– Tatjana, wie ist das Projekt „Märchen Deutschlands“ entstanden?
– Als ich im Januar 2016 meinen Blog ins Leben rief, wollte ich einfach eine damals bestehende „Ungerechtigkeit“ beheben, denn viele wunderbare deutsche Märchen waren unseren Lesern unbekannt. Auch die Namen vieler herausragender deutscher Märchendichter kannte man bei uns kaum. Jede Region Deutschlands besitzt eine Fülle von Sagen und Märchen: Es gibt Märchen und Sagen aus Preußen, Mecklenburg und Pommern, Märchen aus dem Schwarzwald, Sagen aus dem Harz, aus Bayern… Auch das deutsche Kunstmärchen ist bei uns, im heutigen Russland, wenig bekannt. Wir kennen nur einige wenige Namen: die Brüder Grimm, Wilhelm Hauff, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, vielleicht noch Clemens Brentano und Ludwig Tieck… Ein so bedeutender Märchensammler wie Ludwig Bechstein aber, der den Brüdern Grimm ebenbürtig ist, wurde in Russland zuletzt 1913 verlegt. Seitdem erschienen nur einzelne Märchen in Sammelbänden. Wenig bekannt ist bei uns heute auch Johann Musäus mit seinen wunderbaren „Volksmärchen der Deutschen“.
– Das deutsche Kunstmärchen kennen in Russland heute tatsächlich nur wenige. Dabei standen die Autoren und Sammler deutscher Folklore einst auf dem Gipfel ihrer Popularität.
– Selbstverständlich. Gebildete Russen kannten im 19. Jahrhundert Musäus und auch Bechstein sehr gut. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch und noch zu Beginn des zwanzigsten übersetzten russische Übersetzer viel und gern aus dem Deutschen. Viele dieser Übersetzungen sind bis heute die einzigen und existieren in der Form, in der sie einst entstanden sind, mitunter schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals waren wir praktisch „verschwägerte Völker“, und die Eliten Russlands und Deutschlands lebten oft in beiden Ländern zugleich. Allein aus dem Bereich der Literatur gibt es zahllose Beispiele: In Russland sind das Denis Iwanowitsch Fonwisin, Wassili Andrejewitsch Schukowski, Wilhelm Karlowitsch Küchelbecker, Iwan Sergejewitsch Turgenew, Wladimir Iwanowitsch Dal, Sinaida Nikolajewna Hippius, Anatoli Borissowitsch Mariengof… In Deutschland August Kotzebue, Adelbert von Chamisso, Alexander Ungern-Sternberg, Rainer Maria Rilke...

Peter Carl Geissler „Der Nussknacker“ (um 1870).
Das Zentrum der deutschen Literatur in Russland war Petersburg.
Deutsche standen in Russland an der Spitze aller großen Verlagshäuser: der gebürtige Stettiner Adolf Fjodorowitsch Marx an der Spitze der illustrierten Zeitschrift „Niwa“, Hermann Dmitrijewitsch Hoppe an der Spitze der Zeitschrift „Wsemirnaja Illjustrazija“ („Weltillustration“), Alfred Fjodorowitsch Devrient, der als Erster in Russland „Ludwig Bechsteins Märchenbuch“ herausbrachte, und viele andere. Erwähnt sei auch Anton Gotthelf Dietrich – ein deutscher Psychiater (er war Leibarzt des Dichters Konstantin Nikolajewitsch Batjuschkow) und zugleich Literat und Übersetzer, Verfasser einer umfangreichen Sammlung „Russischer Volksmärchen“, die er während seines langen Aufenthalts in Russland zusammentrug, ins Deutsche übersetzte und mit einem Vorwort von Jacob Grimm in Deutschland veröffentlichte.
Wie dem auch sei: Der breiten Leserschaft in Russland sind die wunderbaren Kunstmärchen von Schriftstellern des 19. Jahrhunderts wie Heinrich Seidel, Wilhelm Hackländer, Paul Heyse und vielen weiteren völlig unbekannt. Praktisch unbekannt sind auch die Namen deutscher Schriftsteller, die Sagen und Überlieferungen aus verschiedenen Regionen Deutschlands sammelten und herausgaben: Johann Grässe („Sagenbuch des Preußischen Staats“), Heinrich Pröhle („Harzsagen“), Wilhelm Ruland („Rheinsagen“), Josef Haltrich („Sagen aus dem Sachsenland“)… Deshalb war mir von Anfang an klar, welchem Thema mein Blog gewidmet sein und mit welchen Inhalten ich ihn füllen würde.
