In der Umgebung von Königsberg wächst noch heute ein schöner alter Wald. Prächtige Laubbäume und mächtige Kiefern mit weit ausladenden Ästen wechseln sich mit Heideflächen ab, was der ganzen Gegend einen unbeschreiblichen Zauber verleiht. Dieser jahrhundertealte Wald ist ein Teil der Kaporner Heide1 und erstreckt sich von Metgethen2 bis zu einem Waldwinkel, der den Namen „Vierbrüderkrug“ erhielt [tatsächlich bis zum Ort Kaporn im Umkreis von Groß Heydekrug (heute Siedlung Wsmorje) – Red.]. Ein kleines Wirtshaus mit demselben Namen steht dort tatsächlich, in einem herrlichen Hochwald, und den Namen gab ihm und dieser Gegend eine alte hölzerne Säule, die „Säule der vier Brüder“ genannt wurde. Man kann sie an einer Kreuzung von vier Wegen sehen. Die Säule ist etwa 24 Fuß hoch und wird von einem Kapitell mit vier bärtigen Männerköpfen in Helmen gekrönt.
Die Säule steht an diesem Ort seit undenklichen Zeiten und ist im Laufe der vielen Jahrhunderte ihres Bestehens verfallen und mehrmals umgestürzt. Dem Kammeramt Kaporn war es zur Pflicht gemacht, die „Säule der vier Brüder“ in Ordnung zu halten.
Der „Vierbrüderkrug“ an der Straße von Königsberg nach Pillau.
Immer wieder wurde sie wiederhergestellt und erneuert. In alten Zeiten waren mit diesen Arbeiten viele wunderliche Bräuche verbunden. Heute sind sie fast alle vergessen. Erhalten hat sich wohl nur einer: Der Zimmermann, der die Säule neu aufstellt, verneigt sich nach getaner Arbeit vor ihr und spricht laut den Wunsch aus, sie möge so lange wie möglich stehen.
Es gibt viele Geschichten und Vermutungen darüber, wie und warum dieser Obelisk errichtet wurde.
Manche Einheimische sagen, hier seien einst vier Brüder gevierteilt worden, die in diesen Wäldern ihr Räuberunwesen getrieben hätten.
Andere Überlieferungen besagen, einst hätten vier Brüder beschlossen, eine große Reise durch die Welt zu unternehmen. Genau an dieser Stelle trennten sie sich voneinander, und nach vielen Jahren trafen sie sich am zuvor verabredeten Tag ebendort wieder. Zur Erinnerung an dieses Wiedersehen sei hier die „Säule der vier Brüder“ errichtet worden.
Man erzählt aber auch, dass hier in uralten Zeiten eine gewaltige heilige Eiche mit vier weit ausladenden, mächtigen Ästen gestanden habe, die den vier großen Göttern der alten Prußen geweiht war.
Postkarte mit Ansichten der Säule und des Gasthauses daneben.
Nach anderen Angaben wurde die Säule zur Erinnerung daran errichtet, dass einst Markgraf Albrecht von Brandenburg, der König von Polen, der König von Dänemark und der König von Böhmen an dieser Stelle nach einer großen, erfolgreichen Jagd Brüderschaft getrunken hätten.
Am glaubwürdigsten erscheint uns jedoch folgende Überlieferung:
Als die Ritter des Deutschen Ordens zum ersten Mal gegen den einheimischen Stamm der Jatwinger zogen, waren sie gering an Zahl, und so fielen sie alle samt dem Landmeister3 im Kampf mit den Heiden. Da beschlossen vier Ritter – Martin Golin, Konrad Entkin, Jakob Stobemel und Malachias Koblenz –, die getöteten Ordensbrüder zu rächen. Heimlich machten sie sich auf den Weg in das Land Sudauen4, wo sich gerade zu dieser Zeit der ganze Adel der Jatwinger zu einem Gelage versammelt hatte, um den Sieg über die Fremden zu feiern.
