1875 absolvierte der junge Koch Karl Schmid im Ort Nidden (heute Nida) auf der Kurischen Nehrung ein Praktikum im „Dorfkrug“ von Karl Flossner. Dort lernte er die 18-jährige Adelheid Rumert kennen und verliebte sich auf den ersten Blick in sie. Zwischen den jungen Leuten entspann sich eine Romanze, die sie sorgfältig geheim hielten. Doch einige Male sah man das verliebte Paar trotzdem am Strand spazieren gehen... Die Gerüchte über Adelheids unschickliches Betragen erreichten auch ihren Lebensgefährten Paul Flossner, den Sohn des Gastwirts.
Die Aussprache fand an Deck des Dampfers „Cranz“ statt. Im „ungleichen Kampf“ mit dem eifersüchtigen Mann seiner Geliebten – einem baumlangen, breitschultrigen Fischer – erlitt der schmächtige Schmid natürlich eine vernichtende Niederlage. Hätte es mit der Prügelei sein Bewenden gehabt – aber nein. Nach dem Handgemenge wurde der junge Praktikant schlicht über Bord geworfen. Das kalte Wasser der Ostsee kühlte seine Liebe zur schönen Adelheid im Nu ab. Schmid musste Nidden mit Schimpf und Schande verlassen.
Die Lektion ging an dem jungen Koch nicht spurlos vorüber. Ob aus Kränkung und Ohnmacht oder dank der erfrischenden Kraft des Ostseewassers – Karl kam eine Eingebung: Zur Erinnerung an seinen kurzen Aufenthalt auf der Kurischen Nehrung ersann er ein originelles Rezept für Lachs.
Später bereicherte das Grillsteak Schmid-Lachs („Schmids Lachs“) die traditionelle Königsberger Küche. In einem der berühmten Restaurants Zürichs, in dem Karl Schmid 1911 Küchenchef war, erfreute sich sein Gericht bei den Gästen enormer Beliebtheit.
Und Adelheid? Sie arbeitete weiterhin bei ihrem „Schwiegervater ohne Trauschein“ Karl Flossner, der sehr auf seinen guten Ruf bedacht war. Seine Vorfahren waren seit Jahrhunderten im Gastgewerbe tätig und genossen hohes Ansehen. Natürlich konnte er Adelheid ein so leichtfertiges und seines Geschlechts unwürdiges Verhalten nicht verzeihen. Allerdings hatte er seine unrechtmäßige Schwiegertochter schon vorher nicht leiden können, als sie sich weigerte, die angetraute Frau seines Sohnes Paul zu werden (dafür gab es wohl ihre Gründe). Deshalb musste Adel – anders als die drei anderen, „rechtmäßigen“ Schwiegertöchter, die nur ein wenig im Haushalt halfen – im Krug von früh bis spät schuften und schwere Arbeit verrichten. Doch das Schicksal belohnte sie für ihre Geduld: Die junge Frau lernte, ausgezeichnete Lachsgerichte zuzubereiten, und wurde später eine berühmte Rezeptsammlerin.
Übrigens fand Schmids neues Gericht trotz jenes kuriosen Vorfalls doch noch Eingang in das Familienkochbuch der Flossners.
Traditionelles Königsberger Gericht Schmid-Lachs
(Aus dem Kochbuch der Familie Flossner)
Den Lachs in Steaks schneiden, ausnehmen, waschen und gut trocken tupfen. Mit Zitronensaft einreiben, salzen und mit Pflanzenöl beträufeln. Die Steaks auf dem Grill braten (die Hitze darf nicht stark sein, auf der Glut muss sich weiße Asche gebildet haben).
Schalotten und einige Knoblauchzehen hacken, in Butter anbräunen, ein paar Tropfen Weinessig zugeben. Die Pfanne mit einem Deckel verschließen und kurz dünsten. Dann 3 EL Wasser und 3 Eigelb zugeben, gut verrühren und warm stellen. Die fertigen Lachssteaks vom Grillrost auf eine vorgewärmte Platte legen und mit der Soße übergießen. Die Soße nicht durch ein Sieb streichen!