Ich habe mich auf die Zeit vom Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkt – im Wesentlichen also auf Romantik und Biedermeier.
– Sie haben recht viele Märchen, Sagen und Mythen Ostpreußens übersetzt, darunter „Die Legende vom heiligen Adalbert“, „Die Weiße Jungfrau von Kreuzburg“, „Die Säule der vier Brüder“, „Ritter und Nonnen von Kreuzburg“ aus dem „Sagenbuch des Preußischen Staats“ von Johann Georg Theodor Grässe; „Der Opferstein auf dem Rombinus“, „Die fliegenden Toten“, „Das Bernsteinrecht“ aus dem „Deutschen Sagenbuch“ von Ludwig Bechstein und andere. In Ihrem Blog finden sich auch Volksmärchen aus Mecklenburg-Vorpommern, etwa „Die Jungfrau von Stubbenkammer“, „Der Klabautermann“, „Die drei Paten“… Und was kommt als Nächstes?
– Es gibt eine Fülle ostpreußischer Märchen, Überlieferungen und Sagen. (Ich möchte anmerken, dass manche von ihnen, in Details leicht abgewandelt, von Sammlung zu Sammlung wandern.) Zu den bekanntesten Büchern, die das Beste davon in sich vereinen, gehören „Ostpreußische Sagen“ von Hermann Jantzen, „Die Volkssagen Ostpreußens“ von Erich Pohl, „Die Volkssagen von Pommern und Rügen“ von Jodocus Temme sowie „Märchen und Sagen aus Vorpommern und von der Insel Rügen“ von Ernst Moritz Arndt.
Sechs Märchen aus Arndts Sammlung habe ich übersetzt – „Prinzessin Svanvithe“, „Das Silberglöckchen“, „Der Meineid“, „Der gläserne Schuh“, „Der Schlangenkönig“ und „Der Rattenkönig Birlibi“. Sie sind in meinem Blog zu finden. Einige der Märchen sind zwar im örtlichen Dialekt verfasst, aber man kann sich hineinfinden.
Einen weiteren Schriftsteller und romantischen Dichter, Joseph von Eichendorff, muss man nicht eigens vorstellen. Er wurde in Schlesien geboren und wuchs dort auf, das damals zu Preußen gehörte. In meinem Blog gibt es einen eigenen Artikel mit seiner Biografie sowie meine Übersetzung seines Märchens „Die Zauberei im Herbste“.
Als preußischen Schriftsteller kann man auch den großartigen Novellisten des 19. Jahrhunderts Paul Heyse bezeichnen, der in Berlin geboren wurde, aber sein ganzes Leben in München verbrachte. Er schrieb auch mehrere Märchensammlungen. Drei seiner Märchen – „Der Jungbrunnen“, „Johannisnacht“ und „Holdrio oder Das Märchen vom wohlerzogenen Königssohn“ – habe ich ins Russische übersetzt und im Blog veröffentlicht.
Mehrere Sammlungen wunderbarer, sehr origineller Märchen hinterließ der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Seidel aus Perlin (Pommern). Daraus habe ich bisher nur eines übersetzt – „Herr Zuckermann, der Hexenmeister“ –, außerdem eines der Märchen des deutschen Märchendichters Hans Hoffmann (ebenfalls ein gebürtiger Pommer) – „Die hässliche kleine Nixe“. Mein Projekt entwickelt sich weiter und ist, wie jedes unvollendete Vorhaben, noch weit von der Vollkommenheit entfernt. Zugleich ist mir völlig klar, dass ich nicht alles verwirklichen kann, was ich gern tun würde – die Aufgabe ist einfach zu gewaltig. Ein einzelner Mensch kann sie kaum bewältigen.

Max Koch „Walhalla“ (1925).
– Halten Sie noch viele Überraschungen für russischsprachige Liebhaber dieses Genres bereit? Was steht als Nächstes an?
