/ Kaliningrad

Was ist dir meine Stadt?

Was ist dir meine Stadt?

Wir verraten wohl kein Geheimnis: Der überwältigenden Mehrheit derer, die nie in Kaliningrad waren, erscheint die Stadt anders, als sie in Wirklichkeit ist.

Manche stellen sie sich bis ins letzte Kopfsteinpflaster deutsch vor, andere sind überzeugt, dass von der einstigen Pracht des in Vergessenheit geratenen Königsberg längst nichts mehr übrig ist. Es gibt auch solche, die glauben, die Stadt sei bis heute gesperrt und nicht nur für Gäste aus anderen Ländern, sondern auch für Bürger Russlands schwer zu erreichen. Und dann gibt es noch diejenigen, die fest davon überzeugt sind, dass die Nachbarschaft zu Europa Kaliningrad nicht bloß zu einer besonderen, von allen Seiten von anderen Staaten eingezwängten Stadt macht, sondern zu einer, die nach ganz eigenen Gesetzen lebt. Beim Äußern ihrer Vermutungen fügen sie gern hinzu: „Habt ihr euch da noch nicht als Staat Kaliningradien abgespalten?“ Und bezeichnenderweise sind es gerade diejenigen, die nie in Kaliningrad waren, die gern über eine „Abspaltung“ räsonieren. Solche Passagen zu veröffentlichen, haben wir uns aus bekannten Gründen leider nicht getraut. Um zu verstehen, wie die uns so liebe Exklave von außen wirkt, haben wir unseren Gesprächspartnern eine einfache Frage gestellt: „Wie stellen Sie sich Kaliningrad vor?“ Außerdem haben wir sie gebeten, nicht in Wikipedia nachzusehen und sich nicht zu scheuen (der Reinheit des Experiments zuliebe!), alles aufzuschreiben, was ihnen in den Sinn kommt.


Zu Kaliningrad würde eher Sokurows „Faust“ passen


Alexander Akulinitschew,

Journalist (Wolgograd, Russland)

Mein Wissen über diese Stadt beschränkt sich im Großen und Ganzen auf zwei Namen: Kant und Euler. Doch als Einwohner von Wolgograd, mit dem kein einziger Name von auch nur annähernd vergleichbarem Rang verbunden ist, beneide ich die Kaliningrader im guten Sinne darum, dass sie das Grab des großen Philosophen besuchen und ungefähr dieselbe Route gehen können wie der große Mathematiker (auch wenn sie dabei zweimal über dieselbe Brücke müssen – soweit ich weiß, ist der älteste Teil der Stadt im Großen und Ganzen so geblieben wie im 18. Jahrhundert?). Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis von Kaliningrad spricht, stelle ich mir eine Stadt mit schöner, aber nicht allzu prunkvoller deutscher Architektur vor – allerdings eine heruntergekommene, ungepflegte und stellenweise düstere Stadt, etwa wie Wyborg. Kaliningrad, Wyborg und vielleicht Iwangorod – das sind die am wenigsten russischen Orte Russlands, solche Assoziationen habe ich. In Kaliningrad könnte man wohl, wenn man wollte, einen historischen Film mit typischer Kulisse drehen – so wie man in Riga „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“ und „Sherlock Holmes“ gedreht hat, nur würde zu Kaliningrad meiner Vorstellung nach wiederum eher Sokurows „Faust“ passen. Die Geschichte ist in dieser Stadt, entgegen der Metapher, nicht erstarrt, nicht eingefroren, sondern lebendig und gequält – und deshalb vielleicht umso anziehender. Ich fürchte, dass von der Geschichte mit der Zeit immer weniger übrig bleibt und Kaliningrad immer mehr Hunderten anderer russischer Städte ähnelt – man sollte es also besuchen, bevor alles noch nicht Verlorene verloren geht. Gehört habe ich auch von der Kurischen Nehrung – dort soll es außergewöhnlich schön sein – und von der Fülle an Bernsteinwaren, aber diese Sehenswürdigkeiten werden, wie mir scheint, die unsichtbaren Spuren der beiden großen Stadtbewohner nicht überstrahlen.


