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Die heilige Eiche von Romove

Die heilige Eiche von Romove

So stellte der berühmte preußische Künstler Christoph Hartknoch (1644–1687) Romove für das Buch „Alt- und Neues Preussen oder Preussischer Historien“ (1684) dar.

Unsere ständige Autorin Tatjana Koliwai, die das unten vorgestellte Kapitel „Die heilige Eiche zu Romove“ aus dem „Sagenbuch des Preußischen Staates“ von Johann Grässe übersetzt hat, hielt es für angebracht, es um einen Auszug aus den „Erzählungen aus der russischen Geschichte“ (1861) des russischen Historikers und Slawophilen Iwan Dmitrijewitsch Beljajew sowie um das Kapitel „Die Stämme, die dieses Land seit alters bewohnen“ aus der „Ethnographischen Beschreibung des Baltikums“ zu ergänzen, die 1893 von der Eparchie Riga herausgegeben wurde. Stellen Sie sich also vor, es sei uns gelungen, das Rad der Geschichte um anderthalb Jahrtausende zurückzudrehen ...

In Preußen, dort, wo einst das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit stand, wurde in unvordenklichen Zeiten die Siedlung Rikajot1 oder Romove gegründet. Einer Überlieferung zufolge entstand dieser Name, nachdem die Prußen von einem Kriegszug gegen Rom zurückgekehrt waren und zur Erinnerung daran eine Burgsiedlung gründeten, der sie den Namen Neues Rom gaben – Roma nova, woraus später Romove wurde.

Dort stand eine uralte Eiche, die von den Prußen mehr verehrt wurde als alle ihre anderen heiligen Artgenossen. Sie war sechs Ellen breit, und ihre Krone war so weit und dicht, dass weder Regen noch Schnee hindurchdrangen, denn die Blätter fielen nicht ab und blieben selbst im Winter grün.

In den Stamm der Eiche waren unter drei Ästen drei Nischen eingelassen, in denen sich passende Standbilder der drei Hauptgötter der alten Prußen befanden. Die drei kräftigen Äste wuchsen in der Höhe wieder zusammen2 und bildeten ein dichtes Dach, sodass der Baum selbst die Götterbilder mit seinem Laub vor Schnee und Regen schützte. Eine ebensolche Eiche stand einst in einem Wald bei Insterburg3, doch im Jahr 1664 wurde sie durch einen Blitzschlag vernichtet.

In der ersten Nische der Eiche von Romove befand sich das Bild des Gottes Pikollos oder Potollos. Er blickte finster drein, sein totenbleiches Gesicht umrahmte ein langer grauer Bart, und sein Haupt war mit einem weißen Tuch bedeckt. Sein Name leitet sich vom Wort „Pekle“ (Unterwelt) ab. Sein heiliges Zeichen waren Totenköpfe – von Mensch, Pferd und Kuh –, die ihm geopfert wurden, und an großen Festtagen ließ man für ihn in Töpfen Talg schmelzen.

Der Gott Pikollos kam als nächtliches Gespenst in die Häuser der Reichen, wenn nach dem Tod eines Familienmitglieds ihre Opfergaben an ihn nicht groß genug gewesen waren. Erschien er zum dritten Mal, musste Menschenblut geopfert werden. Dann schnitt sich der Priester, der Waidelot4, in den Arm. Das Blut floss, und wenn es in der Eiche brummte, so bedeutete das, dass der Gott zufrieden und das Opfer angenommen war.


Heiligtum der Prußen


Das Heiligtum Romove.

Buchillustration, Anfang des 18. Jh.


Die zweite Nische nahm Perkunos ein – der Donnergott, der oberste unter den Göttern. Sein Aussehen war hochmütig, sein Gesicht rot vor Zorn. Das heilige Zeichen des Perkunos war das Feuer, und statt Haaren krönten Flammenzungen sein Haupt. Er hatte einen schwarzen, krausen Bart.

