Braucht sie das?
Ossip Emiljewitsch wird 2016 125 Jahre alt, und die Moskauer Stadtväter zum Beispiel sind, wie üblich, in Betriebsamkeit geraten. Eine solche Straße müsse es auch in der Hauptstadt geben, in Warschau gebe es ja eine. In unserer Stadt ist Mandelstam ebenfalls ein Erinnerungsort, wobei man besser sagen sollte – ein Ort des Vergessens.
Bekannt ist, dass Mandelstam 1910 auf der Durchreise in Eydtkuhnen war (heute die Siedlung Tschernyschewskoje im Rajon Nesterow). Nichts Verwunderliches: Dieses Grenzstädtchen wurde vielen nach dem Bau der Eisenbahn bekannt, die Sankt Petersburg und Berlin verband. Nach den Erinnerungen Georgi Iwanows kam der neunzehnjährige Ossip auf demselben Weg verstimmt in Petersburg an: „In dem in Eydtkuhnen verlorenen Koffer befand sich außer der Zahnbürste und Bergson noch ein zerfleddertes Heft mit Gedichten. Wesentlich war allerdings nur der Verlust der Zahnbürste – sowohl seine Gedichte als auch Bergson* kannte er auswendig …“ In dem den Eydtkuhnern zur Erinnerung hinterlassenen Heft standen die berühmten Zeilen: „Mir ist ein Körper gegeben. Was soll ich mit ihm tun, der so ganz eins ist und so ganz mein? Für die stille Freude, zu atmen und zu leben, wem, sagt mir, soll ich dafür danken?“
Eine Straße zu Ehren Mandelstams in der Siedlung Tschernyschewskoje zu benennen, an der heutigen Grenze zwischen Russland und der Europäischen Union, wäre also ein Akt der Wiederherstellung von Gerechtigkeit: Er hat uns Gedichte gegeben, und wir geben ihm – mit der ganzen Großzügigkeit der russischen Seele – eine ganze Straße.
Doch wie sich herausstellt, verbrachte Mandelstam auch einige Zeit in Königsberg. Die Umstände seines Aufenthalts waren wahrhaft dramatisch. Davon berichten Dokumente aus dem Bestand des Polizeidepartements, die im Staatsarchiv der Russischen Föderation aufbewahrt werden. Im Jubiläumsjahr wurden die Materialien in einer Ausstellung im Staatlichen Literaturmuseum gezeigt.
Am vierzehnten Oktober 1910 registrierte das Polizeidepartement in Petersburg einen Brief von Flora Ossipowna Mandelstam. Madame Mandelstam schrieb Folgendes:
„An Seine Exzellenz den Herrn Direktor des Polizeidepartements
Von der Ehefrau des Petersburger Kaufmanns, Flora Ossipowna Mandelstam
Gesuch
Mein Sohn, Ossip Emiljewitsch Mandelstam, 20 Jahre alt, befindet sich gegenwärtig als schwerer Neurastheniker in einer kritischen Lage in der Stadt Königsberg. Als er im Sommer in einem Sanatorium in Finnland weilte, reiste er auf dem Wasserweg zu mir nach Berlin, wo ich nach einer Operation in einer Klinik lag. Er hatte einen vom Stadthauptmannsamt in St. Petersburg ausgestellten Pass bei sich, der bereits benutzt worden war. Ich kehrte nach Hause zurück und ließ meinen Sohn noch für zwei Wochen im Sanatorium. Nach Ablauf dieser Frist kehrte mein Sohn <unleserlich> nach Petersburg zurück, wurde aber an der Grenze nicht durchgelassen. Infolge seiner schweren Krankheit ist er oft ungewöhnlich verwirrt und zerstreut. Deshalb hat er außer Acht gelassen, was mit dem benutzten Pass geschehen würde.
Von der Grenze kehrte er nach Königsberg zurück, und der Russische Konsul bat das Stadthauptmannsamt per Telegramm, meinem Sohn die Rückkehr nach Russland zu gestatten.
Das Stadthauptmannsamt lehnte ab mit der Begründung, dies stehe nicht in seiner Macht, und verwies mich an das Polizeidepartement.