Die vier Ritter warteten mit hundert Fußknechten im Wald auf die Nacht, und als die Jatwinger nach dem üppigen Festmahl und reichlichem Trunk in tiefem Schlaf lagen, fiel die Schar unvermutet über sie her, erschlug alle prußischen Edlen – insgesamt dreiundneunzig an der Zahl – und kehrte siegreich und mit großer Beute zurück. Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde im Wald die Säule für die vier Ritterbrüder des Ordens aufgestellt.
Auf der Säule aber kann man eine auf Deutsch geschriebene Widmung in Versen lesen, die uns folgende Geschichte erzählt:
Zwölfhundert und fünfundneunzig – so melden es die Chroniken.
Meinhard von Querfurt5 war damals des Ordens Meister.
Hier im Hain schlafen vier Brüder den ewigen Schlaf,
Heimgekehrt aus Sudauen nach großem, raschem Sieg…
Der tapfere Diwel war unter ihnen und der beharrliche Kobenzel,
Und der mutige Stobemel, Reder, flink mit dem Schwert.
Alle waren dem Orden treu, und den Eid, den sie geschworen,
Bekräftigten sie im Kampf mit dem Feind mit ihrem Blut.
Nahe der Burg Konowedit saßen sie einst beim Mahl,
Als plötzlich aus dem Dickicht Mörder über sie herfielen.
Mit Schwert, Knüppel und Speer wurden alle vier erschlagen,
Und zum Gedenken an jene Helden wurde die Säule in die Erde gesetzt6.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Kaporner Heide (dt. Kaporner Heide) – ein Waldgebiet, das sich von Königsberg (Kaliningrad) bis Fischhausen (Primorsk) erstreckte.
2. Heute die Siedlung namens Alexander Kosmodemjanski.
3. Landmeister – ein hoher Rang im Deutschen Orden.
4. Sudauen oder Sudowien – eine historische Landschaft Preußens. Ursprünglich war sie vom Stamm der Jatwinger (altrussische Bezeichnung der Region – Jatwjagija) oder Sudauer besiedelt – einem altprußischen Stamm, der den Litauern ethnisch nahestand. Sudauen erstreckte sich von den Großen Masurischen Seen bis zu den Flüssen Memel (Neman) und Biebrza. Dieses Gebiet geriet als letztes unter die Herrschaft des Deutschen Ordens (1283) und entzog sich als erstes seiner Kontrolle, als es 1422 an das Großfürstentum Litauen fiel. Heute gehören die nördlichen Gebiete Sudauens zu Litauen, die südlichen zu Polen und die östlichen zu Belarus. Im Gebiet Kaliningrad wird zu Sudauen bedingt sein äußerster Südosten gerechnet, darunter das Gebiet des neu geschaffenen Nationalparks „Wischtynezki“ (Rominter Heide).
5. Hochmeister des Deutschen Ordens war 1291–96 Konrad von Feuchtwangen (Konrad von Feuchtwangen); auf der Säule wurde irrtümlich der preußische Landmeister jener Zeit als Meister bezeichnet.
6.
Zwölfhundertfünfundneunzig — die Chronik nennt dies Jahr
Zur Zeit, als Ordens-Meister Meinhard von Querfurt war,
Da ruhten hier im Haine vier Waffenbrüder aus,
Von Sudau’n siegreich kehrend zurück nach blutgem Strauß.
Da war der wackre Dyvel, der rüstge Kobenzell
Und Stobemehl und Röder, ein mutiger Gesel’.
Die Treue, die dem Orden sie hatten angelobt,
War schon in Gau’n voll Aufstands im Kampfe oft erprobt.
Sie saßen froh beim Mahle, nach Conovedits Schloß,
Da stürzte aus dem Dickicht hervor der Feinde Troß.
Mit Schwert und Spieß und Keule streckt nieder er die Vier.
und zum Gedenk’ der Toten steht diese Säule hier.
7. Viele Jahrhunderte lang waren dieses Denkmal und die nach ihm benannte Schenke ein beliebter Rastplatz der Jäger, denn die umliegenden Wälder, die man Kaporner Heide nannte, waren reich an Wild aller Art.
VERWENDETE LITERATUR
1. Johann Georg Theodor Grässe. Ostpreussische Sagen. Link.
2. Vierbrüdersäule. Wikipedia.de Link.
● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