– Nun ja. Ostpreußen hat eine Fülle von Sagen: „Der Teufelsstein bei Wehlau“, „Die Belagerung von Fischhausen“, „Das heilige Beil“, „Das Gelage beim Teufel“, „Die Brieftaube aus Königsberg“, „Die singende Meerjungfrau“, „Der heilige Brunnen in Königsberg“, „Das Hungerverlies in Tapiau“, „Das Gespenst von Schloss Schlodien“, „Das Männlein von Allenstein“, die „Sagen und Schwänke aus Ostpreußen“ von Heinrich Tobal und vieles andere mehr.
Eines Tages wird der begeisterte Blick eines Übersetzers auf sie fallen, und nach Stunden um Stunden beharrlicher Arbeit wird eine vollständige Sammlung ostpreußischer Sagen und Legenden in russischer Sprache das Licht der Welt erblicken.
Potenzial für Überraschungen gibt es also. Das einzige Problem ist: Wann soll man das alles schaffen? Man bräuchte wenigstens noch ein paar Leben! Aber im Ernst: Der Blog kann sich in mehrere Richtungen entwickeln.
Erstens kann man im Rahmen der „Aufklärungsarbeit“ bleiben und von deutschen Märchendichtern erzählen, die bei uns völlig unbekannt sind. In solchen Fällen verfasse ich in der Regel eine kurze Biografie und übersetze ein oder zwei ihrer interessantesten Märchen.
Zweitens kann man sich von der „Aufklärung“ hin zur „Popularisierung“ bewegen und von Dichtern und Schriftstellern, die bei uns bereits gut bekannt sind, auf neue Weise erzählen, vor allem gestützt auf ausländische Quellen. Etwa über Wilhelm und Jacob Grimm, Heinrich Heine oder auch Hans Christian Andersen (er ist natürlich Däne und kein Deutscher, aber das liegt alles sehr nah beieinander. Außerdem hat er in seinen Märchen Motive der germanisch-skandinavischen Mythologie verwendet).
Man kann auch die Reihe „Gestalten der germanischen Märchenmythologie“ fortsetzen. Bisher sind drei Teile erschienen, aber das Material ist hier sehr umfangreich und reicht noch für lange Zeit.
Und schließlich kann man sich auf die Volksmärchen der verschiedenen (historischen) Landschaften Deutschlands konzentrieren und dabei nebenbei über ihre wichtigsten „Märchensehenswürdigkeiten“ berichten. Diese Richtung habe ich eigentlich schon mit den Reihen „Baden-Baden und seine Sagen“, „Der Harz und seine Sagen“, „Rheinsagen“ usw. eingeschlagen.
Ein eigener kleiner Arbeitsbereich ist für mich die Übersetzung von Gedichten deutscher Dichter und Schriftsteller geworden.
Anfangs musste ich mich zwangsläufig damit befassen, denn in Märchentexten finden sich recht häufig Verseinlagen und sogar vollständige Gedichte. Viele Gedichte deutscher Klassiker habe ich übersetzt, während ich verschiedene Artikel über sie schrieb. Wie dem auch sei – eine Dichterin bin ich ganz und gar nicht. Man entdeckt nur manchmal in einer fremden Sprache eine solche Perle, an der man einfach nicht vorbeigehen kann, und dann … reimt man eben. Vor Kurzem habe ich die meisten meiner Gedichtübersetzungen auf einer eigenen Seite im Blog zusammengestellt.

Paul Hey „Frau Holle“ (1949).
– Tatjana, stoßen Sie bei der Arbeit mit den Quellen auf Übersetzungsschwierigkeiten?
