Die Ähnlichkeit Kaliningrads mit europäischen Städten erschöpft sich wohl allein im Vorhandensein von Schlafstädten. Von einem historischen und einem Finanzzentrum hat hier niemand gehört. Das ist allerdings nicht das Schlimmste. Viel trauriger ist, dass die Stadt kein Herz hat. Wie sie es ohne dieses wichtige Organ bis zu ihrem 70. Geburtstag geschafft hat, weiß Gott allein. Doch Tatsache bleibt: An der Stelle, wo das Herz sein müsste, steht ein riesiges totes Gebäude und blickt mit leeren Fensterhöhlen in die Welt.
Ein Versuch, die Lage zu ändern, wurde vor einem Jahr unternommen, als der internationale Architekturwettbewerb „Herz der Stadt“ stattfand, der über das Schicksal des zentralen Teils von Kaliningrad entscheiden sollte. Daran nahmen mehr als ein Dutzend Architekten aus verschiedenen Ländern teil. Und erstaunlicherweise hielten es fast alle für möglich, das Haus der Räte zu erhalten.
Damit es steht und an die UdSSR erinnert
Schwer zu sagen, warum es so gekommen ist. Man kann natürlich annehmen, dass ihnen dieses höchst zwiespältige Bauwerk einfach gefallen hat. Man kann vermuten, dass die Wettbewerbsteilnehmer mit halbem Ohr gehört hatten, dass das Haus der Räte Eigentümer hat, die sich vorerst nicht davon trennen wollen, und deshalb beschlossen, die Lage nicht zuzuspitzen. Höchstwahrscheinlich aber strebten die ausländischen und auswärtigen Fachleute einfach nach dem Kompromiss, von dem allerlei örtliche Experten vor Beginn des Wettbewerbs so viel geredet hatten.
Man muss dazu sagen, dass sich in Kaliningrad schon seit Langem die vorherrschende Meinung durchgesetzt hat, wenn diese Stadt eine komplizierte, vielschichtige Geschichte habe, dann solle auch ihre Architektur so sein. Es wird gleichsam stillschweigend vorausgesetzt, dass jede Epoche, auch die des Sozialismus, auf dem Schlossberg ihren Niederschlag finden müsse. Und wenn das so ist, dachten die Architekten wohl, dann soll eben das Haus der Räte an die UdSSR erinnern. Wenn es den Kaliningradern schon so teuer ist und es nun einmal da ist.
Die offizielle Position der Wettbewerbsjury brachte ihr Mitglied zum Ausdruck, der bekannte deutsche Architekt Hans Stimmann, der erklärte, dieses Gebäude solle allein deshalb erhalten werden, weil es ein Teil der Stadtgeschichte sei.
Post-Schloss
Das Schloss, das bis 1968 auf dem Schlossberg stand, ist ebenfalls ein Teil der Geschichte. Doch sein Schicksal hat dieser Wettbewerb, anders als das des Hauses der Räte, nicht geklärt. Manche Architekten schlugen vor, es zu belassen, andere hielten es nur für möglich, anzudeuten, dass es einst existiert hatte. So sieht etwa das Konzept des Petersburger Architekturbüros „Studio 44“ (Leitung: Nikita Jawein), das den ersten Platz belegte, an der Stelle des Schlosses einen modernen Bau vor, der in seinen Umrissen nur teilweise an das Königsberger Schloss erinnert. Allerdings erwarteten die Veranstalter des Wettbewerbs von den Teilnehmern auch keine konkreten Architekturentwürfe. Diese sollten ein Gesamtkonzept für das Zentrum Kaliningrads vorschlagen.
Wie der Schlossberg aussehen wird, soll sich nach einem neuen internationalen Architekturwettbewerb zeigen, dessen Vorbereitung bereits auf Hochtouren läuft. Auf der Website des Büros „Herz der Stadt“ ist zu lesen, dass hundert Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern zum Wettbewerb zugelassen sind, darunter so exotische wie Indien, China, Iran, Libanon und die VAE.
Die Teilnehmer sollen eine räumliche Lösung für den „Historisch-kulturellen Regierungskomplex“ vorlegen, der den Arbeitstitel „Post-Schloss“ trägt. Auf seinem Gelände sollen ein Konferenzsaal für 1500 Personen, ein archäologisches Museum und ein Museum zur Geschichte des Schlosses Platz finden.
