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„Aus dem Sieg geboren“: das Jahr 1945 in der Geschichte des Gebiets Kaliningrad

„Aus dem Sieg geboren“: das Jahr 1945 in der Geschichte des Gebiets Kaliningrad

Siegesparade. Kaliningrad, 2015.

„Aus dem Sieg geboren“ – das ist ein alter Topos. Er taucht in den Kaliningrader Massentexten der ersten Nachkriegsjahre auf und begegnet in den folgenden Jahren immer wieder, bis heute.

Die Wurzel des Übels in Deutschland ist Preußen

Zum Nachlesen

Die Worte „Die Wurzel des Übels in Deutschland ist Preußen“ sprach Winston Churchill auf der Konferenz von Teheran am 1. Dezember 1943.

„Aus dem Sieg geboren. Das Gebiet Kaliningrad: Forschungen, Dokumente, Materialien“ – so heißt eine populärwissenschaftliche Buchreihe, deren Herausgabe von der Gebietsverwaltung angeregt wurde. Der erste Band wurde im Februar 2005 unter dem Titel „Am Anfang eines neuen Weges“ vorgestellt.

Die militärischen Kontakte der Russen mit Ostpreußen haben eine lange und reiche Geschichte. Mehrmals standen russische Truppen auf diesem Territorium. Die letzte massenhafte „Bekanntschaft“ mit Ostpreußen fand 1944 statt, als sowjetische Soldaten „jenseits von Eydtkuhnen“ (die Siedlung Tschernyschewskoje an der Grenze zu Litauen) erschienen. Vor Beginn der Ostpreußischen Operation wurden für sie, wie sich General Galizki erinnert, „Vorträge zu den Themen ‚Besonderheiten der Kämpfe in Ostpreußen‘ gehalten“, in denen die „kämpferischen und revolutionären Traditionen der Vergangenheit“ der russischen Armee dargelegt wurden: der Siebenjährige Krieg, der Erste Weltkrieg.

Am Ende des Krieges, während der Ostpreußischen Operation, schuf die Militärpropaganda ein düsteres Bild Ostpreußens, das die Kämpfer auf den Zusammenstoß mit dem Feind einstimmte:

„… Da ist es, das Deutschenland … Hier, in diesen finsteren Häusern, zogen die Deutschen Horden von Mördern, Brandstiftern und Plünderern groß. … Zorn und Hass brodeln in meinem Herzen. Zittere, deutsche Bestie! … Wir werden sie an das Jahr 1941 erinnern. … Zerschlagen wir, vernichten wir die Bestie auf deutschem Boden!“ (Frontzeitung „Für die Heimat!“, 1944).

Für die ersten sowjetischen Siedler in Ostpreußen – die Rotarmisten – bestimmte das offizielle Bild des faschistischen Feindes und seiner entsprechend aussehenden Behausung in gewissem Maße die ersten Schritte auf dem neuen Land. Ende der 1960er Jahre erinnerte sich einer der Umsiedler, der 1946 in das Kaliningrader Waggonbauwerk geschickt worden war:

„Von Königsberg hatten wir schon früher gehört. Wir wussten, dass es die ehemalige Hauptstadt Ostpreußens war, eine Stadt, die ein Bollwerk des deutschen Militarismus gewesen war. Und nun mussten wir dorthin übersiedeln – in den äußersten Westen des Landes“ (1967).

Krieg und Sieg sind die zentralen Ereignisse im Geschichtsbild des Gebiets Kaliningrad. Gerade mit der Beschreibung des Krieges (verschiedener Episoden der Ostpreußischen Operation) beginnt die Darstellung der örtlichen Geschichte.

„Der Atem des Sieges“

Die Vorkriegsgeschichte dieses Landes blieb den Umsiedlern und ihren Nachkommen verschlossen. Es wurde behauptet, dass es „von Adam bis Potsdam“ auf diesem Land nichts Erinnerungswürdiges gegeben habe.

Die Geschichte der Ostpreußischen Operation wurde dagegen breit popularisiert. Das ist überall festgehalten: Das erste Kino der Stadt erhielt den Namen „Pobeda“ (Sieg – zu Ehren der Einnahme Königsbergs), der Prospekt, an dem es liegt, wurde Siegesprospekt genannt. Auch ein Platz im Zentrum der Stadt wurde Siegesplatz genannt.