Mir scheint, in diese Stadt kann man sogar in den Urlaub fahren


Anastassija Gilmor,

Fotografin (Perm, Russland)

Ich stelle mir Kaliningrad gemütlich und sonnig vor, mit einer Menge interessanter Sehenswürdigkeiten. Bestimmt findet man dort ein nettes Plätzchen für ruhige Spaziergänge. Ich glaube, dass diese Stadt viele historische Rätsel und Geheimnisse birgt. Mir scheint, man kann dort sogar in den Urlaub fahren, denn ich weiß, dass sie weit weg von unserem rauen Ural liegt. Spaß beiseite: Sie liegt nahe an Europa, und wahrscheinlich spürt man dort schon seinen unverwechselbaren Geist.


Kaliningrad weckt viel mehr Interesse als viele andere russische Städte


Alexander Meleschenko,

Journalist (Moskau, Russland)

In Kaliningrad war ich nie, aber Vorstellungen davon habe ich trotzdem mehr als etwa von Brjansk oder Archangelsk. Die beiden Letzteren könnte ich höchstens auf der Karte finden. Kaliningrad dagegen ist vor allem eine Enklave (Exklave – Anm. d. Red.). Daraus ergeben sich zwei einander überschneidende Urteile. Einerseits eine Stadt mit deutscher Geschichte und entsprechender Architektur. Sie müsste eigentlich schön sein, sogar majestätisch und gemütlich. Andererseits konnte die raue sowjetische und russische Wirklichkeit nicht spurlos an ihr vorübergehen, und so stehen die erhaltenen Baudenkmäler sicher neben tristen fünfstöckigen Plattenbauten, stellenweise kaputten Straßen und mangelhafter Stadtgestaltung. Ungefähr dasselbe fällt mir übrigens auch zum gesamten Kaliningrader Gebiet ein. Noch eine Assoziation – die Nähe zu Europa. Wahrscheinlich sind die Kaliningrader viel öfter im Baltikum und in Polen als ihre Landsleute aus anderen Regionen. Das ist wohl alles. Mir kommen noch die Wörter „Kant“ und „Kurische Nehrung“ in den Sinn, aber sie mit der Stadt in Verbindung zu bringen, ohne mich zu blamieren, schaffe ich nur mit Hilfe von Wikipedia. Übrigens würde ich persönlich gern einmal nach Kaliningrad fahren, die Stadt weckt viel mehr Interesse als viele andere russische Städte.


Sozialistischer Realismus steht niemandem besonders gut


Oleg Wladimirow,

Journalist (Minsk, Belarus)

Kaliningrad war einst die prußische Burgstätte Twangste (so heißt sie, glaube ich), dann kamen die Deutschordensritter, und es wurde Königsberg. Kirche, Küche, Kant. Dann kam der Krieg, die alte Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht (fast), und Kaliningrad entstand. Sozialistischer Realismus steht niemandem besonders gut, aber die Reste einstiger Pracht plus der Wunsch, ein echtes Europa zu werden, wirken Wunder. Heute ist Kaliningrad, glaube ich, zumindest interessant. Und außerdem lebt dort Grischkowez.


Vielleicht gibt es in Kaliningrad bis heute viele Ausländer


Wenera Gimadijewa,

Solistin des Opernensembles des Bolschoi-Theaters (Moskau, Russland)

Über Kaliningrad weiß ich sehr wenig. Man kann sagen, fast nichts. Ich weiß, dass es früher Königsberg war (davon hat mir die Schwester meiner Großmutter erzählt, die nach dem Krieg zum Arbeiten dorthin geschickt wurde), dass dort früher Deutsche lebten (vielleicht gibt es dort bis heute viele Ausländer). Gerade deshalb stelle ich mir diese Stadt als eine Synthese aus Russischem und Europäischem vor. Ich stelle mir Kaliningrad mit alten Häusern im deutschen Stil vor, mit Kopfsteinpflaster in stillen Gassen. Wahrscheinlich gibt es auch Architektur, die von der Sowjetzeit geprägt ist. Die Stadt erscheint mir sehr frisch und hell, mit vielen Parks und Grünanlagen und wahrscheinlich mit einer recht entwickelten Industrie.