– Mit dem deutschen Wortschatz vergangener Jahrhunderte zu arbeiten, ist eher spannend als schwierig. Schwer ist es dagegen, Märchen zu übersetzen, die in Mundart geschrieben sind (im Friesischen, Schwäbischen, Allgäuerischen, Pommerschen). Damit habe ich recht häufig zu tun. Wenn ich mich daranmache, komme ich irgendwie zurecht. Außerdem gibt es im deutschen Internet Online-Übersetzer aus diesen Dialekten ins Hochdeutsche, denn auch für die Deutschen selbst besteht hier ein Verständigungsproblem. Übrigens findet man im Internet viele Originale deutscher Märchen und Sagen, auch literarischer. Die Deutschen bemühen sich nämlich, alle bei ihnen erhaltenen Exemplare seltener Ausgaben vergangener Jahrhunderte zu digitalisieren. Es bleibt also nur, besonnen und systematisch vorzugehen und das Material sorgfältig auszuwählen. Und davon gibt es sehr viel. Kurz gesagt, drei Dinge sind hier entscheidend: Konzentration (auf den Gegenstand der Suche), Beharrlichkeit und Geduld. Und wie Newton
„…komme ich mir nur wie ein Kind vor, das am Meeresufer spielt und sich damit vergnügt, hin und wieder einen Kieselstein zu finden, der bunter ist als gewöhnlich, oder eine hübsche Muschel, während der große Ozean … unermesslich vor mir liegt…“.
– Sicherlich sind einige der Werke, die Sie übersetzen und in Ihrem Blog veröffentlichen, schon früher einmal ins Russische übertragen worden …
– Ja. Dafür gibt es viele Beispiele. Da sind zunächst die Märchen aus der Sammlung „Träumereien an französischen Kaminen“ des deutschen Schriftstellers und Chirurgen Richard von Volkmann-Leander. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen einige Übersetzungen einzelner Märchen auf Russisch. Das sind „Das vergessene Grab“ – eine russifizierte Nacherzählung des Märchens „Ein Kindermärchen“ von Wassili Petrowitsch Awenarius (1885) – und „Der König und die Königin“, das der russische Dichter Sascha Tschorny 1923, bereits in der Emigration, nacherzählte. 2013 erschien in Belarus beim Heilige-Elisabeth-Kloster die Ausgabe „Märchen aus der Zaubertruhe“, die neun der zweiundzwanzig Märchen aus Volkmann-Leanders Sammlung in der Übersetzung von Robert Balakschin enthielt. Nachdem ich sie gelesen hatte, beschloss ich, selbst etwas zu machen, und heute kann man im Blog vierzehn Märchen von Volkmann-Leander in meiner Übersetzung lesen. Ich habe auch Joseph von Eichendorffs Märchen „Die Zauberei im Herbste“ übersetzt, obwohl es davon bereits eine russische Übersetzung gibt. Vor Kurzem habe ich die Übersetzung von Hermann Hesses „Der Zwerg“ abgeschlossen. Auch er war bei uns bereits übersetzt worden.
– Tatjana, warum haben Sie sich gerade Märchen, Sagen und Legenden zum Übersetzen ins Russische ausgesucht und nicht etwa Belletristik oder Krimis?
— Na, wer übersetzt heute denn keine Krimis und Liebesromane für Frauen!? Aber im Ernst: Das Genre des Märchens liegt mir einfach.
Es gibt wunderbare Werke der ausländischen Literatur vergangener Jahrhunderte. Doch bei uns sind sie unbekannt. Man kennt sie nicht.
Und wenn unsere Leser zeitgenössische deutsche Märchenautoren wie Michael Ende oder Otfried Preußler kennenlernen, ist ihnen oft nicht bewusst, dass sie es eigentlich mit abgeleiteten Werken zu tun haben, einer Art Remake, einer Neuschöpfung (nehmen wir etwa Preußlers „Krabat“), während die Originalquellen aus gar nicht so fernen Jahrhunderten unbekannt bleiben. Dabei sollte man sie kennen. Vor allem dann, wenn sie ihren Nachahmungen weit überlegen und im Grunde Klassiker sind. So gibt es von dem berühmten deutschen Romantiker Ludwig Tieck neben dem wunderbaren Märchen „Die Elfen“ (das ich – zu meinem größten Erstaunen! – in keiner russischen Übersetzung finden konnte; ich fand nicht einmal eine Erwähnung einer solchen, sieht man von der ältesten, in den Tiefen der Zeit verschollenen Übersetzung aus dem Jahr 1830 ab, die der Dichter und Freund Puschkins Alexander Ardalionowitsch Schischkow angefertigt hatte) noch eine weitere bemerkenswerte Märchennovelle – „Der Schutzgeist“. Ich habe sie gelesen, habe auch „Die Elfen“ gelesen und begriffen, dass beide einfach großartig sind. Ich nahm mir „Die Elfen“ vor und begann sie zu übersetzen – sie sind bereits in meinem Blog zu finden, Tiecks zweites Märchen dagegen noch nicht.
