/ Rinau – Galtgarben

Sagen vom Berg Rinau. Die schatzsuchenden Mönche

Sagen vom Berg Rinau. Die schatzsuchenden Mönche

Der Galtgarben auf einer Karte des Samlands aus dem 16. Jahrhundert.

Nahe Königsberg gibt es einen einsamen Berggipfel, von dem aus sich, wohin man auch blickt, herrliche Aussichten eröffnen. Er heißt Galtgarben, in alter Zeit aber hieß er Rinau. Er ist nicht der höchste in Preußen, doch da er mitten im Samland liegt, ist er von Weitem sichtbar.

Schaut man sich ganz oben stehend um, so sieht man aus der Höhe drunten wie auf einem Präsentierteller Königsberg und seine alten Viertel liegen, im Norden grünen Felder mit verstreuten Dörfern, rechts liegt das Kurische Haff, links der endlose Spiegel der Ostsee, zwischen den beiden Wasserflächen schimmert im Dunst kaum sichtbar grün der Strich der Kurischen Nehrung, und im Südosten glänzt in der Sonne das Frische Haff.

In heidnischer Zeit befand sich auf dem Rinau ein Heiligtum des Ligo, des Gottes des Frühlings und der Freude, über den wir wenig wissen. Vielleicht ist er jener Gott, den die Polen Ligicz nannten, den Friedensstifter und Versöhner. Seine Nahrung war die heilige, unauslöschliche Flamme, die von jungen Jungfrauen gehütet wurde, die keinen Mann erkannt hatten.

Zu diesem Dienst wurde einmal ein Mädchen erwählt, dessen Schönheit das Herz eines edlen Jünglings entflammte.

Er widersetzte sich den Verboten des Oberpriesters Kriwe und schwor, seine Auserwählte den Priestern zu rauben und als Gattin in sein Haus zu führen. Dreimal stürmte er den Rinau, und dreimal schlugen die Wächter des Heiligtums die Angriffe seiner Gefolgschaft zurück; endlich gelang es dem jungen Krieger, durch das Tor zu brechen – schon umarmte er die ersehnte Jungfrau, doch da erhob sich ein furchtbarer Wind, Blitze zuckten, am Himmel drehten sich Wirbel – es tobte die Windsbraut1.

Plötzlich stürzten die Mauern des Heiligtums mit einem Schlag ein und begruben die Liebenden unter sich. Und die heilige Flamme erlosch. Seitdem hörten die Leute auf dem Gipfel des Rinau um Mitternacht Kampflärm und Waffengeklirr, und aus der Erde stieg plötzlich ein flackerndes Licht empor. Dann verstummte mit einem Mal alles, und ringsum herrschte wieder Stille, die nur von den Rufen der Nachtvögel unterbrochen wurde.

Man erzählt auch, dass später auf dem Berg die Herrscher des Samlands lebten, die Nachkommen des Samo, des Sohnes des sagenhaften Königs Waidewut. Dort, im heiligen Eichenhain, verehrten sie ihre Götter, und vor allem den Gott des Trankes und der Speise Curcho oder Gorcho, den Viehgott Wurschkaito sowie den Vogelgott Ischwambrat2. Diese drei Götter nahmen in der alten prußischen Mythologie den zweiten Platz nach der höchsten Dreiheit ein: Perkunos, Pikollos und Potrimpos.

Schließlich kam der Deutsche Orden hierher, eroberte das Samland und zerstörte die heidnischen Heiligtümer, doch auch er wurde später von Luthers Lehre bedrängt: Alle Klöster wurden aufgehoben, und Mönche und Nonnen blieben heimatlos zurück wie Schafe ohne ihre Hirten.


Berg Galtgarben

Das geschah im Jahr 1524. Damals befanden sich in Königsberg Mönche, die aus ihren Klöstern vertrieben worden waren. Ohne Obdach wussten sie nicht, wie und wovon sie weiterleben sollten.