Sein drohender Blick war auf den dritten Gott, Potrimpos, gerichtet. Vor dem Bild des Perkunos musste ständig ein heiliges Feuer unterhalten werden, in das man trockene Eichenscheite nachlegte. In diesem Feuer wurden die Opfergaben verbrannt. Erlosch das Feuer aber, so musste der Waidelot, der die heilige Flamme hütete, diesen Frevel mit seinem Leben bezahlen.

In der dritten Nische schließlich befand sich das Bild des Gottes Potrimpos. Es war ein junger bartloser Mann mit einem Kranz aus Ähren. Er beschützte die Erde und beschenkte die Menschen mit ihren Früchten. Der junge Gott lächelte fröhlich.

Das heilige Tier des Potrimpos war die Schlange. Sie lebte in einem großen Topf, der mit einer Garbe bedeckt war, und die Waideloten tränkten sie mit Milch. Auf dem Opferaltar des Gottes Potrimpos wurden Wachs und Weihrauch verbrannt. Auch dieser Gott forderte Menschenopfer. Doch ihm waren nur Kinder genehm.

Drei Schritte von der Eiche entfernt waren auf sieben Ellen hohen Stangen schöne Tücher ausgespannt. Niemand außer dem Oberpriester Kriwaito oder den höchsten Waideloten durfte hinter diese Vorhänge treten. Die Wohnstätten des Kriwaito sowie der Priester, die den Göttern dienten, lagen rings um die heilige Eiche.

Lange Zeit war Romowe die Hauptstadt der Prußen. Doch im Jahr 1015 überfiel Bolesław der Tapfere, König von Polen, Preußen und verwüstete das alte Heiligtum. Alle heiligen Götterbilder wurden verbrannt. Nachdem die polnischen Truppen jedoch abgezogen waren, stellten die Prußen die Bilder der Götter von Neuem her.

Man erzählt, in Masowien habe ein Fürst gelebt, der mit der Frau eines Edelmannes Unzucht trieb. Dieser drohte dem Fürsten mehrfach, er werde seine geschändete Ehre rächen, doch den schreckten diese Drohungen nicht. Und eines Tages traf der Edelmann zufällig auf seinem Weg die untreue Gattin in Gesellschaft des Fürsten. Er aber trug – wie alle Edlen jener Zeit – einen Speer bei sich. Mit eben diesem Speer durchbohrte er den Fürsten und die Ehebrecherin und floh dann nach Preußen, wo er in Romove beim Kriwaito Zuflucht fand.

Die Brüder des Fürsten nahmen die Verfolgung auf und gelangten bald mit einem großen Gefolge nach Romove, trieben den Oberpriester Kriwaito und die Waideloten in ihre Wohnstätten und übergaben alles dem Feuer.

Den Edelmann aber ließ man eines grausamen Todes sterben. Zehn lange Jahre plünderten die masowischen Fürstensöhne in Preußen, bis sich die Prußen vereinigten, sie aus ihrem Land vertrieben und zum Frieden zwangen. Und das Heiligtum wurde abermals wiederhergestellt.


Altpreußische Götter


Pikollos, Perkunos, Potrimpos. „Altpreußische Götter“.

Lithografie, 1839.


Lange stand in Romove die heilige Eiche, und die Prußen beteten auch nach der Annahme des Christentums heimlich weiter zu ihr. Man glaubte, wenn ein Mensch oder ein Stück Vieh ein Blatt von der Eiche zu Romowe um den Hals gebunden trage, könne ihm nichts Böses widerfahren.

Schließlich befahl Hochmeister Winrich von Kniprode auf Bitten des ermländischen Bischofs Anselm dem Marschall Heinrich Schindekopf, die heilige Eiche zu fällen. An ihrer Stelle wurde das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit errichtet.

Doch das Kloster stand in schlechtem Ruf: In den Chroniken ist eine Aufzeichnung eines gewissen Priesters Christoph Hennenberger über die Mönche dieses Klosters erhalten, die dem verderblichen Laster der Trunksucht verfallen waren.