Als Beispiele lassen sich auch „Die Historie von der schönen Lau“ von Eduard Mörike sowie „Die Regentrude“ von Theodor Storm anführen. „Die Regentrude“ etwa gehört im Westen längst zum Kanon. Bei uns war sie völlig unbekannt. Wir kannten nur den gleichnamigen Film, der 1976 im DEFA-Studio (DDR) nach Motiven von Storms Märchen gedreht wurde. Doch der ist ein eigenständiges Werk, das leider wenig mit dem Original gemein hat, auch wenn er sehr bekannt ist. Das Entscheidende ist nicht einmal, dass das Drehbuch stark vom Text des Autors abweicht: Im Film sind die Poesie und die Eigenart von Storms Märchen verloren gegangen. Es ist ein gewöhnlicher Märchenfilm, wie die DEFA viele gedreht hat. „Die Regentrude“ habe ich übersetzt, sie ist jetzt (zusammen mit einem eigenen Artikel von mir darüber) im Blog veröffentlicht.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mich die Märchen heutiger Märchenautoren, von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen, beim Lesen langweilen: Ich sehe in ihnen immer den „Urgrund“, den Abglanz der längst verklungenen Genialität vergangener Jahrhunderte. Hier möchte ich allerdings einschränkend bemerken, dass ich damit nicht das Genre der Fantasy meine, das zwar schon vor langer Zeit entstanden ist, seine heutige großartige Gestalt aber erst im 20. Jahrhundert angenommen hat.
– In den Märchen eines jeden Landes ist die Volksweisheit gebündelt, vielleicht auch die nationale Idee. Sie sollen (eben dieser Idee zufolge) das Gute lehren, ein Verständnis für allgemein menschliche Werte vermitteln und das gesellschaftliche Leben widerspiegeln. Was lässt sich über das deutsche, darunter auch das ostpreußische Märchen sagen? Worin unterscheidet es sich Ihrer Meinung nach vom russischen? Finden Kants Worte vom „moralischen Gesetz in mir“ eine Bestätigung in der deutschen Märchenüberlieferung?
– Man sagt, das Märchen sei die Seele eines Volkes. In ihm, im Märchen, drückt sich sein „kollektives Unbewusstes“ aus. Deshalb kann man sagen, dass sich deutsche und russische Märchen genauso voneinander unterscheiden, wie sich eben der Russe vom Deutschen unterscheidet. So hätte das Märchen „Auf des Hechtes Geheiß“ niemals auf deutschem Boden entstehen können. Nationale Züge, Gewohnheiten, Besonderheiten der Weltanschauung, die eigene, einzigartige Geschichte – all das spiegelte sich seit jeher in den Volksmärchen wider und in ihrer Folge auch in den vom Volksgut inspirierten Kunstmärchen.

Heinrich Leutemann „Der Igel und der Hase“ (Ende des 19. Jh.).
Die Schicksale des deutschen und des russischen Volkes, die in enger Nachbarschaft zueinander leben, waren im Laufe der gesamten Weltgeschichte sehr eng miteinander verflochten. Und das betrifft vor allem jenen Teil Deutschlands, der Preußen heißt, unseren nächsten deutschen Nachbarn.
Betrachten wir die Völker der Ostseeküste (Ostpreußen, Mecklenburg, Pommern, die Insel Rügen), so werden die Ähnlichkeiten noch größer, denn diese Gebiete waren „im Morgengrauen aller Zeiten“ das slawische Porussje – Preußen – Pomorje: Hier lebten Stämme, die entweder slawisch waren oder deren Ethnogenese der slawischen sehr nahesteht. Bekanntlich verehrten die baltischen Stämme vor der Christianisierung und Germanisierung dieselben Götter wie die Rus, besonders mächtig war der Kult des Perun. In diesem Zusammenhang ist das Märchen „Prinzessin Svanvithe“ von Ernst Moritz Arndt aus seiner Sammlung „Märchen aus Pommern und Rügen“ wohl sehr bezeichnend. Es ist die Legende von einer schönen, traurigen Prinzessin, der eine uralte Überlieferung zugrunde liegt – kaum noch vernehmbare Nachklänge der Stimmen des slawischen Stammes der Ranen, der einst in Pommern, also im Pomorje, auf Rügen lebte – der legendären russischen Insel Bujan. Und das Märchen beginnt auch damit, dass es die tragische Geschichte vom Beginn der Vernichtung des heidnischen Slawentums und der Christianisierung der Insel durch die Germanen erzählt.