Mir scheint, die Stadt erinnert an eine Festung


Aljona Malinka,

Übersetzerin, Dozentin an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (Sankt Petersburg, Russland)

Offen gesagt habe ich zu meiner Schande wenig über Kaliningrad gehört und gelesen, deshalb schreibe ich nur meine Assoziationen auf. Kaliningrad sehe ich als eine nicht sehr große Stadt mit gepflasterten Straßen und europäischer, aber auf russische Art vernachlässigter Architektur mit abbröckelndem Putz. Außerdem scheint mir, dass sie voller großer, grüner, weit verzweigter Bäume und halbwilder Parks ist. Wenn es um Assoziationen geht, fällt mir aus irgendeinem Grund zuerst eine Farbe ein. Rot, die Farbe von Ziegeln. Und Grau – die Farbe von Stein. Und dazu der Geruch von Stein und Bäumen. Überhaupt scheint mir, dass die Stadt eher einer Festung gleicht – irgendwie musste sie sich ja gegen ihre Nachbarn abschirmen, gute wie böse. Damals wie heute.


Die Hoffnung, dass die Stadt eines Tages umbenannt wird

Leonid Klein,

Philologe, Dozent, Publizist und Radiomoderator (Moskau, Russland)

Das Grab Kants. Eine westliche, deutsche Stadt. Abgeschnitten vom Festland. Eine Stadt, die blühen könnte, wäre da nicht die Sowjetmacht gewesen. Fantasien von kleinen, preiswerten und gemütlichen Hotels. Ein offenes, drohendes, dunkles, echtes Meer. Die Hoffnung, dass die Stadt eines Tages umbenannt wird.


In Kaliningrad gibt es viel Märchenhaftes und architektonisch Ungewohntes


Anna Bogdewitsch,

Journalistin (Surgut, Russland)

Es ist natürlich schwierig, sich eine Stadt vorzustellen, von der man überhaupt nichts weiß. Mir erscheint sie aus irgendeinem Grund dem Baltikum ähnlich. Das heißt, ich bin fast überzeugt, dass es dort sehr viel Märchenhaftes und für das Auge des russischen Durchschnittsbürgers architektonisch Ungewohntes gibt. Wie zum Beispiel in Riga. Überhaupt ist für russische Städte ein eklektischer Stadtraum typisch, aber es ist eine Sache, wenn etwa das Dorf Surgut erst Phasen sowjetischer Typenbebauung und dann den finanziellen Wohlstand der 2000er-Jahre erlebt hat. Und eine ganz andere Sache ist Kaliningrad, aus dem sich schwer eine typische russische Stadt machen lässt, weil es einmal Königsberg war. Aber der Hauptunterschied zwischen dieser Stadt und allen anderen Städten Russlands liegt, glaube ich, in ihren Bewohnern. Die Kaliningrader sind, scheint mir, mehr Europäer als Russen. Und das, obwohl sie, nach den Nachrichten aus Ihrer Region zu urteilen, täglich kopfüber in die russische Wirklichkeit eintauchen.


Eine Stadt mit ausgeprägter Kultur der Erziehung


Alexej Fomin,

Direktor der Udmurtischen Staatlichen Philharmonie (Ischewsk, Russland)

Ich weiß sehr wenig über Kaliningrad, deshalb bringe ich, wenn ich ehrlich bin und nicht im Internet nach Informationen über die Stadt suche, nur Assoziationen für ein paar Sätze zusammen. Mir scheint, das ist eine Stadt mit einer ausgeprägten Kultur der Erziehung. Eine Stadt mit europäischer Architektur, die den kleinen Menschen mit ihrer Erhabenheit erschauern lässt.