Obwohl die Eiche gefällt worden war, galt der Ort, an dem sie einst gestanden hatte, noch lange als verhext – wahrscheinlich, weil hier das Blut vieler Menschenopfer vergossen worden war. Zuweilen erhob sich dort plötzlich ein gewaltiges Rauschen, man hörte den Wind pfeifen – als stünde die Eiche noch immer da, als schwankten ihre Äste und raschelten ihre Blätter. An diesem Ort tobten oft heftige Gewitter, und Blitze zuckten. Manchmal sah man hier schreckliche Gestalten, bald als Waldgeister, bald als Drachen, Schlangen oder Feuerkugeln.

Selbst im Kloster fanden die Mönche keine Ruhe: Nachts gingen hier Gespenster um und erschreckten die furchtsamen Bewohner des Gotteshauses. Um den Bösen zu vertreiben, ließen sie schließlich einen Exorzisten aus Deutschland kommen.

Der Teufelsaustreiber fertigte aus reinem Gold ein fingerlanges Kruzifix und einen dreieckigen Ring an, in den er eine Inschrift eingravierte. Beide Gegenstände vergrub er unter dem Eckstein der Kirche. Seitdem ließ der Böse die Gegend und das Kloster in Ruhe.

Später allerdings wurde auch das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit zerstört, wie einst die alte Stadt Romove.

Im Jahr 1708 befahl der Besitzer dieser Ländereien, Baron von Kilitz zu Groß-Waldeck, die Mauerreste des zerstörten Klosters zu beseitigen. Damals wurden beim Ausgraben der Ruinen das Kruzifix und der Ring gefunden. Der Baron schenkte beide Gegenstände der Stadt Königsberg. Doch die Inschrift auf dem Ring vermochte niemand zu entziffern.


Johann Georg Theodor Grässe.

Die heilige Eiche zu Romove. Link.

„Sagenbuch des Preußischen Staates“.



... Eine eigentümliche Nachschrift zur Geschichte von Romowe, des letzten großen Heiligtums Europas, und ein Nachruf auf die Waideloten-Priester sind die Worte eines alten Prußen, die uns in den Aufzeichnungen des Pfarrers Michael Prätorius überliefert sind, der in den Jahren 1664–1685 im Nordosten Preußens Volksüberlieferungen sammelte.

„Ein alter Bauer aus dem Dorf Striegehnen5 erzählte, er stamme aus einer besonderen Familie ...

Er sagte, einer seiner Vorfahren sei vor vielen Jahrhunderten hier in Preußen Kriwe, das heißt Oberpriester, gewesen. Er habe all die herrlichen Fähigkeiten in sich vereint, die die heutigen Waideloten nur einzeln besitzen.


Romove

Diese Zauberkräfte des Ahnen erneuern sich stets nur in dem ihm nachfolgenden Sohn oder Enkel.

Leider sei es aber auch üblich, dass die Fähigkeiten von Generation zu Generation schwächer würden, und bei ihm sei diese Kraft fast völlig erloschen, sagte er traurig. Früher habe er versucht, besonders oft in seiner Jugend, sich zu bemühen, die alte Zauberkunst wiederzubeleben.

Doch vergeblich: Die Kraft des Urahnen sei dahin und verloren. Dieses Wissen neu zu erlernen sei unmöglich. All das sei ein Zeichen für das Sterben seines Volkes. Alle seine Kinder seien bereits gestorben und unverheiratet geblieben, sodass er niemanden habe, dem er das Erbe der Vorfahren weitergeben könne. Er sei leer wie eine hohle Nuss und ausgezehrt. Nur eines könne man feststellen: Er sei der Letzte eines einst so großen Geschlechts. Damit beendete er seine Geschichte ...“

 

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

1. Einer anderen Überlieferung zufolge war Romove ein Heiligtum, in dem die obersten Götter verehrt wurden, und Rikajot eines für die niederen Götter (Anm. J. Grässe).

2. Einige Historiker meinen, der Name Romove stamme vom altpreußischen „ruomot“, was „zu einem Ganzen zusammengewachsen“ bedeutet (Anm. J. Grässe).