„Du hast wohl schon die Sage gehört, dass hier bei Garz, wo sich jetzt über dem See der Burgwall erhebt, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Schloss der Heiden stand. Dort standen auch prächtige Gebäude und Tempel, in denen sie zu ihren Göttern beteten. Dieses Schloss haben vor langer, langer Zeit die Christen erobert. Alle Heiden wurden erschlagen, die Tempel zerstört und die Götterbilder, die darin standen, verbrannt. Und nichts ist von der einstigen Pracht übrig geblieben als der alte Wall und ein paar Geschichten, die sich die Leute erzählen. Eine davon handelt von einem Reiter in Rüstung und Helm, der oft auf einem weißen Pferd über der Stadt und dem See dahinreitet. Wer ihn nachts gesehen hat, behauptet, es sei der alte König des Schlosses, und er trage seine goldene Krone. Aber das ist alles Gerede. Dass man aber zu Weihnachten und in der Johannisnacht aus dem See Kirchenglocken läuten hört – das ist wahr. Viele Leute haben es gehört, auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die im See versunken ist. Manche behaupten, es sei eben jener heidnische Tempel, aber das glaube ich nicht: Wozu sollten Heiden an christlichen Feiertagen läuten?..“
Wie viel ist in diesem kurzen Abschnitt gesagt! Zum einen ist hier von der Zerstörung Arkonas durch die Dänen die Rede, der Hauptstadt der Ranen, die Rügen bewohnten, und von der Vernichtung ihres berühmten Heiligtums des Gottes Swantewit. Das Glockenläuten aus dem See erinnert uns sofort an die unsichtbare Stadt Kitesch aus den russischen Bylinen, die unter Wasser versank und, für die Feinde unerreichbar geworden, unsichtbar weiterbesteht. In diesen Zeilen klingt auch die wehmütige Ironie des Erzählers an: „...Wozu sollten Heiden an christlichen Feiertagen läuten?..“ – denn die Johannisnacht war nie ein christliches Fest, und auch Weihnachten verdankt seinen Ursprung nicht der Geburt Jesu, sondern ist eine Fortsetzung heidnischer Rituale.
Schließlich erwähnt Arndt hier noch eine weitere wichtige mythologische Gestalt der norddeutschen Sagenwelt – den Reiter auf dem weißen Pferd, den später der deutsche Schriftsteller Theodor Storm in seiner gleichnamigen Novelle so poetisch beschrieben hat. Auch in Ostpreußen gibt es eine eigene Legende über ihn – „Das Wunschpferd“:
„…In den Wäldern Ostpreußens lebt ein Zauberpferd. Es zeigt sich jenen Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Sie müssen sich diese Hilfe nur von ganzem Herzen wünschen. Es ist ein stattlicher weißer Hengst, auf dem einst der Vogt Dietrich zum Prußenfürsten Drago ritt, um ihn zu bewegen, von einem alten heidnischen Brauch abzulassen, der unter den Prußen herrschte: Sie töteten jedes weiße Pferd gleich bei seiner Geburt...“
Und wie oft werden Rügen – Ruan – Bujan in der russischen Folklore erwähnt – in Märchen, Beschwörungen, Liebeszaubern, Redensarten!..