Es sind deutsche Viertel mit Häuschen mit spitzen Dächern geblieben

Wadim Demidow,

Schriftsteller, Dichter, Musiker und Journalist (Nischni Nowgorod, Russland)

Mein ganzes Wissen über Kaliningrad stammt wohl aus dem Blog von Jewgeni Grischkowez, den ich vor drei, vier Jahren regelmäßig gelesen habe. Dass es bei euch manchmal Orkane gibt, dass der September der wärmste Monat ist, dass Schwäne fliegen, dass die Stadt überhaupt hell und fröhlich ist. Dann wieder der Hafen – also das Meer, Strände. Von mir aus denke ich mir dazu, dass bei euch deutsche Viertel mit Häuschen mit spitzen Dächern geblieben sind, manche sogar mit Türmchen. Und dass man dort abends herrlich spazieren gehen kann.


Hier trifft man bedächtige, besonnene Balten, pedantische Deutsche und Russen mit ihrer überschäumenden Seele

Swetlana Daruda,

Umweltingenieurin (Chust, Ukraine)

Über Kaliningrad weiß ich nur aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht in der Schule. Diese Stadt ist das Bezirkszentrum eines der Gebiete Russlands, das getrennt von allen anderen Regionen des Landes liegt und von allen Seiten von Litauen und Polen umgeben ist. Eindeutig ist es eine internationale Stadt, in der man bedächtige, besonnene Balten (Litauer, Letten, Esten), pedantische Deutsche und Russen mit ihrer überschäumenden Seele trifft. Und wenn man in Assoziationen spricht, dann ist Kaliningrad groß, industriell, maritim, historisch interessant, reich, stolz und unabhängig.


Sie rissen in der örtlichen Kirche die roten Vorhänge herunter, um sich daraus Röcke zu nähen

Alexander Djomtschenko,

Dramatiker, Journalist (Kursk, Russland)

Kaliningrad stelle ich mir als Stadt europäischen Typs vor. Es ist eine schöne Stadt mit einzigartiger Architektur, die mir fremd vorkommt – es ist eben doch Europa. Außerdem musste ich aus irgendeinem Grund an den Großen Vaterländischen Krieg denken und an die Erzählung einer Frontkämpferin, wie sie in der örtlichen Kirche rote Vorhänge oder so etwas heruntergerissen haben, um sich daraus Röcke zu nähen.


Die Rundungen von Burgtürmen und die spitzen Winkel von Häusern mit den „Adern“ ihrer Holzbalken

Boris Jegorow,

Produzent von BalconyTV Kostroma (Kostroma, Russland)

Wenn ich versuche, mir vorzustellen, wie Kaliningrad aussehen könnte, würde ich mich an Erinnerungen an Städte halten, in denen ich war und in denen ich nicht war. Für mich gleicht Kaliningrad eher irgendeiner großen Stadt im baltischen Raum. Mir fallen die farbigen „Stereo-Dias“ ein, die mein Vater Anfang der 80er-Jahre als Souvenir aus Riga mitgebracht hat (unsere Familie hat nicht fotografiert, deshalb gab es bei uns zu Hause keinen eigenen Fotoapparat). Aus eigener Erfahrung habe ich nur eine Reise nach Dänemark Ende der 90er-Jahre, deshalb liefert auch die Nähe Kopenhagens zum Wasser Assoziationen. Breite Straßen, schmale Straßen. Kopfsteinpflaster. Moderne Architektur der Neubauviertel und „das alte Europa“. Die Rundungen von Burgtürmen, gerade Linien und spitze Winkel von Häusern mit den „Adern“ ihrer Holzbalken. Eine Farbpalette aus nachgedunkeltem rotem Ziegel, gelblicher Tünche und grünen Alleen.


Die für die Veröffentlichung verwendeten Fotos stammen aus den Privatarchiven der Befragten.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.