen, dass er das, was er jetzt tat, für seinen Verbündeten tat. Die kleine weiße Hand mit dem Orden berührte einen Knopf des Soldaten Lasarew. Als wüsste Napoleon, dass es, damit dieser Soldat für immer glücklich, belohnt und vor allen auf der Welt ausgezeichnet sei, nur nötig war, dass seine, Napoleons, Hand die Brust des Soldaten zu berühren geruhte. Napoleon legte das Kreuz nur an Lasarews Brust, ließ die Hand sinken und wandte sich an Alexander, als wüsste er, dass das Kreuz an Lasarews Brust haften bleiben müsse. Das Kreuz blieb tatsächlich haften, denn sowohl russische als auch französische dienstbeflissene Hände hatten das Kreuz augenblicklich aufgefangen und an der Uniform befestigt. Lasarew sah finster auf den kleinen Mann mit den weißen Händen, der irgendetwas mit ihm angestellt hatte, und während er weiterhin reglos das Gewehr präsentierte, begann er wieder Alexander gerade in die Augen zu sehen, als fragte er Alexander, ob er noch weiter stehen solle oder ob man ihm nicht befehlen werde, jetzt ein paar Schritte zu gehen, oder vielleicht noch etwas anderes zu tun. Doch man befahl ihm nichts, und er verharrte ziemlich lange in diesem reglosen Zustand.

Die Herrscher stiegen zu Pferde und ritten davon. Die Preobraschenzen lösten ihre Reihen auf, mischten sich unter die französischen Gardisten und setzten sich an die für sie vorbereiteten Tische.

Lasarew saß auf dem Ehrenplatz; russische und französische Offiziere umarmten ihn, gratulierten ihm und schüttelten ihm die Hände. Scharen von Offizieren und Volk kamen herbei, nur um Lasarew anzusehen. Ein Stimmengewirr aus russischer und französischer Rede und Gelächter erfüllte den Platz um die Tische.

Zwei Offiziere mit geröteten Gesichtern, fröhlich und glücklich, gingen an ihm vorbei.

– Was für eine Bewirtung, Bruder, – alles auf Silber, – sagte der eine. – Hast du Lasarew gesehen?

– Hab ich.

– Morgen, heißt es, werden die Preobraschenzen sie bewirten.

– Nein, was für ein Glück für Lasarew! Zwölfhundert Francs lebenslange Pension.

– Na, das ist mal eine Mütze, Leute! – rief ein Preobraschenze und setzte sich die zottige Mütze eines Franzosen auf.

– Wunderbar, herrlich!

– Hast du die Losung gehört? – sagte ein Gardeoffizier zu einem anderen. – Vorgestern war es Napoléon, France, bravoure 14, gestern Alexandre, Russie, grandeur 15; an einem Tag gibt unser Kaiser die Losung aus, am anderen Napoleon. Morgen wird der Kaiser dem tapfersten der französischen Gardisten das Georgskreuz schicken. Es geht ja nicht anders! Er muss mit Gleichem antworten.

Boris war mit seinem Kameraden Schilinski ebenfalls gekommen, um sich das Bankett der Preobraschenzen anzusehen. Auf dem Rückweg bemerkte Boris Rostow, der an einer Hausecke stand.

– Rostow! Guten Tag; wir haben uns gar nicht gesehen, – sagte er zu ihm und konnte sich nicht enthalten, ihn zu fragen, was mit ihm los sei: so seltsam finster und verstört war Rostows Gesicht.

– Nichts, nichts, – antwortete Rostow.

– Kommst du vorbei?

– Ja, ich komme vorbei.

Rostow stand lange an der Ecke und blickte von Weitem auf die Feiernden. In seinem Kopf vollzog sich eine quälende Arbeit, die er durchaus nicht zu Ende bringen konnte. In seiner Seele stiegen furchtbare Zweifel auf. Bald erinnerte er sich an Denissow mit seinem veränderten Ausdruck, mit seiner Ergebenheit, und an das ganze Lazarett mit diesen abgerissenen Armen und Beinen, mit diesem Schmutz und diesen Krankheiten. Es schien ihm so lebhaft, dass er jetzt diesen Lazarettgeruch toter Körper wahrnehme, dass er sich umsah, um zu verstehen, woher dieser Geruch kommen könne. Bald erinnerte er sich an diesen selbstzufriedenen Bonaparte mit seiner weißen kleinen Hand, der nun Kaiser war und den Kaiser Alexander liebte und achtete.