Ich flehe Eure Exzellenz an, dem Russischen Konsul zu telegrafieren, meinen Sohn mit einem Passierschein durchzulassen. Alle Kosten für den abgelaufenen Pass übernehme ich. Der Aufenthalt meines kranken Sohnes in der Fremde in einem Hotel kann für ihn in einem Unglück und für mich in einem Herzleiden enden, da Aufregungen nach der schweren Operation, die ich überstanden habe, verhängnisvoll sind.
Meine Adresse: Sagorodny 70, Wohnung 26.“
Man muss anerkennen, dass das Polizeidepartement sowohl konstruktiv als auch rasch reagierte: Am 15. Oktober wurde ein Telegramm folgenden Inhalts abgeschickt (Übersetzung aus dem Französischen):
„Königsberg
An den Russischen Konsul
Das Polizeidepartement sieht keine Hindernisse für die Ausstellung einer Bescheinigung zur Rückkehr nach Russland für den schwer kranken russischen Untertanen Ossip Emiljewitsch Mandelstam auf der Grundlage des benutzten, vom Stadthauptmann von Sankt Petersburg ausgestellten Passes, sofern die Identität Mandelstams zweifelsfrei <festgestellt> wird.
Direktor Sujew.“
Happy end: Der ungewöhnlich verwirrte und zerstreute Dichter traf ein zweites Mal am Bahnhof in Eydtkuhnen ein. Heute lässt sich kaum noch feststellen, bei welchem der beiden offiziellen Besuche er den Koffer verlor, doch die Person (im französischen Original begegnet uns das den Kaliningradern wohlbekannte Wort „Identität“, l’identité) des jungen Dichters ließ beim russischen Konsul allem Anschein nach keine Zweifel aufkommen. Wir wissen, wem Mandelstam für die stille Freude, wieder in der Heimat zu leben, hätte danken sollen: Das Konsulamt in Königsberg bekleidete zu jener Zeit Sinowi Michailowitsch Poljanowski**. Dank Poljanowski blieb der Dichter sowohl eine Weile in unserer Stadt als auch fand er glücklich wieder zu seiner Familie zurück. Das Schicksal rächte sich grausam an dem Diplomaten für die Qualen des Dichters: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der russische Konsul in Königsberg verhaftet und dann nach Berlin überstellt. Er verbrachte 14 Monate in Haft und verlor, nach eigenem Bekunden, beinahe den Verstand – wurde aber schließlich doch freigelassen und kehrte wohlbehalten in die Heimat zurück. Mit Poeten scherzt man besser nicht, denn in jedem großen Dichter steckt etwas vom Schöpfer.
Mandelstam wohnte im Herbst 1910 einige Zeit in einem Königsberger Hotel. Das russische Konsulat befand sich in der Münzstraße 18 (das Gebäude im Bereich der heutigen Proletarskaja-Straße ist nicht erhalten).
Der Dichter spazierte wahrscheinlich in der Gegend des Königsberger Schlosses und der Universität, an den Ufern des Schlossteichs. Vielleicht gelangte er bis zum Kneiphof. Hotels gab es in Königsberg mehr als genug, sodass sich der Aufenthaltsort des russischen Dichters bislang nicht genau bestimmen lässt. Deshalb bleibt Mandelstam in Kaliningrad vorerst einfach ein Gemeinplatz der Erinnerung. Doch wer weiß – vielleicht entdecken wir mit der Zeit weitere Zeugnisse, die klären, wo eine Gedenktafel für den zerstreuten und verwirrten Diener der Musen anzubringen wäre?
Vielleicht ist es aber auch gut, dass wir nicht wissen, wo genau der Dichter flanierte, wovon er sich inspirieren ließ, worüber er lächelte. Denn es liegt etwas Totalitäres in unserer Art, das Bild eines Menschen mit einer Gedenktafel an einen bestimmten Ort zu nageln. Wie ein mit einer Nadel durchbohrter Schmetterling oder ein getrocknetes Blatt im Herbarium stutzt die Gedenktafel, die die lebendige Erinnerung bewahren soll, ihr in Wirklichkeit die Flügel.