Blick vom GaltgarbenBlick vom Galtgarben auf die Alkberge.


Unter ihnen waren vierzehn Mönche, die sich auf verborgene und geheime Dinge ein wenig verstanden und sehr wohl wussten, dass im Rinau nicht wenige Schätze vergraben waren. Ihnen war die Überlieferung zu Ohren gekommen, dass in der Tiefe des Berges Urnen aufbewahrt wurden, in denen die Asche der auf dem Scheiterhaufen verbrannten Leiber der samländischen Herrscher lag, mit ihr aber auch alter Schmuck, viel Gold und andere Schätze.

Die Mönchsbrüder machten sich auf zum Rinau, stiegen mit allem, was man zum Graben braucht, auf den Gipfel des Berges, stießen dort sogleich auf alte Mauerreste und begannen, sie abzubrechen. Bald entdeckten sie ein mit Erde verschüttetes Gewölbe, in dem große Urnen in einer Reihe standen.

Doch neben jeder Urne saß ein riesiger schwarzer Hund, aus dem Maul eines jeden Hundes stieg Dampf, und dieser Dampf war so giftig, dass fünf Mönche sofort tot umfielen und drei am nächsten Tag starben. Da begriffen die sechs übrigen Mönche, dass sie sich auf die Schatzsuche schlecht vorbereitet hatten, berieten sich und beschlossen, einen zweiten Versuch zu unternehmen, sich diesmal aber besser vorzubereiten.

Und so stiegen sie erneut auf den Rinau und nahmen heilige Bilder mit, die mit geweihtem Öl gesalbt waren, sowie einen Schrein mit Reliquien von Heiligen. Sie stellten alles am Rand der Grabung auf und begannen, die heilige Messe mit Litaneigesang zu lesen. Und siehe da – die Hunde waren verschwunden, und die giftigen Dämpfe stiegen nicht mehr auf. Die Mönche freuten sich sehr, nun konnte man die Urnen in Ruhe mitnehmen, nur waren sie sehr schwer.

Und es war lustig anzusehen, wie jeder Mönch schwitzend und keuchend eine große, hohe Urne auf dem Bauch den Berg hinunterschleppte, und diese Urnen waren ebenso dickbäuchig wie die Mönchsbrüder selbst.

In Gegenwart des Bischofs und des örtlichen Komturs machten sie sich daran, den Inhalt der alten Krüge gründlich zu untersuchen. Darin fand sich eine Menge wertvoller Dinge: Klümpchen Ton, Sand, kleine Kohlestückchen, Knochenreste, Asche – aber nichts aus Metall, geschweige denn aus edlem Metall. Die Gesichter der Mönche wurden lang. Sofort war klar, dass sie keine Archäologen waren, sonst hätte allein der Anblick der alten Gefäße, und seien sie auch leer, ihr Auge erfreut. Sie vergaßen, dass sie ja immerhin heil und unversehrt vom Berg zurückgekehrt waren, was ebenfalls eine große Freude war. Und da sie niemanden hatten, an dem sie ihren Verdruss auslassen konnten, verwünschten sie im Zorn den Leibhaftigen – gewiss hatte der Teufel das Gold in den Töpfen in schwarze Asche und Kohlen verwandelt! Allerdings hat er, der Arme, davon nie erfahren.

QUELLE

Ludwig Bechstein, „Deutsches Sagenbuch“ (Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch – dt.), Leipzig, 1853.

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

1. Siehe den Artikel „Germanische Märchenmythologie. Die Windsbraut“.

2. Ischwambrat – ein Gott der alten Prußen. Zusammen mit Curcho und Wurschkaito bildete er die Dreiheit zweiten Ranges. Ischwambrat war der Herr aller Vögel. Man vermutet, dass sich in ihm der allererste Oberpriester Bruteno verkörperte, der sich zum Ruhm der heidnischen Götter rituell selbst verbrannte.



● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.