Wozu dann die abgerissenen Arme, Beine, die getöteten Menschen? Bald erinnerte er sich an den ausgezeichneten Lasarew und an Denissow, bestraft und nicht begnadigt. Er ertappte sich bei so seltsamen Gedanken, dass er vor ihnen erschrak.

Der Geruch vom Essen der Preobraschenzen und der Hunger rissen ihn aus diesem Zustand; er musste etwas essen, bevor er abreiste. Er ging zu dem Gasthof, den er am Morgen gesehen hatte. Im Gasthof traf er so viele Leute und Offiziere an, die wie er in Zivilkleidung gekommen waren, dass er mit Mühe ein Mittagessen bekam. Zwei Offiziere aus seiner Division setzten sich zu ihm. Das Gespräch kam natürlich auf den Frieden. Die Offiziere, Rostows Kameraden, waren wie der größte Teil der Armee unzufrieden mit dem nach Friedland geschlossenen Frieden. Man sagte, hätte man noch ein wenig länger ausgehalten, wäre Napoleon verloren gewesen, denn seine Truppen hätten weder Zwieback noch Munition mehr gehabt. Nikolai aß schweigend und trank vor allem. Er trank allein zwei Flaschen Wein. Die innere Arbeit, die in ihm aufgestiegen war und keine Lösung fand, quälte ihn nach wie vor. Er fürchtete sich, seinen Gedanken nachzuhängen, und konnte doch nicht von ihnen lassen. Plötzlich, auf die Worte eines der Offiziere, es sei kränkend, die Franzosen anzusehen, begann Rostow mit einer Heftigkeit zu schreien, die durch nichts gerechtfertigt war und die Offiziere deshalb sehr verwunderte.

– Wie können Sie beurteilen, was besser gewesen wäre! – schrie er, und sein Gesicht lief plötzlich rot an. – Wie können Sie über die Handlungen des Kaisers urteilen, welches Recht haben wir, darüber zu räsonieren?! Wir können weder die Ziele noch die Handlungen des Kaisers begreifen!

– Ich habe doch kein Wort über den Kaiser gesagt, – rechtfertigte sich der Offizier, der sich Rostows Aufbrausen nicht anders erklären konnte als damit, dass Rostow betrunken war.

Aber Rostow hörte ihm nicht zu.

– Wir sind keine diplomatischen Beamten, wir sind Soldaten und sonst nichts, – fuhr er fort. – Befiehlt man uns zu sterben – dann sterben wir. Und wenn man bestraft, dann heißt das – schuldig; es ist nicht an uns zu urteilen. Gefällt es Seiner Majestät dem Kaiser, Bonaparte als Kaiser anzuerkennen und mit ihm ein Bündnis zu schließen – dann muss es so sein. Wenn wir aber anfingen, über alles zu urteilen und zu räsonieren, dann bliebe ja nichts Heiliges mehr übrig. Dann würden wir noch sagen, dass es keinen Gott gibt, dass es nichts gibt, – schrie Nikolai und schlug auf den Tisch, nach den Begriffen seiner Tischgenossen sehr unpassend, aber ganz folgerichtig im Gang seiner Gedanken.

– Unsere Sache ist es, unsere Pflicht zu tun, dreinzuschlagen und nicht zu denken, das ist alles, – schloss er.

– Und zu trinken, – sagte einer der Offiziere, der keinen Streit wollte.

– Ja, und zu trinken, – griff Nikolai auf. – He, du! Noch eine Flasche! – rief er.


Den ganzen Roman kann man online lesen, zum Beispiel in der Internetbibliothek von Alexej Komarow.

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1 – Ich würde gern den großen Mann sehen.

2 – Sie sprechen von Buonaparte?

3 – Fürst, ich spreche von Kaiser Napoleon.

4 – Gleich stehe ich zu Ihren Diensten.

5 – Graf N. N., Hauptmann S. S.

6 – Gut gebaut und teuflisch schön.

7 – Was ist das?

8 – Noch ein Bittsteller.

9 – Der Stern der Ehrenlegion.

10 – „Es lebe der Kaiser!“

11 – Sire, ich bitte um Ihre Erlaubnis, dem tapfersten Ihrer Soldaten den Orden der Ehrenlegion zu verleihen.

12 – Demjenigen, der sich in diesem Krieg am tapfersten verhalten hat.

13 – Erlauben Sie mir, Majestät, die Meinung des Obersten einzuholen.

14 – Napoleon, Frankreich, Tapferkeit.

15 – Alexander, Russland, Größe.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.