3. Insterburg ist der frühere Name der Stadt Tschernjachowsk im Gebiet Kaliningrad.

4. Waideloten – allgemeine Bezeichnung der heidnischen Priester bei den baltischen Völkern (Prußen, Litauern, Letten).

5. Die Siedlung Sagorskoje im Rayon Tschernjachowsk.



Romove auf der Karte


Romove auf der Karte aus dem Buch „Alt- und Neues Preussen oder Preussischer Historien“ (1679).


ANHANG I

Interessant ist es, in diesem Zusammenhang einen Auszug aus den „Erzählungen aus der russischen Geschichte“ (1861) des russischen Historikers und Slawophilen Iwan Dmitrijewitsch Beljajew anzuführen.


„... Die heidnische Kirche der Litauer war eins mit der heidnischen Kirche der Prußen, der Stammesverwandten Litauens.

Und die eigentliche litauische Kirche stand in einer gewissen Abhängigkeit von der preußischen; denn die Hauptheiligtümer und der Oberpriester Kriwe-Kriwejto befanden sich ursprünglich bei den Prußen, und die Litauer erhielten von dort sowohl ihre Priester als auch verschiedene religiöse Bräuche.

Kriwe-Kriwejto ging erst nach der Einnahme des preußischen Landes durch die Deutschen nach Litauen über, was nicht vor dem 13. Jahrhundert geschah, – damals wurde im litauischen Land auch das Hauptheiligtum eingerichtet, das Romnowe genannt wurde.

Kriwe-Kriwejto war, dem Sinn seines Namens nach, der oberste Priester über den Priestern und der oberste Richter über den Richtern und der unmittelbare Ausleger des Willens der Götter; folglich verkörperte er die höchste Gewalt sowohl in weltlichen als auch in geistlichen Dingen über die gesamte preußisch-litauische heidnische Welt und war der oberste Hirte der preußisch-litauischen Heiden.

Er genoss bei seiner Herde eine so heilige Verehrung, dass seine Schutzbefohlenen es für die höchste Seligkeit hielten, wenn einer von ihnen auch nur ein einziges Mal im Leben gewürdigt wurde, sein Angesicht zu schauen.

Die unwissenden Heiden der entlegenen Winkel des preußischen und litauischen Landes hielten Kriwe-Kriwejto sogar für unsterblich, für ewig lebend; – ein Glaube, der freilich dadurch genährt wurde, dass sich der greise Kriwe-Kriwejto in seinen Sterbestunden selbst dem Feuer übergab und diese Verbrennung dem Volk als Wiedergeburt des Kriwe-Kriwejto verkündet wurde. Die nächsten Oberpriester, die in Romnowe lebten und Kriwe-Kriwejto umgaben, hüteten vor den Uneingeweihten streng das Geheimnis der Wahl eines neuen Kriwe-Kriwejto. Bei einer solchen beinahe göttlichen Verehrung wurde die Macht des Kriwe-Kriwejto in allen von litauischem Stamm bewohnten Ländern hoch geachtet, sodass sich alles beugte, die Fürsten wie die großen und kleinen Leute, nicht nur vor ihm selbst oder einer ihm nahestehenden Person, sondern sogar vor jedem seiner Boten, der von ihm einen krummen Stab oder ein anderes Zeichen trug, wie es der älteste Beschreiber des preußisch-litauischen Heidentums, Peter von Dusburg, bezeugt.

Auf Kriwe-Kriwejto folgten in der litauischen Kirchenhierarchie die Waideloten, was „die Wissenden“ bedeutet – sie waren die Ausleger des Willens der Götter und die Hüter und Kenner der religiösen Bräuche überhaupt.

Waideloten waren Männer und Frauen, die frei von ehelichen Banden waren. Die einen lebten in Romnowe bei der heiligen Eiche, dem Hauptort der Gegenwart der Götter; die anderen waren über alle Orte verstreut, wo nur Prußen und Litauer lebten; ihnen oblag es, überall die heiligen Bräuche zu wahren und rein zu halten, das Volk in der Gotteserkenntnis und Gottesverehrung zu unterweisen, Opfer darzubringen, das Volk zu segnen, Festtage festzulegen, in zweifelhaften Angelegenheiten Antwort zu geben und das Volk zur Verkündung des Willens der Götter sowie zu gemeinsamen Opfern und Gebeten zusammenzurufen; sie bestimmten auch die glücklichen und unglücklichen Tage.


