/ Gebiet Kaliningrad

Warum Kaliningrad? Eine kurze Theorie der Wohnortwahl

Warum Kaliningrad? Eine kurze Theorie der Wohnortwahl

Als regelmäßiger Leser dieser Website kann ich nicht an der erfreulichen Tatsache vorbeigehen, dass es hier zum ersten Mal so etwas wie eine Polemik gegeben hat. Einer der ständigen Autoren – Kirill Sinkowski – reagierte als Alteingesessener auf die Begeisterung der Zuzügler der jüngsten Welle mit einem recht skeptischen Essay über Kaliningrad und vermutete, dass allein der Status eines „Vorzimmers“ zum illusorischen europäischen Paradies die Zuzügler dazu bringe, unsere Gegend anderen Städten Russlands vorzuziehen.

Eine gute Diskussion ist das Zeichen eines seriösen Mediums, und ich möchte dieses Unterfangen unterstützen und mich als ein weiterer Alteingesessener an der Debatte beteiligen. Mir gefiel auch der Gedanke, Kaliningrad nicht mit Moskau oder Petersburg zu vergleichen, sondern mit Städten von der Größenordnung Tulas oder Pensas. Den richtigen Maßstab zu wählen, die Vergleichbarkeit der verglichenen Objekte herzustellen – das ist die erste Bedingung für korrekte Schlussfolgerungen, und ich will versuchen, diese Denkrichtung weiterzuentwickeln.

Bei allem Respekt vor den bisherigen Teilnehmern dieser Polemik – von außen sieht das wie ein Austausch äußerst subjektiver Urteile aus, nur dass sie im einen Fall ein Plus-, im anderen ein Minuszeichen trugen.

Und wo der eine eine Stadt „ewigen Niedergangs und unstillbarer Schwermut“ sieht, sieht der andere „die beste Stadt der Welt“. Ein solcher Austausch von Subjektivitäten bringt uns der Antwort keinen Schritt näher, warum Menschen Kaliningrad als Wohnort wählen.

Was treibt sie wirklich an? Ich will versuchen, die damalige Diskussion auf eine objektivere Grundlage zu stellen.

Dazu beantworte ich möglichst knapp vier Fragen:

1. Wer genau möchte in eine Stadt wie Kaliningrad ziehen? (Kreis der Wählenden)

2. Woraus genau wählen sie, wenn sie Kaliningrad wählen? (Fächer der Möglichkeiten, also der Auswahlraum)

3. Welche Kriterien legen sie dabei an?

4. Hat Kaliningrad nach diesen Kriterien irgendwelche Vorteile?

Wer zieht nach Kaliningrad?

Lassen wir ausländische Migranten und Arbeitsmigranten beiseite und sprechen wir über Bewohner Russlands, die bewusst und freiwillig einen neuen Wohnort wählen. Verlässliche Statistiken habe ich nicht zur Hand, wohl aber einige Dutzend zugezogene Bekannte und die Erfahrung aus der Lektüre von Foren für Umzugswillige. Die Stichprobe ist klein, also bleibt mir nur eines – den gesunden Menschenverstand zu Hilfe zu rufen.

Nach meinen Beobachtungen kommen vor allem drei Kategorien von Menschen nach Kaliningrad. Scherzhaft nenne ich sie so:

  1. Die „Durchgefrorenen“ – Bewohner der nördlichen Gebiete, Sibiriens und des Fernen Ostens. Der Hauptgrund ist das harte Klima.

  2. Die „Downshifter“ – Bewohner großer Städte, die meist eine gut bezahlte Fernarbeit haben, aber einen relativ komfortablen städtischen Raum mit (verglichen mit den Metropolen) erschwinglicheren Immobilienpreisen suchen.

  3. Die „Ehrgeizigen“ – Bewohner kleiner Städte, Siedlungen und strukturschwacher Regionen, für die der Umzug nach Kaliningrad mit der Suche nach einem Ort mit größeren Möglichkeiten verbunden ist.

Wie wählen Menschen ihr neues Zuhause?