– Aussehen kann dieser Komplex, wie er will, — erläuterte der Leiter des Büros „Herz der Stadt“, Alexander Popadin, bei einem Treffen mit Kaliningradern im April in der Tschechow-Bibliothek. — Der Fantasie der Künstler sind keine Grenzen gesetzt. Dabei merkte Popadin an, dass es ihm persönlich vernünftig erscheine, wenigstens einen Teil des Schlosses wiederaufzubauen. Zum Beispiel den Westflügel, in dem sich der berühmte „Moskowitersaal“ befand, und die Kirche, in der die preußischen Monarchen gekrönt wurden. Ebenso könnte man seiner Meinung nach den Haberturm auf der anderen Seite des Schlosses rekonstruieren.
Torte mit Kirsche
Was soll man sagen – vor den Wettbewerbsteilnehmern steht eine unglaublich schwierige Aufgabe. Und ich befürchte sehr, dass viele von ihnen bei dem Versuch, sie zu lösen, den schon vor ihnen ausgetretenen Pfad des Kompromisses gehen werden. Das heißt, sie werden versuchen, es so zu machen, dass alle zufrieden sind – sowohl diejenigen, denen das Haus der Räte aus irgendeinem Grund teuer ist, als auch diejenigen, die vom Wiederaufbau des Königsberger Schlosses träumen.
Mir scheint jedoch, dass ein Kompromiss bei Weitem nicht überall angebracht ist. Er ist nötig in der Politik, im Geschäftsleben und schließlich im Familienleben. In der Architektur dagegen schadet er oft nur. Nach Beispielen muss man nicht lange suchen. Sehen Sie sich den Siegesplatz in Kaliningrad an. Dort steht eine große weiße Kirche, die die Herzen der Gläubigen wärmt, dort ragt eine riesige Säule mit einem Orden auf, die den Veteranen lieb und teuer ist, dort gibt es ein modernes Einkaufszentrum für Liebhaber von Shopping und Restaurantbesuchen. Dieses erstaunliche „Gericht“ ist gewürzt mit Springbrunnen für die Kinder, Bänkchen für die Jugend und Blumenkübeln für jene, die es zur Erde zieht …
Man kann sagen, dass der Siegesplatz die Verkörperung eines stadtweiten Konsenses ist. Ein materialisierter Kompromiss. Doch andererseits ist es eine völlig verzweifelte architektonische Kakophonie, in deren stilistischem Mischmasch wohl nur noch ein Lenin-Denkmal fehlt. Schade, dass man es zum „Haus der Künste“ versetzt hat. Die bestehende Komposition hätte es bestimmt nicht verdorben – im Gegenteil, es wäre die Kirsche auf dieser absurden Torte gewesen.
Natürlich kann man in Kaliningrad nicht nur auf dem Siegesplatz einen solchen „Salat“ sehen; bei uns stehen ja allenthalben deutsche Backsteinhäuser neben sowjetischen Gassilikatkästen und modernen Bauten unterschiedlichen „Meisterwerkgrades“. In gewissem Sinne ist unsere Stadt (und nicht nur die Stadt, sondern das ganze Gebiet) ein eigentümliches Reservat architektonischer Kompromisse. Und nun bahnt sich offenbar ein weiterer an. Es kann allerdings gut sein, dass es Kaliningrad diesmal gelingt, ihm glücklich zu entgehen und endlich ein gesundes, nicht von Widersprüchen zerrissenes Herz zu bekommen. Es wäre an der Zeit …
P.S. Dieser Text wurde vor der Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse geschrieben. Leider hat sich der verhaltene Optimismus, der am Ende des Artikels zum Ausdruck kam, nicht bestätigt. Den Wettbewerb (die Ergebnisse wurden am 9. September bekannt gegeben) gewann der kompromissreichste aller Kompromissentwürfe. Sein Autor, der junge Architekt Anton Sagal, schlug vor, sowohl das Haus der Räte stehen zu lassen als auch einige Teile des Schlosses wiederaufzubauen und sie durch Gebäude im modernen Stil zu verbinden.
Kurzum, alle sollen zufrieden sein: die Liebhaber des Alten, diejenigen, denen die Sowjetzeit teuer ist, und diejenigen, denen die Moderne nicht gleichgültig ist. Und doch ist einem um die Stadt irgendwie bange …
Foto: Juri Bardun.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