Und hier noch einige Rezepte aus dem Kochbuch der Familie Flossner.
Roher Niddener Lachs
— 800 g Filet von frisch gefangenem Lachs
— Gemahlenes Paprikapulver
— 1 EL Zitronensaft
— 1 Tropfen flüssige scharfe Soße
— Birkenholzkohle
Das zarte rosa Lachsfilet leicht klopfen, mit Zitronensaft einreiben, in Paprika wenden und mit scharfer Soße beträufeln. Das Filet 1 Stunde kühl stellen.
Das Lachsfilet auf einen Drahtrost legen, wie man ihn zum Räuchern verwendet, und ihn so hoch über die glimmende Glut hängen, dass die Hitze den Fisch gerade noch erreicht. (Die Kohlen müssen 1 Stunde brennen, bevor man den Rost aufhängt.)
Das Filet ist fertig, wenn es durch und durch warm ist.
Roher Lachs war eines der Lieblingsgerichte des deutschen Schriftstellers, Dichters und Dramatikers Carl Zuckmayer, der unweit des Badeorts Nidden ein kleines Sommerhaus gemietet hatte.
Lachs mit Rüben und Makkaroni
— 1 kg Lachs (Mittelstück ohne Haut und Gräten)
— 1 Möhre (100 g)
— 2 Zwiebeln (ca. 150 g)
— 1 Stange Lauch (ca. 100 g)
— 100 g Butter
— 2 Eigelb
— 100 ml trockener Weißwein
— 150 g Makkaroni
— 250 g Rüben
— 1 Bund Petersilie
— 600 g Kartoffeln
— 100 g gemahlene Senfkörner
— 50 g Parmesan
— 1 EL Olivenöl
Möhre, Lauchstange und Zwiebeln in kirschgroße Stücke schneiden und in einem Liter Salzwasser kochen. Die Lachsstücke in den Gemüsesud legen und bei mittlerer Hitze aufkochen. Die geschälten Rüben und Kartoffeln mit einem Brotmesser in Scheiben schneiden.
Die Makkaroni in Salzwasser kochen, abgießen und warm stellen. Damit sie nicht zusammenkleben, etwas Öl zugeben und umrühren. Den Topf mit dem Lachs vom Herd nehmen und ebenfalls warm stellen.
Die Brühe, in der Gemüse und Fisch gegart wurden, abseihen und in der Hälfte davon Rüben und Kartoffeln kochen. Aus der anderen Hälfte eine Sauce hollandaise zubereiten. Dazu in einer Kasserolle langsam die Butter schmelzen und vorsichtig die Eigelbe einrühren (so, dass sie nicht stocken, sondern andicken), die Brühe zugeben. Bis zum Servieren stellt man die Soße am besten warm.
Die Lachsportionen auf ein Bett aus Makkaroni legen, großzügig mit der Sauce hollandaise übergießen, mit Kartoffel- und Rübenscheiben umlegen und mit frischer Petersilie garnieren.
Lachs mit Rüben und Makkaroni war ein Leibgericht des deutschen Schriftstellers Thomas Mann.
Lachsfilet mit Kartoffeln
— 4 große Stücke Lachsfilet (600 g)
— 1 l Fischbrühe
— 50 g Butter
— 250 g saure Sahne
— 2 EL Olivenöl
— 750 g Kartoffeln
Aus Gräten, Kopf und Haut des Lachses eine Brühe kochen, Butter und Mehl zugeben, sodass eine weiße Fischsoße entsteht. Salzen, pfeffern und mit der sauren Sahne verrühren.
Die 4 Steaks in Olivenöl anbraten, in eine ovale Auflaufform legen und mit den in Spalten geschnittenen Kartoffeln umlegen. Alles mit der Fischsoße übergießen. Im Backofen 30 Minuten bei mittlerer Hitze backen.
All diese Rezepte hat Harald Saul bei persönlichen Begegnungen mit ehemaligen Königsbergern aufgezeichnet. Dank der handgeschriebenen Rezepthefte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und in den Familien bis heute sorgsam aufbewahrt werden, ist es gelungen, zahlreiche traditionelle ostpreußische Gerichte wiederherzustellen.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

