Das Königsberger Kaffeehaus Siegel verfügt über recht bescheidene Räumlichkeiten und steht in dieser Hinsicht weit hinter dem Berliner Café Stehely1 zurück, aber was für ein brodelndes Leben umgibt uns hier!
Aus dem ersten Raum gelangen wir in ein zweites Zimmer von etwa gleicher Größe, aus dessen Fenstern sich ein sehr angenehmer Blick auf einen Garten bietet, der etwas Klösterliches an sich hat. Die Möbel im Erdgeschoss, ja im ganzen Kaffeehaus, sind schlicht, aber bequem und geschmackvoll gearbeitet. Auf den Tischen liegen Zeitschriften und Zeitungen in Hülle und Fülle. Simonetti, der freundliche Gehilfe von Herrn Siegel, schenkt uns aus einem silbernen Kännchen Kaffee ein, dessen Qualität über jedes Lob erhaben ist. Das feinste Aroma des göttlichen Getränks schmeichelt unseren Nasen. Zu jeder Tasse Kaffee gibt es so viel Zucker, dass er einer sparsamen Hausfrau für ein paar Tage reichen würde. Den Feinschmeckern unter den Kennern kandierter Früchte überlassen wir es, Geschmack und Duft solcher Köstlichkeiten zu beschreiben, von denen wir nichts verstehen. Der Garçon reicht uns „Die Illustrierte“2.
Eine steile gusseiserne Treppe von zierlicher Arbeit führt aus diesem Zimmer hinauf in ein kleines Restaurant von gleicher Fläche.
Im oberen Saal verbindet sich die Fülle neuer Periodika mit den balsamischen Düften des Orients, denn hier gibt es eine vorzügliche Auswahl an Zeitungen von gestern, und überdies haben diesen Ort die Zigarrenraucher für sich entdeckt sowie jene, die Ruhe suchen, besonders am Nachmittag und am Abend.
Interessant ist, dass wir am Beispiel des Siegelschen Kaffeehauses die Verschmelzung von gesellschaftlichem und literarischem Leben beobachten können, die hier den ganzen Tagesablauf dieses Lokals bestimmt.
Früh am Morgen erscheinen einige ehrwürdige Herren, alte Junggesellen, die einen guten Mokka, den man hier trinken kann, einer Tasse Kaffee zu Hause vorziehen, die ihnen die alte Haushälterin kocht. Sie lassen sich auch die Gelegenheit nicht entgehen, die Kuchen zu naschen, die hier warm, direkt aus dem Ofen, serviert werden.

Der Kellner: „Da werde ich wohl wieder husten müssen, sonst bestellen die Herren nichts mehr.“
Zeichnung von Heinrich Zille aus der Münchner Zeitschrift „Simplicissimus“ von 1908.
Es kommen Reisende, und es kommen auch einige Literaten, die sich hier, besonders im Winter mangels Heizung zu Hause, für den größten Teil des Tages eine vorübergehende Bleibe einrichten – wie es die Pariser gern tun –, um hier zu schaffen, Nahrung für ihre Inspiration zu finden, von hier aus ihre Geschäfte zu führen und erst spät am Abend nach Hause zu gehen.
Ein solcher Literat isst außerordentlich wenig, aber jeden Tag dasselbe. In allem Übrigen ist er äußerst bescheiden und stört die geistige Muße der übrigen Gäste in keiner Weise. Er wärmt sich in der behaglichen Wärme des Ofens und atmet mit der Größe und Ergebenheit eines Stoikers die appetitlichen Backdüfte ein, die ihm entströmen.
Nach und nach finden sich Landinspektoren ein, reiche Gutsbesitzer, die morgens viel Hochprozentiges trinken und Kuchen dazu essen.
Dann erscheinen die wahren Feinschmecker. Es sind alte Wüstlinge von höchst übersättigtem Aussehen. Sie trinken einige Tassen Schokolade, um sich ein wenig aufzumuntern, und blättern mit gespielter Gleichgültigkeit die örtlichen Tageszeitungen durch. Nach ihnen ist die Zeit der jungen Stutzer gekommen. Diese nehmen in der Regel nur Bouillon und Pastetchen. Danach kommen ganze Familien, festlich gekleidet, und alleinstehende Damen in ihren besten Toiletten, die sich im unteren Zimmer niederlassen und einige Baisers auf ihren schönen Lippen zergehen lassen. Zur selben Zeit stattet auch eine füllige Stiftsdame von edlem Geblüt einen Besuch ab, um sich ein paar Süßigkeiten zu gönnen und die eindrucksvolle Tortenauslage im Schaufenster des Kaffeehauses zu genießen, wobei sie sich an die Tage ihrer missglückten Jugend erinnert und, wenn sie Glück hat, das Rezept dieses oder jenes Gebäcks erfährt. Und natürlich wimmelt es von ewigen Juden, so wie sie in deutschen Volkswitzen und Zeitungsfeuilletons dargestellt werden: Auch sie möchten als belesene Intellektuelle gelten, um bei Geschäftstreffen mit ihrer Bildung zu glänzen.
Jetzt ist es zwölf Uhr. Das ist die Zeit, in der Professoren und Doktoren das Kaffeehaus besuchen, die direkt aus ihren Vorlesungen hierherkommen, ebenso Lehrer der höheren und der Elementarschulen. Manchmal sieht man auch Militärs, obwohl sie im Allgemeinen selten Kaffeehäuser besuchen. Scharenweise kommen auch die sogenannten „Literaten vom Fach“, also Journalisten. Sie trinken Tasse um Tasse Kaffee und sehen mit einer Art krampfhafter Neugier Zeitschriften und Zeitungen durch, um zu erfahren, ob ihre letzten Artikel schon irgendwo in der Presse besprochen wurden und ob es nicht wenigstens eine Erwähnung mit einem kleinen Zitat gibt.
ANMERKUNGEN
1. Die bekanntesten Kaffeehäuser im Berlin des 19. Jahrhunderts waren kleine Lokale, die zugleich als Café und Konditorei dienten. Eines der besten in Berlin war das Café Stehely (gegründet 1820), das an der Stelle der heutigen Jägerstraße unweit des Gendarmenmarkts lag. Hierher konnte jeder, der sich für das gesellschaftliche Leben interessierte – meist wohlhabende Männer –, kommen und Getränke, Desserts und Gespräche genießen. Der Berliner Journalist Ernst Dronke beschrieb dieses Café als „Eldorado der Berliner Müßiggänger“ und auch als die „großartigste und meistbesuchte Lehranstalt“ der Stadt. Obwohl viele andere Berliner Kaffeehäuser „Lesezimmer“ voller Periodika und Zeitschriften hatten, galt das Stehely als das beste.
2. Gemeint ist die Zeitung „Illustrirte Zeitung“. Sie erschien von 1843 bis 1944 in Leipzig im Verlag von Johann Jacob Weber.
QUELLE
«Königsberg und die Königsberger»
von Dr. Alexander Jung. 1846.
Kapitel „Literarische Zustände“
Das Sigelsche Caffehaus
● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