„Auf dem Meer, auf dem Ozean, auf der Insel Bujan
Liegt ein weißer, brennender Stein,
Auf dem Steine steht ein Thronaltar,
Alatyr heißt der Stein – von niemandem gekannt...“
Eine weitere gemeinsame uralte Gestalt, die in der Folklore der Prußen und der Rus vorkommt, ist der Schlangenkönig. In der Sammlung von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew findet sich die Aufzeichnung des russischen Märchens „Die Natter (Der Schlangenzar)“; weithin bekannt ist das litauische Volksmärchen „Die Tanne /Eglė/, Königin der Nattern“. Auch Arndt, der die Sagen seiner Heimat liebevoll sammelte, konnte an dieser Märchengestalt nicht vorbeigehen:
„Auf einer fernen, menschenleeren Insel in der Ostsee, irgendwo in der Nähe von Dänemark, lebte in seinem Schloss der Schlangenkönig. Mitten auf dieser Insel lag – wie ein kleines Kästchen in einem großen Kasten – noch ein winziges Inselchen, auf allen Seiten von einem See umgeben. Dort stand das Schloss des Schlangenkönigs. Im Inneren des Schlosses herrschte Pracht: Prunkvolle Gemächer funkelten und glitzerten von Gold, Silber und Edelsteinen. Darin hauste der Schlangenkönig – ein armer verzauberter Prinz – und wartete auf seine Erlösung …“ („Der Schlangenkönig“, 1818).
Dieses Motiv gilt als eines der ältesten in der russischen und baltischen Folklore.
Walter Firle „Märchen“ (um 1900).
– Russische Märchen werden in der Regel in drei Gruppen eingeteilt – Alltagsmärchen, Zaubermärchen und Tiermärchen …
– Ich würde sagen, dass die Märchen Ostpreußens doch anders einzuteilen sind. Versuchen wir uns an einer Klassifikation. Zur ersten Gruppe gehören vor allem die eigentlichen Mythen: „Die Sage von Neringa“, „Die Sage von Ragaine“, „Die Herkunft der Prußen“, „Die Götter und Feste der Prußen“ usw. Daran schließen sich Überlieferungen an, die aus der Tiefe der Jahrhunderte zu uns gelangt sind und denen bestimmte historische Ereignisse und Erzählungen über die Vergangenheit zugrunde liegen: „Die Sagen von König Waidewut“, „Die heilige Eiche von Romowe“, „Die Legende vom heiligen Adalbert“, „Die Säule der vier Brüder“, „Der Opferstein auf dem Rombinus“, „Geschichten vom Seeräuber Störtebeker“ …
Die nächste Gruppe bildet eine gewaltige Schicht von Stadtsagen (mit unverzichtbarer mystischer Färbung): „Das Katzengässchen in Königsberg“, „Die zwölf Johannes“, „Wie der Teufel den Gesellen holte“, „Die Milchhexe“ … Gesondert lassen sich hier Sagen hervorheben, die ich als gotisch bezeichnen würde: „Der Schlittschuhläufer von Labiau“, „Die Ritter und Nonnen von Kreuzburg“, die zahlreichen Überlieferungen von der Weißen Frau, „Die Jungfrau von Stubbenkammer“ (Rügen) und andere.
Zur vierten Gruppe gehören alltägliche Erzählungen und Skizzen aus vergangenen Zeiten: „Die Fremden aus Zinten“, „Die Riesenwürste und Riesenbrote von Königsberg“, „Der russische Kosak und der Bäcker“ …
Die letzte Gruppe schließlich bilden Seemärchen und Seesagen. Davon gibt es eine Fülle. Auf uns gekommen sind mehrere Sammlungen solcher Märchen über Meere, Seefahrer und märchenhafte Meeresbewohner, zusammengetragen von deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts (Heinrich Schmidt, Alexander von Ungern-Sternberg, Johann Mayer u. a.): „Die Rose von Seeland“, „Die Tochter des Meerkönigs“, „Die Meerfee“, „Das Totenschiff“, „Das Meeresleuchten“ …
Doch zu welcher Gruppe ein Märchen auch gehören mag – sie alle handeln von Menschen (selbst wenn ihre Helden Tiere sind), von Wahrheit und Unwahrheit, davon, dass das Gute über das Böse siegen muss. In russischen Märchen siegt das Gute in der Regel auch. Die überwältigende Mehrheit von ihnen endet optimistisch. Deutsche Märchen sind in dieser Hinsicht lebensnäher. Und sie enden nicht immer mit dem Sieg des Guten. Anders als die russischen sind sie zudem grausamer und strotzen oft vor „blutigen Einzelheiten“. So etwa die deutschen Fassungen von „Aschenputtel“, „Rotkäppchen“, „Dornröschen“ und „Schneewittchen“. Russische Märchen sind gutherziger, sie sind gewissermaßen „kindlicher“ …
Außerdem fehlen in deutschen Märchen die für russische Märchen so typischen Eingangsformeln, Vorsprüche und Schlussformeln. Die Handlung setzt hier mit den ersten Zeilen ein: In der Regel werden sofort der Ort klar benannt und die Hauptfiguren vorgestellt.
