Simon Grunau, „Preußische Chronik“ (1520) in 2 Bänden. Band I.
Und der Herzog sprach:
„In namen Gotis amen. Ich, Konrad, Herzog von Masowien, Kujawien und Dobrin, gebe aus freiem Willen und mit Zustimmung meiner Erben dem würdigen Deutschen Orden das Kulmerland zu ewigem Besitz als Stütze beim Schutz des christlichen Volkes vor den Einfällen der prußischen Heiden. Sollten aber die Ritterbrüder die prußischen Lande erobern, so sollen sie mit uns teilen. Sie sollen auch den polnischen Herzögen in ihren Fehden mit den prußischen Heiden jede Unterstützung gewähren, weder mit Wort noch mit Tat gegen die herzoglichen Erben auftreten und Polen in keiner Weise Schaden zufügen.
Darauf gab der Herzog den Brüdern die Hand, ebenso seine Herzogin Agafia, die Söhne Bolesław, Kasimir, Siemowit, und alle hier anwesenden Edlen gaben die Hand. Verfasst, mit Siegeln bekräftigt und mit Gebet dem Heiligen Vater, dem Papst, gesandt.“
Die Brüder sandten diese herzogliche Urkunde dem Hochmeister, Bruder Hermann, und der übergab sie dem Papst. Der Papst aber bestätigte, dass er die Prußen unter die Obhut des Patrimoniums des heiligen Petrus nehme1.
Zu dieser Zeit begann Herzog Konrad von Masowien, an der Weichsel für die Bedürfnisse der Brüder eine befestigte Burg zu bauen, damit sie einen Ort hätten, an dem sie wohnen und vor den Einfällen der Prußen Zuflucht finden könnten. Der Ort, an dem diese Burg gebaut wurde, war nicht zufällig gewählt. Er war den Prußen heilig. Dort stand in einem geweihten Hain eine gewaltige Eiche, eine jener großen Eichen der Prußen, an denen sie ihre Götter verehrten und ihnen Opfer darbrachten.
Diese Eiche war, wie ihre übrigen Schwestern, von unglaublicher Größe, und als Hermann von Balk, der erste Landmeister in Preußen, in dieses Land kam und sie sah, nahm er diese Gegend trotz des verzweifelten Widerstands der Prußen in Besitz.
Und da die Eiche so gewaltig war, ließ der Landmeister sie befestigen, damit sie seinen Leuten als Wachturm, als Thurm2, und als Bollwerk gegen die Heiden diene, die unablässig versuchten, sie zurückzuerobern.
Und so wurde die Burg erbaut: Man nahm große Baumstämme und rammte sie in die Erde, dann umgab man sie mit Mauern auf einer Breite von vier Morgen3 Land, und in der Mitte der Befestigung stand die Eiche. Rings um die Burgmauern wurde ein tiefer Graben ausgehoben, über den Zugbrücken führten, auf denen man in die Burg gelangen konnte. Die Brüder nannten sie Vogelsang, weil sie in einer Waldgegend erbaut war und man von ihr aus die Vögel in den Bäumen singen hören konnte. Und Vogelsang stand an der Stelle, an der später die Burg Thorn4 entstand.
Den Prußen gelang es nie, Vogelsang einzunehmen, obwohl sie die Burg viele Male stürmten und ihre besten Krieger unter ihren Mauern verloren.
Und zur größeren Sicherheit der Brüder ließ der Herzog nebenan, am anderen Ufer der Weichsel, eine weitere Burg bauen und nannte sie Nieszawa5. Diese gab er den Rittern, damit sie bei einem Angriff der Prußen mit Schiffen zur Burg Nieszawa übersetzen und dort Schutz finden könnten. Sie war genauso angelegt wie Vogelsang, und beide waren bereits bis zum Jahr 1231 erbaut.
Zu jener Zeit aber herrschte in Preußen ein großes Sterben, von dem Bischof Christian schreibt: „...die Prußen flohen wie wilde Tiere in die Wälder, und weise Leute sagten, die prußischen heidnischen Götter seien gestorben, und in diese Lande seien die Kreuzritterbrüder gesandt worden, um die Heiden zum wahren Glauben zu bekehren...“.
Später entstand um die Feste Vogelsang eine Stadt, die man nach der Eiche ebenfalls Thurm oder Thorn6 nannte. Allerdings ist das nicht dasselbe Thorn, das wir heute kennen. Das alte Thorn (Alt Thorn) wurde jedes Frühjahr vom Fluss unterspült, und deshalb wurde die Stadt eine Meile weiter vom Wasser weg verlegt, dorthin, wo sich heute das moderne Thorn befindet. Mauerreste des alten Thorn findet man bei Ausgrabungen bis heute. Im Volk glaubt man, dass man dort noch immer Gespenstern begegnen kann, weshalb von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei niemand dorthin geht.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Im Text Simon Grunaus: "und er nam Preussen an wie ein gut vom patrimonio Petri..."
Patrimonium (von lat. patrimoniālis – wörtl. „väterlich“). Das Patrimonium des heiligen Petrus ist die offizielle Bezeichnung des Vatikans, die ihm bei seiner Entstehung im Jahr 756 von Pippin dem Kurzen gegeben wurde.
2. Thurm (dt. Thurm) – deutsch „Turm“.
3. Morgen, Morg (von dt. Morgen) – veraltete Flächeneinheit für Land im mittelalterlichen Westeuropa und insbesondere in Polen-Litauen, die etwa 0,56 Hektar entsprach.
Ursprünglich bezeichnete der Morgen die Fläche, die ein Mensch mit einem Pferd im Gespann während eines Arbeitstages (also vom Morgen bis zum Mittag) pflügen oder mähen kann, und ihre Größe schwankte in Europa je nach Bodenbeschaffenheit, Zugpferden und Werkzeug zwischen 0,33 und 1,07 Hektar.
4. Simon Grunau setzt in der „Preußischen Chronik“ die Festen Vogelsang und Thorn gleich.
5. Nieszawa; Nessau /oder Nissau/, auch Burg Nieszawa.
Bei Simon Grunau steht im Text: Nyeschova, jetzt Dybau genannt; Dybau ist offensichtlich die Burg Dybów.
6. Thorn – heute Toruń (poln. Toruń, dt. Thorn) – eine Stadt im Norden Polens an der Weichsel.
● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