Die Waideloten waren in höhere und niedere Grade eingeteilt.

Die Waideloten der höheren Grade lebten bei Kriwe-Kriwejto und sorgten für die Erhaltung des heiligen, unauslöschlichen Feuers; sie hießen auch Kriwiten, und aus ihren Reihen wurde Kriwe-Kriwejto gewählt. Auf die Kriwiten folgten die Sigenoten, die in der Umgebung von Romnowe lebten – sie waren die Leiter des Gottesdienstes und Wächter der Ordnung bei den Bräuchen.

Zu den niederen Graden der Waideloten gehörten die Waideloten, die im ganzen litauischen Land lebten und verpflichtet waren, die verschiedenen Arten des Gottesdienstes auszurichten und die Reinheit der religiösen Lehre im Volk zu wahren. Danach folgten noch niedrigere Ränge von Dienern und Ausrichtern religiöser Bräuche, deren Obhut diese oder jene Arten religiösen Glaubens unterstanden.


Solche waren:

erstens die Swalgonen, Diener der religiösen Bräuche bei der Eheschließung; sie richteten nicht nur die Hochzeitsbräuche aus, sondern urteilten auch über die Keuschheit von Bräutigam und Braut und über das glückliche oder unglückliche künftige Schicksal der Neuvermählten;

zweitens: Die Puttonen befassten sich mit dem Wahrsagen aus dem Wasser und dem Meeresschaum und sagten die Zukunft voraus;

drittens: Die Wejonen waren Wahrsager aus den Winden; sie machten nicht nur verschiedene Vorhersagen nach der Beschaffenheit des Windes, sondern verstanden es auch, mit irgendeiner Zauberei die Winde in diese oder jene Richtung zu lenken;

viertens: Die Pustonen heilten Wunden und andere Krankheiten durch ihren eigenen Atem;

fünftens: Die Sejtonen vertrieben Krankheiten, indem sie den Kranken verschiedene Amulette umhängten;

sechstens: Die Swanonen sagten Glück und Unglück voraus, indem sie aus der lodernden Flamme und dem Rauch wahrsagten;

siebtens: Die Burten sagten die Zukunft voraus, indem sie aus den Bildern wahrsagten, die sich in geschmolzenem, ins Wasser gegossenem Wachs abzeichneten, – sie schlichteten auch durch das Ziehen von Losen die Streitigkeiten Zerstrittener;

achtens: Die Talissonen und Lingussonen, Hüter und Ausrichter der religiösen Bräuche bei der Bestattung der Verstorbenen; sie verrichteten die Totengebete, priesen die Taten des Verstorbenen und trösteten die hinterbliebenen Angehörigen, indem sie ihnen verschiedene Gesichte vom jenseitigen Leben des Verstorbenen erzählten.

All diese Zauberkundigen und Wundertäter zogen durch die Dörfer und lenkten als Besitzer unbekannter Kräfte und Kenntnisse das Volk, sodass es von der Geburt bis zum Grab in allen neuen und schwierigen Lebenslagen ohne sie keinen einzigen Schritt zu tun wagte.

Sie genossen das volle Vertrauen des unwissenden Volkes, das in allen Naturerscheinungen und in allen Ereignissen seines Lebens die Gegenwart einer unbekannten und übernatürlichen Kraft sah, mit der nach seinem religiösen Glauben nur Menschen fertigwerden konnten, die von unbekanntem Wissen und einer besonderen geheimen Geisteskraft erfüllt waren.“

ANHANG II

„Ethnographische Beschreibung des Baltikums“.

Die Stämme, die dieses Land seit alters bewohnen.

Ausgabe der Eparchie Riga, 1893.