Der Krieg ist über das Gebiet Kaliningrad in Hunderten von Namen verstreut: Armeiskoje, Krasnoarmeiskoje, Soldatskoje, Gwardeisk, Krasnosnamensk, Pobedino, Marschalskoje usw. Kolchosen und landwirtschaftliche Artels trugen in den ersten Nachkriegsjahren die Namen von Heerführern: Rokossowski, Wassilewski, Tschernjachowski u. a. Die Namen vieler Straßen, Städte und Dörfer sind Anthroponyme und mit den Namen von Helden verbunden, die in der Ostpreußischen Operation gefallen sind: Laduschkin, Nesterow, Gussew, Mamonowo, Tschernjachowsk, Gastello, Gurjewsk u. a. Ein erheblicher Teil der touristischen Routen des Gebiets aus sowjetischer Zeit, die mit Kultur und Geschichte verbunden waren, sind Routen zu Gedenkstätten des Großen Vaterländischen Krieges: „Der Sturm auf Königsberg“, „Flieger in der Königsberger Operation“, „Fort Nr. 5 – Ort des Massenheldentums sowjetischer Soldaten“, „Zu den Ruhmesstätten russischer und sowjetischer Waffen“, „Durch die Städte, die die Namen von Helden tragen“ und dergleichen.

Im heutigen Kaliningrad gibt es, wie im sowjetischen Kaliningrad, ziemlich viel „Krieg“. Außer in den Museen ist er über die ganze Stadt verstreut – in Form von Namen und Bezeichnungen, Denkmälern und Gedenktafeln, Kanonen und anderen Waffen, die in Parks und an Gedenkstätten ausgestellt sind.

In sowjetischer Zeit wurden Bücher über die Ostpreußische Operation und die Kampfhandlungen an der Ostsee in Massenauflagen herausgegeben. Die erste Broschüre1 zu diesem Thema erschien 1946 und enthielt drei Aufsätze „über die Besonderheiten der von den Truppen der 3. und 2. Belorussischen Front durchgeführten Operation“. Die Kampfhandlungen der sowjetischen Truppen wurden mit denen der russischen Truppen in Ostpreußen 1914 verglichen.

In verschiedenen Jahren erschienen Bücher „über Soldaten, deren Namen für immer in die Listen der Truppenteile eingetragen sind, nach deren Namen Städte, Siedlungen und Straßen benannt sind“, sowie über Teilnehmer der Ostpreußischen Operation, die mit den höchsten Auszeichnungen geehrt wurden.

Der Sturm auf Königsberg wird zu einem wichtigen Teil des Geschichtsbildes der „neuen sowjetischen Stadt“. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Einzelheiten des Sturms ans Licht. Insgesamt erschienen in der sowjetischen Periode etwa vier Dutzend verschiedene Titel (kleinauflagige behördeninterne Ausgaben sind hier nicht berücksichtigt).

„Ein mit russischem Blut getränktes Land“

Die Argumente, mit denen der Anschluss eines Teils Ostpreußens an die RSFSR begründet wurde, sind zahlreich und interessant. Zum Beispiel: Der Sieg hat das Böse vernichtet. Das ist eine der Begründungen dafür, warum Ostpreußen liquidiert werden musste.

Beschränken wir uns auf eine flüchtige Betrachtung eines dieser Argumente. Die Wendung „mit russischem Blut getränkt“2 als Begründung für den Anschluss eines Teils Ostpreußens an die Sowjetunion taucht seltsamerweise zum ersten Mal bei Churchill auf, in seinem Brief an Stalin vom 28. Januar 1944:

„… Der Boden dieses Teils Ostpreußens ist mit russischem Blut getränkt, das für die gemeinsame Sache großzügig vergossen wurde. Deshalb haben die Russen einen historisch gut begründeten Anspruch auf dieses deutsche Territorium.“

In der Folge wird dieses natürliche Argument zu einem der verbreitetsten.

In unausgesprochener Form wurde dieses Argument in den Diskussionen über die Umbenennung der Stadt von den Gegnern dieser Idee herangezogen: Der Name „Kaliningrad“ sei mit dem Blut der Gefallenen erkauft. Jede Umbenennung, erst recht die Rückgabe des deutschen Namens an die Stadt, sei ausgeschlossen.

«Nomina sunt odiosa...»

Nach Stalins Tod befreiten sich Kaliningrad und das Gebiet langsam von seinen Bildnissen, Denkmälern und seinem Namen, der in den Bezeichnungen verschiedenster Objekte festgehalten war: von Straßen, Betrieben, Organisationen.