Wer weiß, ob es dem Bild des Dichters nicht wohler ist, ziellos mit abgelaufenem Pass durch das Palimpsest der alten Stadt zu streifen, ohne Zelt und ohne Tempel für sich zu finden? …
Zehn Jahre nachdem der Dichter in der Fremde der Prüfung durch die Bürokratie unterzogen worden war, schrieb er seine rätselhafte „Schwalbe“.
Ich hab das Wort vergessen, das ich sagen wollte.
Die blinde Schwalbe kehrt zurück ins Schattenreich,
Um mit gestutzten Flügeln mit den Durchsichtigen zu spielen.
Im Vergessen singt man das nächtliche Lied.
Und auf den Lippen brennt, wie schwarzes Eis,
Und quält Erinnerung: Es fehlt das Wort.
Erfinden kann man’s nicht: Es tönt von selbst,
Es schwingt die Glocke nächtlichen Vergessens.
Und wächst ganz langsam, wie ein Zelt, ein Tempel.
Bald wird es jäh zur wahnsinnigen Antigone,
Bald stürzt es tote Schwalbe vor die Füße
Mit stygischer Zärtlichkeit und verpesteter Leidenschaft.
O könnt’ ich doch die Scham der sehenden Finger zurückgewinnen
Und die erhabene Freude des Erkennens.
Ich fürchte so das Schluchzen der Aoniden,
Den Nebel, das Klingen und das Klaffen.
Den Sterblichen ist Macht gegeben, zu lieben und zu erkennen,
Für sie fließt selbst der Klang in ihre Finger.
Doch es vergaß, was ich zu sagen wünsche,
Und der Gedanke kehrt körperlos zurück ins Schattenreich.
Doch nicht davon spricht immerzu die Durchsichtige,
Nur immer Schwalbe, Freundin, Antigone …
Und auf den Lippen brennt, wie schwarzes Eis,
Erinnerung an stygisches Geläut.
Man kann das Wort vergessen, das man sagen will. Man kann einen Koffer mit Zahnbürste und Gedichten vergessen, mit Materie und Gedächtnis.
Doch wenn die Erinnerung uns schon quält und wie schwarzes Eis auf unseren Lippen brennt – ist es dann wirklich so wichtig, ob es eine Gedenktafel für den Dichter in der Stadt geben wird, in der er beinahe den Verstand verlor?
Es will scheinen, als gewinne Proserpina Macht über uns, wenn wir ans westliche Ufer des großen Flusses übersetzen und gehorsam dem hinter den Horizont sinkenden Gestirn folgen. Doch geschieht das nicht schon früher – wenn wir auf der vergeblichen Suche nach Unsterblichkeit beginnen, uns mit unzähligen Tafeln und Monumenten zu umgeben, die uns aufdringlich an ein ganz anderes Los erinnern? …
Wenn wir aus dem langen nächtlichen Vergessen erwachen, horchen wir beunruhigt auf das stygische Geläut – das Echo des Rauschens der Wasser des unterirdischen Flusses, der jeden von uns, den Feinfühligen wie den Gefühllosen, unausweichlich ins Nichtsein trägt. Doch es gibt keinen Grund zur Verzweiflung, solange unser Pass in dieser Welt nicht abgelaufen ist. Solange uns die Macht gegeben ist, zu lieben und zu erkennen.
Wie diese krumme Straße auch heißen mag, es liegt in unserer Macht, zu lieben und zu erkennen, zu erkennen und zu lieben. Uns still darüber zu freuen, dass man atmet und lebt.
Diese erhabene Freude ist vielleicht die beste Art, das Andenken des großen Dichters in der Stadt zu verewigen, in der er vor hundertsechs Jahren zufällig hängen blieb.
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* Henri Bergson (1859–1941) – französischer Philosoph, Vertreter des Intuitionismus und der Lebensphilosophie, Autor des Werks „Materie und Gedächtnis“.
** Eine Auskunft über den Diplomaten S. M. Poljanowski, der in Japan studiert hatte und aus dem russischen Konsulat in Nagasaki nach Königsberg versetzt worden war, findet sich auf der Website der Vertretung des russischen Außenministeriums in Kaliningrad.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