... Was nun die Religion und die religiösen Vorstellungen der Letten betrifft, so kann man nicht sagen, dass sie eine besondere Entwicklung erreicht hätten oder zu einem vollkommeneren Kult gelangt wären, wie etwa bei den Griechen und Römern, obgleich die Letten in dieser Hinsicht immerhin höher standen als viele Völker des Heidentums.

Die Letten beschränkten sich, wie die alten Slawen, auf die Vergöttlichung der umgebenden Natur mit ihren Kräften und Erscheinungen; Sonne, Mond, Sterne, die Lufterscheinungen Blitz, Donner und Wind, schließlich Feuer, Wasser und Haine waren die Hauptgegenstände ihrer Verehrung. Sie glaubten, dass, angefangen beim Donner bis hin zum letzten Misthaufen, in jedem Gegenstand und jeder Erscheinung eine besondere Gottheit wohne, der man Verehrung erweisen müsse. Sie waren überzeugt, dass man den Göttern zu Gefallen alles tun müsse, was ehrlich und gerecht sei, doch bei der Bestimmung dessen, was Ehrlichkeit und Gerechtigkeit selbst seien, ließen sie sich mehr von ihrem Gefühl und Gewissen leiten als von den spitzfindigen Auslegungen des Verstandes. Damit erschöpften sich alle religiösen Vorstellungen der alten Letten, und diese Vorstellungen genügten ihnen, denn sie kannten keine anderen Nöte und Bedürfnisse als jene, die ihnen die umgebende Natur auferlegte. Bei der Verehrung ihrer Götter schlossen sich die alten Letten nicht in die vier Wände besonderer Tempel ein, sondern verehrten ihre Götter an den Orten, wo die Spuren ihrer Macht offenbar waren. So verehrten sie den Donnergott unter einer vom Blitz gespaltenen Eiche, den Waldgott in Wäldern und Hainen, den Gott der Gewässer an Uferstellen, den Gott, der die Saaten behütete, auf den Feldern usw. Nur die höheren Gottheiten hatten einen besonderen, bestimmten Wohnsitz.

Ein solcher Ort war das heilige Romove im heutigen Preußen, wo sich die Bilder der drei Hauptgötter befanden, die von allen lettisch-litauischen Stämmen verehrt wurden. Hier stand in einem weiten Tal eine alte, hohe Eiche, die zwölf Fuß im Umfang maß und ihr grünes Laub selbst im Winter nicht verlor.

Diese Eiche war Altar und Tempel zugleich. An ihr befanden sich zwischen den reich belaubten Ästen die Bilder der drei Hauptgötter – Perkuns, Potrimps und Pikols.

Das Bild des Perkuns als des mächtigen Gottes des Donners und des Feuers, des Königs der Götter, befand sich in der Mitte der übrigen. Er sah aus wie ein vor Zorn glühender Mann, darum war sein Gesicht feuerfarben, mit einem gewellten, krausen Bart, und sein Haupt war von zwölf Feuerstrahlen gekrönt. Er war der Gott der Sonne, des Lichts und aller Lufterscheinungen. Nach der Vorstellung der Letten fuhr er über den Himmel, mit der rechten Hand auf den Nacken eines Stiers gestützt, und hielt in der linken einen flammenden Stab, aus dem der Blitz hervorschoss. Wenn er über die Missetaten der Menschen zürnte, blies er in seinen gewellten Bart, und sogleich erhob sich ein Sturm, und über alle Wolken rollte der Donner: Er sandte Regen, Schnee und Wind auf die Erde und befruchtete sie, wofür er beim Volk besondere Verehrung genoss. Unter seinem Schutz und Schirm standen die Grenzen der Gehöfte, und sehr streng wurden jene bestraft, die es wagten, sich ein fremdes Stück Land anzueignen oder die Grenzpfähle zu versetzen. Nach dem Zeugnis Nienstedts mussten die Schuldigen ein weißglühendes Stück Eisen in bloßen Händen um das strittige Grundstück herumtragen.