Ich denke, Menschen, die in eine neue Stadt ziehen wollen, interessiert am allerwenigsten, wie sie „vom obersten Stockwerk irgendeines Hochhauses“ aussieht. Ästhetische Kriterien spielen eine Rolle, treten aber meist in den Hintergrund.

Die im Text „Schweres Glück“ erwähnte Nähe zum Meer und zu Europa sind wichtigere Faktoren für die Wahl, aber längst nicht die wichtigsten und erst recht nicht die einzigen. Meer und Auslandsreisen sind schließlich etwas für die Erholung, für Urlaub und Wochenenden, und Zuzügler müssen vor jeder Erholung erst einmal lernen, am neuen Ort zu leben und Geld zu verdienen.

Ich will nicht an die Maslowsche Bedürfnispyramide erinnern, aber Grundbedürfnisse heißen eben deshalb so, weil sie sich ununterbrochen und bei jedem bemerkbar machen, die höheren Bedürfnisse dagegen nicht bei allen und nicht immer, vorwiegend in Momenten von Sattheit, Komfort und Sicherheit. Gewöhnlich interessieren potenzielle Zuzügler viel praktischere und bodenständigere Dinge: das allgemeine Lebensniveau, Löhne, Immobilienpreise, Arbeitslosigkeit, der Zugang zu Hightech-Medizin, das Vorhandensein ernstzunehmender Hochschulen, die Kriminalitätslage, die Umwelt, der Stand der Infrastruktur, die Qualität der Straßen. Diese Faktoren haben für uns im Unterschied zur Stadtästhetik noch den Vorzug, dass sie sich durchaus formalisieren lassen, man kann sie zählen und vorlegen. Mit anderen Worten: Sie bilden objektive und nicht subjektive Gründe für eine Wahl.

Menschen wählen eine Stadt nach ihren Ambitionen und Möglichkeiten, und das offensichtlichste Korrelat der Möglichkeiten einer Stadt ist ihre Größe. Deshalb ist die Größe der vorrangige Auswahlfaktor. Wer nach Moskau oder Petersburg strebt, wird nicht in Richtung unserer Exklave schauen, im Notfall wird er das Moskauer Umland, das Leningrader Gebiet oder eine andere Millionenstadt vorziehen. Mit anderen Worten: Das sind nicht unsere Leute. Aus welchen Städten wählen dann „unsere“? Woher nimmt man diese Liste?

Zu welcher Kategorie von Städten gehört Kaliningrad, in welchem Segment des gedachten Städtemarkts befindet es sich?

Insgesamt gibt es in Russland 85 Föderationssubjekte – sollen wir sie alle als unsere Konkurrenten betrachten? Natürlich nicht. Als Ausgangspunkt schlage ich vor, sich daran zu erinnern, dass Kaliningrad eine mittelgroße Stadt ist; es gehört zu den Verwaltungszentren von Föderationssubjekten mit weniger als einer Million, aber mehr als 250 000 Einwohnern. Städte außerhalb dieser Grenzen (über einer Million und unter 250 000) lassen wir beiseite.

Nun erinnern wir uns, dass von den 85 Föderationssubjekten 27 nach nationalem Prinzip gebildet sind – diese Republiken, autonomen Kreise und das Jüdische Autonome Gebiet sind Siedlungsgebiete bestimmter Völker: Burjaten, Tschuktschen, Tschetschenen, Inguschen usw. Es ist verständlich, dass Menschen anderer Nationalitäten nicht unbedingt davon träumen, in diesen Regionen zu leben, deshalb lassen wir sie in unserer Analyse außen vor. Neue Föderationssubjekte wie die Krim und Sewastopol lassen wir vorerst ebenfalls beiseite, sie gehören erst seit Kurzem zu Russland. Auch die Gebiete des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens sollte man nicht berücksichtigen; dorthin geht man gewöhnlich nicht dem Herzen folgend, sondern aus beruflicher Notwendigkeit – das Klima ist zu kalt und die Infrastruktur schlecht. Eben aus diesen Gründen gibt es, wie mir aufgefallen ist, gerade von dort besonders viele, die nach Kaliningrad ziehen möchten.