Das Denkmal für die 1200 Gardisten der 11. Gardearmee, die beim Sturm auf Königsberg fielen, ist das erste Denkmal, das in der UdSSR nach Kriegsende errichtet wurde (eingeweiht im Herbst 1945).

In die Stele des Denkmals war die Medaille „Für den Sieg über Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“ mit dem Profil J. Stalins eingraviert. 1961, nach dem XX. Parteitag, wurde auf Beschluss des Kaliningrader Gebietskomitees der KPdSU an der Stelle der früheren Darstellung die Rückseite der Medaille eingraviert. Außerdem wurde die Unterschrift „Stalin“ unter den Worten „Unsere Sache ist gerecht, wir haben gesiegt“ entfernt.

2005 ergriff das Komitee der Kriegs- und Militärdienstveteranen die Initiative: „Die Medaille muss so aussehen, wie sie ursprünglich in diesem Entwurf angelegt war.“ 2005, unmittelbar vor den Feiern zum 60. Jahrestag des Sieges, erhielt die Darstellung bei der Renovierung des Denkmals ihr ursprüngliches Aussehen zurück.

„Von Sieg zu Sieg“

Der sowjetische Frühling war sehr reich an Feiertagen. Die bedeutendsten von ihnen: der 8. März – Internationaler Frauentag, der 22. April – Geburtstag W. I. Lenins, der 1. Mai – Internationaler Tag der Werktätigen, der 9. Mai – Tag des Sieges. Im Gebiet Kaliningrad kommt zu dieser Reihe noch der 9. April hinzu. Dem Tag des Sieges geht genau einen Monat früher der Tag des Sturms und der Einnahme Königsbergs voraus.

Gerade dieser letzte Umstand gab Anlass zu der Aktion „Von Sieg zu Sieg“, die Mitte der 2000er Jahre durchgeführt wurde. Diesen beiden Frühlingsfeiertagen ging der Tag der Sowjetarmee und der Seekriegsflotte (heute Tag des Vaterlandsverteidigers) voraus, der am 23. Februar begangen wird. Gerade an diesem Tag wurden Texte veröffentlicht und Veranstaltungen durchgeführt, die sich in verschiedenen Variationen am 9. April und am 9. Mai wiederholten.

Seit den ersten Jahren des Bestehens des Gebiets waren Begegnungen mit Teilnehmern am Sturm auf Königsberg und an den Kämpfen in Ostpreußen ein unverzichtbarer Bestandteil der Feiern.

Solche Begegnungen von Schülern und Jugendlichen mit Veteranen galten in sowjetischer Zeit als wichtiges Element der patriotischen Erziehung.

In der Gebietszeitung „Kaliningradskaja Prawda“, die seit Dezember 1946 erschien, findet sich ein Zeugnis darüber, wie der Tag des Sieges 1947 gefeiert wurde:

„Kaliningrad hat den Tag des Sieges freudig begangen. Am Mittag begann im Park für Kultur und Erholung ein Volksfest. Blasorchester spielten. Die Jugend spielte Volleyball und Tennis. Viele Menschen versammelten sich am Schießstand und im Zoo. Im Stadion ‚Dynamo‘ fanden die ersten Fußballspiele und Sportwettkämpfe statt. Am Abend erstrahlte der Himmel in bunten Lichtern – die Artilleriesalven des Festsaluts donnerten.“

Der Status des Tages des Sieges änderte sich mit der innenpolitischen Lage. Bis 1948 war er ein arbeitsfreier Feiertag. Von 1948 bis 1965 war der Tag des Sieges ein gewöhnlicher „roter Kalendertag“, der nicht arbeitsfrei war. Nach 1965 entsteht das Ritual der Feier des Tages des Sieges mit obligatorischen Militärparaden. Der Tag des Sieges wird zu einem wichtigen staatlichen Feiertag.

Die Bedeutung der sowjetischen Feiertage, die mit der Militärgeschichte verbunden waren, wurde im Gebiet Kaliningrad durch die Anwesenheit einer großen Zahl von Militärangehörigen verstärkt.