Da aus der Hand des Perkuns der Blitz hervorschoss, galt das Feuer als heiliges Element. Deshalb brannte in Romove vor dem Bild des Perkuns ein ewiges Feuer, das mit heiligem Eichenholz unterhalten wurde.

Die Pflege dieses Feuers oblag besonderen Priestern, die mit dem Leben bezahlten, wenn es durch ihre Schuld erlosch. In solchen Unglücksfällen schlugen die Priester aus einem Feuerstein Feuer, krochen auf den Knien zur Eiche, entzündeten den heiligen Scheiterhaufen von Neuem und warfen den nachlässigen Priester hinein, um den erzürnten Gott Perkuns zu versöhnen.

Wenn der Donner rollte, warf sich das Volk zu Boden und rief: „Gott Perkuns, erbarme dich unser!“ Und damit das Gewitter der Wirtschaft keinen Schaden zufügte, trugen die Letten einen Schweineschinken rings um die Felder und Wirtschaftsgebäude und wandten sich mit folgenden Worten an Perkuns: „Perkuns! Wir opfern dir dieses Stück Schweinefleisch, verschone unser Eigentum!“

Nach dem Gewitter versammelten sie sich und verzehrten den Opferschinken, wobei sie Lobgesänge zu Ehren des Perkuns sangen. Die liebsten Opfer, mit denen man seinen Zorn zu besänftigen suchte, waren Schweine, Böcke und besonders vornehme Kriegsgefangene; mit ihrem Blut begoss man die Wurzeln der heiligen Eiche in Romove.

Als oberster Gott der heiligen Dreiheit von Romove galt Perkuns als Spender, Fürsorger und Hüter der Volksgesundheit. Die Asche seines heiligen Feuers und das Wasser aus Seen, Flüssen und Quellen, die ihm geweiht waren, galten als wichtigste Heilmittel gegen alle Krankheiten.

Rechts von Perkuns befand sich das Bild eines fröhlichen bartlosen Jünglings, dessen Haupt mit einem Kranz aus Getreideähren und grünen Blättern geschmückt war. Es war das Bild des Potrimps, des Gottes der Quellen, Flüsse und des Regens, des Spenders der Fruchtbarkeit, des Hüters der Felder und Saaten und des Helfers im Krieg.

Diesem Gott opferte man gewöhnlich Garben und Weihrauch, der in siedendes Wachs gestreut wurde, oft aber sogar Kinder, denn er dürstete nach Menschenblut.

Vor dem Opfer verbrachten die Priester drei Tage in strengem Fasten, schliefen auf der bloßen Erde und warfen von Zeit zu Zeit Weihrauch ins ewige Feuer. Zu Ehren dieses Gottes zog man in einer großen Urne unter Ährengarben eine Schlange mit Milch auf, deren Pflege besonderen Priestern oblag. Deshalb galt die Schlange bei den Letten als heilig, und die Begegnung mit ihr als Zeichen besonderen Glücks; nach ihrer Vorstellung erscheint der fröhliche Potrimps selbst den Menschen stets in Gestalt einer Schlange mit Menschenkopf. Nach dem Zeugnis von Menecius und Fabricius war es bei Letten und Litauern allgemein üblich, Schlangen im Haus zu halten und aufzuziehen; sie waren so zahm, dass sie weder Tiere noch Menschen bissen; sogar Kinder spielten mit ihnen und schliefen mit ihnen zusammen in einem Bett. Aufgezogen wurden die Schlangen gewöhnlich im Haus unter dem Ofen oder in der Badestube. Zu bestimmten Zeiten des Jahres gingen die Priester von Haus zu Haus und richteten ihnen zu Ehren ein Fest aus. Dabei breitete man vor dem Loch, in dem sich die Schlangen verbargen, ein weißes Leinentuch aus, das mit verschiedenen Speisen bedeckt war; der Priester rief sie aus ihren Löchern auf das Tuch und lud sie ein, von den Speisen zu kosten. Kamen sie tatsächlich auf das Tuch heraus und berührten irgendeine Schüssel, so galt das als Vorzeichen eines ertragreichen Jahres und des Gelingens in allem. Darum veranstaltete man, wenn die Schlangen in ihre Löcher zurückgekehrt waren, ein fröhliches Gelage und verzehrte die auf dem Tuch ausgelegten Speisen.