Nach einer Reihe von Streichungen fallen also aus unserer Liste Moskau, Sankt Petersburg und 13 weitere Millionenstädte heraus, mit ihnen das Moskauer und das Leningrader Gebiet, Sewastopol und Simferopol, Verwaltungszentren mit weniger als 250 000 Einwohnern (ja, auch solche gibt es in Russland), die Verwaltungszentren der nationalen Föderationssubjekte sowie der Regionen des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens.

Jetzt wird der Auswahlkreis wesentlich überschaubarer – tatsächlich konkurriert Kaliningrad auf dem Städtemarkt in seiner eigenen Nische, in der wir außer ihm 25 Städte vergleichbarer Größe und vergleichbaren Status finden.

Das sind mittelgroße Verwaltungszentren von Regionen und Gebieten im europäischen Teil Russlands, nämlich (in alphabetischer Reihenfolge nach dem Russischen): Astrachan, Belgorod, Brjansk, Wladimir, Wologda, Iwanowo, Kaluga, Kirow, Kostroma, Krasnodar, Kurgan, Kursk, Lipezk, Orjol, Orenburg, Pensa, Rjasan, Saratow, Smolensk, Stawropol, Tambow, Twer, Tula, Uljanowsk, Jaroslawl.

Alles ist relativ

Jetzt bleibt uns nur noch, die Lebensqualität in Kaliningrad und in den aufgezählten 25 Städten (sowie in den entsprechenden Regionen) nach den oben genannten Parametern zu vergleichen (Immobilienpreise, Arbeitslosigkeit, Hochschulen, Kriminalität usw.). Ich erhebe hier keinen Anspruch auf eine vollständige vergleichende Analyse, sondern nenne nur einige Daten, die ich in ein paar Stunden flüchtiger Suche im Netz gefunden habe.

Man kann sich zum Beispiel ein recht aktuelles und ausgewogenes Rating der Regionen nach Lebensstandard ansehen. Man sieht leicht, dass aus unserer Liste nur das Gebiet Kaluga vor dem Kaliningrader Gebiet liegt. Das Gebiet Kaluga hat sich im letzten Jahrzehnt überhaupt sehr dynamisch entwickelt und das Kaliningrader Gebiet sogar bei der Motorisierung der Bevölkerung überholt.

Allerdings konnte von unseren Konkurrenzregionen außer den Kalugaern niemand die Kaliningrader in dieser Frage überholen.

Sehen wir uns an, wie es mit der Arbeit steht.

Die Arbeitslosenquote im Kaliningrader Gebiet (Verhältnis der Zahl der Arbeitslosen zur Zahl der Erwerbspersonen) betrug im Dezember 2015 5,8 %. In unserer Liste von 26 Städten ist das etwa Mittelfeld: In 13 Städten ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt etwas besser als in Kaliningrad, aber der Unterschied liegt innerhalb von 2 %, ist also unerheblich.

Manche Internetportale bieten integralere Kennzahlen an, zum Beispiel ein Rating der Arbeitsplatzattraktivität der größten Städte Russlands im Jahr 2015. Hier sieht Kaliningrad in seinem Städtesegment sogar noch attraktiver aus: Aus unserer Liste liegen nur Jaroslawl, Rjasan, Wologda, Tula, Lipezk und Pensa vor ihm.

Werfen wir einen Blick auf den Immobilienmarkt – wie steht es bei uns mit dem Quadratmeterpreis?

Hier hat die Kaliningrader Region nichts vorzuweisen; in den meisten Gebieten unserer Liste sind Immobilien billiger. Doch der Unterschied ist meist gering, deutlich niedriger sind die Wohnungspreise nur in den Gebieten Astrachan, Brjansk, Kursk, Saratow und Stawropol. Allerdings kann man diesen Indikator ja auch anders betrachten: Vielleicht erklären sich so niedrige Preise in diesen Regionen durch geringe Nachfrage, die ihrerseits mit Armut und einer geringen Zahl von Menschen zusammenhängt, die dauerhaft in diese Region ziehen wollen? Spricht das für die Region? In jedem Einzelfall muss man das gesondert prüfen.

