/ Frische Nehrung

Die zwei Riesenbrüder

Die zwei Riesenbrüder

1942 erschien im Danziger Verlag A. W. Kafemann das Buch von Otto Müller „Sagen aus dem Weichselgebiet“. Dieses Märchen war eines der ersten in dieser Sammlung.

Zerstreut sind Völker, Völker ohne Zahl,

Ihr Name ist schon lange keinem kund.

Jahrhunderte vergehen, Jahr um Jahr,

Die Ewigkeit spannt Flügel übers Rund...

 

Es war viele Jahrhunderte vor Christi Geburt. Hierher, in das Land zwischen den Flüssen Ilfing1 und Wisela2, kamen aus fernen Gegenden neue Stämme. Sie kamen aus Skandinavien, Jütland, Holstein.. In ihrer Heimat gab es oft Dürren und Überschwemmungen, auf ein Missjahr folgte ein neues Missjahr. Und wenn die Menschen zu hungern begannen und nichts mehr hatten, um ihr Vieh zu füttern, dann packten sie an einem unglücklichen Tag ihre Habseligkeiten und zogen in fremde Länder, um ein besseres Los und eine neue Heimat zu suchen.

Jahrhundert um Jahrhundert trafen aus dem Westen und Norden Siedler im Land an der Wisela ein. Durch die Tiefe der Jahrhunderte sind die ersten Namen der Stämme auf uns gekommen: Die Skiren und Bastarnen kamen drei Jahrhunderte vor Christi Geburt hierher, nachdem sie die Netze3 überquert hatten. Es kamen die Burgunden und Vandalen, nach ihnen die Goten unter ihrem König Berig. Das Weichselland nannten sie „Gothiskandza“ (Gothiskandza), was „Land der Goten“ bedeutet.

Es waren große, stattliche Menschen. Sie siedelten im Becken der Flüsse Ilfing und Wisela, an den Ufern der Haffs und Buchten. Die einheimischen Völker, die sie sich unterwarfen, und jene, mit denen sie Handel trieben, sprachen von ihnen als von Hünen und Riesen.

Die Sagen aber führen ihr eigenes Leben und erzählen von jenen fernen Ereignissen auf ihre Weise...


 *         *         *

In fernen Zeiten lebten an den Ufern des schmalen Frischen Haffs4, das an der Ostsee liegt, zwei Brüder. Beide waren Riesen, und zwar so gewaltige, dass jeder von ihnen das Frische Haff mühelos durchwaten konnte.

Der ältere Bruder hauste im Wald Wick, der sich heute zwischen Tolkemit5 und Frauenburg6 erstreckt, und der jüngere ließ sich am gegenüberliegenden Ufer des Haffs nieder, wo heute auf der Frischen Nehrung die Dörfchen Vogelsang7, Pröbbernau8 und Kahlberg9 verstreut liegen.

Beide Hünen mussten oft Bäume fällen, doch sie hatten zu zweit nur eine Axt. Es war eine riesige steinerne Streitaxt – ihren Besitzern ganz angemessen.

Wenn der Wicker sie brauchte, rief er zur Nehrung hinüber: „He, Bruder, wirf mir mal unsere Kleine herüber!“ Und sogleich flog die gewaltige Steinaxt pfeifend vom anderen Ufer über das Haff. Wollte aber der Riese, der auf der Nehrung lebte, sie zurückhaben, so begann er aus vollem Halse zu brüllen: „He, du da im Wald, schick die Axt her!“ Und augenblicklich kam sie vom anderen Ufer aus dem Walddickicht herübergeflogen.

Doch es geschah, dass sich die Brüder in einer bösen Stunde um ihre Steinaxt stritten. Der Waldriese brauchte sie dringend, doch auch der Nehrungsbewohner hatte sie plötzlich nötig und wollte sie um keinen Preis hergeben. Die Brüder gerieten in Streit. Ein Wort zog das andere nach sich, ein noch kränkenderes und zornigeres. Schließlich kochte der Waldbewohner vor rasender Wut über und packte ein riesiges Felsstück, um seinen Beleidiger mit einem gezielten Wurf auf der Stelle niederzustrecken. Doch der Stein glitt ihm aus den vor Zorn zitternden Händen und fiel nahe der Küste ins Haff.

Als der Riese, der auf der Nehrung lebte, sah, was sein Bruder vorhatte, schleuderte er mit aller Kraft die Steinaxt ans gegenüberliegende Ufer und zielte auf die Stirn seines Widersachers. Tödlich getroffen, stürzte der Waldriese wie gefällt zu Boden. Sein Blut ergoss sich über den ganzen Wicker Wald und tränkte den Boden so gut, dass dort bis heute in Hülle und Fülle Heidelbeeren wachsen.

Von Reue gequält, fand der allein zurückgebliebene Riese seitdem keine Ruhe mehr. Das Leben ohne den Bruder war ihm verleidet. Ruhelos streifte er auf der Nehrung hin und her, bis er sich eines Tages in einem Anfall von Verzweiflung ins Meer stürzte und ertrank. Seine Überreste liegen noch heute auf dem Grund des Haffs und vergiften das Wasser. Darum weiß jeder Einheimische, dass dort oft viele Fische sterben.

Der Fels aber, der ins Haff fiel, ragt bis heute aus dem Wasser. Große Schiffe wie kleine Fischerboote meiden es, an ihm vorbeizufahren. Im Volk erzählt man, dass dort böse Geister ihr Unwesen treiben. Wenn auf dem Haff Stürme toben und die Wellen schäumend und donnernd gegen den Meeresstein schlagen, hören die Leute im Rauschen der Wellen, wie sich die beiden Riesenbrüder von den gegenüberliegenden Ufern aus beschimpfen.

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

1. Deutscher Name des Flusses Elbląg.

2. Deutscher Name der Weichsel.

3. Die Netze ist ein Nebenfluss der Warthe. Die Warthe ist ein Fluss in Polen, ein rechter Nebenfluss der Oder.

4. Das Frische Haff heißt in Russland Kaliningrader Haff.

5. Tolkemit – heute Tolkmicko (Tolkmicko).

6. Frauenburg – heute Frombork (Frombork).

7. Vogelsang – heute Sztutowo (Sztutowo).

8. Pröbbernau – heute Przebrno (Przebrno).

9. Kahlberg – heute der Kurort Krynica Morska (Krynica Morska).


● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihren Übersetzungen veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.