LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
— Hie frischen Redick, Volck!
— He, frischer Rettich, Leute!
— Dreege Speene, Frue!
— Leckerer Spinat, Frauen!
— Hie frische Rieben, Volck!
— He, frische Rüben, Leute!
— Hie frischen Krabben!
— He, frische Krabben!
— Hie frische Krebser!
— He, frische Krebse!
Die ältesten Rufe der Straßenhändler erklangen in den Straßen Königsbergs aller Wahrscheinlichkeit nach zur Zeit Herzog Albrechts, doch es ist durchaus möglich, dass die Frauen auf den Märkten der Stadt schon im frühen Mittelalter ihre Waren ausriefen, ansangen und anpriesen. Dieser Brauch hielt sich bis 1945, als es die Stadt Königsberg nicht mehr gab.
— Kept Schabbelbohne, Zeloatgurk, Sellerie!
— Kauft Bohnen, Gurken, Sellerie!
— Ei Reddis, fresche Reddis! Steenpilz! Peterzilie!
— Ei, Radieschen, frische Radieschen! Steinpilze! Petersilie!
— Blubeere blau, wat goots Blubäre!
— Blaubeeren, Blaubeeren! Was für gute Blaubeeren!
— Na Zittrone wohlfeil — Zittrone!
— Na, Zitronen billig — Zitronen!
— Appelzine — goode — Köpp — Appelzine!
— Apfelsinen — guuute — kauft — Apfelsinen!
— Zooke-bäre! Apple, Apple!
— Leckere! Äpfel, Äpfel!
So klang es melodisch aus dem Mund der Gemüsefrauen, die auf ihren breiten Schultern Tragjoche mit länglichen, aus Weidenruten geflochtenen Körben trugen.
Carl Friedrich Zelter, der alte Freund Goethes, Freimaurer und Leiter der Berliner Singakademie, hörte diese melodischen Rufe während seines Aufenthalts in Königsberg vom 22. Juli bis 17. September 1809, griff rasch zur Feder und schrieb die Melodie auf:

Die Fischhändlerinnen zogen ihre kleinen Wagen hinter sich her und verkündeten mit kräftiger Stimme in der ganzen Gegend:
— Fett — Streem — Laß! Dörsche — freesche Dörsche!
— Fetter Stromlachs! – Dorsche, friiische Dorsche!
— Na Karpe, Karpe — fresche goode Karpe, wohlfeil!
— Na, Karpfen, Karpfen — frische, guuute Karpfen, billig!
— Strämling — Kulbärsch — Späckflundre, Fruus!
— Ostseesprotten — Barsch — fette Flundern, Frauen!
— Ei Broetzant — Ei Broatzant — Ei Butterzant — Fleetkräft! (Flußkrebse)
— Ei, gebratener Zander — Ei, gebratener Zander — Ei, Butterzander — Flusskrebse!
Verschwunden sind heute auch die Jungen, die mit Kalmus handelten1. 1835 stellte der 1785 in Königsberg geborene Maler Johann Ferdinand Bender zwei von ihnen auf seinem Gemälde dar, das einst im Museum des Königsberger Schlosses hing. Es zeigt den Nassen Garten, wo die kleinen Kalmushändler die Pflanze für den Verkauf schneiden. Sie sammelten sie am Oberteich und am Festungsgraben und verkauften sie mit dem Ruf:
— Ihr Keept Kalmus!
— Kauft Kalmus!
oder sie riefen, die Hände an den Mund gelegt:
— Ei Kalmus, Kalmus drö Bundkes far e Dittche!
— Ei, Kalmus, Kalmus! Drei Bündchen für einen Dittchen!2
Sie verschwanden, als der Brauch abgeschafft wurde, vor den Häusern weißen Sand und Kalmus zu streuen. Und mit ihnen verschwand auch der Fuhrmann, der mit heiserer Stimme tagein, tagaus ausrief:
— Kä-ke, witt Sand!
— Hier, weißer Sand!
Einer längst vergangenen Zeit gehören auch die kleinen Mädchen an, die mit einer Tonflasche in der einen Hand und einem Topf in der anderen über den Jahrmarkt gingen und den durstigen Passanten mit einem Singsang Dünnbier ausschenkten:
— Na, Lüd, drinke, wems durscht, drinke, drinke!
— Na, Leute, wen dürstet? Trinkt, trinkt!
Dasselbe gilt für die Frau, die Hühnereier verkaufte. Sie verkaufte auch „Botterdwarg“ — zwergenhaft kleine Stücke Quarkkäse. Und für die Wurstverkäufer, die sie auf dem Platz vor der Altstädtischen Kirche ablösten und an nebligen Novemberabenden riefen:
— Na, recht heete fette Worscht, recht heete!
— Na, recht heiße fette Wurst, recht heiße!
Verschwunden sind auch die Messerschleifer mit ihren Schleifsteinen, die Slowenen und Kroaten, die Lose und Wahrsage-Sets verkauften, verschwunden ist auch die Frau des Kesselflickers, die einst mit gedehnter Stimme, die mehrere Häuserblocks weit zu hören war, rief:
— Toppke binden, Toppke!
— Töpfe flicken, Töpfe!
Und erst 1898 stellte die Gesellschaft mit dem vielsagenden Namen „Utilitas“ ihre unappetitliche Tätigkeit ein, über die schon 1842 der Philosoph Karl Rosenkranz in seinen „Königsberger Skizzen“ geschrieben hatte.
Nun hörte man am frühen Morgen nicht mehr die Rufe
— Schütt opp! Schütt opp!
— Schüttet aus! Schüttet aus!
der Fuhrleute, die von den Dienstmädchen die Eimer mit dem nächtlichen Inhalt entgegennahmen und in die Tonnen ihrer Wagen entleerten, die von geduldigen Pferdchen durch die ganze Stadt gezogen wurden. Die Fertigstellung der städtischen Kanalisation und die neue englische Erfindung des Wasserklosetts machten ihren Beruf in Königsberg überflüssig.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Kalmus — umgangssprachlich auch Segge genannt. Wächst an feuchten Stellen oder im Flachwasser — an den Ufern von Bächen, Flüssen und Seen, an den Rändern von Sümpfen.
2. Dittchen (10-Pfennig-Stück) — eine Münze zu 10 Pfennig.
Zeichnung: Erich Behrendt
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