Kommen wir zu anderen Faktoren. Nehmen wir die Bildung.

Schulen gibt es überall, Hochschulen auch, aber wo gibt es Hochschulbildung auf Spitzenniveau – eine Föderale Universität? Aus unserer Liste nur in Kaliningrad und mit gewissen Einschränkungen in Stawropol (dort befindet sich nur ein Teil der Südlichen Föderalen Universität).

Nehmen wir die Hightech-Medizin. Hier hat das Kaliningrader Gebiet viele Probleme, aber wer hat die nicht? Erinnern wir uns, dass unter den Todesursachen traditionell Herz-Kreislauf-Erkrankungen an erster Stelle stehen; deshalb interessiert die Menschen vor allem die Erreichbarkeit von Zentren für Herz- und Gefäßchirurgie. Erinnern Sie sich, dass es einmal so ein Wunder wie das nationale Projekt „Gesundheit“ gab? Im Rahmen dieses Projekts wurden damals sieben regionale Herzzentren gebaut. Nur sieben! Darunter eines in Kaliningrad! Ist das kein Grund, Kaliningrad für einen Umzug zu wählen? Allerdings gibt es auch in unseren Konkurrenzstädten Astrachan, Krasnodar, Smolensk und Pensa Herzzentren.

Ehrlich gesagt sind uns die Föderale Universität und das Herzzentrum nicht ganz unserem Status entsprechend zugefallen. Hier ist die besondere Aufmerksamkeit des föderalen Zentrums zu erwähnen, dank der die Exklavenregion regelmäßig bei solchen „Geschenkverteilungen“ bedacht wird. Auf dieselbe Weise gelang es, sich die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft und große Infrastrukturprojekte wie den Küstenring (Primorskoje Kolzo) zu sichern. Unter unseren Konkurrenzregionen können sich nur wenige solcher föderalen Zuflüsse rühmen (und das sind nicht nur Gelder, sondern auch Arbeitsplätze).

Was die Kriminalität angeht, so habe ich in offenen Quellen nicht bemerkt, dass Kaliningrad sich deutlich zum Besseren oder Schlechteren abheben würde; in dieser Frage ist es gewöhnliches Mittelmaß. Die natürlichen Reichtümer hingegen – das ist es, was unser Leben hier besonders macht.

Das ist nicht nur das Meer, sondern es sind auch zwei Nehrungen, die Haffs, der einzigartige Wystiter See, die Rominter Heide. Natürlich gibt es unter unseren „Konkurrenten“ sonnigere und wärmere Regionen, es gibt das Melonen-Astrachan, das Sonnenblumen-Stawropol, es gibt die Region Krasnodar mit einer ganzen Kette von Schwarzmeer-Kurorten, aber ansonsten sind wir durchaus konkurrenzfähig. Hinzu kommt ein einzigartiges kulturelles Erbe: In Russland gibt es wahrscheinlich keine andere Stadt, die so dicht (wenn auch eklektisch) drei sehr unterschiedliche Schichten kulturhistorischer Landschaft in sich vereint (deutsche, sowjetische und postsowjetische russische Kultur). Allerdings ist das schon weitgehend eine Frage der Ästhetik, also Geschmackssache.

Und erst nach alledem würde ich die geografische Nähe der Kaliningrader Region zu Europa erwähnen. Doch dazu hat sich, wie mir scheint, der Autor des Artikels „Schweres Glück“ recht treffend geäußert. Ich wollte vielmehr auf andere, nicht weniger wichtige Gründe aufmerksam machen, aus denen unsere Landsleute ihre Heimatorte verlassen und zu frischgebackenen Kaliningradern werden. Diese Gründe sind in der Regel recht prosaisch, rational und pragmatisch, was mich als Einheimischen in zweiter Generation nicht im Geringsten daran hindert, all diesen Menschen zu sagen: Willkommen!


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.