Zur Linken des Perkuns befand sich das Bild des dritten Hauptgottes – Pikols, des Gottes des Todes. In seinem Wirken war Pikols in allem der Widersacher des Potrimps, denn was Potrimps schuf, das vernichtete Pikols. Wie jener das Prinzip der Schöpfung und der Fruchtbarkeit war, so war dieser das Prinzip der Zerstörung und des Todes. Jenen liebten alle, diesen aber fürchteten alle, denn er forderte als Opfer alles, was dem Menschen am teuersten ist. Qual und Angst der Menschen waren die Gegenstände seiner Freude. Dementsprechend war er im Heiligtum von Romove als Greis mit langem grauem Bart und totenbleicher Gesichtsfarbe dargestellt, und sein Haupt war mit einer weißen Binde bedeckt. Drei Schädel – ein Menschen-, ein Pferde- und ein Kuhschädel –, die ständig auf Stangen vor dem Bild des Pikols hingen, waren die Sinnbilder seines Wirkens. Man opferte ihm einen Topf mit Talg, ferner schwarze Pferde, Schweine, Böcke, Kälber und Menschen.

Vor Beginn eines Krieges opferte man ihm gewöhnlich einen gefangenen Feind, wobei die Priester darauf achteten, ob das Blut aus der Wunde in einem Strahl floss oder nur heraussickerte. Strömte das Blut, so verhieß das den Sieg; tropfte es aber nur, so war eine Niederlage zu erwarten.

Begräbnisse mussten bei Letten und Litauern stets von einem Opfer an den Gott Pikols begleitet sein, andernfalls suchte er die Ungehorsamen mit Angst und Qualen heim; brachte man ihm binnen drei Tagen das geforderte Opfer nicht dar, so konnte der erzürnte Gott nur mit Menschenblut versöhnt werden. Er verhängte sogar über jene eine strenge Strafe, die dem Oberpriester Kriwe nicht gehorchten, dem Willen der Götter nicht folgten und mit Opfern geizten. Als Gott des Todes hatte er vor allem Macht über die Seelen der Verstorbenen, die er an einem besonderen finsteren Ort festhielt, der pekle (Hölle) genannt wurde. Wegen der Angst, die Pikols dem Volk einflößte, brachte man ihm überall Opfer dar, um seinen Zorn zu besänftigen und seine Strafe abzuwenden.

Von den Ästen der heiligen Eiche fiel ein Vorhang herab, der gleichsam einen abgeschlossenen Raum eines besonderen Heiligtums bildete, zu dem nur die höchsten Priester während der Opferhandlungen Zutritt hatten. Dieses Heiligtum von Romove war ringsum in einem Umkreis von sieben Werst von einem heiligen Hain umgeben, den das Volk nur an bestimmten hohen Festtagen betreten durfte, und auch dann durfte es nicht in der Nähe des Heiligtums selbst verweilen. Bei solchen feierlichen Anlässen wurde im Mondschein der heilige Vorhang herabgelassen, der dem Volk seine Götter verbarg; der Hohepriester Kriwe selbst, umgeben von Priestern, die heilige Hymnen sangen, warf sich vor der heiligen Eiche nieder, und das Volk blickte nur von fern auf seine Götter.“


VERWENDETE LITERATUR

1. Симон Грюнау "Хроники Пруссии" (со стр.78). Ссылка.

2. Johann Graesse. Das Sagenbuch des Preussischen Staates. Die heilige Eiche zu Romove. № 497. Ссылка.

3. Temme/Tettau. Die Volkssagen Ostpreußens, Litthauens und Westpreußens. Die heilige Eiche zu Romove. Ссылка.

4. Этнографическое описание Прибалтийского края. Племена, исстари населяющие этот край. Ссылка.



● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihren Übersetzungen veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.