Zum Beispiel: „Vor langer, langer Zeit lebte in Mecklenburg ein armer Straßenfeger, der wie jeder arme Mann auf der Welt sein Stück Brot tagtäglich mit schwerer Arbeit verdienen musste. Der Herrgott hatte ihn mit vielen Kindern beschenkt, und außer ihnen besaß er keinen anderen Segen Gottes …“ (Volksmärchen „Die drei Paten“).
Oder: „Im Dorf Altenkamp, das zwischen Garz und Putbus ein wenig abseits an der Küste liegt, lebte einst ein reicher Bauer namens Hans Burwitz …“ (Ernst Moritz Arndt, „Der Rattenkönig Birlibi“).
Noch ein Beispiel: „Einen so heißen Sommer wie damals, vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht mehr gegeben. Grün gab es kaum noch, entkräftet lagen die Haustiere zwischen den wilden Tieren auf den Feldern …“ (Theodor Storm, „Die Regentrude“).
Auch fehlt in deutschen Märchen die ausgeprägte Zahlensymbolik, die für die russische Folklore so charakteristisch ist (hinter dreimal neun Ländern, drei Söhne, sieben Simeons usw.).
– Und wie steht es mit den sogenannten Gruselgeschichten? Das russische Volk scheute sich aus Aberglauben, Märchen über Särge, Gräber und Gespenster zu erzählen, auch wenn es solche gibt …
– Nehmen wir die dreibändige Sammlung russischer Volksmärchen von Afanasjew zur Hand, so finden wir im Inhaltsverzeichnis sofort sowohl „Erzählungen von Toten“ als auch „Erzählungen von Hexen“, „Der Vampir“, „Der Tod des Geizhalses“, „Der Geiger in der Hölle“, „Der Leichnam“. Viele solcher Märchen gibt es in der südrussischen Folklore. Wahr ist aber auch, dass es Geschichten von Geistern, „fliegenden Toten“, Gespenstern, die in Burgruinen vergessene Schätze hüten, und weißen Frauen in unterirdischen Gewölben, insbesondere in der Sagenwelt Ostpreußens, ungleich mehr gibt. Sagen, in denen Geister und Gespenster oder Maren auftreten, sind überhaupt sehr typisch für die deutsche Märchenfolklore. (Zum Beispiel die Sagen aus dem Badischen: „Die tote Braut“, „Der Ritter von Iburg“ u. Ä.) Übrigens entwickelte sich das Verfassen mystischer Geschichten über Geister und übernatürliche Erscheinungen im 19. Jahrhundert in Deutschland (wie auch in ganz Europa) zu einer eigenen, sehr populären literarischen Gattung, die herrliche Werke hervorbrachte, welche zu Klassikern wurden. Doch das ist ein Thema für sich.
In den Mythen, Sagen und Märchen jedes Landes verdichten sich die Volksweisheit und zweifellos auch die nationale Idee. Kant hat also recht!
Ohne jeden Zweifel sollte man Kindern schon von frühester Kindheit an die Märchen jedes Volkes vorlesen – Alltagsmärchen, Zaubermärchen, Tiermärchen, Sagen und Legenden, Gleichnisse, Heldenlieder und Volkserzählungen. Jedes Kind wird je nach Alter darin etwas Eigenes hören und sich aneignen. Kann man behaupten, dass Märchen das Gute lehren? Wahrscheinlich ja. Genauer gesagt: Sie lehren einfach. Sie lehren das Leben und die richtige Haltung zu ihm. Sie erzählen uns (und das ist vielleicht das Wichtigste) mit den Stimmen unserer verstorbenen Vorfahren von unserem Heimatland, von unseren Wurzeln, erklären uns, wer wir auf dieser Erde sind und warum wir uns bemühen sollten, nicht umsonst auf ihr zu leben.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