Über die Feier des Tages des Sieges im postsowjetischen Russland ruft einer der russischen Autoren3 aus:

„Das ist eine seltsame Entdeckung, die ich beim Beobachten der Maiparaden gemacht habe. Mit jedem Jahr mehr Worte, mehr Pomp. In all dem liegt etwas Seltsames, das sich der gewohnten historischen Berechnung entzieht. Man hat das Gefühl, als halte die Gesellschaft den alten sowjetischen Feiertag für heilig, als sei er für das neue Russland zum ‚Feiertag Nummer eins‘ geworden. … Im 9. Mai ist tatsächlich der Archetyp des Anfangs wiedererschaffen. Tag des Sieges … Aber welches Sieges? … Jenes von 45? … Nein, nicht nur dieses. Des Sieges überhaupt. Als ontologische Tatsache des Lebens. Als Feststellung: Wir sind da auf dieser Erde.“

Das Thema des Sieges bringt eine Vielzahl von Texten unterschiedlichen Charakters und unterschiedlicher Qualität hervor (Zeitungen, Internet, Straßenwerbung usw.). Mitunter kommt es in den Beschreibungen der Feiern zu Kuriositäten. Historisches Unwissen und in gewissem Maße mangelnde Professionalität haben folgenden Text hervorgebracht (2006):

„Am Tag der Befreiung Tilsits (heute Sowetsk im Gebiet Kaliningrad) fanden feierliche Veranstaltungen zu Ehren der Veteranen-Befreier statt. In der Stadt leben fünf Veteranen, denen das vom Städtischen Veteranenrat organisierte Fest gewidmet war. Nach dem Konzert überreichten Oberstufenschüler und Kinder aus dem Heim ‚Delfinchen‘, die den Wettbewerb für Schulprojekte ‚Ein Geschenk zum Neuen Jahr‘ der Stiftung der örtlichen Gemeinschaft ‚Kaliningrad‘ gewonnen hatten, den Veteranen gestrickte Sachen. Am selben Tag legten die Schüler Blumen am Denkmal für die gefallenen Soldaten nieder.“

Allerdings ist dieser Fehler, der im unzulässigen Gebrauch des Wortes „Befreiung“ besteht, recht verbreitet und begegnet in Quellen verschiedener Zeit und verschiedener Art. Zum Beispiel (1951):

„In vielen Rajons werden am Tag der Befreiung des Gebiets von den deutsch-faschistischen Truppen Kundgebungen an den Massengräbern abgehalten.“

Das opportunistische Spiel der Journalisten mit den für das Gebiet Kaliningrad zentralen Themen („die Deutschen“, „Import von Gebrauchtwagen“, „Krieg“, „Sieg“ usw.) bringt mitunter so traurige Beispiele hervor wie die Überschrift dieser Meldung: „Veteran unter den Rädern eines deutschen Autos auf dem Siegesprospekt ums Leben gekommen“.


Soziologen des „Zentrums für internationale soziologische Forschungen“ führten eine Umfrage in vierzig Regionen Russlands durch (darunter im Gebiet Kaliningrad).

Eine der Fragen lautete: „Stimmen Sie zu, dass der Feiertag des 9. Mai, ‚Tag des Sieges‘, der bedeutendste unter den anderen in Russland begangenen staatlichen Feiertagen ist?“ Mit „Ja“ antworteten 62 % der Befragten, mit „Nein“ 34 %, „Weiß nicht“ sagten 4 %.

Der Feiertag wurde dabei unterschiedlich gedeutet: entweder als Tag des Stolzes auf das Vaterland, das seine Unabhängigkeit verteidigt hat, oder als Tag des Gedenkens an im Krieg gefallene Verwandte und Nahestehende, oder als Tag des Triumphs über den Faschismus, oder als Tag des Gedenkens an den gemeinsamen Sieg der Völker, oder als Tag der Rettung einiger Völker (Juden, Roma u. a.) vor der Vernichtung, oder einfach als Frühlingsfest.

Im Gebiet Kaliningrad hat der Tag des Sieges, ebenso wie der Tag des Sturms und der Einnahme Königsbergs, eine besondere Bedeutung. Die frühere sowjetische Geschichte des Gebiets hat ihre Aktualität verloren. Diejenige, die jetzt geschrieben wird, ist im Kern die Geschichte der russischen Präsenz auf diesem Land. Der Topos „Aus dem Sieg geboren“ ist hier wieder ein grundlegendes Element.

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1. Шиловский Е.А., Таленский Н.А., Васильев А.В. Восточно-Прусская операция Красной Армии 1945 года. — М.: Воениздат, 1946.

2. Переписка председателя Совета Министров СССР с президентами США и премьер-министром Великобритании во время Великой Отечественной войны 1941—1945 гг. Т. 1. М., 1976.

3. Новиков А. Праздник нового типа // Журнал «Знамя». № 6 за 2000 год.


Foto: Michail Ogorodnikow.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.